Meine Lektüre Dezember 2015

Dezember
63. Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions
64. Molly Crabapple – Drawing Blood
65. Veit Etzold – Todesdeal
66. Donald Antrim – The Emerald Light in the Air
67. Peter Watts – Echopraxia
68. Jeffery Deaver – Die Giftmaler
69. Karin Slaughter – Cop Town

Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions

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Virtuos erzählte skurrile Geschichte, deren Inhalt sich nur schwerlich in Worte fassen lässt. Wer aber schon immer mal wissen wollte, wie Kurt Vonneguts Arschloch aussieht, der sollte sich diesen Meilenstein der amerikanischen Erzählkunst (mit einem echten Kilgore Trout) nicht entgehen lassen.

Molly Crabapple – Drawing Blood

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Sehr interessant Autobiografie der New Yorker Künstlerin. Besprechung folgt noch.

Donald Antrim – The Emerald Light in the Air

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Meisterhafte Kurzgeschichten über mehr oder weniger instabile Menschen mit kompliziertem Beziehungsstatus.

Peter Watts – Echopraxia

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Visionärer und herausragender SF-Roman über die Evolution der Menschheit, den menschlichen Geist, das Wesen Gottes und die Zukunft. Ich empfehle, vorher Blindflug zu lesen, welches im gleichen Universum spielt. Es gibt auch leichte Bezüge zur Handlung.

Jeffery Deaver – Die Giftmaler

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Der neueste Fall des im Rollstuhl sitzenden genialen Ermittlers, um einen Verrückten (?), der seine Opfer tötet, indem er sie mit Gift tätowiert. Eigentlich wie immer clever konstruiert, aber trotzdem wusste ich nach 100 Seiten schon, wie der Schlusstwist aussehen wird. Keinen Scheiß, ich bin nachts um 4.00 Uhr aufgewacht und mein erster Gedanke war: Zombiedroge – Uhrmacher – aha. Gehört aufgrund des Miteinanders der vertrauten Figuren aber trotzdem zu einem der besten Bücher der Reihe und macht schon neugierig auf den nächsten Band. Allerdings spielt Kommissar Zufall einmal zu oft eine entscheidende Rolle.

Karin Slaughter – Cop Town

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Atmosphärisch dichte und hervorragende Milieustudie über zwei junge Frauen, die sich ihm Jahr 1974 bei der Polizei von Atlanta durchzuschlagen, die zu einem großen Teil aus korrupten, sexistischen, gewalttätigen und primitiven Affen zu bestehen scheint. Der Thrillerhandlung ist auch recht spannend, aber der Roman überzeugt vor allem mit den eindrücklichen Schilderungen des harten Polizeialltags.

Veit Etzold – Todesdeal

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»Brandheißes Thema! Für mich der Politthriller des Jahres.« wird Andreas Eschbach auf der Rückseite zitiert.
Ob es der deutschsprachige Politthriller des Jahres ist, kann ich nicht beurteilen, da ich sonst keine gelesen habe. International geht der Titel natürlich an Don Winslows Das Kartell. Mit dem kann Etzold leider nicht mithalten, auch nicht mit Ellroy oder Schätzing (Breaking News!), dafür gibt es zu viele Mängel. Dabei geht es noch recht spannend los, Etzold beherzigt den Rat von Andreas Eschbach, mit dem besten Kapitel anzufangen. Das geht allerdings nur über vier Seiten, danach folgen erst einmal hundert Seiten Infodump, der fast ausschließlich aus hölzernen Dialogen besteht.

Das Thema ist brisant, aus Etzold Vita schließe ich auch, dass er sich aus erster Hand mit der Materie auskennt, da er sowohl als Unternehmensberater für eine Bergbaugesellschaft gearbeitet hat, als auch für das Auswertige Amt, und auch international viel rumgekommen zu sein scheint. Doch nach den ersten hundert Seiten wird es nicht viel besser, obwohl es bald in den Kongo und nach Ruanda geht. Dort gelingt es dem Autor durchaus, stimmungsvolle Landschaftsbilder und kurze Einblicke in das Leben der Menschen dort zu liefern, aber die bleiben viel zu kurz, da der Roman insgesamt zu 80 Prozent aus Dialogen besteht, in denen Menschen in Toppositionen mit Topausbildung sich so naiv und unwissend anstellen, was die Lagen in Ruanda, im Kongo und den Genozid von 1994 angeht, dass sie als Figuren unglaubwürdig werden. Mir ist klar, das Etzold auf diese Weise versucht, die Situation und die Hintergründe einem völlig unwissenden Leser zu vermitteln, aber das kommt viel zu oberlehrerhaft rüber, als wären die Dialoge für ein Lehrvideo eines lokalen Berufsverbandes inszeniert worden. Die zahlreichen und sich ständig wiederholenden Plattitüden und Zitate von Stalin, Lenin usw. sind auch nicht gerade hilfreich und nerven irgendwann. Einige der Figuren reden fast nur in solchen Plattitüden.

Vielleicht war ich ja auch gelangweilt, weil ich alles, was hier vermittelt wird, schon aus Spiegel-Artikeln und Dokumentationen kannte, aber ein wenig Spannung und Handlung jenseits der oben genannten Dialoge kommen erst auf den letzten hundert Seiten auf. Es gibt unzählige Handlungsfiguren, zwischen denen der Autor ständig hin und herspringt, viele Kapitel haben nur eineinhalb Seiten, das Buch auf 460 Seiten 108! Kapitel. Dadurch wirkt es trotz der statischen Dialoginszenierung unnötig hektisch.

