Mein 2019

Am 7. Januar war 2019 für mich bereits gelaufen. Ab da ging es humpelnd, auf Krücken und mit Knieorthese durchs Jahr. Zwei Knie-Operationen, ein genähter Meniskus (dessen Naht übrigens nicht gehalten hat), eine Beckenkammentnahme (Knochenmaterial weggefräst und in die Bohrkanäle der alten Kreuzbandplastik eingesetzt), eine alte entfernte Kreuzbandplastik und eine neu eingsetzte. War alles halb so wild, beeinflusste mein Jahr aber doch stark, folgte auf die OPs jeweils eine längere Rehaphase mit Physiotherapie und viel Training zu Hause.

Und zu Hause war das Leitthema des Jahres, verzichtete ich doch aufgrund oben geschilderter Situation auf längere Reisen. 2017 war ich in Paris, 2018 in New York, 2019 nur auf dem Marburg Con und dem Bucon (die aber beide toll waren). Ansonsten habe ich vor allem viele Artikel und Newszusammenfassungen für Tor Online geschrieben, tolle Bücher gelesen, viele Serien geschaut (mit hochgelegtem Knie und einem Eisbeutel darauf). Im Kino war ich kein einziges Mal. Wandern auch nicht. Dafür aber viel Fahrradfahren.

Der Blog wurde ziemlich vernachlässigt, da alle schreibtechnische Energie in Tor Online floss. Nur 10 Beiträge. Ein Rekordtief, seit Translate Or Die 2011 an den Start ging. Nur eine einzige Buchbesprechung, zu The Borrowed von Chan Ho-Kei. Ein paar Kurzkritiken und drei Serienempfehlungen. Ein Artikel über meine sinkende Leselust (die sich übrigens behoben hat), über eine unveröffentlichte Übersetzung (die es wohl auch bleiben wird), ein Bericht über meinen Besuch bei den New York Yankees 2018 und ein Rückblick auf das komplette vergangene Jahrzehnt.

Meine Artikel auf Tor Online für das erste Halbjahr habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst, und hier ist der Rest:

Und bei Hundertvierzehn (dem literarischen Onlinemagazin des S. Fischer Verlags) erschien:

 

Mein(e) … des Jahres

Song: Solway Firth von Slipknot
Album: Lux Prima von Karen O und Danger Mouse
Buch: Beastie Boys Book von Adam Horowitz und Mike Diamond
Sachbuch: Midnight in Chernobyl von Adam Higginbotham
Roman: Die goldene Stadt von Sabrina Jansch
Film: Marriage Story
Cleverstes Drehbuch: On Cut Of The Dead (nicht von den ersten 30min abschrecken lassen, die erhalten am Ende eine geniale Auflösung)
Bestes Remake: Suspiria
Beste Doku: American Factory
Beste Mini-Serie: Chernobyl
Beste neue Serie: Euphoria
Beste alte Serie: Mindhunter und She’s Gotta Have It
am schnellsten weggebingte Serie: Line of Duty (Staffeln 1-4)
Beste Doku-Serie: Street Food Asia und Our Planet
Bestes Computerspiel des Jahres: Resident Evil 2 Remake (hab sonst nichts gezockt)
Bestes Hörspiel des Jahres: Die jutten Sitten
Bester Artikel des Jahres: A Battle for My Life von Emilia Clarke (im New Yorker)

Zu den Filmen sei noch gesagt, dass ich – anders als bei den Büchern – keine Liste darüber führe, was ich geschaut habe, weshalb die Filme vom Jahresende besser in Erinnerung sind, als die vom Jahresanfang. Da ich nicht im Kino war, kann ich nur gesehen haben, was schon im Heimkino erschienen ist.

Die Knieverletzung hat mich ein wenig aus meiner üblichen Routine gebracht, was durchaus eine interessante Abwechslung war. 2020 wird beruflich noch ein bisschen was anderes hinzukommen, und mal schauen, wie es weitergeht. Hätte nichts dagegen, mal wieder ein Buch zu übersetzen. Im Januar erscheint zumindest eine von mir übersetzte Kurzgeschichte in der phantastisch! Zur politischen Lage habe ich mich bereits im Dekadenrückblick geäußert.

Da ich ja in der Phantastik- bzw. Buchbranche arbeite, sei noch erwähnt, dass 2019 für ebenjene schon eine Art Krisenjahr war. Anfang des Jahres meldete der Buchgroßhändler KNV Insolvenz an, weshalb viele Verlage auf ihren Rechnungen sitzen blieben, was vor allem für Kleinverlage existenzbedrohend sein konnte. Dann kündigte die Post die Abschaffung der Buchsendung und eine Portoerhöhung an, und zu guter Letzt sortierte der andere Großhändler Libri Hunderttausende Buchtitel aus seinem System aus. Angeblich aus ökonomischen Gründen Titel, die sich nicht verkauft haben. Doch von Verlagen hört man, dass das oft völlig willkürlich ablief, ohne Vorankündigung. Teilweise Teil 4 oder so einer Serie, während alle anderen Teile im System blieben.

Und einige Phantastikverlage gingen infolge der Krise tatsächlich in die Insolvenz. Z. B. Feder & Schwert und Golkonda, andere Kleinverlage machten ganz dicht. Die Zahl der LeserInnen schrumpft, Netflix und Co. werden zur immer größeren Konkurrenz, und die Verlage sind ratlos, was noch funktioniert, weil es keine klar definierbaren Trends mehr gibt, wie einst die Völkerfantasy, Vampire oder Ähnliches. Und Riesenbestseller wie einst Harry Potter, Dan Brown oder Fifty Shades of Grey gibt es auch kaum noch.

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Scheiß drauf, das bleibt jetzt so! Mein Rückblick auf das ausklingende Jahrzehnt

Das Ende eines Jahrzehnts gilt als Wegmarke, die Anlass bietet, einen Blick zurückzuwerfen, auf jene Dekade, die gerade verstrichen ist. Ein Blick zurück auf verpasste Chancen und genutzte Gelegenheiten, die größten Triumphe und bittersten Niederlagen, erreichte Ziele und verpasste Träume. Auf Entscheidungen und deren Folgen.

Mein vorletztes Jahrzehnt endete mit einer Entscheidung, die mein Leben bis heute maßgeblich beeinflussen sollte. Einer Entscheidung, die ich nie bereut habe und die auch zur Existenz dieses Blogs führte. Und jetzt sitze ich hier und blicke auf ein abwechslungsreiches und aufregendes Jahrzehnt zurück, das mir so einige großartige Möglichkeiten bot, die ich nicht alle zu nutzen wusste.

Ein Jahrzehnt, das mich erstmals nach Paris und New York brachte; in dem ich mein erstes Buch übersetzte, dem zwölf weitere folgen sollten; in dem ich meinen zweiten Uni-Abschluss machte; in dem ich aber auch wieder ins Elternhaus zurückzog und zeitweise in einen Beruf zurückkehrte, mit dem ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ein Jahrzehnt, in dem ich gelernt habe, dass ich kein guter Netzwerker bin, es aber irgendwie doch halbwegs auf die Reihe bekommen habe, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad; und in dem ich ein wenig den Anschluss an die digitale Gegenwart verloren habe, zumindest was die beruflichen Skills angeht, obwohl ich schon seit drei Jahren einen Teil meines Einkommens über das Internet verdiene. Was ich aber – und hier ist der erste gute Vorsatz fürs nächste Jahrzehnt – jetzt zu ändern gedenke.

