„Klauen“ uns Netflix und Co. die Zeit zum Lesen?

„Uns allen brechen die Leser weg. Noch 2012 hat sich jeder Mensch hierzulande statistisch gesehen mindestens einmal pro Jahr ein Buch gekauft. Diese Reichweite hat sich praktisch halbiert“, sagt Piper-Verlagschefin Felicitas von Lovenberg gegenüber dem Buchreport.

Auch die Buchhandlung Otherland aus Berlin schreibt, dass sich Netflix, Amazon und Co. bemerkbar machen würden. Gemeint ist damit, dass Menschen, die bisher viel Zeit mit Lesen verbracht haben, immer mehr auf Serien aus Streamingangeboten umsteigen, bzw. größere Teile ihrer Freizeit dafür reservieren (sich also Marktanteile verschieben).

Serien hat es schon immer gegeben, auch Phantastikserien. Akte X war in den 90ern ebenso ein Straßenfeger wie Star Trek – Next Generation oder Babylon 5. Geändert hat sich die Fülle des Angebots und seine Verfügbarkeit. Was bei mir die Frage aufwirft, ob die steigende Zahl an Phantastikserien und vor allem auch an Serienadaptionen von Büchern nicht dafür sorgt, dass insgesamt weniger Phantastikbücher gelesen werden?

Phantastik ist jetzt Mainstream

Es gab schon immer erfolgreiche Phantastikfilme und Serien, doch dank der modernen Tricktechnik, die seit Ende des letzten Jahrtausends, seit der Matrix– und Herr der Ringe-Trilogie enorme Fortschritte gemacht hat und günstiger geworden ist, gibt es eine Flut an Phantastikserien und Filmen (mit und ohne Superhelden). Wer mal sehen möchte, was aktuell an phantastischen Serien läuft, sollte sich diese beiden Listen von Armin Rößler zu Superheldenserien und allgemeinen Phantastikserien ansehen. 90! aktuell laufende oder demnächst anlaufende Phantastikserien sind dort aufgezählt.

Allein an Serien! Dazu kommen noch die ganzen Filme von Marvel, DC, Star Wars, aus dem Harry Potter-Universum usw., dazu eine kleine Flut an Science-Fiction-Filmen (Alien:Covenant, Life, Arrival, Blade Runner 2049, Passengers – um mal ein paar aus diesem Jahr zu nennen), zahlreiche Jugendystopien und ihre Fortsetzungen. Man kann wahrlich sagen, dass die Phantastik im Mainstream angekommen ist und diesen aktuell sogar dominiert.

Doch führt der Erfolg dieser Filme und Serien auch dazu, dass Bücher aus diesen Genres (die ja oft die Vorlagen liefern) davon profitieren? So wie es einst der Fantasy im Fahrwasser der Herr der Ringe-Trilogie erging (Stichwort Völkerfantasy)?

Zum Erfolg von Game of Thrones und ob das Fantasygenre im Buchbereich davon profitieren würde, sagte Carsten Polzin von Pipers mal der Zeitschrift phantastisch! (habe jetzt nicht im Kopf, welche Ausgabe es war), dass davon vor allem einer profitieren würde, und zwar George R. R. Martin selbst. Einen Boom oder überhaupt ein gesteigertes Interesse für ähnliche Fantasybücher von anderen Autoren ist nicht zu erkennen. Dasselbe gilt für die Science Fiction. Nur weil das Genre an der Kinokasse brummt, heißt es nicht, dass auch die SF-Buchverkäufe steigen.

Aktuell wird über jeden neuen Trailer von Star Wars oder aus dem MCU und über jede neue Folge von Star Trek Discovery mehr diskutiert, als über die aktuell angesagtesten und aufregendsten Buchneuerscheinungen in den Genres Fantasy und Science Fiction. Selbst in Genreforen, in denen vor 10 Jahren hauptsächlich noch über Bücher diskutiert wurde.

Veränderte Sehgewohnheiten

Dank Tablets haben Netflix und Co. inzwischen auch das Bett (trotz Fernsehers im Schlafzimmer) und den Zug erobert, jene Domänen, die früher dem Buch vorbehalten waren. Denn früher gab es nicht diese Fülle an Phantastikserien, die jederzeit verfügbar waren. Star Trek Next Generation lief in der Woche um 15.00 Uhr im ZDF, Babylon 5 sonntags um 17.00 Uhr und Akte X anfangs am Freitagabend.

