Dokutipp: »A Week in Watts«

Die Dokumentation A Week in Watts zeigt, wie engagierte Community Work von Polizisten des LAPD in sozialen Brennpukten die Kriminalität senkt und vielversprechenden Kindern neue Perspektiven ermöglicht.

Das LAPD gilt als das korrupteste und brutalste Police Department in den USA, die sozialen Brennpunkte in Vierteln wie Inglewood, Compton und Watts als die gefährlichsten und kriminellsten Wohnviertel des Landes. Dort wo sich Gangs wie die Bloods und Grips per Drive-By-Shooting bekämpfen, Kinder das Haus nicht verlassen können, aus Angst vor Querschlägern; wo Drogen die Straßen fluten; wo Angst vor der und Hass auf die Polizei herrscht;  wo man Angst hat, als Afroamerikaner erschossen zu werden, nur weil man schwarz ist.

Wie kann in solchen Verhältnissen noch ein Vertrauensverhältnis zwischen Bevölkerung und Polizei entstehen, deren Aufgabe to Protect and Serve ist? Ganz einfach, indem sich die Polizei darauf besinnt, dass sie auch aus Bürgern besteht, die in diesen Vierteln aufgewachsen sind und wohnen. Dass sie keine Gefängniswächter sind, sondern dem Wohle der Bevölkerung dienen und mit den Bürgern zusammen an einer besseren Zukunft arbeiten.

Das Projekt Operation Progress ist auf privater Initiative von Polizisten entstanden, die es nicht in Ordnung fanden, dass so viel Geld in die Rehabilitation von Straftätern fließt, während die einfachen und gesetzestreuen Menschen, die in diesen von Kriminalität und Gewalt gebeutelten Vierteln leben, vergessen werden und auf der Strecke bleiben.

Deshalb haben (inzwischen um die 30) Beamte des Los Angeles Police Department damit begonnen, vielversprechende Schülerinnen und Schüler aus Watts als Mentoren zu betreuen. Sie haben dafür gesorgt, dass sie auf bessere Schulen kommen, ein Leben jenseits des Ghettos kennenlernen, motivierende Freizeitaktivitäten verfolgen und eine Perspektive erhalten.

Diese Polizisten treten nicht mehr als Aggresssoren auf, sondern als Teil der Gemeinschaft und leisten vielversprechende Community Work, also Stadtteilarbeit. Durch die Arbeit mit den Kindern ist es ihnen gelungen, ein Vertrauensverhältnis zu vielen Bewohnern aufzubauen, die sonst immer einen großen Bogen um die Polizei gemacht haben.

Und die Arbeit zeigt Wirkung. Die Mordrate ist drastisch gesunken, die Kriminalität deutlich zurückgegangen. Jene Kinder, die an dem Programm teilnehmen, schaffen einen guten Schulabschluss und gehen aufs College.

Aus Fernsehserien kennt man amerikanische Polizisten meist als coole Säue, korrupte Gewalttäter oder resignierte Zyniker, aber die Leidenschaft und Begeisterung, mit denen diese Beamten (vom einfachen Officer bis zum Lieutenant) »ihren« Kindern sprechen, zeigt ein anderes Bild und wirkt sehr ansteckend.

Hier wird ein anderes Amerika gezeigt, als man es meist im Fernsehen und anderen Medien zu sehen bekommt, zwar von Gewalt gezeichnet, aber mit viel Hoffnung und Optimismus einen pragmatischen Weg aus der Krise aufzeigend, indem man alte Vorurteile über den Haufen wirft und in neuen Bahnen denkt.

Die Dokumentation von Gregory Caruso aus dem Jahr 2017 ist bei uns auf Netflix zu sehen.

Filmtipp: Loving

USA 1958: Mildred und Richard Loving sind Verbrecher, denn sie lieben sich. Und setzen sogar noch eins drauf, indem sie in Washington heiraten. Doch nach der Rückkehr in ihren Heimatstaat Virginia werden sie verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine Strafe, die auf Bewährung ausgesetzt wird, wenn sich beide schuldig bekennen und den Staat verlassen – für 25 Jahre! Schweren Herzens lassen sie ihre Familien, ihre Freunde und ihre Heimat zurück und ziehen nach Washington, wo sie drei Kinder aufziehen. Doch als eines davon von einem Auto angefahren wird, reicht es Mildred. Sie will zurück nach Hause.

Ach ja, Mildred ist schwarz, Richard weiß.

Da Mildred von Ruth Neega gespielt wird, habe ich ständig damit gerechnet, dass sie irgendwann die Shotgun auspackt und den Scheißrassisten den Schädel Preacher-Style wegpustet. Macht sie aber nicht. Sie tut etwas viel Mächtigeres: sie schreibt einen Brief. Und zwar an den  Attorney General (Bundesstaatsanwalt) Robert Kennedy, der ihr zwar nicht direkt weiterhelfen kann, den Brief aber and den Bürgerrechtsanwalt Bernard Cohen von der ACLU (American Civil Liberties Union) weiterreicht. Und so klagen sie sich von Instanz zu Instanz, bis der Fall vor dem Supreme Court landet und Geschichte schreiben wird.

