Lesesplitter Mitte November

Ich klau mir mal diesen Titel und das Konzept ganz frech bei meinem Bloggerkollegen und Mitphantasten Oliver Naujoks und seinem sehr lesenswerten (wenn auch namenstechnisch etwas faulen) Blog Oliblog.😉

Zuletzt fertiggelesen habe ich New Sol von Margarete Fortune, einem Science Fiction Roman, der bei Bastei Lübbe erschienen ist. Damit habe ich jetzt nach Heyne (Rachel Bach), Knaur (Julia Lange) und Fischer Tor (Becky Chambers), aus jedem aktuellen Phantastikprogramm der großen Publikumsverlage jeweils ein Buch von Autorinnen gelesen (siehe Wo sind die Frauen). Piper und Blanvalet haben da nichts im Angebot, was mich reizt. Wie auch, bei Piper gibt es bei 26 Titeln nur drei von Frauen, und die interessieren mich nicht (Romantasy usw). Ebenso wie die drei von 16 Titeln bei Blanvalet.

Was noch auf meiner Leseliste steht, sind Vektor von Jo Koren (Atlantis), Der Winterkaiser von Kathrine Addison (Fischer Tor) und Die Magier ihrer Majestät von Zen Cho (Knaur). Aber vermutlich werde ich nicht einmal die Hälfte davon schaffen, und wenn auch erst im nächsten Jahr. Wer meinen Blog und die vielen Besprechungen zu zeitgenössischen Büchern französischer Autorinnen gelesen hat, mag mitbekommen haben, dass mich die Phantastik aktuell nicht so anspricht und meine Interessen gerade woanders liegen.

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Nichtsdestotrotz habe ich kürzlich New Sol von Margarete Fortune gelesen, das mir mit freundlichen Grüßen der Übersetzerin Kerstin Fricke ins Haus flatterte. Mit seinen 360 Seiten und dem flüssigen Stil der Übersetzung ist das auch schnell gelesen. Es geht um Lia Johnson, die nach zwei Jahren in einem Kriegsgefangenenlager wieder freikommt und auf die Weltraumstation New Sol verfrachtet wird, wo sie feststellt, dass sie eine lebende Bombe ist und der Countdown unbarmherzig tickt.

Nach der Inhaltsangabe hatte ich mit einem rasanten und knallharten Thriller, so was wie 24 im All, gerechnet, nicht mit einem Jugendbuch, dass sich vor allem auf das Innenleben und die Beziehungen der erst 16-jährigen Protagonistin Lia konzentriert. Wobei das keine negative Überraschung war. Den Lias Suche nach Identität wird einfühlsam und keineswegs langweilig geschildert. Und am Ende gibt es noch einen netten Twist, der das Ganze wieder zum Verschwörungsthriller werden lässt. Mir hat das Buch Spaß gemacht.

Ebenfalls von Kerstin Fricke übersetzt wurde Frostflamme von Christopher Husberg, das ich nach 200 Seiten erst mal zur Seite gelegt habe. Das Buch ist durchaus gut geschrieben, mit interessanten Figuren und einer soliden Handlung, aber es hat dem Genre (zumindest bis Seite 200) absolut nichts Neues hinzuzufügen. Das habe ich alles schon x-mal gelesen, das Magiekonzept kann man durchaus als Faulheit bezeichnen (einfach Telepathie, Telekinese usw.), und die Welt bleibt mir insgesamt zu blass. Auch der religiöse Erzählstrang ist mir zu gewöhnlich. Das ist eher etwas für LeserInnen, die noch nicht viel Fantasy gelesen haben, oder gerne immer mehr vom Gleichen lesen.

Auch bei Amos Oz‘ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis befinde ich mich gerade auf Seite 200. Ist durchaus gut geschrieben, mit sehr viel interessanten Informationen zur Gründung Israels und dem intellektuellen Israel zu dieser Zeit, dazu viel Familiengeschichte aus Europa, aber teilweise feuert der Autor maschinengewehrmäßig mit Namen, die mir völlig unbekannt sind, nur so um sich. Wer in Israel aufgewachsen oder mit der Geschichte des Landes besser vertraut ist als ich, wird sicher viele der Autoren, Gelehrten, Politiker usw. erkennen, mir ist das aber zu viel Namedropping. Auch folgt die autobiografische Erzählung keiner Struktur, sondern springt willkürlich von durch die Zeiten und Orte, von Person zu Person, wobei sich vieles wiederholt. Das Buch werde ich definitiv weiterlesen, aber sicher nicht am Stück.

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Unterbrochen habe ich die Lektüre aktuell für den eher locker flockig geschriebenen Urban Fantasy Roman Apocalypse Now Now von Charlie Human, der in Kapstadt Südafrika spielt. Ich habe ja vor ziemlich genau einem Jahr damit angefangen, mich verstärkt für Südafrika und vor allem dessen Literatur zu interessieren (siehe Rezis zu Niq Mlongo u. Lauren Beukes), aber auch für die Musik (Die Antwoord). Da kommt dieser vor popkulturellen Anspielung nur so strotzende Roman gerade recht.

Inzwischen habe ich ihn beendet (schreibe schon seit einer Woche an diesem Beitrag, irgendwie ist ja jetzt auch schon fast Ende November), mal sehen, ob Zeit und Energie noch für ein Rezi reichen. Aktuell lese ich Can’t Stop, Won’t Stop – A History of the Hip Hip Generation von Jeff Chang, das inzwischen als Standardwerk über die Geschichte des Hip Hops gilt. Das Buch ist nicht nur ausgezeichnet recherchiert, sondern auch richtig gut geschrieben sowohl von der inhaltlichen Struktur her als auch vom Stil. Rezi folg dann gen Weihnachten.

