Wie ich Bücher bespreche

Nach meinem Beitrag zu Rückkehr nach Reims kam mir die Idee, darüber nachzudenken, wie ich Bücher eigentlich bespreche? Nach welchen Kriterien richte ich mich? Welchen Zweck soll die Rezension erfüllen?

Nichts langweilt mich mehr, als eine Buchbesprechung, in der über eine halbe Seite fast das ganze Buch nacherzählt wird, mit nur einem kurzen Fazit und nur einer kurzen persönlichen Meinung zum Buch. Auch die Standardbesprechungen nach Schema F (kurze Inhaltsangabe, etwas auf die Figuren und das Setting eingehen, das Cover, eigene Meinung und dann das Fazit) öden mich an. Die habe ich früher selbst geschrieben, als ich noch regelmäßig Rezensionsexemplare besprach, und mir zu manchen Büchern nix Gescheites einfiel, ich sie aber besprechen musste. Mach ich heute nach Möglichkeit nicht mehr (was mir aber auch nicht immer gelingt).

Damals sah ich Rezensionen vor allem als Hilfe bei Kauf- und Leseentscheidungen; ich wollte Lesern helfen, die überlegen, ob sie das Buch kaufen sollen oder nicht, und bei der Internetrecherche auf meine Besprechung gestoßen sind. Darauf habe ich inzwischen aber auch keine Lust mehr.

Heute versuche ich zwei Arten von Besprechungen zu schreiben (die erste ist mir die liebste, wenn mir dafür aber nichts einfällt, schreibe ich die zweite.

  1. Am liebsten sind mir Rezensionen, die selbst unterhaltsam, kreativ und ungewöhnlich geschrieben sind, die den Leser von Anfang bis Ende fesseln (und nicht nur, bis er die Sternebewertung entdeckt).
  2. Wenn mir nix Kreatives einfällt, schreibe ich einfach, was mir zu dem Buch einfällt, ganz frei von Kriterien und Struktur. Ich möchte einfach versuchen, den Eindruck zu vermitteln, den das Buch bei mir hinterlassen hat, ohne jetzt alle Aspekte abzudecken – einfach nur meine subjektiven Endrücke, frei von der Leber, was bei mir hängen geblieben ist.

Und wenn mir die Zeit fehlt, dann fasse ich schon mal mehrere Bücher in einen Eintrag zusammen und widme jedem Titel nur ein paar wenige Sätze (oder gar nur einen Satz).

Inzwischen nenne ich auch immer die ÜbersetzerInnen direkt neben den AutorInnen. Als im letzten Jahr der Man Booker Preis an die koreanische Autorin Han Kang für The Vegetarian verliehen wurde, teilte sie sich den Preis (und das Preisgeld) mit ihrer englischen Übersetzerin, denn ohne Deborah Smith hätte sie diesen Preis nicht erhalten. Ich finde es schade, wenn die ÜbersetzerInnen bei Buchbesprechungen oder literarischen Quartetts so ganz unter den Tisch fallen, und es immer heißt, der Autor nutze eine so tolle Sprache, er hätte einen fantastischen Stil. Doch der muss auch erst mal ins Deutsche übertragen werden, und das ist gar nicht so einfach.

Viele Übersetzer bleiben lieber im Hintergrund, sind zufrieden, wenn man beim Lesen nicht merkt, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Im Prinzip wäre mir diese bescheidene Einstellung sympathisch, wenn ich nicht überzeugt davon wäre, dass sie mit dazu beiträgt, dass die Übersetzerhonorare seit über 10 Jahren konstant (zu) niedrig bleiben (siehe auch Zahl der Literaturübersetzer konstant, Einkommenssituation bleibt schlecht).

Ob ein Text wirklich gut übersetzt wurde, kann man ohne Vergleich mit dem Original (und gewisse Fachkenntnisse) meist nicht feststellen, aber ob sich der Text gut liest, ob einem der Stil gefallen hat, durchaus. Und wenn man das in der Besprechung erwähnt, kann man doch auch den Namen der Übersetzerin erwähnen. Stephen King schreibt seine Bücher nicht auf deutsch. 😉

Im Laufe der letzten Jahre sind mir solche Besprechungen nicht immer gelungen (eher viel zu selten), weil ich den Anspruch hatte, jedes Buch zu besprechen, dass ich lese. Bei 50 bis 70 Bücher im Jahr wird es dann schwierig, diesen Anspruch zu halten. Weshalb ich im letzten Jahr damit aufgehört habe, über jedes von mir gelesene Buch zu berichten.

Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich in der Regel vorzeitig ab. Warum meine Zeit mit etwas verschwenden, das mir nicht gefällt? Dabei müssen die Bücher gar nicht mal schlecht geschrieben sein, es reicht schon, wenn sie meinen Geschmack nicht treffen oder ich gerade nicht in der richtigen Stimmung bin (wobei letztere Lektüre eher unterbrochen statt abgebrochen wird). Diese Bücher bespreche ich nicht, weshalb es bei mir auf dem Blog fast nur positive Besprechungen gibt. Hin und wieder aber auch welche von Bücher, die ich mittelmäßig fand, aber nicht so schlecht, dass ich sie abbreche. Manchmal bin ich einfach neugierig, was der Autor noch daraus macht, wie es weitergeht bzw. wie es endet.

Hier ein paar Beispiele dafür, was ich mir unter einer kreativen Besprechung vorstelle:

Blindflug von Peter Watts

Der Nomadengott von Gerd Scherm

Die Stadt der Regenfresser von Thomas Thiemeyer

Der Palast des Poseidon von Thomas Thiemeyer

„Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (übersetzt von Tobias Haberkorn)

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Ich muss gestehen, dass ich mit etwas falschen Vorstellungen an das Buch herangegangen bin, dachte ich doch, dass der Titel Rückkehr nach Reims wörtlich zu verstehen ist, und nicht metaphorisch. Ja, ich dachte tatsächlich, Didier Eribon würde über eine physische Reise zurück in seine Heimatstadt und zu seiner Familie berichten, der er 35 Jahre lang den Rücken zugekehrt hatte. Doch bei der Rückkehr handelt es sich viel mehr um eine gedankliche, selbstreflektierende Reise, bei der er sich auf analytische Weise mit Themen beschäftigt, die er für lange Zeit verdrängt hatte – durchaus auf persönliche Weise, aber immer mit dem scharfen Blick des Soziologen.

