„Wo sind die Frauen“ – Einige Ergänzungen zum Beitrag vom 26.4.

Einiges an meinem gestrigen Blogeintrag könnte aufgrund einiger Formulierungen etwas missverständlich rübergekommen sein. Weshalb ich in diesem Beitrag noch ein paar Sachen ergänzen möchte.

Eine berechtigte Frage. Warum nur so wenige Frauen? Ich bin mir sicher, dass die Auswahl bei Fischer/Tor völlig unabhängig vom Geschlecht getroffen wurde. Ich kenne den Geschmack und Anspruch von Programmchef Hannes Riffel ein wenig und weiß, dass es ihm vor allem um die Geschichte, die Sprache und jetzt bei einem großen Publikumsverlag natürlich auch ein wenig um die Verkaufbarkeit geht. Bei Droemer/Knaur besteht das Team und Programmleiterin Natalja Schmidt zum größten Teil aus Frauen.

Mit diesem Absatz wollte ich den Teams der anderen Verlage auf keiner Weise unterstellen, dass sie mit einem anderen Anspruch an ihr Programm herangehen würden als Hannes Riffel und Fischer/Tor. Ich habe ihn nur explizit erwähnt, weil ich ihn (und seinen Buchgeschmack und seine Kriterien) aus meiner Zeit in Berlin und bei Golkonda persönlich kenne, und wollte damit ausschließen, dass man meine Ausführungen so verstehen könnte, ich würde glauben, man nähme dort bewusst mehr Männer ins Programm. Bei allen anderen Verlagen kenne ich niemanden persönlich oder nicht so gut. Das war etwas doof formuliert.

Etwas unglücklich formuliert war auch meine Aussage, dass es den Anschein habe, dass in den Verlagen mit mehr Frauen im Team mehr Frauen im Programm erscheinen würden. Denn dafür kenne ich weder Verlagsteams noch deren Abläufe gut genug.

Der Eintrag war auch überhaupt nicht als Wertung der Programme gedacht. Die finde ich nämlich ganz toll. Da werden im Herbst/Winter 2016 so viele tolle Bücher erscheinen, dass ich gar nicht weiß, wo ich mit dem Lesen anfangen soll. Auch soll es nicht heißen, dass ich die Bücher von Frauen besser finden würde als die der Männer, die dort in den Programmen erscheinen.

Mir brannte es einfach nur auf den Finger, meiner Verwunderung über das Verhältnis im Programmanteil von Autorinnen zu Autoren Ausdruck zu verleihen. Und vielleicht die Frage in den Raum zu werfen: Woran es liegen könnte?

In der Diskussion im Forum der Bibliotheka Phantastika und auf dem Blog Fragementansichten wurden einige interessante Erklärungsansätze geäußert. So schrieb Alessandra Reß auf ihrem Blog zum Beispiel:

Aus meiner Kleinverlagsperspektive heraus hätte ich aber erwartet, dass es in der Fantasy inzwischen ein bisschen besser aussähe als das Ergebnis impliziert.

In historischer Sicht ist es zumindest für den deutschsprachigen Raum allerdings nicht verwunderlich, dass männliche Autoren dominieren. Die Phantastikszene, wie sie heute im deutschsprachigen Raum existiert, ist primär aus dem Heftroman-Fandom und der Rollenspielszene entstanden. Ersteres ist glaube ich bis heute eine Männerdomäne, zumindest im SF- und F-Bereich. In der Rollenspielszene sieht das inzwischen zwar anders aus, aber Anfang der 90er waren Frauen auch hier unterrepräsentiert. Darin liegt vielleicht auch ihr verhältnismäßig geringerer Anteil an der Erstellung von DSA-Romanen und -Regelwerken begründet – aber eben die waren eine wichtige Vorstufe zur heutigen Szene.* Davon abgesehen ist es kein Zufall, dass nahezu jeder der Ü35-Autoren angibt, aus dem Pen&Paper- oder TableTop-Bereich zu kommen.

Und Forist Gero gab im Forum der Bibliotheka Phantastika noch ein paar Punkte zu bedenken:

(1) Ein Halbjahresprogramm ist ein – letztlich sehr willkürlich gewählter – Ausschnitt; um grundlegende Aussagen zu treffen, müsste man sich das schon über einen längeren Zeitraum anschauen (wobei in Subgenres wie der SF oder der Epic und oder Heroic Fantasy/Sword & Sorcery (incl. ihres Stiefkinds namens Grim & Gritty) die Zahl der Autorinnen vermutlich immer deutlich unter der ihrer männlichen Kollegen liegen dürfte, weil sich in diesen Subgenres deutlich mehr Autoren als Autorinnen bewegen – man muss sich doch nur mal anschauen, wie es mit deutschsprachigen AutorInnen in diesen Bereichen aussieht).