Heute sind die 90 Serien fast alle rund um die Uhr verfügbar. Und zwar deutlich günstiger, als wenn man alle auf DVD kaufen würde. Bei einem Netflixabo ist man ab 7.99 Euro dabei, bei Amazon Prime sogar für noch weniger im Monat. Hat man noch Sky dazu, hat man auch noch die Serien von HBO und Showtime dabei. Oft werden Staffeln am Stück veröffentlicht, was zum Bingewatching über das Wochenende einlädt.

Es erscheinen also immer mehr aufwendig produzierte und gut geschriebene Serien (auch wenn da natürlich viel Schrott oder Mittelmaß dabei ist), deren Ansehen viel Zeit erfordert. Zeit, die von der Lesezeit abgeht. Auf Twitter lese ich immer häufiger Kommentare wie: „Mit Erkältung im Bett, zum Glück gibt es Netflix“. „Ein Sonntagnachmittag mit Netflix, was gibt es Schöneres“. „Netflix hat mich in der Wartezeit auf dem Berliner Bürgeramt vor dem Wahnsinn bewahrt.“

Persönliche Erfahrungen

Ich lese nicht weniger. Allein in diesem Jahr habe ich schon 53 Bücher gelesen, obwohl ich Netflix, Amazon Prime und Sky abonniert habe. Aber während ich Serien wie Game of Thrones, The Expanse oder American Gods schaue, sinkt beim Lesen der Anteil an phantastischen Büchern. Was zum einen mit einem veränderten Themeninteresse bei mir liegen könnte, zum anderen aber auch, an einer gewissen Sättigung. Bei den drei obengenannten Serien frage ich mich zum Beispiel, ob ich die Buchvorlagen überhaupt lesen soll, wo ich doch schon die Serien gesehen habe.

Trend zu Buchadaption

Meinem Empfinden nach dominieren aktuell Phantastikfilme den Film- und Serienmarkt. Und die meisten dieser Filme scheinen auf Büchern, Comics oder Kurzgeschichten zu basieren:

Marvel, DC und fast alle Superheldenstoffe
Arrival
Annihilation
Game of Thrones
The Expanse
Altered Carbon
The Witcher
Shannara Chronicles
Nine Princes of Amber
Luna
Ready Player One

Um mal ein paar aktuelle und kommende Titel zu nennen.

Als kürzlich der Trailer zu Annihilation veröffentlicht wurde, verfolgte Jeff VanderMeer, der Autor der Vorlage, wie sein Buch bei Amazon kurzfristig bis auf den vierten Verkaufsplatz stieg. Jedes Buch, das verfilmt wird, wird von den Verlagen neu aufgelegt, weil es kurzfristig zu einem gesteigerten Interesse an der Vorlage sorgt.

Doch ich frage mich, ob wir inzwischen nicht den Punkt erreicht haben, an dem diese Flut an Phantastikserien den Buchvorlagen und allen anderen Büchern eher schadet?

Kein Problem der Phantastik allein

Amazon Prime und Netflix sind natürlich keine reinen Phantastikportale, auch Serien wie House of Cards, Orange is the New Black, Mozart in the Jungle, Designated Survivor usw. werden geschaut. Und die Buchverkäufe brechen ja insgesamt in allen Bereichen ein. Wenn auch verstärkt wohl auf dem Taschenbuchmarkt im Unterhaltungssegment.

Hinzu kommt, dass immer mehr Buchneuerscheinungen. Um die 90.000 sollen es pro Jahr ungefähr sein, plus die ganze Flut an Selfpublishern. Immer mehr Bücher für immer weniger Leser. Da wird es für die einzelnen Titel natürlich immer schwerer, schwarze Zahlen einzufahren (wobei das für Serien ebenfalls gilt, ich persönlich glaube ja, dass da bald eine Serienblase platzt und die Zahl der Neuproduktionen drastisch zurückgehen wird).

Meine These – die ich natürlich nicht beweisen kann – lautet also, dass die veränderten Sehgewohnheiten durch Streamingportale wie Netflix und Amazon Prime (wo es neben Serien ja auch Filme gibt) mit dafür sorgen, dass die Menschen weniger Lesen und die Zahlen der Buchkäufe zurückgehen, dass sich dies aber besonders auf die Phantastik auswirkt, weil gerade dieses Genre im Bereich der Serien und des Films einen nie dagewesenen Boom erlebt.