Und das hier ist der Grund, warum mir gerade so wenig Zeit und/oder Energie für Buchbesprechungen und andere Blogbeiträge bleibt:

Die Neunte Stadt von J Patrick Black

Die Neunte Stadt von J Patrick Black

Über 700 Normseiten, drei Monate Zeit, auf dem Endspurt noch eine heftige Erkältung, da muss der Blog etwas warten. Jetzt gerade habe ich auch nur Zeit, weil ich mein Tagespensum schon erledigt habe. Ich werde noch ausführlicher darüber berichten, hier gibt es erste Infos.

Die englischsprachige Ausgabe hat durchaus schon begeisterte Leserinnen gefunden:

 

„Meine geniale Freundin“ von Ellena Ferrante

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Das Hypebuch der Saison. Ist mir aber egal, wenn mich ein Buch interessiert lese ich es, und wenn es mir gefällt, dann empfehle ich es weiter, Hype hin oder her. Wenn mich ein Buch jenseits des Hypes anspricht, dann hat das vor allem inhaltliche Gründe. Ich liebe Coming-of-Age-Geschichten, die man in der deutschen Literaturkritik als Entwicklungsroman bezeichnet, und in den Folgebänden geht es sich auch über das Coming of Age hinaus, aber meine geniale Freundin erzählt seine Geschichte vor allem durch Kinderaugen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich mal in Brasilien ein Fotoprojekt mit Jugendlichen in einer Favela durchgeführt habe. Wir haben damals Einwegkameras an Jugendliche verteilt, weil ich überzeugt war, dass wir aus deren Perspektive den ehrlichsten und authentischsten Blick auf das Leben in der Favela bekommen würden, denn durch die Augen von Kindern schimmert eine Wahrhaftigkeit, die wir Erwachsene im Laufe der Jahre verloren haben. In meiner Diplomarbeit habe ich diese These bestätigt.

Durch diese Kinderaugen erleben wir also nicht nur Abenteuer, Streiche, Spiele und Zankereien auf dem Schulhof, sondern auch einen Einblick in das Leben der Gemeinschaft, wie er intimer nicht sein könnte. Es gibt eine Simpsons-Folge, in der die Kinder von Springfield den Aufstand gegen zu strenge Regeln proben, indem sie über einen Piratensender intime und peinliche Details aus dem Leben ihrer Eltern verraten. »Wir kennen all eure Geheimnisse«.

Es sind die Kinder, die man nicht beachtet, die ungestört an der Wand zum Elternbett lauschen können, die von ihren Freunden viel erzählt bekommen. Und so bietet die Perspektive der Protagonistin Elena einen Blick auf das Zusammenleben in dem kleinen Stadtteil Neapels, den ein Erwachsener nicht liefern könnte. Die Kinder erfahren so vieles Geheimnisse, und darunter auch schreckliche, die sie fürs Leben zeichnen.

Die Kindheit sollte ein Ort der Geborgenheit sein, die uns vor den Grausamkeiten der Welt schützt, doch Elena wächst an einem Ort der Gewalt aus, wo sich die Kinder mit Steinen bewerfen, wo die Freundin von ihrem Vater aus dem Fenster geschmissen, die Mutter verprügelt wird. Wo sich zwei eifersüchtige Rivalinnen im Streit um einen Mann bis aufs Blut bekriegen. Wo das Messer schnell gezückt und der Abzug schnell gedrückt ist.

Insgesamt werden vier Teile erscheinen, alle drei Fortsetzungen sind für 2017 angekündigt. Dieser Band dreht sich vor allem um die Jugendzeit von Elena und ihrer Freundin. Wie die beiden zusammen aufwachsen, sich ihre Wege aber teilweise wieder trennen, weil nicht alle Eltern es gerne sehen, wenn ihre Kinder eine höhere Schulbildung erlangen, als sie selbst.

Sprachlich ist das Ganze in der Übersetzung von Karin Krieger recht nüchtern und pragmatisch geschrieben, ohne große Poesie, sich dabei aber auf die Figuren und ihre Geschichte konzentrierend, ohne viele Spielereien.

Es geht vor allem um die Freundschaft zwischen Elena und Lila, die nicht immer harmonisch abläuft und von Neid geprägt ist. Wie unter den Erwachsenen ist auch das Sozialleben unter den Kindern und Jugendlichen ein Hauen und Stechen. Und genau diese ambivalenten Schilderungen der Jugendfreundschaft ist die große Stärke des Romans, die bar jeder Sozialromantik keinen idealisierten, sondern vermutlich einen sehr realistischen Blick auf die Kindheit zurück wirft.

An der Stelle muss ich die Besprechung jetzt mal ganz untypisch unwirsch abbrechen, da meine Lektüre inzwischen einige Wochen zurückliegt, ich aber nicht zum Weiterschreiben gekommen bin, weil ich selbst gerade eine 700-Seiten-Übersetzung in recht sportlicher Zeit stemme. Um das Buch jetzt noch angemessen vertieft zu besprechen, habe ich inzwischen zu viel Distanz zum Buch bekommen, die Namen müsste ich schon nachschlagen. Und zu diesem Buch gibt es sicher genügend ausführliche Rezensionen, die man leicht googeln kann.

