Die Phantastischen Hörspielwelten von Lausch

Wie ein kleines Label Großes inszeniert und ganze Welten im Kopf der Hörer entstehen lässt
Von Markus Mäurer, März 2009

Zuletzt gab es ja hier fast nur Buchbesprechungen, und die nächsten zwei (Telegraph Avenue und Paris, Geschichte einer Metropole seit 1800) sind in Arbeit. Deshalb zur Abwechslung mal einen Beitrag zu Hörspielen – wenn auch nur aus der Konserve. Der ist erstmals 2009 im Magazin Phase X erschienen. Seitdem hat sich die Hörspiellandschaft verändert, neue Labels sind hinzu gekommen, einige Fantasyhörspiele wie Die letzten Helden, Die Elfen, Dragonbound oder Das Schwarze Auge (wenn auch keines davon an Drizzt heranreicht), und Lausch hat seine Hörspielproduktion für Erwachsene eingestellt. Allerdings setzt Günter Merlau inzwischen Die Schwarze Sonne fort.

Phantastische Hörspiele von Lausch

Wir sind eine Nation von Kassettenkindern. In Millionen Kinderzimmern der 80er- und 90er-Jahre saß die Zukunft dieses Landes mit geschlossenen Augen und lauschte den Abenteuern von drei Juniordetektiven, von fünf Freunden, einer fliegenden Hexe mit einem Besen namens Kartoffelbrei und vielen anderen. In den Köpfen dieser Kinder spielte sich ein phantastisches Kinospektakel ab, an das selbst die tollsten computeranimierten Spezialeffekte nicht heranreichten: Kopfkino, die Stimmen der Sprecher waren vorgegeben, den Rest erledigte die unermessliche Phantasie eines Kindes.

Doch irgendwann sind wir Kassettenkinder groß geworden. Wir entwickelten neue Interessen, wir schauten Horrorfilme, lasen Thriller und blätterten im Spiegel. Doch die Lust auf Hörspiele blieb. Und auch wenn viele von uns immer noch mit einem Gefühl der wehmütigen Nostalgie den alten Hörspielen lauschen, sehnen wir uns nach etwas Neuem.

Nach Hörspielen, deren Thematik unserem Alter entspricht: Erwachsenen-Hörspiele. Und zwar nicht die leicht trashigen Pulphörspiele eines Larry Brent oder Macabros, sondern anspruchsvoller und professioneller inszenierte Werke.

Einige Produzenten haben diesen Bedarf entdeckt und begonnen, ebensolche Werke nach hohen produktionstechnischen Standards aufwendig zu produzieren. Neben dem durch Gabriel Burns bekannten Volker Sassenberg betrat Günter Merlau mit seiner Firma Lausch 2006 die Hörspielbühne.

Caine heißt das erste Hörspiel von Lausch. Es handelt sich dabei um eine Umsetzung der gleichnamigen Heftromanreihe des Basilisk-Verlags. Caine ist ein actionreicher Fantasythriller, der unsere Welt mit einer düsteren Fantasywelt voller Dunkelelfen verbindet, mit derbem Humor und splatteriger Brutalität.

Was zunächst nur einigen Hörspielliebhabern bekannt war, entwickelte sich schnell zum Geheimtipp. Bald darauf folgte der historische Mysterykrimi Die schwarze Sonne und die humorvoll gestaltete Gruselcomedy B.Ö.S.EAlles wird gut. Wobei von Letzterem nur eine Episode erschien. Danach erschien eine Adaption des Kurzgeschichtenbands Punktown von Jeffrey Thomas, der auf einer bizarren Alienwelt voller gruseliger Absonderlichkeiten spielt.

Nachdem sich Lausch mit diesen Serien bereits einen Namen gemacht hatte, der für qualitativ hochwertige und spannend inszenierte Hörspiele steht, erlangte man endgültig einen höheren Bekanntheitsgrad, als man im September 2006 unter dem Namen Drizzt – Die Saga vom Dunkelelfen die populären Fantasyromane von R. A. Salvatore umsetzte. Damit war Lausch ein großer Coup gelungen, waren doch Fantasyhörspiele bis zu diesem Zeitpunkte eher eine Randerscheinung. Aber dazu später mehr.

Hellboy – Der höllisch rote Zwischenfall – Wie ein visueller Augenschmaus zum Hörspielhelden mutiert

Die Saat der Zerstörung

Es beginnt mit unheilschwangerer Musik, dann, ein leises Atmen, das Klicken eines Feuerzeuges gefolgt vom Ziehen und Knistern einer entzündeten Zigarre. Hellboy – der 2,13 Meter große Zwischenfall, mit knallroter Haut und Hörnern auf der Stirn, stellt sich – politisch ganz unkorrekt – mit einer „Fluppe“ im Maul vor. Erzählt, dass er der beste paranormale Ermittler der Welt sei und Werwölfe und Vampire jage. Dann endet der kurze Monolog und eine dramatisch treibende Musik jagt den Hörer in die düstere und mysteriöse Hörspielwelt des Jungen aus der Hölle.
Die Geschichte von Hellboy beginnt im Zweiten Weltkrieg. Stilvoll führt eine knarzende Radioübertragung über den Stand der Schlacht den Hörer in das Europa der 1940er Jahre. Der Kontinent liegt in Trümmern, das Dritte Reich greift nach jedem Strohhalm und sei er noch so abwegig, um das Ruder noch einmal herumzureißen. Mit Hilfe des russischen Magiers Rasputin versucht ein Sonderkommando der Nazis, auf einer abgelegenen Insel mit einer Höllenmaschine ein Wunder zu erreichen. Zeitgleich versucht eine Einheit der Alliierten, unter Führung des Experten für paranormale Phänomene Prof. Broom, die Nazis aufzuhalten.