Es gibt natürlich nicht die eine Antwort auf die Frage, warum weniger gelesen wird. Da spielen auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und der technologische Fortschritt eine Rolle. Vielleicht wird ja auch gar nicht weniger gelesen? Sinkende Verkaufszahlen bei neuen Büchern bedeuten nicht zwangsläufig weniger Leser. Was man sich früher noch mühsam in einigen wenigen Antiquariaten gebraucht erstöbern musste, findet man heute mit einem Klick bei Rebuy oder Medimops. Über Facebook gibt es zahlreiche Büchertauschgruppen. Und immer mehr LeserInnen betreiben mehr oder weniger gelungene Blogs, um Rezensionsexemplare abzustauben. Dazu noch Dumpingpreise bei Selfpublishern aber auch bei Verlagen in Bezug auf E-Book-Aktionen und zahlreiche Gewinnspiele usw.

In den letzten Jahren hat sich über das Internet eine Kostenloskultur bzw. eine Billigpreiskultur in Bezug auf Bücher (aber auch andere Medien) entwickelt, die unter anderem auch zu Flatrateangeboten führen, die Autorinnen, Verlagen und Buchhändler aber wenig, bis nichts einbringen.

Kleine Randbeobachtung

Eine Gruppe, die als Leser wegfällt, scheinen ausgerechnet die Autoren selbst zu sein. Je länger ich in der Buchbranche und Szene tätig bin, desto mehr Autoren lerne ich kennen. Und eine erschreckend große Zahl von ihnen gibt zu, selbst kaum noch Zeit, Energie oder Lust zum Lesen zu haben (gerne aber Serien gucken und ins Kino gehen). Was ich sehr schade finde, dass ausgerechnet jene, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, ihr in der Freizeit nicht mehr nachgehen. Stephen King gibt an, im Jahr um die 80 Bücher zu lesen, aber er kann sich sich vermutlich auch Assistenten leisten, die sämtliche administrativen und häuslichen Tätigkeiten für ihn übernehmen, während der klassische Midlistautor, der mindestens zwei Bücher pro Jahr schreiben (oder übersetzen) muss, um über die Runden zu kommen, alles alleine meistert.

Wie seht ihr das? Lest ihr weniger, weil ihr inzwischen mehr Serien schaut?

Kurzkritiken September 2017

Im September habe ich ganze acht Bücher geschafft. Bereits besprochen sind davon:

Lian Hearne – Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Insel)
Stephen Elliott – My Girlfriend comes to the City and beats me up
André Marx – Die ???: Geheimnis des Bauchredners
John Scalzi – Kollaps

Mein Reread von Philip K. Dicks Blade Runner wird demnächst irgendwann auf Tor Online erscheinen.

Ethan Cross – Spektrum (übersetzt von Reiner Schumacher)

Teils rasanter Popcorn-Actionthriller mit jeder Menge schönen Übermenschen-Genies-Actionhelden, die gegen ganz ganz böse Bösewichte kämpfen müssen. So plump, wie ich das hier beschreibe, so plump ist der Thriller auch, dem nach der Hälfte die Puste ausgeht und der die eigentlich interessante Prämisse in den Sand setzt. Aber mir hat er irgendwie trotzdem Spaß gemacht. Keine Ahnung warum.

Volker Kutscher – Lunapark

Im inzwischen sechsten Fall für Gereon Rath sind die Nazis endgültig an der Macht, die Schlägertrupps der SA gelten jetzt als unangreifbare Polizeieinheit, Charly Ritter versteht die Welt und Hitlerjunge Fritze nicht mehr und Gereon muss auf einem schmalen Grat balancieren, um nicht ins Visier der Nazis zu geraten, die er aber eigentlich gar nicht so schlimm findet. Der eigentliche Fall ist nicht wirklich der Rede wert und knüpft direkt an Märzgefallene an, aber die Stimmung, die Kutscher da beschreibt macht die fehlende Spannung wett. Ab 13. Oktober kommt übrigens die Serie zu den Büchern unter dem Titel Babylon Berlin auf Sky.

Sophie Mass, Audrey Diwan, Caroline de Maigret und Anne Berest- How to be a Parisian
(übersetzt von Carolin Müller)

Weiß gar nicht, was ich mir von diesem „Ratgeber“ erwartet habe, der sich eher als ironisch-spitzer Blick auf die Klischees, die man von der idealen Französin hat, entpuppt. Ist aber irgendwie ganz unterhaltsam geraten, wenn auch mit wenig Substanz. Gekauft habe ich ihn mir vor allem, weil Anne Berest daran mitgeschrieben hat, von der das großartige Buch Sagan, Paris 1954 stammt.