Loving ist ein ruhiges Drama, das die wahre Geschichte dieser Familie äußerst realistisch erzählt, ganz ohne verdichtete Hollywooddramarturgie, wie es z. B. bei Hidden Figures der Fall ist, ohne dramatisch und brutal inszenierte Polizeigewalt wie in Selma. Man könnte das als langweilig empfinden, doch ich fand den Film trotzdem super spannend. Wie Mildred und Richard nach der Verurteilung heimlich nach Virginia zurückkehren, damit sie ihr erstes Kind im Kreis der geliebten Familie zur Welt bringen kann, wie sie später heimlich auf eine Farm ziehen, unter der ständigen Bedrohung, wieder verhaftet zu werden, das wird von den beiden HauptdarstellerInnen Ruth Neega und Joel Edgerton mit zurückhaltender Mimik und ruhigem Spiel eindrucksvoll rübergebracht.

Edgerton gibt das etwas schlichte und schüchterne, aber doch mutige und starke Landei mehr als überzeugend und Neega die zunächst völlig verängstigte und verletzliche junge Frau, die angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeit über sich hinaus wächst und im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles für ihre Familie tut. Das sind einfach Menschen, die gar nicht so recht verstehen, was die beiden Anwälte ihnen da aufschwatzen, aber am Ende – nach 9 Jahren! – sind sie erfolgreich.

Es ist dem Film von Autor und Regisseur Jeff Nichols hoch anzurechnen, dass er ganz ohne körperliche Gewalt auskommt, hier treten kein Ku-Klux-Klan oder ein Lynchmob auf, der Rassismus beschränkt sich auf wenige Worte (durch den übereifrigen Sheriff), die Anwendung eines grausamen, ungerechten Gesetzes und einige Blicke.

Ein leiser Film über den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Rassismus, der vom subtilen Spiel einer beiden HauptdarstellerInnen und der fast schon naturalistischen Inszenierung lebt. Es dreht sich alles um den Alltag dieser beiden herzensguten Menschen und die Frage, was denn so schlimm daran sein soll, dass sie zusammenleben?

The Three Investigators – The Secret of Terror Castle u. The Mystery of the Stuttering Parrot

Meine ersten beiden Begegnungen mit den drei Fragezeichen waren die Hörspiele Der Superpapagei und Das Gespensterschloss, die hier in Deutschland gar nicht in ihrer ursprünglichen Reihenfolge veröffentlicht wurden. Die Hörspiele von Europa basierten wiederum auf den Buchübersetzungen des Kosmos-Verlags. Bücher hatte ich als Kind nur drei, damals las ich lieber Jugendbuchreihen wie Die Pizzabande, TKKG oder Burg Schreckenstein.

So richtig habe ich die Bücher erst als Erwachsener für mich entdeckt, eine Weile alle Neuerscheinungen gekauft, bis der ganze Sonnleitner-Schmu (Zwillinge der Finsternis!) Überhand nahm. Die Hörspiele sammelte ich bis zur 136, inzwischen kaufe ich mir neue Folgen nur noch, wenn mich spontan die Lust auf einen neuen Fall überkommt. Auf mich wirkt die Hörspielproduktion inzwischen recht lustlos, Massenabfertigung im Uralt-Analogstudio von Heikedine Körting, die nicht mal die Titel der aktuellen Folgen kennt, die sie produziert. Die Buchvorlagen von den deutschen AutorInnen wirken nach fast 200 Folgen auch nicht mehr so frisch, im Prinzip wiederholt sich alles, nur schlechter, mit dem beliebten Titelbullshitbingo aus dem Drei-Fragezeichensetzbaukasten: Geheimnis, Monster, des, Schreckens usw. Einzig die Bücher von André Marx kaufe ich blind, auch wenn die Fälle manchmal zu wünschen übrig lassen, trifft er doch immer den richtigen Ton, hat einen angenehm eleganten Schreibstil und lässt die drei Detektive nicht wie Karikaturen ihrer selbst agieren.

Aufgrund der obigen Gründe ist meine Leidenschaft für die drei Juniordetektive aus Rocky Beach merklich abgekühlt. Doch dieser Beitrag von Pedschi, über die Unterschiede zwischen Original und deutscher Übersetzung hat mir richtig Lust darauf gemacht, mal die Originalvorlagen von Robert Arthur zu lesen.

The Three Investigators: The Secret of Terror Castle

Im Original heißen Justus, Peter und Bob gar nicht Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, ihre Namen lauten Jupiter Jones, Pete Crenshaw und Robert (Bob) Andrews und in diesem ersten Buch aus dem Jahr 1964 lernen wir sie gerade kennen, als sie die ersten Exemplare ihrer berühmten Visitenkarte gedruckt haben, anlässlich der Gründung ihres Detektivbüros. Gleichzeitig hat Justus bei einem Gewinnspiel die 24/7-Nutzung eines Rolls-Royce für dreißig Tage gewonnen, gefahren von einem Chauffeur namens Morton – halt, so heißt der ja gar nicht im Original – von einem Chauffeur namens Worthington (das Ti-aitsch schien der Redaktion von Kosmos wohl zu kompliziert).

Man erhält auch eine ausführliche Beschreibung des Schrottplatzes, wo sich die geheime Zentrale befindet und wo das Haus von Onkel Titus und Tante Mathilda steht. Die beiden kräftigen Gehilfen sind übrigens nicht Patrick und Kenneth aus Irland, sondern Hans und Konrad aus Bayern.