Die Rückkehr besteht viel mehr aus Telefonaten und ein paar Besuchen bei seiner Mutter; den Vater, den er 35 Jahre lang nicht gesehen hat, besucht er selbst im Angesicht dessen Todes nicht, und nimmt auch nicht an dessen Beerdigung teil; mit einem seiner Brüder tauscht er zumindest E-Mails aus.

Aber warum hat Erebon seine Familie so konsequent verlassen, ohne einmal zurückzublicken? Liegt es daran, dass er als Homosexueller das homophobe Umfeld seiner Familie aus der Arbeiterklasse nicht ertragen hat? Hat er sich als angehender Intellektueller, der es als Erster und Einziger aus seiner Familie an die Uni geschafft hat, nicht wohl gefühlt, in einem Umfeld, in dem nur äußerst selten zu einem Buch gegriffen wird und es als selbstverständlich gilt, mit vierzehn die Schule zu verlassen? Wollte er einfach raus aus der Provinz, um endlich frei und offen leben zu können? Vermutlich ist es seine Mischung aus allem, wobei er seine Herkunft stets wie eine Last mit sich umhertrug, derer er sich schämte.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich seine Motivation nachvollziehen. Zwar bin ich nicht homosexuell, hatte eine tolle Kindheit und mag meine Familie, doch die Provinzialität des Dorflebens – wo kaum einer meiner Freunde und Bekannten nach der Schule auch nur ein Buch gelesen hat, wo ich der Erste und einzige in der Familie bin, der studiert hat (zumindest jener, die ich kennengelernt habe, einer, der früh weggezogen ist, hat Jura studiert und ist inzwischen Justizsenator), wo das Freizeitprogramm aus Kirmes, Karnevalssitzung und Dorfdisko besteht – hat auch in mir das Bedürfnis geweckt, in eine größere Stadt (sprich Berlin, bei Eribon Paris) zu ziehen, um an einem kulturellen Leben in einer ganz anderen Welt teilzunehmen, mich mit Gleichgesinnten zu treffen, die meine Interessen verstehen und teilen.

Doch die Härte und die Konsequenz, mit der er seine Familie meidet, konnte sich mir aus dem Text nicht so ganz erschließen. Hier und da gib es Andeutungen, aber ich vermute mal, dass Erebon noch so einiges verschweigt. Die Schilderung von Ereignissen und Episoden aus der Kindheit halten sich stark in Grenzen, anders, als zum Beispiel bei der von mir kürzlich gelesenen Autobiografie Bruce Springsteens, dem es besser gelingt, dem Leser ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie es war, in ärmlichen und schwierigen Familienverhältnissen aufzuwachsen. Auch an Elena Ferrantes Kindheitsschilderungen aus einem gewalttätigen, machohaften Umfeld im Nepael der 50er Jahre in Meine geniale Freundin musste ich denken.

Neben der persönlichen Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit liegt Erebons Schwerpunkt vielmehr auf der soziologischen Analyse der Klassenunterschiede und der Stellung der Familie in der Arbeiterschicht. Dabei setzt er voraus, dass seine Leser mit den Texten jener Autoren vertraut sind, auf die er sich ausführlich bezieht (vor allem Pierre Bourdieu, Gille Deleuze und Roland Barthes, aber auch Michel Foucault, bei dem er viele Gemeinsamkeiten sieht), allerdings hält sich die Verwendung von soziologischen Fachbegriffen noch in Grenzen, so dass man den Text auch ohne Vorkenntnisse lesen kann (ich hatte das Glück, besagte Autoren an der Uni gelesen zu haben, Bourdieu war für meine Diplomarbeit sogar sehr wichtig).

Im zweiten Teil seiner Analyse, jenem Teil, der wohl dafür sorgt, dass das Buch – das in Frankreich bereits 2009 erschienen ist – bei uns momentan in aller Munde ist, widmet sich Erebon der Frage, wie es kommen konnte, dass seine Familie aus dem klassischen Arbeitermilieu, die früher einmal die Kommunisten gewählt hat, plötzlich ihre Stimme für den Front National abgibt.

Dieser Teil fällt sehr stark und nachvollziehbar aus, wobei er auch nicht so wirklich Neues zu bieten hat. Wer mit solchen Milieus vertraut ist, weiß, wie die Leute ticken, und, dass es von der einstigen Arbeiterbewegung, der Nähe zum Kommunismus nicht weit bis zu Antisemitismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und anderen diskreminierenden Ansichten ist. Die Aufregung um das Buch wirkt ein wenig, als würden die Bewohner des Elfenbeinturms plötzlich ein Fernrohr erhalten, mit dem sie von der Turmspitze aus zum Fuße des Turms blicken und sehen könnten, was die kleinen, wie Ameisen wuselnden Menschen dort unten so treiben, statt, dass sie einfach mal die Treppe runter gehen und sich unters Volk mischen.

Viel interessanter und eindrucksvoller ist Eribons persönliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bzw. dieser Entwicklung in der eigenen Familie, wie er und sein Bruder sich immer mehr auseinander leben, bis sie sich nichts mehr zu sagen haben, seine Reaktion auf die Vorwürfe der jüngeren Geschwister, er habe sie einfach im Stich gelassen, die in zum Nachdenken bringen, ob er deren Entwicklung hätte beeinflussen können, wer er mehr Vorbild gewesen wäre, und den Kontakt zu ihnen gepflegt hätte. Genau dieser Punkt, ist für mich der wichtigste Teil des Buchs: Da sollten wir uns alle die Frage stellen, was wir in unserem Umfeld, in unserer Familie tun könnten, um auf Menschen (ich denke da vor allem an junge), die sich von der politischen Mitte ab und radikaleren Parteien zuwenden, Einfluss zu nehmen. Nicht missionieren oder predigen, sondern Vorleben, den persönlichen Kontakt pflegen und diskutieren.