Im Oktober werde ich in Vorbereitung von Halloween ausschließlich Horrorbücher lesen (die kommen sonst das ganze Jahr über zu kurz). Das erste, The Ritual (Im tiefen Wald) von Adam Neville war schon mal ein Reinfall. Das zweite, The Exorcist von William Blatty ist großartig. Nächste Woche stehen dann John Langans The Fisherman auf dem Programm sowie einige Kurzgeschichten von Thomas Ligotti und der Rearead von It. Besprechungen folgen.

Wo man mich trifft: Nick Cave, Buchmesse und Bucon

Als passionierter, reisefauler Stubenhocker komme ich eher selten unter Leute und auf interessante Veranstaltungen. Zuletzt bin ich im Mai nach Paris verreist, den Sommer danach habe ich komplett zu Hause im Westerwald verbracht. Aber jetzt im Oktober kommt noch mal etwas Bewegung in die Sache, bevor ich mich dann in den Winterschlaf begeben werde.

Am Samstag den 4. Oktober trifft man mich in der Frankfurter Jahrhunderthalle auf dem Konzert von Nick Cave and the Bad Seeds. Cave wollte ich schon seit 20 Jahren mal live sehen, aber … reisefaul, Stubenhocker usw. Es war das Album No more Shall we Part, das mich zum Fan gemacht, und das Video zu As I Sat Sadly by Her Side.

Am Freitag den 13. Oktober geht es dann auf die Frankfurter Buchmesse, die ich zuletzt 2004 besucht habe. Die Leipziger Buchmesse ist bei mir ja seit einigen Jahren ein fester Termin, aber Frankfurt hatte mich trotz der räumlichen Nähe nie so richtig gereizt.

Wo man mich nicht trifft: Auf dem Galaktischen Forum. Das ist mir mit den Terminen drumherum fahrtechnisch einfach zu ungünstig, ein Hotelzimmer war mir zu teuer.

Und am Samstag den 14. Oktober geht es schon wieder Richtung Frankfurt auf den Buchmessecon (Bucon), der einzige Phantastik-Con, der bei mir seit 2006 jedes Jahr fest zum Programm gehört. Zum einen liegt er in der Nähe, zum anderen treffe ich nirgendwo sonst so viele Bekannte und Freunde, die ich sonst teilweise das ganze Jahr nicht sehe oder nur über das Internet. Dementsprechend besuche ich auch so gut wie keine Programmpunkte, sondern quatsche praktisch rund um die Uhr. Und wer mich und meine schweigsame Art kennt, weiß, dass das was heißen soll.

Der Bucon ist ein Phantastik-Con mit zahlreichen – inzwischen sogar fast zahllosen – Programmpunkten, die hauptsächlich aus Lesungen von Fantasyautoren bestehen, aber nicht nur. Daneben gibt es auch viele Aussteller, hauptsächlich Kleinverlage, die ihre Bücher präsentieren. Der Bucon hat sich in den letzen Jahren zu DEM Treffpunkt der deutschen Phantastikszene entwickelt, auch wenn dort in diesem Jahr der Deutsche Phantastik Preis erstmals nicht mehr verliehen wird (der Preis ist auf die Phantastika umgezogen). Ich bin gespannt, ob das eine Auswirkung auf die Zahl der Besucher und das Publikum haben wird.

Der letzte Termin wird dann am 20. Oktober sein: Im Keramikmuseum von Höhr-Grenzhausen werden Claus-Dieter Schnug und Horst Bartels ihr Buch Hilgert – Nachrichten aus einem Westerwalddorf vorstellen. Hilgert ist mein Heimatdorf, da bin ich aufgewachsen und wohne inzwischen – nach sechs Jahren in Siegen und vier in Berlin – wieder komplett dort. Schnug und Bartels haben bereits die großartig Dorfchronik Ein Westerwalddorf im Wandel der Zeit verfasst, die ich hier auf dem Blog besprochen habe. Weshalb ich schon sehr gespannt auf das neue Werk bin.

Das dürfte es für dieses Jahr dann an Terminen gewesen sein.

„Kollaps“ (Das Imperium der Ströme) von John Scalzi

»John Scalzi ist der unterhaltsamste und zugänglichste Science-Fiction-Autor unserer Zeit«, wird Joe Hill auf der Rückseite zitiert. Ob er wirklich der unterhaltsamste ist, kann ich nicht beurteilen, vage es aber zu bezweifeln – wobei ich auch nicht von solchen absolutistischen Aussagen halte -, aber eine der zugänglichsten ist er allemal. Seine Bücher sind entgegen dem Branchentrend kurz und bündig, übersichtlich konstruiert, oft in einem Band abgeschlossen und flott zu lesen.