Hochdramatisch und in schnellen Schnitten wird der furiose Auftakt, die „Geburt“ Hellboys, inszeniert. Die gewaltige Klangkulisse sorgt für die apokalyptische Stimmung, die zu diesem Zeitpunkt des Zweiten Weltkriegs geherrscht haben muss.

Jahrzehnte später muss Hellboy, der von Broom adoptiert wurde und nun für die B.U.A.P (Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen) ermittelt, das zunächst rätselhafte Verschwinden seines Mentors aufklären, der zu einer mysteriösen Expedition ins ewige Eis aufbrach. Schnell stellt sich heraus, dass ein großes Unheil hinter allem steckt. Und Hellboy muss sich den Schatten der Vergangenheit und seiner Herkunft stellen.

Nazis mit Allmachtsphantasien, die mit Hilfe irrer Magier ein Tor zur Hölle schaffen wollen. Uralte und böse Götter, die die Vernichtung der Welt im Sinn haben. Dazu ein ultracooler, der Hölle entsprungener, roter Riese mit flotten Sprüchen und einer großen Wumme. Das hört sich alles ziemlich trashig an, als würde es in einen Heftroman passen. Aber die Comicvorlage von Mike Mignola bietet mehr. Es geht um Außenseiter und „Freaks“, die am Rande der Gesellschaft für Anerkennung und Liebe kämpfen.

Ein Comic lebt von seinen Zeichnungen, von seinen visuellen Effekten, von der Kreativität seines Zeichners. Wie soll es da möglich sein, ein Comic als Hörspiel umzusetzen. Ganz einfach: Man nimmt markante Sprecher, dramatische Musik, eine atmosphärische Klangkulisse, eine rasante Dramaturgie und spektakuläre Action und vermischt dies alles zu einem Hörspiel, das das Kopfkino seines Hörers nicht nur anregt sondern auch perfekt ergänzt. Sicher ist es hilfreich, wenn man zumindest einige Zeichnungen von Hellboy gesehen hat oder den Film kennt, aber der Comic erweist sich als denkbar gut geeignete Vorlage für ein Hörspiel.

Allen voran sorgen die grandiosen Sprecher für eine dichte Atmosphäre. Tilo Schmitz, der auch in den Filmen Hellboy seine Stimme leiht, ist einfach die perfekte Besetzung für den grimmigen Teufel mit den frechen Sprüchen. Seine tiefe Stimme verleiht dem roten Riesen seine nötige Masse. Daneben glänzt auch Michael Prelle, der dem Magier Rasputin den nötigen Wahnsinn in der Stimme verleiht. Bereits bei seinen ersten Worten ist dem Hörer klar, dass man es mit einem abgrundtief bösen und durchtriebenen Mann zu tun hat. Joachim Tennstedt, der Sprecher von John Malkovich, gibt dem Fischmenschen Abe Sapien die nötige Schlüpfrigkeit und Kühle. Besonders hervorzuheben ist noch die mechanisch klingende Stimme des Nazidoktors Krönen.

Inhaltliche Hintergründe liefern immer wieder auf Tonband aufgenommene Akteneinträge der B.U.A.P.
Doch es gibt auch Kritikpunkte. Die erste Folge Saat der Zerstörung zieht sich über zwei CDs und ca. zwei Stunden. Immer wenn Rasputin zu einem seiner ellenlangen Monologe ansetzt, flucht Hellboy, er solle endlich die Klappe halten und verleiht damit dem Wunsch des Hörers Ausdruck. Solche Monologe unterbrechen immer wieder die rasante Action und stören den Fluss der Geschichte, die man deutlich hätte straffen können.

Nichtsdestotrotz ist Hellboy – Saat der Zerstörung eine tolles und atmosphärisch dichtes Hörspiel geworden, das es schafft, einen Comic im Kopf des Hörers zu erschaffen.

Der Teufel erwacht

Im zweiten Fall (Folgen 3 u. 4) geht es für das B.U.A.P Team nach Rumänien – in das Schloss eines mutmaßlichen Vampirs. Auch hier werden wieder klassische Gruselthemen zu einem interessanten und gar nicht abgedroschenen Mix verquirlt. Mit der Nazibraut Ilsa Hauptstein sowie dem metallisch klingenden Dr. Krönen und seinem Kollegen Leopold tauchen auch wieder alte Bekannte auf, die vermuten lassen, dass mehr hinter der Geschichte steckt als zunächst vermutet.

Doch es dauert ein wenig, bis es richtig losgeht. Bevor Hellboy in Aktion treten darf, wird eine halbe Stunde lang die Hintergrundgeschichte erzählt, bzw. die Ereignisse die das B.U.A.P Team nach Rumänien führten. Ein Unternehmer fliegt ins ewige Eis, eine alte Nazibande wird aufgetaut und deren weibliches Mitglied sucht ihre große und längst vermoderte Liebe, um sie wieder zum Leben zu erwecken.

In Rumänien geht es dann richtig zur Sache. Hellboy springt Fallschirm ohne Schirm, donnert in ein altes Schloss, scheucht und mischt alte Ungeheuer auf und trifft auf eine alte und eiserne Jungfer. In Rumänien dominiert eindeutig die Action, die allerdings wie in Die Saat der Zerstörung häufig durch Monologe und Rückblenden unterbrochen wird. In einer taucht sogar Heinrich Himmler persönlich auf. Und wie auch im ersten Teil, ist die Inszenierung hochprofessionell, die Atmosphäre düster stimmungsvoll und die Sprecher markant und originell.