Was gefällt, ist, wie der Autor die moralische Verlogenheit der sogenannten westlichen Länder, allen voran Europa und Deutschland aufzeigt, die immer gerne anderen Moralpredigten halten, im Hinterzimmer aber schmutzige Deals um Waffen, Coltan, Öl usw. abschließen.

Was den Schreibstil angeht, da zitiere ich einfach mal die ersten drei Sätze:

Martin rannte.
Hinter ihm fauchten Schüsse. Pfeilschnelle Projektile, die rechts und links von ihm zischend durch das Unterholz des Regenwaldes peitschten.

Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie Schüsse fauchen, auch wenn sie dann mit nur lahmer Pfeilgeschwindigkeit (sollten Schüsse aus automatischen Gewehren nicht viel schneller sein) zischend an ihm vorbeipeitschen. Aber ich will jetzt nicht kleinlich werden, das Buch ist zumindest lesbar, sonst hätte ich nicht bis zum Schluss durchgehalten. Für den nächsten Politthriller von Veit Etzold wünsche ich mir aber weniger Dialoge, diese dann etwas dynamischer inszeniert, mehr Action, mehr Landschaftsbeschreibungen und weniger Erklärbär.

Frohe und Phantastische Weihnachten 2015

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meines Blogs frohe und phantastische Weihnachten und bedanke mich für die Aufmerksamkeit, die ihr meinem Blog in diesem Jahr gewidmet habt. In den nächsten Tagen geht es hier mit Beiträgen weiter.

Merry Christmas to all readers of my blog. Thanks for reading my stuff. In 2016 there will be more English entries.
Wie man sieht, bin ich schon ganz in Weihnachtsstimmung.

As you can see, I am already in Christmas mood. And no, I am neither on Hawaii nor the southern hemisphere. On Christmas it is supposed to be cold, but whoever said winter is coming lied.

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Fit ohne Geräte – Erster Zwischenbericht

Hier mein erste Eintrag zu dem Thema.

Die ersten fünf Wochen habe ich jetzt hinter mir, und bisher ist es mir gelungen, das Programm mit vier Mal pro Woche Training (je 20-40 Minuten) konsequent durchzuziehen. Ist gar keine Quälerei, sondern macht richtig Spaß. Man kann die vier wöchentlichen Einheiten grob in vier Hauptgruppen unterteilen: Drücken, Beine, Ziehen und Core. Wenn man die Übungen in korrekter Haltung durchführt, wird aber meist der ganze Körper mit trainiert.

Mit dem Drücken hatte ich anfangs etwas Schwierigkeiten, da ich praktisch Arme aus Pudding habe (bzw. hatte). Anfangs habe ich keine fünf Liegestütze am Stück hingekommen und die Übungen immer in der vereinfachten Variante ausgeführt. Inzwischen ist es schon deutlich besser geworden. Der Trizeps hat schon sichtbar und spürbar an Umfang zugenommen. Der Bizeps auch, aber nicht ganz so deutlich.

Meine Oberschenkelmuskulatur war dadurch, dass ich immer Fußball gespielt habe, regelmäßig Fahrrad fahre, jogge und Wandern gehe immer ganz gut ausgebildet, weshalb ich mit den Übungen für die Beine keinerlei Schwierigkeiten hatte. Das Einzige, was mir bei den ersten beiden Übungseinheiten Probleme bereitet hat, war erstaunlicherweise, die Arme während der Kniebeugen ausgestreckt zu halten. Das geht aber inzwischen ohne Probleme.

Das Ziehen wird von mir leider etwas vernachlässigt, weshalb der Deltamuskel noch nicht sichtbar zugelegt hat. Aus dem einfachen Grund, dass ich keine passenden Gegenstände habe, um einige der Übungen durchzuführen. Das Türziehen, eine Bewegung, die dem Rudern gleichkommt, kann ich nicht so gut durchführen, da sich unsere Türen dadurch verziehen würden, und das aus Metallstangen bestehende Treppengeländer ist reichlich unbequem, weshalb die Übungen daran zu stark auf mein angeschlagenes Knie gehen. Die Übungen ersetze ich teilweise durch andere.

Wie man sieht, nicht wirklich gut für Klimmzüge geeignet, aber was Besseres habe ich nicht.

Wie man sieht, nicht wirklich gut für Klimmzüge geeignet, aber was Besseres habe ich nicht.

Das umgekehrte Bankdrücken führe ich übrigens mit einem Wischmopp durch. 🙂 Die beiden Stühle sind eigentlich zu klein, da ich meine Arme auf dem Rücken liegend ganz ausstrecken müsste, aber so hoch würde ich mich aktuell gar nicht ziehen können. Das kommt dann in der Wiederholung der ersten zehn Übungswochen.

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Beim Core geht es vor allem und die Körpermitte, also Bauchmuskeln usw. Die Übungen sind recht anstrengend und schweißtreibend, aber kein Problem.

Das zehnwöchige Programm ist das einfachste, das Anfängerprogramm im Buch von Mark Lauren. Das ziehe ich jetzt einmal durch, um zu sehen, wie gut es funktioniert, dann wiederhole ich es einmal, um dann die schwierigeren Übungsvarianten durchzuführen, und es individuell auf meine Bedürfnisse bzw. Notwendigkeiten abzustimmen. Beine muss ich z. B. nicht so viel trainieren, mich dafür mehr auf die Arme konzentrieren. Danach geht es dann mit der nächsten Stufe weiter.

