Ein Plädoyer für die übersetzte phantastische Kurzgeschichte

Ich bin jetzt selbst nicht der größte Kurzgeschichtenleser vor der Herrin, aber trotzdem weiß ich anspruchsvolle, originelle und mitreißende Kurzgeschichten sehr zu schätzen. Für deutschsprachige phantastische Kurzgeschichten gibt es vielfältige Veröffentlichungsmöglichkeiten in Magazinen wie Nova, Zwielicht, der CT z. B. oder in den unzähligen Anthologien, die jährlich in deutschen Kleinverlagen wie pmachinery oder Begedia erscheinen.

Für Kurzgeschichten aus anderen Sprachen sieht es da eher schlecht aus. Im Januar habe ich eine von Lavie Tidhar übersetzt, die im Magazin Phantastisch in der Aprilausgabe erscheinen wird. Das Problem: die Phantastisch konzentriert sich vor allem auf Sachartikel und Interviews, so dass für eine Kurzgeschichte wenig Platz bleibt, sie sollten in der Originalfassung nicht länger als maximal 1.400 Wörter sein. Und wie ich in den letzten Tagen feststellen musste, ist es gar nicht so einfach, so kurze Kurzgeschichten zu finden.

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Im Dezember habe ich eine großartige Kurzgeschichte von Aliette der Bodard übersetzt, die in der nächsten Ausgabe des Magazins Phase X erscheinen wird. Vor einigen Jahren schon einmal für das gleiche Magazin die tolle Kg Im Angesicht Gottes fliegen von Nina Allan. Diese beiden Kurzgeschichten sind literarisch das Beste, was ich bisher übersetzen durfte. Ich fand es großartig, dass ich die Möglichkeit bekam, diese beiden Geschichten zu übersetzen, aber es ist eigentlich auch eine Schande, da sie kaum jemand lesen wird. Wer kennt schon Phase X (no offense), und vor allem wer liest es. Ich vermute mal frei aus der Luft heraus gegriffen, dass von den letzten beiden Ausgaben, nicht mehr als je 50 Exemplare verkauft wurden (Guido möge mich eines Besseren belehren 🙂 ). Phase X erscheint zu unregelmäßig und ist thematisch zu breit gefächert. Auch hier dominieren die Sachartikel.

Was fehlt ist ein deutsches Magazin oder ein Jahrbuch, das regelmäßig ausschließlich phantastische Kurzgeschichten in deutscher Übersetzung veröffentlicht. So etwas gab es mal mit dem Heyne Science Fiction Jahresband. Der meines Wissens im Jahr 2000 das letzte Mal erschienen ist.

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Warum? Weil kein Mensch Kurzgeschichten liest! Bis auf Kurzgeschichtenautoren (wenn überhaupt). So zumindest die landläufige Meinung. Und Kurzgeschichtenanthologien haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten offenbar nicht so gut verkauft.

Ein kurzer Einschub:

Kurzgeschichtenband = Kurzgeschichtensammlung eines einzigen Autors.
Kurzgeschichtenanthologie = Kurzgeschichtensammlung mit mehreren Autoren.

Kurzgeschichtenbände funktionieren von Zeit zu Zeit noch, die beiden von Ted Chiang laufen sehr gut. Und der Verlag bringt auch weiterhin fleißig neue raus, wie z. B. von Geof Rymann und Kij Johnson. Bei Heyne erscheinen zumindest einige Klassiker wie z. B. von Phillip K. Dick, Robert Scheckley oder Cordwainer Smith.

Aber muss man immer warten, bis eine Autorin genügend Geschichten für einen ganzen Band zusammen hat und Klassiker-Status genießt? Kann man die nicht zeitnah bringen?

Im englischsprachigen Raum gibt es zahlreiche Kurzgeschichtenmagazine, wie z. B. Interzone, Clarkesworld, Strange Horizons, F&SF, Analog uvm. Wobei einige nur online erscheinen und teilweise auch Sachtexte enthalten, aber alle veröffentlichen im Jahr eine nicht unbeträchtliche Zahl an teils hervorragenden phantastischen Kurzgeschichten bekannter und weniger bekannter Autorinnen und Autoren.

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Das ist aber noch nicht alles. Die besten dieser Geschichte erscheinen einmal im Jahr in verschiedenen Jahresanthologien wie z. B. The Year’s Best Science Fiction von Gardner Dozois, The Best Science Fiction and Fantasy of the Year von Jonathan Strahan und The Best Horror of the Year von Ellen Datlow (so ähnlich wie Michael Schmidt es mit deutschsprachigen Horrorgeschichten in Zwiellicht Classic versucht)..

