Liebe Buchbranche, wir müssen reden! Wenn Selbstausbeutung existenzbedrohend wird

Als Disclaimer vorweg: Ich arbeite freiberuflich als fester freier Mitarbeiter bei Fischer Tor bzw. S. Fischer mit einem Werksvertrag (und zwar gerne, habe ein tolles Team im Verlag), und daneben auch als Gutachter und Übersetzer für andere Verlage. Dieser Artikel bezieht sich nicht allein auf meine Situation, sondern die meiner Kolleginnen, die Buchbranche insgesamt und vor allem auf große Publikums- und Konzernverlage. Wobei ich mich hier jetzt konkret auf die Übersetzerbranche beziehe, da ich dort hauptberuflich tätig bin und mich hier am besten auskenne (bei freien Lektor*innen, Korrektor*innen, Sensitivity Readern, Grafiker*innen usw. dürfte die Situation ähnlich sein).

Die Honorare in der Buchbranche für Übersetzer*innen, aber auch Lektor*innen, Korrektor*innen und andere freiberuflich tätige Menschen, haben sich im Prinzip seit Beginn der 2000er Jahre nicht verändert. Sprich: Sie sind seit 20 Jahren um kaum gestiegen. Der Verband der Übersetzer hat ermittelt, dass das Normseitenhonorar seit 2001 16% seiner Kaufkraft eingebüßt hat (Stand 2019/20!). Das ist schon in normalen Zeiten ein Problem, aber angesichts der aktuellen Inflation, der allgemeinen Preissteigerungen und vor allem der explodierenden Energiekosten nimmt, was zuvor nur an Selbstausbeutung (aus Liebe zum Beruf) grenzte, existenzbedrohende Züge an.

Dazu sollte ich noch erwähnen, dass ich vor allem im Bereich der Phantastik (Science-Fiction, Fantasy und Horror) unterwegs bin, also in der Genreliteratur. Wie die Honorarsituation in der sogenannten E-Literatur aussieht, weiß ich nicht so genau. Dort werden, vor allem wenn es sich um Hardcoverausgaben handelt, höherer Honorare gezahlt, die aber, wenn ich den Meldungen des VdÜ so folge, auch kaum gestiegen sein dürften. Das aktuelle vom Verband der Übersetzer durch eine Umfrage unter den Mitgliedern ermittelte Durchschnittshonorar von 18 Euro pro Normseite liegt übrigens deutlich über dem, was im Genre in der Regel pro Seite gezahlt wird. Wer da als Übersetzer*in auf einen für Freiberufler empfohlenen Stundenlohn von 60 bis 90 Euro kommen will (Lohnneben- und sonstige Kosten müssen ja selbst getragen werden), muss sich ganz schön ranhalten.

Im Genrebereich waren die Honorare schon immer grenzwertig (mal abgesehen davon, dass sie auch nicht vom Schwierigkeitsgrad der Übersetzung abhängen). Übersetzer*innen müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, im Prinzip viel schneller und viel mehr Titel übersetzen, als es für die Qualität der Übersetzung eigentlich gut ist. Ich weiß gar nicht, wie viele Kolleginnen ich kenne, die bis in die Nacht hinein übersetzen und für die ein freies Wochenende ein Fremdwort ist, das auch ihnen zu übersetzen schwer fällt. Da findet seit Jahrzehnten Selbstausbeutung statt, aus Liebe zum Beruf, zur Sprache und zum Genre. Weil man*frau macht, was man*frau liebt, auch wenn es aus ökonomischer Sicht wenig sinnvoll erscheint. Burnout und Depressionen sind durchaus nicht unüblich.

Für Übersezter*innen gibt es zwar einen Normvertrag, an den halten sich aber viele Verlage nicht, und er enthält auch kein Mindesthonorar. Eigentlich ist das Honorar eine Verhandlungssache zwischen Verlag und Übersetzer*in. Im Prinzip haben die Verlage aber festgesetzte Honorare, von denen sie nur in den seltensten Fällen und vor allem seit knapp 20 Jahren kaum abweichen. In den Buchkalkulationen großer Konzernverlage werden die Übersetzungskosten oft als störender Faktor wahrgenommen, den es möglichst klein zu halten gilt. Während für die Bücher diverser Prominenter, aber dann mehrer hunderttausend Euro Vorschuss zu Verfügung stehen (um mal etwas Polemik in die Diskussion zu bringen).

Eine Branche in der Krise

Irgendwie scheint sich die Buchbranche immer in der Krise zu befinden, zumindest nach eigener Aussage. In den letzten Jahren, seit dem Aufstieg von Netflix und Co. ist die Zahl der Buchkäufer*innen wohl wirklich stark zurückgegangen. Die Umsätze selbst sind es insgesamt aber wohl nicht. Im Phantastikgenre sind sie es aber tatsächlich, seit der Boom der Völkerfantasy vorbei ist und Megabesteller wie »Harry Potter«, »Twillight«, »Hunger Games« oder »Game of Thrones« schon seit Jahren auf sich warten lassen, ebenso wie neue Trends, die relativ sichere Verkaufserfolge kalkulieren lassen.

Die Zahl der Übersetzungen im Bereich der Phantastik geht schon seit Jahren zurück (ich hatte das 2014 mal für einen Artikel im Magazin phantastisch! für den Zeitraum von 2010 bis 2014 nachgezählt, seitdem ist es kaum besser geworden). Selbst Kolleg*innen, die teils seit Jahrzehnten als Stammübersetzer*innen für bestimmte Verlage tätig sind, berichten davon, dass plötzlich Aufträge ausbleiben. Gibt es zu viele Übersetzer*innen und zu wenig Auftäge, wird es für uns Übersetzer*innen schwierig, ein höheres Honorar auszuhandeln, da sich immer jemand findet, der es für weniger macht.

Pandemie und weitere Krisen

Zu all dem kam 2020 dann noch die Pandemie hinzu: geschlossene Buchhandlungen, ausgefallene Buchmessen und sinkende Leselust im Homeoffice bzw. in Krisenzeiten. Und 2022 dann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der die gesamte Globalisierung ins Wanken brachte, was sich in der Buchbranche z. B. durch eine Knappheit bestimmter Papiersorten und gestiegene Druckkosten bemerkbar machte. Steigende Inflation, Energiekosten und Unabwägbarkeiten für die Zukunft verschärfen die Situation nur noch mehr.

Es gibt also gute Gründe, für Verlage, Kosten zu sparen. Aber das gilt für alle Unternehmen. Und während für Arbeitnehmer von den Gewerkschaften (oft trotzdem unzureichende) Tariferhöhungen ausgehandelt werden, bleiben wir Freiberufler*innen weiter auf der Strecke. Was bisher häufig die schon oben erwähnte Selbstausbeutung war, wird jetzt existenzbedrohend.

