Wie der Wind sich hebt & The Kingdom of Dreams and Madness

Wie der Wind sich hebt ist der letzte Film des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki, und es ist vielleicht sein persönlichster. Der Film erzählt die Geschichte des japanischen Flugzeugingenieurs Jiro Horikoshi, der vor und während des Zweiten Weltkriegs für Mitsubishi den Jagdflieger Mitsubishi A5M gebaut hat. Obwohl es sich dabei um ein Kriegsflugzeug handelt, stellt Miyazaki den jungen Ingenieur als Pazifisten dar, der ausschließlich vom Fliegen träumt, wegen seiner Kurzsichtigkeit aber kein Pilot werden kann. Wie historisch akkurat das ist, kann ich nicht beurteilen, aber mit dieser Figur drückt Miyazaki auch seinen eigenen Widerspruch aus – denn er selbst ist schon seit seiner Kindheit von den Zero Fightern der japanischen Luftwaffe, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem als Kamikazeflieger eingesetzt wurden, fasziniert. Anderseits ist er aber auch Antimilitarist und kritisiert die Regierung Abe heftig für ihre Aufrüstungspläne und das Bestreben, die pazifistische Verfassung zu ändern.

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Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs werden hier nur am Rande angedeutet, meist in den Traumsequenzen, in denen Jiro dem italienischen Flugzeugingenieur Caproni begegnet, und der zu ihm meint, dass keiner der Kampfpiloten, die da gerade in den Einsatz fliegen, zurückkommen würden. Im letzten Drittel des Films werden auch die Machenschaften der japanischen Geheimpolizei angedeutet. Und auch bei Jiros Deutschlandbesuch, sieht er einen wütenden Mob, der jemanden durch die Straßen verfolgt, was wohl auf die Schlägertruppen der SA anspielen soll. Miyazakis Kritik kommt nie direkt, sondern fast ausschließlich durch Bilder oder kleine Andeutungen, was vermutlich dem aktuellen politischen Klima in Japan geschuldet ist. In der Dokumentation The Kingdom of Dreams an Madness (siehe unten) erwähnt der Produzent Toshio Suzuki, dass wieder eine Art Zensur am Entstehen sei, und man bestimmte Themen nicht mehr im Film bringen könne. Ganz zu schweigen davon, dass eine geschichtliche Aufarbeitung wie in Deutschland nie stattgefunden hat. Für westliche Zuschauer, die nicht über die japanische Geschichte und die dortige Kultur Bescheid wissen, könnte der Film wie eine Verklärung oder Geschichtsklitterung wirken, wobei diese Vorwürfe auch von japanischen Kritikern kamen (während die Konservativem im vorwerfen, Japan zu verteufeln).

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In erster Linie ist es ein Film über die Leidenschaft fürs Fliegen und die Liebe eines jungen Paares. Eine längere Passage des Films spielt in einem Hotel in den Bergen und spielt direkt auf Thomas Manns Der Zauberberg an. Jiros Schwarm leidet an einer Lungenkrankheit und es gibt einen deutschen Gast, den Jiro als Hans Castorp bezeichnet. An dieser Stelle muss ich den Umgang der Macher mit den deutschen Sätzen loben, die hören sich alle an, als könnten die Sprecher tatsächlich einwandfreies Deutsch sprechen (was bei amerikanischen Produktionen ja nicht gerade selbstverständlich ist).

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Einen richtigen Plot hat der Film gar nicht, was auch nicht wichtig ist. Mein Nachbar Tortoro hat auch keinen, und ist trotzdem ein Meisterwerk und einer meiner Lieblingsfilme. Hier geht es eben um den getriebenen Jiro, der unbedingt ein tolles Flugzeug bauen will, auch wenn dabei seine Todkranke Frau vernachlässigt wird. Es gibt keine wirkliche Spannungskurve oder ein Erzählgerüst. Alles wirkt sehr episodenhaft und das Ende (das Myazaki ursprünglich etwas anders geplant hatte) wirkt abrupt.

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Besonders loben muss ich an der Stelle Miyazakis Idee keinen professionellen Schauspieler oder Sprecher für die Rolle des Jiros zu nehmen (die sollen alle furchtbar gewesen sein), sondern den in Japan bekannten Animeregisseur Hideaki Anno (Neon Genesis Evangelion), der eine ganz eigene Art zu sprechen hat, die sich deutlich von den eher gleich klingenden und intonierenden Sprechern unterscheidet, die man sonst so in Animes hört. Seine ruhige, nerdige Art zu sprechen wirkt (auch wenn ich das Wort für überstrapaziert halte) authentisch. Zur deutschen Synchro kann ich nichts sagen, die kenne ich nicht.