Kollaps bildet da keine Ausnahme, auch wenn es sich um den Auftaktband einer längeren Serie handelt, mit der Scalzi das Feld der klassischen Space Opera betritt, etwas weg von der Military-SF und der Genrehommagen. Vieles in dem Buch hat man als belesener SF-Fan schon anderswo gelesen, sein Alleinstellungsmerkmal (soweit ich das beurteilen kann) ist die Idee, dass das kosmische Reich, das über mehrere Sternensysteme verteilt ist, in einer Abhängigkeit voneinander steht: die sogenannten Interdependenzen. Was das genauer bedeutet, will ich hier jetzt nicht spoilern.

Beherrscht wird das Reich von einem/r Imperatox und adligen Gildenhäusern, ähnlich wie in Der Wüstenplanet. Überlichtgeschwindigkeit gibt es nicht, aber die einzelnen Reiche des Imperiums sind über Ströme miteinander verbunden. Im Prinzip sind diese Ströme so etwas wie ein Hyperraum, nur das sie eher wie Kanäle oder Straßen angelegt sind, was bedeutet, dass ein Strom immer nur zwei bestimmte Orte miteinander verbindet.

Als der alte Imperatox stirbt und seine Tochter die Thronfolge antritt, beginnt ein Intrigenspiel, in das auch ein junger Wissenschaftler aus einer abgelegenen aber unruhigen Randwelt und eine ständig fluchende und knallharte Vertreterin einer Handelsfamilie verwickelt werden. Was folgt, sind Attentate, Rebellionen, Entführungen, Weltraumpiraten und ein wenig Sex zwischendurch.

Den Humor hat Scalzi im Vergleich zu bisherigen Werken ein wenig zurückgeschraubt, er ist aber durchaus noch in Form von trockenen Dialogen und flotten Sprüchen vorhanden. Von den drei Protagonisten ist die alles beschimpfend und fickende Kiva die unterhaltsamste. Imperatox Cardenia und der Physiker Marce sind mir ein wenig zu passiv geraten, besitzen aber durchaus Potential für weitere Bände.

Die Welt selbst, die Scalzi hier mit den Strömen und den daraus entstehenden durchaus interessanten Abhängigkeiten erschaffen hat, ist mir insgesamt aber zu langweilig geraten. Man erfährt nur wenig über sie abseits der Machtspielchen der Adligen und Händler, so wie man generell wenig über die einfachen Bürger des Reiches erfährt.

Mit Kollaps erscheint Scalzi übrigens auf Deutsch erstmals nicht bei Heyne, sondern bei Fischer Tor, dem deutschen Imprint seines Heimatverlags Tor. Ansonsten hat sich da aber nichts geändert, er wird wie immer ausgezeichnet von Bernhard Kempen übersetzt und hat auch sein obligatorisches Raumschiff auf dem Cover. Und anders als bei manch anderem Buch von ihm, passt es hier auch inhaltlich. Dazu gibt es, auch passend, noch Abbildungen von Gravitationslinien bzw. Senken, die man vielleicht noch aus dem Physikbuch kennt und die hier für die Ströme stehen.

Ich hatte das Buch schnell durch, habe mich weder gelangweilt noch geärgert, aber ob ich noch mehr Bücher aus der Serie lesen werde, halte ich für eher fraglich. Dafür war es mir dann doch zu simpel konstruiert und nicht opulent genug geschrieben. So eine gewisse Würze, die mir zum Beispiel Die letzte Kolonie bot, fehlt mir hier persönlich noch. Einerseits mag ich es ja, wenn SF-Romane kurz gehalten sind, aber gerade Space Operas gefallen mir weitschweifig und opulent besser, so wie bei Frank Herbert, Peter F. Hamilton oder Iain Banks. Von Letzterem scheint sich auch Scalzi die Marotte mit den Raumschiffnamen abgeguckt zu haben, vermutlich als Hommage, bekommt sie aber nicht mal halb so witzig und hintergründig hin.

Mit Kollaps erfindet John Scalzi die Space Opera nicht neu, aber das erwartet auch niemand von ihm. Wo Scalzi draufsteht, ist auch Scalzi drin. Wer seine bisherigen Werke schätz, wird auch mit Kollaps seinen Spaß haben. Wer noch nicht viel Science Fiction gelesen hat, wird mit Kollaps einen guten und leichten Einstieg finden. Wer im Genre schon ziemlich belesen ist, könnte sich unterfordert fühlen, aber neben komplexeren und visionäreren Werken leichte Popcornunterhaltung für zwischendurch erhalten.