Eine Zukunft in der Branche?

Den Beruf, die Branche zu wechseln, habe ich mir in den letzten Jahren immer wieder überlegt, allein um mal ein stetiges Einkommen zu haben, mit dem ich mir wieder eine Wohnung in Berlin leisten könnte (was aber auch mit normalem Gehalt immer utopischer wird). Inzwischen – und da bin ich sicher nicht der Einzige – muss ich mich fragen, ob ich es mir in Zukunft überhaupt noch leisten kann, in der Buchbranche zu arbeiten, wenn sich nicht bald etwas in Sachen Honorarerhöhungen tut.

Wie oben erwähnt, es gibt gute Gründe, für Verlage, Kosten einzusparen. Aber wenn das Geschäftsmodell nur noch funktioniert, wenn sich einzelne (freie) Mitarbeiter*innen selbst ausbeuten, bzw. nicht mehr genügend damit verdienen, um davon leben zu können, dann sollte dieses Geschäftsmodell doch mal überdacht werden. Und da habe ich noch gar nicht die deutschsprachigen Autor*innen erwähnt, deren Vorschüsse und Einahmen insgesamt meist sogar noch niedriger ausfallen, als die der Übersetzer*innen, weshalb viele von ihnen nebenher selbst noch übersetzen.

Eine Lösung für das Problem habe ich auch nicht parat. Höhere Buchpreise wären eine Möglichkeit. Aber, obwohl sie in den letzten 20 Jahren selbst kaum gestiegen sind, werden sie von den Leser*innen trotzdem jetzt schon oft als zu Hoch empfunden, weshalb viele auf gebrauchte Titel bei Medimops oder günstige Selfpublisher-E-Books umsteigen.

Eine für uns Kreative unschöne Lösung wird wohl sein, dass manche Verlage in den nächsten zehn Jahren vermehrt auf Übersetzungs-KIs wie DeepL setzen werden, deren Ergebnis dann nur noch vom Lektorat überarbeitet wird. Und Buchcover aus KIs wie Midjourney.

Aber so lange wir noch nicht von „Robotern“ ersetzt werden, sollten wir uns als Freiberufler*innen gerade jetzt für höhere Honorare einsetzen und versuchen, uns nicht gegenseitig zu unterbieten.

Liebe Buchbranche

Liebe Buchbranche, wenn ich als Übersetzer oder sonstiger Mitarbeiter bei euch nicht mehr genug verdiene, um mir eure Produkte, also die Bücher, die jetzt keine Luxusprodukte wie ein Porsche sind, nicht mehr leisten kann, dann läuft etwas falsch. Und wenn ich mir Sorgen machen muss, dass ich meine monatlichen Fixkosten nicht mehr decken kann, dann werden euch bald qualifizierten Mitarbeiter*innen wegbrechen, so wie es kürzlich der Gastronomie oder dem Sicherheitsgewerbe auf Flughäfen passiert ist.

Nachbemerkungen

Ist jetzt schon länger her, dass ich auf diesem Blog einen Beitrag gebracht habe, der jener Branche ans Bein pinkelt, in der ich weiterhin mein Einkommen verdiene. Aber das bisschen Kritik wird sie schon verkraften können.

Und keine Sorge, momentan geht es mir finanziell noch gut.

Zum Ausklang gibt es noch etwas Musik:

Holger M. Pohl – Ein Nachruf

Ich weiß gar nicht mehr, in welchem Jahr genau ich Holger persönlich kennengelernt habe, aber es war auf jeden Fall auf dem Bucon, 2006 oder 07 vielleicht. Vorher kannten wir uns schon durch unsere gemeinsame Arbeit beim Fantasyguide übers Internet. Die Treffen auf dem Bucon sollten zu einer liebewordenen Tradition werden. Wenn Ralf Steinberg, Michael Schmidt und ich zusammen auf dem Bucon eintrafen, hatte Holger meist schon einen Tisch besetzt, an dem wir uns dann für den Rest des Cons niederließen und um den herum praktisch ein ganzer Kosmos entstand, bei dem immer wieder Leute vorbeischauten. Nachdem Con ging es dann stets zum traditionellen Essen der Fantasyguide-Gruppe (+ weitere Freunde u. Bekannte), oft war Holgers Frau Moni (mit der er seit 1986 verheiratet war) mit dabei (die beiden sind dann am nächsten Tag noch auf die Frankfurter Buchmesse). Die letzten beiden Jahre hatten wir in unserer Whats-App-Gruppe öfters darüber geschrieben, wir sehr uns dieses Treffen fehlt und wie sehr wir uns darauf freuen, wenn es wieder möglich sein wird. Dass das jetzt nie wieder stattfinden wird, kann ich gar nicht glauben.

Holger war auch meist mein Hauptgesprächspartner auf dem Marburg Con, auf dem ich nicht so viele Leute kannte. Und auch in Leipzig auf der Buchmesse haben wir uns gelegentlich getroffen. Auf dem ersten Foto oben sieht man ihn bei einer seiner ersten Lesungen 2015 zu seinem ersten Roman Arkland. 2018 haben wir uns zusammen in Berlin ein Hotel genommen, um mit Ralf einen kleinen Fantasyguide-Con zu veranstalten (der nur aus uns Dreien bestand). Das war ein sehr lustiges und sehr angenehmes Wochenende, das wir schon längst wiederholt hätten, wäre nicht Corona dazwischengekommen). In unserer WhatsApp-Gruppe hatten wir uns zeitweise fast täglich unterhalten.

Holgers große Leidenschaft war die Fantasy. Er liebte Herr der Ringe, veranstaltete jedes Jahr im Dezember einen Marathon mit den Verfilmungen, reiste mehrfach mit dem Camper durchs Land der Ringe Neuseeland (hier sein Reisebericht), um die Drehorte zu besuchen und im Tänzelnden Pony zu speisen. Doch auch die Space Opera hatte es ihm angetan, die war für ihn das Salz in der SF-Suppe (S. 28). Und so schrieb er mit Arkland eine Fantasy-Reihe in der Tradition der Sword-and-Sorcery der 60/er und 70er Jahre, die er so mochte (vor allem Michael Moorcock, den er mal interviewen durfte), war aber auch mit Die neunte Expansion und Rettungskreuzer Ikarus im Weltraum unterwegs, zuletzt zusammen mit Dirk van den Boom in der Welt der 7 Ebenen.