Wie der Wind sich hebt ist einer von Miyazakis schwächsten Filmen, was aber immer noch einen tollen Film bedeutet. Bis auf die Traumsequenzen kommt er dieses Mal ganz ohne phantastische Elemente aus, auch wenn ein wenig Zauberbergatmosphäre in der Luft liegt.

Im Trailer hört man die tolle Stimme von Hideaki Anno. Man kann auch englische Untertitel einstellen, oder einfach den deutschen Trailer auf youtube schauen.

The Kingdom of Dreams and Madness

Ist eine japanische Dokumentation aus dem Jahr 2013 über Hayao Miyazaki und das Studio Ghibli. Die Kamera begleitet den Regisseur und Zeichner während seiner Arbeit an dem Film Wie der Wind sich hebt, und zwar vom Erstellen des Storyboards (Miyazaki arbeitet ohne Drehbüher, allerdings gibt es seine eigene Manga-Vorlage) über die Sprecheraufnahmen bis zum fertigen Film und Miyazakis Ankündigung in Rente zu gehen.

Ich hatte immer gedacht, dass Hayao Miyazaki eher der Typ weiser, alter, zurückhaltender und schüchterner Mann sei, aber da habe ich mich geirrt. Er ist vielmehr ein kettenrauchender Getriebener, der sich in der Doku auch als ziemlich redselig entpuppt. Man erhält schon einen guten und selbstkritischen (und selbironischen) Einblick in seine Arbeitsweise und auch in seine Ansichten über die Welt (“The world ist rubbish”), die natürlich stark von der noch nicht lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima geprägt ist. Wirklich persönliche Einblicke in sein Privatleben erhält man allerdings nicht. An einer Stelle fragt ihn die Dokumentarfilmerin, warum er seine Frau geheiratet habe, worauf er sehr kryptisch antwortet. Ansonsten bleibt das Privatleben außen vor. Miyazaki scheint für seine Arbeit zu leben. Er hat einen festen Tagesablauf, dem er an sechs Tagen der Woche folgt, am siebten Tage, sagt er, gehe er den Fluss säubern. Was immer das heißen mag. Umweltschutz spielt in seinen Filme häufig eine wichtige Rolle (am deutlichsten in Prinzessin Mononoke).

Aber auch Toshio Suzuki – Miyazakis langjähriger Gefährte und Produzent, der die treibende Kraft hinter den Filmprojekten ist – kommt ausführlich zu Wort, und erzählt viel über Miyazakis Werdegang und wie dieser von Isao Takahata entdeckt wurde, wie sie das Studio Ghibli zusammen gründeten und wie sie immer mehr miteinander stritten, so dass Takahata mit seiner Arbeit ans andere Ende von Tokio gezogen ist. Über Takahata – der zeitgleich an seinem letzten Film Die Legende der Prinzessin Kaguya arbeitete, es aber nicht so mit Abgabeterminen hat – wird viel geredet. Im Film taucht er aber selbst erst am Ende auf und viel erzählt er auch nicht.

Größtenteils wirkt es, als würden alle im Studio Ghibli in entspannter Atmosphäre unter einem humorvollen Chef arbeiten, aber so ganz scheint es in Wirklichkeit nicht zu sein. Allerdings gibt es nur eine einzige Mitarbeiterin, die sich dazu äußert, wie schwierig es sein kann, unter dem Perfektionisten Miyazaki zu arbeiten, der einem jederzeit über die Schulter gucken kann. Viele hätten aufgrund des Drucks wieder gekündigt. Miyazakis Sohn Goro (Der Mohnblumenberg) äußert sich in einer Konferenz (ohne den Vater) sehr selbstkritisch, er sei nur zufällig da hineingeraten und habe eigentlich gar keine Filme drehen wollen. So ganz schlau bin ich nicht daraus geworden, worum es in der Sitzung ging, aber es herrschte einen angespannte Atmosphäre.

Ein bisschen erzählt Miyazaki dann aber doch über seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, wie sein Vater als Zulieferer für Flugzeugteile reich geworden sei, und wie Miyazaki selbst eine Leidenschaft fürs Fliegen und für Flugzeuge entwickelt habe.