Den ersten Fallen ergaunern sich die drei Detektive im Prinzip auf Eigeninitiative, indem sie ich ins Büro von Alfred Hitchcock reinflunkern und ihm ihre Dienste als Locationsscouts für ein Spukschloss aufschwatzen. Die Erkundung des unheimlichen Gemäuers läuft dann ziemlich genau so ab, wie in der deutschen Fassung und dem Hörspiel (das die Gruselatmosphäre perfekt einfängt), insgesamt ist die Geschichte um den verstorbenen und spukenden Stummfilmstar Steven Terril ohne die Kürzungen viel stimmiger und logischer erzählt.

Mir hat es richtig Spaß gemacht, dieses mir so bekannte Abenteuer, aus der Feder von Robert Arthur noch einmal neu zu entdecken. Das ist perfekte Unterhaltung mit teils grandios schlagfertigen Dialogen. Ein zeitloser Klassiker, dem man sein Alter überhaupt nicht anmerkt.

The Mystery of the Stuttering Parrot

Dieses Abenteuer wurde bereits im letzten Buch im Gespräch mit Alfred Hitchcock angekündigt. Mr. Fentriss vermisst seinen Papagei und die drei Jungs aus Rocky Beach sollen ihn finden. Besagter Papagei ist übrigens der stotternde Papagei aus dem englischen Titel und heißt Bill Shakespeare, nicht Lucullus wie in der deutschen Fassung. In der Übersetzung hat man die Rätselsprüche der Papageien ein wenig abgeändert, und zwar sehr gelungen. Der Superpapagei aus dem deutschen Titel ist Black Beard, der Mynah, der fortan die Zentrale der drei Detektive beschallen soll.

Bei Lektüre des Originals fallen einige Abweichungen zum Hörspiel auf, das deutlich gekürzt wurde. So begegnen Jupiter und Pete dem Kunstdieb Hugenay bereits zu Beginn der Geschichte (ich glaube, das wurde in der Live-Aufführung, die es auf DVD gibt, nachgereicht). Während im Hörspiel einige Logiklöcher und Lücken klaffen, wird im Originalroman eine von Anfang bis Ende stimmige Geschichte erzählt. Man erfährt, was John Silver mit Mr. Claudius zu tun hatte und wie er an das Bild gekommen ist. Claudius geht auch deutlich rabiater zu Werke.

Die berühmte Telefonlawine heißt hier übrigens ghost-to-ghost hookup, nach dem Begriff coast-to-coast hookup der amerikanischen Radio- und TV-Sender. Da finde ich den deutschen Begriff sogar etwas besser.

Insgesamt bietet auch dieser Originalroman eine sinnvolle Ergänzung zum Hörspiel und der Romanübersetzung, für all jene Fans, die sich für die Ursprünge interessieren.

In gedruckter Form sind die Originalbücher nur antiquarisch erhältlich, aber der deutsche Verlag Kosmos hat die englischen Originaltexte in E-Book-Form veröffentlicht.

Lesezeichenarchäologie: Rammstein 1984

Seit ich lesen kann, lese ich Bücher. Und seitdem sammel ich sie auch. Inzwischen sind es zwischen 1.000 und 2.000 Bücher – bin zu faul, sie noch zu zählen. Unter diesen über tausend Büchern befinden sich ca. 100 bis 200 die ich noch nicht gelesen habe (die Dunkelziffer könnte durchaus höher liegen). Und es gibt ca. 50 Bücher, die ich irgendwann einmal angefangen, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr weitergelesen habe. Die stehen kreuz und quer über meine Bücherregale verteilt und sind echte Fundgruben, was Lesezeichen angeht.

In vielen davon befinden sich ganz normale Lesezeichen, die man in der Buchhandlung beim Bücherkauf beigelegt bekommt, aber manchmal sind mir die Dinger ausgegangen, und ich habe alles als Lesestandmarkierung genommen, was mir in die Finger fiel (denn Eselohren gehen gar nicht, und mir die Seitenzahl einfach merken funktioniert manchmal und manchmal nicht).

Als ich 1999 meinen Zivildienst beendet habe, sollte ich meinen Zivi-Ausweis abgeben, damit ich mich auch ja nicht kostenlos (oder zu reduziertem Preis) ins Schwimmbad schleiche. Der Personalchef damals war ein echter Vollidiot, der uns Zivis das Leben schwer gemacht hatte. Jedenfalls konnte ich meinen Ausweis nicht mehr finden, was merkwürdig war, weil ich in der Regel nichts verliere. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Schlüssel verloren, und auch kein Handy oder sonstige Wertgegenstände. Ich vergesse höchstens einmal, wo ich Sachen hingelegt habe. Als ich ihn dann 10 Jahre später in einem Buch wiederfand, war es wohl etwas zu spät, den Ausweis zurückzuschicken.

In dieser Artikelserie begebe ich mich auf Entdeckungsreise durch die unendlichen Weiten und Welten meiner Büchersammlung. Ich bin selbst ganz neugierig, was dabei so alles ans Licht kommt. Zu jedem Fundstück und Buch werde ich eine kleine Geschichte erzählen.

