Reread: „Die Fernen Königreiche“ von Allan Cole und Chris Bunch

Das Buch versprüht Abenteuergeist und Sense of Wonder, wie sie mir bei neueren Fantasywerken schon seit vielen Jahren nicht mehr untergekommen sind. Schuld daran sind die reichhaltige Phantasie der Autoren und ihre Fähigkeit, sie so in Worte zu fassen, dass vor dem geistigen Auge des Lesers ein prächtiges Panorama entsteht, das einen förmlich mit hinein in das große Abenteuer zieht. Die Geschichte steckt voller Magie und Zauberei, auch wenn es stellenweise schon zu viel des Guten ist, denn gelegentlich kommt die Zauberei zu bequem und einfach daher, auch wenn sich die Autoren immer wieder kreative Zauber einfallen lassen.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Kaufmannssohn Amalric Antero – der sich zunächst einer verführerischen und zwielichtigen Kurtisane verfällt, die ihn an den Rand des finanziellen und moralischen Ruins treibt – und seines Freundes, des ehrgeizigen Hauptmann Janos Greycloak, der davon träumt, die legendären Fernen Königreiche zu entdecken und ihnen die Geheimnisse der Zauberei zu entreißen. Ihre Expedition führt sie durch eine Fülle an exotischen und gefährlichen Orten, die von Kannibalen, Sklavenhändlern, untoten und bösen Zauberern bevölkert sind.

Im ersten Teil folgt der Roman – nach dem etwas langatmigen Einstieg, der aber auch das Setting für die spätere Komplexität der Geschichte legt – einer klassischen Abenteuerreise, auf der die Gefährten viele Gefahren mit Witz und Entschlossenheit zu meistern haben, doch im zweiten Teil kommt es zu einem Bruch, der der Geschichte deutlich mehr an Tiefe verleiht. Da geht es um die Rechte von Frauen und Sklaven, soziale Gerechtigkeit ganz allgemein und eine unverhoffte Revolution gegen die traditionelle Autokratie der Geisterseher. Letztere sind im Prinzip die Zauberherrscher von Amalrics Heimatstadt Orissa.

Später geht es dann erneut auf Abenteuerreise, wobei die Geschichte dort dann ein wenig stärker in klassische Fantasybahnen gelenkt wird, die in den ersten beiden Dritteln des Buches geschickt umschifft wurden. Doch diese Wende erhält die Gesamtgeschichte auch deutlich mehr an Komplexität und wird zu einem stimmigen Ganzen abgerundet.

Die Fernen Königreiche gehört definitiv in die Reihe jener Fantasybücher aus den 80er und 90er Jahren, die es verdient hätten, wieder neu aufgelegt zu werden. Für mich ist es gut gealtert, und obwohl ich inzwischen unzählige Fantasybücher gelesen habe, und um 20 Jahre erfahrener bin, hat mich das Buch auch bei der Zweitlektüre wieder gepackt und staunend und mitfiebernd auf eine Abenteuerreise geschickt.

Gelesen habe ich es, wie bei der Erstlektüre über Ostern, und damals vor über 20 Jahren bin ich tief in diese Abenteuergeschichte, die ganz ohne Elfen, Orks und Zwerge auskommt, eingetaucht und habe sie gierig fast an einem Stück verschlungen. Damals trug ich auch noch nicht so viel Gepäck mit mir herum, die Zahl der zuvor gelesenen Fantasybücher befand sich noch im zweistelligen Bereich, weshalb diese Welt besonders exotisch und aufregend auf mich wirkte. Doch auch heute, mit an die 1.000 gelesenen Fantasybüchern, hat die Geschichte nichts von ihrer Kraft verloren und konnte mich erneut schwer begeistern. Dieses Mal las ich sie mit anderen Augen, hatte einen Blick für Tiefen, die mir damals entgangen sind, und habe ein anderes Buch gelesen, dass mir aber kein bisschen weniger gut gefallen hat.

Meine Ausgabe ist von 1994 (2005 gab es nochmal Doppelbände bei Blanvalet), in der guten Übersetzung von Jörg Ingwersen, erschienen bei Goldmann (die damals noch ein aufregendes Fantasyprogramm hatten), mit einem opulenten Cover, das einen förmlich auf diese Abenteuerreise lockt. Das Original erschien 1993, verfasst vom Autorenduo Allan Cole und Chris Bunch (Die Sten-Chroniken), die noch zwei weitere Bücher in dieser Welt geschrieben haben. In Band 2, Das Reich der Kriegerinnen geht es um Amalrics Schwester, die auch in Die Fernen Königkreiche eine kleine Rolle spielt. Und in Das Reich der Finsternis bricht Almaric Antero fünfzig Jahre nach den Ereignissen von Band 1 wieder zu einem Abenteuer auf. Der vierte Band der Reihe, Die Rückkehr der Kriegerin, in dem wieder Almarics Schwester Rali die Hauptrolle spielt, wurde von Allan Cole alleine verfasst, da sich die beiden Autoren/Schwager zerstritten hatten. Leider merkt man das diesem Band an, der die Qualität der drei Vorgänger nicht halten kann. Chris Bunch verstarb 2005.

Aktuell wird wieder einiges an Fantasy aus den vergangenen Jahrzehnten neu aufgelegt (Shannara, Amber, Midkemia, Gemell usw.), und meiner bescheidenen Meinung nach (auch wenn ich mich wiederhole), ist es an der Zeit, auch diese abgeschlossenen Einzelbände der vierteiligen Reihe in einer ansprechenden Neuauflage herauszubringen. Denn, wie ich oben schon erwähnte, solche Abenteuerfantasy abseits der üblichen Genreklischees, ohne Grim-and-Gritty-Einschlag, ohne allzu komplizierte politische Ränke und Intrigen, aber dafür mit ganz viel Sense of Wonder und einer gewissen Leichtigkeit, findet man heute nur noch selten.

Und hier noch ein Link zum Vertiefen: In einem Beitrag zu dessen 70. Geburtstag geht Gero auf der Bibliotheka Phantastika etwas näher auf das Werk von Allan Cole ein.

Gero schreibt unter anderem:

The Far Kingdoms ist vor allem in Anbetracht seines Erscheinungsjahrs ein ungewöhnliches Buch, dessen Vorbilder viel mehr beim klassischen Abenteuerroman oder Filmen wie The 7th Voyage of Sinbad zu finden sein dürften, als bei der klassischen High Fantasy à la Tolkien. Von daher wirkt der Roman ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, auch wenn er als Fantasy-Abenteuerroman hervorragend funktioniert. Und da Cole/Bunch klug genug sind, die Veränderungen zu zeigen, die ihre Reisen und Erlebnisse bei Amalric Antero und Janos Greycloak bewirken, ist The Far Kingdoms sogar noch ein bisschen mehr als einfach nur ein Abenteuerroman.