Schaut man sich diese Doku und Wie der Wind sich hebt kurz hintereinander, entdeckt man viele Parallelen zwischen der Hauptfigur Jiro und Hayao Miyazaki. Beide sind rauchen viel, sind Workoholics, getrieben von ihren Ideen und einer widersprüchlichen Leidenschaft.

Es ist eine leise aber mitreißende Dokumentation, die mich dazu veranlasst hat, mir umgehend die beiden Filme Miyazakis zu kaufen, die ich noch nicht gesehen habe. Bisher hatte ich nur mein Nachbar Tortoro auf DVD, aber in den nächsten Monaten werde ich mir die restlichen Film noch anschaffen und hier im Blog besprechen, den die Filme aus dem Studio Ghibli und insbesondere die Filme von Miyazaki versprühen eine einzigartige Kinomagie, die ich in den ganzen Superhelden, SF und Actionblockbustern, die gerade unsere Kinos überschwemmen, schmerzlich vermisse.

Meines Wissens nach, gibt es die Doku noch nicht auf Deutsch. Ich habe die englische Fassung gesehen.

Meine Lektüre im Juni

31. Clive Barker – The Great and Secret Show
32. Courtney Schafer – Der Blutmagier
33. Stephen King – Finders Keepers
34. Brian Stavely – Der verlorene Thron
35. Daryl Gregory – Harrison Squared
36. Tim O’Rourke – Ich sehe was, was niemand sieht

Clive Barker – The Great and Secret Show

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Erstes Buch der Book of the Art (Band 2 ist Everville, 3 steht noch aus), in der ein einfacher Postangestellter im Raum für unzustellbare Post einem Geheimnis auf die Spur kommt, dass ihm nicht nur ungeheure Macht verleiht, sondern auch die Welt an den Rand des Abgrunds bringt. Hat einen saustarken Auftakt, dann nimmt Barker ein wenig die Geschwindigkeit und den Größenwahn raus, aber nur für eine Weile, bevor es dann ein furioses und langes Finale gibt.

Courtney Schafer – Der Blutmagier (Die Chroniken von Ninavel, Band 1 )

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Schmuggler muss jungen Mann mit Geheimnis (ist ein Blutmagier, kein Spoiler!) über die Berge und die Grenze bringen. Unterwegs will man ihnen allerdings an den Kragen, was die Sache erschwert. Ein erfrischend unspektakulärer und unepischer Fantasyroman, der gegen Ende etwas aufdreht. Wer mehr über das Buch wissen möchte, dem empfehle ich diesen kurzen Beitrag von Gero auf der Bibliotheka Phantastika und die Rezension auf dem Fantasyguide.

Stephen King – Finders Keepers

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Zweiter Teil der mit Mr. Mercedes begonnenen dreiteiligen Reihe um den pensionierten Cop Bill Hodge, der hier allerdings erst im zweiten Teil auftauchen wird und auch nicht die Hauptfiguren des Romans ist. Hat mir deutlich besser gefallen als Mr. Mercedes. Zunächst ist der Roman eine Anspielung auf das Leben und Werk von J. D. Salinger. Hier geht es um gestohlene (unveröffentlichte) Romanmanuskripte eines berühmten ermordeten Schriftsteller, die viele Jahrzehnte später einen Schüler in Schwierigkeiten bringen. Vor allem im ersten Drittel ist das Buch eine tolle Reminiszenz an die amerikanische Literatur, der Thrillerteil, der darauf folgt, lässt ein wenig nach, das Ende ist dann ziemlich durchschnittlich.

Brian Stavely – Der verlorene Thron (Der unbehauene Thron, Band 1)

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Eindrucksvoller Debütroman um drei junge Herrscherkinder, deren Vater der Kaiser ermordet wird, was zu allerlei Intrigen, Attentaten und anderen Verwicklungen führt. POVs sind die Tochter und die beiden Söhne, wobei die in der Hauptstadt als Ministerin agierende Tochter etwas zu kurz kommt. Der eine Sohn macht eine knochenharte Ausbildung bei ziemlich schrägen Mönchen, der andere bei einer Elitetruppe von Attentätern. Beide an sehr entlegenen Orten, was dazu führt, dass der Teil der Handlung, den ich schon ab Seite hundert erwartet habe, erst im Finale des Buches kommt. Bis dahin wird die Ausbildung der beiden geschildert, was sehr unterhaltsam und packend geschrieben ist, mit einigen sehr schönen Einfällen, aber die eigentliche Geschichte ein wenig aufhält. Doch trotz des etwas unausgewogenen Balancing was die drei POVs angeht, und das Vorantreiben des Plots, handelt es sich um ein sehr vielversprechendes Debüt, das allseits bekannte Fantasyelemente mit ein paar netten Einfällen und einer packenden Erzählweise mischt.

