Belegexemplar eingetroffen: Phase X 11 – Astronomie

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Es ist schon ein paar Tage her, dass mein Belegexemplar der aktuellen Ausgabe von Phase X eingetroffen ist. Darin enthalten, die von mir übersetzte Geschichte Verstreut entlang des Himmelsflusses von Aliette de Bodard, die ich jedem SF-Fan nur ans Herz legen kann. Das ist ganz große Science Fiction!

Für die nächste Ausgabe werde ich wieder eine Kurzgeschichte von de Bordard übersetzen, und zwar die mit dem Nebula-Award ausgezeichnete Geschichte Immersion.

Und hier eine Übersicht über die restlichen Beiträge in Phase X 11 – Astronomie:

Artikel:
Gerd Küveler: Vor 150 Jahren: Jules Vernes Reise zum Mond. Die Erfindung des naturwissenschaftlichen Romans
Ulrich Blode: Thadewalds Spaziergänge durch die Vernistik. Buchvorstellung
Ulrich Blode: Wunder der Schöpfung (1925). Rezension
Ulrich Blode: Fremde Welten und Zivilisationen. Eine Literaturauswahl
Ulrich Blode: Taschenuniversen en gros. Philip José Farmers »Welt der Tausend Ebenen«
Ulrich Blode: Universen. Eine Literaturauswahl
Colin Johnston: H. P. Lovecraft und der kosmische Horror. Übersetzung: Ulrich Blode
Kurd Laßwitz: Der tote und der lebendige Mars
Alastair Reynolds: Mein Leben in der Forschung. Übersetzung: Ulrich Blode
Ulrich Blode: Die Milchstraße. Eine Literaturauswahl
Ulrich Blode: Stephen Baxter, Sternenkinder (2004). Rezension
Ulrich Blode: Robert L. Forward, Das Drachenei (1980). Rezension
Ulrich Blode: Schwarze Löcher und Neutronensterne. Eine Literaturauswahl
Ulrich Blode: Die Kometenpanik. Postkarten aus dem Jahr 1910
Ulrich Blode: Gregory Benford, Zeitschaft (1980). Rezension
Ulrich Blode: Astronomen. Eine Literaturauswahl

Literatur:
Herbert W. Franke: Planet des Lichts. Story
Alastair Reynolds: Jenseits des Aquila-Grabens. Story, Übersetzung: Dirk van den Boom
Aliette de Bodard: Verstreut entlang des Himmelsflusses. Story, Übersetzung: Markus Mäurer
Georg Christoph Lichtenberg: Gnädigstes Sendschreiben der Erde an den Mond
Sendschreiben des Mondes an die Erde, zur Antwort auf das Sendschreiben der Erde an den Mond, in der Sammlung von Lichtenberg-Schriften
Kurd Laßwitz: Des Astronomen Rache. Gedicht

Die Titelabbildung stammt von Lothar Bauer.

Kaufen kann man das Magazin unter anderem im Shop des Atlantis Verlag.

“Orakelknochen – Ein Zeitreise durch China” von Peter Hessler

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10 Jahre lebte der Journalist Peter Hessler in China. Angefangen hatte das alles mit dem Friedenskorps, dem er beigetreten war, um in der chinesischen Provinz (in Fuling) Englisch zu unterrichten und Chinesisch zu lernen.

DAS Chinesisch gibt es nicht. In China werden viele Sprachen gesprochen, was man aber in der Regel meint, ist Hochchinesisch oder Mandarin, das als offizielle Landessprache gilt. Trotzdem werden in den vielen unterschiedlichen Provinzen unterschiedliche Dialekte und Sprachen gesprochen, was für die unzähligen Wanderarbeiter, die in die Metropolen und Sonderwirtschaftszonen wie Shenzen reisen, zu Verständigungsproblemen führt.

Hessler hat Mandarin gelernt und ein großes Interesse an der Geschichte der chinesischen Sprache, der Schriftzeichen und der Kulturgeschichte entwickelt. Daher auch die titelgebenden Orakelknochen, mit deren Entstehung und vor allem deren Erforschung sich Hessler intensiv beschäftigt hat. Denn die Orakelknochen sind die ersten Nachweise einer chinesischen Schrift. Aus ihnen hat sich (mit einigen Umwegen) das heute etablierte (wenn auch umstrittene) Zeichensystem mit fast 10.000 unterschiedlichen Zeichen in quadratischer Form entwickelt.

Die Erforschung dieser Zeichen und vor allem die Orakelknochenkoryphäe Cheng Mengija bilden einen der beiden roten Fäden, die sich durch das Buch ziehen und ihm Struktur verleihen. Mengija gilt als einer der wegweisenden Gelehrten in der Orakelknochenforschung, die durch die turbulenten politischen Umstände im 20. Jahrhundert einige Hindernisse zu überwinden hatte. Erst haben die Japaner das Land besetzt und über 200.000 Menschen beim berüchtigten Massaker von Nanjing ermordet, dann kamen die Kumintang unter Chiang Kai Schek an die Macht, wurden aber schon bald von den Kommunisten und Mao Zedong vertrieben, unter dessen Herrschaft vor allem die blutige Kulturrevolution den Menschen und vor allem den Gelehrten das Leben schwer machte.

1967 begann Chen Mengija unter rätselhaften Umständen Selbstmord. Peter Hessler hat es sich zur Aufgabe gemacht, mehr über sein Leben und seinen Tod herauszufinden. Dazu besuchte er zahlreiche alte Weggefährten, Freunde, ehemalige Studenten und Kollegen des Forschers, die teilweise die 90 Jahre schon deutlich überschritten haben, aber immer noch rüstig sind und vor allem einen messerscharfen Verstand und klare Erinnerungen besitzen.

Den zweiten roten Faden bildet die Geschichte einiger ehemaliger Studenten Hesslers, die als junge Wanderarbeiter durch China ziehen, und das Schicksal des gewitzten Uiguren Polat, der ein guter Freund des Autos wurde. Viele von Hessler Studenten aus der Provins Fuling halten auch noch lange, nachdem er die Schule dort verlassen hat, Kontakt zu ihm, schreiben ihm Briefe, telefonieren mit ihm oder werden von ihm besucht. Einige, wie William z. b. unterrichten selbst Englisch an Schulen, andere, wie z. B. Emily landen in Fabriken in den boomenden Sonderwirtschaftszonen. Das sind Planstädte, die eigens dafür gebaut wurden, die Wirtschaftskraft Chinas voranzutreiben.

In Hesslers Buch gibt es zwei unterschiedliche Arten von Kapiteln. In denen, die von den jungen, ehemaligen Studenten erzählen und die aktuelle Lage in China behandeln, geht der Autor größtenteils chronologisch vor, angefangen im Mai 1999 bis Juni 2002. Wobei Hessler durchaus auch mal vor und zurückspringt, wenn es thematisch angebracht ist.

Die zweite Art von Kapitel laufen unter dem Titel Artefakt und beschäftigen sich mit archäologischen Funden (wie z. B. den Orakelknochen) und dem Leben von Cheng Mengija. In ihnen versucht Hessler auch, einen Überblick der Kulturgeschichte Chinas von den ersten Dynastien, aus denen die Orakelknochen stammen, bis zur Gegenwart zu liefern – was ihm auch erstaunlich gut und verständlich gelingt. Die beiden Kapitelarten wechseln regelmäßig ab, so dass die Lektüre abwechslungsreich und spannend bleibt und am Ende ein stimmiges Gesamtbild ergibt.