Der Bauchumfang hat jetzt noch nicht wirklich sichtbar abgenommen, dafür sind fünf Wochen zu wenig, aber ich merke, wie die Bauchmuskulatur unter der Wampe straffer wird. Ein klein wenig besser gehen die Hosen aber zu. Allerdings werden die Hosenbeine enger, wenn die Oberschenkelmuskulatur zunimmt (was ich bei meinen engsten Hosen schon merke). Um neue Hosen komme ich also nicht herum.

Gewichtsmäßig hat sich nicht viel getan, ist eher etwas mehr geworden, da die Muskulatur zunimmt. Aber ich habe ja auch kein Übergewicht und meine Ernährung nur teilweise (vermutlich unzureichend) umgestellt.

Im neuen Jahr werde ich noch Joggingeinheiten ins Programm mit einflechten. Ist aber doof, wenn es so früh dunkel wird und ich erst mit dem Training anfangen, wenn ich mein Tagespensum an Brotarbeit erledigt habe. Da muss ich mir noch was einfallen lassen.

Und jetzt kommt das WICHTIGSTE! Dadurch, dass ich bei diesem trüben Wetter beruflich bedingt die meiste Zeit vor dem Computer sitzend verbringe, hatte ich mich in den letzten zwei Monaten oft recht schlapp und antriebslos gefühlt. Das hat sich durch das Training geändert. Die Übungen sind zwar tierisch anstrengend und verursachen ordentlich Muskelkater, aber danach fühle ich mich nicht erschöpft, sondern fitter und lebendiger. Obwohl ich in den letzten fünf Wochen einiges an Übersetzungsaufträgen zu erledigen hatte, war ich so energiegeladen, dass ich noch einige längere und aufwendigere Blogeinträge verfasst habe und es endlich auf die Reihe bekommen habe, einige Kurzgeschichten fertigzustellen, von denen eine ja inzwischen schon online ist.

Bisher hat es sich also richtig gelohnt, mit diesem Trainingsprogramm anzufangen. Ob ich alle Übungen immer richtig ausführe und damit das Optimale raushole, weiß ich nicht, aber Fortschritte sind deutlich spürbar und zu sehen.

Stadt der Zähne (Kurzgeschichte)

Wer sich das Geschwafel unten ersparen möchte, gelangt hier direkt zur Kurzgeschichte Stadt der Zähne als WordPress-Seite und im PDF-Format (liest sich aufgrund der Formatierung besser, habe noch nicht rausgefunden, wie ich die eingezogenen Absatzanfänge hier im Blog beibehalten kann).

Regelmäßige Leser dieses Blogs mögen schon bemerkt haben, dass ich in letzter Zeit zu Experimenten neige und mich an neuen Themen (wie Musikbesprechungen und englischsprachigen Beiträgen) versuche, und auch wenn sich das Interesse daran anscheinend mehr als in Grenzen hält, werde ich damit fortfahren, Neues auszuprobieren. Einfach, weil ich keine Lust habe, immer über die gleichen Themen auf die gleiche Weise zu schreiben. Meine Interessen ändern sich teilweise oder durchlaufen Phasen, in denen mich bestimmte Themen mal mehr, mal weniger interessieren. Jedenfalls werde ich es jetzt mal mit Kurzgeschichten versuchen.

Die erste Kurzgeschichte, die ich hiermit veröffentliche, habe ich bereits 2008 in einer ersten Fassung als Anfang eines geplanten Romans verfasst, bei dem ich aber nie über die ersten 50 Seiten hinausgekommen bin. Jetzt habe ich den Anfang etwas umstrukturiert und daraus eine Kurzgeschichte mit 25 Normseiten bzw. 39.000 Zeichen gemacht.

Ich muss euch hier direkt warnen, die Geschichte enthält explizite und eklige Sexszenen; zwei ProtagonistInnen, die sich in einer sehr dysfunktionalen und destruktiven Beziehung zueinander befinden; Spuren von Zynismus und eine pessimistische Grundstimmung. Ich bin eigentlich ein optimistischer und gut gelaunter Mensch, aber mit dieser Geschichte wollte ich etwas völlig »out of character« schreiben, etwas, das so gar nicht zu mir passt, extrem ist und über die Stränge schlägt. Als Inspiration dienten mir die Bücher von Charles Bukowski, Irvine Welsh und Chuck Palahniuk. John Niven geht auch in die Richtung, aber den kannte ich 2008 noch nicht. John Niven sagte kürzlich in einem Interview mit dem Spiegel, dass man schreiben müsse, als seien die Eltern tot. Womit er meint, dass man schreiben solle, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was die Eltern über diesen »schmuddeligen Schund« denken könnten.

Ihr seid jetzt also gewarnt. Von den beiden Testlesern, denen ich den ursprünglichen Romanfang vor einigen Jahren gezeigt hatte, reagierte einer sichtlich schockiert. Die Geschichte ist also nichts für zarte Gemüter. Aufgrund akuter Betriebsblindheit habe ich auch keine Ahnung, ob sie was taugt oder totaler Mist ist (da fehlt mir Hemingways Bullshit-Detector). Es handelt sich um die Rohfassung, die weder ein Lektorat noch ein Korrektorat hatte. Würde ich in Buchform natürlich nie veröffentlichen, aber hier im Blog mache ich das ja ständig. Ich wollte diese halbwegs extreme Geschichte auch keinem Testleser durch eine Anfrage aufnötigen.