Die Nullerjahre beendete ich als Optimist, meine persönliche Zukunft ebenso betreffend, wie jene der Menschheit. Das aktuelle Jahrzehnt beende ich als Zweifler. Daran zweifelnd, wie es bei mir weitergehen soll, und schwarzsehend, was die Zukunft der Menschheit angeht. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die 2010er-Jahre als das Jahrzehnt in die Geschichte eingehen wird, in dem die Demokratie nach ihrem kurzen Höhenflug, der nur drei Jahrzehnte anhalten sollte, in finstere Untiefen abstürzte. Die 2010er werden nicht nur das Jahrzehnt sein, an dem der Tipping Point verpasst wurde, an dem man die Folgen des Klimawandels zumindest noch hätte abschwächen können, sondern auch die Dekade der Rechtspopulisten und Autokraten.

Das letzte Jahrzehnt vor dem Zeitalter der Dystopie, in dem jene Szenarien Wirklichkeit werden, von denen ich sonst so gerne in Science-Fiction-Romanen gelesen habe, wissend, dass sie als Warnung vor einer Zukunft galten, die es uns noch gelingen würde zu verhindern. Ein Irrtum, wie sich mit Blick nach China, Russland, England, Amerika und auch in die direkte Nachbarschaft zeigt. Eine Regierungsbeteiligung der rechtsextremen AFD ist nur eine Frage der Zeit, und ich bin fest überzeugt, dass dieser Sündenfall schon in den nächsten Jahren eintreten wird, denn der Rechtsruck in unserer Gesellschaft hat nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien und im Journalismus längst stattgefunden und ist bereits tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert, auch wenn die Meisten noch die Augen davor verschließen, und so tun, als würde es sich nur um eine Randerscheinung handeln, die schnell vorübergeht. Aber darum soll es hier nicht gehen. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Da bin ich ganz pragmatisch. Vielleicht kann ich es mir auch erlauben, weil ich keine Kinder habe. Hier geht es um meinen persönlichen Rückblick auf das letzte Jahrzehnt, nicht um die Sorgen für das nächste.

Im Spätsommer 2009 entschied ich mich, nach Berlin zu ziehen, nachdem meine Bewerbung für ein Zweitstudium an der Freien Universität Berlin erfolgreich war. Es folgten ein sehr kurzfristig anberaumter Sprachtest und eine hektische Wohnungssuche, erschwert dadurch, dass ich mein zweites Jahr als Sozialpädagoge in einer psychosomatischen Suchtklinik beenden musste, und nicht mehr genügend Urlaub übrig hatte, um mehrere Wochen ausschließlich auf die Wohnungssuche verwenden zu können.

Im Januar 2010 saß ich als Erstsemester der Nord- und Lateinamerikastudien in meiner Wohnung in Berlin/Moabit und genoss es erstmals, ganz alleine zu wohnen. Zwar hatte ich in meinen sechs Jahren an der Uni Siegen ein Zimmer im Studentenwohnheim, aber von alleine wohnen kann da keine Rede sein. Für die die damalige Zeit und mich mit Anfang 20 war es genau das Richtige, so wie ein Jahrzehnt später eine ganz eigene Wohnung genau das Richtige war. Mit 30 ein neues Studium zu beginnen, umgeben von zehn Jahre jüngeren Studierenden war ein ganz eigenes Erlebnis, das zu einem komplett anderen – und viel fokussierterem Studium! – führte.

Es war aufregend, während der Amtszeit und Wiederwahl Barak Obamas US-amerikanische Geschichte, Politik, Soziologie und Kultur zu studieren. Noch interessanter wäre es nur während des Beginns der Ära Trump gewesen, denn die haben wir alle nicht kommen sehen, obwohl die Anzeichen dafür da waren. Vermutlich wollten wir sie nicht sehen, weil es so bequemer war und wir uns weiterhin nicht eingestehen mussten, kein Mittel gegen die Radikalisierung der Rechten und den Populismus zu haben, und das uns die Digitalisierung und das Internet über den Kopf wuchsen.

13 Bücher (sowie zahlreiche Kurzgeschichten und Fernsehdokumentationen) habe ich im vergangenen Jahrzehnt übersetzt, und nicht immer war „Scheiß drauf, das bleibt jetzt so!“ die richtige Entscheidung, auch wenn sie teilweise Umständen geschuldet war, auf die ich nur wenig Einfluss hatte – von wegen (oft künstlich und ohne Not herbeigeführter) Zeitdruck in der Branche. Und ganz ehrlich, manchmal habe ich mir auch gedacht: „Wenn ihr nur XY Euro für eine Übersetzung zahlt, dann bekommt ihr auch eine Übersetzung für XY Euro.“ Auch wenn mir mein beruflicher Stolz lautstark ins Gewissen geredet hat – hin und wieder erfolgreich.

Aber ich bin stolz auf meine Übersetzungen und halte manche davon für durchaus gelungen. Bücher zu übersetzen war sozusagen die realistischere Variante davon, die Leidenschaft für Bücher zum Beruf zu machen. An der unrealistischeren arbeite ich noch. Ich stecke immer noch mitten in der Überarbeitung der ersten Fassung meines ersten Romans. Die Illusion, damit Geld zu verdienen habe ich nicht (man beachte dazu Falko Löfflers wunderbar ehrlichen und toll geschriebenen Dekadenrückblick, der mich zu diesem hier inspirierte). Da ist das Übersetzen die realistischere Variante, wenn auch nicht mehr für lange. Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es noch Jahrzehnte dauern würde, bis wir Übersetzer von Computern ersetzt werden. Inzwischen bin ich überzeugt, dass die ersten Verlage schon daran arbeiten, Übersetzungen in Zukunft von Software wie DeepL machen und das Ergebnis nur noch von einem Lektorat überarbeiten zu lassen. Ganz gleich, ob die Programme schon so weit sind, oder das Ergebnis überhaupt halbwegs lesbar sein wird. Das ist die Illusion, die mir die professionelle Tätigkeit in der Branche ein wenig geraubt hat.

Ein Jahrzehnt, das ich mit Zweifeln beende, darüber, wie es beruflich weiter gehen soll. Aktuell arbeite ich sehr viel für das phantastische Onlinemagazin Tor Online von Fischer Tor (S. Fischer Verlag), verfasse zweimal wöchentlich eine Newszusammenfassung und schreibe Artikel zu Themen der Phantastik. Ab Januar wird noch ein weiterer Aufgabenbereich hinzukommen, was mir erstmal etwas mehr finanzielle Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mich weiter nach Möglichkeiten umsehen und mich auch weiterentwickeln, wenn ich in den nächsten Jahren wieder nach Berlin ziehen möchte. Und das möchte ich wirklich, da mir das Leben in dieser Stadt inzwischen sehr fehlt.

Ich kann sehr faul, aber auch sehr produktiv sein, wenn es um die Arbeit an eigenen fiktionalen Texten geht, aber mit dem zu Ende bringen hapert es häufig. „I bully myself ‚cause I make me do what I put my mind to“, rappt Eminem in Rap God. Das ist etwas, was ich besser trainieren muss. Mich selbst dazu antreiben, Dinge zu tun, die ich mir vorgenommen habe.

Die letzten Jahre in der Selbstständigkeit hat sich bei mir eine gewisse Routine eingeschlichen, die bequem ist, da sie mir immer wieder ausreichend Freizeit bescherte, was ich für den größten Luxus überhaupt halte, die mir aber irgendwie auch die Energie für gewisse Projekte stahl. Meine Knieverletzung Anfang 2019, mit zwei darauf folgenden Operationen und einer langwierigen Rehaphase, hat mich ein wenig aus dieser Routine geworfen, was ich trotz diverser Unannehmlichkeiten teilweise begrüßt habe. Zumindest was meinen Alltag betraf, ansonsten bin ich dadurch weniger verreist und unter Leute gekommen als normalerweise. Es hat mir aber auch gezeigt, wie gelassen und pragmatisch ich auf solche Unannehmlichkeiten und unbequeme Dinge reagieren kann, wenn ich sie schließlich angehe.