Hessler wirft zwar den Blick eines Außenseiters – als eines “ausländischen Teufels” – auf China, aber er ist den normalen Menschen und dem Alltag sehr nahe. Er macht nicht einfach eine längere Reise durch das Land, sondern lebt wirklich dort – und zwar nicht in den abgeschotteten Bezirken der Diplomaten und Auslandskorrespondenten, sondern illegal in einem ganz normalen Wohnviertel. Er schließt viele Freundschaften mit Einheimischen und nimmt an deren Leben teil. Hessler ist nicht der Typ, der mit der ganzen Auslandsclique in irgendwelchen Hotelbars abhängt, sondern mit seinem uigurischen Freund Polat in einem uigurischen Restaurant im russischen Viertel isst, während der Kellner die gekühlten Bierflaschen aus der Kanalisation angelt und Polat fragwürdigen Geldwechselgeschäften nachgeht. Hessler ist kein außenstehender Beobachter, er nimmt direkt am Geschehen teil und unterstützt Polat zum Beispiel bei dessen Ansinnen politisches Asyl in den USA zu beantragen und geht dabei auch eigene Risiken ein.

Was mir ein wenig fehlt, ist Hessler persönliche Meinung, wie er sich in bestimmte Situationen fühlt oder was er denkt. Auch über sein Privatleben erfährt man kaum etwas. Aber er bemüht sich viele verschiedene Perspektiven darzustellen, und interviewt ebenso Regierungsbeamten, wie einfache Bauern, Anhänger von Falun Gong oder Mitglieder verfolgter Minderheiten.

Zwischendurch bringt er immer wieder größere Themen aus dem Weltgeschehen mit ein. Zum Beispiel die Reaktionen der Chinese auf die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad. Oder die Olympiabewerbung Chinas – er begleitet z. B. eine Inspektionsgruppe des IOC auf einer recht absurden Besichtigungstour. Hessler gelingt es tatsächlich in einem Buch sowohl die Geschichte Chinas, die Entwicklung der Schriftszeichen, aktuelle politische Themen als auch das Leben einfacher junger Chinesinnen und Chinesen in einer stimmigen Mischung auf engbedruckten 600 Seiten unterzubringen, auf denen ich mich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt habe.

Zu guter Letzt muss ich noch die Übersetzung von Paul Buller loben. In dem Buch geht es viel um Sprache und um sprachliche Unterschiede zwischen Chinesisch und Englisch. Viele Übersetzungskuriositäten und Probleme schildert Hessler anhand von Beispielen aus dem Englischen. Das macht eine Übersetzung in eine dritte Sprache nicht gerade einfach, aber Buller hat das gut gelöst und die englischen Beispiele und die chinesischen Schriftzeichen gut mit in die deutsche Übersetzung eingebunden.

Erschienen ist das Buch bei Dumont (für 16.99), ich habe es bei einem Gewinnspiel der Leipziger Buchmesse auf Twitter gewonnen.

Fantasy-Filmfest-Retrospektive: 2010

Anlässlich des aktuelle Fantasy Filmfest starte ich hier mal eine Retrospektive und veröffentliche meine Kurzkritiken aus vergangenen Jahrgängen. Da die meisten noch aus Zeiten stammen, bevor ich einen Blog angefangen habe, stammen sie hauptsächlich aus dem Forum von SF-Fan.de. Den Anfang macht der ausgezeichnete Jahrgang 2010. Hier auch der Link zum entsprechenden Forenthread. Gerade in diesem Jahr gab es dort auch eine lebhafte und sehr interessante Diskussion über die Filme.

Genauere Informationen zu den Filmen gibt es im FantasyFilmfest-Archiv.

Mir ist aufgefallen, dass die Kritiken der letzten Jahre deutlich unterhaltsamer und besser ausgefallen sind, als meine Besprechungen aus diesem Jahr. Liegt vermutlich daran, dass ich sie in den vergangenen Jahren gleich in der Nacht nach Sichtung der Filme oder direkt am nächsten Tag geschrieben habe, als die Eindrücke noch frisch waren. Dieses Jahr (2015) habe ich erst alle 16 Filme gesehen, bevor ich die Kritiken dann, zurück in der Heimat, runtergeschrieben habe.

Wer wissen will, wie sich ein langjähriger Besuch des Fantasy Filmfest auswirken kann, sollte die Kritik zu The Ape weiter unten lesen. ;)

Ich wohne dieses Jahr zum ersten Mal direkt in einer Festivalstadt (Berlin). Bisher musste ich immer eine Stunde mit dem Auto nach Köln oder Frankfurt fahren. Da hat vor allem die Rückfahrt nach der »Midnight Madness« keinen Spaß mehr gemacht. Leider habe ich es versäumt, mir rechtzeitig eine Dauerkarte zu kaufen. Mal sehen ob ich meinen eigenen Rekord von 21 Filmen brechen werde. Die meisten Filme sind inzwischen online, aber ich werde mir die Auswahl erst anschauen, wenn alle dabei sind. Auf den Streifen mit dem psychopathischen Autoreifen bin ich aber schon gespannt. :D

Tag 1

Bevor es mit dem FFF losging, habe ich mich mit Inception auf das Festival eingestimmt. Ich bezweifle, dass ein Festivalbeitrag an dieses herausragende Kinoerlebnis heranreichen wird, aber egal, es wird sicher genug Spaß dabei sein.

The Pack oder was Hans Maulwurf in Frankreich treibt.

Auf meiner Liste mit 20 Filmen, die ich interessant finde, steht The Pack an letzter Stelle, und auch nur, weil es der Eröffnungsfilm ist, sonst wäre ich nie reingegangen. Trailer und Programmbeschreibung waren einfach zu lahm und entsprechen leider vollkommen dem Film. Es handelt sich dabei um einen lahmen und einfallslosen Backwoodslasher, den einzig seine bedrohliche Atmosphäre (die ein wenig an Calvaire erinnert) davor bewahrt, eine Gurke zu werden. Handwerklich ist er gut gemacht, dramaturgisch leider ein Rohrkrepierer.
Die Story: Eine junge wilde Dame landet erst in einer Hinterwäldlerspelunke, dann im Käfig und auf dem Speiseplan. Eigentlich wie bei Frontiers, nur ohne dessen Brutalität. Die Bösewichte sehen aus wie eine Freakversion der Blue Man Group.

5/10 ersten Dates (für einen Eröffnungsfilm definitiv zu wenig)

Eigentlich sollte der Regisseur anwesend sein, fehlte aber, weil er in Paris mit abgelaufenem Pass am Flughafen stand. Nun, das kann durchaus vorkommen, mein Ausweis läuft auch demnächst ab, und ich muss wir was einfallen lassen, um in dieser Zeit mit Ryanair zurück nach Berlin fliegen zu können.

Solomon Kane oder Wacken 1600

Der Film war ein unterhaltsames ästhetisches Kontrastprogramm zur Tudors-Doppelfolge auf Arte: Match, Dreck, hässliche Kerle, viel Action, viel Blut, eine 08/15 Story (Held rettet holde Jungfrau vor bösem Zauberer), und ein Kane der nicht so ganz der Figur von Howard entspricht. Das Setdesign ist sehr stimmungsvoll, die Kostüme gelungen (sofern ich das unter all dem Matsch erkennen konnte) und die Effekte sind gut. Ein Haudrauf-Action-Schinken, der nur sehr wenige Längen hat, bei dem man das Gehirn abschalten kann und dem es insgesamt gelingt zu unterhalten. Auch wenn er stellenweise ein wenig zu pathetisch inszeniert ist.

7/10 Kreuzen (bitte in einer Reihe aufstellen und jeder nur ein Kreuz)

Nach Inception ist es übrigens der zweite Film an diesem Tag, in dem Pete Postlethwaite stirbt. Was sich leider als prophetisch erweisen sollte, da dieser tolle Schauspieler kurz darauf wirklich gestorben ist.