(2) Ich bin der Überzeugung, dass die spezifischen Themen, die Männer und Frauen interessieren (und zwar jeweils den überwiegenden Teil – dass es Männer und Frauen gibt, bei denen das anders ist, steht selbstredend nicht zur Debatte) und über die Männer und Frauen dann eben auch schreiben, wenn sie schreiben, sich signifikant unterscheiden. Und die Themen, die die meisten Frauen interessieren, lassen sich (wiederum mMn, man kann das sicher anders sehen!) in den o.g. Subgenres schlechter umsetzen (oder sie werden von der männlichen Leserschaft und von dem Teil der weiblichen Leserschaft, deren Interessen nicht mit denen des Großteils ihrer Geschlechtsgenossinnen identisch sind, als störend oder als Fremdkörper empfunden) als z.B. in der Urban Fantasy (in deren heutiger Ausprägung deutlich mehr Autorinnen als Autoren unterwegs sind).

(3) In den ersten Programmen des All-Age-Verlags Penhaligon (der nie ein richtiger All-Age-Verlag war, aber so what ;)) waren meistens mehr Autorinnen als Autoren vertreten, ebenso wie das (gefühlt, ich habe das nicht im Detail überprüft) generell im All-Age-Bereich der Fall ist. Auch die unzähligen Jugendbuch-Dystopien, die im Gefolge der »Tribute von Panem« den Markt überschwemmt haben, wurden und werden überwiegend von Autorinnen verfasst. Soll heißen, die Frage ist auch, was ich mir letztlich anschaue, welchen Ausschnitt aus dem wie auch immer zu definierenden Gesamtbereich ich wähle.

(4) Ungeachtet all dessen finde ich es natürlich grundsätzlich bedauerlich, dass eine Elizabeth Bear, eine Kate Elliott, eine Kameron Hurley, eine N.K. Jemisin, eine Glenda Larke, eine Sofia Samatar etc.pp. derzeit nicht (mehr) auf dem deutschen Buchmarkt präsent sind bzw. es niemals waren.

Wirft man einen Blick auf den englischsprachigen Buchmarkt, wird man sicher zu einem ähnlichen Anteil von Frauen in den SF & F Programmen kommen. Bei mir haben sich auch deutsche Verleger gemeldet, die mitteilten, dass sie einfach weniger Manuskripte von Frauen bekommen würden.

Im ursprünglichen Beitrag hatte ich ja schon angekündigt, dass ich noch auf die jeweiligen Verlagsprogramme im Einzelnen eingehen wolle. Das war so gemeint, dass ich auf das eingehen will, was mir in den Programmen so gut gefällt (wenn auch mit einem Schwerpunkt auf den darin vertretenen Autorinnen). Und ich bin sehr froh, dass ich als Übersetzer auch an dem einen oder anderen Programm beteiligt bin.

Die Absicht hinter meinem gestrigen Beitrag lag vor allem darin, etwas mehr Aufmerksamkeit für die Frauen in den Phantastikprogrammen (und insbesondere in der Science Fiction) zu erzeugen. Er war rein konstruktiv gemeint, aber ja, doch durchaus auch ein wenig provozierend und lockend in Richtung Verlage.😉

Ich verlange überhaupt keine Quote oder ein Verhältnis von 50:50. Es war der Versuch eine Debatte in der Phantastikszene anzustoßen, um ein wenig zu hinterfragen. Und zwar nicht nur die Programme, sondern auch uns selbst als Leser. Ich erliege zumindest dem Glauben, dass ich meine Bücherauswahl völlig unabhängig vom Geschlecht der Verfasserin treffe, basierend darauf, ob mich die Geschichte anspricht, ob mir die Leseprobe gefällt oder ob von mir geschätzte Rezensenten und/oder Freunde das Buch empfohlen haben. Trotzdem stammen die Bücher in meinem Regalen zu 70 bis 80 Prozent von Männern. Da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen. Würde ich ein Verlagsprogramm nach denselben Kriterien zusammenstellen, wie meine private Lektüre, es würden vermutlich auch die Männer dominieren.

Phantastikvorschauen Herbst/Winter 2016: Wo sind die Frauen?

Auf dem PAN-Branchentreffen letzte Woche gab es abends eine Lesung und Diskussionsrunde mit Kai Meyer, Bernhard Hennen und Markus Heitz, moderiert von Karla Paul, die dann fragte: »Wieso sitzen hier eigentlich nur Männer?« Sie hakte dann noch nach, darauf hinweisend, dass sich im neuen Phantastikprogramm von Fischer/Tor (das auf dem Treffen verteilt wurde) unter den zwölf Neuerscheinungen nur drei Titel von Autorinnen befand. Bei Droemer/Knaur seien es zumindest sechs von fünfzehn.