Weitere Rereads:

Der Drachenbeintrohn von Tad Williams

Helle Barden von Terry Pratchett

Mond über Manhattan von Paul Auster

Programmvorschau Herbst/Winter 2017/18: Blanvalet

Letztens, in meinem Beitrag Trend zur Science Fiction? Ein kleines Zwischenfazit schrieb ich: „Im Prinzip kann man Blanvalet in Bezug auf Science Fiction abschreiben.“
Das gilt auch für die aktuelle Programmvorschau, bis auf ein wenig Star Wars ist da nichts in Richtung SF dabei (was jetzt nicht so schlimm ist, da man sich aktuell nicht über das SF-Angebot anderer Verlage beklagen kann). Und wer sich nur für phantastische Literatur interessiert, muss sich trotzdem durch die komplette Taschenbuchvorschau mit allen Genres kämpfen, da die Fantasybücher munter darüber verstreut sind. Hier kann man sich das Programm als PDF runterladen.

Was Star Wars angeht, kehrt Timothy Zahn zu seiner berühmtesten Figur – Admiral Thrawn – zurück. Der geniale Stratege war der große Widersacher in seiner Thrawn-Trilogie, die 1993 mit Band 1 Erben des Imperiums direkt an den Film Die Rückkehr der Jedi-Ritter anknüpfte und die ursprüngliche Trilogie in Buchform im sogenannten Expanded Universe (in dem unzählige Bücher erschienen sind) fortsetzt. Dieser offizielle von Lucasfilm abgesegnete Kanon ist durch die Filmfortsetzung The Force Awakens für null und nichtig erklärt worden (was nicht wenige Fans der Bücher verärgert hat). Jetzt gibt es einen Reboot des Expanded Universe (unter anderem mit Romanen von Chuck Wendig), in dem man scheinbar nicht auf den berühmten Admiral verzichten möchte. Andererseits sind die Kritiken bisher wirklich gut ausgefallen, für die Vorgeschichte Thrawns.

Fantasy

Während die (für mich doch sehr enttäuschende TV-Serie) The Shannara Chronicles weiterläuft, setzt Blanvalet auch die Neuauflage der Bücher von Terry Brooks mit die Erben von Shannara fort. Schön, dass zumindest diese klassische Reihe weiterhin in Printform gepflegt wird.

Forstsetzungen gibt es von Bernard Trecksel mit Nebeljäger (nicht zu verwechseln mit Band 1, Nebelgänger) und Daniel Arenson mit Die Nacht des Feuers (Drachenlied 3). Beides Reihen, die mich nicht interessieren, mit Arensons erstem Band haben wir uns mal vor etwas mehr als zwei Jahren auf einem Übersetzungsworkshop beschäftigt, an dem auch Übersetzer Jörg Pinnow teilgenommen hat (ich weiß noch, das die Bestürzung groß war, als wir erfahren haben, dass die Maus sterben würde). Scheint mir eher was für LeserInnen zu sein, die noch nicht so viel Fantasy gelesen haben.

Zu John Gwynnes Reihe Die Getreuen und die Gefallenen erscheint Band 1 (Macht) erst im Juni, hier im Programm werden schon die Teile 3 und 4 angekündigt, Übersetzer Wolfgang Thon muss im Akkord arbeiten, haben die vier Bände doch alle zwischen 700 bis 1.000 Seiten. An der Reihe bin ich vom Inhaltlichen her gar nicht uninteressiert, aber um die 3.000 Seiten innerhalb von weniger als einem Jahr ist mir dann doch zu viel. Mal sehen, wie die Kritiken ausfallen werden. Für Gwynne habe ich mich schon interessiert, als Band 1 seinerzeit im Original erschienen ist. Ich muss ja nicht alle auf einmal lesen. Antesten reicht ja auch.

Karla Paul schrieb kürzlich auf Twitter: „Werde in Zukunft kein Buch mehr lesen, bei dem der Verlag nicht ordentlich Reihe & Reihenfolge vermerkt hat! Leserverarsche, my ass .. 😠“ Der Verrat des Inquisitors von Frank Rehfeld scheint so ein Fall zu sein. Auf Amazon wird Der Weg des Inquisitors als (Inquisitor 1) bezeichnet, im Katalog gibt es, bis auf ein kleines Bildchen von diesem Buch keinen Hinweis darauf, ob es sich tatsächlich um Inquisitor 2 handelt. Dabei steht auf der gleichen Seite bei Terry Goodkinds Das Herz des Bösen extra Die Legende von Richard und Kahlan 4 dabei. Warum so unterschiedliche Kennzeichnungen? Auf der Randomhoushomepage steht doch auch Inquisitor 2 dabei. Hat vermutlich was mit dem Marketing zu tun, so richtig verstehe ich es aber nicht.

Was den Goodkind angeht, da bin ich schon vor vielen Jahren bei Band 11 vom Schwert der Wahrheit (Die Schwestern der Finsternis) ausgestiegen. Hätte die Endlosgeschichte um Richard und Kahlan (deren ersten Bände zu meinen liebsten Leseerlebnissen meiner Jugendjahre gehören) nicht schon längst abgeschlossen sein sollen? Oder hat Terry Goodkind (wie so viele Fantasyautoren, wie z. b. Raymond Feist, R. A. Salvatore usw.) gemerkt, dass er, nachdem er über viele Jahre nur in diesem einen Fantasyuniversum schrieb, seine Leser so darauf konditioniert sind, dass er nichts anderes verkauft bekommt? Versucht hat er es ja.

Mal eine kurze Abschweifung:

Ich habe den Eindruck, dass so mancher Fantasyautor (vor allem aus den 80er und 90er Jahren) in seiner erfolgreichsten Fantasywelt versackt ist, und entweder nichts anderes schreibt, weil sein Verlag darauf besteht bzw. seine LeserInnen eben nichts anderes lesen wollen, oder es als zu schwierig erscheint, etwas Neues zu versuchen. Das hängt natürlich auch mit der Höhe der Vorschüsse zusammen, die ein Bestsellerautor wie z. B. Terry Goodkind (NY-Times-Besteller) erhält, da ist es den Verlagen zu riskant, so viel Geld für ein Experiment auszugeben, und der Autor ist natürlich an solche Honorarhöhen gewöhnt. Raymond Feist sagte mir mal vor einigen Jahren in einem Interview, dass er gerne mal Science Fiction schreiben würde, sein Verlag aber was dagegen hätte.