Auch auf dem Medium Hörspiel ist es ein Genuss Hellboy dabei zu begleiten, wie er bösen Nazis und anderem Gezücht eins auf die Glocke gibt. Dabei sind die Hörspiele deutlich an ein erwachsenes Publikum adressiert und nicht für Kinder geeignet.

Fast ein Gigant

Diese fünfte Folge knüpft direkt an die Handlung aus Der Teufel erwacht an. Liz Sherman erweckte unwillentlich einen Homunkulus mit ihrem Feuer zum Leben, verlor dabei aber ihren eigenen Lebenswillen, und siecht nun langsam dahin. Hellboy und seine Kollegin Kate Corrigan begeben sich in den rumänischen Bergen auf die Suche nach dem künstlich erschaffenen Wesen. Selbiges triff zur gleichen Zeit auf seinen Bruder, der Übles mit ihm und der Menschheit vorhat.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Fast ein Gigant eine Einzelfolge. Das heißt, die Folge ist auf 60 Minuten begrenzt. Diese verkürzte Laufzeit merkt man der Episode positiv an. Es geht schnell zur Sache, ohne jegliche Längen oder Langeweile. Zwar gibt es wieder die üblichen Trashmonologe, aber das Gelaber hält sich angenehm in Grenzen.

Ghost

Die sechste Folge führt uns nach Arcadia, einer Stadt, in der das Verbrechen zum Alltag gehört, Mord und Totschlag sind allgegenwärtig. Das Blut der Opfer sammelt sich unter der Stadt und schafft eine Aura des Hasses und des Verderbens. Aus dieser Aura ist Ghost hervorgegangen. Eine Frau, die nach ihrem Tod als geisterhafter Racheengel ihr Unwesen treibt, ihrem Hass in Form von zwei 45er-Magnums freien Lauf lässt und einen Kriminellen nach dem anderen tötet. Die B.U.A.P. ist auf sie aufmerksam geworden, und schickt Hellboy mit der Aufgabe sie zu rekrutieren. Natürlich läuft alles schief, Hellboy kriegt ständig eins auf die Mütze und die Welt steht mal wieder vor dem Untergang.

Ghost ist die erste wirklich eigenständige Folge von Hellboy, die ganz unabhängig vom bisherigen Rasputin-Verschwörungskram funktioniert. Die Folge beginnt mit einer blutigen aber komödiantisch inszenierten Szene aus dem Jahre 1939, in der ein Paradebeispiel eines Gangsterbosses einen in Ungnade Gefallenen stillgerecht mit einer Axt zerlegt. Wer wäre für diese Rolle besser geeignet als Helmut Krauss, der sich hier praktisch selbst parodiert – ist er doch die deutsche Synchronstimme von Marlon Brando als Don Corleone in Der Pate. Aber auch alle anderen Sprecher wissen zu überzeugen und tragen maßgeblich zu der leicht veränderten Atmosphäre dieser Folge bei, die humoristischer angelegt ist als ihre Vorgänger. Die Grundgeschichte ist dabei eher banal und greift auf die üblichen Trashmotive zurück. Der obligatorische Monolog des größenwahnsinnigen und mutmaßlichen Weltzerstörers darf natürlich nicht fehlen. Trotzdem begrenzt sich das Gelaber auf ein akzeptables Maß und lässt der rasanten Action den Vortritt, ohne dabei auf die coolen Sprüche des Roten zu verzichten. Ghost macht alles richtig und bietet stimmungsvolle und kurzweilige Unterhaltung mit einer tollen Atmosphäre und passender Jazzmusik.

Drizzt – Die Saga vom Dunkelelfen – Das aufwendig inszenierte Hörspielabenteuer aus den Vergessenen Reichen.

Von einem düsteren Paukenschlag begleitet beginnt der kurze beklemmende Monolog, in dem Drizzt seine Heimat das Unterreich vorstellt. Ähnlich wie der Beginn des Films Conan geht es dann in eine bombastisch pumpende Musik über, die anders als bei Basil Poulidouris schnell in ein hysterisches Klavierspiel wechselt, das den Wahnsinn des Unterreiches hervorragend darstellt. Dabei wird die Musik von dezenten elektronischen Klängen begleitet, die zeigen, dass die Produzenten leicht abseits der üblichen Hörspielwege wandeln.

Die Hörspiele um den eigenwilligen Dunkelelfen basieren auf R. A. Salvatores Romanen aus den Vergessenen Welten. Anders als Salvatore seinerzeit veröffentlicht Lausch die Geschichten in chronologischer Reinfolge. Die Romanreihe begann mit The Chrystal Shard (Der gesprungene Kristall) dem ersten Teil der Icewind Dale Trilogy, in der sich Drizzt Do’Urden bereits an der Oberfläche befindet. Die Saga vom Dunkelelfen (The Dark Elf Trilogy) erschien erst danach als Prequel. Für die Hörspiele erweist sich dies als großer Vorteil, ist Die Saga vom Dunkelelfen doch deutlich besser und komplexer geschrieben als Salvatores Erstlinge, die noch stark an zu Papier gebrachte Rollenspielabenteuer erinnern, die von einer Action Szene zur nächsten springen und den Figuren wenig Tiefe verleihen.

Bereits in der ersten Folge Der dritte Sohn stoßen wir auf die komplexe und grausame Gesellschaftsstruktur der Dunkelelfen – einem grausamen Volk voller Bösewichter, die der Spinnengöttin Loth huldigen und ihr gelegentlich ihre eigenen Kinder opfern.