Eine berechtigte Frage. Warum nur so wenige Frauen? Ich bin mir sicher, dass die Auswahl bei Fischer/Tor völlig unabhängig vom Geschlecht getroffen wurde. Ich kenne den Geschmack und Anspruch von Programmchef Hannes Riffel ein wenig und weiß, dass es ihm vor allem um die Geschichte, die Sprache und jetzt bei einem großen Publikumsverlag natürlich auch ein wenig um die Verkaufbarkeit geht. Bei Droemer/Knaur besteht das Team und Programmleiterin Natalja Schmidt zum größten Teil aus Frauen.

Aus diesem Grund habe ich mir mal angesehen, wie es insgesamt in den kommenden Vorschauen der größeren Phantastikverlage aussieht. Ich schreibe die Zahlen im Folgenden als Zahlen, damit man die Verhältnisse besser im Blick hat. Um direkt zu den Programmen zu gelangen, müsst ihr einfach unten auf den Link im Verlagsnamen klicken. Die Programme von Droemer/Knaur und Fischer/Tor liegen mit momentan nur in gedruckter Form vor.

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Bei Piper sind nur 3 von 26 Titeln von Frauen geschrieben, und unter den 5 SF-Büchern befindet sich keine Einzige.

Das größte Programm erscheint mit 47 Titeln bei Heyne, von denen immerhin 16 von Frauen stammen, darunter 10-mal Urban Fantasy und nur 2 von 21 SF-Büchern.

Deutlich besser sieht es bei Bastei/Lübbe aus, dort stammen immerhin 10 von 22 Titel von Frauen, darunter auch zweimal SF.

Bei Blanvalet sind es nur 3 von 16 Erscheinungen, darunter 2-mal SF.

Fischer/Tor hat bei 12 Titeln nur 3 Frauen im Angebot (das habe ich jetzt doch irgendwie ähnlich unglücklich formuliert, wie »binders full of women«😉 ), immerhin schreiben 2 davon Science Fiction.

Droemer/Knaur hebt den Gesamtschnitt mit 6 von 18 Titeln im Programm wieder etwas an, darunter allerdings keine SF.

Auf die Programme der zahlreichen Kleinverlage gehe ich an dieser Stelle nicht ein, dort sind die Programmvorschauen oft nicht so übersichtlich und mit denen der großen Publikumsverlage zu vergleichen, zumal sie auch eine deutlich geringere Präsenz in den Buchhandlungen haben. Doch nichtsdestotrotz tut sich dort etwas. Ich übersetze zum Beispiel gerade einen ganz tollen SF-Roman einer amerikanischen Autorin für Cross Cult. Und auch Nnedi Okorafors Lagoon wird dort erscheinen. Und Atlantis war der erste Verlag, der nach vielen Jahren wieder mal ein Buch von Ursula K. Le Guin gebracht hat.

Was die großen Publikumsverlage angeht, da weiß ich nicht, wie es in allen Lektoraten/Redaktionen personell aussieht, aber mir scheint doch, dass dort, wo der Frauenanteil überwiegt und/oder bzw. eine Frau das Programm leitete, der Anteil an Autorinnen im Programm doch etwas höher liegt.

Ich enthalte mich jetzt mal jeglicher Wertung und spekuliere auch nicht über die Gründe, warum der Anteil an Autorinnen in den aktuellen phantastischen Programmvorschauen der großen Publikumsverlage nur bei 29 Prozent liegt. Von 141 Neuerscheinungen stammen 41 von Frauen. In der Science Fiction liegt der Anteil sogar nur bei 19 Prozent, mit 8 von 49 Titeln.

Als Konsequenz werde ich auf meinem Blog in diesem Jahr nur noch Bücher von Frauen besprechen. Sowohl Titel aus den deutschsprachigen Programmen (auch von Kleinverlagen) als auch noch unübersetzte englischsprachige Bücher, wie z. b. von Nina Allen, Nnedi Okorafor, Elizabeth Bear, Sofia Samatar uvm. Wobei ich mich da ein wenig auf die Science Fiction konzentrieren werde, da dort im englischsprachigen Bereich ganz aufregende Sachen erscheinen.

In den nächsten zwei Wochen werde ich auch noch in einzelnen Blogbeiträgen einen genaueren Blick auf die oben erwähnten Programme und deren Titel von Autorinnen werfen.
P.S. Das Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerk e.V. wurde, soweit ich das sehen konnte, übrigens fast ausschließlich von Autorinnen organisiert und durchgeführt.

Nachtrag (29.4.): Hier geht es zu einer wichtigen Ergänzung zu diesem Beitrag.