Inzwischen scheinen mir die AutorInnen (vor allem auch die deutschsprachigen Fantasyautoren) diversifizierter an die Sache ranzugehen; Reihen werden eher erst mal (wenn überhaupt) nur für maximal drei Bände geplant und unter Pseudonym noch andere Sachen (andere Genres oder andere Fantasywelten) geschrieben. Markus Heitz ist da vermutlich ein gutes Beispiel. Bernhard Hennen hat etwas länger gebraucht, um auch (wieder!) abseits seiner Elfen-Romane zu schreiben. Und die jüngeren Autorengenerationen scheinen generell breiter (bzw. pragmatischer) aufgestellt zu sein, denn so ein großer Erfolg, wie einst Hennen und Heitz im Zuge des Völkerfantasybooms blieb ihnen bisher verwehrt (bzw. hat seitdem nicht mehr stattgefunden).

Abschweifung Ende

Anna Stephens Wölfe und Wächter, sagt mir nichts, aber entflohene Sklaven und Sklavinnen scheinen aktuelle wieder hoch im Kurs zu stehen, die sind mir in den anderen Programmen auch begegnet. Seher und Vision sind eigentlich nicht so mein Ding. Mal abwarten.

Die Sarantium– … Reihe? Trilogie? Erscheint im Monatsrhythmus, die ersten beiden Bände waren vorher allerdings schon bei Penhaglion im Programm, Band 3 (Die Götter) ist eine Erstveröffentlichung (da freuen sich die Sammler, die Wert auf eine einheitliche Reihengestaltung legen und schon die beiden Bände von Penhaglion im Regal stehen haben 😉 ) aber immerhin wird die Reihe jetzt fortgesetzt (nur leider nicht von Meike Claußnitzer weiterübersetzt). Die englische Originalfassung von Band 3 (Redemption) ist auch erst im November 2016 erschienen. Ist vielleicht noch unklar, ob da noch mehr kommt.

Mit Die verlorene Legionen geht Die Brücke der Gezeiten von David Hair bereits in die siebte Runde (im Original sind es nur vier), aber immerhin wird die Reihe komplett durchgezogen und scheint sich gut genug zu verkaufen. Gelesen habe ich noch nichts von Hair, bin aber neugierig. Jetzt wo absehbar ist, dass die Reihe auch auf Deutsch abgeschlossen wird, behalte ich sie mal im Hinterkopf.

Die Feuerdiebin von Arthur Phillips scheint die Fortsetzung von Die Dunkelmagierin zu sein, zumindest steht auf der Verlagshomepage, dass es sich um Der graue Orden 2 handeln soll, im Katalog kein Wort davon. Sollen die BuchhändlerInnen das bei ihren Vorbestellungen etwa nicht wissen. 😉 Um den Verlag zumindest ein wenig in Schutz zu nehmen, sollte ich an dieser Stelle auch erwähnen, dass sich Buchhandlungen unheimlich schwer damit tun, Bücher von Autoren zu bestellen, deren erstes Buch sich nicht gut verkauft hat (daher auch die vielen Pseudonyme, mit denen die Verlage so manchem Autor zu einer zweiten Chance verhelfen, wie z. B. Daniel Abrahm/Hanover). Das bei einem späteren Band einer zusammenhängenden Serie allerdings zu verheimlichen, ist nicht die feine Art. Hier wurde es allerdings auch bei Band 1 in der Vorschau schon nicht erwähnt.

Alexis Royce Die Todbringerin, super, noch eine Frau im Programm – dachte ich auf den ersten Blick (siehe Wo sind die Frauen?), doch dann blickte ich auf die Biografie links unten und sah, dass man dort verkündet, dass es sich dabei um den Spiegel-Bestsellerautor Royce Buckingham (Die Karte der Welt, fand ich ganz okay) handelt. „Sein erstes Buch für weibliche Fantasyfans“ heißt es dort. Warum eigentlich? Weil die Hauptfigur eine Frau ist? Die Karte der Welt hat 50 Amazonbesprechungen erhalten, darunter nicht wenige, die als weibliche Nicknames zu erkennen sind, wie z. B. Lillys Books, Mimi oder Kaugummiqueens Bücherstube. Das Geschlechterverhältnis scheint mir zumindest ausgeglichen zu sein. Aber anscheinend traut man den Leserinnen nicht zu, sich ein Buch von einem Autor zu kaufen, und den Männern nicht, ein Buch mit weiblicher Hauptfigur. Also muss ein weibliches Pseudonym her, aber den Buchhändlern will man natürlich nicht verschweigen, dass es sich hier um einen Spiegel-Bestsellerautor handelt. Wie das im Original aussieht, weiß ich nicht, da habe ich noch keine Ankündigung für das Buch finden können, nur die Meldung vom Dezember 2016 auf Royce Buchinghams Facebookseite, dass er mit Princess Assassin jetzt fertig sei. Von einem Pseudonym steht da nichts, aber so Sachen müssen natürlich mit dem Autor abgesprochen werden (siehe Daniel Abraham bzw. Hanover). Trotzdem schade, dass man hier immer noch diese eingefahrenen Geschlechterklischees findet.

Fantasy für Frauen?

Bei Durchsicht der Programme (nicht nur bei Blanvalet) fällt mir immer wieder die Formulierung Fantasy für Frauen auf, aber nie Fantasy für Männer (da steht dann höchsten Heroic Fantasy). Für Männer scheint dann doch schon negativ besetzt zu sein, weil man sich darunter wohl Fantasy mit einer wikingerartigen Horde aus bärtigen, muskelbepackten und wild grunzenden Männern vorstellt, die plündernd, brandschatzend und vergewaltigend von Dorf zu Dorf zieht, und dabei ihren Feinden die Körperteile einzeln abhackt, damit sie besser in deren Blut baden kann.

Entweder glaubt man, Fantasy allgemein sei was für Männer, und nur bei speziellen Büchern (also mit weiblichen Hauptfiguren) muss man darauf hinweisen, dass es für Frauen ist. Oder Fantasy ist generell für Männer und Frauen gedacht, und nur bei speziell Büchern (also mit weiblichen Hauptfiguren) muss man auf charmante Art darauf hinweisen, dass das nichts für Männer ist. 🙂

Die gläserne Wüste von Steven Erikson. Band 18 der zehnbändigen Malazan-Reihe (Spiel der Götter). 😉 Na ja, zehn im Original, aber ab Band 2 gesplittet. Hier muss ich Blanvalet aber mal ein großes Lob aussprechen, dass sie diese Reihe konsequent durchziehen, trotz der Verzögerungen in der Übersetzung. Und das sie auch an Übersetzer Tim Straetman festhalten, denn kein anderer könnte, diese überaus komplexe Reihe so kompetent und kenntnisreich übersetzen wie er (auch er war auf dem oben erwähnten Übersetzerworkshop mit einem Malazan-Text dabei, daher weiß ich, was für eine anspruchsvolle Mammutaufgabe das ist). Die Reihe werde ich bis zum letzten Band auf Deutsch lesen (wobei ich aktuell etwas hinterherhinke).