Wir Hörer begleiten Drizzt von seiner Geburt an durch diese bösartige Gesellschaft, die ihm zutiefst zuwider ist. Wir begleiten seine Flucht in die Finsternis und seinen Aufstieg ins Licht. Eine Reise, die zeigt wie vielfältig und gefährlich das Leben in den Unterreichen ist. Drizzt wird zum grausamen Jäger und zum treuen Freund.
Die Unterwelt bietet eine dankbare Kulisse für das Medium Hörspiel und das Team von Lausch versteht es, diese zu nutzen. Wenn der Hall des tropfenden Wassers durch die Kopfhörer erklingt, können wir uns die Weite der Höhlen vorstellen; wenn das kalte Klopfen der Pickel der Höhlengnome ertönt, können wir sehen wie sie den harten Stein bearbeiten. Wenn die Figuren sich in tiefster Finsternis befinden, hören wir die leisen unheilvollen Geräusche der unaussprechlichen Schrecken, die sie in den Wahnsinn treiben können.

Die Sprecher sind bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzt. Tobias Meister, der deutsche Kiefer Sutherland, ist perfekt als Drizzt Do’Durden geeignet; der Kampferprobte „Jack Bauer“ der Unterwelt. Bei den Drow sind die Frauen das starke Geschlecht, und dementsprechend verleihen Sprecherinnen wie Elga Schütz und Miriam Hensel den Stimmen die nötige Autorität, in der auch immer ein Schuss Wahnsinn mitschwingt.

Die Musik ist zwar modern, aber zu keiner Zeit unpassend für dieses eigentlich klassische Fantasysetting.
Eine der größten Stärken Salvatores sind seine spektakulären Beschreibungen der Kämpfe. Solche Kämpfe sind als Hörspiel natürlich schwer zu inszenieren, aber Lausch hat einen guten Weg gefunden, indem sie den Kämpfenden selber zum Erzähler machen und dies mit einer Fülle von Kampfgeräuschen ergänzen.

Die ersten sechs Folgen erzählen die Dark Elf Trilogy, in der sich Drizzt von seinem grausamen Volk emanzipiert, in die Dunkelheit flüchtet, dem Wahnsinn nahe kommt, Freundschaft findet und verteidigt, und schließlich den Weg ans Licht findet.

Folge 7 Der gesprungene Kristall ist der Startschuss für die Icewind Dale Trilogy, in der Drizzt bereits an der Oberfläche lebt, zusammen mit seinem Freund dem steinharten Zwerg Bruenor, dessen mutiger Menschentochter Catti-Brie sowie dem diebischen und knurrbäuchigen Halbling Regis. Die Freunde müssen sich mit einer Invasion der Barbaren rumschlagen, einem pubertierenden und fast allmächtigen Zauberer und dessen magischem Kristall, einem ebenso mächtigen Dämon und allerhand anderen Abenteuern, die in einer, auf einem Rollenspiel basierenden Welt, nun mal auf Helden warten. Trotzdem schaffen es Salvatore im Buch und Lausch im Hörspiel, mit wichtigen Themen wie Freundschaft und Toleranz, der Geschichte ein wenig Tiefe zu verleihen.

Ab Folge 7 gibt es auch einen Bruch bei der Inszenierung. Der Hörer ist nicht mehr von dem bedrückenden Gewicht tonnenschweren Steins umgeben, unter dem sich die Unterreiche befinden. Er findet sich in der kalten Weite des Eiswindtales wieder, dessen Schnee die grellen Strahlen der Sonne reflektiert und dessen eisiger Wind unbarmherzig durch die Haut schneidet. Die Kämpfe sind keine beengten Kammerspiele mehr, sondern riesige Schlachten, die die Erde zum Beben bringen und sie in rotem Blut tränkt.

Eine der Hauptfiguren ist der Titel gebende gesprungene Kristall, der sich eines pubertierenden Möchtegernzauberers bedient. Der stets gehänselte und gemobbte junge Mann sieht sich plötzlich nahezu allmächtiger Kräfte gegenüber, die er nach Gutdünken einsetzen kann. Die von Oliver Elias gesprochene Stimme Akar Kessels wirkt durch ihren lächerlich quiekenden Ton zunächst äußerst nervig. Doch im Laufe der Handlung stellt sich heraus, dass sie perfekt zu einem halbstarken, von Allmachtsphantasien getriebenen Proll passt. Als sei sie aus einer Onlinerollenspielunterhaltung entsprungen.

Auch die Dämonisierung der Stimme des Dämons Errtu – der von Günther Merlau persönlich gesprochen wird – wirkt etwas klischeehaft, funktioniert in diesem klassischen Fantasysetting aber ausgezeichnet. Wenn der Hörer die von Fauchen und Brüllen geprägte Stimme hört, weiß er sofort, dass es sich um einen Dämon handelt.

Erwähnenswert sind auch noch die gewaltigen Kampfgesänge der Barbarenkrieger, wenn sie in die Schlacht ziehend ihren Gott Tempus anrufen. Es wird tatsächlich der Eindruck vermittelt, einer ganzen Armee zu lauschen.
Die Klanggestaltung der Hörspiele ist bis ins kleinste Detail durchdacht und ausgewogen. Sie erzeugt eine raue aber, den Lesern der Romane, wohlvertraute Atmosphäre, die dem Hörer das Gefühl gibt, als unsichtbarer Lauscher direkt neben den Helden zu stehen.