 

Das Cinemaxx ist von den FFF Kinos, die ich kenne, (Frankfurt und Köln) das schlechteste, mit der geringsten Atmosphäre. Es hatten übrigens nicht nur Filme Premiere, sondern auch die renovierte Toilette; was kräftig in die Hose ging, da die Klinke der Herrentoilette bei geschlossener Tür abbrach und niemand rein oder raus kam. Ich hatte mich, aufgrund des Andrangs, zum Glück kurz zuvor entschieden, in den Keller aufs Klo zu gehen. Puh Glück gehabt.
In Köln wurde das Festival letztes Jahr ein wenig gestört, weil die Kinderdarsteller aus Die Vorstadtkrokodile zur Filmpremiere kamen. Morgen wird es gestört, weil Angelina Jolie kommt (Deutschlandpremiere von Salt).
Zur Kinosituation schreibe ich mehr, wenn ich in beiden Kinos war und den nervigen Straßenseitenwechsel hinter mir habe.

Edit: Ich bitte meine Ortographie aufgrund der späten Stunde zu entschludigen.

Tag 2
Angelina Jolie habe ich nicht gesehen, dafür bin ich bis auf die Haut durchnässt worden.

14 Blades oder Der grimmige Donnie mit seiner fliegenden Wunderkiste

Der grimmige Donnie ist Donnie Yen, der letztes Jahr mit Ip-Man für Aufsehen sorgte. Die fliegende Wunderkiste ist seine Waffe. Eine Schwertkiste mit 16 Klingen und schlecht computeranimierten Zahnrädern, die immer dann erscheinen, wenn Donnie das Teufelsding, das von einem grausamen Daniel Düsentrieb konstruiert wurde, in Bewegung setzt. Die Story mit ihren Intrigen kann ich hier nicht wieder geben, da ich ihr genauso wenig folgen konnte, wie einigen der Kämpfe. Und das lag nicht an den Untertitel, die schneller über den Bildschirm flogen, als die unzähligen Pfeile. Von rechts nach links lesen ging nicht, man musste die Textzeilen immer gleich als Ganzes erfassen, woran ich mich aber schnell gewöhnt habe.

Im Prinzip läuft die Story so ab: Verschwörer klauen kaiserliches Sigel, getäuschter Supergeneral will es zurückbeschaffen, muss sich dabei mit einer Menge Schurken prügeln und beweist die Gefährlichkeit von angenagten Hühnerbeinen.

Die Kämpfe sind ganz ordentlich animiert und die Bilder sind teilweise richtig schön, einzig die, teils übertriebenen, Computeranimationen stören ein wenig und der asiatische Kitschlevel liegt ziemlich hoch. Insgesamt ein ganz ordentlicher Wuxia-Film mit tollen Kämpfern. Wobei der Film hauptsächlich von Donnie Yen getragen wird. An Meisterwerke wie Hero reicht 14 Blades bei weitem nicht ran und kann auch nicht mit den koreanischen Highlights der letzten Jahre mithalten, aber er unterhält. (Unterhaltsam ist ein Kriterium, das ich beim diesjährigen FFF häufig vorwende. Es soll heißen, auf dem FFF machen diese Filme Spaß, aber auf DVD würde ich sie mir nicht holen)

6/10 ausgewürgten Hühnerknochen

Centurio oder Warum man nicht auf sein Frühstück pinkeln sollte

Ganz Britannien ist von den Römern besetzt. Ganz Britannien? Nein, ein kleines Völkchen namens Pikten, leistet heftigen Widerstand, in der Gegend, die nördlich des späteren Hadrianwalls liegt. Centurion ist ein ziemlich primitiver Film. Im Prinzip ist es Doomsday, nur mit Römern, Pikten und Pferden. Ein echter Männer-Film, in dem Männer noch schwitzen, bluten, kämpfen, Schädel spalten und eben sterben wie echte Männer.
Eine Legion, angeführt von einem General, der eine echte Kampfsau ist (Dominic West, McNulty aus The Wire), zieht aus, die Pikten zu vermöbeln. Natürlich kommt es anders als geplant, die Legion wird massakriert und nur sechs Soldaten überleben. Weit hinter den feindlichen Linien, unbarmherzig gejagt, müssen sie sich durch die Wildnis schlagen. Verfolgt werden sie unter anderem von einer Frau (Olga Kurayenko), die kämpft, als wäre sie als Kind in den Zaubertrank gefallen.

Der Film hat beeindruckende Bilder zu bieten, ebenso wie spektakulär inszenierte Kämpfe, die für meinen Geschmack aber schon zu brutal sind, was von Neil Marshall allerdings nicht anders zu erwarten war und zum Festival passt. Dagegen sieht Gladiator wie ein Kindergeburtstag aus.
Primitiv, aber wie könnte es anders sein – unterhaltsam.

7 von 10 durchbohrten Augen

Den Bericht zu Monsters schreibe ich morgen. Da bin ich jetzt zu müde für. Kann aber schon verraten, dass der Film das erste Highlight des Festivals ist und mehr als nur unterhält.

Monsters oder Tentakelliebe

Vorweg: Monsters ist ein Roadmovie, bei dem die Aliengeschichte eher im Hintergrund steht.
Vor 6 Jahren ist eine Raumsonde mit Alienproben in New Mexico abgestürzt. Die Proben haben sich zu riesigen Ten2takelaliens entwickelt, die wie aus »Liebling, wir haben ein Riesen-Elefanten-Kraken-Baby wirken. Sie haben sich rasch ausgebreitet, und so wurde ein riesiger Streifen zwischen Mexiko und den USA zur infizierten Quarantänezone erklärt, und aus dem Grenzzaun wurde eine riesige Mauer.

Durch eben jene Zone müssen die beiden Hauptdarsteller reisen. Er ist ein Fotograf, der die Tochter seines Chefs sicher nach Hause eskortieren soll. Genau daraus entwickelt sich ein Roadmovie mit leisen Tönen, in dem die beiden Hauptdarsteller und ihre, sich entwickelnde, Beziehung im Vordergrund stehen. Dabei reisen sie durch ein zerstörtes Gebiet, das vor allem durch die Bomben des Militärs verwüstet wurde, und weniger durch die Aliens.

Monsters ist ein sehr schöner Film, der fast immer die richtigen Töne trifft. die Spezialeffekte sind so geschickt eingesetzt, dass man das niedrige Budget gar nicht bemerkt. Mit Actionkrachern wie District 9 oder Cloverfield hat der Film nicht viel gemein. Von Stimmung und Tempo erinnert er dann eher an Moon. Wobei der Film auch ganz ohne Aliens funktionieren würde. Der Film spielt sicher auch auf die Situation der illegalen Immigranten und den Grenzzaun an, rückt aber auch dies nie in den Vordergrund. Die Grundstimmung ist melancholisch, die Aliens sind nicht wirklich feindselig. Sie erinnern eher an Wale, die durch den Himmel streifen.

Im Kino war auch der Regisseur Gary Edwards, der im Anschluss einige Fragen zum Film beantwortet hat. Er kam sehr sympathisch und witzig rüber. Das Drehteam bestand aus den beiden Hauptdarstellern, dem Regisseur/Kameramann, dem Produzenten und einem Übersetzer. Zusammen sind sie in einem Van die Reise der Hauptfiguren abgefahren und haben vor Ort mit Laien gedreht, die sich dazu überreden ließen. Es gab keine Sets, die dekoriert wurden, man nahm alles so, wie es war auf. Sämtliche Spezialeffekte wurden im Nachhinein mit dem Computer ergänzt. Die Postproduktion fand übrigens in Berlin statt, wo die eindrucksvollen Soundeffekte entstanden.
Auf die Frage, was der Film gekostet habe, antwortete Edwards: »Ich weiß es nicht. Hat man mir nicht gesagt.«

Ich hätte nicht gedacht, dass aus einem Roadtrip mit zwei Schauspielern, einem Tonmann und einem Regisseur mit Kamera so ein eindrucksvoller Film entstehen kann. Die Bilder die Edwards gedreht hat, sind einfach wunderschön.
Hier gibt es die Q&A Session mit dem Regisseur als Videopodcast: http://www.f-lm.de/2010/08/19/infected-zone/
Und ein Fazit von Jörg Buttgereit und Jochen Werner: http://www.f-lm.de/2010/08/19/illegal-aliens/

Aktueller Nachtrag (2015): Für Regisseur Gareth Edwards war dieser Film der Sprung nach Hollywood. Inzwischen hat er einen ganz ansehnlichen Godzilla gedreht und wird einen der kommenden Star-Wars-Filme machen.