Wo man mich trifft: PAN-Branchentreffen und Marburg-Con

Am Donnerstag und Freitag werde ich am ersten PAN-Branchentreffen in Köln teilnehmen. PAN, das ist der Anfang des Jahres neugegründete Verein das Phantastik-Autoren-Netzwerk e.V. , der von einigen PhantastikautorInnen gegründet wurde, um das Genre und die Branche zu fördern. In Köln treffen sich AutorInnen, Verlagsmenschen, Blogger, Übersetzer usw. Es gibt ein festes Rahmenprogramm mit Vorträgen und Diskussionrunden, aber es geht wohl auch ums Netzwerken. Letzteres ist nicht gerade meine große Stärke, aber ich bin trotzdem neugierig, auf die Veranstaltung, deren hohe Teilnahmegebühr von 150 bis 170 Euro mich zunächst noch abgeschreckt hatte. Aber wenn schon mal so etwas bei mir in der Nähe stattfindet, will ich es mir nicht entgehen lassen. Ist für einen einsam in seinem stillen Kämmerlein vor sich hinwerkelnden Übersetzer auch mal eine Gelegenheit, unter echte Menschen zu kommen.

Am Samstag geht es dann nach Niederweimar auf den Marburg Con. Wird mein drittes Jahr auf diesem im Vergleich zum Bucon etwas kleineren Con in familiärer Atmosphäre sein. Der Con ist traditionell etwas horrorlastiger, weshalb dort auch der Vincent Preis verliehen wird. Da ich kein großer Fan von Lesungen bin, wird man mich die meiste Zeit im Gemeinschaftsbereich mit den Ständen und Tischen antreffen, wo ich im schicken Hawaiihemd spannende Gespräche mit Oliver Naujoks oder Torsten Scheib führen oder Dirk van den Boom an der Theke »Das muss alles schneller gehen!«, zurufen werde.

EILMELDUNG: Habe gerade (stand 20.4. 15:06 Uhr) erfahren, das Oliver doch nicht kommen kann. Sehr schade.

Hotel Honolulu – Paul Theroux

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Meine Mutter hat das Buch bei einem Gewinnspiel gewonnen. Fünf Bücher durfte sie sich aus dem Programm von Hoffmann und Campe aussuchen. Dafür hat sie aber auch einiges an Rätselei geleistet. Eines dieser Bücher durfte ich auswählen; und da ich Hawaii-Fan bin, fiel meine Wahl natürlich auf Hotel Honolulu. Außerdem gibt es auf dem Cover Palmen. Und es gibt zwei Sachen, mit denen man mich leicht ködern kann: Ninjas und Palmen.

Ninjas gibt es in diesem Buch nicht, aber es hat mich trotzdem von der ersten Seite an gefesselt. Theroux hat eine tolle Erzählstimme und einen ebenso wunderbar heruntergekommenen charmanten Humor wie das Hotel, sein Personal und die Gäste.

Das Cover wirkt wie eine alte Tapete (auch wenn es wohl ein Hawaiihemd darstellen soll), und so wirkt auch die Geschichte: Der Ich-Erzähler zieht in das Hotel Honolulu ein, fängt an die dicken Tapetenschichten von der Wand zu kratzen, und jede weitere Tapete, die zum Vorschein kommt, erzählt eine andere Geschichte. Und es ist kein Hawaii auf einer Hochglanztapete, es sind Schichten aus schmuddeligen Faserresten mit Rauch und Spermaflecken, dem abgestandenen Geruch nach Schweiß und billigem Parfüm. Nicht das Paradies, sondern das verlorene.

Die Brüder stellen das Leben in ihrem Werk wahrheitsgemäß dar und ließen nicht zu, dass Hawaii wie ein Paradies erschien. Hawaii war ein realer mit Makeln behafteter Ort, mit ausgewaschenen Bergen, umgestürzten Bäumen, Eisen im Boden und zerbröckelten Korallen. Bevölkert von Außerirdischen und Wurzellosen, wurden die Inseln von bedrohlichem Rankwerk und von Seuchen erstickt, die die alte, ursprüngliche Vegetation zerstört hatten.

(Seite 278)

Es sind skurrile Geschichten von schrägen Menschen, oft lustig, manchmal tragisch und zum Teil so abgründig und bitterböse, dass einem das Lachen wie ein Stück leimige, zerknüllte Tapete im Halse stecken bleibt. Die Lebensgeschichten, die der Ich-Erzähler hier berichtet, sind zum Teil hammerhart und kaum auszuhalten, werden aber in einem so beiläufigen Ton erzählt, dass dies ihre Wirkung nur verstärkt und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber solchen Schicksalen unterstreicht.