Kurzkritiken Januar 2017 – Teil 2

Liebe mit zwei Unbekannten von Antoine Laurain (übersetzt von Claudia Kalscheuer)

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Wenn ich fies wäre, würde ich schreiben, es gehe in dem Buch um einen eigentlich netten Buchhändler, der durch eine Reihe höflicher und engagierter Gesten in bester Absicht zum gruseligen Stalker wird. Aber so fies bin ich nicht. Stattdessen geht es um einen netten Pariser Buchhändler, der eine gestohlene Handtasche findet und sie der Besitzerin zurückbringen möchte, was sich aufgrund fehlender konkreter Hinweise zu einer netten kleinen Schnitzeljagd entwickelt, die in einer romantischen Liebesgeschichte á la Schlaflos in Seattle oder Serendipity gipfelt (ich liebe solche romantischen Schnulzen). Schön geschrieben, ohne allzu viel Tiefgang, aber auch nicht zu kitschig. Ein Gute-Laune-Buch.

Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau von Anne Berest (übersetzt von Gaby Wurster)

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Nachdem ich Berests Sagan – Paris 1954 mit großer Begeisterung gelesen habe, konnte ich es gar nicht erwarten, ihren neusten Roman zu lesen, der mich dann aber doch etwas zwiegespalten zurücklässt. Die titelgebende Emeliennen ist eine Pariser Fotografin, die sich, durch die Lebenskrise einer Nachbarin angeregt, auf die Suche nach der perfekten Frau macht. Dabei stellt sie sich allerdings als ziemlich unsympathische und unangenehme Person heraus (zumindest für mich), die rein egoistische Ziele verfolgt und sich nicht für die Nöte ihrer Mitmenschen interessiert. Dabei sind diese Mitmenschen, die Frauen, denen sie auf ihrer Suche begegnet, der Grund, warum mir das Buch doch ganz gut gefallen hat. Denn sie haben wirklich interessante Geschichten zu erzählen, die oft eine scharfsinnige Analyse der Rolle der Frau in der Gesellschaft liefern. So einen richtigen Plot gibt es nicht, viel mehr stolpert die Protagonistin von einer Episode zur nächsten. Auch wenn alles nicht so ganz stimmig zusammenpasst, und manchmal zu konstruiert wirkt, sind die einzelnen Episoden doch sehr lesenswert.

In der nächsten Buchbesprechung kehren wir dann nach Reims zurück, die ist etwas ausführlicher geworden und hat einen eigenen Eintrag verdient.

Kurzkritiken Januar 2017

Für ausführliche Buchbesprechungen fehlen mir momentan Lust und Muse.

Apocalypse Now Now von Charlie Human (übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann)

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Unterhaltsame Urban Fantasy in Südafrika, mit einem durchtriebenen jugendlichen Pornodealer als Ich-Erzähler, deren eher konventionelle Handlung mit abgedrehten Einfällen und afrikanischen Mythen gewürzt ist. Ein Pageturner war es für mich nicht, hat aber durchaus Spaß gemacht.

Aurora von Kim Stanley Robinson (übersetzt von Jakob Schmidt)

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SF-Roman über ein Generationenraumschiff, das sich nach einigen Generationen jetzt dem zu kolonisierenden Planeten nähert, was aber alles nicht so abläuft, wie man sich das vorgestellt hat. Interessanter Ansatz, was die distanzierte Erzählerin angeht; Robinsons pessimistischer Blick auf die Besiedelung des Alls sorgte für einigen Diskussionsstoff in der SF-Szene, ich fand diese kritische Auseinandersetzung sehr gut, auch wenn die Geschichte einige Längen hat. Toll übersetzt von Jakob Schmidt

Neonregen von James Lee Burke (übersetzt von Hans H. Harbort)

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Nachdem ich im letzten Jahr Burkes Meisterwerk Sturm über New Orleans gelesen habe (Band 16 der Robicheaux-Reihe), bin ich froh, dass der Pendragon Verlag damit begonnen hat, auch die ersten Bände der Reihe neu aufzulegen. Den Auftakt macht Neonregen, in dem wir einen noch relativ junge Dave Robicheaux kennenlernen, den Querulant und begabten Ermittler in den Reihen der örtlichen Polizei, der aufgrund der im Buch geschilderten Ereignisse, in denen er als bärbeißiger Sturkopf so ziemlich jeden gegen sich aufbringt, nach einer langen trockenen Phase wieder in die Alkoholsucht abstürzt. Burke versteht es meisterhaft, eine rustikale Krimihandlung um das lokale organisierte Verbrechen mit brisanten politischen Themen zu kombinieren. Wird garantiert nicht mein letzter Roman von ihm bleiben.

Labyrinth – Douglas Preston u. Lincoln Child (übersetzt von Michael Benthack)

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Der anfängliche Zauber ist schon lange verflogen, doch nach den teilweise recht absurden Bänden, weiß Teil 14 wieder mit einer relativ bodenständigen Handlung zu überzeugen. Na ja, irgendwann wird es schon wieder recht abgedreht, aber das Buch ist spannend, und Constance bekommt dieses Mal sogar Gelegenheit für eine Actioneinlagen.

Born to Run – Bruce Springsteen (übersetzt von Teja Schwaner, Alexander Wagner, Urban Hofstetter u. Daniel Müller)

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Die Autobiografie des Boss, deren große Stärke neben der durchaus kritischen, sehr offenen aber auch selbstbewussten Selbstreflexion vor allem die Schilderungen seiner Kindheit in Freehold (New Jersey) sind. Wie er die Zeit beschreibt, in der er aufwächst, die ärmlichen Verhältnisse, das arschkalte Haus, das harte Umfeld, der unberechenbare Vater, aber auch die liebevolle und lebensfrohe Mutter, ist ganz große Literatur. Obwohl er auch ausführliche von seiner Depression berichtet, steckt in diesem Buch viel Humor, der mich mehrmals herzhaft zum Lachen brachte.