Seine humorvolle Seite zeigte er nicht nur auf den Cons in lustiger Runde, sondern auch in seinem Langzeitprojekt Die Leiden des jungen Verlegers, das 2021 nach langem „Autorenleiden“ erschien, in dem er die deutschsprachige Kleinverlagsszene fantasyvoll auf die Schippe nahm. Seine Bücher schrieb er teilweise im Zug auf dem langen Weg zur Arbeit und zurück. Seine bissige Seite zeigte er gerne in seiner Kolumne beim Fantasyguide. Im Fandom war er auch schon lange vor seinem ersten Roman bekannt, unter anderem als Autor und einer der Herausgeber des Magazins Phase X.

Und obwohl er Schwabe war und in der Nähe von Stuttgart wohnte, galt seine Fußballliebe Borussia Dortmund. Doch wenn es um Kartoffelsalat ging, war er ganz Lokalpatriot und bestand darauf, dass der ohne Mayonnaise zubereitet wurde.

Holger war so ein netter und toller Mensch, der sich sehnsüchtig auf seine nächste Neuseelandreise gefreut hat und auf die Zeit, in der er sich ganz dem Schreiben widmen kann. Am 16. Januar wurde er 63 Jahre alt. Letzten Montag schrieb er noch auf Facebook: »Montag und Urlaub … die Welt ist in Ordnung 🙂!«. Jetzt ist Freitag, und sie ist es nicht mehr, denn Holger ist gestern völlig überraschend verstorben.

Warum wir nach Jahrzehnten unseren Telekom-Vertrag gekündigt haben

Seit fast 40 Jahren sind wir in Sachen Telefon Kunden bei der Deutschen Telekom. Seit 23, seit dem 28. Juni 1998 beziehen wir über sie auch unser Internet.

Jetzt haben wir unseren Vertrag gekündigt. Aus dem ganz einfachen Grund, dass die Internetleitung zu langsam ist und nicht meinen beruflichen Anforderungen aus dem Heimbüro genügt.

Ich wohne in einem kleinen Dorf im Westerwald (nicht weit von der 1&1-Zentrale in Montabaur entfernt). Bis zum Verteilerkasten im Dorf läuft eine Glasfaserleitung, für die die Verbandsgemeinde lange gekämpft hat und die erst 2015 gelegt wurde. Leider seht dieser Verteilkasten weit unten im Dorf, und von dort läuft eine lange Kupferleitung den Berg hinauf bis zu uns. Vectoring nennt sich das. Sprich, wir zahlen für bis zu 50 Mbit/s erhalten aber maximal 30, meist nur 20 bis 25 (weil durch Entfernung und Steigung Leistung in der Kupferleitung verloren geht). Als ich vor ein paar Jahren mit einem Kundenberater der Telekom telefonierte, der mir wieder einen Tarif aufschwatzen wollte, den sie gar nicht leisten konnten, meinte er zu mir:

»Ja, was erwarten Sie denn, dass wir Ihnen etwa einen Glasfaseranschluss bis ins Haus legen?«.

Äh, ja, genau das erwarte ich in einer modernen, digitalisierten Gesellschaft, in der das Internet eine immer wichtigere Rolle spielt und ich meinen Lebensunterhalt täglich auch über das Internet verdiene.

Wir sind jetzt zu unserem lokalen Kabelanbieter (Kevag Telekom) gewechselt, von dem wir seit Anfang der 90er unser Kabelfernsehen erhalten. Über diese Leitung kann er uns jetzt eine Internetleitung bis zu 400 Mbit/s bieten. Die werden im Wohnzimmer, wo die Fritzbox Cable jetzt steht, auch erreicht.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn mein Arbeitscomputer (ein relativ neues Notebook von Acer) steht am anderen Ende vom Haus (das dicke Wände hat). Da kommt von dem schnellen 5-Ghz-Signal gar nichts an. Vom langsameren 2,4-Ghz-Signal nur 15 Mbit/s. Der sehr freundliche und kompetente Techniker des Kabelanbieters meinte, da müsse ich ein LAN-kabel von der Fritzbox am einen Ende des Hauses bis zu einer zweiten Fritzbox am anderen Ende legen, die dort als Mesh-Router genutzt werden soll. Es wäre eine sehr aufwendige Sache, das Kabel zu verlegen.

Aktuell haben wir noch eine Fritzbox am Telekom-Anschluss, bis unsere Telefonnummer am 23. Oktober zum neuen Anbieter portiert wird. Trotzdem habe ich die Geschwindigkeit an meinem Arbeitsrechner schon auf 140 Mbit/s erhöhen können, indem ich unsere alte Fritzbox 7490 auf halber Strecke als Mesh-Router mit der Fritzbox Cable verbunden habe und an meinem Ende des Flurs noch einen Repeater eingesteckt habe.

Das erleichtert mir meine Arbeit im Typo-3-CMS von Tor Online schon erheblich, denn das hat mit der alten Leitung immer mit leichter (und manchmal auch längerer) Verzögerung geladen. Jetzt geht alles ratzfatz, ich drücke auf ein Modul und schon öffnet es sich ohne Zeitverzögerung.

Wenn die Portierung abgeschlossen ist, werde ich auf halber Strecke von der Fritzbox Cable zur Fritzbox 7490 noch unsere Fritzbox 7590 AX als Mesh-Router dazwischen schalten und schauen, ob das noch etwas an Geschwindigkeit bringt. Wenn nicht, müssen wir wohl doch noch ein LAN-Kabel verlegen.

Aber schon jetzt, wenige Tage nach Freischaltung der neuen 400er-Leitung, hat sich der Umstieg auf jeden Fall gelohnt. Jetzt dürften auch alle drei Bewohner des Haushaltes gleichzeitig etwas Streamen können, ohne, dass es zu Qualitätseinbußen in der Bildqualität oder zu Ladeverzögerungen kommt.

Für mich, als jemand, der von zu Hause aus über das Internet arbeitet und auch regelmäßig Videokonferenzen hat, ist eine schnelle Internetleitung unabdingbar. Von den ganzen Geschwindigkeitseinbußen, weil Photoshop (das ich auch beruflich benutzte) oder sonstige Programme wieder ein großes Update runterladen ganz zu schweigen. Als ich noch TV-Dokus für N24 übersetzt habe, musste ich regelmäßig Videodateien von mehreren Gigabyte Größe runterladen, was immer ewig gedauert und meinen Arbeitsablauf enorm verzögert hat.

Der Upload ist beim Kabel-Internet mit 20 Mbit/s natürlich nicht so toll, aber immer noch etwas besser als vorher bei unserem DSL-Anschluss.