Ob das wirklich die besten Kurzgeschichten des Jahres sind, ist sicher diskussionswürdig, aber zumindest erhält man in diesen Anthologien geballte phantastische Kurzgeschichtenqualität. Also das, was Wolfgang Jeschke auch bei Heyne bis 2000 rausgegeben hat.

Während der phantastische Buchmarkt immer noch zu einem großen Teil (wenn auch nicht mehr so wie früher) im Romanbereich von englischsprachigen AutorInnen dominiert wird, sind Freunde der gepflegten Kurzgeschichte auf deutschsprachige Autoren (die sicher nicht schlecht sind) oder auf die Originalfassung angewiesen.

Eine Schande. Denn während sich viele Autorinnen in der Langform noch teilweise (aus Gründen der Verkäuflichkeit) an Genrekonventionen, Lesegeschmäcke und Vorgaben der Verlage halten, lassen sie in der Kurzform ihrer Kreativität und Experimentierfreude freien Lauf. Und gerade diese phantastischen Perlen werden dem deutschen Buchmarkt (immerhin der größte nach dem englischsprachigen) vorenthalten.

Zeit, dass sich das ändert!

Das Problem:

Für große Verlage wie Heyne lohnen sich die Verkaufszahlen von Kurzgeschichtenanthologien nicht. Unter Wolfgang Jeschke war dies wohl noch möglich, weil er die Bände quer finanzieren konnte, was heute wohl nicht mehr so einfach möglich ist.

Und kleine Verlage können sich die Übersetzungen nicht leisten. Golkonda ist gut genug in der Branche vernetzt, um Leute zu finden, die die schmalen Kurzgeschichtenbände mit 100 bis 300 Seiten für wenig bis gar nichts übersetzen. Bei den anderen Kleinverlagen sieht es da schon schwieriger aus, die konzentrieren sich auch lieber auf die deutschen Autoren.

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Was kann man tun?

Meiner Meinung nach wäre so ein Projekt mit den besten internationalen oder zumindest englischsprachigen phantastischen Kurzgeschichten in einem Jahresband ideal für das 2016 neu startende Science Fiction, Fantasy und Horror-Programm von Fischer Tor. Das wird natürlich kein Buch werden, das hohe Verkaufszahlen einbringt, aber es würde einiges an Prestige bringen, und das ambitionierte Programm, an das man ja mit einigem Anspruch herangeht, abrunden und sich von den Einheitsbreiprogrammen der anderen Publikumsverlage abheben. Also Hannes, wie sieht es aus? 😉

Die Alternative wäre, einen Kleinverlag suchen, der das Risiko eingehen würde. Schwierig würde es werden, genügend ÜbersetzerInnen zu finden. Ansonsten könnte man es noch mit Crowdfounding versuchen, wobei ich die Erfolgsaussichten dabei sehr gering einschätze.

Andreas Eschbach hatte mal mit Eine Trillion Euro europäische Kurzgeschichten in einer ambitionierten Anthologie bei Bastei/Lübbe herausgebracht. Äußerte aber im Nachhinein, dass er so etwas nie wieder machen würde. Dass es ihm trotz aller Anstrengungen und Hindernisse gelungen ist, hängt sicher auch mit seinem bekannten Namen zusammen.

Hier bräuchte es jemanden, der sowohl in der Phantastikszene als auch in der Buchbranche gut vernetzt ist, um ein solches Projekt zu stemmen. Beides bin ich nicht. Und ich bin auch kein Macher. Ich bin höchstens ein Mitmacher, aber keiner, der so etwas auf eigenen Schultern trägt. Dazu bin ich zu wenig Netzwerker.

Für ein solches Projekt muss man brennen, man muss Mitstreiter werben können und mit seinem Enthusiasmus anstecken können. Gleichzeitig muss man die Zahlen im Auge behalten, einen Blick dafür haben, was realistisch ist und was Wunschdenken.

Aber trotz aller Bedenken bin ich der Meinung, dass es an der Zeit ist, es noch einmal mit einem solchen Projekt zu versuchen. 15 Jahre sind seit der Einstellung des Heyne Science Fiction Jahresband vergangen. Zwischenzeitlich hatte man mit Pandora versucht, anspruchsvolle internationale Kurzgeschichten und Sachartikel auf hohem Niveau in einem regelmäßig erscheinenden Band zu veröffentlichen. Leider wurde das Projekt nach vier Bänden eingestellt. Ich würde es aber auch mit einem rein aus Kurzgeschichten bestehenden Band versuchen, damit nicht jene abgeschreckt werden, die sich für Artikel nicht interessieren.

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Was müsste man dafür tun?