Für die Hauptseite dieses Blogs ist die Geschichte zu lang, deshalb gibt es hier nur einen kurzen Auszug. Ich habe bewusst nicht den Anfang ausgewählt, da der etwas zu explizit dafür sein könnte. Hier gibt es die Geschichte Stadt der Zähne im PDF-Format und hier als WordPress-Seite. Im E-Book-Format habe ich sie noch nicht angelegt, da ich mich dort erst einmal einarbeiten muss. Wenn schon, dann auch richtig gesetzt und formatiert. Die nächste Geschichte, die schon fertig ist und sich gerade bei einigen Testlesern befindet, wird deutlich optimistischer und jungendfrei. Versprochen!

Stadt der Zähne (Auszug)

Nachdem sie mehrfach von kleinen wuseligen Händen durchsucht worden war, betrat sie endlich das Innere der Burg: den Thronsaal Grimhilds. Wo ihre Majestät Hof hielt, Audienzen gewährte, Geschäfte tätigte und ganz nebenbei über Leben und Tod entschied.
Der Thronsaal war ein großer, geräumiger Loft mit hohen Decken und mehreren Ebenen. Der Hofstaat wirbelte in geschäftigem Treiben wild durcheinander, verpackte weißes Pulver und zähe braune Masse, putzte Pistolen, lud Gewehre, brüllte hektisch in Handys oder zog sich Teile des eigenen Produkts durch die Nase. Und mittendrin in diesem Hexenkessel krimineller Aktivitäten thronte Grimhild auf einer flauschigen roten Couch und knutschte wild mit einem schicken Designermodel, als wäre sie ganz allein.
Selena lies sich durch die vielen Waffen nicht abschrecken, dafür war sie schon zu oft in der Höhle der Löwin gewesen. Sie bewegte sich langsam auf Grimhild zu, unsicher, ob sie diese in ihren erotischen Aktivitäten unterbrechen konnte.
Doch Grimhild schien sie aus dem Augenwinkel heraus zu bemerken. Sie ließ augenblicklich von dem magersüchtigen Kleiderständer ab, drehte sich zu Selena um und strahlte sie fröhlich an. Der Kleiderständer merkte, dass seine Halbwertszeit überschritten war, und zog sich mit leerem Gesichtsausdruck eine fette Line Koks durch die operierte Nase.
»Selena, welch freudige Überraschung an diesem trüben Nachmittag.« Grimhild sprach fehlerfreies Englisch, aber in einem melodischen Rhythmus, der eindeutig auf ihre brasilianische Herkunft schließen ließ.
»Was kann ich für dich tun? Hast du irgendwelche spezielle Wünsche?«
Selena schloss kurz die Augen. Sie hatte immer noch diesen widerlichen Geschmack im Mund, konnte immer noch fühlen, wie dieser schmierige Schwanz gegen ihren Gaumen stieß, hatte immer noch die fette Wampe dieses miesen Fickers vor Augen. »Das volle Programm«, sagte sie seufzend. »Das brauche ich heute.«
»Arbeitest du immer noch für dieses sexbesessene Arschloch. Wird höchste Zeit, dass diesem Frauen ausbeutenden Ungeheuer der Marsch geblasen wird. Soll ich ihm mal einen Besuch abstatten?« Grimhild schaute Selena fragend an. Ihr harter Gesichtsausdruck zeigte, dass sie es ernst meinte.
»Nein, danke. Er bezahlt meine Rechnungen. Solange ich nichts Besseres finde, muss ich mich mit ihm abgeben.« Selena klang ehrlich verzweifelt, hatte aber schon lange resigniert.
»Du kannst immer noch bei uns einsteigen. Das Angebot gilt weiterhin.«
Das hatte Selena noch gefehlt. Sie zwar schon tief gesunken, aber bei dieser verrückten Barbiepuppenmörderbande würde sie nicht mitmachen. Das war eine Grenze, die sie nicht überschritt. Es reichte schon, dass sie diese Wahnsinnigen finanzierte. »Nein danke, aber Waffen und ich, das passt einfach nicht zusammen.«
»Also gut, wie du möchtest.« Grimhild klang enttäuscht. »Hier, schon mal was zum Warmwerden.« Sie reichte Selena ein kleines Plexiglasröhrchen gefüllt mit weißem Pulver und rief: »Paula, mach mal ein Päckchen für unser hübsches Pornosternchen fertig.«
Selenas Haut brannte, kalter Schweiß brach ihr aus, ihre Hände begannen zu zittern, sie konnte keinen Moment länger warten und kippte sich das komplette Röhrchen in die Nase. Sie zog das Koks kräftig hoch und ihr Schädel explodierte in einer weißen Supernova. Von diesem Moment an erlebte sie den Rest des Abends, wie einen Film, den sie durch eine Milchglasbrille sah.
Weitere Linien Koks, Speed und andere Amphetamine bahnten sich einen Weg in ihr Gehirn und betrieben ein Wettschießen auf die einst so munteren Gehirnzellen. Mit einer Horde wilder Amazonen ging es hinaus in den Dschungel, vorbei an den Eingeborenen rein in einen schrägen Club, in dem seltsame Rituale abliefen. Sie trank Unmengen an Alkohol, tanzte bis zum Umfallen, stand auf und fiel wieder hin und machte in dunklen Ecken mit fremden Frauen rum. Halbnackte verschwitzte Körper, die in einem wilden Drogenrausch spastisch gegeneinander zuckten. Mit Drogen durchsetzte Körperflüssigkeiten, die ihre Besitzerinnen wechselten. Dazu heiseres Stöhnen, unkontrolliertes Gekicher, sinnlose Wortfetzen, ungesundes Husten und ekliges Schmatzen. Der Abend war wild und unberechenbar. Die Zeit war eingefroren, die Pausentaste klemmte und Selena vergaß.