Little Big Soldier oder Ein Film gegen die Wehrpflicht

Heute gab es nur einen Film für mich. Dafür hat mich Ralf alias Lapismont begleitet. Vor Beginn des Films hat mich Ralf darüber informiert, dass er noch nie einen Jackie-Chan-Film gesehen hat. Uff. Das hat mich erst mal sprachlos zurückgelassen. Für mich war Jackie Chan genauso ein Held meiner Kindheit wie Bud Spencer, Terence Hill und Otto der Außerfriesische. Ralf meinte, die Trailer hätten ihn nie angesprochen. Na, das kann ja was werden, dachte ich.
Ich glaube Ralf hat von allen im Kino am lautesten gelacht. Bildungslücke behoben, Mission Accomplished.

Der Film spielt, kurz bevor Kaiser Quin die sieben Reiche zu dem Kaiserreich China vereint (siehe Hero: Alle Reiche unter einem Himmel). Jackie Chan versucht alles, um Kämpfe zu vermeiden, was gar nicht so einfach ist, wenn man Soldat ist. Doch der einfallsreiche kleine Soldat hat die Kampfvermeidung zur Kunst entwickelt. Nach einer Schlacht, in der um die 3000 Soldaten sterben, ist er der einzige Überlebende. Mit Ausnahme des gegnerischen Generals, den Jackie prompt als Geisel nimmt, in der Hoffnung, dass er als Belohnung aus der Armee entlassen wird. Mit dem widerspenstigen General im Schlepptau (im wahrsten Sinne des Wortes) stolpert er von einem Kampf in den nächsten.

Der Film bietet eine Menge Slapstickkomik, wie man sie aus Chans besten Zeiten kennt, wobei er aber dieses Mal nicht wirklich kämpft, sondern versucht es zu vermeiden, was aber zu ähnlich kuriosen und artistischen Einlagen führt. Der Film hat einige urkomische Szenen, ein gut aufgelegten Jackie Chan, ist niemals zu albern und hat auch einen ernsten Unterton. Nachdem Chan im letzten Jahr in einer ernsten Rolle im tragisch düsteren Drama Shinjuku Incident überzeugen konnte, überzeugt er dieses Jahr in einer fast gewohnten Rolle.

8 von 10 Fingern in der Wunde

Freitag lege ich eine FFF-Pause ein, bevor es am Samstag mit 4 Filmen weitergeht.

Der Samstag oder Vier Filme am Stück, inklusive Kinowechsel. Wie schafft man da eine Pinkelpause?

Stranded oder Langeweile im Sandkasten

Der Film ist so langweilig, dass ich nicht viele Worte darüber verlieren möchte.
Algerien in den 60er Jahren: Eine Gruppe französischer Soldaten soll einen Koffer in der Wüste finden, geraten an Rebellen, suchen Zuflucht in einem Dorf und bekommen es mit Djinns zu tun.
Diese Djinns sind die so ziemlich lahmsten Filmmonster, die mir je untergekommen sind. Sie machen nichts anderes, als auf allen Vieren rumzukrabbeln. Dabei manipulieren sie die Psyche ihrer Opfer.
Ich hatte einen Gruselschocker erwartet. Aber der Film versucht sich als psychologischer Horrorfilm, der an keiner Stelle funktioniert. Laaaaaangweilig.

4/10 Punkten (der Film war langweilig und nichtssagend, dass mir hier nichts Passendes einfällt)

The Wild Hunt oder Von der Gruppendynamik des Rollenspiels

Eine Gruppe Liveactionrollenspieler trifft sich in den Wäldern, um dort ein Wochenende mit Spiel, Spaß und Spannung zu verbringen. Während sein großer Bruder Björn sich dem Ganzen mit an Fanatismus grenzender Leidenschaft widmet, kann Erik mit dem Kram nichts anfangen. Fährt aber in die Wälder, um seine Freundin zurückzuholen, die sich bei LARPen dem Eskapismus hingibt. Was als spaßiges Rollenspielspektakel beginnt, gerät bald außer Kontrolle.
Ich bin ein wenig überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass der Film ein so hartes Sozialdrama ist. In der ersten Hälfte wird die Rollenspielgemeinschaft liebe- und humorvoll dargestellt. Dafür wurde ein aufwendiger Mittelalterset in den Bergen Kanadas geschaffen. In der zweiten Hälfte zeigt der Film, wie sich aus einem wilden Rollenspielabend eine aggressive Gruppendynamik entwickelt, die in einer Tragödie endet.
Der Rollenspielteil ist wirklich toll inszeniert. Aber Zuschauer, die davon keine Ahnung haben, können mit Film vermutlich nicht viel anfangen.
Mir hat er richtig gut gefallen. Der Film kommt mit einer emotionalen Wucht daher, die mich nach dem Trailer und der Programmbeschreibung wirklich überrascht hat.

8 von 10 entführten Prinzessinnen.

Tucker & Dale vs. Evil oder Communication Breakdown

Der Hit des Festivals. Der Film hat den Saal zum Toben gebracht. Der große Kinosaal im Sonycenter war in der Wiederholung komplett ausverkauft.
Tucker und Dale sind zwei freundliche aber schüchterne Hillbillys, die sich eine Ferienhütte am See gekauft haben, um dort in Ruhe entspannen zu können. Wenn da nur nicht die durchgeknallten Collegekids wären, die wie aus dem Nichts kommen, um sich auf Tucker und Dales Grundstück umzubringen.
Diese Collegekids haben offensichtlich zu viele Backwoodslasher gesehen und halten Tucker und Dale für Psychokiller. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und einiger Kommunikationsprobleme bringen sich die Kids versehentlich und auf äußerst blutige Weise selbst um. Wobei es so aussieht, als wären Tucker und Dale dafür verantwortlich.

Der Film hätte ziemlich albern werden können. Ist er aber nicht. Denn er hat ein gutes Drehbuch, eine solide Regie und zwei hervorragende Hauptdarsteller, die als Hillybillys eine Offenbarung sind. Aus Tucker und Dale sollte man unbedingt eine Serie machen. Die Situationskomik zwischen den Beiden ist zum urkomisch. Tyler Labine (Reaper) und Alan Tudyk (Firefly) liefern eine Mordsleistung, die den Film über alle andern Genrekomödien der letzten Jahre hebt. Für solche Filme wurde das Fantasyfilmfest erschaffen.

10/10 in Häcksler springende Collegboys (wobei es 2 Punkte Festivalbonus gibt. Das ist ein Partyfilm)

Black Death oder Bringt eure Toten raus
Mehr dazu morgen.

Wenn ich mir so die ganzen Reviews, unter anderem bei http://f3a.net/ , anschaue, sind mir wohl leider einige Highlights entgangen. Four Lions soll eine sehr witzige, heftige und bitterböse Selbstmordattentäter-Komödie sein. Auch Kaboom und The Loved Ones kamen fast durchweg gut an. Ebenso wie Two Eyes Staaring, der ein subtiler Gruselstreifen mit guten Plottwists sein soll. Schade, im Nachhinein hätte ich diese Filme gern gesehen. Ich hoffe, sie kommen bald auf DVD raus.