Als mich in den Weihnachtsferien ein ungewohnter Energieschub überkam, habe ich einen Teil (zwei Regale) meiner Büchersammlung abgestaubt. Die Bereiche Horror/Thriller und Science Fiction. Dazu habe ich jedes einzelne Buch aus dem Regal genommen und in dem geöffneten Fenster des Nachbarzimmers ordentlich abgewischt. Dabei entdeckte ich ein Lesezeichen in meiner Ausgabe von 1984 und mir fiel ein, dass ich ja mal eine Reihe mit dem Titel Lesezeichenarchäologie hier auf dem Blog gestartet hatte. Nun also, drei Jahre später, Teil drei:

Das Lesezeichen

Das Lesezeichen ist eine Konzertkarte für das Rammstein-Konzert in Koblenz anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Albums Sehnsucht, mit dem ihnen der Durchbruch gelang. Wenn ich mich recht entsinne, kam der Erfolg bereits mit den beiden Vorabsingles Engel und Du Hast, die zu Beginn des Jahres 1997 mit Musikvideos veröffentlicht wurden. Das Album erschien dann im Sommer/Spätsommer?, die Tour begann im Herbst.

Das Konzert fand am 13.10 statt, einen Tag nach meinem 18. Geburtstag. Damals besuchte ich die Zimmermansche Wirtschaftschule in Koblenz, um einen Abschluss als Staatlich geprüfter kaufmännischer Assistent im Bereich Datenverarbeitung zu machen. In Wirklichkeit bin ich (wie so viele) nur auf die Schule, weil ich einen schlechten Realschulabschluss gemacht und keinen Bock auf eine Lehre hatte.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil dieser Schulzeit haben wir in der benachbarten Kneipe am Billardtisch und dem Dartautomaten verbracht. Das Etablissement öffnete bereits morgens um 7.00 Uhr, lag in einer Parallelstraße und war ein beliebter Treffpunkt unter jenen Schüler, deren Busse nur zur ersten und zur dritten Stunde fuhren. Hatte man nur die erste Stunde frei, musste man irgendwo die Zeit totschlagen. Und das war verführerisch, nahte die zweite Stunde, fiel es uns oft schwer, die Kneipe in Richtung Schule zu verlassen. Wollte keiner mit mir zusammen schwänzen, bin ich alleine in die Buchhandlungen von Koblenz gegangen und habe nach spannenden Büchern gestöbert.

Rammstein kannte ich allerdings schon vor ihrem Durchbruch, durch David Lynchs Lost Highway, der 1997 in die Kinos kam, dessen Soundtrack ich mir aber schon im November 1996 vor dem Kinostart gekauft habe, weil dieser von Trent Reznor produziert wurde, dessen Nine Inch Nails damals meine Lieblingsband waren. Und auf diesem Soundtrack waren Rammstein mit Heirate Mich und Ramstein vertreten. Ich war sofort hin und weg von der Musik, die so ganz anders war, als alles, was ich bis dato gehört hatte. Das Debütalbum lief dann bei mir die nächsten Monate rauf und runter.

Der 13.10. 1997 war ein Montag, ich vermute, dass mich jemand von meinen Eltern zum Konzert gefahren hat, den Führerschein habe ich erst am 23.12. 1997 gemacht. Ich weiß noch, dass im Vorfeld etwas Enttäuschung herrschte, weil die Oberwerthalle in Koblenz zu klein für die komplette Pyro-Show von Rammstein war. Das Konzert war trotzdem super. War allerdings auch mein letztes Konzert der Band, und nach Sehnsucht habe ich mir auch kein weiteres Album gekauft. Gelegentlich höre ich Rammstein noch ganz gerne, aber eine All-Time-Lieblingsband wie Nine Inch Nails ist sie nicht geworden.

Das Buch  – 1984

Zuerst hatte ich den Film mit John Hurt gesehen, das Buch kam dann wohl auch 1997 dazu, für 50 Pfennig gebraucht in der Gemeindebücherei Hilgert gekauft. Wie mir das Lesezeichen mitteilte, bin ich nur bis Seite 131 gekommen. Warum ich die Lektüre damals unterbrochen habe, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls habe ich als großer Science-Fiction-Fan nie den großen Klassiker der SF-Literatur zu Ende gelesen. Und ehrlich gesagt habe ich es auch nicht vor. Das Buch ist so omnipräsent, wenn es um Überwachung und Unterdrückung von staatlicher Seite geht, dass es mir jegliche Lust darauf vergangen ist.

„Zwischen zwei Sternen“ von Becky Chamber (Übers. Karin Will)

Dystopische Gesellschaften, technologische Totalüberwachung, große Schlachten im All, gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion – all das wird man in Zwischen zwei Sternen nicht finden.

Becky Chambers schreibt keine Crash-Boom-Bang-Science-Fiction, sondern optimistische Zukunftsvisionen in multikulturellen Gesellschaften, die sich aus den unterschiedlichsten außerirdischen Rassen zusammensetzen. Sie schreibt nicht über Verschwörungen, Invasionen oder Kriege, sondern über das einfach Zusammenleben unter vielfältigen Bedingungen. Ihre Heldinnen sind keine Geheimagenten, Cyborg-Söldner oder Sternenkaiser, es sind Mechaniker, Künstler und künstliche Intelligenzen, die nicht die Welt erobern, sondern einfach ein normales Leben mit einer festen Aufgabe führen wollen.