Meine geniale Freundin ist kein Buch, das mich begeistert und mitgerissen hat, das ich aber trotzdem gerne gelesen habe, vor allem wegen der plastischen Schilderungen der Kindheit im Neapel der 50er Jahre, der präzisen Beschreibungen des Stadtteilkosmoses und einer Generation, in der nicht alle Eltern möchten, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollen als sie selbst.

Ein paar spontane Gedanken zur Wahl

Überrascht bin ich nicht, schockiert aber trotzdem. Wer jetzt glaubt, dass es vielleicht doch nicht so schlimm werden wird, weil der Präsident ja weniger Macht besitzt, als allgemein angenommen wird – Obama hat ja auch vieles nicht durchsetzen können -, der sollte sich vor Augen halten, dass die Republikaner zum ersten Mal seit 1929 (glaube ich) in allen Häusern (Kongress, Senat und dem Weißen Haus) die Mehrheit haben (damals folgte die Große Depression). Während Obama konsequent von den republikanischen Mehrheiten blockiert worden ist, gibt es jetzt niemanden, der Trump blockieren kann. Und anders als Obama wird Trump sicher nicht darauf aus sein, den Konsens zu suchen, um die Nation nicht weiter zu spalten.

Ist aber auch kein Grund in Panik auszubrechen, ich vermute, dass Trump nicht ganz so dumm ist, wie er sich im Wahlkampf gegeben hat, und vieles vor allem sagte, um gewählt zu werden, weil er gemerkt, hat, dass ihm das ganze gehässige Gequatsche Stimmen einbringt. Andererseits ist er aber auch ein frauenfeindlicher, rassistischer, extrem narzisstischer und charakterloser Mensch ohne jegliche Moral. Man sollte durchaus damit rechnen, dass jetzt alles möglich ist. Für die Minderheiten in den USA brechen jedenfalls harte Zeiten an. Ich habe immer davon geträumt, mal in den USA zu wohnen, bin jetzt aber doch froh, dass ich diesen Traum noch nicht in die Tat umgesetzt hat. Die nächsten vier Jahre werden auf jeden Fall interessant und nervenaufreibend werden. Man sollte sich schon mit kleinen Lichtblicken zufriedengeben. Insofern werde ich schon froh sein, wenn Trump nicht den Dritten Weltkrieg vom Zaun bricht.

Die ganze Zeit hieß es, dass Clinton sich keinen besseren Gegner hätte wünschen können, damit sie ins Weiße Haus einziehen kann, dabei war es genau umgekehrt. Sie und die demokratische Partei hätten wissen müssen, dass sie nicht mehr die starke Kandidatin von vor 2008 ist, die nur knapp gegen Obama bei den Vorwahlen verloren hat. Der Hass auf Washington, die Politik und das Establishment ist in großen Teilen der USA so groß, dass die Menschen blind gegenüber jeglichen Fakten und jegliche Vernunft sind, und lieber dem populistischen Plärrer folgen, von dem sie sich lieber anlügen lassen. Vermutlich wäre Bernie Sanders die bessere Wahl für die Demokraten (und für die USA) gewesen.

Auch die Medien und die Satire haben ihren Teil zu Trumps Sieg beigetragen. Die Medien, indem sie ihm von Anfang an eine Plattform geboten haben, die größer war, als die für alle anderen möglichen Kandidaten (und indem sie alle möglichen Kleinigkeiten bezüglich Clinton enorm aufgeblasen haben). Die Satire, indem sie Trump von Anfang an als Witzfigur abgestempelt hat, die man nicht ernst nehmen kann, was meiner Meinung nach, die Fronten noch verhärtet hat, denn als Witzfigur konnte er sich ja sowieso alles erlauben. Das Hauptproblem ist nicht, dass er Ziel von Satire wurde, sondern, mit welcher Vehemenz und Verachtung es geschah, nicht der Verachtung ihm gegenüber, sondern der gegenüber seinen potentiellen Wählern.

Ich schätze, der Wahlsieg wird den populistischen Bewegungen in Europa weiteren Auftrieb geben. Dabei denke ich vor allem an die anstehenden Wahlen in Frankreich und Marine Le Pen. Bleibt zu hoffen, dass Präsident Donald Trump nicht irgendwann dem Bundeskanzler Bernd Höcke zu seiner Wahl gratulieren wird. Claus Strunz sagte im Sat1 Morgenmagazin, unsere Politiker sollten sich jetzt drauf besinnen, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen: »Das Leben der Menschen besser zu machen, und nicht nur ihr eigenes«, damit Populisten wie Trump kein weiterer Nährboden gegeben wird. Erst mal wird es schlimmer werden, ob es danach aber wieder besser wird, steht wohl in den Sternen.

Nach dem anfänglichen Schock ob der Wahl Trumps sollte man nicht den Kopf hängen lassen, sondern weiter erhobenen Hauptes gegen Intoleranz, Hass, Rassismus, Diskriminierung und für die Demokratie kämpfen. Jeder mit seinen Mitteln.

Lesung von Bernhard Hennen in Hilgert

Am Donnerstag den 3. November findet bei mir hier im Dorf eine Lesung mit Bernhard Hennen statt. »Hier im Dorf« ist das kleine Örtchen Hilgert im Westerwald, das zur Verbandsgemeine Höhr-Grenzhausen gehört und ganz in der Nähe von Koblenz und dem ICE-Bahnhof Montabaur auf halber Strecke zwischen Köln und Frankfurt liegt.