Es war ein lehrreiches Jahrzehnt, das mich in einige für mich ungewohnte Situationen gebracht hat. Allein in der Großstadt zu leben, in der Kinder- und Jugendhilfe zu arbeiten, im Kindergarten, dann den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und die Erkenntnis, dass dies das richtige Berufsmodell für mich ist. Im kommenden Jahrzehnt sollte ich mich auf diese Erkenntnisse und meine Stärken konzentrieren und diese besser und öfters nutzen. Und ich sollte wieder mehr Veränderungen in mein Leben lassen, denn durch diese bin ich in der Vergangenheit immer aufgeblüht. Obwohl ich den Gedanken an Veränderungen zunächst immer hasse.

Die Zehnerjahre waren auch eine Dekade des Bloggens. Translate or die ging 2011 an den Start. Ursprünglich als rein berufliche Internetpräsenz gedacht, wurde es mit der Zeit immer persönlicher und bot mir als introvertiertem und schüchternem Menschen die Möglichkeit, etwas mehr an die Öffentlichkeit zu gehen. 2019 ging die Zahl der Blogpost drastisch zurück, und irgendwie habe ich ein wenig die Lust daran verloren, aber schließen werde ich den Blog nicht. Vielleicht ist es nur eine Phase.

Es war auch ein Jahrzehnt, in dem ich den Kontakt zu einigen alten Freunden verloren habe, die mir doch sehr fehlen. Aber Lebensmodelle und -läufe entwickeln sich irgendwann auseinander und es reicht wohl auf Dauer nicht, sich krampfhaft an den Erinnerungen an die schöne gemeinsame Zeit festzuhalten. Doch es war auch ein Jahrzehnt, in dem neue Freundschaften entstanden sind. Ein Jahrzehnt, in dem ich erstmals Trauzeuge war.

Nostalgie ist Gift und hält uns davon ab, unbeschwert in die Zukunft zu gehen. Deshalb schließe ich den Dekadenrückblick hiermit ab, hadere nicht länger mit falschen Entscheidungen, trauere keinen verpassten Gelegenheiten nach und klammere mich nicht an schöne Erinnerungen. Trotz aller Zweifel und Sorgen möchte ich lieber erhobenen Hauptes mit intaktem Knie und voller Tatendrang ins neue Jahrzehnt schreiten.

Kurzkritiken zu meiner Lektüre der letzten Wochen (Oktober 2019)

Da ich am 28. August ganz planmäßig ein neues Kreuzband ins linke Knie eingesetzt bekommen habe (siehe hier), hatte ich, und habe aktuell auch immer noch viel Zeit zum Lesen. Vor allem, da ich mehrmals täglich auf eine motorisierte Bewegungsschiene muss, die das Bein mit wahnsinniger Geschwindigkeit auf und ab fährt. Was mit dem richtigen Buch aber überhaupt nicht langweilig ist.

Neun Bücher, und nur eines von einer Frau. Das hat sich so ergeben, da mich einige dieser Bücher thematisch gerade besonders interessiert haben (Wie später ihre Kinder, Mondsplitter und Der Schattenprinz), sie mir auf Twitter empfohlen wurden und mir genau richtig für die OP erschienen (Sally Jones), oder sie mir zufällig ins Haus flatterten (Zwei Sekunden, Die kleine Inselbuchhandlung und Frida Kahlo durch meine Mutter; Die Frau vom Musée d´Orsay durch ein Gewinnspiel).

Nicolas Mathieu – Wie später ihre Kinder (übersetzt von Lena Müller und André Hansen)

Gelungenes und vielschichtiges Porträt über eine Jugend im ländlichen Frankreich während der 1990er. Genau mein Jahrzehnt, habe vieles wiedererkannt. Mit Figuren, die interessante Entwicklungen durchmachen. Sprachlich eher dezent, nicht so aufsehenerregend, wie manche Rezensionen suggerieren.

Jakob Wegolius – Sally Jones: Mord ohne Leiche (übersetzt von Gabriele Haefs)

Eine Gorilladame als Schiffsmaschinistin, die ihren Chef aus dem Gefängnis boxen will, der dort unschuldig für einen Mord sitzt, den es gar nicht gegeben hat. Ein Vorhaben, das sie von Portugal bis nach Indien führt; von melancholischen Sängerinnen, die ein ganzes Gefängnis verzücken, grummeligen Instrumentenbauern, unter deren harter Schale sich ein weicher Kern befindet; und polyamurösen Maharadschas, die ihre wahre Liebe in der Fliegerei finden. Ein kluges, herzliches und auch immer wieder abenteuerliches Jugendbuch, mit liebevollen Figuren und schurkischen Schurken. War für mich genau die richtige Lektüre für die Stunden und Tage nach meiner Knie-OP, aufgrund der einfachen, aber schönen Sprache und der großen Schrift. Und genau das Richtige, um sich vom Krankenbett aus auf Abenteuerreise zu begeben.

P. S. Der Carlsen Verlag hätte ruhig auf dem Buch erwähnen können, dass es mit Sally Jones: Eine Weltreise in Bildern ein Vorgängerbuch gibt, in dem die Herkunft von Sally erzählt wird. Auch wenn das inzwischen vergriffen ist.

David Gemell – Der Schattenprinz (übersetzt von Irmhild Seeland)

Gemell ist so was wie der Heilige Gral der Heroic Fantasy, der das He in Heroic brachte. Mit Helden, die Heldenhaftes tun, weil sie Männer sind. Eine Verkürzung, mit der ich David Gemell aber Unrecht tun würde, denn seine Bücher sind mehr als nur romangewordene Frank-Frazetta- oder Luis- Royo-Bilder. Neben den Männern werden auch die Frauen deutlich vielschichtiger und ambivalenter dargestellt und agieren ebenso wehrhaft und heldenhaft. Wobei Gemells Heldentum ein zweischneidiges Schwert ist, für das die von den Helden geretteten einen hohen Preis zu zahlen haben.

Jack McDevitt – Mondsplitter (übersetzt von Thomas Schichtel)

Spektakuläres, aber nie reißerisches Katastrophenszenario über die Zerstörung des Mondes und deren Folgen für die Erde. McDevitt entwirft ein breites Panorama, in einem für ihn eher ungewöhnlich dicken Buch, bleibt seinem unaufgeregten Erzählstil aber treu, ohne dabei Spannung einzubüßen. Die Übersetzung könnte allerdings mal eine gute Überarbeitung gebrauchen.

Janne Mommsen – Die kleine Inselbuchhandlung

Nettes kleines Buch, das in seichten Gewässern auf eine Nordseeinsel schippert, wo die Protagonistin ihre Midlife-Crisis nutzt, um ihren alten Job als Flugbegleiterin zu kündigen und eine Inselbuchhandlung zu eröffnen – und natürlich muss sie sich zwischen zwei Männern entscheiden. Es pilchert sehr in diesem Roman, aber auf so charmante Art, dass es mich nicht gestört hat. Und bei Büchern, in denen es um Buchhandlungen geht, kann ich sowieso nicht widerstehen.

Frederik Backman – Kleine Stadt der großen Träume (übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg)

Erzählt von einer kleinen Stadt in Schweden, die sich ganz dem Eishockey verschrieben hat und all ihre Hoffnungen auf die Jugendmannschaft setzt, die es ins Halbfinale geschafft hat. Ähnlich wie sein Vorbild Stephen King inszeniert Backman ein umfassendes Porträt der Stadt mit ihren unterschiedlichen Bewohnern, wobei ihm ganz wunderbare und originelle Figuren gelingen, deren Schicksal unter die Haut geht. Mit magischen Erzählmomenten, die manch Purist als Trickserei (z. B. mitttels Foreshadowing) bezeichnen würde, die den Autor aber aus der Masse herausstechen lassen und diesen Roman zu etwas Besonderem machen.