Das interessanteste Kapitel ist für mich das über den glücklichsten Mann von Hawaii. Aber Theroux bezieht sich nicht umsonst auf Tolstois Satz: »Glück ist kein Thema«, und so hat auch das größte Glück im Paradies einen Haken.

Der Ich-Erzähler erwähnt nie seinen Namen, und es heißt, der Roman sei autobiographisch. Das kann ich nicht beurteilen, aber es tauchen schon einige Menschen in der Geschichte auf, deren Name mir ein Begriff ist, wie z. B. der Henry-James-Biograph Leon Edel oder der wunderbare Sänger Israel „Bruddah Iz“ Kamakawiwoʻole. Sollte es wirklich so sein, dann wundert es mich doch ein wenig, wie Theroux sich über manche Menschen äußert. Sein Tonfall ist eigentlich immer gelassen, nie emotional, frustriert oder verbittert, aber über seine Frau äußert er nicht nur Positives, wenn er sie z. B. als seichtes Gemüt bezeichnet.

Über 80 Menschen sollen hier laut Klappentext Geschichten erzählt werden. Ich habe nicht mitgezählt, aber in erster Linie ist es ein Buch über die schillernde und streitbare Persönlichkeit des Buddy Hamstra, der ein echtes Inseloriginal gewesen sein muss. Die Art von Mensch, die seit der Jahrtausendwende langsam endgültig auszusterben scheint.

Es macht einfach Spaß, dieses leicht abgehalfterte Hotel mit viel Persönlichkeit in seiner paradiesischen Kulisse zu betreten, über den abgelaufenen Teppich zu schreiten, während Rose – die Tochter des Ich-Erzählers – um einen herumtollt und viel zu erwachsene Fragen stellt, die Bar zu betreten, in der Buddy und seine Freunde schallend über schmutzige Witze lachen, sich einen Platz an der Theke zu suchen und den Geschichten des Concierge zu lauschen, der das bunte Treiben im Hotel seit Jahren mit dem aufmerksamen Blick eines Schriftstellers beobachtet.

Ist, wie oben schon erwähnt, bei Hoffman und Campe in der ausgezeichneten Übersetzung von Theda Krohm-Linke erschienen.

Übersetzen

Ein paar lose und spontane Gedanken zum Thema Übersetzen. Zunächst schildere ich einige allgemeine Gedanken zur historischen Bedeutung von Übersetzungen, bevor ich dann am konkreten Beispiel der Science Fiction zeige, warum Übersetzungen auch heute noch eine kulturelle Bedeutung besitzen, die über das einfache Lesen in der Freizeit hinausgeht.

Seit Entwicklung der summerischen Keilschrift, der chinesischen Schriftzeichen auf Orakelknochen oder den Hieroglyphen der alten Ägypter spielt niedergeschriebene Sprache für die Menschheit eine wichtige Rolle. Sie bot erstmals die Möglichkeit, Wissen konkret – und nicht nur in kryptischen Höhlenmalereien – festzuhalten. Wissen bedeutet Macht. Gesetze werden niedergeschrieben, damit sich die Bevölkerung daran halten kann; es wird dokumentiert, wer Steuern gezahlt hat und wer nicht. Diplomatische Depeschen, Briefe und Verträge – sie alle enthalten niedergeschriebenes Wissen, das den Lauf der Welt verändern kann.

Da es auf der Welt aber viele Sprachen gibt, ist dieses Wissen auf die kleine Gruppe beschränkt, die diese Sprache beherrscht – mal abgesehen davon, dass sie auch lesen können müssen. Handeln zwei Länder miteinander Verträge aus, müssen diese jeweils in die Sprache des anderen Landes übersetzt werden. Übersetzungsfehler in Verträgen und Nachrichten können Kriege auslösen. Im Prinzip überträgt der Übersetzer nur Wissen von einer Sprache in eine andere und muss dabei möglichst genau sein.

Doch die niedergeschriebene Sprache geht darüber hinaus, sie fungiert auch als kulturelles Gedächtnis. Geschichten, die zuvor nur mündlich weitererzählt wurden und dabei im Sinne der »stillen Post« immer weiter verwässert und verändert wurden, können nun unveränderlich auf Stein, Papyrus oder Papier festgehalten werden. Ob es sich dabei um Historiker wie Tacitus handelt oder Autoren wie Plinius dem Jüngeren, die (heute) historische Ereignisse – wie z. B. den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 – als Augenzeugen erlebt und festgehalten haben; Philosophen wie Plato, die Einblicke in die Denkweisen und Weltbilder in den Jahrhunderten vor Christus liefern, oder Autoren wie Homer, die reale Ereignisse in fiktiver Form als Geschichten zu Papier bringen – sie alle tragen zum kollektiven Schatz ihrer Kultur, ihres Volkes, ihres Landes und der Menschheit bei, sie erschaffen das sogenannte kulturelle Gedächtnis.