Die Antwoord – TEN$ION (Review)

Remember that guy from In and Out?

That is me. No, not Kevin Kline! The guy on the tape. I am a man. Real men do not dance. I have never danced and I have never planned to do so. It is not that I feel uncomfortable with my body in general. I have always done sports (Football/Soccer, Basketball, Volleyball, Aikido …), but I am a very introverted person (much more than this blog suggests). Dancing is about letting go, loosing up, expressing emotions by movement. I do not do that.

Well, once in my life I did dance. Back in school in 6th grade, we made a choreography to KLFs Justified and Ancient. We had to dance in front of the whole school – it was humiliating. The mob wanted an encore, not because we were so good – no, that bloodthirsty crowd wanted to see me again. Cause I was so bad that I always had to watch, what the other dancers were doing, and of course I was many seconds behind their movements. The next day everybody congratulated me for my extraordinary performance. Since this traumatic episode I have a simple motto in life: I do not dance.

BUT (in capitals 😉 ) lately I have started doing workout with my own body weight. That was about the same time I kind of fell in love with the music of Die Antwoord. And for the work-out sessions I made a mix with my favorite Songs by the band. It really helps me to stay motivated doing the workout four to five times a week for 40 minutes each time. And there are breaks between the units. Breaks in which the music continues and my body is on fire. I just try to relax my muscles, drink a bit and embrace myself for the next torment. But I can not help it, it’s like I have been possessed by a tokoloshe. My body wants to move to the music. And now I’m afraid, I will turn out as this guy:

Thanks a lot, Die Antwoord.

The most seductive dance songs are on Ten$ion.

It is often mentioned that Die Antwoord is weird, especially Yo-Landi. I do not get it. Of cause they have a unique style and Yo-Landis lovely haircut is gorgeous, but there should not be anything weird about people not fitting in to the corset of a normative society.

In my review of $O$ I wrote a about some formal things that I liked about the songs, I put some musical terminology in, that I had overheard or read somewhere, I elongated my thoughts on some of the songs, but in the end the review turned out to be pretty halting. I tried to hard but missed the point to connect my emotions with my written thoughts on it, while hearing the music.

With Ten$ion and especially I Fink You Freaky it is different. That song hit some buttons in me, like only few songs did before. My whole life I felt a kind of freaky. Not mainly by my looks, but more about how I feel around other people. As I mentioned before, I am a very introverted and quiet person. I do not talk much, especially when I am around people. I do not feel comfortable around people (not all people of course, I love my friends), I do not know how to express myself. Like a weirdo who asks himself, what the hell am I doing her, I don’t belong here.

But I found a way to express myself: In writing, writing stories and writing this blog. This is my playground, where I tell people what I like, what I am interested in. Compared to my behavior in real life, this is my stage persona, my act, but this act is much closer to the real me or what I see as the real me than the Markus that most of my friends and acquaintances know.

And I guess Ninja and Yo-Landi have found their way to express themselves in a fitting way. It takes time, it might not work in the beginning, but finally the parts will fit together. This artistic expression might just be a certain aspect of the real persons behind Ninja and Yo-Landi, like I do not write about everything that is going on in my life, but to me it seems pretty descent – not the joke act that many critics suspect. It shows their heart for the weirdoes, outcasts, eccentrics, and that is something I can emotionally connect with. That hits my buttons in the right way, and it does more. It inspires me; their music is like a muse to me. In the last four weeks my creative activities have increased exponentially – as you can see on this blog, and that is just the tip of the iceberg.

That is the power of music. I never expected to be inspired so strongly by this kind of music (rap, rave, techno, etc.) – somehow it just happened. It has inflamed a spark in me I had almost forgotten. Ninja sings My baby’s on fire. I write: Babe I’m on fire. Thanks to you. Die Antwoord.

Jesus, I almost sound like some religious goof after his revival. Eight hundred and seventy words, but almost non about the music on Ten$ion. Time for a change.

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Before the aforementioned I Fink You Freaky, Ten$ion starts with a musical intro-song called Never Le Nkemise 1 (must be Sotho) that assures everybody that this record still contains (South) African influences, that Die Antwoord is back, and you can never stop them. After the short atmospheric dense tribal-chorus Never Le Nkemise (You Can’t Stop Me); Le ka zama mara never leloke (You can try but you won’t survive) Ninja shows everybody in a bombastic entrance who calls the shots (and that is not Jacob Zuma).

And then the record really starts with the song I instantly fell in love with. I Fink You Freaky (and I like you a lot). It is a pretty classical Rave-song with a hard techno beat at the core and exotic and (as always) lovely rap parts by Yo-Landi in a mixture of Afrikaans and English. It is not the lyrics that made me fell for this song, cause they are about Die Antwoords favorite topic: themselves, their influence and appearance, and how they are blowing up overseas. It is the amazing video by Ninja and photographer Roger Ballen that just perfectly connects with the music and turns out to be a serious, profound and lovely piece of art (I did not knew that sex with dog can cure aids). I can also strongly recommend Roger Ballens other works (like Outland or Asylum of Birds).