Man müsste natürlich den englischsprachigen Kurzgeschichtenmarkt (eine andere Sprache beherrsche ich nicht ausreichend) im Auge behalten. Wenn man nicht jedes Magazin mit jeder Ausgabe lesen möchte, ist das Locus-Magazin mit seinen monatlichen Kurzgeschichtenbesprechungen ein guter Anhaltspunkt. Und natürlich die schon oben erwähnten Jahresanthologien.

Man müsste genügend ÜbersetzerInnen bei der Hand haben, die bereit sind, für wenig bis gar kein Honorar zu übersetzen. Was bei einer Printerscheinung sicher noch einfacher ist, als bei einer reinen Online- oder E-Book-Publikation.

Man müsste einen guten Grafiker für das Titelbild kennen. Lektorinnen und Korrekturleser. Jemanden, der den Satz macht. Jemanden, der den Umschlag gestaltet.

Würde ich so etwas machen, ich hätte den Anspruch, dass es ungefähr den Standard von dem entspricht, was Golkonda veröffentlicht. Denn wenn man so etwas schon in Angriff nimmt, dann sollte man es auch richtig machen.

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Ich vermute, dass man an die Rechte für die Kurzgeschichten in den meisten Fällen recht günstig herankommt. Für jene Autoren, die schon Romane auf Deutsch veröffentlichen, ist es gute Werbung. Für jene, die noch nicht auf Deutsch veröffentlicht wurden, eine gute Möglichkeit, Aufmerksamkeit (für ihre Romane) zu erregen.

Und warum nicht mal einen Band mit den berühmtesten bzw. besten Kurzgeschichten aller Zeiten? Alle jene Geschichten, die im Staub vergangener Jahrzehnte versunken sind. Die man sich mühsam aus den einzelnen Kurzgeschichtenbänden der Autoren zusammensuchen muss.

Mit den neuen Phantastikprogrammen von Knaur und Fischer Tor soll im nächsten Jahr ein frischer Wind auf dem phantastischen Buchmarkt wehen. Ich habe einen gewissen Einblick in das erhalten, was man bei Fischer plant – Klassiker ebenso wie aufregende Neuerscheinungen. Das wäre doch auch eine gute Gelegenheit, einige kurze, kräftige Böen in Kurzgeschichtenform auf den Markt zu bringen, um die ganze Bandbreite des Genres abzudecken. Dabei geht es mir nicht darum, den deutschsprachigen Kurzgeschichten ihre Nische abzugraben, sondern das Genre zu bereichern. Eine Anthologie pro Jahr würde sicher niemandem weh tun.

Nachtrag: Von einem aufmerksamen Leser wurde ich darauf hingewiesen, dass Golkonda tatsächlich eine Art Best-of von SF-Geschichten plant:

Science Fiction Hall of Fame 1

Herausgegeben von Robert Silverberg

Die erste Hälfte dieser legendären Anthologie umfasst die besten SF-Erzählungen aus den Jahren 1934 bis 1948. Dabei reicht das Spektrum von Highlights der 1930er Jahre (Stanley G. Weinbaum, John W. Campbell) bis zu den maßgeblichen Meisterwerken der 1940er Jahre (Robert A. Heinlein, Isaac Asimov). Jede einzelne dieser Geschichten ist ein Juwel, das bis heute nichts von seinem Glanz verloren hat.

Quelle: http://golkonda-verlag.de/cms/front_content.php?idart=608

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Quo Vadis Phantastikportale – Das Fandom im Wandel?

Sparflamme – Wer sich für interessante und gute Fantasy interessiert, kommt an der Bibliotheka Phantastika kaum vorbei. Seit vielen Jahren versorgt dieses Portal gierige Fantasten mit Informationen über geeigneten Lesestoff. Dazu kommt noch eines der größten und beliebtesten Fantasyforen in deutscher Sprache. Doch wer in den letzten Jahren noch in Foren und im Netz generell unterwegs war, wird bemerkt haben, dass sich die Gewichtungen in Richtung sozialer Netzwerke wie Facebook und individueller Bücherblogs verschoben haben.

Beim Fantasyguide waren wir z. B. zeitweilig bis zu 30 Redakteure, die fast täglich für neue Rezensionen, Artikel und Interviews gesorgt haben. Inzwischen ist diese Zahl auf eine Handvoll Mitstreiter gesunken. Und gäbe es nicht Einzelne, die einen Großteil der Arbeit auf sich nehme würde, gäbe es uns vermutlich schon längst nicht mehr.

Auch auf der Bibliotheka Phanatstika macht sich diese Entwicklung bemerkbar. Die letzten beiden verbleibenden tapferen Streiter für das Gute, Schöne und Phantastische wenden sich jetzt direkt an Ihre Leserinnen, gehen darauf ein und verkünden, dass es demnächst deutlich ruhiger auf dem Portal zu gehen werde.