Liebe Telekom, wenn ihr uns als Kunden zurückhaben wollt, müsst ihr uns schon einen Glasfaseranschluss in Haus legen.

Nachtrag: Für den neuen, schnellen Anschluss zahlen wir übrigens nicht mehr als für den alten, lahmen.

„Gates of Stone“ von Angus Macallan

Eine Mischung aus Military- und High-Fantasy mit Abenteuercharakter in einem Setting, das an Südostasien während des 18. Jahrhunderts erinnert. Also auch Flintlockfantasy mit Musketen und Kanonen, die eine wichtige Rolle spielen. Im Fokus stehen leicht verfremdet die Länder und Kulturen von Indonesien, China, Indien und Russland. Es gibt vier Protagonistinnen, denen wir abwechselnd in den Kapiteln bei der Verfolgung ihrer Ziele folgen.

Darunter der Khaleesi-Veschnitt Katharina, die noch keine 18 ist, aber schon rücksichtlos ambitionierte militärische Ziele verfolgt. Der versnobte Adlige Jun, der bei einem Überfall seine Heimat verliert, den Verantwortlichen dafür jagt und an den Herausforderungen seiner neuen Situation wächst. Dazu noch ein Händler, der als doppelt und Dreifachagent für verschiedene Parteien im Machtkampf agiert, aber eigentlich nur seine Schulden begleichen will und ein Magier, der sieben Artefakte sucht, um die Tore zur Hölle zu öffnen.

Der eigentliche Plot ist also eine ziemlich klassische Mischung, gut inszeniert und geschrieben. Der Star des Buchs ist aber das Setting. Macallan ist Anthropologe und hat über lokale Magiemythen in Indonesien geforscht. Magie wird im Buch zunächst dezent eingesetzt, bekommt dann aber eine immer wichtigere Rolle. Auch verschiedene Religionen sind von Bedeutung. Trotzdem hält er sich mit philosophischen Betrachtungen und Tiefgang zurück.

Gates of Stone ist ein auf den Punkt geschriebenes rasantes Abenteuer, bei dem die Action im Vordergrund steht, die Figuren immer in Bewegung sind, es aber nie gehetzt wirkt. Ein sehr unterhaltsames Buch mit interessanten Figuren und vor allem faszinierendem und abwechslungsreichem Setting. Eine Schande, dass es auf dem englischsprachigen Buchmarkt so wenig Beachtung gefunden hat.

Das Buch endet jetzt auch nicht mit einem großen Cliffhanger. Die Figuren haben erste Etappenziele erreicht, der Grundstein für eine Fortsetzung ist gelegt, aber man kann es durchaus auch für sich lesen. Wobei es mich schon freuen würde, einen weiteren Band zu lesen.

Meine neue Website: lesenswelt.de

Mit lesenswelt.de habe ich mir eine neue Internetseite zusammengebastelt. Translate Or Die begann 2012 ursprünglich als Webpräsenz meiner Übersetzertätigkeit. Ein von WordPress gehosteter Blog erschien mir die einfachste Lösung zu sein. Text reinkopieren, noch ein paar kleine Formatierungen anpassen, hier und da Bilder oder Videos einfügen und fertig. Unkompliziert und schlicht sollte es sein, mit Fokus auf den Texten. Von der beruflichen Präsenz ist der Blog mit der Zeit zum persönlichen Webspace geworden, auf dem ich über alles Mögliche schreibe, vor allem aber Bücher bespreche.

Doch so ab 2019, seit meinem beiden Knie-OPs, ist mir die Lust am Bloggen irgendwie abhandengekommen. Lag sicher auch daran, dass ich meine Schreibenergie auf meine Artikel für Tor Online konzentriert habe, für die ich bezahlt werde, und mit denen ich mir einen Teil meines Lebensunterhalts verdiene. Dazu ist mir das einfache Bloggen zur Routine geworden, die irgendwann langweilt.

Lesenswelt ist der Versuch, die Sache noch mal auf neue Weise anzugehen. Ursprünglich wollte ich mich einfach nur etwas mit Webdesign beschäftigen. Meine eigene Seite hosten (also bei einem Hostinganbieter) und auch komplett von Grund auf selbst zusammenbasteln. Dafür ist das Plugin Elementor übrigens eine große Hilfe (und die Youtube-Universität). Aber für die neue Seite ist mir halt nichts „Besseres“ als Buchbesprechungen eingefallen, die ich aber versuche, auf etwas ungewöhnliche Weise aufzuziehen und nach einem thematischen Konzept: Die Welt in Büchern erlesen.

Man kann es kaum lesen, das ist aber die New York Library, die ich 2018 vor Ort fotografiert habe.

Die erste Fassung der Seite und die erste Ausgabe standen schon über die Weihnachtsfeiertage, aber ich wollte mir noch zwei Monate Zeit nehmen, um an den Feinheiten zu feilen und die nächsten beiden Ausgaben fertigzustellen, damit ich mit meinem Monatsrhythmus nicht unter Zeitdruck gerate. Das Ausmaß der Besprechungen hat sich dann etwas verselbständigt. Plötzlich kamen mir ganz viele Ideen für Themen und Büchern. Inzwischen ist schon fast das komplette Jahr durchgeplant.

Jede Ausgabe von lesenswelt wird komplett neu entworfen, ohne vorgegebenes Schema oder Theme, immer dem Inhalt angepasst. Deshalb erscheint auch jede Ausgabe als neue Seite, nicht einfach als Blogbeitrag. So ein bisschen wie ein Magazinartikel mit Layout. Was die Praktikabilität des Designs angeht, muss ich mich sicher noch etwas eingrooven. Am besten liest es sich am PC, ist aber auch fürs Smartphone und Tablet in eine lesbare Form gebracht worden.

Immer am ersten jeden Monats gibt es eine neue Ausgabe mit Besprechungen zu Büchern, die alle zu einem bestimmten Thema passen.

lesenswelt#1: China im Wandel –
Die Neuerfindung der Diktatur

Das heißt aber nicht, dass ich Translate Or Die ganz schließen werde. Gelegentlich wird es hier sicher noch Beiträge geben, wie z. B. zuletzt den zu aktueller Musik.

Und hier noch der offizielle Vorstellungstext von lesenswelt

In pandemischen Zeiten voller Shutdowns, Lockdowns und Reisebeschränkungen, in einer Ära, in der die Klimakrise durch massiven CO2-Ausstoß angeheizt wird, ist es schwieriger geworden, die Welt zu bereisen, fremde Kulturen zu erleben und die letzte verbliebene Schönheit unserer Erde zu bewundern, während die Welt immer komplexer und komplizierter wird, sich exponentiell beschleunigt und uns über den Kopf wächst.