P. S. für das »Kleine« im Titel war die Taschenbuchausgabe wohl zu klein.

P.P.S. mit Wir gegen Euch ist bereits die Fortsetzung im Hardcover erschienen

Christian von Ditfuhrt – Zwei Sekunden

Eigentlich ein rasanter Politthriller mit originellem Ermittlerteam und überraschenden Wendungen, der aber trotz des rasanten Tempos einige unnötige Längen und Wiederholungen aufweist, die den Genuss der Lektüre allerdings nur leicht beinträchtigen. Das Ende hingegen wirkt etwas überstürzt, als hätte der Autor plötzlich festgestellt, dass der Abgabetermin vor der Tür steht, er aber eigentlich noch mehr Zeit bräuchte.

Carolin Bernard – Frida Kahlo und die Farben des Lebens

Wunderbares Buch über das Leben, die Kunst und die Liebe von Frida Kahlo, das sich vor allem auf ihre interessante und ungewöhnliche Beziehung zu ihrem Mann Diego Rivera konzentriert. Insgesamt vielleicht etwas knapp ausgefallen, aber ein schöner Einstieg, wenn man sich für Frida Kahlo und ihre Kunst interessiert.

David Foenkinos – Die Frau vom Musée d´Orsay (übersetzt von Christian Kolb)

Bewegende Geschichte über einen Mann, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, der sein altes Leben aufgibt und eine Auszeit braucht, um sich dem Drama stellen zu können, dem die ganze Geschichte zu Grunde liegt. Wobei er eigentlich nur eine Nebenrolle spielt, in einer Geschichte über eine junge Frau und ein Verbrechen. Foenkinos Stärke sind die Beschreibungen der Gefühlsnuancen in den Beziehungen der Figuren untereinander, seine Schwäche ist, dass er es mit den Beschreibungen übertreibt und zu sehr zum auktorialen Erzähler wird, obwohl dies gar nicht notwendig ist, was der Geschichte ein wenig ihre Eleganz nimmt.

30 (Fun) Facts aus meiner Zeit im Studentenwohnheim

1. Im Erdgeschoss gab es einen Waschraum mit Waschmaschinen und einen Tischtennisraum, die ich beide in meinen 6 Jahren dort nie betreten habe, und bis heute nicht weiß, wie sie ausgesehen haben.

2. Meinen Briefkasten habe ich alle 6 Monate einmal gelehrt, wenn das neue Semester begann. Habe nirgendwo meine Anschrift angegeben und nie etwas bestellt außer Pizza, die aber nicht durch den Briefkastenschlitz passte. Aufgrund der Türensituation am Eingang und auf den Etagen waren Lieferungen eine unpraktische Angelegenheit.

2.b Die Bewerbungsunterlagen auf eine Professur, für die ich in einer Berufungskommission saß, habe ich nur rechtzeitig entdeckt, weil der Briefkasten so voll (mit unerwünschter Werbung) war, dass sie halb herausgeragt haben. Irgendwo an der Uni muss ich wohl doch diese Anschrift angegeben haben.

3. Wenn du (nicht ich) Ärger mit einem georgischen Kampfhundbesitzer namens Georgi – der stolz Videos von Hundekämpfen zeigt – hast, kann es passieren, dass er dir vor die Zimmertür kackt (obwohl er direkt daneben wohnt). Der Besitzer, nicht der Hund (der blieb in Georgien zurück).

4. Eine Gaspistole aus nächster Nähe abgefeuert kann durchaus ein T-Shirt in Brand setzen. Wenn dir jemand den Schädel mit einer leeren Glasflasche einschlagen will, weil kein Bier mehr im Kühlschrank ist, bleiben einem aber nur wenig Alternativen. (Einem Mitbewohner passiert, attackiert von einem psychisch kranken Studenten aus dem Nachbarwohnheim, der gerade einen psychotischen Schub hatte).

5. Wenn du dich für eine Postdoc-Stelle bewirbst und die Frage aufkommt, ob es gegen Sie laufende Verfahren gibt, und es gerade eines gibt, weil du dich mit einer Gaspistole gegen einen Angreifer gewehrt hast, der eigentlich vor Gericht steht, ist das eher suboptimal.

6. Bei 20 Bewohnern auf einer Etage (mit 5 Gemeinschaftstoiletten) gibt es immer jemanden, für den die Benutzung der Klobürste ein Mysterium darstellt.

7. Wenn man beim gemeinschaftlichen Pizzabacken den neuen japanischen Mitbewohner fragt, ob er noch etwas essen möchte, sagt der so lange »Ja«, bis jemandem einfällt, dass es in Japan als unhöflich gilt »Nein« zu sagen und ein solches Angebot abzulehnen.

8. Lässt man die Etagentüren offen, weil die meisten Leute zu faul sind, für ihren Besuch selbige von Hand zu öffnen, fängt man sich Ungeziefer, Zeugen Jehovas und GEZ-Kontrolleure ein. Die Zeugen vor allem früh am Samstagmorgen.

9. Öffnet man die Zimmertür, weil jemand klopft (die Klingel haben die meisten abgeklemmt), sollte man immer erst den Fernseher oder das Radio ausmachen, denn es könnte der GEZ-Kontrolleur sein, den man dann des Hauses verweisen sollte.

10. In meinem 6 Jahren im Wohnheim hatte ich bewusst keinen Fernseher, außer zur Fußball-WM 2002, bei der ich aber das Halbfinal gegen Südkorea verpasst habe, weil ich zur gleichen Zeit ein Referat halten musste, das Ergebnis aber am Jubel aus dem Studentencafé nebenan verfolgen konnte.

11. Weil ich keinen Fernseher hatte, habe ich die ersten Bilder vom 11. September 2001 erst am 14. gesehen, als ich fürs Wochenende nach Hause fuhr. Während der Anschläge saß ich im Matheseminar, habe danach gepennt und erst abends in der Pizzeria was von Flugzeugen und Hochhäusern gehört.

12. Im Studentenwohnheim ist immer irgendwo Party. Außer am Wochenende, da fahren alle nach Hause, damit Mutti die Wäsche waschen kann und man was Richtiges zu Essen bekommt.

13. Wenn man einen Computermonitor (kein Flachbild) aus dem 7. Stock wirft, zerspringt der in tausend kleine Teile.

14. Schnippt man Kronkorken vom Balkon der 7. Etage sorgen diese in Verbindung mit der Gravitation zu Schmerzens- und Unmutsbekundungen der Getroffenen.

15. Möchte man samstagmorgens um 7.00 Uhr mit der Etage nach Amsterdam fahren, sollte sich nicht ausgerechnet eine der Fahrerinnen aus ihrem Zimmer aussperren.

15.b Mit 12 Leuten auszuklamüsern, wie man eine verschlossene Zimmertür aufbekommt, kann eine sehr spaßige Angelegenheit sein. Nur nicht für jene Mitbewohner, die nicht mitfahren und noch schlafen möchten.

16. Es gibt Menschen, die sich ihr Zimmer vollkommen schwarz streichen, inklusive der Steckdosen. Andere ziehen rot vor.

17. Toaster können schimmeln.

18. Es gibt Männer, die öffnen die Tür nur im Leopardentanga, wenn man sich die Wohnheimbohrmaschine leihen möchte. Ist man eine Frau, knallen sie die Tür zu und öffnen sie 30 Sekunden später im geschniegelten Anzug.