Hey Sexy begins with an intriguing guitar riff and a stomping refrain. The lyrics can deliver nothing new to the bands narrative, but as for so many song by Die Antwoord it is more about the sound of the lyrics and how they fit to the music than about content. In this case they are a perfect match to the hypnotic and repetitive beats

Fatty Boom Boom is one of my favorite songs (even if it is all about money), not just because of the driving jungle beat, mainly it is Yo-Landi extraordinary performance as a rapper. She was not bad at all on $O$, but now she clearly has improved and it sounds so charming and sweet. With the fast beat and the powerful structure this song adds definitely something new to the bands portfolio. A disco hit that wanna makes you dance (no pun intended). The video is also a nice piece of art, an ironical comment on the western worlds view on (South) Africa, with some very entertaining details, like the picture with Desmond Tutu in it, shooting with a nine millimeters bible!

And the next song So What, with old-school hip hop beats, is about – wait for it, here it comes – suprise: Ninja and Yo-Landi. But this time it sounds more serious and decent, and tells their story before they became famous, when Yo-Landi showed Ninja the two stripes on the fucking piss test. And he realized: Oh fuck, brock ass Ninja gonna be a dady. And they play with their ambiguity towards the media, when Yo-Landi rapps: So what I tell the truth even when I tell a lie. This is a quiet and relaxed song, a classical hip hop number with smart lyrics, that sticks out between all those hardcore-techno beats on this album. Funky shit.

Baby’s on Fire is one of those (almost hysterical) hardcore-techno numbers, but also contains some reduced videogame sound beats when Yo-landi is performing here verses (very slick and clever). I don’t got beef ‚cause I don’t eat no meat. One of their bests songs that has much more substance than it seems at first.

 

After a Yo-Landi song now it is time for a Ninja solo (U Make A Ninja Wanna Fuck) with a brief house song containing very fast and skillful raps thattotally over sexualized. Nice, but nothing that sticks.

Fok Julle Naaiers (Love you all – no I’m just kidding, it actually means what you think it could mean) is once a again a song about Ninja and his big balls and the ever occurring question what is real – Next time u ask me ‚is it real? ‚ I’m gonna punch u in da face. What makes the song so catchy is the refrain/hook by Yo-Landi.

 

DJ Hi-Tek Rulez. Dj hi-tek will fuck u in da ass. Can’t wait for it. 🙂

Never Le Nkemise 2 closes the circle – that started with part 1 – with a classical techno sound from the nineties. But DJ Hi-Tek breaks that catchy rhythm up half way through the song and gives it his own signature.

What I do not like on this record: Too much songs by Die Antwoord are about themselves (says the guy who just wrote the first 800 words of an music review about himself, and – oops – just did it again). On $O$ we had Evil Boy about circumcisions, Rich Bich about newly rich stardom or She Makes Me A Killer about relationships. On Tension it is all about Die Antwoord – Yo-Landi and Ninja. But that is understandable. $O$ was republished after they became an internet sensation, but before they blew up overseas. Now on Tension they are already famous all over the world. Their lives must have changed with a certain amount of madness happening around them. So at the center of this storm, of cause they sing about the impacts on their lives. And to spoil a little bit: On Donker Drag there will be again a bigger variety of topics.

But unlike $O$ Tension is a very coherent album with a clear theme that pervades all songs. Even with such a great song like Evil Boy missing, it is clear that the skills of all three band members have improved. They have a clear vision and the abilities and resources to put this vision into music (and videos). Ten$ion is my favorite record with the most songs on my work out list.

Wow, this has become a quite personal review. Don’t know how that could happen, but now it’s finished and I can go back reading Knausgård.

P.S. By the way, Die Antwoord are of course not the only Zef-musicians from South. If you are interested in more, I recommend Jack Parrow:

And if you like Die Antwoord you might also like Peaches (Be warned prudes! Could contain traces of vagina!):

Meine Lektüre November 2015

November
59. Walter Moers – Das kleine Arschloch kehrt zurück
60. Niq Mhlongo – Dog Eat Dog
61. Ian McEwan – Honig
62. Joey Goebel – The Anomalies

Dieses Mal fasse ich mich kurz, da ich momentan mit ganz anderen Ideen und Texten beschäftigt bin.

Walter Moers – Das kleine Arschloch kehrt zurück

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Genauso witzig und hintersinnig wie der erste Band. Hat auch nach mehr als 20 Jahren nichts an Aktualität und Brisanz verloren.

Niq Mhlongo – Dog Eat Dog

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Das junge Südafrika kurz nach Ende der Apartheid. Hier geht es zu meiner Besprechung. Click here for my English review.

Ian McEwan – Honig

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Clever konstruierte und stilistisch wie immer herausragend verfasste Geschichte (in toller Übersetzung von Werner Schmitz), um eine junge Frau im London der 70er Jahre, die beim MI5 anfängt und Schriftsteller requirieren und fördern soll, die Bücher mit antikommunistischen Tendenzen verfassen.

Joey Goebel – The Anomalies

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Eine Gruppe von völlig unterschiedlichen Außenseitern findet auf ungewöhnlichem Wege zusammen und gründet eine Band. Punktet mit beißendem Witz und ständig wechselnden Erzählperspektiven. Ausgezeichnetes Debüt eines vielversprechenden Autors.

Die Antwoord – $O$ (Rezension)

Click here for the English version of this review.

Erklärung: Ich bin weder Musikjournalist noch Musiker, habe also keine Ahnung von dem, worüber ich hier schreibe. 🙂

Als sich Die Antwoord 2009 zu einem Internetphänomen entwickelt haben, hatte ich das zwar irgendwie am Rande mitbekommen, mich aber nicht näher damit beschäftigt und mir auch keine der Videos angesehen, da ich in diesem Jahr damit beschäftigt war, sehr kurzfristig eine Wohnung in Berlin zu finden, um dort mein Zweitstudium der nutzlosen Künste an der Freien Universität zu beginnen.