Als ich vor drei Jahren aus Berlin zurück in die Heimat zog, freute ich mich auf die idyllische Ruhe, die nahe Natur und die vertraute Umgebung. Doch ich wusste bereits, dass mir das kulturelle Leben in Berlin fehlen wird, denn für Phantasten gibt es in der Bundeshauptstadt dank der besten Buchhandlung dieser und aller anderer Welten – dem Otherland – zahlreiche Lesungen und anderweitige Veranstaltungen und eine relativ gut vernetzte Phantastikszene.

Ich gebe es zu, im Vergleich dazu empfinde ich den Westerwald als kulturelles Brachland, eine Ödnis mit nur wenigen gelegentlichen Lichtblicken. Um so mehr freut es mich, dass sich doch tatsächlich mal ein Fantasyautor in unseren bescheidenen Weiler verirren wird. Bernhard Hennen ist vor allem für seine Elfen-Romane bekannt. Zugegeben, um den ersten Band der Reihe Die Elfen habe ich aufgrund des damals tobenden Völkerfantasyhypes einen großen Bogen gemacht (Die Zwerge von Heitz hatte ich abgebrochen und erst mal keine Lust mehr auf dieses lokal auf Deutschland beschränkte Genrephänomen der Völkerfantasy).

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Bis ich auf dem Buchmessecon in Dreieich eine Lesung von Bernhard Hennen besuchte, auf der er trotz starker Erkältung und fast verlorener Stimme so sympathisch und unterhaltsam rüberkam, dass ich dem Buch doch eine Chance gab. Und was soll ich sagen, ich fand Die Elfen, die Hennen zusammen mit James Sullivan geschrieben hat, großartig. Gar nicht so eine Klischeefantasy, wie ich sie erwartet hatte, sondern sprachlich ausgezeichnet geschriebene tragische und epische Fantasy, die einen Zeitraum von 1.000 Jahren umfasst, mit denkwürdigen Figuren, die vom Autor keine Gnade erhalten.

In diesem Jahr ist mir Bernhard Hennen schon öfters über den Weg gelaufen (auf dem Branchentreffen des PAN-Autorennetzswerks, dem galaktischen Forum der Verlage Fischer/Tor und Knaur, sowie dem Buchmesseconvent), trotzdem werde ich es mir natürlich nicht entgehen lassen, wenn einer von Deutschlands bekanntesten und erfolgreichsten Fantasyautoren im neu eröffneten Bürgerhaus in meinem Dorf Hilgert liest, wo sich jetzt auch die tolle Gemeindebücherei befindet, die mich schon seit Jahrzehnten mit großartigem Lesestoff versorgt.

P. S. Es sollen noch Karten erhältlich sein.

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„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers

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Im Zuge der Verleihung der Nebula Awards, die in diesem Jahr fast ausschließlich Frauen verliehen wurden, diskutierte man im englischsprachigen Fandom darüber, dass es doch aktuell plötzlich so viele Frauen gebe, die tolle Science Fiction schreiben würden. Was sicherlich auch der Fall ist, nur mit dem plötzlich stimmt das nicht so ganz. Es gab schon immer Autorinnen, die tolle SF geschrieben haben (Leigh Brackett, Ursula K. Le Guin, Octavia Butler, C. J. Cherry, Joanna Russ, Nancy Kress, James Triptree jr. …).

Die Meisten von ihnen sind auch von den 70ern bis in die 90er hinein auf Deutsch erschienen. Nur ist das teilweise in Vergessenheit geraten. In den letzten zehn Jahren hatte ich auch den Eindruck, dass sich deutsche Verlage mit Science Fiction von Frauen eher schwertun (mal abgesehen davon, dass SF generell lange als Kassengift galt). Im Zuge der aktuellen SF-Offensive (Trend zur Science Fiction?) schaffen es anscheinend wieder mehr SF-Autorinnen auf den deutschen Buchmarkt (wenn auch noch nicht alle, von denen ich es mir wünschen würde), aber in den aktuellen Herbstprogrammen der Phantastikverlage finden sich so einige Perlen.

Dazu gehört auch The Long Way to a Small Angry Planet von Becky Chambers, das unter dem Titel Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten gerade bei Fischer/Tor in der gelungenen Übersetzung von Karin Will erschienen ist.

So viel Spaß hat mir schon lange kein SF-Buch mehr gemacht (von mir selbst zuletzt übersetzte Titel mal ausgenommen). Hier gibt es keine großen Zivilisationskriege, keine hochgerüsteten Söldnertruppen, keinen dystopischen Blick in eine nahe Zukunft, keine Wissenschaftler auf einer Hard-SF-Mission, keine Killer, keine Intrigen usw. – nein, hier geht es um die multiethnische Besatzung eines Raumschiffs, das Tunnel baut. Tunnel durch das Universum, Wurmlöchern nicht ganz unähnlich.