Im Forum ist mir auch schon aufgefallen, dass da immer weniger los ist, und viele sonst so aktive Foristen einfach verschwunden sind. Ist die Zeit der Foren und Portal ein der Phantastik vorbei?

Wie Gero und Mistkaeferls richtig anmerken, gelingt es im englischsprachigen Raum Portalen wie Tor.com, Io9 und SF-Signal viele erfolgreiche Blogger an sich zu binden. In Deutschland hat Heyne mit diezukunft.de ein ähnliches Projekt gestartet. Ich vermute der Unterschied liegt darin, dass solche Portale in der Lage sind, ihren Redakteuren ein Honorar für ihre Beiträge zu zahlen, wenn auch vermutlich nicht viel.

Ich fände es schade, wenn die letzten großen Phantastikportale im deutschsprachigen Raum von der Bildfläche verschwinden würden. Obwohl ich ja selbst fleißiger Blogger und Eigenbrötler bin, lese ich nur eine Handvoll Blogs regelmäßig. Mir ist das einfach zu weit verstreut. Da habe ich lieber ein paar wenige Ressourcen/Seiten, auf denen ich mich über Phantastik informiere. Zumal es in deutschsprachigen Raum auch keine wirklich bekannten Phantastikblogs gibt, wie z. B. die Wertzone oder Pat’s Fantasy Hotlist in den USA (wobei die beiden in den letzten 2 Jahren auch nicht mehr so aktiv waren).

Kommerzielle Projekte wie die Phantastik-Couch, die von einer GmbH betrieben wird, die noch andere ähnliche Seiten unterhält, scheinen auch keine Lösung zu sein. Da läuft es seit einem Jahr anscheinend auch nicht mehr wirklich rund. Die Ausgaben erscheinen nur noch sporadisch, die Auswahl ist zu sehr auf die großen Verlage beschränkt, die Anzeigen ähneln optisch zu sehr den Artikeln und mit den LeserInnen Wird im Forum auch nicht mehr kommuniziert.

Fictionfantasy setzt inzwischen darauf, Artikel von Bloggerinnen einzubinden, die auch auf deren Blogs erscheinen. Nur bei Phantastik-News gibt es noch regelmäßige News und Rezensionen, aber auch nicht mehr so viel wie früher. Fantasybuch.de ist auch noch recht aktiv. Josefsons SF und F Rundschau ist weiterhin eine feste Bank, aber, obwohl sie auf dem Internetauftritt einer großen Zeitung erscheint, auch nur das Projekt eines einsamen Wolfes.

Wenn man auf Fantasycons wie den Bucon geht oder die Leipziger Buchmesse, sieht man, dass es immer noch eine große aktive Schar an Fantasyfans gibt. Aber sie sind anscheinend nicht in den alten Genre- und Fandomstrukturen aktiv. Das Fandom befindet sich seit einigen Jahren im Wandel. Wohin es geht, weiß ich nicht, aber ich bin gespannt.

 

Nachtrag (11.02): Ein aufmerksamer und geschätzter Sprachnörgler hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Überschrift eigentlich „Quo vaderis, Phantastikportale?“ heißen müsste. Tja, was soll ich sagen, ich gehörte in der Schule zur Französischfraktion* und habe mit Latein nichts am Hut, was mich aber nicht davon abhielt, in dieser Sprach rumzufuschen, da ich eine kurze, knackige Überschrift gesucht habe. 🙂

 

*nicht, dass ich Französsisch heute besser könnte, als Latein 😉

Wo man mich trifft: Bucon 2014

Wie jedes Jahr seit ca. 10 Jahren wird man mich am Oktoberwochende um den 12. herum (mein Geburtstag) in Dreieich-Sprendlingen auf dem Buchmesse Con kurz Bucon treffen – genauer gesagt am Samstag den 11.12. 2014. Hier kommen jedes Jahr parallel zur Frankfurter Buchmesse um die 300 Freunde und Freundinnen der Phantastik zusammen. Leute, mit denen man sonst das ganze Jahr übers Internet Kontakt hat. Besonders freue ich mich auf molosovky, Frank Böhmert, Gerd Rottenecker, Simone Heller, Holger M. Pohl, Torsten Scheib und Michael Schmidt, aber auch auf viele andere und einige, die ich bisher noch nicht persönlich kennen gelernt habe.

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Hier sieht man mich auf dem Bucon 2013. Die Haare sind momentan etwas länger, der Bart noch nicht so voll.

Neben dem Zusammentreffen des Fandoms gibt es aber auch reichlich Programm. Vor allem Fantasylesungen, unter anderem mit Autoren wie Wolfgang Hohlbein, Markus Heitz, Bernhard Hennen, Robert Corvus, Thomas Finn, Michael Peinkofer, Bernd Perplies, T.S. Orgel Ju Honisch, Chris Schlicht und einem gewissen Perry Rhodan, der als einsamer Streiter die Fahne für die Science Fiction hochhält. Hier gibt es das komplette Programm.