19. Nicht alle Bewohner eines Studentenwohnheims studieren wirklich. Und nicht alle Bewohner eines Studentenwohnheims wohnen dort wirklich.

20. Es gibt Menschen, die dort 10 Jahre gewohnt haben, ohne am Wochenende und in den Ferien »nach Hause« zu fahren.

21. Es gibt auch Menschen, die ihr 13 Quadratmeter großes Zimmer noch mit einer Spanplatte aufteilen, um sich dort eine Werkstatt einzurichten.

22. Ein Kühlschrank im Zimmer nicht weit vom Bett (und das ist praktisch überall im Zimmer) kann sehr praktisch sein, aber auch sehr laut.

23. Es gibt Menschen, die stellen die Herdplatte zum Vorheizen an und kommen erst 10 Minuten später mit einem Topf zurück.

24. Sitzt man zu lange zusammen in der Küche, kommt man auf die dümmsten Ideen. Wie zum Pizza Hut nach Köln zu fahren, und dann noch zum McDonalds am Frankfurter Flughafen, damit man den Flugzeugen während des Essens beim Starten zusehen kann. (Wer hat zu Beginn der Nullerjahre schon an seinen CO2-Ausstoß gedacht?)

25. Aus der Idee, den neuen Harry Potter stilecht in London zu kaufen, kann auch schon mal ein zehntägiger Wanderurlaub in Schottland werden. Statt »Harry Potter« habe ich mir aber »Snow Crash« von Neal Stephenson gekauft.

26. Sperrt man sich am Feiertag aus seinem Zimmer aus und hält sich für McGyver, der die Tür nur mit einem Draht öffnen kann, macht man sich beim Hausmeister nicht gerade beliebt, wenn der den abgebrochenen Draht mit einer Zange aus dem Schloss frimmeln muss.

27. Indische Mitbewohner freuen sich nicht immer über Besuch von Landsleuten, da es Brauch ist, solche Gäste stets zu bekochen. Was sich manche zu Nutze machen, um mit kostenfreier Verköstigung durch die Woche zu kommen.

28. Die Flaschen stehen nicht in der Flucht. (Nur für Insider).

29. Sich nur mal schnell was in der Küche zum Mittagessen zuzubereiten, bevor man kurz vor der Prüfungsphase zur Uni möchte, kann schon mal mit einer zwölfstündigen Uno-Runde enden.

30. Die Lektüre von Matt Ruffs „Fool on the Hill“ hat mein Studium um ein Semster verlängert.

Meine diesjährigen Artikel auf Tor Online und eine kurze Vorstellung der Seite

Den Blog habe ich in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt, was aber nicht heißt, dass ich nichts geschrieben hätte. Das ist nur alles bei Tor Online erschienen (mehr zu Tor Online gibt weiter unten). Falls jemand Interesse hat:

Zuletzt gab es dort von mir eine dreiteilige Artikelreihe über Animes. Im ersten Teil geht es um die Geschichte des Animes, vom Papiertheater Kamishibai über die Propagandafilme des 2. Weltkriegs bis zu den Serien meiner Kindheit wie Biene Maja und Wiki und die starken Männer und Meilensteine des Films wie Akira und Ghost in the Shell.

Teil 2 ist eine Übersicht über die unterschiedlichen Genres des Animes aus westlicher Perspektive. Science Fiction mit seinen Untergenres wie Cyberpunk oder Space Opera; Fantasy, historische Animes und „durchgeknallter Scheiß“.

Teil 3 stellt einige der herausragendsten Animemacher wie Hayao Miyazaki, Mamoru Hosoda oder Makoto Shinkai vor und widmet sich in einem zweiten Abschnitt kontroversen Themen wie die Darstellung von Sex, Gewalt und Frauen in Animes.

Gelegentlich schreibe ich auch Auftragsartikel mit Themenvorgabe, so zum Beispiel über die kommende Netflixserie Cursed von Frank Miller und Thomas Wheeler, die gleichzeitig auch einen Roman über die Coming-of-Age-Geschichte Nimues – der Lady of the Lake aus der Artus-Saga) rausbringen, der auf Deutsch bei Fischer Tor erscheint.

In Schluss mit der Schwarzseherei! Warum Zukunft wieder ein positiv besetzter Begriff werden muss plädiere ich für mehr optimistische und hoffnungsvolle Geschichten in der Science Fiction, da mir Dystopien und Nostalgieflucht in letzter Zeit zu sehr überhandnehmen.

Im Mai erschien ein Artikel über Science Fiction in der Musik, in dem ich Songs, Alben und Musikvideos vorstelle, in denen die SF eine tragende Rolle spielt. Das geht von Hawkwind, David Bowie und Queen, bis in die 90er mit Monster Magnet und Björk bis zu aktuellen Werken von Janelle Monáe oder Alice in Chains.

Weitere Auftragsartikel sind Brave New World Serie: Was wir bisher über die Neuverfilmung von Huxleys Dystopie wissen und Tales from the Loop: Was wir bisher über die Amazon-Serie wissen.

Der Artikel von mir, der wohl am meistens Aufmerksamkeit erhalten hat, ist Wiki und die „starken“ Männer: Von der Löschung der Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen über den Kampf einiger engagierter Frauen gegen die Engstirnigkeit der Wikipedianer.

Das aufwendigste Projekt, das ich bisher für Tor Online durchgeführt habe, war Wanted: Die 100 besten Science-Fiction-Bücher aller Zeiten. Dazu wurden am 31. Oktober 2018 alle SF-Fans dazu aufgerufen, ihre jeweils fünf besten SF-Romane zu nennen. Daraus ergab sich eine Liste mit 450 Titeln, die von 219 Teilnehmern eingereicht wurden (Mehrfachnennungen nicht mitgerechnet). Daraus wiederum haben fünf Jurymitglieder eine Liste von 100 finalen Titeln gewählt. Darunter natürlich die üblichen Klassiker wie Hyperion, Neuromancer und Der Wüstenplanet, aber auch neuere Titel wie Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten oder Kinder der Zeit.

Zu allen 100 Titeln habe ich jeweils einen kurzen Text verfasst, der kurz den Inhalt anreißt und einschätzt, warum das Buch auf der Liste gelandet ist.

Was ist Tor Online

Tor Online ist ein Onlinemagazin für phantastische Themen. Zweimal die Woche gibt es die SFF News von mir (die leider nicht mehr als News in der Überschrift gekennzeichnet sind), dazu Artikel zu aktuellen phantastischen Themen, zu Filmen, Büchern uvm. Da hinter dem Magazin der Verlag Fischer Tor steckt (der zu S. Fischer gehört) gibt es dort in der Regel keine Rezensionen, da man nicht die Produkte der Mitbewerber besprechen möchte und sich lieber auf themenorientierte Artikel konzentriert.

Und, um mal ein wenig Eigenlob zu bringen, anders als Die Zukunft vom Heyne Verlag, ist Tor Online für alle Genres offen und ignoriert die Fantasy nicht. Es gibt auch keine penetrante Eigenwerbung. Wenn eine Liste mit den fünf besten irgendwas-Romanen erscheint, kann man sich sicher sein, dass nicht alle fünf Romane von Fischer Tor stammen, sondern auch von anderen Verlagen.

Alessandra Reß stellt regelmäßig Genres und Untergenres der Phantastik vor, wie z. B. die Science Fantasy, den Cyberpunk oder ganz aktuelle die Romantasy.

Fantasyblogger wiederum stellt regelmäßig Fünf Fantasybücher mit … vor, darunter immer wieder interessante Themen wie Wikinger, Söldner oder historische Figuren.