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Ihre Schriften haben sich über die Jahrhunderte und Grenzen hinweg verbreitet, obwohl damals wie heute viele Menschen weder Altgriechisch noch Latein sprachen. Es waren Übersetzer, die für die Verbreitung dieser Werke sorgten. Damals noch ganz ohne Internet, nur mit ihrer Bildung bewaffnet.

Übersetzungen tragen zum gegenseitigen Verständnis von unterschiedlichen Kulturen bei. Sie überwinden Grenzen und Differenzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Welt viel weniger von Fremdenfeindlichkeit heimgesucht würde, wenn mehr Menschen übersetzte Bücher aus jenen Kulturen lesen würden, vor denen sie sich so fürchten. Das müssen nicht einmal große Klassiker oder anspruchsvolle Texte sein, es reichen schon ein paar Krimis oder zeitgenössische Romane.

Kein Buch ersetzt eine Reise, aber mit jedem Buch aus einem anderen Land, einer anderen Kultur holt man sich ein Stück von der Welt nachhause. Doch kein Mensch beherrscht alle Sprachen, weshalb man eben Übersetzerinnen benötigt, um einem diese Texte aus fremden Sprachen zugänglich zumachen. Insofern kann man Übersetzer auch als Reiseführer und kulturelle Vermittler sehen.

Und ein Reiseführer sollte sich in der Kultur, durch die er führt, auch auskennen. Es gibt schlechte Übersetzungen, die nichts taugen, weil der Text einfach 1:1 übersetzt wurde, ohne die kulturellen Besonderheiten, die Wortspiele, den Kontext und die Wirkung auf die Leserin zu beachten. Es gibt – leider auch heute noch – Übersetzungen von Übersetzungen, in denen nach dem Prinzip der stillen Post die oben erwähnten Aspekte verloren gehen oder zumindest verwässert werden.

Da ich persönlich hauptsächlich fiktionale Texte in Form von Romanen und Kurzgeschichten übersetze, werde ich mich in diesem Text auch auf selbige beschränken. Die Einleitung oben kommt ja recht hochtrabend und mit hehren Ansprüchen daher. Aber muss denn auch jeder Schmu von Landscape and Romance (Rosamunde Pilcher), Vampirschmonzetten, C-Movie-Actionroman über Hausfrauenpornos bis Splatterpunk usw. übersetzt werden?

Sicher muss nicht jeder Schrott, oder was man so dafür hält, übersetzt werden, aber wenn es Leserinnen gibt, die bevorzugt in einem bestimmten Genre lesen (und da gibt es durchaus viele), dann trägt es doch trotzdem zur Erweiterung des kulturellen Horizontes bei, wenn in diesem Genre auch Schmu aus anderen Kulturen übersetzt wird.

Bei mir hat es sich aus einer Kombination von privaten Interessen und zufälligen Bekanntschaften ergeben, dass ich vor allem Science Fiction übersetze (die Dudenschreibweise mit Bindestrich geht übrigens gar nicht😉 ). Ein Genre, das seine Wurzeln – natürlich nicht nur – aber hauptsächlich im angloamerikanischen Raum hat, vor allem was seine Entwicklung bis zum heutigen Status quo angeht. Zu diesem Genre gehört auch ein Fandom, also begeisterte Leser, die ihrem Hobby nicht nur aus der Lektüre der Bücher verstehen, sondern sich darüber hinaus auch in Foren, Vereinen und auf Cons organisieren, um sich über ihr Hobby mit anderen auszutauschen. Ein Fandom, dessen internationaler Charakter durch das Internet einen enormen Schub bekommen hat, was dazu führt, dass man sich nicht nur auf internationalen Veranstaltungen wie dem Worldcon trifft, sondern auch in Internetforen, sowie auf Twitter und Facebook. Und da ist es natürlich hilfreich, wenn man eine gemeinsame Grundlage hat, also Bücher, die alle gelesen haben und guten Diskussionsstoff bieten. Hier tragen Übersetzungen direkt zur kulturellen Verständigung bei.

Gerade durch die Dominanz der angloamerikanischen Science-Fiction-Literatur (die durch einige herausragende und unerreichte Autoren und Autorinnen durchaus gerechtfertigt ist), ist es wichtig, dass auch Bücher aus anderen Sprachen und Kulturen übersetzt werden, um dem Leser ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm und differenzierte Perspektiven zu bieten. Wie schon oben in der Klammer erwähnt, halte ich englischsprachige Autoren (wie z. B. Ian McDonald, Neal Stephenson, David Mitchell, Peter F. Hamilton, Robert Charles Wilson, Kim Stanley Robinson, Iain Banks uvm.) für praktisch unerreicht. Mit Ausnahme von Dietmar Dath fällt mir kein deutschsprachiger Science-Fiction-Autor (ohne denen jetzt zu Nahe treten zu wollen) ein, der den genannte auch nur halbwegs das Wasser reichen kann, was anspruchsvolle, visionäre und intellektuell herausfordernde Science Fiction angeht).