Daryl Gregory – Harrison Squared

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Gergorys Afterparty wird ja gerade von Kollege Böhmert ins Deutsche übersetzt. Harrison Squared ist so eine Art Prequel zur Novelle We are all completly fine, in der Harrison als Erwachsener auftaucht. Im vorliegenden Roman ist er aber noch ein Jugendlicher, der mit seiner Mutter in ein sehr merkwürdiges Küstenstädtchen zieht, wo er auf eine noch seltsamere Schule gehen muss. Harrisons Mutter ist Meeresbiologin und auf der Suche nach bisher unbekannten Wesen, zumindest, bis sie verschwindet, dann muss sich Harrison zusammen mit seiner extravaganten Tante auf die Suche nach seiner Mutter begeben. Harrison Squared ist eine sehr stimmungsvolle Hommage an Lovecraft im Stil eines Jugendromans. Wirklich blutig wird es nicht, aber dafür gibt es gekonnt eingesetzten Grusel und eine unheimliche Atmosphäre. Ein sehr lesenswertes Buch für Freunde des weniger blutigen Grusels. Ich glaube, die Chancen stehen ganz gut, dass es auch auf Deutsch erscheinen wird. ;)

Tim O’Rourke – Ich sehe was, was niemand sieht

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Noch ein Jugendroman, der allerdings geradliniger und weniger komplex ist. Hier geht es um eine Jugendliche, die in sogenannten Blitzen Verbrechen aus der Vergangenheit sieht. Zunächst hält sie es nur für Träume oder so, aber als dann eine dazu passende Leiche gefunden wird, befindet sie sich plötzlich in großer Gefahr. Zum Glück hat sie einen jungen Polizisten, der ihr zur Seite steht. Eine flotte und einfühlsam Lektüre, durchaus spannend, wenn auch wie schon erwähnt vielleicht etwas zu geradlinig. Hat mir jedenfalls viel Spaß gemacht. Übersetzt wurde es übrigens von Kollege Böhmert.

Ulrich Blumenbach über das Übersetzen und Nachwuchsförderung

Der Traum von ewiger »Pralinen-Prosa« – Auf dem Blog Intellectures.de gibt es ein sehr interessantes Interview mit dem renommierten Übersetzer Ulrich Blumenbach – der z. B. Infinite Jest (Unendlicher Spaß) von David Foster Wallace übersetzt hat -, das jeder lesen sollte, der sich halbwegs für die Tätigkeit des Literaturübersetzens interessiert. Vor allem geht es um sein aktuelles Mammutprojekt Witz von Joshua Cohen, das ein gewaltiger Brocken sein muss. Solche Projekte, wie auch das jüngst von Moshe Kahn übersetzte Horcynus Orca, sind eigentlich nur zu stemmen, wenn es eine Förderung für die Übersetzerin oder den Übersetzer gibt, oder im Nachhinein einen dotierten Preis. Die Verlage, die solche Bücher veröffentlichen, zahlen wohl nicht genug, um den enormen zeitlichen Aufwand, den solche fast unübersetzbaren Bücher benötigen, ausreichend zu vergüten.

Besonders bewundere ich Ulrich Blumenbach für seine Nachwuchsförderung, so holt er immer wieder jüngere Kolleginnen für Projekte an Bord, um diese zu fördern, damit sie bei den Verlagen einen Fuß in die Tür bekommen. Das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen.

In einer Kolumne zur Nachwuchsförderung habe ich beschrieben, dass mir immer wieder das Argument begegnet ist, dass dem von mir empfohlenen Nachwuchs die Erfahrung der Übersetzung anspruchsvoller Werke fehle. Da kann ich nur sagen: wenn sie nie die Chance bekommen, ein anständiges Werk zu übersetzen, dann können sie auch nicht besser werden. Lektoren und erfahrene Übersetzer müssen meines Erachtens gemeinsam Entwicklungschancen für die nächste Generation der Übersetzenden entwickeln und ihnen das Handwerkszeug beibringen.