In den nächsten Kurzkritiken wird es dann dreimal nach Frankreich gehen.

„The Dispossessed“ – Ein feministischer Blick auf die Utopie von Ursula K. Le Guin

Ende Januar erscheint bei Fischer/Tor Ursula K. Le Guins 1974 im Original veröffentlichter Roman The Dispossessed in der Neuübersetzung von Karen Nölle als Freie Geister. Bisher war das Buch unter den Titeln Planet der Habenichtse und Die Enteigneten bekannt. Anlässlich dieser Neuveröffentlichung habe ich einen alten Text von mir hervorgekramt, der sich mit dem Frauenbild des Romans beschäftigt. Allerdings bezieht sich der Essay auf die englische Originalfassung.

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Einleitung

„The Dispossessed“ ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Romane von Ursula K. Le Guin, erschien 1974, und gewann einige Preise, auch außerhalb des Science-Fiction-Genre (National Book Award). Er ist aber auch einer ihrer umstrittensten Romane und musste einige Kritik einstecken, die zum Teil aus dem feministischen Lager kam und auf Le Guins Frauenbild in dem Roman abzielte. Auch wurde ihr Homophobie vorgeworfen.

Ich werde ich zunächst das Frauenbild auf Annares beschreiben, dann das Frauenbild auf Urras und schließlich fasse ich die beiden unterschiedlichen Darstellungen zu einer Gesamtbetrachtung über das Frauenbild im Roman zusammen. Danach gehe ich auf die Hauptkritikpunkte ein. Und zum Abschluss werde ich zeigen, dass diese Kritiken ungerechtfertigt sind.

Le Guin schrieb „The Dispossessed“ in einem Genre, das strikten Konventionen unterlag (und dies teilweise bis heute noch tut), die vor allem auf die Zielgruppe der männlichen, heterosexuellen Leser zugeschnitten waren. „The Dispossessed“ ist kein Roman, der in einem feministischen Genre bzw. Kontext veröffentlicht wurde. Er ist ein Science Fiction Roman. Ich werde deutlich machen, dass Le Guin auf subtile Weise diese Genrekonventionen überschreitet, ohne dabei den typischen SF-Leser zu verschrecken. Gerade die Radikalität der Frauenbewegung in den 1960er und 70er Jahren hat viele Männer verschreckt. Ich möchte die Frauenbewegung an dieser Stelle nicht kritisieren, viele Männer hatten es sicher verdient, verschreckt zu werden, aber Le Guin geht einen anderen Weg. Ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt. Aber sie schafft es, im Rahmen eines SF-Romans über einen genialen Wissenschaftler, der in zwei sehr unterschiedlichen utopischen Gesellschaften agiert, die oben genannten männlichen Leser dazu zu bringen über die bisherigen sexuellen Konventionen und den Status der Frau nachzudenken. Meine These lautet also, dass Le Guin entgegen der feministischen Kritik, einen Roman geschrieben hat, der die Grenzen der bis dato vorherrschenden Genrekonventionen auf subtile Weise überschreitet.

1 – Die Frau in der Gesellschaft von Annares

Auf dem anarchistisch sozialistischen Planeten Annares, gibt es offiziell keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Bei der Geburt erhält jeder Bürger einen Namen, der von einem Computer per Zufallsgenerator bestimmt wird. Jeder Name ist einzigartig und nicht geschlechtsspezifisch. Während des Heranwachsens sammeln die jungen Menschen sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern. Erst später, wenn es darum geht, Kinder zu zeugen, tun sie sich mit einem Partner des anderen Geschlechts zusammen. In manchen Fällen bleiben sie als Paar zusammen, was von der Gesellschaft aber misstrauisch betrachtet wird. Im Beruf herrscht völlige Gleichstellung. Frauen finden sich ebenso in höheren Positionen und an Universitäten wieder wie Männer. Es ist auch üblich, dass eine Frau wegen einer beruflichen Anforderung ihren Partner und das Kind verlässt. Wie z. B. Sheveks Mutter es getan hat.

Trotz dieser offiziellen Version lassen sich die biologischen Unterschiede aber nicht unterdrücken. Da nur Frauen Kinder austragen können, sind Männer und Frauen zwangsläufig unterschiedlich. Dies drückt sich auch in den Ansichten einiger Bürger von Annares aus. So bezeichnet Vokep in einem Gespräch mit Shevek Frauen als „propertarians“ – eine Beschimpfung, die ausdrückt, dass Frauen Männer besitzen wollen. (Auf dieses Gespräch werde ich unter Punkt 4 näher eingehen).

Wie in so vielen ideologischen Systemen zeigt sich auch auf Annares ein Unterschied zwischen der Theorie (Männer und Frauen sind gleich) und der Praxis. Diese Unterschiede sorgen unter anderem dafür, dass Shevek an der Wirksamkeit des Systems zu zweifeln beginnt. Einer der Schlüsselmomente ist dabei die Begegnung mit seiner Mutter, die versucht zu erklären, warum sie ihn verlassen hat. Eine weitere Bruchstelle mit dem System entsteht, als man versucht Shevek von seiner Frau und seinem Kind zu trennen. Das sind die Momente, in dem der schöne Schein der Ideologie verblasst und die, teils grausame Realität durchbricht, die offenbart, dass auch in einem System in dem alle gleich sind, es noch Menschen gibt, die etwas gleicher sind und mehr Macht in den Händen halten.
In Punkt 4 werde ich darauf eingehen, was es bedeutet, dass die anarchistische Philosophie von Annares von einer Frau (Odo) begründet wurde.

2 – Die Frauen auf Urras

Urras ist das System, gegen das sich die Odonisten mit ihrer Revolution gewendet haben, als sie sich auf dem Mond Annares niederließen. Seitdem haben sie den Kontakt zu Urras fast vollständig abgebrochen. Urras ist das böse System, dass als abschreckendes Beispiel herangezogen wird.