Kurzkritiken Juli 2017

Joe R. Lansdale – Die Wälder am Fluss

Nicht so gut wie Ein feiner dunkler Riss, dennoch ein eindrucksvolles und atmosphärisch dichtes Coming-of-Age-Porträt der rassistischen 1930er-Jahre in Texas, wo ein Serienkiller sein Unwesen treibt, dem der Sohn des örtlichen Constables und Frisörs auf die Spur kommt. Eigentlich gut übersetzt von Mariana Leky, aber das Lektorat hätte etwas sorgfältiger arbeiten müssen: Da wird aus einem Gewehr eine Pistole ein Gewehr und wieder eine Pistole.

Rebecca Hunt – Everland

Großartig geschriebener Abenteuerroman in der Antarktis, der auf drei zeitlichen Ebenen spielt, auf denen jeweils eine Gruppe aus drei Leuten im Mittelpunkt steht, die unter extremen Bedingungen eine unheilvolle Dynamik entwickeln. Im Jahr 1912 geraten drei Seeleute und Expeditionsteilnehmer, die die Insel Everland erkunden wollen, in Seenot und sitzen dann unter frostigen Bedingungen und gesundheitlich angeschlagen auf der Insel fest. Die Forscher, die die gleiche Insel ein Jahrhundert später erkunden will, muss feststellen, dass sich die Natur von moderner Ausrüstung nur wenig beeindrucken lässt – und dass es ins Unglück führt, wenn man aus falschem Stolz Schwächen und Fehler verbirgt. Geschickt konstruiert, mit viel psychologischer Tiefe – ein Kammerspiel, das unter die Haut geht. Ausgezeichnet übersetzt von pociao.

Jean-Michel Guenassia – Eine Liebe in Prag

Guenassias Debüt Der Club der unverbesserlichen Optimisten habe ich vor einem Jahr begeistert verschlungen, seinen Nachfolger habe ich aufgrund des (irreführenden deutschen!) Titels bisher gemieden. Denn in den letzten 12 Monaten habe ich mich vor allem für Frankreich interessiert, weniger für Prag. Nur spielt das Buch größtenteils gar nicht in Prag, und um eine Liebe geht es auch nicht. Viel mehr wird die Lebensgeschichte von Josef Kaplan erzählt, den es schon bald von Prag nach Paris führt, wo er seinem Medizinstudium noch eines der Biologie anhängt, danach für das Pasteur-Institut über Jahre in Algerien arbeitet und dort mit seinen Freunden den Zweiten Weltkrieg aussitzt. Erst nach Ende des Krieges führt es ihn mit seiner Freundin Christine über Umwege nach Prag zurück, wo er zunächst einen rasanten politischen Aufstieg hinlegt, dann aber an den willkürlichen Auswüchsen des kommunistischen Systems scheitert.

Wobei der Originaltitel La vie révée d’Ernesto G. auch etwas irreführend ist, denn der dieser berühmte Ernesto tritt erst im letzten Viertel des Romans auf, wobei er dort einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Ganz so wie sein Debüt konnte mich Eine Liebe in Prag nicht begeistern, eine tolle und mitreißende Geschichte ist es aber trotzdem, und gerade gegen Ende, wo viele Romane schwächeln, dreht dieser noch mal richtig auf und entwickelt sich von einer guten Geschichte zu einer großartigen. Und ein gewisser Schachclub aus Paris darf auch noch eine kleine Rolle spielen, was mir ein breites Grinsen auf das Gesicht zauberte. Gut übersetzt von Eva Moldenhauer.

„Die Nachtigall“ von Kristin Hannah

Es gibt Bücher, die kommen praktisch aus dem Nichts und hauen einen dann so richtig um. Die Nachtigall ist so ein Buch. Das hat mir meine Mutter auf den Tisch gelegt und gefragt, ob ich Interesse hätte. Hatte ich erst nicht, da mich eine Geschichte über zwei Französinnen im 2. Weltkrieg von einer Amerikanerin erst nicht reizte. Doch es handelt sich bei der Autorin um Kristin Hannah, die zufällig eine Rolle dabei spielte, dass ich Übersetzer wurde (denn das Buch für die Übersetzeraufgabe war „Firefly Lane“ von Hannah).

Also las ich doch mal rein, und habe es nicht bereut. Das ist eine superspannende und tief bewegende Geschichte, die da erzählt wird. Die Geschichte von Vianne und Isabelle, zwei Schwestern, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Vom Vater verstoßen, die Mutter gestorben, in ihrer Misere aber nicht zusammenhaltend, entfremden sie sich schon in jungen Jahren voneinander. Die eine heiratet und wird jung Mutter, die andere fliegt von einem Internat nach dem anderen.

Dann bricht der Krieg aus, Viannes Mann gerät in Kriegsgefangenschaft, sie und ihre Tochter Sophie müssen einen Nazi im Haus beherbergen und jeden Tag mit knappen Essensrationen in eiskalten Wintern ums Überleben kämpfen. Doch Überleben ist Isabell nicht genug, sie will aktiv etwas gegen die deutschen Besatzer unternehmen und engagiert sich aktiv im Widerstand, schmuggelt abgestürzte Piloten der Alliierten über die Pyrenäen in Sicherheit. Setzt dabei ihre eigene aber immer waghalsiger aufs Spiel.

Wow, was für eine Geschichte, über zwei so unterschiedliche Schwestern, die doch sich doch so nahe sind. Hannah schildert eindringlich, welch schwere Zeiten die Französinnen während der deutschen Besatzung durchstehen mussten, und entwirft dabei vielschichtige und teils auch ambivalente Figuren (auch unter den Nazis). Es ist sicher nicht das erste Buch zu dem Thema, und es gibt natürlich viele prominente Beispiele, aber Hannah hat sich für fiktive Figuren entschieden, die sich an wahren Ereignissen orientieren.