Wer Der lange weg zu einem kleinen zornigen Planeten  gelesen hat (hier meine Besprechung), wird Lovy bereits kennengelernt haben, die KI, die das Tunnelbauschiff Wayfarer am Laufen hält und sich rührend um die Besatzung kümmert. Gegen Ende des Romans kommt es allerdings zu einer schwerwiegenden Entscheidung, die einschneidende Folgen für Lovy hat und dazu führt, dass sie sich als resettete Lovelace in einem künstlichen Körper wiederfindet, in der Obhut von Pepper, der Mechanikerin, der die Besatzung der Wayfarer schon mal einen Besuch abgestattet hatte.

Und darum geht es in Zwischen zwei Sternen (A Close and Common Oribit): Peppers Vergangenheit und Lovlace/Sidras Zukunft. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und zeigt, wie Pepper unter durchaus dystopischen Verhältnissen am Rande der bekannten Gesellschaft der GU aufwächst.

In Sidras Handlungsstrang geht es darum, wie sie als KI ihre Persönlichkeit definiert und sich in einer Gesellschaft zurecht findet, in der künstliche Intelligenzen nur als Gebrauchsgegenstände gelten. Partys werden besucht, Cocktails getrunken, Tattoos gestochen und Freundschaften geschlossen.

Zwischen zwei Sternen ist ein Roman über das Leben in einer zukünftigen Gesellschaft, die aus verschiedenen Rassen besteht, die von verschiedenen Planeten stammen. Einer Gesellschaft, die technologisch weit fortgeschritten ist, der es, trotz aller Konflikte und Kriege gelungen ist, ein gemeinsames Zusammenleben zu ermöglichen. Dabei spricht Chambers natürlich viele Themen an, die für uns heute hochaktuell sind. Es geht um den Umgang mit Flüchtlingen; die Rolle der Geschlechter, die nicht ganz so eindeutig sind, wie manch Konservativer das gerne hätte; die Regulierung invasiver Technologien und künstlicher Intelligenzen; das Recht aus Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung und Freiheit.

In diesem Roman steckt mehr, als es auf den ersten Blick scheint, Chambers hat sich wirklich Gedanken darüber gemacht, wie sich eine Zukunft entwickeln könnte, in der der technologische Fortschritt nicht irgendwann stagniert oder zusammenbricht und in der die Menschheit nicht die Krone der Schöpfung darstellt. Es ist ein optimistischer Blick in die Zukunft, und Optimismus ist etwas, dass man momentan nur sehr selten in der Science Fiction findet.

Doch bei all den gesellschaftlichen Entwürfen, in denen die einzelnen Alienrassen im Prinzip verschiedene Aspekte des Menschseins abbilden, stehen vor allem lebendige, vielschichtige und liebenswürdige Figuren im Vordergrund. Allen voran Pepper, die eine erstaunliche Entwicklung durchmacht, von Chambers clever auf zwei Zeitebenen erzählt und am Ende stimmig zusammenfügt. Ich brauch nicht unbedingt Sympathieträger als Protagonisten, aber hin und wieder macht es doch Spaß, ein Buch zu lesen, mit deren Figuren man gerne Zeit verbringt und die einem das Gefühl vermitteln, jedes Mal wenn man das Buch aufschlägt, nach Hause zu kommen.

Man muss aber auch sagen, dass das jetzt keine wirklich anspruchsvolle Literatur ist und stilistisch bleibt sie auch ziemlich konventionell, was mich aber nicht im geringsten gestört hat, da es zur Geschichte gut passt. Die Übersetzung von Karin Will liest sich ausgezeichnet.

Zwischen zwei Sternen ist alles andere als Teletubbie-Wohlfühl-Science-Fiction. In einem der beiden Handlungsstränge geht es heftig zur Sache, das ist eine knallharte Survivalgeschichte vor einer dystopisch-apokalyptischen Kulisse. Im Gesamtbild ergibt sich aber trotzdem ein optimistischer und hoffnungsvoller Roman, viel geradliniger und weniger episodenlastig als der Vorgänger. Chambers verfolgt von Anfang an einen roten Faden in zwei Strängen, die am Ende elegant wieder zusammenfinden.

Man kann das Buch eigenständig lesen, ich empfehle aber, zuerst Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten zu lesen.

P. S. Falls sich jemand darüber wundert, dass ich hier so viele Fischer-Tor-Titel bespreche, das liegt daran, dass ich die unaufgefordert vom Verlag zugeschickt bekomme (macht sonst kein anderer Verlag). Ich selbst fordere keine Rezensionsexemplare an, weil ich mich dann verpflichtet fühlen würde, sie auf jeden Fall zu besprechen, auch wenn sich herausstellt, dass sie mir nicht gefallen. Und Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich in der Regel ab (wozu soll ich mich da durchquälen?). Von Fischer Tor habe ich noch kein Buch abgebrochen, dafür trifft das Programm zu sehr meinen Geschmack, aber alle zugeschickten Bücher habe ich auch nicht besprochen. Gefälligkeitsrezensionen, nur weil ich regelmäßig für Fischer Tor arbeite, gibt es von mir nicht. Wenn ich etwas durchwachsen finde, wie Matts Strandbergs Die Überfahrt oder John Scalzis Kollaps, nehme ich da kein Blatt vor den Mund.