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Und viele der genannten Autoren werden auch ins Deutsche übersetzt (leider nicht alle, der herausragende Ian McDonald wird seit einigen Jahren leider schändlich verschmäht). Und so toll ich das finde, und so gerne ich diese Autoren und auch die jetzt von mir nicht genannten Autorinnen lese, entsteht dadurch ein kultureller Tunnelblick, der zu einer amerika- und eurozentrischen Weltsicht führt. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, wenn auch SF-AutorInnen von anderen Kontinenten oder zumindest mit anderen kulturellen Hintergründen übersetzt werden.

Bei Heyne wird demnächst der großartige chinesische SF-Roman Die drei Sonnen (The Three-Body Problem) von Cixin Liu erscheinen, der nicht nur visionäre SF-Elemente enthält, sondern auch Einblicke in die dunkle Zeit der Kulturrevolution in China liefert. Bei Cross Cult wird demnächst der Roman Lagoon von der amerikanisch-nigerianischen Autorin Nnedi Okorafor erschienen, die eine Alieninvasion in die nigerianische Millionenmetropole Lagos verlegt hat. Lauren Beukes liefert mit ihren SF-Romanen wie Moxyland Einblicke in eine südafrikanische Perspektive auf die Zukunft.

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Übersetzungen bedeuten Vielfalt, die Möglichkeit, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten, um sich vielleicht ein wenig in das Fremde hinversetzen zu können, um die Welt in all ihrer Vielfalt, mit ihren unzähligen Kulturen und Menschen ein wenig besser zu verstehen.

To be continued …

Meine Lektüre März 2016

13. Paul Auster – Mond über Manhattan
14. Alex Marshall – A Crown for Cold Silver
15. James Tiptree Jr. – Doktor Ain
16. Will Adams – Das Gottesgrab

Paul Auster – Mond über Manhattan (Reread)

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Siehe hier.

Alex Marshall – A Crown for Cold Silver

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Sprachlich ausgezeichnet geschriebener Fantasyroman, der immer wieder mit den Genreerwartungen spielt und sie gegen die Wand fährt. Die alternde Heldin erinnert ein wenig an Gemmels Druss (wenn auch nicht ganz so alt). Hat mir gut gefallen, aber etwas hat gefehlt, um mich vollends zu begeistern. Leider kann ich nicht genau benennen, was, aber es ist wohl vor allem eine Geschmacksfrage. Trotzdem eine volle Leseempfehlung für diesen originellen Fantasyroman, in dem Marshall völlig beiläufig eine Welt beschreibt, in der Männer und Frauen vollkommen gleichberechtigt sind und auch wie selbstverständlich das eigene Geschlecht ehelichen.

James Tiptree Jr. – Doktor Ain

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Die frühen Science-Fiction-Kurzgeschichten von Tiptree, die schon einmal andeuten, wohin die Reise noch gehen wird. Herrlich durchgeknallter Humor und teils radikale Ideen, die man vor allem im Kontext ihrer Zeit sehen sollte. Es sind auch ein paar Geschichten dabei, die mir überhaupt nicht gefallen haben, aber bei einer solchen Kurzgeschichtensammlung kann nicht jeder Schuss ein Treffer sein. Doktor Ain ist chronologisch gesehen, der erste Teil der wunderbar aufgemachten und hervorragend übersetzten Gesamtausgabe des Septime Verlags. Ich bin etwas spät dran, werde die Reihe aber auf jeden Fall weiterlesen.