Judith Vogt widmet sich gelegentlich heiklen Themen, wie schlechte oder gute Sexszenen in Phantastikromanen. Ansonsten stellt sie herausragende Autorinnen wie N. K. Jemisin oder Ann Leckie vor und hat vor allem feministische Themen und Diversity auf dem Schirm.

Diana Menschig besucht regelmäßig Orte, die ein Nerd besucht haben muss. Wie die Buchandlung Drachenwinkel, das Leipziger Völkerschlachtdenkmal oder die Phantastische Bibliothek Wetzlar.

Um mal ein paar regelmäßig für Tor Online schreibende AutorInnen vorzustellen. Neben den Artikeln erscheinen auch regelmäßig Kurzgeschichten.

Sinkende Leselust durch eingefahrene Leseroutine und eine Pause von der Phantastik

Von den neun Büchern, die ich in der letzten Zeit gelesen:

Laird Barron – Occultation
William Wells – Sun Detective
Sven Regener – Wiener Strasse
Linus Geschke – Tannenstein
Sibylle Berg – GRM Brainfuck
Adam Horowitz und Mike Diamond – Beastie Boys Book

oder angefangen habe zu lesen:

Ada Palmer – Too Like The Lightning
Marlon James – Black Leopard, Red Wolf
Max Gladstone – Empress Of Forever

hat mich nur das Beastie Boys Book so richtig begeistern können – und zwar so, dass ich die 600 Seiten innerhalb weniger Tage verschlungen habe. Was mich zu der Erkenntnis brachte, dass ich mit einer Lektüreauswahl in einer Routine gelandet bin, die zu steigender Leseunlust führ. Zwar habe ich noch jeden Tag gelesen, aber deutlich weniger Seiten bei steigendem Serienkonsum.

Es sind alles keine schlechten Bücher. GRM Brainfuck z. B. hat mich über die ersten 400 Seiten ob seines herausragenden Stils und seines scharfsinnigen analytischen Blicks auf unsere Gesellschaft stark begeistert. Doch über die letzten 200 ermüdete mich das gleichbleibende Schwarz-in-schwarz-Zeichnen, und der zutiefst dystopische Charakter der Erzählung. Warum ich der Dystopien müde bin, habe ich kürzlich auf Tor Online in dem Artikel Schluss mit der Schwarzseherei! Warum Zukunft wieder ein positiv besetzter Begriff werden muss aufgeschrieben.

Auf Empress Of Forever hatte ich mich schon ein halbes Jahr lang gefreut, da ich Gladstones Craft-Sequence großartig und super originell finde. Doch der Funke wollte nicht so recht überspringen. Ich bin jetzt bei 80%, aber die rasante Space-Fantasy mit toll ausgearbeiteten Figuren ist mir irgendwie zu abstrakt geraten, was Weltenbau und teilweise auch den Ablauf mancher Szenen angeht.

Black Leopard Red Wolf von Booker-Prize-Gewinner Marlon James ist stilistisch wunderbar geraten, ein originelles Fantasyszenario mit starken afrikanischen Einflüssen abseits der üblichen eurozentrischen Mittelalterfantasyklischees. Und doch konnte es mich bisher nicht so recht packen, und ich hänge bei 10% (ca. Seite 100) fest.

Dass es selbst so herausragend geschriebenen Werken der Fantasy und Science Fiction nicht gelingt, mich zu begeistern, bringt mich zu dem Schluss, dass sich bei mir aktuell Ermüdungserscheinungen in Sachen Phantastik bemerkbar machen. Ich beschäftige mich beruflich so viel mit Phantastik, und das durchaus mit Begeisterung, dass ich privat jetzt mal etwas thematische Abwechslung brauche. Weshalb ich dem Genre für eine Weile in Sachen Literatur den Rücken kehren werde. Solche Phasen habe ich alle paar Jahre immer wieder mal. Die halten dann oft einige Monate an. Von den 22. Büchern, die ich dieses Jahr schon komplett gelesen habe, waren es nicht die 10 Phantastikbücher, die mich begeistern konnte, sondern Krimis (The Borrowed/Das Auge von Hongkong, wobei ich hier mit Sun Detective und Tannenstein zwei nicht so dolle erwischt habe)), historische Romane (Die goldene Stadt), zeitgenössische Belletristik (Das Leben des Vernon Subutex 2 und 3, hier konnte mich überraschenderweise Wiener Straße von einem meiner Lieblingsautoren überhaupt nicht begeistern) und Sachbücher (Wütendes Wetter).

Als Folge der Begeisterung für das Beastie Boys Book, werde ich mich jetzt erst mal verstärkt Sachbüchern widmen, vor allem mit (auto)biografischen Elementen. Ich liebe Bücher über Menschen, die Sachen machen, die ich mich nicht trauen würde. Aus der Band-Biografie habe ich drei Lesetipps mitgenommen:

Tania Aebi – Maiden Voyage
Luc Sante – Low Life: Lures and Snares of Old New York
Ada Calhoun – St. Marks Is Dead

Tania Aebi gehörte zum Freundeskreis der Beastie Boys in deren Jugendjahren. Als sie 18 war, stellte ihr Vater sie vor die Wahl, ihr entweder das College zu bezahlen, oder ein Segelboot. Wenn sie sich für das Segelboot entscheiden würde, müsste sie damit aber auch allein um die Welt segeln. Und ratet mal, was sie getan hat …

Die anderen beiden Bücher erzählen die Historie zweier Bezirke von New York, für die ich mich seit meinem Urlaub dort im letzten Jahr besonders interessiere, da mein Hotel auf der Lower Eastside lag, wo ich mich sehr wohl gefühlt habe. Beide AutorInnen haben ausgezeichnete Gastkapitel zum Beastie Boys Book beigetragen.

Wenn ich in meinen Lesegewohnheiten zu eingefahren bin, hilft es, diese ein wenig zu ändern, mich selbst mit der Lektüreauswahl zu überraschen, mich spontan für Bücher zu entscheiden, die mich jetzt gerade besonders ansprechen, und diese dann auch direkt zu lesen. Statt Monate im Voraus bestimmte Titel zu planen, nur weil sie gerade im Genre angesagt sind und ich auf dem neuesten Stand bleiben möchte. Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, keine neuen Bücher mehr zu kaufen, was ich auch ein Quartal lang durchgehalten habe. Aber nur Bücher zu lesen, die schon lange bei mir im Regal stehen, nimmt mir das Überraschungsmoment und verhindert, spontanen Leselaunen zu folgen und auch mal Bücher zu Themen zu lesen, die mich eigentlich nicht interessieren (da habe ich mir mal Stephen Frys Mythos: The Greek Myths Retold für die nähere Zukunft notiert)

Ob es was hilft, mein Leseverhalten zu ändern, zu anderer Lektüre zu greifen, als in den letzten Monaten und Jahren, wieder mehr zu lesen und weniger TV/Streamingserien zu schauen … wir werden sehen. Ich hoffe aber, dadurch wieder mehr Begeisterung beim Lesen zu haben, und nicht einfach nur routiniert was runterzulesen, was ganz okay ist, aber aktuell nicht zu meiner Lesestimmung passt. Manche Bücher liest man einfach zur falschen Zeit.

Wie sieht es bei euch aus? Kennt ihr sowas?