Lektoren gehen eher auf Nummer Sicher und wählen die 50-jährigen, erfahrenen Übersetzer, statt ihrerseits konsequent eine Nachwuchsförderung zu betreiben. Nach uns, den aktuellen Fünfzigern, klafft aber eine riesige Lücke, und absehbar laufen wir einer Katastrophe entgegen, denn mit siebzig Jahren werden auch wir den Staffelstab weitergeben wollen. Und wenn dann kein Nachwuchs da ist, dann stehen die deutsche Literaturszene und die deutschsprachigen Verlage dumm da. Das zu verhindern, ist Aufgabe von Übersetzern und Verlagen, auch wenn Übersetzer dabei in die schizophrene Lage geraten, möglicherweise an ihren eigenen Stühlen zu sägen.

Ich weiß ja inzwischen aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, bei Verlagen an Aufträge zu kommen, bzw. überhaupt einmal wahrgenommen zu werden. Ohne Kontakte und Beziehungen läuft da so gut wie nichts. Und das gilt auch für Bereiche, in denen es nicht um so anspruchsvolle Literatur geht, wie Blumenbach sie übersetzt. Ich habe zumindest meine Aufträge für die TV-Dokus für N24 durch einen befreundeten Übersetzer erhalten, der mir diesen Kontakt vermittelt hat. Dafür bin ich ihm immer noch unendlich dankbar, denn ohne die finanzielle Unterstützung durch diese Aufträge, hätte ich die Übersetzerei vermutlich schon längst aus finanziellen Gründen an den Nagel gehangen.

 

Nachtrag: Die im Zitat oben verlinkte Kolumne von Blumenbach ist auch sehr lesenwert. Sie zeigt, dass alles seine Vor- und Nachteile haben kann.

Das Übersetzen von Hochliteratur wird etwas besser bezahlt als das von Unterhaltungsliteratur, kostet aber sehr viel mehr Zeit. Man kann sich in die Armut hochübersetzen, wie Kollege Bernhard Robben mal sagte.

Vertrauen Sie Niemandem: Verschiedenes (6. Juli 2015)

So richtige Lust auf längere und ausführlichere Beiträge ist bei mir bisher noch nicht wieder aufgekommen. Liegt vermutlich an einer Kombination aus Hitze, Arbeit und Freud weiß was. Hier aber mal eine aktuelle Statusmeldung:

Noch in dieser Woche soll die aktuelle Ausgabe der Phantastisch verschickt werden. Diese enthält die Kurzgeschichte Was würde Same Spade tun (What would Same Spade do) von Jo Walton, die ich übersetzt habe. Ist eine stimmungsvolle SF-Hommage an den Hardboiled-Krimi von Dashiell Hammmett (mit einem echt verlotterten Privatdetektiv), und die Anlehnung des Titels an den Spruch What would Jesus do kommt nicht von ungefähr. ;)

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Noch in dieser Woche soll die aktuelle Ausgabe von Phase X (Nr. 11: Astronomie) in den Druck gehen, deren Erscheinen sich immer wieder verschoben hat, und in der die großartige Kurzgeschichte Verstreut entlang des Himmelsflusses (Scattered Along the River of Heaven) von Aliette de Bodard enthalten ist (ich kenne aktuell kaum jemanden im englischsprachigen Raum, der so tolle Kurzgeschichten schreibt).

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Gerade beendet habe ich die Übersetzung von vier neuen Folgen der Dokureihe Mighty Ships, die auf N24 läuft. Da ging es um die größten Rohrleger, Kabelleger und Steinleger (rock dropping vessel) der Welt. Echt jetzt, es gibt Schiffe, deren einzige Aufgabe besteht daraus, Millionen Tonnen von Gestein auf den Meeresboden zu werfen (kein Wunder, dass der Meeresspiegel immer weiter ansteigt ;) ). Die machen das, um den Boden zu begradigen, damit die Rohrleger dann Öl- und Gaspipelines verlegen können. In der vierten Doku geht es um die Wind Surf, eines der größten Segelschiffe der Welt, wobei da alles vollautomatisch per Computer läuft und das Schiff auch ohne Segel per Motor fahren kann.