Da ich Lesungen in der Regel ziemlich langweilig finde und es in diesem Jahr leider keine interessanten Vorträge oder gar eine Podiumsdiskussion (was ist eigentlich daraus geworden?) gibt, wird man mich die meiste Zeit an einem der Tische im Hauptsaal antreffen, wo ich hoffentlich wieder viele interessante Gespräche führen und das gastronomische Abenteuer der Bürgerhalle hoffentlich unbeschadet überstehen werde.

Um 19.00 Uhr wird dann wieder der Deutsche Phantastikpreis (DPP) verliehen werden (leider ohne diesjährige Präsenz des Phantastikurgesteins und Tentakelkaisers Dirk van den Boom, dem es im Kosovo anscheinend besser gefällt, als im Kreise seiner zahlenden Kundschaft).

Wer mich bisher nur aus diesem Blog oder sonst wo im Internet kennt, aber nicht persönlich, und auf dem Bucon anwesend ist, der kann ich gerne ansprechen. Ich bin ja selber eher etwas scheu, wenn es darum geht, Internetbekannte im echten Leben anzusprechen. Bei Oliver Plaschka habe ich es mir aber fest vorgenommen (so er denn zum Bucon kommt).

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Hier bin ich unten rechts. Ganz so lange sind meine Haare aber noch nicht. Torstens vermutlich schon. 😉

Wo man mich trifft: Übersetzungsseminar in Straelen

Vom 3. bis zum 7. September werde ich an einem Übersetzungsseminar/Workshop des Deutschen Übersetzerfonds am Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen teilnehmen. Der Deutsche Übersetzerfonds veranstaltet regelmäßig Seminare und Workshops für Übersetzer zu bestimmten Themen. Thema dieses Seminars:

»In einer anderen Welt«
Sprachenübergreifendes Seminar zum Übersetzen von Fantasyliteratur

Wer dem obigen Link folgt, findet dort den ganzen Ausschreibungstext.

12 Teilnehmer, die Science Fiction, Fantasy und sonstige Phantastik übersetzen, werden in diesen fünf Tagen gemeinsam an ihren Übersetzungen arbeiten. Ich bin schon sehr gespannt. Die Texte liegen mir bereits vor, einige der ÜbersetzerInnen kenne ich bereits, andere noch nicht.

Wenn ich zurück bin, werde ich hier im Blog über das Seminar berichten.

Wo man mich trifft: Buchmessecon 2013

Veranstaltung: Buchmessecon

Ort: Bürgerhaus Dreieich-Sprendlingen (bei Frankfurt)

Datum: 12. Oktober 2013

Zeit: ab 11.00 Uhr

Eintritt: 10 Euro
Wie jedes Jahr im Oktober findet parallel zur Frankfurter Buchmesse im nahegelegenen Dreieich-Sprendlingen eine kleine Veranstaltung (ca. 300 Besucher) für Freunde und Freundinnen der phantastischen Literatur statt. Der Bucon ist eine sogenannte Convention, also eine Art Fandomtreffen mit Programmpunkten.

Auch in diesem Jahr gibt es wieder zahlreiche Fantasyautoren (und auch ganz wenige Science Fiction Autoren), die auf dem Con Lesungen und Fragestunden halten werden. Unter anderem: T.S. Orgel, Oliver Plaschka, Kai Meyer, Tom Finn, Michael Peinkofer, Bernhard Hennen uvm.
Und Markus Heitz … tja, kaum gewinnt er mal nicht den Deutschen Phantastik Preis (der auf dem Bucon verliehen wird), schon lässt er sich nicht blicken …

Dazu gibt es noch einige themennahe Programmpunkte mit Vorträgen und Diskussionen, z. B. Rober Vogel über die Dreharbeiten von »Dr. Who«, das Perry Rhodan Verlagspanel, ein Programmpunkt über den Worldcon 2014 in London uvm.