Fazit

Vor 15 Jahren hätte ich das Programm als leidenschaftlicher Fantasyleser richtig toll gefunden. Inzwischen haben sich meine Leseinteressen dafür zu sehr verschoben (wobei immer noch spannende Sachen dabei sind). Zwar habe ich schon fast immer aus allen Genres gelesen, aber gerade was Fantasy angeht, bemerke ich seit einigen Jahren eine gewisse Müdigkeit, wenn ich zu viel ähnliche Sachen lese, was vor allem dazu führt, dass ich kaum noch Reihen lese, die über drei Bände hinausgehen. Ich würde mir viel mehr abgeschlossene einzelne Fantasybücher wünschen. Gerade habe ich erneut mit großer Begeisterung Die Fernen Königreiche von Allan Cole und Chris Bunch gelesen (in meiner alten Goldmannausgabe von 1993), da gibt es zwar noch drei weitere Bücher, die in der Welt spielen, aber jeder davon ist ein alleinstehender, abgeschlossener Roman, wo man sich bei größeren Leseabständen keine Sorgen machen muss, zu viel vom Vorgänger vergessen zu haben. Warum nicht mal was wie A Stranger in Olondria von Sofia Samatar oder die wunderbar kurzen Fantasyeinzelbände von Tor.com, wie z. B. Spiderlight von Adrian Tchaikovsky oder The Sorcerer Of The Wildeeps von Kai Ashante Wilson? (Die Antwort kenne ich natürlich, aber das wären Sachen, die mich neugierig machen würden.)

P. S. es ist natürlich etwas unfair, gerade hier im Programm von Blanvalet diese ganzen Betrachtungen über Vermarktungsmechanismen auszuführen, da diese ja auch bei vielen anderen Verlagen greifen, aber die Idee dazu kam mir nun mal bei Durchsicht dieses Programms. Vielleicht sollte ich darüber mal einen eigenen Beitrag verfassen (und damit gleich allen potentiellen Auftraggebern ans Bein pinkeln 😉 ). Ich glaub, ich sollte dringend über ein anderes Genre schreiben, oder in einem anderen Genre übersetzen.

P.P.S hier hier geht es zur Programmvorschau von Heyne, und hier zu meinem Blick auf Piper

Programmvorschau Herbst/Winter 2017/18: Heyne Science Fiction und Fantasy

Nach dem Blick auf das Programm von Piper, geht es jetzt mit Heyne weiter. Demnächst folgt dann Blanvalet.

Hier der Link zum Programm im PDF-Format. Science Fiction fäng ab Seite 65 an.

Science Fiction

Erste große Überraschung: Eine Novelle im Programm (gibt es ja nur noch selten). Spiegel von Cixin Liu. Vielleicht, um die Wartezeit auf Der dunkle Wald (der ja erst 2018 erscheint) zu verkürzen? Ich bin jedenfalls neugierig darauf.

Das Ende der Menschheit ist Stephen Baxters Fortsetzung von H. G. Wells Krieg der Welten. Ich mag solche Fortsetzungen von Klassikern nicht, die sollten meiner Meinung nach unangetastet bleiben – zumindest werde ich sie nicht lesen.

Der verratene Planet von D. Nolan Clark sagt mir gar nichts, scheint aber gut zur Military-SF-Schiene zu passen, die Heyne in letzter Zeit stark bespielt. Nix für mich.

Neanderthal von Jens Lubadeh ist der neue eigenständige Roman des Autors von Unsterblich, das mich thematisch nichts so reizen konnte, die aneinandergereihten SPO-Sätze gingen mir schon in der Leseprobe auf die Nerven.

Schwerelos von Katie Khan – ist ja schön, wieder eine neue SF-Autorin im Programm zu haben, aber das liest sich doch schwer inspiriert von Gravtiy, dem Film, der sich wiederum schwer von Tess Gerritsens Roman Gravtiy hat „inspirieren“ lassen. Wobei mir die Ähnlichkeit eher dem Marketing geschuldet zu sein scheint, da sich das Buch (den englischsprachigen Besprechungen zufolge) eher auf die Romanze zwischen den beiden Hauptfiguren und Rückblenden zu konzentrieren scheint.

Thronräuber von K. G. Wagers, noch so ein neuer Name, der mir so gar nichts sagt, scheint mir locker, flockige Space Opera zu sein.

New York 2140, der neue Kim Stanley Robinson, wie schon bei Aurora werde ich hier gerne auf die Übersetzung von Jakob Schmidt warten. Mir gefällt dieses Universum, in dem auch schon 2312 spielte, sehr gut. Hier scheint es die Vorgeschichte zum versunkenen New York aus 2312 zu geben.
Nachtrag: Bin darüber informiert worden, dass Robinson in einem Podcast gesagt habe, New York 2140 spiele nicht im gleichen Universum wie 2312.

Central Station von Lavie Tidhar, sehr schön, dass der Roman jetzt doch seinen Weg nach Deutschland gefunden hat. Seine Trilogie Das ewige Empire ist ja leider schon nach Band 1 (Bookman) bei Piper eingestellt worden (vier Amazonrezis, hatte wohl zu wenige Käufer). Von ihm habe mal die Kurzgeschichte Selfies für die phantastisch! übersetzt. Nur schade, dass man nicht so ein stimmungsvolles Cover wie im Original genommen hat, für das Buch, das den den World Fantasy Award gewonnen hat. Ich bin durchaus neugierig darauf.

Metro 2035 – Auf dem Andycon 2010 in Berlin erzählte Autor Dmitri Glukhovsky noch, er hätte alles erzählt, was es in diesem Universum zu erzählen gäbe, den Rest würde er anderen Autoren überlassen. Inzwischen scheint ihm doch noch eine Idee gekommen zu sein. Held Artjom aus Metro 2033 soll wieder dabei sein. Die beiden Vorgängerbände haben mir richtig gut gefallen, die Spin-offs von anderen Autoren habe ich ignoriert, hier werde ich aber sicher wieder zugreifen.