Es hat dann ganze sechs Jahre gedauert, bis auch ich endlich mitbekam, was für eine tolle Band das ist bzw. was für tolle Künstler da am Werk sind. Das ist erst vier Wochen her und die Videos der Band aber auch die Musik haben mich völlig umgehauen. Damit man meinen Musikgeschmack etwas einordnen kann, habe ich hier eine Liste mit meiner Lieblingsmusik erstellt. Wie man an der Liste sieht, sind da wenige Künstler dabei, die erst im neuen Jahrtausend mit dem Musizieren begonnen haben – ich bin vor allem durch meine Jugendjahre in den 90ern geprägt. Das meiste neue Zeug kommt mir wenig originell vor und kann mir nur wenig bieten.

Aber Die Antwoord gelingt es bekannte Elemente (White-Trash-Klischees, Eurodance, Hip-Hop, Rave usw.) zu einer sehr eigenwilligen und höchst kreativen Mischung zu kombinieren, angereichert mit ihrem sogenannten Zef-Style, dem Afrikaans-Akzent und weiteren südafrikanischen Einflüssen. Auf den ersten Blick bin ich auf diese White-Trash-Attitüde reingefallen und habe geglaubt, da hätten die südafrikanischen Flodders tatsächlich ihr musikalisches Talent entdeckt. Beschäftigt man sich aber etwas näher mit Watkin Tudor Jones (Ninja) und Anri de Tout (Yo-Landi Vi$$er), merkt man schnell, dass es sich hier um ein cleveres Kunstprojekt handelt bzw., dass man zumindest als ein solches gestartet ist. Denn so etwas hält man keine sechs Jahre in dieser Intensität durch, ohne es nicht auch ein Stück zu leben. In einem Interview mit Mother Jones sagt Ninja, dass er aufhören wollte, clever Witze zumachen, um stattdessen etwas Ehrliches zu tun. Ist ja auch ganz egal, was hinter dem Projekt steckt, was zählt, sind die Musik, die Videos und das Auftreten. Das ist Unterhaltung und Kunst.

Ninja und Yo-Landi haben es schon zuvor mit diversen anderen Projekten versucht, wie z. B. The Original Evergreen oder Max Normal.TV, bei dem Ninja im Anzug seine Kapitalismuskritik gerappt hat, während Yo-Landi dazu eine Powerpointpräsentation vorführte.

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Hört man sich das Debütalbum $O$ genauer an, merkt man schnell, dass da deutlich mehr Substanz hintersteckt, als das erste Video Zef Side vermuten lässt. Das Album war zunächst kostenlos auf der Homepage der Band erhältlich (oder war das die EP 5, da bin ich mir jetzt nicht sicher), dann schloss man einen Deal mit Interscope/Universal, der vor Erscheinen des zweiten Albums Tension rückgängig gemacht wurde. Inzwischen erscheinen alle Alben im von Die Antwoord selbst gegründeten Label ZEF-Records (verbessert mich, wenn ich hier falsch liege).

 

Nach einem disharmonischen Intro und dem schrägen Refrain beginnt der erste Song In Your Face mit einem knalligen, treibenden Beat, zu dem bald die eigenwilligen und von einem starken Afrikaans-Akzent geprägten Raps von Yo-Landi einsetzen. Trotz des etwas nervig verzerrten Refrains und den nicht weniger nervigen Rapeinlagen durch Ninja, ein kraftvoller, wenn auch nur begrenzt eingängiger Einstieg in das Album, in dem es vor allem um die Bandmitglieder selbst geht, und wie sie sich mit den Jahren verändert haben, verpackt in eine prollige Selbstdarstellung (wie es sich für richtigen Gangsta-Rap gehört).

Lied Nummer zwei ist dann schon direkt der große Hit, mit dem Die Antwoord weltweit bekannt wurde: Enter the Ninja. Die ersten zehn Sekunden haben mich schon direkt mit ihrem nach einem Theremin klingenden Sound gepackt, bevor es dann mit einem bombastischen Elektroorgelsound in einer einfachen Akkordfolge weitergeht (bin kein Musiker, verbessert mich, wenn ich hier falsch liege). Danach setzt auch schon der Ohrwurm-Refrain mit Yolandis Schulmädchenstimme ein, den sich Die Antwoord bei Smile.dks Dance-Nummer Butterfly ausgeborgt haben (woraus sie auch kein Geheimnis machen). Und dann geht es auch schon mit Ninjas schnellen Raps los, die er in diesem Song wirklich perfekt hinbekommen hat. Hier stimmt einfach alles: der Flow, die Rhymes, der Rhythmus in Verbindung mit der Musik und die Tempiwechsel. Inhaltlich wird hier eine leicht klischeehafte White-Trash-Biografie eines Underdogs gestrickt, der sich selbst für einen Ninja hält bzw. das Bild aus den Ninja-Filmen der 80er (American Fighter) als Vorbild für seinen Lebensstil nimmt und damit trotz aller Widerstände erfolgreich geworden ist. Enter the Ninja ist einer dieser Songs, den eine Band nur einmal im Leben schreibt, ganz gleich, wie viele tolle Lieder noch folgen. Wie Creep von Radiohead, Yesterday von den Beatles, Piano Man von Billy Joel, Loser von Beck, Tribute von Tenciuos D usw. Nicht, dass ich Enter the Ninja, mit diesen Songs auf eine Stufe stellen würde, es soll nur verdeutlichen, wie das Lied im Gesamtwerk der Band einzuordnen ist. Enter the Ninja ist übrigens ein trashiger Ninja-Film aus dem Jahr 1981 von Cannon (deren Filme ich als Kind geliebt habe) mit Franco Nero, der für das Studio so etwas wie einen Durchbruch bedeutete.