Auch Übersetzer- und Bloggerkollege Frank Böhmert wird mit Ralf Steinberg einen Programmpunkt abhalten:

»Der SFCD übersetzt:
Ralf Steinberg im Salongespräch mit Frank Böhmert:
Mit Kind und Kegel in die Zombie-Apokalypse

Frank Böhmert plaudert mit Ralf Steinberg über seine aktuellen Jugendbuchübersetzungen. Frank Böhmert, zweifacher Vater, übersetzt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbücher; dabei spielen erstaunlich oft die Genres SF, Fantasy und Horror eine Rolle. Erstaunlich selten werden diese Bücher, meist sehr gut geschrieben und oft kleine Bestseller, in unserer Szene wahrgenommen. Das wollen wir ändern! Ralf Steinberg, dreifacher Vater, in den einschlägigen Foren als »lapismont« bekannt, schreibt Rezensionen für den Fantasyguide und hat etliche von Franks Übersetzungen gelesen. Frank liest coole Stellen, Ralf stellt kluge Fragen, beide stammeln rum. Das Publikum darf auch mal. Ein Salongespräch für:
– Eltern, die sich fragen, mit welchen Büchern sie ihre Kinder verdammt noch mal zum Lesen kriegen!
– Kinder, die sich fragen, warum ihnen ihre Eltern immer so verdammt langweilige Bücher schenken und nicht solche! »

Hier das komplette Programm: http://www.sftd-online.de/bucon/bcprog13/programm13.html

Mich persönlich interessieren die Programmpunkte inzwischen nicht mehr so sehr. Mir geht es mehr darum, Leute zu treffen, mit denen ich den Rest des Jahres nur Kontakt über das Internet habe. Daraus ergeben sich tolle und interessante Gespräche, und ab und zu lernt man auch ganz neue, faszinierende Leute kennen.
Aus dem Horrorforum haben sich viele Foristen angekündigt, ebenso wie aus dem  Forum der Bibliotheka Phantastika. Die SF ist meist nur schwach vertreten, aus den Foren von SF-Fan.de und dem SF-Netzwerk sind mir nur wenige Ankündigungen bekannt.

Wer vor Ort ist und mich persönlich kennen lernen möchte, so sehe ich aktuell ungefähr aus:

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Das Foto ist vom Bucon 2012, der Bart wird morgen etwas kürzer sein, die Haare ähnlich und ich werde die gleichen Klamotten anhaben. Sprecht mich einfach an.

Noch eine Warnung zum Schluss: Die Verpflegung auf dem Bucon ist traditionell eine Katastrophe, da die Pächter des Bürgerhauses es nicht auf die Reihe bekommen, etwas über dem Niveau von schlabbrigen Siedewürstchen auf den Teller zu zaubern. Stellt euch also vorsichtshalber auf Selbstverpflegung ein.

Verlag das Beben – Gründungsparty + Lesungen (ein Bericht)

Die Berliner Szene der Phantastikautoren/Lektoren/Übersetzer/Buchhändler/Fans ist gut vernetzt. Man kennt sich, man trifft sich, man liest sich und man arbeitet zusammen. Einige aus dieser Szene haben sich jetzt zusammengetan und den Verlag Das Beben gegründet. Jakob Schmidt (Übersetzer/Otherlandianer), Simon Weinert (Übersetzer/Otherlandianer), Karla Schmidt (Autorin), Markolf Hoffmann (Autor) und Jasper Nicoleisen haben gemeinsam einen E-Book-Verlag gegründet, der sich auf abgründige, kreative, anspruchsvolle Novellen konzentriert.

Am 1. September wurde diese Verlagsgründung im Laidak gefeiert. Neben einem veganen Büffet gab es auch ein literarisches Menü in Form von drei Lesungen. Da ich Jakob durch den SF-Treff, das Otherland und andere Gelegenheiten kenne, habe ich einen meiner letzten Tage in Berlin dazu genutzt, eines der vielen tollen kulturellen Angebote der Stadt zu nutzen. Bei meiner Ankunft in der Kneipe Laidak, wo mich Kollege Frank Böhmert mit einem Buchgeschenk standesgemäß begrüßte, musste ich zu meinem Entsetzen festestellen, dass sich dieses Etablissement in Neukölln befand. NEUKÖLLN!!!! Alter!!!!! Den Killling Fields von Berlin. Da bin ich dem Tod nochmal knapp von der Schippe gesprungen.

Das Lokal war gut gefüllt, und unter die Gäste hatten sich auch einige Berliner AutorInnen wie Tobias Meißner, Siegfried Langer und Jenny Mai Nuyen gemischt. Man kennt sich halt in Berlin. Der Abend wurde vom Journalisten Sebastian Feldmeier locker flockig moderiert. Zunächst wurden die Fünf Vorstandsvorsitzenden des neuen Verlagsimperiums vorgestellt bzw. mussten Rechenschaft vor dem Aufsichtsrat (also den potenziellen Lesern) ablegen. Über die Unternehmensphilosophie (Geld verdienen?) war man sich noch uneins, nicht aber, bei der Meinung über die bisherigen Novellen. Denn veröffentlicht wird nur, was allen Fünfen gefällt. Es gibt also wie im UN-Sicherheitsrat ein Vetorecht.
Die elektronischen Bücher kann man direkt auf der Homepage des Verlags kaufen, in allen gängigen E-Book-Formaten zahlbar per Paypal oder Kreditkarte. Man kann sie aber auch per Downloadcodekarte kaufen (ich vermute mal im Otherland oder bei solchen Lesungen).