Die letzten einhundert Seiten sollte man besser nicht vor dem Einschlafen lesen (so wie ich es gemacht habe), denn gerade in diesem Abschnitt wird das Buch richtig heftig und beschäftigt einen noch lange, nachdem man es zugeklappt hat. Ein Buch, das unter die Haut geht, auch wenn es literarisch nicht unbedingt herausragend geschrieben ist, eher routiniert, aber dafür eine wunderbare Geschichte erzählend. Die Übersetzung von Karolina Fell liest sich eigentlich ganz gut, verwendet für meinen Geschmack aber zu viele Hilfsverben wie »war«, wo man es auch eleganter formulieren könnte (wobei ich nicht weiß, wie es im Original geschrieben ist).

Für mich war es die perfekte Ergänzung zu Chris Cleaves Liebe in diesen Zeiten, das von Frauen im Zweiten Weltkrieg während des Blitz in London erzählt.

„Die Verräterin: Das Imperium der Masken“ von Seth Dickinson

Im Original heißt das Buch The Traitor Baru Cormorant, und ich liebe diesen Titel, denn der verlockte mich damals bei Erscheinen dazu, das Buch zu kaufen. Sehr schade, dass man für die britische und deutsche Ausgabe den Titel geändert hat. Der ist nämlich wirklich ein Alleinstellungsmerkmal, das aus der Masse der generischen Fantasytitel herausragt und Neugierde weckt.

Und er ist Programm. Denn es geht um die junge Baru Komoran (in der deutschen Ausgabe wurde der Nachname übersetzt), die im Laufe der Geschichte Verrat begehen wird. Wann, wo, wie und an wem sei an dieser Stelle nicht verraten.

Und als Warnung vorweg an die Fantasypuristen: In diesem Buch gibt es weder Magie noch irgendwelche Fabelwesen. Würde es nicht in einer erfundenen Welt spielen, könnte es sich auch um einen historischen Roman handeln. Die wirkliche Fantasie liegt in den von Dickinson entwickelten Gesellschaftssystemen.

They sentenced me to twenty years of boredom
For trying to change the system from within
I’m coming now, I’m coming to reward them
First we take Manhattan, then we take Berlin

Leonard Cohen

Langweilig wird es Baru in der Geschichte jedenfalls nicht, zettelt sie doch die ein oder andere Revolution an und nimmt mehrere Städte ein. Die große Frage ist nur, gegen wen da wirklich rebelliert wird, wem die Pläne auf lange Sicht nutzen und wer hier wen manipuliert.

Baru wächst mit zwei Vätern auf einem kleinen Inselparadies in einfachen, aber nicht rückständigen Verhältnissen auf. Bis das Imperium der Maskerade auf den Plan tritt, die Insel kolonisiert und den Menschen ihre gesellschaftliche Konventionen aufzwingt. Wer gegen diese verstößt, wird grausam bestraft.

Doch die Römer haben ja bekanntlich nicht nur unterdrückt, sondern auch den Aquädukt gebracht, und so erhält Baru von der Maskerade eine Ausbildung und macht Karriere im Verwaltungsapparat des Imperiums. Ein Weg, auf dem sie viele Kompromisse eingehen und oft gegen ihr Herz entscheiden muss.

Dickinson erzählt hier durchaus eine epische Geschichte, wählt aber, wie so mancher Fantasyautoren mit einer Agenda, eine recht distanzierte Erzählweise, die nicht jedem gefallen wird, dafür aber originelle Abwechslung zu den üblichen Fantasybüchern bietet.

Wer wissen will, was ich mit Agenda meine, dem empfehle ich den (von mir übersetzten) Essay von Seth Dickinson zu seinem Buch, indem er darauf eingeht, was ihn beim Verfassen angetrieben hat. Könnte allerdings interessanter sein, ihn erst nach Lektüre des Buchs zu lesen, um zu vergleichen, ob man das Buch auch ohne Dickinsons Erläuterungen ähnlich gelesen hat.

Doch diese Agenda wird zum Glück nicht mit dem Holzhammer präsentiert, sondern dezent in die Struktur des Romans eingewoben, ohne aufdringlich zu wirken. Die Welt ist einfach so, da macht Dickinson keine große Sache draus, obwohl es entscheidenden Einfluss auf den Handlungsverlauf nimmt.

Kleiner Kritikpunkt: Trotz der sehr hilfreichen Karte des Reichs Aurdwynn mit seinen unzähligen Herzogtümern gibt, die auch persönlichen Anmerkungen Barus zu jedem davon enthält, habe ich irgendwann den Überblick verloren, wer hier mit wem koaliert oder intrigiert. Eine Flut aus Namen, die Dickinson gerne in schneller Abfolge aneinanderreiht. Zumal viele dieser Figuren nur kurze Auftritte erhalten.

Gelesen habe ich das Buch zu 60% im englischen Original und zu 40% in der ausgezeichneten Übersetzung von Jakob Schmidt. Warum ich das Buch seinerzeit zur Seite gelegt habe, weiß ich nicht mehr, es lag jedenfalls nicht daran, dass es mir nicht gefallen hätte.

Fantasy für LeserInnen, die keine Magie und Fabelwesen brauche, ohne Orks und Elfen, eher Social Fantasy mit distanzierter Erzählweise, wie z. B. auch bei David Anthony Durhams Acacia. Auf jeden Fall mal was Anderes im Einheitsbrei der großen Fantasyverlagsprogramme.