Wat Kyk Jy (vermute mal, das heißt so was wie »Was guckst du«) beginnt als Technonummer mit als Parolen gerufenen Lyriks auf Afrikaans, gefolgt von in lässigem Tonfall gesprochenem Text von Ninja. Habe ich als eher mittelmäßig empfunden, da das Gelaber von Ninja eher nervt.

Weiter geht es mit dem besten Song des Albums. Bei Evil Boy passt die Kombination aus Inhalt, Musik und Präsentation perfekt. Es handelt sich um eine seltene Kooperation mit dem jungen südafrikanischen Rapper Wanga. Anders als es auf den ersten Eindruck im Video wirkt, wo der in Xhosa gerappte Teil von Wanga untertitelt ist, geht es nicht gegen Homosexualität, sondern gegen den Ritus der Beschneidung bei jungen Männern, die unter solchen Umständen stattfinden (Küchenmesser, keine Desinfektion usw.), dass jährlich dutzende an den Folgen von Infektionen sterben. Es heißt, die Beschneidung würde sie zu echten Männern machen, die nicht schwul werden, die nicht evil boy for life bleiben. Und genau gegen diesen Glauben richtet sich das Lied, und macht sich lustig über die Penisfixiertheit einer extrem homophoben Gesellschaft. Die von Diplo produzierte kraftvolle und abwechslungsreiche Musik ist erstklassig und hat mich richtig in den Song reingezogen.

 

Das von einem Xylophonsound und einem catchy Beat durchzogene Rich Bitch ist ein weiterer super Song auf dem Album, in dem Yo-Landi ganz alleine rappen und sich über reiche Upper-Class-Ladys lustig machen darf, die es aus der Armut zu Wohlstand geschafft haben. In Anbetracht ihrer Geschichte und einigen Äußerungen in Interviews scheint da aber durchaus Autobiografisches drin zu stecken, wenn sie z. B. rappt: I was a victim of a kak situation; Stuck in the system; With no fokken assistance und dass sie das Geld an der Kasse abzählen musste, womit das Lied trotz des Parodie-Charakters ernste Töne anschlägt. Musikalisch ist das Stück nicht gerade außergewöhnlich, dem Text aber angemessen und eingängig.

Fish Paste ist ein üblicher Angeberrap, in dem man den Hatern den Mittelfinger zeigt, behauptet der Coolste mit dem Längsten zu sein und einige Leute namentlich disst. Musikalisch ganz ordentlich. Ninja setzt leider wieder seine nervige Genervt-Stimme ein.

Scopie überzeugt mit einem eingängigen Refrain, Videospielsounds und minimalistischen Beats. Enthält viel Afrikaans, versauten Text und Ninja klingt wieder leicht genervt, aber irgendwie passt es hier. Ist kein Übersong, aber hat was.

Beat Boy, dessen Video wohl zur Bekanntheit der Band und ihrem White-Trash-Image beigetragen hat (allerdings nur einen kurzen Auszug aus dem Song enthält), ist eigentlich nicht schlecht, nervt aber auf einer Laufzeit von acht Minuten nach der Hälfte mit seiner Monotonie. Der Text ist auch wieder ziemlich versaut, pornographisch mit spirituellen und BDSM-Bezügen und könnte manchen Hörer leicht verstören. Meines Wissens nach, hat Ninja Teile davon auch schon auf einem früheren Soloalbum verwendet, und es passt auch nicht so recht zum Rest.

Never make a pretty woman your wife, heißt es in She makes Me a Killer, in dem es um Eifersucht und durchgeknallte Tussen mit Ansprüchen geht – zumindest aus seiner männlichen Macho-Sicht. Musikalisch gefällt es mir mit seiner dramatischen Inszenierung, textlich allerdings weniger, auch wenn es wohl eine ironische Kritik an dieser männlichen Sichtweise auf Frauen ist. Yo-Landi ist an dem Song übrigens nicht beteiligt.

Zum schrägen und völlig aus der Reihe tanzenden Party/Saufsong Doos Dronk in Kooperation mit Jack Parow und Francois Van Coke, fällt mir nicht viel ein, es hört sich an wie eine Mischung aus Seemannslied und Gogol Bordello. Bei dieser Liveperformance des Songs ist vor allem interessant, wie viel tiefer und aggressiver sich die Stimme von Yo-Landi im Vergleich zu den anderen Liedern anhört. Das Lied wirkt live auch deutlich besser als auf dem Album.

Zum Abschluss gibt es mit $O$ noch ein stimmungsvolles und eingängiges Instrumentalstück von DJ Hi-Tek

Mit diesem Album ist Die Antwoord ein eindrucksvolles Debütalbum gelungen, das zwar einige mittelmäßige Stücke enthält, insgesamt aber mit einigen herausragenden Songs wie Enter the Ninja und Evil Boy sowie großem Abwechslungsreichtum punkten kann. Der hohe Anteil an Afrikaans verleiht dem Ganze vor allem dank Yo-Landis bezauberndem Akzent eine exotische Note für Hörerinnen und Hörer, die sonst vor allem an englischsprachige Musik gewöhnt sind.

Listen and be happy.

 

Demnächst folgt hier die Besprechung des zweiten Albums Ten$ion.