Im Juli läuft auf N24 die Reihe Auf Leben und Tod, aus der ich auch einige Folgen übersetzt habe. Ist so eine Mischung aus Bitte Lächeln und Gesichter des Todes. :)

Für Cross Cult übersetze ich gerade eine Kurzgeschichte, die in dem von Jonathan Mayberry herausgegebenen Band Akte X: Vertrauen Sie niemandem im nächsten Jahr erscheinen wird (passend zu der neuen Ministaffel mit Mulder und Sculley). Dabei geht es für mich back to the roots, da die Geschichte von Brian Keene ist, dem ersten Autor, den ich je übersetzt habe.

Das erste Halbjahr 2015 ist für mich als Übersetzer bisher ganz hervorragend gelaufen. Hat mich selbst überrascht, wie gut das terminlich immer hingehauen hat, dass sich die Aufträge nicht zu sehr überschnitten haben.

Im August werde ich übrigens für fünf Tage in Berlin sein (7. bis 12 August), um dem Fantasy Filmfest beizuwohnen. Wer in dieser Zeit in Berlin weilt und Lust hat, mich mal (oder wieder) zu treffen, kann sich gerne bei mir melden.

Meine Lektüre im Mai

27. Melanie Raabe – Die Falle
28. Peter Newman – The Vagrant
29. James L. Burke – Sturm über New Orleans
30. Laird Barron – The Imago Sequence

Ich hinke mit meiner Leseberichterstattung (und den Blogeinträgen generell) leider etwas hinterher.
Dass es im Mai nur vier Bücher geworden sind, von denen auch nur eines wirklich dick ist (der Burke), liegt zum einen daran, dass ich in einigen Kurzgeschichtenbänden gelesen habe, die noch nicht beendet sind, aber vor allem daran, dass ich Ende Mai Abgabetermin für eine Romanübersetzung hatte. Nachdem ich oft den ganzen Tag an sieben Tagen der Woche am Bildschirm meinen Text überarbeitet habe, musste ich in der Freizeit meinen Augen ein wenig Entspannung gönnen. Da habe ich mir dann eher mal eine Serie angesehen.

Melanie Raabe – Die Falle

Das Buch wird ja als deutsche Sensation des Buchführlings 2015 gehandelt, wie z. B. dieser Artikel auf Welt.de zeigt. Rechte in 40 Länder verkauft, Filmrechte ebenso, und alles vor Erscheinen des Buches. Meiner Mutter hat es sehr gut gefallen, ich kann auch verstehen, warum das Buch bei vielen LeserInnen gut ankommt, aber ich bin mit der Geschichte nicht so recht warm geworden, in der es um eine 38-jährige Bestsellerautorin geht, die nach einem tragischen Todesfall (Mord) zurückgezogen in ihrer eigenen Welt lebt. Zumindest, bis sie den Mörder ihrer Schwester zu erkennen glaubt und einen Racheplan schmiedet. Die Falle ist ein sehr psychologischer Thriller, der sich vor allem auf das Innenleben der Protagonistin konzentriert, das Raabe auch wirklich meisterhaft und literarisch anspruchsvoll darstellt. Auch das Buch im Buch, das auf reale Ereignisse anspielt, ist sehr geschickt konstruiert, aber schwächeln tut das Buch in Hinblick auf den großen Racheplan, nicht weil er unbeholfen daher kommt (das war von einer Autorin, die Kontakt zu anderen Menschen scheut, nicht anders zu erwarten), sondern weil er so vorhersehbar ist. Nimmt man die ungewöhnliche Konstruktion mit dem Buch im Buch und den starken Anfangsteil über das Leiden der Protagonistin weg, bleibt ein gewöhnlicher und sehr unspektakulärer Rachethriller, der mich leider völlig kalt gelassen hat.

Peter Newman – The Vagrant

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Ein wilder Mix aus Fantasy und Science Fiction, in dem ein stummer Held mit Schwert, Baby und störrischer Ziege an der Leine durch eine von Dämonen eroberte und dementsprechend düstere Welt zieht. Ein englischsprachiger Rezensent hat Newmans Schreibstil als »stark« bezeichnet, was man in diesem Fall am ehesten als »schroff« übersetzen könnte. Es ist auf jeden Fall ein ungewöhnlicher (aber durchaus lesenswerter) Stil, der hervorragend zum Inhalt passt. Um diese Mischung inhaltlich einzuordnen, würde ich als Vergleichsreferenzen am ehesten Kings Der dunkle Turm, McCarthys The Road, Gemmels John Shannow und Warhammer heranziehen.