Aber warum nur als E-Book (wo zwei der Vorstände doch ihr Brot teilweise als Buchhändler verdienen) und warum ausgerechnet und ausschließlich Novellen?

E-Books haben keine Lagerkosten, sind günstiger zu produzieren und man kann die Autoren besser an den Einnahmen (in diesem Fall 50% des Verkaufspreises) beteiligen.

Die Novellenform ist praktisch das Alleinstellungsmerkmal des Verlags. Dicke Schinken verkauft jeder andere Verlag, aber die Kurzform der Novelle mit 70-150 Seiten geht dabei leicht unter bzw. hat nur minimale Veröffentlichungschancen. Dabei ist diese Form Ideal um eine Geschichte, die für eine Kurzgeschichte zu lang ist, schön prägnant, ganz ohne unnötige Auswalzungen, auf den Punkt zu schreiben.

Nach Präsentation dieser Formalitäten ging es dann sofort mit den Lesungen los:
Eva Strasser las sehr unterhaltsame und witzige Passagen aus „Mary“ vor. Eine Novelle, in der es um Mary, Isa und David (Isas Freund) geht. Isa ist vom Lande nach Berlin gezogen, um als Künstlerin ihre Kreativität zu entfalten. Mary sucht den Kontakt zu Isa, mit der sie in der Schule befreundet war. Wovon Isa aber nichts weiß. Was David wiederum lustig findet, und Mary in ihr Leben hereinlässt. Daraus soll sich dann eine unheilvolle Geschichte mit bösem Ausgang entwickeln.
Der vorgelesene Auszug (aus den drei Ich-Perspektiven der Protagonisten) hatte eine tolle Dynamik, war sehr witzig und enthielt kluge Beobachtungen über das Leben junger Berliner. Mich hat er so begeistert, dass ich mir diese Novelle auf jeden Fall kaufen werde.

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Nach einer Pause ging es mit „krankem Scheiß“ weiter. Georg Kammerer (seines Zeichen „Großer Vorsitzender des Neuköllner Ortsverbandes der Partei DIE PARTEI“.) freute sich darüber, dass er wieder im Laidak lesen konnte, wo man ihm zuvor nach zwei Auftritten als Stand-Up Comedian Hausverbot erteilt hatte. Er würdigte diese Geste, indem er die Betreiber des Laidaks in seiner Novelle als „PC-Faschisten bezeichnet“ was während der Lesung im Laidak für einen guten Lacher sorgte. Seine Novelle „Alles Kaputtschlagen“ ist eine ziemlich abgedrehte, zynische Geschichte, in der es um Entschen-und-Bärchen-Sex, atheistische Selbstmordattentäter, Ctulhu, Nazigruppenvergewaltigungen und Zombies geht.
Die Lesung war sehr witzig, ich bin mir aber nicht sicher, ob was ich davon halten soll. Werde mir dieses Buch wohl eher nicht zulegen.

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Zum Abschluss las noch der Schauspieler Frank Dukowski aus seiner Novelle „Vor dem Pilzgericht“ die irgendwas mit dem menschlichen Blitzableiter Roy C. Sullivan zu tun haben soll, dessen Hauptfigur aber ein Pilzsammler ist, der im Wald ständig Mädchenleichen findet und so selbst ins Visier der Ermittler gerät.
Hier ist der Ton sehr viel ernster als bei den beiden vorigen Lesungen. Lacher gab es keine, dafür eine bedrückend dichte Atmosphäre, die in präziser Spache geschildert wird. Nicht ganz mein Fall, aber doch beeindruckend.

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Für mich war die Party nach der letzten Lesung vorbei und ich kämpfte mich durchs buschkowskikose Ghetto zurück zur U-Bahn und in die Zivilisation, fort von Psychotanten, Zombies und Pilzsammlern.

Ein gelungener Abend und ein toller Start für einen Verlag, dem ich für die Zukunft alles Gute wünsche.

P.S. Fotos habe ich leider keine, da ich – wie immer – meinen Fotoapparat vergessen habe (und ein Handy trage ich in der Regel nicht bei mir).

P.P.S. die tolle Cover stammen von Lisa Naujack

Frauen in der Science Fiction

Vor einiger Zeit habe ich ja die ganz wundervolle Geschichte »Flying in the Face of God« von Nina Allan für das Magazin Phase X übersetzt (siehe hier). Das war bisher das Beste, was ich übersetzen durfte, und ich hoffe, dass ich der Geschichte einigermaßen gerecht geworden bin. Und ich hoffe sehr, dass in Zukunft noch mehr von ihr auf Deutsch erscheinen wird.