„Die ???: Das Geheimnis des Bauchredners“ von André Marx und „Signale aus dem Jenseits“

Eine Buch- und eine Hörspielbesprechung sowie ein Plädoyer dafür, die drei Detektive endlich erwachsen werden zu lassen.

Geheimnis des Bauchredners

Nach fast 200 Folgen ist es natürlich schwer, das Rad neu zu erfinden, was interessante Fälle und Ansätze für die Juniordetektive aus Rocky Beach angeht. Der eine Autor, dem dies gelegentlich mit Folgen wie Das Auge des Drachen oder Das versunkene Dorf gelingt, ist André Marx, der mich zuletzt mit Die Spur des Spielers aufgrund seines unverkennbaren und sicheren Stils überzeugen konnte. Die Folgen Der Geist des Goldgräbers und Das Kabinett des Zauberers zähle ich zu den eher schwachen Marx-Folgen, Insel des Vergessens zu den stärkeren und originelleren, Geheimnis des Bauchredners bewegt sich auch eher im guten Mittelfeld.

Es gibt ein Wiedersehen mit Patricia Osborn, der Tante von Allie Jamison aus Die singende Schlange („Purpur bietet Schutz, müsst ihr wissen“), Sunshine aus … und die feurige Flut und eine unheimliche Begegnung mit einer eigenwilligen Bauchrednerpuppe. Es spielt sich also fast alles um das neue Haus von Patricia ab, indem sie in einer New-Age-WG wohnt, bei Neumond Kräuter sammelt und Schutzrituale abhält – also alles eitel Sonnenschein, wäre da nicht die unheimliche Puppe.

Alles bekannt Themen bzw. Versatzstücke aus schon bekannten Folgen, die recht souverän aber auch ohne jegliche Überraschungen eingesetzt werden, sogar ein Zirkus spielt eine gewisse Rolle. Negativ anzumerken ist der inflationäre Einsatz von Peters Wunderdietrichset und, dass Bob mal wieder eins auf die Nuss bekommt, dies aber – vermutlich, weil er es schon gewohnt ist – inzwischen ohne Kopfschmerzen oder Haschimitenfürsten übersteht. Würde mich aber nicht wundern, wenn er mit 40 ähnliche Hirnschäden davonträgt wie Footballspieler oder Boxer.

Ich lese ja fast nur noch Marx-Folge unter den Neuerscheinungen (Sonnleitner wird ignoriert, bei allen anderen Autoren warte ich die Kritiken ab), und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht, allerdings hält sich die Begeisterung auch in Grenzen. Die Folge liest sich flott und unterhaltsam, bietet aber nicht mehr als durchschnittliche Kost an.

Vor einigen Jahren war ich noch Sammler, da habe ich mir alle neuen Folgen in Buch- und Hörspielform gekauft, bis die völlig an den Haaren herbeigezogenen Folgen von Marco Sonnleitner (Zwillinge der Finsternis!) überhandnahmen, der leider auch die Angewohnheit hat, die Kapitel an den spannendsten Stellen abzubrechen, um von den eigentlich aufregenden Ereignissen dann Justus auf langweilige Art im Rückblick berichten zu lassen. Mit der Zeit nahm aber auch die Qualität der anderen Folgen ab, was ich zum Teil auch dem Lektorat anlaste, das grobe Klöpse durchgehen lässt, nicht mehr auf Continuity und Stimmigkeit in Bezug auf ältere Folgen achtet und die Figuren völlig out-of-character handeln lässt.

Und auch bei den Hörspielfolgen verlor ich irgendwann die Lust, nachdem die Folgen immer länger (bis zu 80 Minuten) wurden, dabei aber lieblos im Dienst-nach-Vorschrift-Modus im anachronistischen Analogstudio mit Geräuschen und Raumklang wie vor 30 Jahren runtergenudelt werden.

P.S. wieso steht da eigentlich kein Artikel im Buchtitel? Meiner Meinung nach müsste es Das Geheimnis des Bauchredners“ heißen.

Signale aus dem Jenseits

Die aktuelle Folge Signale aus dem Jenseits habe ich mir dann doch gekauft, weil ich neugierig war, wie sich der neue Erzähler Axel Milberg macht. Gar nicht so schlecht, aber so richtig habe ich mich noch nicht an die hellere Stimme gewöhnt.