Lesenswelt hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bücher zu besprechen, die uns in andere Länder und Kulturen reisen lassen, die uns die Welt mit all ihren Problemen erklären, die für uns Erfahrungen simulieren, die die Realität nicht ersetzen können, uns aber dabei helfen Empathie und Verständnis zu entwickeln.

Ich werde versuchen, keine klassischen Rezensionen abzuliefern, sondern etwas anders an die Bücher und ihre Themen heranzugehen. Ein Buch wird das Leitthema der jeweiligen Besprechung stellen, doch werde ich auch andere Bücher erwähnen, die vielleicht eine andere Perspektive auf die Thematik werfen oder eine gute Ergänzung sind. Es können auch mal Filme dabei sein, oder gar Musik. Mal schauen, wie es sich entwickelt.

Pro Jahr wird es nur zwölf Besprechungen geben, jeden Monat eine, da ich eben nicht einfach nur einen Text runterschreibe und auf meinen Blog stelle, sondern alles optisch und inhaltlich etwas aufwendiger aufbereite. Lesenswelt ist für die Lektüre am Computer optimiert, ich achte aber darauf, dass die Artikel auch auf Smartphone und Tablet lesbar sind.

Aktuelle Musik, die mich begeistert (1/x)

Es gibt eine Studie von 2018, nach der bei den Deutschen mit dem 31. Lebensjahr musikalischer Stillstand eintreten soll. Also, dass man ab dann keine neue Musik mehr für sich entdecke. Es war, glaube, ich Douglas Adams, der mal gesagt haben soll, alles, was nach dem 30. Lebensjahr erschaffen wird, würde man scheiße finden, oder so ähnlich (kann das Zitat nicht mehr finden).

Ich kenne tatsächlich viele Menschen in meinem Alter (bin 41) und darüber, die musikalisch nur das Zeugs von früher hören. So eine Phase hatte ich auch. Für einige Jahre haben ich nur neue Musik gehört, wenn sie von Musikern kam, die ich schon im alten Jahrtausend oder vor meinem 30. Lebensjahr gehört habe: Nick Cave, Radiohead, Faith No More usw. Da hatte ich auch dieses Gefühl, dass keine gute neue Musik mehr erscheint. Was natürlich Bullshit ist. Das nennt man wohl Altwerden.

In den letzten Jahren und vor allem in der letzten Zeit hat sich das stark geändert (Midlife-Crisis?), und ich entdecke immer wieder tolle neue Musik, vor allem von Musikerinnen. Schaue ich auf meine CD-Sammlung, findet sich dort zu 80% Musik von Männern. Die Ausnahmen sind Björk (von der ich schon immer jedes neue Album gekauft habe), Tori Amos, Fiona Apple und vereinzelte CD von Sängerinnen wie Jewel, Nelly Furtado; Yael Naim oder Shakira.

Mein Musikgeschmack vor dem 30. Lebensjahr bestand zu 70% aus Rockmusik. Erstaunlicherweise entdecke inzwischen kaum noch neue Rockmusik für mich, sondern vor allem poppigere Sachen, die ich als junger Mann nie gehört hätte. In seinem Video What Killed Rock & Roll?? vertritt Rick Beato die These, dass das Verschwinden der Blues-Einflüsse dafür verantwortlich sei.

Und er hat nicht ganz unrecht. Schaut man sich die Headliner der großen Rockfestivals der letzten Jahre, finden sich dort fast ausschließlich Bands aus dem letzten Jahrtausend: Foo Fighters, Metallica, System of a Down, Green Day, Tool, Rammstein, Slpknot, Muse, Black Sabbath, Kiss usw. Während bei Hip-Hop-Festivals vor allem aktuelle neue Musiker headlinen.

Es gibt natürlich immer noch gute neue Rockmusik, aber diese Bands erhalten keine Aufmerksamkeit und gehen, wie man auf den Postern zu Rockfestivals sieht, im Kleingedruckten unter, während die Rock-Dinosaurier immer noch das Geschäft dominieren. Und es sind natürlich die Fans, die immer nur ihre alten Helden mit den alten Hits hören wollen, während sich die neueren Generationen anderen Musikgenres zugewandt haben (die Spotify-Charts sind eindeutig). Software wie Autotune und Melodyne haben mit der einhergehenden digitalen Perfektion der Musik im Studio sicher auch ihren Beitrag geleistet. Zeichnete sich die Musik vor den 2000ern noch durch ihr menschliches Element aus, das für kleine Nuance sorgte, die den Sound „imperfekt“ und eigen machte, und für Blues essenziell ist.

So viel dazu, warum meine Generation+ nicht viel mit aktueller Musik anfangen kann. Kommen wir zum Positiven: der neuen tollen aktuellen Musik

Billie Eilish

Auf dem Radar habe ich Billie Eilish schon seit ca. 2. Jahren, fand sie schon immer originell, konnte aber zunächst nichts mit ihrem „breathy“ Gesang anfangen. Erst durch Reaction-Videos von Vocal-Coaches bin ich darauf aufmerksam geworden, wie viel Kunstfertigkeit und Können in ihrer Art zu singen steckt. Was mich dazu gebracht hat, mich näher mit den einzelnen Songs auseinanderzusetzen. Für manche, wie My Future, habe ich etwas länger gebraucht, bis sie mir gefallen haben, dann aber so richtig. Andere, wie All The Good Girls Go To Hell, mochte ich vom ersten Ton an.

Eilishs Song (produziert von ihrem Bruder Finneas) klingen poppig genug, um erfolgreich zu sein, und bei den Grammys abzuräumen, haben aber doch etwas ganz Eigenes, Kantiges, dass sie vom Rest abhebt. Dazu die originellen Videos und Billie Eilishs Auftreten, das offen und ehrlich wirkt. Läuft bei mir seit zwei Wochen in Heavy Rotation und heben meine Laune erheblich.

My Future: Dieser jazzige Sound, die ruhige Melodie, der hervorragende Text, mit dem ich mich auch als 41-jähriger noch gut identifizieren kann: großartig.

Die Uptempo-Musik mit Westcoast-Sound á la Dr. Dre kombiniert mit ihrem typischen Gesang, der hier noch eine Spur lässiger daherkommt, während er ein ernstes Thema behandelt (Klimakrise), machen All The Good Girls Go To Hell zu einem meiner Lieblingssongs von ihr. Mir gefällt aber auch das komplette Album When We All Fall Asleep, Where Do We Go und einige der älteren Songs.

Dass die Lieder auch gut ohne das ganze elektronischen Brimborium funktionieren, zeigen ihre kleinen Liveauftritte, wie hier beim Tiny Desk Concert.