Kleiner Nachtrag: Im Forum der Bibliotheka Phantastika hatte ich ein wenig über mein Leseerlebnis berichtet.

James L. Burke – Sturm über New Orleans

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Bei vielen Reihen und Serien stellt sich irgendwann eine gewisse Routine ein und die Bücher laufen oft nach demselben Schema ab. Sturm über New Orleans ist der sechzehnte! Teil der (bisher zwanzigteiligen) Reihe um David Robicheaux. Was kann man da erwarten? Ein Meisterwerk! James L. Burke packt seine ganze Wut über die skandalösen Versäumnisse der Regierung während und nach dem Hurrikan Katrina in dieses Buch. Das Ergebnis ist ein spannender und mehr als gesellschaftskritischer Krimi vor apokalyptischer Kulisse.

Schön, dass die Reihe (von der bisher 11 Teile auf Deutsch erschienen sind) neu aufgelegt wird. Ein großes Lob an den Pendragon Verlag (der auch Robert B. Parker veröffentlicht) und die sprachgewaltige Übersetzung des leider schon verstorbenen Georg Schmidt.

Laird Barron – The Imago Sequence

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Zumindest unter Kennern gilt Laird Barron aktuell als der aufregendste (und beste) Horrorautor. Dieser Band enthält seine ersten Geschichten, die sich nicht unbedingt durch einen originellen Plot auszeichnen, sondern vor allem durch sprachliche Meisterschaft. Wortgewaltig erzeugt Barron eine Dynamik, die kosmischen und sonstigen Schrecken so atmosphärisch und poetisch in den Kopf des Lesers projiziert, dass ihm selbiger mit einem Lächeln auf dem Gesicht explodiert. Nicht alle Geschichten sind gleich gut, aber alle sind lesenswert. Bei Golkonda befindet übrigens die erste Übersetzung von Barron in Arbeit, und mit Jakob Schmidt wurde da ein kompetenter Übersetzer gefunden, der Barrons anspruchsvollem Stil sicher gerecht wird.

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Lesung von Marko Kloos am 19.06.2015 im Otherland – Der in Deutschland geborene und aufgewachsene Marko Kloos (vier Jahre bei der Bundeswehr) zog in die USA um Bestsellerautor zu werden. Mission Accomplished. Seine auf Englisch verfasste und zunächst selbstpublizierte Military-SF-Trilogie entwickelte sich zum Besteller, der inzwischen auch bei Heyne auf Deutsch erscheint. Des Weiteren wurde Kloos bekannt, weil er für den diesjährigen Hugo-Award nominiert war, seine Nominierung aber selbst zurückzog. Warum er das getan hat, und was es sonst noch Interessantes über ihn zu berichten gibt, könnte ihr im Lesungsbericht von Ralf Steinberg nachlesen. Als kleine Anmerkung noch: Als Übersetzer wäre ich doch sehr nervös, wenn der Autor, den ich übersetze, fließend Deutsch spricht. ;)

Sci Fi TV-Quartett: „The Last Man on Earth“, „Other Space“, „Dark Matter“ & „Killjoys“ – Der Wortvogel hat vier aktuelle SF-Serien besprochen. Den Piloten von Dark Matter habe ich letzte Woche gesehen und kann mich dem Urteil des Vogels nur anschließen. Auf eine anständige Weltraum-SF müssen wir weiterhin warten. Ob Expanse das liefern kann? Läuft ja auch auf dem Gurkengarant Syfy.

SIGMA 2 Foxtrot 016 — Werner Fuchs und Hardy Kettlitz – Die beste Buchhandlung dieser Welt – das Otherland in Berlin – bietet nicht nur zahlreiche interessante Lesungen wie zuletzt mit Joe Abercrombie und Marko Kloos an, sondern ab und zu schauen auch mal Genre-Urgesteine wie Werner Fuchs vorbei. Fuchs ist seit den 70er Jahren der deutsche Agent von George R. R. Martin, hat das Rollenspiel Das schwarze Auge mitentwickelt, die SF bei Knaur mitherausgegeben und den Verlag FanPro gegründet. Dementsprechend kann er viel Interessantes und Unterhaltsames aus dem Nähkästchen plaudern. Und die Jung vom SIGMA 2 Foxtrot waren auch noch so nett, diesen Abend für all jene mitzuschneiden, die an diesem Abend nicht in einem anderen Land weilen konnten. Ach ja, Hardy ist natürlich auch immer höhrenswert, der weiß nicht nur über die Hugos Bescheid, sondern auch über die SF-Szene der DDR.