Die britische Autorin hat auch einen sehr interessanten Blog, in dem sie sich regelmäßig mit aktuellen Tendenzen in der Phantastikszene auseinander setzt. Aktuell gibt es einen epochalen Eintrag über Frauen in der Phantastik. Auslöser war wohl (wenn ich es richtig verstanden habe), dass es keine einzige Frau auf die Shortlist des Arthur C. Clark Award geschafft hat, und auch zu einer Horrorconvention keine Frau eingeladen wurde.

Sie betrachtet das Thema aber sehr differenziert und sieht keine Schuld bei den Juroren des Awards, die sich danach richten mussten, was eingereicht wurde. Von den 33 Büchern, die man wirklich als SF bezeichnen kann, sind nur fünf von Frauen geschrieben. Im Weiteren geht sie darauf ein, woran das liegen könnte.

Kurz darauf listet sie sage und schreibe 101 Frauen auf, die man gelesen haben sollte. Und nicht nur das, sie schreibt zu jeder Autorin auch noch eine ausführliche, persönliche  Begründung. Darunter sind viele Klassiker wie Margaret Atwood, Ursula K. Le Guin, relativ bekannte Schriftstellerinnen wie Susan Hill, Shirley Jackson, Kij Johnson, Hilary Mantel usw. Auch viele, die ich gar nicht kannte, und auch einige meiner Lieblingsautorinnen. Wie z B. Audrey Niffenegger, die mit »Die Frau des Zeitreisenden« einen der besten SF-Romane der letzten Jahre geschrieben hat, oder Susanna Clarke (»Jonathan Strange & Mr. Norell.)
Dazu noch einige Autorinnen, die ich erst jüngst für mich entdeckt habe. Catherynne M. Valente oder Joe Walton, deren (zurecht) von Preisen überhäuftes »In einer anderen Welt« jüngst bei Golkonda erschienen ist. Und auch die Newcomerin Genevieve Valentine, deren famos, phantastisches »Mechanique« auch gut in den Golkonda Verlag passen würde.

Im SF-Netzwerk wurde jüngst diskutiert, ob es einen Unterschied in der Schreibe zwischen Autorinnen und Autoren geben würde? Ich weiß es nicht. Das Geschlecht der/des AutorInn gehört nicht zu meinen Kaufkriterien. Da gehe ich nach Inhalt und Empfehlungen. Trotzdem würde ich sagen, dass ca. 70 – 80% der Bücher in meinem Regal von Männern geschrieben wurden (Tendenz fallend). Das nur als neutrale Feststellung.

In der Fantasy sind deutschsprachige Autorinnen inzwischen stark vertreten, wenn auch nicht so prominent und dominant wie z. B. die Herren Heitz, Hennen und Hardebusch. In der SF haben es Autorinnen bei großen Verlagen wohl schwerer (wobei deutschsprachige SF es generell schwer bei diesen Verlagen hat). Aber es gibt sie. Sie sind in denen kleine Verlagen Verlagen vertreten und auch im (stark von grauhaarigen Männern mit Bierbäuchen dominierten) Fandom aktiv.
Die SF von Heidrun Jänchen erscheint regelmäßig bei Wurdack. Nina Horvath ist in verschiedenen Genres und Verlagen unterwegs. Miriam Pharo hat mit »Hanseapolis« eine Reihe über ein futuristisches Hamburg veröffentlicht. Barbara Slawigs »Flugverbot« ist jüngst bei Golkonda neu aufgelegt worden. Und es gibt sicher noch einige, die ich jetzt vergessen habe.

Ich selbst habe mich mit dem Thema mal vor drei Jahren in einer Hausarbeit mit dem Titel The Dispossessed – Ein feministischer Blick auf die Utopie von Usula K. Le Guin beschäftigt. Da ging es aber vor allem um ihren Roman »The Dispossessed« (»Planet der Habenichste«).
Ich habe mich lange davor gescheut, die Arbeit zu veröffentlichen, da ich sie für zu mangelhaft halte. Gab zwar eine 2,0 dafür, aber das heißt ja nichts. An einigen Stellen sind meine Thesen viel zu generalisierend gehalten und nicht durch Literaturverweise belegt. Für eine literaturwissenschaftliche Arbeit beschäftige ich mich auch zu wenig mit Textbeispielen und verweise generell zu wenig auf konkrete Stellen im Text. Aber macht Euch ruhig selbst ein Bild. Die Arbeit ist mit 11 Seiten nur halb so lang wie die über »Deadwood«. Es hilft, wenn man »The Dispossessed« gelesen hat.

HausarbeitLeGuinreinfassung