Die Wayfarer ist ein solches Tunnelbauschiff mit einer kauzigen und liebenswürdigen Besatzung, was die junge Marsianerin Rosmary, die gerade auf dem Schiff angeheuert hat, aber erst noch rausfinden muss. Da wäre Captain Ashby, der gerne mal ein Auge zudrückt, wenn seine Besatzungsmitglieder die Regeln mal wieder recht kreativ interpretieren. Oder seine Pilotin Sissix, vom echsenartigen Volk der Andrassik, das interessante familiäre Verhältnisse pflegt und seine Zuneigung gerne durch zärtliche Berührungen ausdrückt. Herz und Seele des Raumschiffs ist der sechsbeinige Dr. Koch (im Original Dr. Chef), der Arzt und Koch zugleich ist, und für jede Gemütslage das richtige Gewürz parat hält. Für die ausgelassene Stimmung sorgen die menschlichen Mechaniker Jenks – der eine innige Beziehung zur Schiffs-KI führt – und die junge und freche Kizzy – ein weiblicher McGyver im Weltraum. Dafür, dass die Crew auch immer den richtigen Weg findet, sorgen die Navigatoren Ohan, die aus einem Volk stammen, das auch die Welt hinter dem sichtbaren Weltraum sehen kann (wie es dazu kam, ist auch eine interessante und herzzerreißende Geschichte) und irgendwie mehr als nur eine Person sind. Und selbst das Quotenarschloch an Bord hat seine Daseinsberichtigung: Artis Corbin war zweierlei: ein begabter Algaeist und ein komplettes Arschloch (S. 11).

Ich habe mich an Bord der Wayfarer unter dieser sympathischen Besatzung sofort wohl gefühlt. Jeder trägt sein Päckchen mit sich rum, hat seine Eigenheiten, ist aber auch ein herzliches Mitglied der Familie. Im Prinzip begleiten wir die Crew dabei, wie sie von ihrem letzten Einsatzort zu einem neuen fliegt, der allerdings im Zentrum der Galaxis bei einem Volk liegt, das bisher vor allem durch sein kriegerisches und isolatorisches Verhalten aufgefallen ist. Unterwegs gibt es aber so einige Abenteuer zu erleben. Die Grundstimmung der Geschichte ist eine Wohlfühlatmosphäre, aber genau an den richtigen Stellen, fügt die Autorinnen dann kleine Abenteuer ein, während denen man mehr über die einzelnen Besatzungsmitglieder erfährt, und durch die das Band zwischen ihnen immer stärker geschmiedet wird.

Daneben gibt es aber auch einen faszinierenden Weltenbau und interessante Konzepte, was das Sozialleben und das Verhalten der einzelnen Völker angeht. Becky Chambers setzt weniger auf Action, Spannung und große Effekte, sondern mehr auf den guten alten Sense of Wonder, liebenswürdige Figuren, exotische Welten und Wesen, die kleinen Probleme des Alltags im Weltraum und vor allem auf viel Herz. Das ist intelligente, unterhaltsame Wohlfühl-SF, die zu keinem Zeitpunkt langweilig wirkt, aber auch nie kitschig oder naiv. Mit dieser Besatzung würde ich jederzeit gerne durchs All düsen.

Update 12.20 Uhr:

Unterschreibe das! Einzige Einschränkung: Es geht für praktisch alle Figuren auch ans Eingemachte. Wie es sich gehört, auch bei Optimisten.

Diese Ergänzung äußerte Frank Böhmert auf Twitter.

Das grausame Spiel der Herbstes (Kurzgeschichte)

Am Montag in einer Woche ist Halloween. In der Zeit davor lese ich immer besonders gerne Horrorgeschichten. In diesem Jahr stelle ich zur Abwechslung mal eine kleine Halloween-Kurzgeschichte von mir hier auf den Blog. Das ist meine erste Kurzgeschichte, die ich vor vielen Jahren mal verfasst habe, und die seitdem im Giftschrank schlummert. Man sollte also nicht zu viel erwarten. Ich hatte sie damals als poetisch angehauchte Hommage an Ray Bradbury, Halloween und den Herbst allgemein gedacht. Ob mir das gelungen ist …?

Wie immer für Geschichten auf meinem Blog gilt: Sie ist nicht lektoriert. Es sind acht Normseiten, hier geht es zur PDF-Version (da sind die Absätze besser formatiert). Viel Spaß!