Der Fall selbst beginnt recht vielversprechend, als Bob entdeckt, dass die Wahrsagerin aus dem Fernsehen, von der Tante Mathilda so schwärmt, niemand anderes ist, als seine ehemalige kriminelle Therapeutin Clarissa Franklin (Stimmen aus dem Nichts, Rufmord). Daraus hätte sich ein spannender Fall entwickeln können, der sich in Ansätzen auch zeigt, doch leider verliert er sich dann in einer konfusen Auflösung und einem völlig verzettelten und langweiligen Finale und einigen wenig nachvollziehbaren Handlungswendungen (im Sinne der Spannung). Judy Winter ist als Clarissa Franklin natürlich wieder ein Genuss, aber das alleine reicht einfach nicht für einen guten Fall und ein spannendes und gelungenes Hörspiel.

Die Geschichte strapaziert auch die sitcommäßige Zeitspalte, in der die drei Detektive ähnlich gefangen sind, wie die Simpsons, in der immer mehr Zeit vergeht, ohne dass sie altern, aufs äußerste. Heißt es doch, Franklin sei mehrere Jahre in der Psychiatrie gewesen. Wenn ich mich recht entsinne, fuhr Bob zu der Zeit ihrer Entlarvung bereits Auto, was man in den USA frühestens mit 15 machen kann, geht aber jetzt, Jahre später immer noch zur Schule, die man in den USA mit 16 abschließt.

Lasst die drei Fragezeichen erwachsen werden!

Klar, 200 Fälle, ohne dass sie merklich altern – abgesehen von dem Zeitsprung ins Führerschein- und Freundinnenalter -, das ist halt eine Serienlogik, die man eigentlich nicht hinterfragen darf, aber hier passt sie einfach hinten und vorne nicht mehr. Deshalb schließe ich mich der Forderung an, die drei Fragezeichen endlich erwachsen werden zu lassen. Das würde das verfügbare Themenspektrum deutlich erweitern und den Autoren ganz andere Möglichkeiten bieten, den Figuren und dem Konzept wieder etwas Neue abgewinnen zu können.

Ich weiß, Justus, Bob und Peter sind ein Dauerbrenner und Kult, und viele Kassettenkinder wie ich erhalten dadurch eine neue Dosis Nostalgie, die aber mit jedem neuen Schuss weniger Wirkung entfaltet und immer mehr zu negativen Trips führt, die mich zum Beispiel dazu bringen, mich langsam von dem Stoff zu entwöhnen, auch wenn ich gelegentlich Rückfälle habe oder auf jenen reinen Stoff meines Dealers des Vertrauens (André Marx) zurückgreife. Und ja, das jugendliche Publikum ist wohl als Käuferschicht für die Geldmaschine der drei Fragezeichen nicht zu unterschätzen. Doch für mich würde das eine Möglichkeit bieten, meinen geliebten Kindheitshelden weiterhin treu zu bleiben.

Wie wäre es mit einem gewagten Zeitsprung von zehn bis fünfzehn Jahren oder mehr, der die drei Freunde als Erwachsene zeigt?

„My Girlfriend Comes to the City and Beats Me Up“ von Stephen Elliott

Auf das Buch bin ich durch diese Liste mit 50 Incredibly Written Sex Scenes in Books gestoßen, auf der sich ansonsten AutorInnen wie Ellena Ferante, Ian McEwan, Haruke Murakami, Don DeLillo oder Joyce Carol Oates befinden. Und wie könnte ich einem solchen Buchtitel bei dem Cover widerstehen?

Doch anders, als das Titelbild vermuten lässt, handelt es sich nicht um Wichsgeschichten oder Erotika. In den elf autobiografischen Kurzgeschichten geht es vielmehr um die destruktiven Beziehungen, die Elliott immer wieder eingeht; die nicht wirklich erotischen Sexszenen, die dabei entstehen, verbindet er mit Erinnerungen an seine schlimme Kindheit, voller Misshandlungen, Missbrauch, Obdachlosigkeit und wechselnden Kinderheimen. Geprägt durch diese Erfahrungen sucht er in seinen Beziehungen eine Wiederholung dieser Muster, was zu wirklich ungesunden Beziehungen führt.

Aber mit jeder neuen Beziehung, mit jeder neuen Kurzgeschichte wird es etwas besser, bis er an seine Freundin Eden gerät, mit der er eine komplizierte polyamoröse aber durchaus harmonische Beziehung führt. Bis dahin erzählt er von einem Leben in einfachen Verhältnissen, vom Kontakt mit Menschen am Rande der Gesellschaft.