Will Adams – Das Gottesgrab

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Eigentlich sind solche Archäologiethriller á la Steve Berry und Dan Brown genau mein Ding, und das Gottesgrab enthält auch alle notwendigen Zutaten, mit seiner in Ägypten spielenden Handlung, in der nach dem Grab von Alexander dem Großen gesucht wird, aber irgendwie stimmt die Mischung nicht. Erfrischenderweise ist der Held Daniel Knox kein Superagent wie man ihn z. B. bei Berry oder Clive Cussler hat, aber er kann noch so häufig auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen werden, teils mit harten Waffen, es hat keine Auswirkungen. Kurz darauf scherzt er wieder rum, als wäre nichts gewesen. Es gibt auch zu viele POV-Figuren, die zu viel Platz bzw. Zeit erhalten, was von den beiden im Klappentext erwähnten Hauptfiguren ablenkt und dem Leser nicht erlaubt, sich mit ihnen zu identifizieren und/oder mit ihnen mitzufiebern. Sie sind nur zwei unter vielen. Richtig Spannung wollte bei mir auch nicht aufkommen. Adams streut zwar immer wieder historische Texte und archäologische Fakten mit ein, aber die bleiben nur Staffage, anders als bei Dan Brown kann man hier nicht wirklich mitfiebern. Statt einer packenden Schnitzeljagd fahre die Figuren hier von A nach B und wieder zurück nach A, lesen mal was, schauen sich ein paar Artefakte an, bekommen eins über die Rübe gezogen und schon geht es weiter. Dabei bietet die Geschichte Alexander des Großen und den Verbindungen von Makedonien nach Ägypten eigentlich spannenden Geschichtsstoff. Aber diese ganze Geschichte mit den bösen Unternehmern, die das alles für den makedonischen Freiheitskampf tun, wirkt zu konstruiert und aufgesetzt. Die ultrakurzen Kapitel, die teilweise nur über eine halbe Seite gehen, bis schon hektisch zur nächsten Figur geschnitten wird, tragen ihr übriges zur inkonsistenten und holprigen Handlung bei. Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, da ich mir hier Abenteuer á la Indiana Jones erhofft hatte, aber erhalten habe ich nur halbgares, holpriges Stückwerk, das eher an die Serie Relic Hunter erinnert.

 

Reread: Mond über Manhattan von Paul Auster

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Vorher:

Ich muss so 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, als ich Mond über Manhattan das erste Mal las. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ausschließlich Stephen King und Fantasyliteratur gelesen, mit der Begründung, dass unsere Welt ja so schon langweilig genug sei, da müsse ich nicht auch noch Bücher lesen, die in ihr spielen. Das änderte sich erst, nachdem ich den Film Smoke mit Harvey Keitel und William Hurt gesehen habe, den ich ganz wunderbar fand. In der Hörzu hatte ich gelesen, dass das Drehbuch von dem Schriftsteller Paul Auster stammt, und da dachte ich mir, wenn er so ein tolles Drehbuch schreiben kann, dann könnte seine Romane doch auch was taugen.

Nach längerem Stöbern in der Bouvier Buchhandlung in Koblenz entschied ich mich für dieses Buch, von dem ich heute nur noch in Erinnerung habe, dass es irgendwie um einen jungen Studenten geht, der in einem Zimmer über einem Chinarestaurant lebt. Mehr könnte ich zur Handlung nicht sagen, ich glaube, er liest gerne Bücher, hat einen komischen Onkel? und verliert ein wenig den Bezug zur Realität. Aber da bin ich mir nicht mehr sicher. Bin gespannt, was beim Reread herauskommen wird.

Nachher:

Zu meinem Erstaunen muss feststellen, dass ich mich nur noch an das erste Kapitel – das die ersten hundert Seiten umfasst – erinnert habe. Die ganze Geschichte mit dem alten Effing: wie M.S. Fogg im vorliest, ihn in der Gegend rumfährt und sich von ihm beschimpfen lässt, war mir völlig entfallen. Auch die Geschichte in der Geschichte, mit dem malenden Einsiedler und die ganzen familiären Verzwickungen.

Aber das hat die erneute Lektüre nur um so spannender gemacht. Obwohl ich das erste Kapitel für das Stärkste halte. Wie Auster hier Foggs Abstieg in die Verwahrlosung beschreibt, reißt mich als Leser richtig mit. Ich hatte auch falsch in Erinnerung, dass die Geschichte in den 80ern spielt, nicht Ende der 60er, wie es tatsächlich der Fall ist.

Gegen Ende gibt es ein paar Längen, wenn dann plötzlich noch andere Personen auftauchen und deren Leben auch noch breit ausgewalzt wird. Da entsteht ein wenig der Eindruck, als hätte Auster versucht, zu viel auf zu engem Raum unterzubringen. Was dem Roman aber nicht wirklich schadet, da er ein begnadeter Autor ist, dem es gelingt originelle Figuren zu erschaffen (als unvergesslich würde ich sie nicht bezeichnen, denn immerhin hatte ich sie vergessen😉 ). Stellenweise wirken die familiären Verwicklungen etwas unglaubwürdig wenn nicht gar phantastisch, aber hey, wenn das Leben verrücktesten Geschichten schreibt, dann kann ihm Paul Auster ruhig nacheifern.

Ach, mehr fällt mir zu meinem Reread ehrlich gesagt nicht ein. Dafür gibt es in den nächsten Tagen eine Besprechung von Hotel Honululu.