Black Death oder Bringt eure Toten raus

England, ich glaube es war 1348. Die Pest wütet und die Menschen sterben in Massen. Nur ein Dorf, das Abseits in den Marschen liegt bleibt bisher verschont. Da der Bischof Hexerei oder gar Nekromantie vermutet, schickt er einen Trupp harter Burschen, angeführt von Sean Bean, um der Sache auf den Grund zu gehen. Geführt werden sie von einen junge und verliebten Mönch. Mehr will ich gar nicht über den Inhalt verraten. Es kommt teils anders, als man denkt.

Von der Ausstattung und den Kämpfen erinnert der Film ein wenig an Centurion. Die Kämpfe sind ebenso brutal, aber viel seltener. Sean Bean, der aussieht wie Boromir, ist im Auftrag des Herrn unterwegs und lässt es richtig krachen. Im Gegenteil zu Centurion hat der Film eine gute Story und geht auch moralische und theologische Fragen an. Hätte ich von Regisseur Christopher Smith (Creep, Severance) gar nicht erwartet. Smith war auch anwesend und hat ein wenig von den Dreharbeiten in Ostdeutschland erzählt.

Mir hat der Film gut gefallen, auch wenn es keine wirklichen dramaturgischen Höhepunkte gibt. Die Handlung hat aber ein paar Überraschungen parat, mit denen ich nicht gerechnet habe. Ein schön gemachter Mittelalterfilm, der weitaus realistischer daherkommt als der fantastische, computergenerierte Solomon Kane.

7 von 10 heiligen Handgranaten von Antiochia (wobei der Film ziemlich humorlos und grimmig ist)

Chatroom oder Breakfast Club im Internet und in böse

Es geht um fünf Teenager aus Chelsea (warum muss ich da nur an Elvis Costello denken), die sich in einem privaten Chatroom im Internet treffen und über ihre Probleme diskutieren. Der Film basiert auf einem Theaterstück, und das merkt man ihm auch an. Gute Dialoge, ausgearbeitete Figuren und kammerartige Darstellung. Das Chatten im Internet wird so visuell dargestellt, wie vermutlich auch in dem Theaterstück. Der Chatroom ist ein tastsächlicher Raum, der in einem schäbigen Hotelflur liegt, dessen Türen zu den unterschiedlichsten Bereichen des Internets führen. Die Figuren zeigen sich dort so, wie sie sich im Netz eben ausgeben. Das kann teil erheblich von der Realität abweichen, aber der wahre Charakter blitzt immer wieder durch. Ein Pädophiler erscheint als Schulmädchen, verliert aber zwischendurch die Form und wird zum alten Sack.

Für den bösen dramatischen Handlungsverlauf gebe ich nur ein paar Stichworte: Antidepressiva, Familiendrama, Neid, Manipulation und Selbstmordclubs.
Der Film ist bei vielen Zuschauern nicht gut angekommen, aber ich finde ihn Klasse. Gerade, dass die Darstellung des Internets, ganz ohne irgendwelchen Cyberkram, etwas altbacken wirkt, macht sie für mich glaubhafter. Darüber ob die Handlungen der Figuren immer glaubhaft sind, kann man streiten, aber im Gesamten funktioniert es gut. Handwerklich und visuell ist der Film super gefilmt. Für einen großen Lacher sorgte ein »Gastauftritt« von Angela Merkel

8 von 10 Aspekten einer verwundeten Persönlichkeit

Ich hinke etwas hinterher. Habe schon The Ape (Gurke) und Tetsuo (Enttäuschung) gesehen. Mehr dazu morgen.

The Ape oder A Day In The Life of Larry Langweilig

Die Filmbeschreibungen im Programmheft erinnern mich an Comical-Alis Ausrufe im Fernsehen, man werde die amerikanischen Teufel vernichten, während im Hintergrund schon amerikanische Panzer rumfuhren. Ich traue den Beschreibungen so sehr, wie dem gerissensten Gebrauchtwagenhändler. Aber ein Satz aus der Beschreibung von The Ape trifft es genau auf den Punkt: »-das Grauen enthüllt sich für ihn in nur qualvoller Langsamkeit.« Genauso geht es auch dem Zuschauer. Nur, dass gar nichts enthüllt wird. 80 Minuten qualvolle Langeweile ohne Handlung. Damit ich zumindest ein wenig Spaß mit dem Film habe, versuche ich mich mal an einer Rezension im Stile der Programmbeschreibungen.

Wie auf einer nuklearen LSD-Rakete reitend, mit dem Aussehen eines durch Genexperimente zum Hulk mutierten Helge Schneiders, dabei das Schlumpflied pfeifend und die Welt mit höhnischem Lachen verachtend. Ein Villa-kunterbuntes Schweden, in dem der Wahnsinn Stepp tanzt, Astrid Lindgren als Zombie die Straßen den Wachturm verteilt und der Ikea Markt von neben an, ein Todesparcours ohne Überlebenschance ist und dessen Endgegner Kleiner Onkel und Herr Nilson heißen. Spezialeffekte, die grobe Körner auf die Gehirne der Zuschauer schießen, bis diese sich einnässen und den Nachbarn nach ner Mark fragen. Mindfucks, die jedes Präservativ zum Schmelzen bringen und die virale Frucht der Erkenntnis in jeden Verstand einbrennen, der auch nur in die Nähe des Kinos kommt.

All das gibt es in diesem Film nicht zu sehen. Stattdessen folgt einer mit einer Handkamera dem Protagonisten Krister, der mit dem Fahrrad in die Werkstatt fährt, sein Auto abholt, Fahrunterricht gibt, durch die Gegend latscht, im Baumarkt einkauft, Tennis spielt, duscht, seine Mutter besucht, durch die Gegend latscht, Carrera-Autos fahren lässt, noch mehr durch die Gegend latscht, ins Krankenhaus geht und Schluss.
Wer den letzten Satz gelesen hat gelesen, kann sich den Film sparen. Ach ja, Krister ist auch noch ein Kotzbrocken.

Mir ist in meiner gesamten ca. 25jährigen Kinogängerkarriere noch nie der Gedanke gekommen, das Kino frühzeitig zu verlassen. Insofern war The Ape eine Premiere. Ich blieb aber, weil ich doch wissen wollte, wie das Ganze aufgelöst wird. Also ertrug ich die quälende Langeweile, nur um zu erfahren, dass gar nichts aufgelöst wird.
Ups, jetzt hat der schlechteste Film den längsten Text bekommen.

1 von 10 durchgelatschten Gegenden

Tetsuo: The Bullet Man oder BAM BAM BAM. BAM BAM BAM. BAM BAM BAM BAM

Ist für mich die Enttäuschung des Festivals. Die beiden Vorgänger, von vor ca. 20 Jahren, waren damals echte Knaller. Extrem, radikal, experimentell, visuell beeindrucken und verstörend. Filmerlebnisse, wie man sie bis dato noch nicht gesehen hatte. Leider weiß The Bullet Man den beiden Vorgängern nichts Neues hinzuzufügen. BAM BAM BAM Dabei beginnt er noch recht vielversprechend, aber leider ist der Höhepunkt schon nach 10 Minuten erreicht. Ab da kopiert sich Tsukamoto nur noch selbst. Der Versuch eine Story einzubauen scheitert total. Tetsuo sieht aus wie eine zerknautschte Mülltonne und der Film wirkt technisch wie auf dem Stand der 80er Jahre. Einzig die Musik (Industrial-BAMBAMBAM) hat mir gefallen. Im Abspann gibt es übrigens einen, eigens für diesen Film komponierten, Song von Nine Inch Nails alias Trent Reznor.