„Die Chroniken von Azuhr: Der Verfluchte“ von Bernhard Hennen

Als Bernhard Hennen im Oktober 2016 bei mir im Dorf eine Lesung durchführte, erzählte er von seiner neuen Trilogie, die bei Fischer Tor erscheinen solle. Viel verriet er nicht, nur das Grundkonzept der Welt, bei dem ich aber dachte: »Nicht schlecht, das könnte was werden.«

Im Februar 2017 sagte mir dann Fischer/Tor-Programmchef Hannes Riffel, ich solle vergessen, was damals erzählt wurde, man habe so einiges geändert. Da dachte: »Oha, ob das was wird?«

Und es wurde. Schon der 75 Seiten lange erste Teil hat mich so richtig umgehauen. Mit einem so unerbittlichen Auftakt hatte ich nicht gerechnet. Danach normalisiert sich die Handlung um den Erzpriester Nandus, seinen rebellischen Sohn Milan und einige richtige Rebellen in der mediterranen Hafenstadt Dahlia, doch eine gewisse Kompromisslosigkeit bleibt der Geschichte erhalten. Erfrischenderweise hält sich die Magie über weite Teile des Buches noch zurück, so dass es vor allem um Diebe, Meuchelmörder und Spione geht, die in finstrer Nacht über Dächer schleichen, um Geheimnisse zu stehlen.

Das liest sich in den ersten zwei Dritteln fast wie ein historischer Roman, nur eben in unbekannten Gefilden und einem ganz interessant durchgemischten Weltenbau mit Anleihen bei den florentinischen Handelsfürsten wie der Medici in der frühen Renaissance und den Dogen von Venedig, dazu eine Brise chinesisch-mongolischer Einflüsse.

Im letzten Drittel schwächelt der Roman ein wenig. Ab dem Punkt, ab dem es mit den Mären so richtig losgeht (auf die ich hier aus Spoilergründen nicht weiter eingehen werde, erinnert aber ein wenig an die Kaltfeuer-Reihe von Celia S. Friedman), da verliert er für mich teilweise seine Ernsthaftigkeit, seinen bisher teils gnadenlosen Ton. Nicht, dass ich was gegen Humor einzuwenden hätte, aber die Art, wie der historische Realismus, mit dem Hennen bis dahin an die Geschichte herangegangen ist, gebrochen wird, ist für mich ein Bruch mit der Immersion, die die Geschichte für mich bisher so gut funktionieren lies. Nicht jener Teil in Arbora – der ist gut umgesetzt -, doch die Episoden an den Brücken und mit dem Wagen/Speer im Schwertwald (für jene, die das Buch schon gelesen haben).

In einem Interview bezeichnet Bernhard Hennen dies auch noch als seine Lieblingsszene, und für sich stehend ist die auch sehr witzig und der naive Riese sehr unterhaltsam, für mich hat es aber nicht zum Ton des restlichen Romans gepasst

Das trübt den Spaß an der Lektüre aber nicht wirklich, auch wenn die Geschichte gegen Ende etwas zerfasert wirkt, bekommt sie rechtzeitig den Bogen und fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild.

Im Herzen des Romans steht der Konflikt zwischen Vater und Sohn, also zwischen Nandus und Milan. Milan soll Erzpriester werden, ist auf seinen knallharten Vater, der ihm keine schöne Kindheit bescherte, nicht gut zu sprechen und begehrt gegen ihn auf (unter anderem indem er sich erst in eine Konkubine verliebt, dann in eine Rebellin) – teils mit drastischen Folgen. Ein zeitloses Thema, doch Bernhard Hennen spricht durchaus auch aktuelle Themen an, wie asymmetrische Kriegsführung, und wie man ihr begegnen soll, oder die Macht von Fake News und alternativen Fakten. Da es sich um eine Fantasyroman handelt, darf eine Prophezeiung aber natürlich nicht fehlen, ob diese jetzt unter Fake News fällt oder eher in den Bereich Zukunftsprognose, müsst ihr selbst herausfinden. Dem Roman merkt man jedenfalls an, dass er bis ins Details ausgezeichnet recherchiert ist und vieles aus der realen Welt und unserer Geschichte mit phantastischen Elementen mischt. Mir hat er so gut gefallen, dass ich tatsächlich versucht sein könnte, auch Band 2 zu lesen. Und mit Mehrteilern habe ich es ja inzwischen nicht mehr so.

Loben möchte ich an dieser Stelle auch noch die tolle Aufmachung mit einem effektiv genutzten und hübsch gestalteten Klappenbroschur, dem blauen Farbstich und der schicken Karte, so macht da Buch auch optisch im Regal was her.

Mein Lesejahr 2017

Hier die Liste der Bücher, die ich 2017 zu Ende gelesen habe. Ich habe sie (fast) alle mehr oder weniger lang auf diesem Blog besprochen, bin aber zu faul, 68 Links zu setzen. Ich verlinke nur jene, die ich in meinem Resümee unter der Liste gesondert erwähne. Den Rest findet man über die Suchfunktion ganz einfach. Bei Sammelrezis muss man manchmal etwas runterscrollen.