Urras ist eine kapitalistisch dekadente Gesellschaft, die sich in Reich und Arm unterteilt. Die Armen wohnen unter erbärmlichen Verhältnissen, die Reichen schwelgen in Luxus. Das hier beschriebene Frauenbild bezieht sich auf die reiche Klasse von Urras. Als Shevek nach Urras kommt, lernt er viele Offizielle kennen, ebenso wie Vertreter der Universitäten und Geschäftsleute. Dabei handelt es sich ausschließlich um Männer. Denn auf Urras herrscht eine strikte Geschlechtertrennung. Die Frauen werden von Bildung, Politik, Arbeit und Macht ferngehalten. Sie sind Sexualobjekte, die einzig für die Männer da sind. Wobei Shevek in einem Gespräch mit einer Frau erfährt, dass die Frauen durchaus eine andere Sicht auf den Sachverhalt und die Machtverhältnisse haben. Ein besonders auffälliges Anzeichen für die Unterdrückung der Frau ist, dass sie ihr Kopfhaar abrasiert haben, was als Zeichen der Unterwürfigkeit gesehen werden kann. In vielen Kulturen gelten die langen Haare einer Frau als ihr Stolz. Rasiert man es ab, gilt dies als Zeichen der Schande. So wurden z. B. nach dem 2. Weltkrieg Frauen in von Deutschland besetzten Ländern die Haare abrasiert, wenn sie sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten (wobei dies nur eine von vielen Methoden der sozialen Ächtung war).

Zu den rasierten Haaren kommt auch noch, dass sie im Haus mit nackten Brüsten herumlaufen. Was mancher als Liberalisierung der Kleidungszwänge sehen könnte, ist in diesem Roman aber eine weitere Herausstellung der Frau als Sexualobjekt.

3 – Die Frauen in „The Dispossessed“

Der Protagonist des Romans ist ein Mann (auf die Kritik an diesem Punkt werde ich in Punkt 4 eingehen.). Die meisten der Schlüsselfiguren, die eine tragende Rolle in der Geschichte von Shevek spielen sind ebenfalls Männer. Frauen stehen, wie auch in der Gesellschaft der 60er und 70er Jahre, in der zweiten Reihe. Sie sind Nebenfiguren, die nur begrenzten Einfluss auf das Handeln von Shevek haben.

Die wichtigsten Frauen für Shevek sind seine Frau Takver, seine Lehrerin an der Akademie, später auch noch seine Mutter. Auf Urras lernt er eine Frau kennen, die ihm einen anderen Blick auf die dortige Gesellschaft ermöglicht. Die vermutlich wichtigste Frau taucht im Roman aber gar nicht selbst auf. Es ist Odo, die auf Urras lebte und dort gegen das kapitalistische System protestierte und die „odonian theory“ begründete. Ich werde in diesem Essay nicht näher auf die einzelnen Persönlichkeiten dieser Frauen eingehen, sondern mich auf eine Gesamtsicht beschränken.

Le Guin stellt zwei sehr unterschiedliche Gesellschaftssysteme vor, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, durchaus als Allegorie auf die Sowjetunion und die USA gesehen werden können. Auf der einen Seite der kapitalistische Westen mit seinen dekadenten Auswüchsen, auf der anderen Seite der sozialistische Osten, der nach außen die Gleichstellung aller Bürger betont.

Um die Unterschiede der beiden Systeme besonders herauszustellen, geht Le Guin in einigen „Auswüchsen“ ein wenig ins Extreme. So z. B. der Versuch der absoluten Gleichstellung der Frauen auf Annares, die ja dort eigentlich nur Bürger sein sollen und nicht Frauen. Auf der anderen Seite die absolute Darstellung der Frau als Sexualobjekt, das zu Hause zu bleiben hat, während die Männer die Welt regieren. In einer solch extremen Geschlechtertrennung ist es übrigens um so revolutionärer, dass der (die) Führer(in) einer Gegenbewegung eine Frau ist. (vgl. Clarke, 201)

4 – Die feministische Kritik an „The Dispossessed“

Nach der Veröffentlichung von „The Dispossessed“ sah sich Le Guin mit ähnlicher Kritik konfrontiert wie an ihrem Roman „Left Hand of Darkness“. In diesem Buch beschreibt sie eine androgyne Gesellschaft, deren Mitglieder beide Geschlechter besitzen. Trotzdem wurde sie für ihre Verwendung der maskulinen Pronomen „he“ und „him“ kritisiert. Außerdem würde ihre Beschreibung, beim Leser den Eindruck hinterlassen, dass es sich um eine maskuline Gesellschaft handele.

Auch für „The Disspossesed“ erhielt Le Guin eine solche Kritik. Sie beschreibt Annares als androgyne Gesellschaft, in der es keine sozialen Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Man „teilt sein Lager“ genauso mit gleichgeschlechtlichen Partnern wie auch mit Menschen des anderen Geschlechts. Ein Familienleben gibt es im eigentlichen Sinne nicht. Zuerst kommt die Arbeit. Das führt zum Beispiel dazu, dass Shevek ohne seine Mutter aufwächst, da diese es für wichtiger hielt, einer bestimmten Arbeit nachzugehen, für die sie Shevek und seinen Vater verlassen hat. Tom Moylan kritisiert „while the novel expresses a libertarian and feminist value system, the gaps and contradictions in [Le Guin’s] text betray a privileging of male and heterosexual superiority and of the nuclear, monogamous family“. (Moylan, 102).

Auch in semantischer Hinsicht gibt es Kritik an dem Text, da die Sprache Le Guins es nicht schaffe, den Eindruck einer Gesellschaft zu vermitteln, in der alle gleich sind (vgl. Clarke, 63). Als Beispiel sei die Verwendung von männlichen Pronomen wie „he“ oder „his“ zu nennen. Außerdem benutzt Le Guin in ihrem Text geschlechtsspezifische Wörter wie z. B. „brother“, um geschlechtsunspezifische Begriffe von Annares zu beschreiben. Sie unterwirft sich also den geschlechtsspezifischen Konventionen englischer Grammatik, und versäumt es dadurch, dem Leser das Gesellschaftssystem von Annares auch mit sprachlichen Mitteln näher zu bringen. Obwohl es sich um eine „ungeschlechtliche“ Gesellschaft handelt, benutzt Le Guin eine männliche Sprache und männliche Protagonisten.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das Gespräch zwischen Shevek und Vokep auf Seite 52, dass ein negatives Frauenbild hinterlässt.