Die Kinder der Zeit von Adrian Tarkovsky, sehr schön, noch ein Titel, der für Aufsehen gesorgt und Preise gewonnen hat. Habe letztes Jahr seinen Fantasykurzroman Spiderlight (bei Tor.com erschienen) mit großem Vergnügen gelesen. Hier werde ich auch gerne auf die Übersetzung von Birgit Herden warten, deren deutsche Fassung von Peter Watts Echopraxia mir so gut gefallen hat (und die meine Übersetzung von Die Neunte Stadt lektoriert hat).

Michael Grumley In der Tiefe ist wohl die Fortsetzung zu Breakthrough, das im Oktober erscheint. Kann ich noch nichts zu sagen, aber ich stehe auf alles, was mit SF und Meeresbiologie zu tun hat.

Fortsetzungen: Rachel Bach (Kommando, Teil 3), Teil 1 hatte mir trotz Military-SF ganz gut gefallen.

Wiederauflage: Sergej Lukianenkos Spektrum – weiß gar nicht, die wievielte Ausgabe dieses Buchs bei Heyne das jetzt ist – aber es ist ein ganz wunderbares Buch, das ich nur jedem empfehlen kann.

Daneben noch ein paar Klassiker, z. B. Strugatzki – Es ist schwer ein Gott zu sein, und ein paar Titel von Robert Heinlein.

Die üblichen Verdächtigen (aber schön zu sehen, dass Heyne seine Autoren pflegt, wobei, wo steckt eigentlich der dritte Teil von Ramez Naam?): Alastair Reynolds ist wieder dabei, da muss ich erst mal Okular weiterlesen.

Fantasy

Play to Live von Dmitry Rus scheint so ein Virtual-Reality-Fantasyroman in Richtung Otherland zu sein. Sagt mir nichts. Mal die Kritiken abwarten.

Die Orgelbrüder schließen mit Der verborgene Turm die Saga um Die Blausteinkriege ab, von der ich immer noch nicht Band 1 gelesen habe. Schande über mein Haupt. Wollte ich schon längst getan haben.

Hex vom niederländischen Autor Thomas Olde Heuvelt sorgte in den letzten Monaten für einiges an Aufsehen auf dem englischsprachigen Buchmarkt. Mystery, Grusel. Ist vorgemerkt.

John Skovron setzt Empire of Storms-Reihe mit Schatten des Todes fort. Da habe ich mich auch noch nicht näher mit beschäftigt, klingt aber nicht uninteressant.

Und mit Quazi gibt es auch noch ein neues Buch von Sergej Lukianenko, scheint ein Endzeit-Krimi zu sein, aber Bücher, in denen es um von Toten Auferstandene geht, egal in welcher Form, interessieren mich nicht die Bohne.

Dan Abnett im Programm zu sehen, überrascht mich dann doch, der ist ja vor allem für seine Warhammer 40.000-Romane bekannt. Die Wache scheint ein eigenständiger Fantasyroman zu sein, ich vermute mal very grimm and gritty.

Der Rest des Fantasyprogramm spricht mich nicht wirklich an, Urban-Romantasy und Titel mit generischer Aufmachung, wie z. B. die Dämonenkriege von Michael Hammant (wenn auch ein mir bis dato unbekannter deutscher Fantasyautor).

Vor allem das SF-Programm von Heyne gefällt mir ausgezeichnet. Da sind wieder einige Titel dabei, die ich mir auf jeden Fall vormerke. Eine gute Mischung aus neuen Autoren und Autorinnen, Klassikern (wie Heinlein, Strugatzki und Co.), den etablierten Stammautoren (Robinson, Reynolds, Baxter usw.) und einigen Überraschungen. Sehr ausgewogen und kreativ, wenn auch in der Fantasy nicht ganz so überraschend.

P.S. Keine Ahnung, warum manche Cover hier linksbündig stehen, habe alle zentriert formatiert.

„Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch

Das Buch ist nicht nur wegen der 868 Seiten ein gewaltiger Brocken. Mulisch verknüpft hier ein ganzes Füllhorn an Themen und Ideen, wie die Entstehung des Universums per Big Bang, Astronomie, Architektur, Religion und Bibel, der Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Musik, Politik und vieles mehr zu einer wagemutigen und komplexen Mischung, die bisweilen gar phantastisch anmutet und dem Leser einiges abverlangt, ihn aber auch reichlich belohnt.

Von den anfangs unsympathisch daherpolternden Protagonisten – dem lauten und sehr von sich eingenommenen Onno und dem Don Juan Max – sollte man sich nicht abschrecken lassen, im Verlauf der epischen Geschichte zeigen sie noch ganz andere Seiten von sich. Diese beiden Männer, die den Zweiten Weltkrieg noch als Kinder erlebten, als junge Erwachsene schnell zu akademischen Würden kommen, als Pseudorevolutionäre auf Kuba landen, einige stürmische Liebschaften und Lieben erleben und deren späteres Dasein sich um ein ganz besonderes Kind drehen wird, sind mit ihrer einzigartigen Freundschaft der Dreh- und Angelpunkt dieser Erzählung, deren Erzähler von wahrlich göttlichem Antrieb beseelt ein schier unglaubliches Garn zusammenspinnt.

Damit wären wir auch bei der Metaebene des Buchs, die man entweder als phantastisches Element lesen kann, oder eben als Reflexion eines mehr als selbstbewussten Autors über seine Rolle als Gott, der nach belieben in die Leben seiner Figuren eingreifen kann. Und dadurch blüht gerade den Frauen im Buch oft ein grausames Schicksal, was auch fast mein einziger Kritikpunkt wäre. Wobei es den Männern auch nicht viel besser ergeht.

Für mich war es vor allem interessant, die Nachkriegsgeschichte mal aus holländischer Perspektive zu lesen. Neben Tonke Dragts Der Brief für den König und Der wilde Wald ist dies, glaube ich, mein erstes Buch aus dem Niederländischen. Für manche Leserinnen kann es stellenweise schon recht anstrengend sein, da es auch ein kleines Angeberbuch ist, in dem Harry Mulisch sein breitgefächertes Wissen zu den unterschiedlichsten Themen detailliert nutzt, aber es ist auch ein unheimlich anregendes Buch, das wie eine Wundertüte daherkommt, bei der man nicht weiß, was man als Nächstes erhält. Absurd komische Episoden, wie der Besuch auf Kuba, wechseln sich mit bedrückenden Passagen, wie Max‘ Besuch in Auschwitz, ab, gefolgt von tragischen Ereignissen, dann wieder luftig leichtem Alltag bis hin zu den göttlichen Einschüben.

Die Übersetzung von Martina den Hertog-Vogt liest sich ausgezeichnet.

„Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders

Als ich in der Programmvorschau den Satz „Patricia ist eine Hexe, die mit Tieren sprechen kann“ las, erlosch mein Interesse schlagartig. Auch, dass das Buch für immer mehr Preise nominiert wurde, konnte mich nicht wirklich neugierig machen. Doch als es dann eines Tages im Briefkasten lag, dachte ich: Ach, warum eigentlich nicht?

Und siehe da, von der ersten Seite an, habe ich mich in dieses Buch verliebt. Anders kreiert hier ein Gefühl und eine Stimmung, die ich sonst nur aus den zauberhaften Filmen von Ghibli kenne. Zwei jugendliche Außenseiter mit besonderen Fähigkeiten: Patricia, die Hexe, die mit Tieren sprechen kann; und Laurence, der eine Zwei-Sekunden-Zeitmaschine gebaut hat und auch ansonsten ein ganz famoser Tüftler ist, wenn er nicht dank seiner Eltern gerade durch irgendwelche Survival-Camps gejagt oder aus Flugzeugen geschmissen wird.

Die beiden müssen sich durch einen von Mobbing und Schikane geprägten Alltag schlagen, mit Erwachsenen, die ihnen null Verständnis entgegenbringen und alles nur noch schlimmer machen. Es ist eine Geschichte über die Hilflosigkeit der Kindheit, in der man fremdbestimmt leben muss und den Launen einer Gesellschaft ausgesetzt ist, die ihren Sadismus nur schwer verbergen kann.

Und doch werden aus den beiden gebeutelten Teenagern zwei ganz bemerkenswerte Menschen, die die Traumata, ihrer Kindheit überwinden und versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Anders‘ Stärke ist es, eine magische Welt zu erschaffen, in der die Gefühle und die Ausweglosigkeit dieser Fremdbestimmtheit so plastisch vermittelt werden, dass es mich als Leser unglaublich wütend gemacht hat. Doch trotz der ganzen düsteren Stimmung ist es auch eine Welt, die mich von der ersten Seite an verzaubert hat, in der Magie (als Manifestation der Natur) und Wissenschaft aufeinandertreffen.

Am ehesten hat mich das Buch an die Werke von Nick Harkaway (Der goldene Schwarm) erinnert, zwar ohne Ninjas, dafür aber mit Assassinen. Diese leicht verschobene Wirklichkeit, in der es normal ist, kleine Zeitmaschinen zu bauen, und in der Hexen böse Investmentbanker für ihre Schandtaten mit Flüchen belegen.

Erfreulich ist auch, dass sich dieses Buch über Freundschaft, Liebe und den Weltuntergang abseits der üblichen Handlungsklischees bewegt und trotz aller Magie und futuristischer Technik eine realistische Freundschaft zwischen zwei Menschen zeichnet, die sich durchaus auch wieder voneinander entfremden und deren Beziehung zueinander sehr wechselhaft verläuft.

Ich will gar nicht mehr über dieses Buch verraten, lasst euch selbst überraschen und verzaubern. Die Geschichte, die zeitweise etwas planlos wirkt, wird am Ende zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt, in dem Magie, Technik und Wissenschaft als ganz natürliche Gefährten daherkommen. Und die Übersetzung von Sophie Zeitz liest sich ausgezeichnet und trifft den Tonfall der Jugendlichen hervorragend.

An dieser Stelle sollte ich noch erwähnen, dass ich als freier Mitarbeiter für Fischer Tor tätig bin und unter anderem dreimal pro Woche die SFF-News auf Tor Online erstelle. Gefälligkeitsrezensionen gibt es von mir aber nicht. Ich bespreche nur, was mich privat interessiert und begeistert.

Kurzkritiken: Film

Hier mal ein paar Kurzkritiken zu Filmen, die ich in den letzten Monaten gesehen habe. Im Schnitt sehe ich mir vielleicht zwei Filme pro Woche an, ins Kino gehe ich nur sehr selten, weil hier bei mir in der Nähe kaum Film in der Originalfassung laufen. Am liebsten schaue ich mir kleine, ruhige Filmperlen mit berührenden Geschichten und große Dramen an (also alles, was inzwischen kaum noch im Kino läuft). Gelegentlich auch mal prollige Blockbuster und Actionfilme (wobei mir der ganze schematische Superheldenkram langsam zum Hals raushängt, genauso wie Star Wars und alle anderen Franchisesachen; aber wenn sie auf Sky laufen, sehe ich sie mir manchmal an.

Brooklyn – kein Film hat mich in den letzten Monaten so berührt und beeindruckt, wie dieses sanfte Einwanderer/Familiendrama aus der Feder von Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín. Trotz eines Todesfalls erzählt der Film so wunderbar unaufgeregt von der jungen Irin Eilis Lacey (gespielt von der fantastischen Saoirse Ronan), die in den 1950ern in die USA einwandert, um dort ihr Glück zu versuchen, dass es eine helle Freude ist. Solche Filme werden in den heutigen Bombast-Blockbuster-Comic-Superhelden-Sci-Fic-Monsterflic-Kinozeiten kaum noch gedreht.

Das brandneue Testament (Le tout nouveau Testament) – respektloser und urkomischer Film von Jaco Van Dormael (Nobody) über den in Brüssel vor sich hinlebenden, misanthropischen Gott, dessen einzige Freude es ist, den Menschen mit kleinen Gemeinheiten den Alltag zu vermasseln; und seine Tochter, die davon genug hat, ausbüchst und ihre eigenen zwölf Apostel sucht, die alle ihre ganz eigenen berührenden Geschichten zu erzählen haben. Der Film ist noch besser, als der Trailer vermuten lässt.

Toni Erdmann – die ersten 15 Minuten dachte ich, Helge Schneider für Arme (und Beine), aber dann wurde es richtig gut. Ein sehr skurriler und tragikkomischer Film mit einer wunderbaren Darstellung von Sandra Hüller und Peter Simonischek. Das wird Jack Nicholson im völlig überflüssigen Remake mit seiner Grinsenummer nie so gut hinbekommen.

Me, Earl und the Dying Girl – meisterhafter Jugendfilm, der sich vor den besten Werken John Hughes‘ nicht verstecken muss. Tieftraurig, sehr berührend, aber auch unglaublich komisch. Grandios erzählt.

Zwei Tage, eine Nacht (Deux jours, une nuit) – kleiner aber feiner Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne über eine junge Mutter (großartig gespielt von Marion Cotillard), die eben zwei Tage und eine Nacht Zeit hat, ihre Kollegen davon zu überzeugen, auf einen Bonus zu verzichten, damit sie ihre Stelle behalten kann.