Breaking the Boundaries Between Fantasy and Literary Fiction – Auf New Repupblic gibt es ein hochinteressantes Gespräch zwischen Neil Geiman und Kazuo Ishiguro über Genregrenzen und Genrezwänge. Ist sehr lange, aber es lohnt sich.

»Mad Max: Fury Road«, oder: »What a movie! What a lovely movie!!!« (inkl. »Mad Max« 1-3) – Mad molosovsky hat sich der Mad-Max-Reihe gewidmet. Seinen Einschätzungen kann ich mich durchweg anschließen. Der aktuelle vierte Teil ist der beste der Reihe. Der hat mich im Kino so richtig umgehauen. Wer hätte das gedacht. Ich glaube nicht, dass dieses Jahr noch ein Film laufen wird, der mich ähnlich beeindrucken kann. Der beste Actionfilm der letzten Jahre, optisch ein Kunstwerk, da ist es auch nicht schlimm, dass es kaum (offensichtliche) Story gibt.

Das Blut der Helden – erste Kritiken

Das Blut der Helden

Das Buch ist schon eine Weile raus, und die Besprechungen halten sich bisher noch in Grenzen, aber die wenigen, die es gibt, sind durchweg positiv. Wenn auch alle zu Recht bemängeln, dass die Darstellung der deutschen als Superbösewichte etwas überzogen und stereotyp ist. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch.

D. Vallenton hat das Blut der Helden für Fantasybuch.de besprochen:

Normalerweise bin ich ja vorsichtig mit so einem Wort wie Pageturner, aber hier kann ich es guten Gewissens gebrauchen. Das Blut der Helden liest sich, bedingt durch den angenehmen Schreibstil Nassises und den häufig wechselnden Erzählebenen, ausgesprochen kurzweilig und spannend. Es ist mehr als nur ein schnödes Buch über Zombies, es ist (auch) die Geschichte einer militärischen Rettungsmission und eines Kommandounternehmens. Beides so gekonnt miteinander verwoben, dass man oftmals nicht weiß, ob man nun einen Horroroman oder ein Buch über den Krieg liest (obwohl der Krieg nun wirklich, auch ohne Zombies, schon der blanke Horror ist). Angriffe von Zombies finden sich ebenso in dem Buch wieder wie packende Schilderungen von Luftschlachten, Angriffe auf Züge oder Zeppeline oder das entbehrungsreiche Leben an der Frontlinie und dem Nahkampf während eines Angriffs.

Und auch für den Übersetzer hat er ein paar lobende Worte übrig, was diesen (aber sicher auch den Lektor) natürlich besonders freut:

Trotz dieser einseitigen Sicht der Dinge, ist das vorliegende Buch, was zum großen Teil auch der gelungenen Übersetzung von Markus Mäurer zu verdanken ist, ein sehr tempo- und abwechslungsreiches Werk, das unbedingt den Geschmack auf die Fortsetzung geweckt hat. Unbedingt zu empfehlen.

Harry schreibt auf Scarecrows Area unter anderem:

Durchweg unterhaltende, gut mundende Kost, die niemals eine Durststrecke aufkommen lässt.

Auch für Carsten Kuhr auf Pantastik-News.de sind die stereotypen Deutschen so ziemlich der einzige Kritikpunkt:

Sieht man von der doch recht eindimensionalen Zeichnung der Figuren ab, erwarten den Leser doch einige interessante Ideen. Sobald man das Kraut-Bashing ausblendet, kann man den Helden dann ins phantastische Abenteuer folgen. Und da überzeugt Nassise. Voller Tempo kredenzt er seinen Lesern immer wieder neue, abwechslungsreich aufgezogene Kämpfe, die nicht so einseitig aufgezogen sind, wie man dies erwarten könnte.

Und auch auf amazon.de gibt es jetzt eine erste Kritik. Mirko Wäldchen schreibt:

Der Roman hat viel Action und die Figuren sind gut dargestellt.( Und es ist ab und zu brutal beschrieben wenn Zombies Lust und Hunger auf Menschen haben)
Ein wenig das Dreckiges Dutzend und Steampunk machen den Roman durchaus lesenswert .Natürlich kommt der amerikanische Pathos im Überfluss daher,was dem Roman ein wenig schadet