„Women think they own you. No woman can really be an Odonian… What a man wants is freedom. That a woman wants is property. She’ll only let you go if she can trade you for something else. All women are propertarians. (Le Guin Dispossessed, 52)

Shevek wiederum offenbart in seiner Reaktion auf Vokeps Aussage, dass er Vorurteile gegenüber Männern besitzt: „I think men mostly have to learn to be anarchists. Women don’t have to learn“ (Le Guin Dispossessed, 52). Shevek ist also der Meinung, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, was an dieser Stelle des Romans seine Entfremdung von der eigenen Kultur verdeutlicht.

Auch wenn Le Guin eine möglichst androgyne Gesellschaft schildert, zeigt sie auch deren Grenzen auf, wenn es an die biologischen Unterschiede, im Speziellen das „Kinderkriegen“ geht.

Kritisiert wurde, dass Shevek ein klassischer männlicher Held sei, der seine Familie verlässt, um nach Größerem zu streben, während die Frauen, die wie Sheveks Mutter z. B., ähnliches Handeln, dabei moralisch weitaus schlechter wegkommen (vgl. Clarke, S. 65). Clarke kommt zu dem Schluss, dass alle Frauen in der Geschichte in ihren Stereotypen gefangen zu sein scheinen (vgl. Clarke, S. 65).

Ein weiterer Vorwurf an Le Guin lautet Homophobie, der unter nderem von Samuel L. Delany aufgegriffen wurde. Für Delany ist die Figur des Bedap, der einzige offen homosexuelle Charakter, ein Zeichen dafür, dass Homosexualität unnatürlich sei (Clarke, 66).

5 – Die Gegenargumente zur Kritik

Zum Vorwurf der Homophobie sei zu sagen, auch wenn Figuren wie Shevek in der Gesamtsicht heterosexuell wirken (verheiratet, Kind), hat er auch sexuelle Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht. Le Guin beschreibt eine Gesellschaft, in der in homosexuellen Beziehungen nichts Verwerfliches gesehen wird. Für die Zeit der Veröffentlichung und das Genre Science Ficition ist ihr Umgang mit Sexualität erstaunlich liberal. Gerade in der SF ist nicht nur Homosexualität, sondern auch Sexualität allgemein, ein Thema, auf das in der Regel nicht genauer eingegangen wurde. Romane wie „Der ewige Krieg“(1975, Sex unter Soldaten) von Joe Haldeman oder „Die Liebenden“ (1954, erstmals Sex mit Außerirdischen) von Philip Jose Farmer riefen unter den SF-Fans große Proteste hervor.

Dass Le Guin bei der üblichen Schreibweise mit männlichen Pronomen und Bezeichnungen blieb, ist wohl vor allem ihrer Vorliebe für korrekte Grammatik geschuldet. Wie merkwürdig und abstrakt sich bemüht geschlechtsneutrale Bezeichnungen auswirken, kann man heute in politisch korrekten Anschreiben und Veröffentlichungen lesen, die noch weit über ein einfaches he/she hinausgehen. In einem Roman, der von seinen Lesern flüssig gelesen werden möchte, würde sich dies äußerst abstrakt anhören und den Lesefluss stören. Wobei sich Le Guin in ihrem 1976 erschienen Essay „Is Gender Necessary? Redux“ entschuldigt, die Androgynität nur aus männlicher Sicht erkundet zu haben, aber nicht aus der Sicht einer Frau (Le Guin Gender, 16).

Wo beginnt Feminismus in der Science Fiction? „In most science fiction until quite recently, women either didn’t exist, or if they existed, they were these little stereotyped figures that squeaked …“ (Interview, Broughton 315-316, 1990).
In diesem Kontext kann man sagen, dass Science Fiction feministisch wird, wenn eine Frau eine tragende Rolle in der Geschichte spielt, und nicht nur als klischeehafte Nebenfigur benutzt wird. In ihren ersten Werken benutzt Le Guin selbst vor allem Männer als Hauptfiguren. Sie sagt, sie habe damals nicht gewusst, wie man aus der Perspektive einer Frau schreibe. An diesem Punkt liegt durchaus ein Ansatzpunkt für eine feministische Kritik. Denn Le Guin passt sich den Marktgegebenheiten für SF-Literatur an und benutzt männliche Protagonisten (was auch damit zusammenhängt, dass SF vor allem von Männern geschrieben und gelesen wurde. Seit den 70er Jahren hat sich dieses Bild ein wenig verändert, wobei die Männer das Genre immer noch dominieren. Trotzdem gibt es in „The Disspossesed“ einen differenzierten Blick auf die Rolle der Frau in den beiden unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der beiden Planeten.

Clarke wirft die Frage auf: How much do conventions unconsciously constrain the writing? How much was Le Guin steered by science fiction conventions that, for example, tacitly allow only for a male protagonist? (Clarke, 68).
Eine Frage, die sich im Nachhinein vermutlich nicht einmal von Le Guin selbst beantworten lässt. Die Konventionen des Genres waren damals aber sehr stark und haben auch die Verlage in ihrer Veröffentlichungspolitik beeinflusst.
Bittner schreibt: … both that Le Guin quite deliberately chose a male protagonist and that “the dialectic of the romance (and science fiction estrangement) almost [makes the male protagonist] imperative. (Clarke, 68).

Feministinnen mag Le Guin Vorgehensweise zu konservativ und nicht radikal genug sein. Aber sie sind auch nicht „the indendet audience“ eines SF-Romanes. Le Guin wollte mit ihrem Roman vor allem heterosexuelle Männer, die auch heute noch die Mehrheit der SF-Leser ausmachen, ansprechen. Um diese Leser, die ebenso wie das Genre noch sehr in traditionellen Mustern dachten, zu erreichen, musste sie subtil vorgehen, um sie nicht zu verschrecken. Mit der Wahl eines männlichen Protagonisten, der auch noch ein herausragender Wissenschaftler ist, hat sie ihnen eine Identifikationsfigur gegeben, mit der sie langsam die Grenzen der üblichen sexuellen Konventionen überschreiten können.