3/10 Blindgängern BAM BAM BAM

Der Festivaltag hat sich nicht gelohnt. The Ape war eine spontane Entscheidung, weil ich zwischen einem Unitermin und Tetsuo noch Zeit hatte. Ich hätte mich auf mein erstes Gefühl verlassen sollen. Aber, je ne regrette rien. Gurken gehören beim Filmfest auch dazu. Sie sollten sich nur nicht häufen.
Morgen gibt es die Besprechungen zu Outrage (gut) und Amer (brilliant und ätzend zu gleich).

Outrage oder Intrigenstadl im Yakzuland

Der Film war so gut wie ausverkauft. Hätte ich nicht erwartet.
Takeshi Kitanos Filme zeichnen sich meist durch eine warmherzige Geschichte, poetische Bilder, stimmungsvolle Musik, schrägem und subtilem Humor und oft auch extreme Gewaltausbrüche aus. In Outrage beschränkt er sich auf Gewalt und Humor. Wobei der Film nicht nur aus Gewalt besteht. Es geht um den Intrigenstadl bei der Yakuza. Verschiedene Gruppierungen (Clans/Familien) versuchen sich gegenseitig auszuspielen und umzubringen. Erstaunlichweise schafft es der Film dabei auch noch, witzig zu sein. Der Film zeigt wie mächtig und präsent die Yakuza in der japanischen Gesellschaft sind. Ein guter und unterhaltsamer Film.

7 von 10 Zahnvorsorgeuntersuchungen

Amer oder knirsch, knarz, stöhn

Mich hat der Film zwiespältig zurückgelassen. Stilistisch ist er brilliant inszeniert. Vor allem die erste Episode. Aber danach ging mir das ewige Knarzen, Knirschen, Atmen, Keuchen, Türrenknallen usw. tierisch auf die Nerven. Wie gesagt, die stilistische Inszenierung mit Ton und Bild ist brilliant, trägt den Film aber für mich nicht über die gesamte Länge. Das ist mehr eine Spielerei als ein Film. Denn wirklich was zu erzählen hatte er nicht.

Amer wirkt für mich wie eine stilistische Fingerübung, die aber nichts zu erzählen hat und nicht über Spielfilmlänge funktioniert. Mein letzter Giallo ist über 10 Jahre her, deswegen weiß ich gar nicht mehr, ob es ein Markenzeichen dieser Filme ist, keine Handlung zu haben.

Sicher, der Film ist ein Erlebnis für die Sinne, aber die waren bei aber bald genervt.
Ist für mich nicht bewertbar.

22 Bulletts oder The Jean Reno Kick Ass Movie

Der Film ist ein harter französischer Rache Thriller, der nichts wirklich Neues zu bieten hat, aber trotzdem Spaß macht. Charly ist ein alternder Mafiapate, der alten Schule (keine Drogen, Frauen und Kinder bleiben unversehrt), der sich zurückgezogen hat, um
sich ganz seiner Familie widmen zu können. Da wird er von 22 Kugeln getroffen, überlebt und beginnt einen Rachefeldzug, bei dem ihm auch alte Freunde in den Weg kommen. Die Stärke des Films ist neben der Action, die glaubhafte Zeichnung der Figuren, die zwar ein paar Klischees bedient aber trotzdem funktioniert. Jean Reno spielt so gut wie immer und auch Kad Merad (der Postbote aus Wilkommen bei den Schtiss) liefert eine gute Vorstellung als cholerischer und hypochondrischer Gangsterboss ab.
Ein schöner altmodischer Actionthriller, der auf hohem Niveau inszeniert wurde. (Warum kriegen die Deutschen so was nicht hin?)

8 von 10 Kugeln im Ziel

Rubber
Why should you like this movie?
No reason.
9 von 10 verliebten Autoreifen

Four Lions

Den habe ich jetzt nachträglich auf DVD gesehen. Ich nehme mal an, dass er in einem vollbesetzten Kino noch witziger wirkt. Ich musste zwar einige Male über die strunzdoofen Attentäter lachen, aber es fehlte die FFF-Atmosphäre.
Deswegen bekommt er von mir nur 7 von Angriffen auf die britische Nahrungskette.

Fantasy Filmfest 2015 – Kurzkritiken (2/2)

Hier die restlichen 8 Kurzkritiken. In den nächsten Tagen folgt noch ein abschließender Bericht mit Fazit zum Filmfest.

Sweet Home

Spanischer Beitrag zum Thema Gentrifizierung. Die junge Maklerin? Alicia inspiziert ein altes, heruntergekommenes Haus, in dem nur noch ein alter, nicht ganz so heruntergekommener störrischer Mann die Stellung hält. Warum Alicia auf die Idee kommt, ihrem englischen Freund zu dessen Geburtstag in dieser Bruchbude ein romantisches Schäferstündchen zu inszenieren, kann man wohl nur verstehen, wenn man in der Immobilienbranche tätig ist und dadurch einen speziellen sexuellen Fetisch für Wohnobjekte entwickelt hat. Jedenfalls stecken die beiden bald in der Falle, als böse, verkommene Gentrifizierer in das wie eine Festung verriegelte Haus eindringen (sie haben einen Schlüssel) und Jagd auf die beiden machen.

Sweet Home ist ein durchaus ansehnlicher und spannender Home-Invasion-Thriller, der aber zu keinem Zeitpunkt die Klasse und Kreativität von z. B. You’re Next erreicht. Der Reiz liegt darin, wie es der toughen Heldin gelingt, auf diesem begrenzten Raum dem übermächtigen Bösewicht zu entkommen. Da fiebert man durchaus mit.

Body

Die Story dieses nur 75-minütigen Films hätte man auch in eine 40-minütige Folge von Law and Order packen können. Drei junge Frauen lassen es in der Villa eines reichen Onkels krachen, bis unerwartet ein Mann auftaucht und alles furchtbar schiefgeht. Plötzlich stehen die drei jungen Damen vor den Scherben ihres zukünftigen Lebens und müssen einige schwerwiegende moralische Entscheidungen treffen. Ohne zu viel zu verraten, sie treffen natürlich immer die schlechteste Entscheidung.

Gelangweilt habe ich mich jetzt nicht wirklich während des Films, aber insgesamt ist er doch zu unspannend und undramatisch geraten. Da wäre mehr dringewesen.

Deathgasm

Ein jener typischen Fantasy-Filmfest-Crowdpleaser, die in jedem Jahrgang ein bis zweimal vorkommen (der zweite dieses Jahr ist wohl Turbo Kid). Damit sind vor allem Splatterkomödien gemeint, die in der besonderen Festivalatmosphäre doppelt so viel Spaß machen, als wenn man sie allein zu Hause vor dem Fernseher schaut. An Tucker and Dale vs. Evil reicht er nicht ganz heran, ich würde Deathgasm eher knapp über My Name is Bruce ansiedeln. Wenn man Metal-Fan ist, macht es sich er noch mehr Spaß.

In dem neuseeländischen Film geht es um einen Jugendlichen Metalhead, der unfreiwillig in der Spießerfamilie seines Onkels landet, an der neuen Schule einiges Mobbing aushalten muss, und sich rächt, in dem er eine satanische Hymne spielt, die all die Spießer und Mobber in von Dämonen besessene Zombies verwandelt. Und hier kann jetzt der durchaus einfallsreiche Splatterspaß losgehen. Wobei er das Splattergenre auch nicht neu erfindet. Die große Stärke des Films ist der Underdog-Humor bezogen auf die Subkulturen der Metaller und Rollenspieler.

Hätte ich den Film zu Hause vor dem Fernseher gesehen, hätte er mich vermutlich gelangweilt, aber auf dem Fantasy Filmfest war er ein großer Spaß mit nur leichten Abstrichen.