Januar

1. Bruce Springsteen – Born to Run
2. Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten
3. Anne Berrest – Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau
4. Didier Erebon – Rückkehr nach Reims
5. Oliver Plaschka – Marco Polo – Bis ans Ende der Welt
6. Ben Aaranovitch – Der böse Ort
7. Nathan Hill – Geister

Februar
8. Thomas Mullen – Darktown
9. Jiro Taneguchi – Vertraute Fremde
10. Kai Mayer – Die Krone der Sterne
11. Philip Pullman – Der goldene Kompass
12. Mats Strandberg – Die Überfahrt
13. Susan Brownrigg – Pages for you

März
14. Andrzej Sapkowski – Das Erbe der Elfen
15. Francois Sagan – Bonjour tristesse
16. Philip Reeve – Mortal Engines
17. H. P. Lovecraft – Der Fall Charles Dexter Ward
18. Caitlan R. Kiernan – Agents of Dreamland
19. Delphine de Vigan – No und ich

April
20. Harry Mulisch – Die Entdeckung des Himmels
21. Daryl Gregory – Afterparty
22. Charlie Jane Anders – Alle Vögel unter dem Himmel
23. Thomas Thiemeyer – Babylon
24. Allan Cole u. Chris Bunch – Die fernen Königreiche
25. Chris Cleave – Liebe in diesen Zeiten

Mai
26. Edouard Louis – Das Ende von Eddy
27. Hella Boerken – Paris-Spaziergänge: Die schönsten Streifzüge durch die französische Metropole
28. Jean-Christophe Grange – Herz der Hölle

Juni
29. Seth Dickinson – The Traitor Baru Cormorant
30. Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels
31. David Morrel – Der Opiummörder
32. William Finnigan – Barbarian Days: A Surfing Life
33. James Lee Burke – Blut in den Bayous

Juli
34. Kristin Hannah – Die Nachtigall
35. Joe R. Lansdale – Die Wälder am Fluss
36. Rebecca Hunt – Everland
37. Jean-Michel Guenassia – Eine Liebe in Prag
38. Michael Chabon – Telegraph Avenue

August
39. Thankmar von Münchhausen – Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800
40. Abir Mukherjee – Ein Angesehener Mann
41. Jay Kristoff – Nevernight: Die Prüfung
42. Virgine Despentes – Das Leben des Vernon Subutex
43. Philip Winkler – Hool

September
44. Lian Hearne – Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Insel)
45. Philip K. Dick – Blade Runner
46. Ethan Cross – Spektrum
47. Stephen Elliott – My Girlfriend comes to the City and beats me up
48. André Marx – Die ???: Das Geheimnis des Bauchredners
49. Volker Kutscher – Lunapark
50. Maigret, Berest, Mas, Diwan- How to be a Parisian
51. John Scalzi – Kollaps

Oktober
52. Adam Neville – The Ritual
53. William Blatty – The Exorcist
54. Don Winslow – Corruption
55. John Langan – The Fisherman

November
56. Candice Fox – Hades
57. Verena Maria Kallmann – Von Elise
58. Albert Sanchez Pinol – Pandora im Kongo
59. Stephanie Buttland – Ich treffe dich zwischen den Zeilen
60. Jesmyn Ward – Sing, Unburied, Sing
61. Barbara – Es war einmal ein schwarzes Klavier
62. Jean Paul Didierlaurent – Die Sehnsucht des Vorlesers

Dezember
63. Patrica Williams und Jeannine Amber – Rabbit: A Memoir
64. Angela Davis – An Autobiography
65. Jean-François Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel
66. Philip Pullman – Das magische Messer
67. Jeffery Deaver – Der talentierte Mörder
68. Leigh Bardurgo – Das Lied der Krähen

Resümee

68 Bücher habe ich im Jahr 2017 zu Ende gelesen, 2016 waren es nur 52. Ungebrochen war mein schon 2016 entstandenes Interesse an französischer Literatur, das mit einem einwöchigen Parisbesuch seinen Höhepunkt erlangte. 15 Bücher aus französischer Feder habe ich in deutscher Übersetzung gelesen, dazu zwei deutsche Sachbücher über Paris.

21 der Bücher wurden von Frauen geschrieben. 24 Bücher fallen unter Phantastik, darunter nur 5 Science-Fiction-Büchern. Ich hatte so ziemlich das ganze Jahr über keine große Lust auf Phantastik. Einiges davon habe ich nur gelesen, weil Fischer Tor mir die Bücher unaufgefordert geschickt hat und ich bei einigen davon doch neugierig wurde. Jene Bücher, die mich 2017 am meisten begeistert haben, fallen nicht unter Phantastik (oder nur im weiteren Sinne, wie z. B. Die Entdeckung des Himmels).

Harry Mulischs Jahrhundertroman wollte ich schon seit Langem lesen, hatte keine Ahnung, worum es überhaupt geht und wurde dann sehr positiv überrascht. Oliver Plaschkas historischer Roman Marco Polo: Reise ans Ende der Welt konnte bei mir einen Sense of Wonder und einen Abenteuergeist wecken, wie es keinem der phantastischen Bücher gelungen ist. Tief berührt hat mich Kirstin Hannahs Die Nachtigall, über zwei Schwestern, die den 2. Weltkrieg in Frankreich auf ganz unterschiedliche Weise erleben.

Nathan Hills Geister und Thomas Mullans Darktown werfen jeweils einen interessanten Blick auf spannende Epochen der amerikanischen Geschichte, und sind meisterhaft erzählt. Jiro Taneguchis Vertraute Fremde ist ein wunderbarer Manga über eine Zeitreise in die eigene Jugend und die Frage, was wir tun würden, wenn wir die Jugendjahre mit dem Wissen von heute noch einmal erleben könnten.