Frühstück bei Monsieur Henri (L‘ étudiante et Monsieur Henri) – eine dieser typischen französischen Wohlfühlkomödien, die einfach gute Laune verbreiten, aber verschroben genug sind, um nicht zu kitschig zu werden. Mit einer tollen jungen Hauptdarstellerin (Noémie Schmidt) und einem glänzend aufgelegten Claude Brasseur.

Before We Go – recht einfallloser Abklatsch von Before Sunrise, der nur durch den Charme der Hauptdarstellerin gerettet wird, aber eigentlich recht unmotiviert vor sich hinplätschert. Habe ich aber trotzdem ganz gerne gesehen, da ich für solche kitschigen Romanzen recht anfällig bin.

Kong: Skull Island: unterhaltsamer Monsterabenteuerbombastblockbuster ;), der aber richtig Spaß macht. Ich liebe solche Geschichten über noch unentdeckte Regionen, wie in Arthur Conan Doyles Die verlorene Welt, wo sich eine ganz eigene gefährliche Fauna entwickelt hat. Dabei konnte mich King Kong bisher wenig begeistern.

Ghost in the Shell – habe ich erstmals 1996 im Alter von 16 Jahren gesehen. Ein paar Jahre zuvor hatte mich Akira förmlich umgehauen und zum lebenslangen Animefan gemacht. Doch Ghost in the Shell fand ich damals langweilig. Allerdings traue ich meinem 16-jährigen Ich in Geschmacksfragen nur bedingt, gehörten doch damals Filme wie Urutsokidoji 1 u. 2 oder Fist of the North Star zu meinen Lieblingsanimes (heute kann ich sie mir nicht mehr ansehen). Die Neusichtung des Kultklassikers von 1996 zeigt, dass ich mit meinem Misstrauen gegenüber meines jugendlichen Urteilsvermögen richtig lag, damals wusste ich die ruhige aber atmosphärisch dichte Inszenierung, die wunderbaren Bilder und die philosophischen Betrachtungen einfach nicht zu schätzen.

Garden of Words – wunderbarer, kurzer Film von Makoto Shinkai (The Place Promised In Our Early Days) über eine Schüler und eine junge Frau, die eine zarte Freundschaft entwickeln, weil sie sich immer wenn es regenet in einer Pagode im Park treffen.

Southpaw – ganz nette Boxergeschichte, mit tragischen Wendungen und zwei guten Hauptdarstellern, durchaus mit den üblichen Klischees, dafür aber mit spektakulär inszenierten Kämpfen.

Bone Tomahawk – knallharter Horrorwestern, der trotzdem recht langsam inszeniert ist, hätte ruhig 20 Minuten kürzer sein können, ist aber trotzdem sehenswert – Kurt Russel in Topform.

Carol – Beziehungs- und Familiendrama nach einem autobiografischen Roman von Patricia Highsmith, den sie seinerzeit aufgrund der lesbischen Thematik unter Pseudonym veröffentlicht hatte. Mit zwei ganz wunderbaren Hauptdarstellerinnen.

Kill Your Friends – nicht so clever, wie er gerne wäre, und viel zu zahm inszeniert, um wirklich so zynisch und böse zu sein, wie er tut. Durchaus sehenswert, mit tollem Soundtrack, aber das gewisse Etwas fehlt. Nach dem Roman von John Niven, in der Musikbranche der 80er Jahre. Cooler Auftritt von Moritz Bleibtreu.

Mistress America – ein typischer Baumbach/Gerwig-Film, mit der bezaubernden Lola Kirke (aus Mozart in the Jungle), witzig, leicht tragisch, leicht schräg, aber doch ganz harmlos.

Lights Out – Effektiver Grusler, der das Beste aus der Thematik rausholt und mit seiner kurzen Laufzeit wunderbar kompakt daherkommt.

Green Room – Punkband landet in Nazikaschemme, sieht, was sie nicht sehen soll und muss bald um ihr Leben kämpfen. Mit Patrick Stewart als Obernazi, eigentlich ganz stimmungsvoll, mir persönlich aber etwas zu statisch inszeniert.

Backtrack – Atmosphärisch dichter und psychologisch ausgefeilter ruhiger australischer Grusler mit Adrian Brody. Hat mir gut gefallen.

The Dressmaker – dachte, es würde sich um ein ruhiges Familiendrama mit Homecoming handeln, stattdessen bekam ich eine bitterböse und tiefschwarze Satire mit Kate Winslet und viel skurrilen Figuren.

Don’t Breath – spannender Einbruch-geht-schief-mit-böser-Überraschung-Thriller mit einem sehr präsenten Stephen Lang und ein paar netten Twists. Handwerklich hervorragend inszeniert.

Dope – ausgezeichnete Mischung aus Gangsterthriller und Coming-of-Age-Drama.

Burnt – ganz nettes Drama mit Bradley Cooper als Ex-Junkie-Sternekoch, der einen Neuanfang versucht, dabei aber so kotzbrockig rüberkommt, dass ich so meine Schwierigkeiten mit dem Film hatte.

Lo and Behold – herausragende Doku von Werner Herzog über die Entstehung und Entwicklung des Internets – denn Herzog stellt immer die richtigen Fragen, die man in keiner anderen Doku hört.

The Nice Guys – arschcooler Retrothriller von Shane Black, in dem die junge Hauptdarstellerin Angourie Rice Russel Crow und Ryan Gosling locker die Show stiehlt.

The Neon Demon – unglaublich stylisch inszenierter Albtraum in der Modelszene von L.A. mit der für Nicolas Winding Refn typischen Brutalität. War mir aber zu glatt und zynisch.

Baskin – knallhart und sehr stilsicher inszenierter türkischer Horrorfilm.

Der kleine Nick (Le Petit Nicolas) – wunderbare Umsetzung des berühmten Kinderbuchs, mit ganz tollen jungen Darstellern und einigen sehr witzigen Episoden.

Stuck in Love – sehr unterhaltsam inszenierter Beziehungsfilm aus der klassischen amerikanischen Mittelschicht, mit ausgezeichneten Darstellern, Figuren mit Tiefe und einer anrührenden Geschichte

Infinitely Polar Bear – sehr intensiv gefilmtes Beziehungsdrama um einen Vater mit bi-polarer Persönlichkeitsstörung, mit einem herausragenden Mark Ruffalo. Wunderbare kleine Filmperle.

Anomalisa – schwermütiger Animationsfilm von Charlie Kaufmann, schon fast frustrierend melancholisch inszeniert, aber sehr sehenswert.