Serienempfehlungen: „Chernobyl“, „Our Planet“ und „Street Food Asia“

Chernobyl

Schaut man sich an, was Drehbuchautor Graig Mazin bisher für Filme geschrieben hat, könnte man nicht auf die Idee kommen, dass seine erste Serie ein Meisterwerk wird, das Seriengeschichte schreibt. Scary Movie 3 und 4, Hangover 2 und 3 deuten jedenfalls nicht daraufhin. Und doch ist es ihm mit Chernobyl gelungen. Von der ersten bis zur letzten Minute hat er zusammen mit Regisseur Johan Renck und seinem Team ein bedrückendes, apokalyptisches Endzeitszenario geschaffen, das schon längst stattgefunden hat. Die Schauspieler sind herausragend, allen voran Jared Harris, Stellan Skarsgård und Emily Watson. Die Ausstattung, die Sets vor Ort in Tschernobyl und der Stadt Prypjat stimmen bis ins kleinste Detail. Das Drehbuch besitzt kein Gramm fett, jede Szene und jeder Dialogzeile erfüllen einen Zweck, die Struktur sorgt für Spannung, die Handlung ist herzergreifend und geht an die Nieren. Eine nüchterne, sachliche und doch bewegende Schilderung der wahren Ereignisse im Jahr 1986. Für mich das Serienereignis des Jahres über einen Drachen, der ganz real ist und ganze Städte auslöschen kann, wenn wir unsere Kontrolle über ihn überschätzen. Hat fünf Teile und ist auf Sky zu sehen.

Our Planet

Sechsteilige britische Netflix-Dokumentation über Zustand und Zerfall unserer Erde. Was wir Menschen mit diesem Planeten anstellen, ist praktisch die Katastrophe von Tschernobyl in Zeitlupe über den gesamten Globus verteilt. Die Serie zeigt, welch drastischen Folgen unser Tun und der daraus folgende Kollaps der Biosphäre für die Tierwelt haben. Und wer glaubt, das beschränke sich nur auf ein paar Eisbären, denen die Schollen unter den Füßen wegschmelzen, der täuscht sich gewaltig und sollte sich dringend die Episode mit den Walrössern anschauen. Die Bilder sind wunderschön und doch tieftraurig. Ich empfehle die englische Fassung, in der David Attenborough als Erzähler fungiert, der für lange Zeit bei der BBC für diese wundervollen Naturdokus verantwortlich war, die uns aber auch eine heile Welt vorgegaukelt haben. Hier spricht er endlich unverblümt aus, welche Spuren das Anthropozän an Flora und Fauna hinterlassen hat.

Street Food Asia

Street Food Asia ist eine großartige Dokuserie auf Netflix, über mehrere Generationen von Street Vendors: Menschen, die alte Familienrezepte in ein erfolgreiches Geschäftsmodell und leckeres Essen verwandelt haben. Viele faszinierende Lebensgeschichten aus Ländern wie Japan, Thailand, Indonesien, Singapur, Vietnam oder Taiwan. Mein Favorit ist die Episode aus Thailand mit der Straßenköchin, die während der Arbeit aussieht wie aus einem Film von Hayao Miyazaki, seit Jahrzehnten ihr Ding durchzieht und ihre Rezepte so perfektioniert hat, dass sie sogar einen Michelin-Stern erhalten hat. Zeigt auch, wie wichtig in solchen Städten das Essen auf der Straße ist, wo viele keine Zeit zum Kochen haben, keine Küche oder nur wenig Geld. Ein faszinierender Mikrokosmos, der immer weiter verdrängt wird, ob durch Gentrifizierung oder Regierungen, die lieber leere, saubere und trostlose Straßen haben, wie in Thailand z. B.

Bei den New York Yankees im Stadion

Vor genau einem Jahr war ich bei den New York Yankees im Stadion. Hier ein kurzer Bericht.

Ich kann nicht behaupten, ein großer Fan von kommerzialisiertem Sport zu sein. Weder schaue ich mir die Bundesliga, noch die Champions League an, und Korruptinos Fußball WM der Männer ist mir auch wurscht. Noch kommerzieller als in den USA geht es wohl kaum, wo Mannschaften aus rein finanziellen Gründen von einer Stadt in die andere umziehen, wie zum Beispiel die Brooklyn Dodgers, die 1958 nach L. A. zogen und der Stadt das Herz herausrissen (»Our Bums«).

Wenn man aber die USA und deren Kultur verstehen will, kommt man an Baseball nicht vorbei. Kein anderer Sport hat das Land so geprägt und steht stellvertretend für den »American Exceptionalism«. Eine komplexe und komplizierte Sportart, die man wohl nur ganz verstehen kann, wenn man mit ihr aufgewachsen ist. Hier empfehle ich die herausragende Doku »Baseball« von Ken Burns.

Das bekannteste und erfolgreichste Team des Sports sind die New York Yankees, das Team, das mit Babe Ruth und Heinrich Ludwig »Lou« Gehrig zur Legende wurde und weitere Ausnahmespieler, wie Joe Dimaggio und Mickey Mantle hervorbrachte. Der letzte Titel und die letzte Finalteilnahme liegen allerdings schon zehn Jahre zurück. „Doch nach einem holprigen Start sieht es diese Saison gar nicht so schlecht aus“, schrieb ich letztes Jahr, als ich diesen Beitrag begann. Insgesamt lief es dann doch wieder sehr bescheiden für die Yankees.

Die U-Bahn hält direkt vor dem Stadion in der Bronx an Gate 6, wo sich die Fans ganz entspannt den Eingangskontrollen nähern. Hinter dem Einlass gab es ein Yankees-Shirt als Geschenk, dann musste ich noch einmal ums halbe Stadion rum, um meinen Platz zu finden. Der lag in der zweiten Etage mit guter Sicht auf das Spielgeschehen. Immer wieder kamen Leute mit schlechteren Tickets, die versuchten, hier bessere Plätze zu finden, bis dann die eigentlichen Kartenbesitzer kamen, um ihre Sitze einzunehmen. Zu Spielbeginn war es noch relativ leer im Stadion, die Plätze füllten sich erst nach und nach, da viele vermutlich direkt von der Arbeit kamen. Nicht wenige gingen auch schon wieder vor Spielbeginn. Bei vier bis fünf Spielen pro Woche ist das wohl nicht ungewöhnlich.

Anders als in deutschen Fußballstadien gibt es hier keine Ultras, die für Stimmung sorgen. Das läuft alles über die Stadiontechnik, mit eingespielter Musik und Fans, die dann tanzend auf der großen Leinwand eingeblendet werden. Die Jungs, die den Platz zwischendurch abzogen, tanzten dann zu YMCA. Und der übliche Patriotismus mit Heldenverehrung und Nationalhymne durfte natürlich nicht fehlen. Trotzdem herrschte eine angenehme, entspannte Stimmung im Stadion. Erst in den letzten beiden Innings, bei der drohenden Niederlage, nahmen aggressivere Töne, vermutlich durch den stetigen Bierkonsum gefördert, deutlich zu. Da merkte man, dass es unter der familienfreundlichen Fassade durchaus brodelte.

Nach dem Spiel ging es dann in einer überfüllten U-Bahn, dank Bauarbeiten, im Schneckentempo zurück nach Manhattan – aber ganz entspannt und gelassen, ohne grölende, besoffene Fans.

Die Yankees haben übrigens 3:4 gegen die Washington Nationals verloren. Hier zeigte sich, dass nicht das Team mit den meisten Homeruns gewinnt. Hat man noch keine Spieler auf den Bases, bringt ein Homerun nur jeweils einen Punkt, wie für die Yankees. Die Nationals haben mit einem Homerun gleich drei Punkte geschafft, weil sie schon Spieler auf den Bases platzieren konnten. Hier zahlt sich geschicktes Taktieren aus. Es war bis zum Schluss ein spannendes und ereignisreiches Spiel.

Die unveröffentlichte Übersetzung: „Immersion“ von Aliette de Bodard

Ein Beispiel dafür, dass man manchmal ganz umsonst übersetzt, nicht nur im Sinne von honorarfrei, sondern auch  von leserfrei.