Das grausame Spiel des Herbstes

Die bunten Herbstblätter führten einen wilden Tanz auf, wirbelten um ihn herum, fuhren durch sein Haar und schienen ihm ins Ohr zu flüstern: »Schneller Tom, schneller. Geschwind wie der Wind.«
Und Tom gehorchte. Er trat in die Pedale, als sei der Teufel hinter ihm her. Wie eine Rakete raste er durch die bunte Allee, deren mächtige Bäume als stumme Wächter Geleit standen. Die alten knarzigen Gesichter, von der Zeit in sie hineingebrannt, konnte Tom nicht sehen. Er hatte einen Punkt erreicht, an dem seine Umgebung zu einem rasch zerlaufenden Gemälde verschwamm, dessen Farben mehr und mehr in Bewegung gerieten, je schneller er fuhr.
Wäre er langsamer gewesen, hätte er vielleicht gesehen, wie die alten Wächter mit ihrer harten Rinde missbilligend die gemeißelten Gesichter verzogen, düpiert von der Geschwindigkeit, die er ihnen entgegenwarf. Diese alten hartherzigen Wurzelmeister hassten die Geschwindigkeit, hassten die Bewegung, hassten alles, das schneller war als wachsendes Gras.
Es kam vor, dass die Jüngeren unter ihnen, die Dienste des Windes in Anspruch nahmen, in unheiliger Verbindung mit ihm, einen Ast auf die Straße schnellen ließen, der genau zwischen die Speichen eines vorwitzigen Radfahrers passte; diesen zu Fall brachte und für ein klagendes Gejammer in Rot sorgten.
Doch selbst für die Jüngsten unter den Rindenträgern war Tom zu schnell. Flink jagte er an ihnen vorbei, wie ein Eichhörnchen, das die letzte Nuss des Jahres entdeckt hatte.
»Noch schneller Tom«, riefen die Blätter in ihrer Euphorie. In diesem kurzen Moment, in dem sie von der Herrschaft ihrer hölzernen Meister befreit waren, genossen sie ihr Leben in vollen Zügen. Sie ließen sich vom Wind treiben, schlugen Purzelbäume, schwebten elegant durch die frische Herbstluft, bevor sie endgültig zu Boden fielen, sich dort zum Winterschlaf niederlegten und in ihrem Zerfall wieder zu den Wurzeln ihrer Meister zurückkehrten.
Tom lies sich von der Euphorie anstecken, fühlte sich leicht wie ein Blatt und verlor beinahe den Kontakt zur Erde. Er hatte das Gefühl jeden Moment abzuheben, um befreit von der Schwerkraft wie Ikarus der Sonne entgegen zu fliegen.
In anderen Spähren schwelgend sah er nicht das kleine schwarze Fellbündel, auf das er unaufhaltsam zuraste.
Mit einem verzweifelten Satz schaffte es Sir Francis, um Haaresbreite dem rotmetallenen Ungetüm zu entkommen. Der Kater machte einen Buckel, sträubte das Fell und fauchte in Toms Richtung. Der einäugige Pirat war ein reizbarer Geselle mit nachtragendem Gedächtnis, der den lieben langen Tag nichts anderes tat, als verstohlen durch die Stadt zu streifen, um mit seinen scharfen Krallen alte Rechnungen zu begleichen. Tom konnte sich auf einige schmerzhafte Kratzer gefasst machen.
Doch im Moment raste Tom unbekümmert weiter durch diesen magischen Tag. Die Dunkelheit erkämpfte sich langsam die Vorherrschaft, und lies die vielen ausgehöhlten Kürbisköpfe in ihrem irren Grinsen erleuchten. Halloween lag in der Luft, eine Armee von verrotteten Zombies, unheimlichen Geistern, hungrigen Vampiren, klotzköpfigen Trollen und vielen anderen Schrecken der Nacht bereitete sich auf die Schlacht vor.
Das alles kümmerte Tom nicht. Er machte sich nichts aus Süßigkeiten und dem anderen Zeugs, er wollte nur schneller werden. Er musste schneller werden. Heute würde er es schaffen. Er konnte es spüren, fühlte es in seinen Beinen, die sich wie unaufhaltsame Tretmaschinen in einem rasanten Rhythmus auf und ab bewegten.
Er jagte durch die altehrwürdigen Straßen von Lunaville, die sich auf diesen einen Tag mehr freuten, als auf alles andere. Mit seinen schmucken Giebelhäusern, den aus uraltem europäischen Stein erbauten gotischen Gebäuden, seinen verwinkelten Villen und schattigen Spukhäusern, wirkte die Stadt als sei sie nur für diesen einen Tag im Jahr erbaut worden. Reisende, die eine Nacht in der eigenwilligen Stadt in den Tiefen Neuenglands verbrachten, würden dem ohne zu murren zustimmen. Wer diese Nacht überlebte, konnte sich glücklich schätzen. Wenn der wahnsinnige Mond sein Licht über die Stadt warf, veränderte er die Bewohner, und das nicht zum Guten.
Das einzig Wahnsinnige an Tom war die Geschwindigkeit, mit der er die Bradburystreet hinunter heizte. Vorbei an dem riesigen Friedhof, den es stetig nach neuen Bewohnern dürstete. Wer in Lunaville geboren wurde, der wurde hier auch begraben. Meist früher als erwartet. Der Lost Souls Cemetary war eine Erfolgsgeschichte, die seit über dreihundert Jahren andauerte, und die erst enden würde, wenn er die gesamte Stadt aufgefressen hatte.
Als Tom den Friedhof, mit seinem gewaltigen schmiedeeisernen Tor voller tödlich scharfer Spitzen passierte, gab er nochmal extra Gas. Seit sein Großvater Abraham hier vor vier Jahren an einem stürmischen Herbstnachmittag beerdigt worden war, fürchtete er diesen Ort mehr als alles andere. Tom hatte damals etwas abseits der anderen Gäste gestanden, die eine schwarzgekleidete Masse bildeten, deren mickrige Regenschirme gegen den orkanartigen Sturm hilflos ankämpften. Es war der Wind, der Tom immer weiter nach hinten trieb, bis er über einen grauen Grabstein stolperte. Mit einem ekligen Platschen fiel er in den Matsch und starrte auf die Inschrift.