Ava’s Possessions

Was passiert eigentlich, wenn der Exorzismus gelungen und die Besessene wieder frei von Dämonen ist? In der Regel der Abspann, in diesem Fall geht der Film aber erst los. Ava war über Monate von einem Dämon besessen, hat so allerlei angestellt, kann sich aber an nichts mehr erinnern. Als sie wieder zu sich kommt, lautet ihre erste Frage an die Familie, ob jemand sie bei ihrem Arbeitgeber krankgemeldet habe. Das betretene Schweigen spricht Bände. Und so versucht Ava die Scherben ihrer Existenz wieder zusammenzusetzen, begibt sich auf die Suche nach den verlorenen Erinnerungen und muss an einer Selbsthilfegruppe für ehemalige Besessene als Teil einer Gerichtsauflage teilnehmen, um nicht im Gefängnis zu landen. Denn ihr Dämon ließ sie nicht nur Dinge, sondern auch Menschen beschädigen. Ja, in Avas Welt ist es offiziell anerkannt, dass Menschen von Dämonen besessen werden können. Was dem Film eine wunderbare Prämisse liefert.

Aufgrund dessen, was ich im Vorfeld so von dem Film mitbekomme habe, war er für mich die potenzielle Festivalgurke, um so überraschter war ich dann, wie gut er mir gefallen hat.

The Invitation

David fährt mit seiner Freundin zu einer Einladung bei seiner Ex-Frau Eden und ihrem neuen Freund, die nach zwei Jahren Abwesenheit alle alten Freunde zu sich eingeladen haben, in genau jenem Haus, in dem Davids und Edens Sohn gestorben ist. Zu einem also oberflächlich betrachtet lockeren Dinnerabend wird jede Menge Ballast mitgebracht. David ist von Anfang an misstrauisch, während sich alle anderen verhalten, als wäre alles wie immer.

Mehr will ich gar nicht verraten. The Invitation ist ein kleines aber feines Drama über Tod, Trauer und wie unterschiedlich man damit umgehen kann. Die Konflikte zwischen den Figuren sind gut ausgearbeitet. Die unangenehmen Vorfälle, die andeuten, dass etwas nicht stimmt, sind geschickt eingeflochten, wobei relativ früh (ab der Videopräsentation) klar ist, wie der Hase läuft. Der Film ist also recht vorhersehbar, mich hat aber die konsequente misstrauische Griesgrämigkeit Davids bei der Stange gehalten. Die große Überraschung, die ich im Vorfeld erwartet hatte, bietet der Film nicht, aber sehenswert ist er durchaus.

The Pack

Tierhorror mit einer wildgewordenen Hundemeute die im australischen Outback eine Familie auf ihrer Farm terrorisiert. Im Prinzip ein Home-Invasion-Film nur mit Tieren statt Menschen als Täter. Wobei die Hunde sich viel zu sehr wie Menschen verhalten. Wenn sich die Protagonisten in Nischen, in Schränken und einfach um die Ecke verstecken, laufen die Hunde ahnungslos an ihnen vorbei, ohne sie zu riechen oder etwas zu hören, obwohl sie doch deutlich bessere Sinne haben sollten, als eben Menschen. Handwerklich ist der Film solide und zumindest halbwegs spannend erzählt, die Hauptfiguren sind gut ausgearbeitet und die Hunde wirken zumindest in der Nahaufnahme relativ bösartig. Der Schrecken geht allerdings ein wenig verloren, wenn sie angreifen, dann sieht man meist nur ein wenig schwarzes Fell durch die Wackelkamera herumzucken. Der Film hat nichts, was man nicht schon anderswo besser gesehen hat und bleibt für einen Tierschocker auf dem Fantasy Filmfest zu harmlos. Trotzdem ist es ein ganz solider Film, den man sich ansehen kann, wenn man (wie ich) sonst nichts Besseres vorhat.

Yakuza Apocalypse

Die meisten (der zahlreichen) Zuschauer haben den Film vermutlich als absurdes Trashfeuerwerk wahrgenommen, ich habe allerdings eine bitterböse Groteske gesehen, in der die Yakuza und deren Verflechtung in der Gesellschaft lächerlich gemacht wird; also ein durch und durch sozialkritischer Film mit Elementen des absurden Theaters und japanischer Folklore. Die Yakuza sind Vampire (im Film gibt es tatsächlich Yakuza-Vampire), die der Gesellschaft das Blut aussaugen. Doch wenn, wie im Film, plötzlich jeder (also auch das Schulmädchen und die Krankenschwester) zu Yakuza-Vampiren werden können und damit auch zu Yakuza, verlieren die Yakuza ihren Sinn.

Stellenweise ist der Film von Takashi Miike etwas zu lang geraten, man merkt ihm auch das geringe Budget an, aber dafür ist das Froschmonster (im Stoffkostüm mit Pappmascheekopf) – der Welt bester Superterrorist – schon eine coole Sau.

Momentum

Südafrikanischer Bankraub/Agenten-Film, in dem die hübsche Bankräuberin nach getaner Arbeit von bösen aber charismatischen Killern gejagt wird. B-Movie-Action, die aber ausgezeichnet gefilmt ist, viel Selbstironie mitbringt und mit den typischen Klischees so übertrieben spielt (wie der blonde, grimmige deutsche Killer), dass es richtig Spaß macht. Kam beim Publikum in der Nachtvorstellung gut an und erhielt sogar stellenweise Szenenapplaus, was ich in diesem Jahr nur bei wenigen Filmen erlebt habe.

Fantasy Filmfest 2015 – Kurzkritiken (1/2)

An meinen 4 Tagen auf dem Filmfest habe ich 16 Filme gesehen. Darunter keine Gurke, nur hier und da etwas Mittelmaß. Hier die ersten 8 von 16 Kurzkritiken (ein abschließender Bericht folgt auch noch):

The Connection (Le French)

Erzählt die französische Seite der French Connection im Marseille der 70er Jahre, ist aber weitaus eleganter und ruhiger inszeniert, als der Film mit Gene Hackmann. Sehr aufwendig und stilsicher, mit Jean Dujardin und Gilles Lellouche als Ermittlungsrichter und Drogenbaron perfekt besetzt. Ist auch eine Hommage an den Poliziotteschi, manche Kamerafahrten erinnern auch an Goodfellas. Soll auf wahren Begebenheiten basieren.War für mich ein wunderbarer Auftakt zum Fantasy Fimfest 2015. Auf die Franzosen ist Verlass, vor allem wenn es um Thriller geht.

Maggie

Sehr langsames und ruhiges Vater/Tochter-Drama, in dem es um eine mit einem Zombievirus infizierte Tochter geht, deren Vater ihr die letzten Tage vor der endgültigen Verwandlung so schön wie möglich gestalten möchte. Hier gibt es keinen Splatter und keine Action, sondern ruhige Einstellungen, familiäre Konflikte und großes Drama, mit hervorragenden Darstellern. Wobei Schwarzenegger jetzt – anders als man vielerorts hört und liest – nicht zum Charakterdarsteller mutiert ist. Der Regisseur versteht es einfach, ihn in einzelnen Einstellungen gut in Szene zu setzen. Pro Einstellung gibt es von ihm auch nur eine Gefühlsebene, aber keine Veränderung und auch keine längeren Dialoge. Den stoischen, wortkargen Farmer spielt Schwarzenegger aber trotzdem ganz gut. Ein Film, den viele als langweilig empfinden könnten, ich fand ihn ganz gut, wobei er dem Genre auch nichts Neues hinzufügt.