Zu Beginn meiner Übersetzerkarriere (falls man überhaupt von einer solchen sprechen kann) hatte ich die Möglichkeit, einige wunderbar geschriebene Kurzgeschichten für das Phantastikmagazin Phase X zu veröffentlichen. Das Magazin ist im Umfeld des Fantasyguides aus dem Magazin Sono entstanden, bevor es vor einigen Jahren zu einer etwas unschönen „feindlichen“ Übernahme kam (worauf ich hier aber nicht weiter eingehen werde).

Wie auch immer, die Romane, die ich zu Beginn übersetzen durfte, waren jetzt keine stilistischen Meisterwerke, sondern eher solide Unterhaltung. Da boten die Kurzgeschichten von Nina Allen und Aliette de Bodard eine willkommene Abwechslung. Im Angesicht Gottes fliegen erschienen 2012 in Phase X 9 und erzählt von einem ungewöhnlichen Raumfahrtprogramm in einer alternativen Realität und ist wunderbar ruhig und einfühlsam erzählt, atmosphärisch dicht, voller Melancholie über die letzten Tage einer physisch veränderten Raumfahrerin mit ihrer Freundin auf der Erde. Nina Allan hat inzwischen auch tolle Romane geschrieben (z. B. The Race), die leider nie auf Deutsch erschienen sind.

In Phase X 11 erschien dann 2015 meine Übersetzung von Aliette de Bodards Verstreut entlang des Himmelsflusses. Die Geschichte mischt asiatische Einflüsse mit den Themen Revolution, Poesie und Familiengeschichte. Die Herausforderung bei der Übersetzung lag in den unterschiedlichen Erzählebenen, von denen eine im Präsens, und eine in der Vergangenheitsform erzählt wird. Da musste ich immer höllisch aufpassen, dass ich im Präsens-Teil nicht wieder ins Präteritum verfalle. Es ist eine sehr schöne Geschichte, die moderne Technik mit Sprache, Poesie und Tradition verbindet.

Immersion gewann 2013 den Nebula Award (einer der wichtigsten SF- und Phantastikpreise) und spielt im gleichen Universum wie Verstreut entlang des Himmelsflusses. Die Geschichte erzählt von zwei jungen Frauen, die in einer Gesellschaft leben, in der man sein Äußeres unter gefotoshopten Avataren auch in der nicht-virtuellen Realität verbirgt und sich dadurch von sich selbst entfremdet. Eine sehr einfühlsame geschriebene Geschichte darüber, wie man sich durch zukünftige technologische Entwicklungen in künstlichen Identitäten verlieren kann.

Da mir die Arbeit an der ersten Kurzgeschichte von Aliette de Bodard so gut gefallen hat, zögerte ich nicht lange, den Auftrag für eine weitere für Phase X 12 anzunehmen. Die habe ich im Jahr 2014 übersetzt, und sie ist bis heute nicht erschienen. Im Herbst 2014 gab es bei Tor Online das Vorhaben, monatlich Kurzgeschichten zu veröffentlichen, die einen Nebula oder Hugo Award gewonnen haben (ein Vorhaben, das mangels Interesse der Leserschaft schnell wieder eingestellt wurde). Als ich davon hörte, erwähnte ich, dass ich gerade so eine Geschichte übersetzen würde. Man fragte bei den Herausgebern und dem Verlag von Phase X an, ob man die Geschichte nicht parallele auch bei Tor Online veröffentlichen könne, natürlich mit dem Hinweis auf Phase X, erhielt aber eine Absage.

Seitdem habe ich nichts mehr von Phase X gehört. Die Ausgabe 12 ist nie erschienen, ich weiß auch von mindestens einem anderen Übersetzer, der für diese Ausgabe eine Übersetzung angefertigt hat. Und meine Übersetzung, in die ich viel Arbeit gesteckt habe, die über 20 Normseiten hat, verstaubt nun in meiner virtuellen Schublade. Ist immerhin kein ganzes Buch, so was soll auch vorkommen, aber dafür wird man immerhin bezahlt. Hier war die komplette Arbeit umsonst.

Es werden sowieso kaum noch internationale Kurzgeschichten ins Deutsche übersetzt, wir hier auf dem deutschsprachigen Buchmarkt haben schon lange den Anschluss an den internationalen Kurzgeschichtenmarkt verloren (siehe mein Plädoyer für die übersetzte Kurzgeschichte), da ist es doch wirklich schade, wenn eine schon übersetzte Story einer der aufregendsten Science-Fiction-Kurzgeschichtenautorinnen unserer Zeit ungenutzt bleibt. Ich glaube nicht, dass man von Phase X noch einmal was hören wird.

Von Aliette de Bodard ist auf Deutsch inzwischen ihr Roman Das Haus der gebrochenen Schwingen erschienen, übersetzt von Simon Weinert. Im Vergleich zu ihren aufregenden und vor Ideen nur so schäumenden SF-Kurzgeschichten fand ich diese Geschichte über Engel in einem untergegangenen Paris ziemlich langweilig und belanglos. Wahrscheinlich hat sie einfach nicht meinen Geschmack getroffen.

Zwischenstandsmeldung vom Krankenbett

Na, ganz so schlimm ist es nicht. Aber ich bin Anfang Januar so heftig umgeknickt, dass ich mir einen großen Korbhenkelriss im Meniskus zugezogen habe. Die Knieoperation war vor zwei Wochen. Der Riss wurde genäht, dabei hat man festgestellt, dass die Kreuzbandplastik (zwei Schrauben plus eine Partellasehne), die ich vor 23 nach einem Kreuzbandriss beim Fußball erhalten habe, nicht mehr funktioniert und das Knie nicht mehr stabilisiert. Weshalb ich auch umgeknickt bin.

Die Schrauben hat man entfernt, und die Bohrlöcher mit Knochenmaterial aufgefüllt, das man mir am Beckenkamm entnommen hat (was eine große Narbe an der Hüfte mit sich brachte). Das muss jetzt sechs Monate hart werden und verwachsen, dann bekomme ich bei einer zweiten OP ein neues Kreuzband.

Mit Karneval kann ich ja nichts anfangen, aber mein Bein hat sich schon mal als das linke Bein von Frankensteins Kreatur verkleidet.

Die letzten zwei Wochen konnte ich nur auf Krücken mit einer Teilbelastung von 20 Kilogramm auf dem linken Bein laufen. Inzwischen geht es auch ohne Krücken mit Vollbelastung, aber nur mit einer Orthese, die das Bein in gestreckter Stellung hält, damit die Meniskusnaht nicht wieder reist. So werde ich noch mindestens vier weitere Wochen humpeln müssen, habe viel Physiotherapie, muss mehrmals täglich auf eine motorisierte Bewegungsschiene, die das Knie bis 90 Grad beugt, und kann nicht so lange am Schreibtisch sitzen. Weshalb ich mich erst mal nur um meinen Brotjob kümmere und den Blog weiter vernachlässigen werden.

Diese Knieorthese hält mein Bein in Streckstellung. Die muss ich mindestens 6 Wochen Tag und Nacht tragen, dann wird sie am Gelenk freigestellt, damit ich es bewegen kann. Tragen soll ich sie dann tagsüber bis zur nächsten Kreuzband-OP in fühestens sechs Monaten

Bei Gelegenheit werde ich noch etwas ausführlicher und unterhaltsamer von der OP berichten. Die ist übrigens gut verlaufen, ich hatte danach keine Schmerzen, und das Schlimmste war, eine Woche lange vorher jeden Tag eine Banane essen zu müssen, weil mein Kaliumwert etwas niedrig war.