BDSM spielt bei seiner Entwicklung eine wichtige Rolle, bietet es ihm doch die Möglichkeit, die Traumata seiner Kindheit nachzuerleben. Was zunächst aber zu unsafen und destruktiven Praktiken führ, bis er die geeignete Partnerin findet, die dafür sorgt, dass es bei ihm eine kathartische Wirkung entfaltet und er den Sex schließlich auch genießen kann.

Raymond Carver oder Charles Bukowski nur mit etwas mehr Sex. Faszinierendes Psychogramm eines Mannes, der nach schlimmer Kindheit seinen holprigen Weg ins Leben und zur Liebe findet, wenn auch etwas anders, als es sich der klassische Spießbürger vorstellt. Wobei Elliott vieles nur am Rande erwähnt, wie z. B. seine Drogensucht oder seine College-Abschlüsse, durchaus aber auf diverse Jobs eingeht. Hätte ruhig etwas ausführlicher werden können, ist trotzdem aber sehr lesenwert.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Meine Freundin kommt in die Stadt im Arche Verlag erschienen, in den USA bei Cleis Press. Bekannt wurde Elliott (zumindest in den USA) durch das Buch Happy Baby, das ähnliche Themen behandelt. 2012 führte er beim Film About Cherry Regie.

„Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Inseln)“ von Lian Hearn

Aktuell mangelt es mir immer noch ein wenig an Muse für eine längere Rezension, deshalb hier ausnahmsweise die offizielle Inhaltsangabe des Verlags (Fischer/Sauerländer):

Shikanoko ist eigentlich nur der Sohn eines einfachen Vasallen. Doch als er von einem Magier eine übernatürliche Maske vermacht bekommt, wird aus ihm das Kind des Hirsches, und er verfügt fortan über magische Fähigkeiten und besonderes Kampfgeschick. Als der alte Kaiser stirbt, gerät Shikanoko in die Fänge des Fürstabts, der alles daransetzt, die höchste Macht im Land – den Lotusthron – an sich zu reißen. Shikanoko muss fliehen und entkommt dabei mehr als einmal nur knapp dem Tod. Doch er muss unbedingt Aki finden, die Herbstprinzessin, die er liebt, und die ein großes Geheimnis verbirgt. Denn in ihrer Obhut befindet sich niemand anderes als der rechtmäßige Nachfolger für den legendären Lotusthron.

Lian Hearns Fantasyroman spielt in einer fiktiven Welt, die dem feudalen Japan des Mittelalters nachempfunden ist und steckt wie viele Sagen und Epen dieser Zeit voller Magie und übernatürlicher Wesen (wie z. B. zwei äußerst gefährliche aber auch sehr unterhaltsame Schutzgeister). Es gibt Hexer, mächtige magische Priester, Seelen von Toten, die die Welt nicht verlassen wollen, Dämonen und Zaubersprüche und Banne.

Es ist eine Welt voller Magie und Wunder, aber auch eine äußerst brutale und teils herzlose Welt, in der Frauen und Kinder in Massen ermordet und vergewaltigt werden; in der Augen ausgestochen, Menschen gefoltert und ihnen die Zung herausgeschnitten wird, wenn sie etwas Kritisches gegenüber der Regierung sagen. Eine Welt, in der die Götter den Menschen für ihre Missetaten zürnen.

All das wird aus der Perspektive mehrerer POV-Charakteren erzählt, also nicht nur aus Sicht Shikanokos, sondern auch der Herbstprinzessin Aki, der kleinen Hina, dem neiderfüllten Bruder Masachika, der boshaften Tama und einigen anderen. Hearn erzählt das alles genau auf den Punkt geschrieben, ohne irgendwelche Längen, mit ständigen überraschenden Wendungen. Nie verweilt die Geschichte lange an einer Stelle, immer sind alle unterwegs, unternehmen etwas oder geraten in die Fänge des Schicksals.

Ein sehr unterhaltsam und spannend geschriebener Fantasyroman in japanisch beeinflusstem Setting, allerdings auch sehr brutal, nicht unbedingt die übliche Jugendbuchkost, relativ komplex, mit vielen Namen, Bündnissen und Verstrickungen. Ob die Welt etwas mit der von Hearns erfolgreicher Reihe Der Clan der Otori zu tun hat, kann ich nicht sagen, da ich diese nicht gelesen habe. Die Übersetzung von Sibylle Schmidt liest sich ausgezeichnet.