Arlo Parks

Die junge britische Musikerin Arlo Parks ist schon seit ca. 2 Jahren im Gespräch, mir ist sie erst letzte Woche anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütalbums Collapsed Into Sunbeams (ein Zitat einer meiner Lieblingsautorinnen Zadie Smith) richtig aufgefallen. Entspannter jazziger Sound mit Trip-Hop-und-Thom-Yorke-Anleihen, dazu ihre Wahnsinnsstimme, die absolut unverkennbar ist. Und Parks ist eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin, wie z. B. Caroline zeigt, über einen Beziehungsstreit auf offener Straße:

Caroline, I Swear To Good I’ll Try

Neben Black Dog ist wohl Hurt mein Lieblingssong von ihr. Der hat den originellsten Sound und den besten Flow des Albums. Depression, Schmerz und schwere Zeiten sind große Themen von Arlo Parks.

Phoebe Brigders

Ihr Album Punisher habe ich erst einmal gehört, kann das noch nicht so gut beurteilen, Kyoto, der Song über die schwierige Beziehung zu ihrem alkoholkranken Vater ist aber großartig und kommt trotz des schweren Themas irgendwie fröhlich daher.

Lorde – Liability

Kürzlich in der zweiten Special-Folge von Euphoria gehört (in der auch Billie Eilishs und Rosalias Lo Vas A Olvidar zu hören war). Hat mich daran erinnert, was für eine tolle Songschreiberin Lorde ist.

Jinjer

Um auch etwas Rockmusik (bzw. Metal) in der Liste zu haben, hier die 2009 in der Ukraine gegründete Band Jinjer, die mit Pisces 2017 einen großen Youtube-Hit hat, den ich hier aber jetzt extra nicht einbette. Lieber das aktuellere Judgement (& Punishment), wo sich Reaggea-Elemente mit dem typtischen Schreigesang von Tatiana Shmayluk abwechseln.

Jelly Roll

Ist vor allem allem als Rapper bekannt, der Themen aus der weißen Unterschicht der USA und aus seinem Leben behandelt. Zwar hat er schon immer auch gute Gesangspart in seinen ausgezeichneten Rap-Parts eingepflegt, aber mit einer so herzzerreißend guten Stimme wie in Save me hat man ihn wohl noch nicht gehört.

To be continued …

Meine Top Ten des Jahres relativ aktueller Filme:

Uncut Gems
The Sun Is Also A Star
Shoplifters
Parasite
Ex Libris: The New York Public Library
The Half of It
The Farewell
Porträt einer jungen Frau in Flammen
Marlina – Eine Mörderin in vier Akten
Ramen Shop

Und als Bonus noch: A Taxi Driver

Knapp verfehlt haben die Liste »Ford vs. Ferrari«, »1917« u. »Joker«, weil ich am Ende lieber den kleineren Filmen den Vorzug gebe. Klassiker im Rewatch wie »Taxi Driver« oder »Arizona Dream« habe ich weggelassen.

Insgesamt habe ich 150 Filme gesehen. Stärkster Monat war der November mit 21, schwächster der September mit 5. Im November begann mein Rewach aller Bond-Filme, gestern kam ich bei »Octopussy« an.

»Uncut Gems« auf Netflix mit Adam Sandler als Diamantenhändler, der sich durch seine Wettsucht immer tiefer in die Scheiße reitet. Neben dem großartigen Sandler und den eleganten und atmosphärisch dichten Bildern auch eine faszinierende Analogie auf die Finanzmärkte.

»The Sun is Also a Star«: Mitreißendes Drama über zwei Jugendliche, die sich in New York kennen und lieben lernen, denen aber nur ein Tag zusammen verbleibt. Toll gefilmt. So schön sieht man New York selten. Durchaus kitschig, aber manchmal sollte man sich die Zeit zum Träumen einfach nehmen.

In »Shoplifters« geht es auf den ersten Blick um Armut – ein Tabuthema in der japanischen Gesellschaft, weshalb man es eher selten im Film sieht –, doch dann bekommt der Film einen Twist, der die Frage aufwirft, was Familie wirklich bedeutet. Sehr warmherzig und bewegend erzählt.

»Parasite« ist thematisch ähnlich gelagert wie »Shoplifters«, geht das Thema aber als böse Satire an. Ist eleganter gefilmt, dafür weniger warmherzig erzählt. Wird dem Hype nicht ganz gerecht, dafür ist er nicht clever genug geschrieben. Trotzdem ein großartiger Film, der zu keiner Sekunde langweilt.

»Ex Libris: The New York Public Library« von Frederick Wiseman ist eine 3 ½-stündige Doku über die öffentliche New Yorker Bibliothek, die viel mehr leistet als nur Bücher auszuleihen. Das steckt ganz viel wichtige Stadtteil- und Sozialarbeit drin. Wiseman begleitet die Mitarbeiter, aber auch die Leitung bei ihrer Arbeit. Faszinierend und erhellend.

»The Half Of It« ist ein wunderbarer Coming-of-Age-Film in erfrischend anderem Kleinstadtsetting mit eher ungewöhnlicher Figurenkonstellation, der zwar ein paar Klischees aufgreift, sie aber stimmig nutzt, um eine warmherzige Geschichte jenseits der üblichen Genreformel zu erzählen.

»The Farewell« über eine junge Frau, hingerissen zwischen zwei Kulturen, die von den USA nach China reist, um sich von ihrer sterbenden Großmutter zu verabschieden, der man dort ihre Krankheit verschweigt, um ihr die letzten Tag leichter zu machen. Feinfühlig erzähltes Drama mit Sinn für Humor.

»Porträt einer jungen Frau in Flammen«, bewegende, zärtliche Liebesgeschichte zweier Frauen in historischem Setting. Großartig gespielt, mitreißend gefilmt, zu keiner Zeit kitschig, aber auch nie unnötig dramatisiert.

»Marlina«: Großartiger indonesischer Film über eine Frau, die in Notwehr ihre Vergewaltiger tötet. Kein Rachethriller, sondern in wunderschönen melancholischen Bildern inszenierte Neo-Italo-Western über Frauen in einer frauenfeindlichen Gesellschaft.

»Ramen Shop«, wunderbar ruhiger Familienfilm über einen jungen Japaner, der in Singapur seinen Kindheitserinnerungen und der Familie seiner Mutter nachspürt. Gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an die Esskultur des Landes.