X-Men: Apocalypse – hat ein paar nette Momente ist aber ansonsten das übliche Guter-Magneto-Böser-Magneto-Spiel, nur viel plumper inszeniert als in den letzten beiden Filmen.

Batman vs. Superman – der hat keine netten Momente. Trotz des scheinheiligen Deckmantels der kritischen Reflexion über die Zerstörungsorgie in Man of Steel, geht es dem Film dann doch nur darum, eine noch apokalyptischere Zerstörungsorgie abzufeiern. Schlecht geschrieben, aalglatt wie Supermans Frisur, völlig humorlos und ohne Seele.

Captain America: Civil War – tut ähnlich wie Batman vs. Superman so, als würde er kritisch über die Zerstörungsorgien in Avengers 2 reflektieren, am Ende geht es aber doch nur um weitere Kloppereien – dieses Mal halt zwischen den Avengers. Ist aber viel humorvoller und stimmiger inszeniert als das DC-Pendant. Hat mich aber trotzdem gelangweilt, da alle Marvel-Filme im Prinzip nach dem gleichen Schema ablaufen.

World of Warcraft – ziemlicher Murks. Ich bin zwar großer Fantasyfan, und teilweise sieht der Film auch ganz schick aus, aber die Story ist zusammengepanschter Klischeepunsch. Keine Ahnung, ob der Leuten besser gefällt, die das Onlinerollenspiel zocken?

Programmvorschau Herbst/Winter 2017/18: Piper Fantasy

Hier kann man sich die Programmvorschau als PDF-Datei runterladen. Bei all den markigen PR-Sprüchen im Katalog sollte man bedenken, dass sie primär für den Buchhandel gedacht sind, damit der kräftig vorbestellt.

Als Spitzentitel wird Peter F. Hamiltons Das Dunkel der Sterne angekündigt, den zweiten Band der Die Chronik der Faller, die in seinem Commonwealth-Universum spielt (das bisher bei Bastei Lübbe erschienen ist). Schön zu sehen, dass hier nicht nur alte Titel neu aufgelegt werden (wie der Armageddon-Zyklus), sondern es auch mit neuen Werken des britischen SF-Autors weitergeht.

Mit die Granden von Pandaros liegt der zweite SF-Roman des deutschen SF-Autors James Sullivan vor. Ob das jetzt der Roman über die Schattenkonzerne aus Chrysaor ist, von dem James mir erzählt hat, kann ich aus dem Klappentext jetzt nicht erkennen, aber ich vermute es mal. Vielleicht äußert sich James ja in den Kommentaren dazu. 😉 Chrysaor war jedenfalls ein flottes Weltraumabenteuer mit Piraten, viel Action und Spannung.

Andrew Bannister legt mit Die Verlorenen den zweiten Band seiner Spin-Trilogie vor, die mit Die Maschinen begann. Dan Wells setzt seinen SF-Roman Blue Screen mit Overworld fort.

Im Bereich der Fantasy ist auch Wolfgang Hohlbein wieder vertreten, doch um High Fantasy, wie die Vorschau behauptet, handelt es sich bei Armageddon eindeutig nicht, spielt es doch in unserer Welt und geht um den Beginn der Apokalypse.

Ansonsten sind auch die üblichen Piper-Verdächtigen mit neuen Bänden vertreten: Alex Pehov, Christoph Hardebusch, Brandon Sanderson.

Und was das Thema der gesplitteten Fantasybücher angeht, führt Piper die Argumentation, die Bücher dürften nicht zu dick werden, mit den Sammelbänden zu Richard Schwartz‘ Götterkriege (also Askir) ad absurdum: der dritte Sammelband hat 1664 Seiten!

Im Bereich der Urban Fantasy bzw. Romantasy ist Jennifer Estep mit ihrem zweiten Big Time-Roman Hot Mama vertreten.

David Falk startet mit Blutsbande – Krieger des Nordens 1 eine neue Fantasyserie, deren Klappentext aber noch recht nichtssagend ist. Scheint Richtung Grim und Gritty zu gehen.

Die einzige Überraschung im Programm scheint mir die Kooperation zwischen Michael Peinkofer und Christoph Dittert (Perry Rhodan, Die Drei Fragezeichen) zu sein, in der Peinkofers Splitterwelten-Trilogie fortgesetzt wird. Band 1 erschien 2012 von ihm alleine verfasst.

Glühender Zorn scheint ein Fantasydebüt des Drehbuchautors F. I. Thomas zu sein. Bei dem Namen handelt es sich wohl um ein Pseudonym, das sich per Google lüften lässt, aber das geht mich ja nichts an. Klappentext lässt die übliche vom Mittelalter inspirierte Fantasy mit Zauberern und Drachen vermuten.

Auf den Rest gehe ich gar nicht weiter ein, dass sind vor allem Neuauflagen bekannter Werke und Urband Fantasy bzw. Romantasy, die mich nicht interessiert.

Einen Titel, der mich so wirklich interessiert habe ich in dem Programm nicht gefunden. Bei Peter F. Hamilton hinke ich schon seit Jahren hinterher. Da muss ich erst noch eine ganzen Haufen anderer Bände lesen. Und ansonsten kann ich hier nichts entdecken, was aus den üblichen Schemata und Themen auszubrechen scheint. Nichts, was Originalität und aufregende Geschichten abseits der ausgetretenen Genrepfade verspricht. Wird sicher genügend LeserInnen geben, die sich freuen, hier im Programm Nachschub an vertrauten Stoffen zu finden, doch für mich ist da auf den ersten Blick nichts dabei. Mal sehen, ob mich dann bei Erscheinen die eine oder andere Rezension vom Gegenteil überzeugen kann.

P.S. ich habe den Eindruck, dass Paperbacks (Klappenbroschur) immer teurer werden. Der Hamilton kostet 18.99 €, fast so viel wie ein Hardcover. In den Übersetzerhonoraren spiegelt sich eine solche Preissteigerung jedenfalls nicht wieder (die stagnieren seit über zehn Jahren), weshalb ich mir zweimal überlege, ob ich es mir leisten kann und will, so viel für ein Paperback auszugeben. 😉

P.P.S. Der Verlag scheint für seine Titel ganz Feuer und Flamme zu sein: Glühendes Tor, Glühender Zorn, Schattenflamme, Feuerstimmen, Feuervögel, Feuerstürme, Feuerträume, Hot Mama 🙂

P.P.P.S Wo sind die Frauen? 25 Titel von Männern im Programm (wenn auch teilweise Neuauflagen) und nur vier! von Frauen! Wo sind Autorinnen wie Sofia Samatar, Kameron Hurley oder Elizabeth Bear?