Kritiker wie Craig und Diana Barrows meinen dazu: They argue that Le Guin uses a naive and rather sexist male protagonist in ”Hand“ because her intended audience is not feminists or women, but “typically biased heterosexual males.” (Clarke, 69).

Während Joana Russ die SF in einer Zwangjacke sieht: It’s the whole difficulty of science fiction, of genuine speculation: how to get away from traditional assumptions which are nothing more than traditional straightjackets. (Russ, 91).

Ich kann mich der feministischen Kritik nicht anschließen. Rückblickend auf diese Zeit in der Geschichte der Science Fiction sehe ich „The Dispossessed“ zusammen mit „Left Hand of Darkness“ als einen, für das SF-Genre, bahnbrechenden Roman, der nicht mit dem Holzhammer daher kommt, sondern die Grenzen des Genres subtiler überschreitet, ohne dabei den Leser zu erschrecken. Der Roman hat keine befriedigende Utopie für die Rolle der Frau zu bieten, wirft aber einen kritischen Blick auf die traditionellen Rollen in den beiden, zu dieser Zeit, vorherrschenden Gesellschaftssystemen. Das diese beiden Rollenstereotypen auf die Spitze getrieben werden ist eine typische Eigenschaft von Science-Fiction-Literatur, die bestehende „Missstände“ aufgreift und sie durch überspitzte Darstellung als warnendes Beispiel darstellt.

Verwendete Literatur:

Broughton, Irv: The Writer’s Mind: Interviews with American Authors. Fayettville: Univertity of Arkansas Press, 1990
Clarke, Amy M.: Ursula K. Le Guin’s Journey To Post-Feminism. 1. Auflage.Jefferson: McFarland Company, 2010
Klarer, Mario: Gender and the “Simultaneity”: Ursula K. Le Guin’s “The Dispossessed”. Spring. Mosaic, 1992
Le Guin, Ursula K.: The Dispossessed. New York: HarperCollins, 2001
Moylan, Tom: Demand the Impossible: Science Fiction and the Utopian Imagination. New York: Methuen, 1986
Russ, Joanna:The Image of Women in Science Fiction. In: Images of Women in Fiction: Feminist Perspectives. Hg.v. Susan Koppelman Cornillon. Ort: Bowling Green, OH. Bowling Green University Popular Press, 1972

Serienempfehlungen abseits der üblichen Verdächtigen

Midnight Diner: Tokio Stories (Netflix)

Kleine aber feine Serie über einen Mitternachtsimbiss in der japanischen Hauptstadt, mit Geschichten, die ans Herz gehen. Basiert auf dem gleichnamigen Film, den ich aber nicht gesehen habe. Es sind schöne kleine Geschichten über einfache Menschen, manchmal etwas skurril, aber immer sehr herzlich. Dazu wird in jeder Folge ein leckeres japanisches Gericht gekocht. Für mich die Serienüberraschung des Jahres. Eine Serie, in der ich mich von der ersten Folge an wohlgefühlt habe.

Good Girls Revolt (Amazon Prime)

Basiert auf dem gleichnamigen Buch, das die Geschichte eine Gruppe von Frauen erzählt, die in den 70er Jahren bei der Zeitung Newsweek (News of the Week in der Serie) als Rechercheurinnen gearbeitet haben und vor Gericht gingen, um auch als Reporterinnen arbeiten zu dürfen, bzw. Anerkennung und eine faire Bezahlung für ihre Arbeit zu bekommen.

Teilweise wird das Thema vielleicht ein wenig zu sehr mit dem Holzhammer präsentiert, aber das machen die tollen Frauenfiguren wett, die mit jeder Folge besser und vielschichtiger werden. Eine erstklassiges Period Piece, praktisch ein Gegenentwurf zu Mad Men. Wurde von Amazon leider nach der ersten Staffel eingestellt.

Atlanta (Fox Serie, Sky Go)

Sozialdrama mit viel schrägem Humor, der aber gar nicht auf Lacher aus ist. Es geht um junge Schwarze aus sozial schwachen Verhältnissen, die ums tägliche Überleben kämpfen müssen, dabei aber nicht das Träumen vergessen und ambitionierte Ziele verfolgen. Von und mit Donald Glover, der die Serie in einem wirklich ungewöhnlichen Format inszeniert, das sich nur schwer einordnen lässt. Hat eine ganz eigene Atmosphäre und Stimmung.

Narcos (Netflix)

Zwei hervorragend gefilmte und erzählte Staffeln über den Aufstieg und Fall von Pablo Escobar, mit einem überragenden Wagner Moura in der Hauptrolle. Sehr mutig von Netflix, die Serie größtenteils auf Spanisch mit Untertiteln zu zeigen (ohne Synchro für den spanischen Teil). Die große Kunst der Serie ist es, Escobar einerseits als größenwahnsinnigen, grausamen Menschen darzustellen, andererseits als ganz normalen Familienvater mit durchaus sympathischen Zügen, was uns als Zuschauer hinterfragen lässt, wie leicht wir uns durch eine clevere Inszenierung verführen lassen, in fiktiven Formaten mit Verbrecher und Mörder mitzufiebern.

Mozart in the Jungle (Amazon Prime)

Bei Amazon Prime ging gerade die dritte Staffel der genialen und sehr witzigen Serie über ein Orchester aus New York online. Mit viel guter Musik und tollen Figuren. Der Serie sollte man auch eine Chance geben, wenn man nicht viel für Klassik übrig hat.

Bloodline (Netflix)

Die Hölle sind die anderen, und oft sind die anderen die Familie. Langsam inszeniertes Familiendrama vor traumhafter Kulisse, das mit seinen familiären Abgründen trotzdem einen packenden Sog entwickelt. In der zweiten Staffel droht die Serie mit ihren Handlungssträngen ein wenig in soapige Gefilde abzudriften, bekommt aber noch gerade so die Kurve. Die kommende dritte Staffel wird die Letzte sein. Die Serie ist vielen zu langatmig inszeniert, für mich aber die bisher beste Serie von Netflix.