Und als Bonus noch:

»A Taxi Driver«, sehr bewegender Film über einen südkoreanischen Taxifahrer, der 1980 den ARD-Reporter Jürgen Hinzpeter ins abgeriegelte Gwangju fährt, wo das Militär ein Massaker verübt. Beginnt humorvoll, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Reread: „Die Gärten des Mondes“ von Steven Erikson

Spiel der Götter 1, Originaltitel: Gardens of the Moon Übers. von Tim Straetmann alias Gerd Rottenecker

Ein Reread, bei dem ich das Buch ebenso begeistert verschlungen haben, wie bei der Erstlektüre an Silvester 2006. Und es bleibt auch in der Top 5 meiner liebsten Fantasybücher.

Die Gärten des Mondes trifft meinen Fantasygeschmack perfekt, mit seinem groß angelegten Panorama, den zahlreichen Fraktionen und Figuren, den Göttern, Dämonen und unterschiedlichen Völkern und Rassen (abseits von Tolkien). Eine Welt, in der jeder Stein, jeder Baum und jede jahrtausende alte Ruine Geheimnisse und Mysterien birgt.

Im Prinzip handelt es sich um Military-Fantasy, in der der Feldzug des malazanischen Imperiums gegen die freien Städte und darunter vor allem Darujhistan im Mittelpunkt steht. Und hier im Besonderen die Brückenverbrenner um Sergeant Elster, eine Sabotage-Truppe, die nicht umsonst an die Black Company von Glen Cook erinnert.

Orientierungspunkt 2 sind die Freunde um den Dieb Crokus in Darujhistan, die uns die Geschichte aus Perspektive der zu Erobernden erleben lässt. Hier wechseln wir zu (fast) klassischer Städtefantasy, mit Dieben und Assassinen, die sich gegenseitig über die Dächer jagen, während Armbrustbolzen klackernd von Mauern und Schindeln abprallen und die Juwelen schöner Adelstöchter die verborgenen Taschen beschweren.

Die großen Schlachten spart sich Erikson für spätere Bände auf, die Eroberung von Fahl bekommen wir nur am Rande mit, mit einem großen magischen Gefecht zwischen den Hohemagier*innen des Imperiums und dem Lord von Mondbrut. Kämpfe finden meist in Form von Duellen und in kleinen Gruppen statt, meist im Verborgenen – und sind in der Regel auch relativ kurz. Zwischen den Zeilen knistert die Magie, neben dem Rascheln beim Umblättern der Seite hören wir schwach eine sich drehende Münze.

Es ist schon ziemlich komplex, was Erikson hier entworfen hat, das Figurenarsenal ist riesig, die Fraktionen und ihre Verbindungen und Intrigen untereinander wirken auf den ersten Blick sehr unübersichtlich. Liest man die Kundenbewertungen bei Amazon, ist es einigen Leser*innen auch zu komplex und verwirrend. Aber man kann Erikson nicht vorwerfen, sich übernommen zu haben, denn es fügt sich alles stimmig in einander, aber dafür muss man aufmerksam lesen und eben auch die Folgebände. Denn vieles, was hier im ersten Band angedeutet wird, ist der Grundstein für die weitere Teile, manches wird erst einige Bücher später aufgegriffen, aber alles folgt einem Plan, Erikson hat die Zügel stets fest im Griff.

Es gibt Vorwürfe, seine Figuren wären flach und wenig ausgearbeitet, ich behaupte das genaue Gegenteil. Trotz des riesigen Ensembles gelingt es ihm, fast jeder wichtigeren Figur mit wenigen (okay, bei Kruppe etwas mehr) Worten und Taten einen ganz eigenen Charakter zu verleihen, auch wenn sich manche Figuren in vielen Eigenschaften ähneln. Ich kann aber auch verstehen, wenn man durch die zahlreichen Perspektivwechsel zu den schier unzähligen Figuren keinen Bezug zum Buch aufbauen kann. Manche brauchen halt ein, zwei Bezugspersonen als Anker, wenn es zu viele werden, verliert man als Leser*in den Halt. In den Folgebänden wird das noch schlimmer, da schon in Band 2 wieder ganz neue Figuren auftauchen werden, und die, an die man sich in Band 1 gewöhnt hat, eben nicht. Wer Endlosserien wegen des Soapcharakters liest, ist hier falsch.

Die Gärten des Mondes ist der Auftakt zu einer (wenn nicht der) gewaltigsten und ambitioniertesten Fantasyserien aller Zeiten, die trotz der großen Dinge, die sich ankündigen, doch auf relativ engem Raum stattfindet, mit vielen unvergesslichen und unterhaltsamen Figuren. Für mich ein fast* perfektes Fantasybuch. Und das zweite Lesen hat auf eine ganz ander Weise Spaß gemacht, eben weil ich viele Andeutungen nun einzuordnen wusste.

Wobei ich bei meinem Erstdurchgang von Malazan nicht über House of Chains hinausgekommen bin. Da hatte ich den Fehler gemacht, von Gerds tollen Übersetzungen auf die englische Fassung umzusteigen, da mir die deutschen Splittbände während meines zweiten Studiums zu teuer waren. An dem Band lese ich jetzt schon seit zehn Jahren und bin gerade mal im letzten Drittel. Deshalb habe ich jetzt im Spiel der Götter noch mal von vorne angefangen und werde nun alle Bände auf Deutsch lesen.

*Meinem Empfinden nach gibt es zu viel Deus-ex-Machina-Momente, in denen wieder jemand durch das Eingreifen höherer Mächte oder bisher völlig unbekannter Fraktionen wie aus dem Nichts gerettet wird. Deshalb »fast perfekt«.

Parallellesen: Wie mir mein verändertes Leseverhalten wieder mehr Spaß am Lesen brachte

Bisher war ich vor allem Ein-Buch-Leser. Sprich, ich habe immer nur an einem Buch zur gleichen Zeit gelesen. Es ist durchaus vorgekommen, dass ich ein Buch mittendrin zur Seite gelegt habe, um erst ein anderes komplett zu lesen, das mich noch mehr interessiert, bevor ich mit dem zur Seite gelegten weitergemacht habe. Und manche dieser zur Seite gelegten Bücher liegen dort noch immer, aber wirklich mehrere Bücher gleichzeitig gelesen, zwischen ihnen hin und her springend, habe ich nie.

Das hat sich im September dieses Jahres geändert. Ausgangspunkt war, dass ich mehr Sachbücher lesen will. Angesichts der anstehenden US-Präsidentschaftswahlen regte sich in mir das Bedürfnis, mich wieder intensiver mit den aktuellen politischen, technologischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Welt zu beschäftigen, um diese besser zu verstehen.