»Tom Frost
Geliebter Sohn
und leidenschaftlicher Radfahrer.
1955 – 1967«

Vor Entsetzen hätte er sich fast in die Hose gepinkelt. Im gleichen Moment sprang ihn ein schwarzes Monster an. Mit einem fiesen Fauchen landete es auf seinem Schoß. Jetzt pinkelte er sich tatsächlich in die Hose, sprang erschreckt auf und stieß den alten Kater von sich. Dann rannte er in panischer Angst zurück zu seinen Eltern.
Den Friedhof hatte er nie wieder betreten und stets einen großen Bogen darum gemacht. Doch er war so riesig, dass man an ihm einfach nicht vorbeikam. Er war das Herz der Stadt, die sich um ihn herum ausbreitete.
Deshalb trat Tom nun besonders schnell in die Pedale, als könne er seinem Schicksal dadurch entkommen. Seine Eltern hatten ihn nicht gefragt, warum er bei Großvaters Beerdigung so verschreckt war. Sie dachten, es wäre die Trauer, und Tom hatte nie mit jemandem über diesen Vorfall gesprochen.
In Lunaville sprach man nicht über den Tod, denn er war allgegenwärtig. Besucher beschrieben die Stimmung in der Stadt als morbide und verließen sie eilig mit bleichen Gesichtern und einem unguten Gefühl in der Magengegend.
Toms Magen war an die Geschwindigkeit gewöhnt. Er seufzte erleichtert auf, als er den Friedhof hinter sich gelassen hatte, obwohl er immer noch spürte, wie er nach ihm rief.
Direkt hinter dem Friedhof kam Tom in den ältesten Teil der Stadt. Die Häuser waren noch älter und boshafter, die Schatten bedrohlich düster, die Bäume strahlten puren Hass aus und die Bewohner bekam man bei Tageslicht nicht zu sehen.
Tom wusste, dass er durch diesen Teil fahren musste, wenn er es rechtzeitig schaffen wollte, aber am liebsten wäre er auf der Stelle umgekehrt. Da war ihm sogar der alte Friedhof mit seinen unruhigen Bewohnern lieber.
Die Sonne verschwand gerade am Horizont, die Straße wurde enger und die Häuser rückten zu bedrohlichen Schemen über ihm zusammen, als wollten sie sich jeden Moment auf ihn stürzen, um ihn mit ihren, von rostigen Nägeln gespickten, Holzzähnen zu zerfetzen.
Hier gab es keine erleuchteten Kürbisse und selbst die wagemutigsten kleinen Gespenster trauten sich nicht hierher. Hier gab es für alle nur Saures. Als hätte die Hölle vor langer Zeit einen Außenposten errichtet, der langsam zerfiel.
Nebel kroch herauf und schränkte Toms Sicht ein. Hunderte dünne, nasse Tentakel griffen nach ihm, tasteten sich an seiner Kleidung entlang und schlüpften durch die Ritzen, um auf seiner empfindlichen Haut einen eiskalten Schrecken zu verbreiten. Tom schüttelte sich, kam fast aus dem Tritt, konnte sich aber wieder fangen.
Hatte er vor kurzem noch geschwitzt, schien der salzige Schweiß nun zu gefrieren. So kalt durfte es hier eigentlich nicht sein, doch die Thermik in Lunaville hatte ihre eigenen Gesetze.
Was als gut gelauntes Radrennen durch die malerische Kulisse eines farbenfrohen Herbstes begann, hatte sich zu einer undurchsichtigen Hetzjagd durch eine Alptraumlandschaft entwickelt.
Der Nebel wurde immer dichter und wandelte sich von einem klaren Weiß in ein düster schimmerndes Grau. Die Häuser und Bäume verschwanden hinter dieser undurchdringlichen Mauer. Tom konnte nur noch die Straße direkt vor sich sehen. Er fuhr fast blind und seine Augen begannen, ihm Streiche zu spielen. Zumindest hoffte er das.
Er glaubte, im Nebel Gesichter zu erkennen. Hässlich verzerrte Fratzen, die wabernd auf ihn zuglitten; die Augen vor Schreck geweitet, den Mund zu einem ewig lautlosen Todesschrei aufgerissen – Gesichter des Todes.
Doch Tom ließ sich nicht beirren, er wurde noch schneller, schoss mit waghalsiger Geschwindigkeit in dieses graue Nichts hinein. Er kannte die Strecke; kannte sie so gut, dass er sie mit geschlossenen Augen fahren könnte.
Plötzlich klatschte ihm etwas hart ins Gesicht, holte ihn fast vom Rad. Er kam ins Schlingern, hielt aber das Gleichgewicht. Dann schon wieder – Klatsch. Er schmeckte Blut auf seiner Zunge. Spuckte ein Blatt aus. Die Bäume versuchten, ihn mit ihren Ästen zu erwischen. Er beugte den Oberkörper dicht über die Lenkstange und fuhr weiter. Nichts konnte ihn aufhalten. Er glaubte das Echo der wirbelnden Blätter zu hören: »Schneller Tom. Schneller.«
Die Gesichter verschwanden, aber kurz bevor er aus dem Nebel schoss, sah er ganz nahe ein einzelnes, boshaft starrendes Auge aufleuchten, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Darin hatte er den Tod erkennen können.
Tom spürte einen kleinen Schlag am Fahrrad. Ein Schlagloch vermutlich. Er schwankte kurz, behielt aber das Gleichgewicht.
Dann war der Nebel fort. Vor sich sah er die steil abfallende Mainstreet, die auch jetzt noch stark belebt war. Er hatte keine Zeit zu zögern, jetzt oder nie. Der letzte Teil des Weges war erreicht.
Wie wahnsinnig trat er in die Pedale, schrie dabei aus vollem Halse und raste der Kreuzung am Fuße der Straße entgegen. Der Fahrtwind zerrte an ihm, verschluckte seinen Schrei und brachte ihn ins Wanken. Aber Tom fuhr weiter. Er würde es schaffen. Dabei grinste er wild, als er sich auf den letzten Metern der belebten Kreuzung näherte.
Als er sie erreicht hatte, schloss er die Augen und ließ sich treiben.
Fast hätte er es geschafft. Er war so gut wie drüber, als er plötzlich einen starken Schmerz in der Schulter spürte. Etwas hatte ihn von hinten angesprungen, vom Gepäckträger aus; trieb scharfe Krallen in sein junges Fleisch. Ein bösartiges Fauchen ertönte direkt neben seinem Ohr. Er schüttelte sich, warf das schwarze Etwas von sich herunter.
Das alles dauerte nur wenige Sekunden, aber es brachte ihn von seinem angepeilten Kurs ab. Es war nur eine kleine Kurskorrektur, doch sie reichte, damit ihn der weiße Milchlaster von Ed Hayes am Hinterrad erwischte. Das Fahrrad wurde augenblicklich zur Seite weggerissen. Tom flog mit dem Kopf voran gegen den parkenden Buick von Pater William Butler. Mit einem hässlichen Klatschen, das der gerade aussteigende Geistliche den Rest seines Lebens nicht vergessen würde, prallte Toms Kopf auf den Kofferraumdeckel und zerbarst. Tom war sofort tot.
Er stand neben sich, sah seine Leiche und schluchzte. Leichtfüßig trippelte Sir Francis zu dem leblosen Körper, steckte die Zunge in die sich ausbreitende Blutlache, fuhr sich dann genüsslich über die Lippen und blickte mit einem boshaften Grinsen zu Toms Geist hinauf.
Tom bebte vor Zorn und Verzweiflung. Er hatte es schon wieder nicht geschafft. Genau wie in den letzten Jahren, hatte ihn dieser Tod auf vier Beinen an Halloween zur Strecke gebracht; hatte dafür gesorgt, dass sich dieses grausame Spiel auch im nächsten Jahr wiederholen würde.