Über jene Jugendjahre schreibt auch der Boss Bruce Springsteen in seiner großartigen Autobiografie Born to Run ganz meisterhaft und atmosphärisch dicht. Deutlich bedrückender sind da die autobiografischen Bücher von Éduard Louis (Das Ende von Eddy) , Didier Erebeon (Rückkehr nach Reims) und Patricia Williams (Rabbit: A Memoir) ausgefallen, kämpferisch hingegen die von Angela Davis. Ich liebe Autobiografien von charismatischen Menschen, die interessante Leben geführt haben. Das dürfen dann auch mal ganz fröhliche Geschichten sein, wie die Surferautobiografie Barbarian Days: A Surfing Life von William Finnegan oder die unvollendeten Memoiren der französischen Sängerin Barbara.

Durchweg stark fand ich alle historischen Romane, die ich 2017 gelesen habe, neben den schon erwähnten von Oliver Plaschka und Kirstin Hannah, auch Der Opiummörder von David Morrel, Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel von Jean-François Paro, Die Wälder am Fluss von Joe R. Lansdale, Lunapark von Volker Kutscher, Pandora im Kongo von Albert Sanchez Pinol, Eine Liebe in Prag von Jean-Michel Guenassia, Liebe in diesen Zeiten von Chris Cleave, Ein Angesehener Mann von Abir Mukherjee und Everland von Rebecca Hunt. Ja, der historische Roman scheint sich, neben den Autobiografien, zu einem meiner Lieblingsgenres zu entwickeln.

Während bei der Phantastik momentan etwas Flaute herrscht. Besonders begeistern konnte mich eigentlich nur Philip Reeves Mortal Engines, ein toller postapokalyptischer Jugendroman mit riesigen Raubtierstädten auf Rädern. Das Erbe der Elfen von Andrzej Sapkowski war ziemlich gut, wenn auch für einen Roman noch etwas zu episodenhaft. Die große Überraschung war für mich Alle Vögel unter dem Himmel von Charlie Jane Anders, das hatte mich eigentlich gar nicht interessiert, doch dann lag es im Briefkasten, ich las in die ersten Seiten rein und konnte dann gar nicht mehr aufhören. Eine tolle Mischung aus Fantasy und Science Fiction, die viel zu wenig Beachtung hier in Deutschland erhalten hat.

In der Science Fiction konnten mich jetzt weder Die Krone der Sterne von Kai Meyer noch Kollaps von John Scalzi groß vom Hocker hauen. Einzig der Reread von Philip K. Dicks Blade Runner brachte meine Augen zum Funkeln. In der klassischen Fantasy gab es mit Das Lied der Krähen von Leigh Bardurgo und Nevernight von Jay Kristoff zwei sehr gute Romane, bei denen mir das gewisse Ewas aber noch gefehlt hat. Ein originelles Setting bot Lian Hearn Die Legend von Shikanoko, die auch noch toll erzählt ist.

Im Bereich Horror stach John Langans The Fisherman hervor. Bei den Thrillern natürlich James Lee Burke mit Blut in den Bayous, während Jeffery Deaver und Don Winslow mit ihren neun Werken etwas schwächelten und nur oberen Durchschnitt ablieferten.

Bei der zeitgenössischen Literatur ragte vor allem Michael Chabon mit Telegraph Avenue hervor, aber auch Delphin de Vigan (No und ich) und Virgine Despentes (Das Leben des Vernon Subutex) brauchen sich hinter ihrem amerikanischen Kollegen nicht zu verstecken.

Deutsche Autoren sind nur 8 auf der Liste zu finden. Besonders erwähnen möchte ich da Verena Maria Kallmanns Von Elise und mein Sachbuch des Jahres: Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800 von Thankmar von Münchhausen. Wie man sieht, mit deutschen Autoren habe ich es nicht so, vor allem, wenn deren Bücher auch in Deutschland spielen. Mich interessiert eher die Ferne. Philip Winklers Hool war ganz nett, mir insgesamt aber zu oberflächlich und knapp. Da merke ich gerade, dass ich mit Reeve, Pullman und Winkler gleich drei Philips gelesen habe.

Unter den 68 Büchern befanden sich übrigens nur 11 E-Books, was mein Vorhaben, das Wachstum meiner Büchersammlung zu beschränken, doch stark untergräbt. Ich musste dieses Jahr auch noch ein weiteres Bücherregal anbauen, das inzwischen auch schon wieder ganz gut gefüllt ist. Damit ist aber jetzt auch der letzte freie Platz erschlossen, was bedeutet, dass ich versuchen werde, 2018 mehr E-Books zu lesen und weniger Bücher zu kaufen. Was heißt, dass ich wieder mehr englischsprachige Bücher lesen werde, denn bei deutschen Verlagen sind mir die E-Books im Verhältnis zur Printausgabe meist zu teuer.

Ausblick auf 2018

Gerade gelesen habe ich mit Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann eines meiner Weihnachtsgeschenke, ansonsten werde ich mich vor allem auf afroamerikanische Literatur (vor allem von Frauen) und Bücher über die afroamerianische Geschichte konzentrieren. Dazu noch ganz viel über New York. Wie man sieht, ist mein Fokus inzwischen von Frankreich hinüber in die USA verrutscht. Inzwischen habe ich mit Nnedi Okorafors Who Fears Death begonnen (das wir hier im Lesezirkel des SF-Netzwerks besprechen), N. K. Jemisins The Broken Earth wartet auch schon auf dem Kindle, daneben sind schon Toni Morrison und Octavia Butler geplant. Also durchaus auch Phantastik.