So ganz ohne Roman ging das dann aber nicht, wie ich feststellen musste. Nur ein Sachbuch zu lesen, reicht mir nicht. Zum Ausgleich brauche ich auch den eskapistischen Ansatz einer fiktiven Geschichte, in die ich mich zur Erholung begeben kann. Die Lösung: Beides gleichzeitig lesen.

Und zu meinem eigenen Erstaunen zeigte sich, dass das nicht nur sehr gut funktioniert, sondern, dass ich dadurch auch viel mehr gelesen bekomme, als in den Monaten zuvor. Meine Vermutung: Lese ich ein einziges Buch, das zwischendurch die ein oder andere Länge hat, oder für das ich nicht immer rund um die Uhr in Stimmung bin, lege ich es zur Seite und mache etwas anderes. Schaue drei Serienfolgen statt nur einer am Tag, oder zocke ein Computerspiel.

Lese ich mehrere Bücher parallel, kann ich, wenn obiger Fall eintritt, einfach zu einem anderen Buch springen, das meiner aktuellen Stimmung eher entspricht, das gerade spannender ist, oder mich durch die thematische Abwechslung bei der Stange hält. Das führte nicht dazu, dass ich eines der Bücher vernachlässigt habe, sondern alle gleichzeitig kontinuierlich schnell gelesen bekomme.

Bis September habe ich im Monat durchschnittlich vier Bücher gelesen. Im September waren es dann neun, im Oktober acht. Wobei noch hinzukommt, dass ich seit September samstags immer internetfrei mache, dass Smartphone komplett ausgeschaltet lasse und generell nicht mehr so viele Serien auf einmal schaue. Auch schalte ich mein Handy abends ab. 20.00 Uhr konsequent aus und schaue tagsüber nicht mehr so häufig drauf und in den sozialen Netzwerken von Twitter und Facebook) vorbei.

Ein weiterer Grund fürs Parallellesen ist die oft unnötig kleine Schrift bei gedruckten Büchern. Wenn ich den ganzen Tag beruflich intensiv Texte am Bildschirm bearbeitete, kann es sein, dass mir bei kleiner Schrift nach einigen Seiten die Buchstaben vor den Augen verschwimmen, oder es mir einfach zu anstrengend wird, in Reclamheftschriftgröße zu lesen. Dann wechsel ich zum E-Book-Reader, wo ich mir die Schriftgröße selbst einstellen kann und nie Ermüdungserscheinungen beim Lesen habe (sehr schade, dass es keine E-Book-Variante zum gedruckten Buch dazu gibt).

Und so sieht meine Lektüre aktuell aus

Peter Akroyds London: Die Biografie habe ich mir Anfang des Jahres zur Vorbereitung auf meinen London-Urlaub im Mai zugelegt. Da aus dem nichts wurde, habe ich das Buch zur Langzeitlektüre umgewandelt, von der ich jeden Tag nur ein paar Seiten lese. Inzwischen bin ich fast durch. Tolles Buch, das ein lebendiges Bild der englischen Hauptstadt über die Jahrhunderte zeichnet.

Die Masterpieces of Fantasy Art sind eine Sonderlektüre, die ich mir ausnahmsweise zum letzten Geburtstag selbst gegönnt habe. Da lese ich immer nur ein Kapitel über eine (n) Künstler*inn am Stück. Der Text hält sich in Grenzen, vor allem geht es um die Bilder, die ich so intensiv genießen kann.

Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft von Steffen Mau ist meine eigentlich aktuelle Sachbuchlektüre. Hatte einen Artikel im Spiegel darüber gelesen, wie der Soziologe seine eigene Autobiografie dafür verwendet, einen soziologisch-analytischen, aber auch persönlichen Blick auf die Gesellschaft der ehemaligen DDR vor und nach der Wende zu werfen. Sehr interessante Lektüre, die Taschenbuchausgabe hat allerdings doch eine sehr kleine Schrift.

Durch mein Sachbuchinteresse ist auch mein Interesse an Romanen wieder angestiegen, die sich mit den aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft beschäftigen. Und der gerade erschienene Near-Future-Roman Ministry for the Future von Kim Stanley Robinson ist dafür doch mit seiner durchaus optimistisch gestimmten Behandlung des Themas Klimakrise bestens geeignet. Auch, wenn es sich über weite Strecken eher wie ein Sachbuch liest, da die Infodump-Kapitel ohne Handlung (die er schon immer gerne vereinzelt eingestreut hat) einen sehr großen Anteil haben, das Lesevergnügen aber in keiner Weise beeinträchtigen.

Und da ich gerade die Suche nach den 100 besten Fantasybüchern aller Zeiten koordiniere, habe ich auch Lust darauf bekommen, wieder mehr Fantasy zu lesen. Sofia Samatars A Stranger in Olondria steht schon seit seinem Erscheinen 2013 ganz oben auf meiner Leseliste, hat es aber dann doch nie an die Spitze geschafft. Da es für die Liste nominiert wurde, nutze ich die Gelegenheit, dieses außergewöhnlich, wunderbar poetisch geschriebene Buch, das leider nie ins Deutsche übersetzt wurde, endlich zu lesen.

Doch wie sieht es bei euch aus? Wie ist euer Leseverhalten?

Artikel auf Tor Online: „Wegsehen, boykottieren, kritisieren? Cixin Liu und die Uiguren“

Für das Internetmagazin Tor Online habe ich einen Übersichtsartikel mit dem Titel Wegsehen, boykottieren, kritisieren? Cixin Liu und die Uiguren geschrieben, in dem es um kontroverse Äußerungen von Cixin Liu zu Chinas Umgang mit der muslimischen Minderheit geht. Die wurden schon 2019 getätigt, sind jetzt aber hochgekommen, nachdem Netflix bekanntgab, Lius Trisolaris-Trilogie als Serie umsetzen zu wollen. Woraufhin fünf republikanische Senatoren von Netflix Konsequenzen forderten.

Was es damit auf sich hat, erkläre ich im Artikel, und gehe auch auf Disney, Mulan und Chinas wachsenden Einfluss auf Hollywood aber auch die westliche Wirtschaft und akademische Welt allgemein.

„Außerhalb der Politik im Westen scheint mir der größere Aufreger die Personalie D. B. Weiss und David Benioff zu sein, jene Showrunner, die das Ende von Game of Thrones nach Meinung vieler versaut haben sollen. Der popkulturelle Groll über fiktive Ereignisse scheint länger zu währen als jener über reale Menschenrechtsverletzungen.“

Cixin Lius deutscher Lektor Sebastian Pirling von Heyne hat auf meinen Artikel zu Lius Äußerungen bzgl. der Uiguren in China mit einem eigenen Beitrag auf die Zukunft reagiert.