Wo man mich trifft: Bucon 2016

Zugegeben, ich bin etwas reisefaul. Wenn ich erst mal unterwegs bin, finde ich es super und freue mich, aufgebrochen zu sein, doch oft mangelt es mir an der Motivation, den Arsch hochzubekommen. Dementsprechend besuche ich, obwohl ich ja seit Jahren im Phantastikfandom unterwegs bin, relativ wenige Cons, weder Dortcon, Elstercon oder was weiß ich. Die große Ausnahme bildet der Bucon, den ich seit über zehn Jahren ohne Unterbrechung durchgehend besucht habe.

Das hat einen einfach Grund: Nirgendwo sonst treffe ich so viele meiner Freund und Bekannten aus dem Phantastikfandom auf einem Haufen (und er liegt mit einer Fahrtstunde auch relativ nah an meinem Heimatort). Dementsprechend wenig besuche ich die Programmpunkte der Veranstaltung, da jede dort verbrachte Stunde, eine ist, in der ich kein spannendes Gespräch führen kann. Allerdings sind Lesungen auch nicht so mein Fall.

Für Freundinnen der phantastischen Literatur, insbesondere der Fantasy, die ihre Lieblingsautorinnen und Autoren gerne live erleben, bietet das Programm des Buchmesse Convent allerdings ein reichhaltiges Angebot, dass mit seinen inzwischen sieben Programmschienen (einst war es mal nur drei) und über 50 Programmpunkten (aus Lesungen, Vorträgen und ähnlichem) schon an eine Reizüberflutung grenzt. Neben bekannten Autoren wie Markus Heitz, Bernhard, Hennen, Kai Meyer uvm. haben auch relativ unbekannte AutorInnen die Chance sich in Dreieich einem Publikum zu präsentieren. Das reicht von AutorInnen wie Ivo Pala, Ju Honisch und Julia Lange (Irrlichtfeuer hier kürzlich besprochen),die im neuen Programm von Knaur Fantasy erscheinen, bis zu jenen, die in Kleinverlagen wie Amrun, Verlag Torsten Low oder dem Verlag ohneohren veröffentlicht werden. Für deutschsprachige FantasyautorInnen ist der Bucon schon fast eine unverzichtbare Veranstaltung geworden. Von einem kleinen Treffen mit weniger als 100 Besuchern hat er sich inzwischen schon fast zum Mekka der deutschsprachigen Fantasy mit vielen hundert Teilnehmern gemausert.

Hier geht es zur kompletten Programmübersicht.

Was: Buchmesse Convent (kurz Bucon) 2016

Wann: Samstag den 22. Oktober 2016

Wo: Bürgerhaus Dreieich-Sprendlingen (nicht weit von Frankfurt, wer eh auf der Messe ist, kann auch einen Abstecher hierher wagen.)

Auf die parallel stattfindende Frankfurter Buchmesse werde ich nicht fahren, dafür fehlt mir leider die Zeit. Wer aber aufs GaFo geht, könnte mich dort antreffen.

Und wer mich bisher nur virtuell kennt, aber gerne mal live erleben möchte, der darf mich gerne auf dem Bucon ansprechen. Ich bin recht schüchtern und zurückhaltend, freue mich aber immer über neue Bekanntschaften bzw. darüber, Menschen, die ich bisher nur als Avatar mit Nickname kenne, auch im richtigen Leben kennenzulernen. So in etwa dürfte ich am Samstag aussehen (sollten nicht noch irgendwelche unvorgesehene Ereignisse eintreten, die mir Flügel oder Hörner wachsen lassen):

Hier wohnt der sich in ungewohnt freier Wildbahn befindende Übersetzer andächtig der Verleihung des Deutschen Phantastik Preises (DPP) bei.

Hier wohnt der sich in ungewohnt freier Wildbahn befindende Übersetzer andächtig der Verleihung des Deutschen Phantastik Preises (DPP) bei. Der in diesem Jahr Gerüchten zufolge von einem gewissen Dirk van den Boom im Hawaiihemd moderiert werden soll.