Read Oaks (Amazon Prime)

Ich habe erst zwei Folgen gesehen, in denen es um einen jungen Studenten geht, der sich in den 80er Jahren ein wenig Geld als Tennislehrer in einem Country Club dazuverdient. Aber die sind eine tolle Hommage an die Filme von John Hughes. Gute Darsteller, super Ausstattung und trifft genau den richtigen Ton, ohne dabei so albern zu werden, wie Wet Hot American Summer.

Halt and Catch Fire (Amazon Prime)

Über Computerpioniere in den 80er Jahren. In den Staffeln zwei und drei verschiebt sich der Fokus immer mehr auf die beiden weiblichen Hauptfiguren, die sich in einer reinen Männerdomäne durchschlagen. Eine meiner absoluten Lieblingsserien. Kommt ganz ohne Gewalt, Kriminalität oder überzogene Handlungsstränge aus. Hier geht es vor allem um die Figuren und die Spannungen und Dynamiken untereinander. So was wie Silicon Valley in ernst.

The end is the beginning is the end – Ein paar Gedanken zum Jahreswechsel

Eine große Zahl an Menschen in meiner Filterblase scheint das Jahr 2016 als ein Jahr des Schreckens zu betrachten, angefangen mit einer nicht enden wollenden Serie an prominenten Todesfällen von David Bowie über Prince, Bud Spencer und und vielen mehr, bis zu Leonard Cohen, dessen Flamme im November verlosch.

Ein Jahr, dessen weltpolitischen Entwicklungen jenem Empfinden durchaus entsprachen, und das als Jahr in die Geschichte eingehen könnte, an dem die Welle der Demokratie, die nach dem Zweiten Weltkrieg an Fahrt aufnahm, brach und zurückschwappte. Rechte Parteien und Populisten scheinen fast überall im Zuge der Flüchtlingskrise und der immer stärker eskalierenden Gewalt im Nahen Osten (vor allem in Syrien), die in Form von Terroranschlägen auch unsere Breitengrade erreicht, auf dem Vormarsch.

Populisten mit faschistischen Tendenzen, wie Trump in den USA oder Duerte auf den Philippinen, werden gewählt (wenn auch nicht unbedingt von der Mehrheit ihres Volkes), demokratisch gewählte Präsidenten in einst hoffnungsvollen Ländern in Afrika (Gambia) und Südamerika (Bolivien) klammern sich trotz Ablauf der gesetzlich erlaubten Amtszeiten an die Macht. Die Türkei ist zur Diktatur geworden, in Ungarn und Polen schränken autokratische Regierungen die Pressefreiheit, die Gerichte und vieles mehr ein.

Da liegt es Nahe, diese Fülle an schlechten Nachrichten, die von vielen Medien genüsslich breitgetreten werden, um Panik zu erzeugen (siehe die »Angst!«-Überschrift in der Bild-Zeitung), in eine Narrative zu packen, deren Rahmen von unserem Kalender begrenzt wird. Schon ab Januar gab es immer häufiger Äußerungen wie „Hoffentlich ist das Jahr bald vorbei“ oder „Ich kann gar nicht abwarten, das 2016 vorbei ist“ zu lesen. Memes machten die Runde, in denen 2016 als das Jahr, „du weiß schon welches“, bezeichnet wird. Man schiebt die Schuld an diesen Krisen und Tragödien dem „Seuchenjahr 2016“ in die Schuhe, in der Hoffnung, dass es 2017 besser wird.

Das wird es aber nicht. 2016 ist kein Film, der am 31. Dezember endet, wenn der Abspann mit Feuerwerk über den Himmel läuft. Und Fortsetzungen waren selten besser als ihre Vorgänger. Es ist natürlich naheliegend, aus psychologischen Gründen für sich selbst eine Art Abschluss für ein persönliches Krisenjahr zu finden. Und vermutlich kann so etwas durchaus eine kathartische Wirkung haben und Motivation für das neue Jahr geben. Aber die Geschichte endet nicht, sie geht weiter. Das Jahr, das endet, besteht nur aus Zahlen auf einem Kalender. Sicher, die Erde hat sich einmal um die Sonne gedreht, aber sie dreht sich im Kreis (auch wenn sich das Universum und unsere Galaxie streng genommen ausdehnen, und wir damit durchaus ein wenig von der Stelle kommen).

Für uns in Europa steht nach drei Monaten Winter der Frühling vor der Tür, wenn sich die Natur erholt und in neuem (altem) Glanz erstrahlt. Aber für die südliche Hemisphäre endet der Sommer, der Herbst naht, schon bald gefolgt vom Winter. Der Äquator bleibt von solchen Wetterkapriolen völlig unbeeindruckt. Nach dem chinesischen Kalender beginnt das neue Jahr (das Jahr des Feuer-Hahns) erst am 28. Januar. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Mir hat es schon immer widerstrebt, in Jahren zu denken. Meinen Geburtstag feier ich prinzipiell nicht, ebenso wenig wie Silvester. Auch mache ich mir nur wenig Gedanken über mein Alter und das dem Alter gebührliche Verhalten und was ich alles schon hätte erreicht haben müssen.

Deshalb sehe ich 2016 auch nicht als Schreckensjahr an, dessen Ende ich entgegenfieber. Und ich freue mich auch nicht auf 2017. Ein neuer Jahresanfang mag Hoffnung geben, aber diese Hoffnung könnte auch unsere Wachsamkeit – die in Zeiten, in denen die Demokratie auf der Kippe steht, mehr den je gebraucht wird – schwächen.

Wenn du in der Narrative des Jahres 2016 denkst und das Gefühl hast, dass dich das Jahr zu Boden geschlagen hat, dann steh auf und kämpf weiter, aber vergiss nicht, was für ein Mistkerl das Jahr 2016 gewesen ist – das sich, während alle gebannt aufs Feuerwerk starren, nur eine neue Verkleidung anzieht.