Nachtrag: Lapismont hat mit seinerm Kommentar noch zwei wichtige Punkte angesprochen, die ich nicht erwähnt hatte: Emotional hat mich das Buch nicht so richtig angesprochen. Eher auf einer sachlichen Ebene. Keine Ahnung, ob da noch ein Band kommt. Die Geschichte kann man als abgeschlossen lesen.

Nachtrag 2: Vom Verlag wurde mir mitgeteilt, dass es eine Trilogie werden soll.

Kurzkritiken Juni 2017

Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Übersetzt von Gabriela Zehnder

Sehr eigenwilliger und tiefgründiger, aber auch verspielter Roman um zwei einsame Menschen, die sich in ihre eigene Gedankenwelt flüchten, ihren Mitmenschen gegenüber aber trotzdem über eine erstaunliche Beobachtungsgabe verfügen. Die teilweise kurzen Kapitel, die immer wieder mal nur aus philosophischen Gedanken bestehen, sind sicher nicht jedermanns Sache. Habe ich sehr gerne gelesen, doch etwas erzählerische Wucht und Eleganz hat mir dabei gefehlt.

David Morrell – Der Opiummörder

übersetzt von Christine Gaspard

Historischer Roman, der auf die realen Ratcliffe-Highway-Morde anspielt und die Geschichte 40 Jahre später mit teils realen Figuren wie dem Opiumesser Thomas de Quincey, zu einem komplexen und kunstvollen Thriller in der vernebelten viktorianischen Ripper-Atmosphäre Londons weiterspinnt. Mein persönliches Highlight ist Emily – de Quinceys Tochter – die zeigt, wie man sich als Frau in einer Gesellschaft durchsetzt, die Frauen gerne unter einer dreißig Kilogramm schweren Schicht aus Reifröcken, Korsetts und Unterkleidern bändigt, damit sie den gesellschaftlichen Erwartungen an sie nicht davonlaufen können.

William Finnigan – Barbarian Days: A Surfing Life

Autobiografie eines Hardcoresurfers, der in der fürs Surfen wohl interessantesten Zeit aufwuchs, gerade als sich der Sport langsam durchsetzte, aber bevor er völlig kommerzialisiert wurde. Die langen Beschreibungen von unterschiedlichen Wellen, und wie der Autor sie geritten ist, sind für Nicht-Surfer stellenweise etwas zu ausführlich ausgefallen, aber dafür entschädigen seine eindrucksvollen Reisenbeschreibungen und die Porträts der Menschen, denen er unterwegs und beim Surfen begegnet. Kraftvoll geschrieben. Hat den Pulitzer Preis gewonnen, eine deutsche Übersetzung gibt es aber leider nicht.

James Lee Burke – Blut in den Bayous

übersetz von Alf Mayer

Band 2 der Reihe um Dave Robicheaux, den Alkoholiker mit Prinzipien, dessen Absturz aus dem Paradies weiter andauert. Und ein abgestürztes Flugzeug ist es auch, dass eine Spirale aus Gewalt im Leben des ehemaligen Polizisten in Gang setzt, der sich eigentlich mit einem Anglerladen und seiner frisch angetrauten Frau zur Ruhe setzen wollte. Ein kleines Meisterwerk, das weit über eine gewöhnliche Krimi- oder Thrillerhandlung hinausgeht. Wie Burke hier die Hitze und Landschaft Louisianas zu Leben erweckt, ist beeindruckend – und von Alf Mayer ausgezeichnet übersetzt. Die Figuren des Buches sind teils unvergesslich, allen voran natürlich der äußerst komplexe Dave Robicheaux selbst. Ein großes Lob an den Pendragon Verlag für die Neuauflage. Ich freue mich schon auf den nächsten Band.

Schon seit April habe ich keine Phantastik mehr gelesen, und irgendwie reizt sie mich auch aktuell nicht. Alle Bücher, auf die ich aktuell neugierig bin, bewegen sich außerhalb dieses Genres. Liegt vielleicht an der Jahreszeit, im Sommer bekomme höchstens mal Lust auf einen Horrorroman, die Lust auf Fantasy kommt meist erst im Herbst wieder.

Eine Ode an das Lesebändchen

Zwischen 50 bis 80 Bücher lese ich im Jahr. Taschenbücher, Trade Paperbacks, eBooks und auch gelegentlich Hardcover. Letzteres aber eher selten. Ich liebe Bücher, aber damit meine ich vor allem den Inhalt. Ich bin nicht wirklich bibliophil veranlagt und brauch keine besonders schön gestaltete Ausgabe im Regal, auch wenn ich diese durchaus zu schätzen weiß und mich freue, wenn es keinen hässlichen oder tristen Einheitsbrei auf dem Cover gibt.

Mit mehreren tausend Büchern in den Regalen wird bei mir der Platz langsam knapp, von der elenden Schlepperei bei Umzügen ganz zu schweigen. Weshalb ich versuche, verstärkt eBooks zu kaufen (was aber nicht so wirklich funktioniert, es werden trotzdem immer mehr gedruckte Bücher). Aber was Hardcover angeht: die liegen schwer in der Hand und nehmen viel Platz im Regal weg. Wenn ich die Möglichkeit habe, kaufe ich mir das Buch lieber in einer Taschenbuchausgabe, oder – bei einer Übersetzung aus dem Englischen – das eBook im Original. Außer bei meinen Lieblingsautoren (Stephen King z. B.) oder Büchern, die mich wirklich brennend interessieren.

Bei jenen Büchern, auf die ich neugierig bin, aber auch nicht so sehr, also jene, bei denen die Kaufentscheidung für das Hardcover auf der Kippe steht, kann das Lesebändchen durchaus den entscheidenden Ausschlag geben. Vielen Lesern mag dieser dünne Stoffstreifen nichts bedeuten, doch ich liebe ihn. Mit ihm ist ein Buch perfekt. Ohne, muss man externe Hilfsmittel heranziehen, die eigentlich nicht zum Buch gehören: also ein Lesezeichen. Oder man muss das Buch mittels Eselsohren verunstalten (was mir nicht einmal im Traum einfallen würde). Die dritte Möglichkeit ist, sich die Seitenzahl einfach zu merken. Habe ich mal eine Weile gemacht, bis das Buch dann ungeplant länger unangetastet liegen blieb und ich nicht mehr wusste, auf welcher Seite ich zuletzt gewesen bin.

Das Lesebändchen ist die eleganteste Lösung: Direkt am Buch befestigt, gleitet es sanft und kitzelnd durch die Hand, hängt geduldig und ohne zu ermüden als symbolischer Cliffhanger über dem Buchrücken, während man liest. Ist das Buch zugeklappt, späht es neckend und lockend zwischen den Seiten hervor, eine daran erinnernd, wo man zuletzt gewesen ist, welche Abenteuer dort zwischen den weißen Seiten mit den lustigen schwarzen Kringeln auf einen warten.

Von den Verlagsprofis würde ich gerne wissen, welche Gründe für oder gegen die Verwendung eines Lesebändchens sprechen? Welche Mehrkosten entstehen dadurch?

„Die Neunte Stadt“ – die Gewinner der Verlosung

So, die eine Woche ist um, die Teilnahmefrist an der Verlosung zu Ende. Vier Teilnehmer gibt es, die sich die Mühe gemacht haben, einen recht trockenen und nicht ganz einfachen Textabschnitt aus dem Buch Die Neunte Stadt von J. Patrick Black zu übersetzen. Vielen Dank für eure Teilnahme! Ich bin ja selbst eher faul, was die Teilnahme an Gewinnspielen angeht. Wenn ich mehr machen muss, als etwas anklicken und ein Formular ausfüllen, lass ich es meistens sein.

Eigentlich wollte ich nur zwei Exemplare verlosen, aber da die Teilnehmeranzahl überschaubar geblieben ist, erhalten alle vier (Bosper, Angela, boreeas und Herr Schäfer) ein Exemplar. Schickt mir doch bitte eure Anschrift an markusmaeurer(hierdateteinfügen)gmx.de.

Den Originaltextabschnitt kann man im Ursprungspost nachlesen, die Übersetzungen der Teilnehmer unten in den Kommentaren. Hier noch die Übersetzung, die im gedruckten Buch steht (von mir übersetzt, von Birgit Herden lektoriert):

Die Bände mit überpräziser legalistischer Sprache, die die Bibliotheken der Akademie füllen, sind ein Versuch, Thelemitie auf etwas Standardisiertes und Beliebiges zu reduzieren, etwas, das gelehrt und kontrolliert werden kann. Aber man kann das Chaos und die Subjektivität nicht vollständig aus etwas herausfiltern, das grundsätzlich chaotisch und subjektiv ist. Standardisierte Artifizien versuchen, alle möglichen Zugänge abzudecken, während man in Wirklichkeit nur das Richtige sagen muss. Ähnlich, wie eine einzelne Zeile Poesie mehr Bedeutung enthalten kann als tausend Seiten mit Instruktionen. Damit ein Artifizium wirklich funktioniert, muss der Artifex verstehen, was er macht und warum er es macht.

Wie schon erwähnt, es gibt nicht die eine Richtige Übersetzung, sondern unterschiedliche Annäherungen an das Original. Mit »Volumes« sind in diesem Fall die Bände gemeint, die in einer Bibliothek stehen (»Volume 1« = »Band 1). »Artifices« hatte ich zunächst noch als »Geschicke« übersetzt, aber das klang zu holprig und zu sehr nach Fantasy und passte nicht zum akademischen Ausrichtung des Buchs. Zunächst hatte ich dann »Artifice« unter Vorbehalt beibehalten, die Lektorin hat dann »Artifizium« vorgeschlagen. Insofern ist keine der Übersetzungen der Teilnehmer falsch, da eine solche Grundsatzentscheidung aus dem Kontext des gesamten Romans getroffen werden muss.

Der »Artifex« steht dort nicht im Original, aber er ist derjeniege, der ein »Artifizium« baut bzw. erschafft. Damit hat man dann eine Wiederholung von »man« und ein Nutzung des im Deutschen eher hässlichen »du« vermieden, das auch nicht passt, wenn man vorher »man« benutz hat. Aus eine längeren englischen Satz kann man ruhig mal zwei machen, wenn es der Lesbarkeit im Deutschen dient. Und einen so eleganten Übergang wie mit Nebensatz, den »the way« einleitet, gibt die deutsche Grammatik leider nicht her. Wobei »so wie und »vergleichbar« natürlich auch passen.

Es ist übrigens nichts Verwerfliches daran, sich beim Übersetzen Hilfe zu holen. Das mache ich auch. Beim Berliner Übersetzungsstammtisch, den ich vier Jahre lang besucht habe, kommen auch immer wieder erfahrene Übersetzer, die schon Pulitzer- und Booker-Preisträger übersetzt haben, und holen sich Rat bei kniffligen Stellen. Ich stelle Übersetzungsprobleme gelegentlich auf Facebook zur Diskussion.

Viel Spaß mit dem Buch!