Tale of Tales

Opulente und bildgewaltige Verfilmung dreier Märchenepisoden (als Vorlage diente eine obskure italienische Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert), die lose miteinander verknüpft sind. Es geht und Könige und Königinnen, die aufgrund ihrer Entscheidungen in recht absurde Situationen geraten. Es gibt Seemonster, Riesenflöhe, Oger, entführte Prinzessinnen, einen geilen König, der allem nachstellt, was zwei Brüste hat und, und, und … Mit Darstellern wie Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilley ist der Film hervorragend besetzt. Von der Machart her erinnert er ein wenig an The Fall, allerdings fehlt ihm dessen Dynamik. Durchaus sehenswert, aber der letzte Funke wollte bei mir nicht so recht überspringen.

Night Fare

Und noch ein sehenswerter französischer Thriller. Zwei junge Freunde (mit einem düsteren Geheimnis) ziehen durch Paris, fahren mit einem Taxi, bescheißen den unheimlichen Fahrer und werden fortan von ihm verfolgt. Der stellt sich schnell als Psychopath raus, dessen Weg mit Leichen gepflastert ist. Knallharter und spannend inszenierter geradliniger Thriller … aber halt – aufgepasst! Es gibt einen netten Twist (den manch einer als hanebüchen empfinden wird), der die Geschichte plötzlich in eine ganz andere Richtung lenkt. Ich habe den Film in der Nachtvorstellung gesehen. Auf dem Heimweg vom Sonycenter zu meinem Hotel (10 Minuten zu Fuß) bin ich doch sehr froh gewesen, dass in Berlin keine schwarzen Taxis unterwegs waren.

Kung Fu Killer

Laut Ankündigung sollte er in der Originalfassung in kantonesisch (spielt größtenteils in Hongkong) und Mandarin (teils auch in Macau) laufen, gezeigt wurde aber dann eine englisch synchronisierte Fassung mit englischen Untertiteln! Die Synchro war richtig schlecht, es gab gefühlt einen Sprecher für alle Rollen, der auch nur einen grimmigen Tonfall draufhatte. Der Humorfaktor des Films lag vor allem in den inhaltlichen Unterschieden zwischen Synchro und Untertitel. Der Held sagt: »It’s possible«, im Untertitel steht: »it’s impossible«. Das sorgte für einige Lacher.
Das alles hat dem Film nicht geschadet, da es zu den hölzernen bis total übertriebenen Darstellern passt (Letzteres gilt vor allem für den debil grinsenden Bösewicht). Die ernsten Momente wirkten unfreiwillig komisch und eher peinlich, wie aus einem schlechten C-Movie.
Aber auch das hat dem Film nicht geschadet, denn in einen Film namens Kung Fu Killer (bzw. Kung Fu Jungle) mit Donnie Yen geht man nicht, weil man geschliffene Dialoge und elegante Arthouse-Inszenierung sehen will. Da geht man wegen der Klopperei rein. Und die ist erstklassig inszeniert. Es geht um einen Kämpfer, der alle anderen guten Kämpfer besiegen und töten will (»Martial Arts is about killing«), um dann selbst der beste Kämpfer zu sein (warum auch immer). Und so kloppt er sich von einem zum anderen und am Ende (aber auch zwischendurch schon ein wenig) eben gegen Donnie Yen.
Wie schon erwähnt, als Film grottig, als Klopperei (die eine Hommage an das Actionkino aus Hongkong sein soll – es gibt ganz viele Cameos von alten und nicht ganz so alten Actionstars) aber gut gemacht.

Shrew’s Nest (Musaranas)

Mein persönliches Highlight des Festivals (dabei wollte ich den Film erst gar nicht sehen).

Was vor einige Jahre noch Frankreich für das Horrorgenre war, ist inzwischen Spanien: eine Instanz, wenn es um kleine, fiese aber auch hochklassig inszenierte Filme geht. Shrew’s Nest bildet da keine Ausnahme.

In den 50er Jahren lebt Montse – die jahrelang unter ihrem tyrannischen und tief religiösen Vater leiden musste – mit ihrer 18-jährigen Schwester in einer Wohnung, aus der sich Montse seit Jahren nicht mehr rausgetraut hat. Das Verhältnis der beiden ist angespannt, die jüngere Schwester möchte das Leben genießen und trifft sich mit einem Jungen, was Montse, die sich hier als Sittenwächterin und Zuchtmeisterin aufspielt, weil sie Angst hat, ihre Schwester zu verlieren, gar nicht gefällt. Der Konflikt der Schwestern kann auch schon mal in blutigen Handgreiflichkeiten enden, aber irgendwann vertragen sie sich wieder und leben weiter in dieser ungesunden Symbiose. Bis eines Tages der attraktive Nachbar von oben, die Treppe runterstürzt und vor Montses Wohnung landet. Die einsame Frau pflegt ihn dann in bester Misery-Manier, bis die Sache schließlich völlig aus dem Ruder läuft.

Trotz des blutigen Finales ist das Kammerspiel Shrew’s Nest vor allem großes Schauspielkino. Luis Tosar spielt den tyrannischen Vater mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Das große Highlight des Films ist aber Macarena Gomez als Montse. Sie schafft ausgezeichnet, die Balance zwischen der Zerbrechlichkeit dieser von Leid und Angst geprägten Frau und dem schleichenden, gewalttätigen Wahnsinn, der mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben einhergeht, zu halten.

Rabid Dogs

Französisch/kanadisches (spielt wohl in Quebec) Remake des italienischen Klassikers von Mario Bava. Vier Bankräuber gelingt eine spektakuläre Flucht, in deren Folge sie eine junge Frau und einen Vater mit seiner kranken und schlafenden Tochter als Geisel nehmen. Natürlich überlebt der ursprüngliche Plan den ersten Feindkontakt nicht, und so geht dann einiges in die Hose.

Die anfängliche hektische Flucht ist wirklich spektakulär inszeniert, da hat man als Zuschauer das Gefühl, direkt dabei zu sein. Im Laufe der Geiselnahme verliert der stylisch und atmosphärisch dichte Film ein wenig an Fahrt, was vom überraschenden Finale aber wieder ausgebügelt wird.

Nach den Vorschusslorbeeren hatte ich zwar etwas mehr erwartet, aber auch so gehört Rabid Dogs zu den besten von den 16 Filmen, die ich auf dem Festival gesehen habe. Man sollte von Anfang an auf die Kleinigkeiten achten. ;)

Demonic

Ist Haunted-House-Konfektionsware von der Stange aus der Gruselfabrik von James Wan, der seine Filme immer für ein völlig neues Publikum zu produzieren scheint. Nämlich Leute, die nie zuvor einen Haunted-House-Film gesehen haben, denn er nimmt die immer gleichen Zutaten und setzt mit leichten Variationen wieder zusammen. Dabei ist hier kein schlechter Film rausgekommen – eine Gurke ist Demonic nicht -, sondern einfach unspektakuläres und vorhersehbares Mittelmaß. Ich habe es zwar nicht bereut, den Film gesehen zu haben, aber in Erinnerung wird er mir auch nicht bleiben.

Fantasy Filmfest 2015

Nachdem ich letztes Jahr aus beruflichen Gründen aussetzen musste, werde ich in diesem Jahr wieder das Fantasy Filmfest besuchen. Inzwischen hat man es ja leider auf 12 Tage verlängert, was mir zu lange ist. Deshalb werde ich es nur an 5 Tagen besuchen, und zwar ab Freitag in Berlin.

Leider gibt es auch keine Parallelvorstellungen mehr, sondern nur noch einen Film pro Slot, was die Auswahl leider sehr einschränkt, und blöd ist, wenn ein Film läuft, der mich so gar nicht interessiert. Aber ich habe Flug und Hotel für die 5 Tage schon Anfang des Jahres gebucht, und wusste, dass es ein Glücksspiel wird, welche Filme an diesen Tagen laufen. Da muss ich nehmen, was mir serviert wird.

Genau genommen werde ich auch nur an 4 Tagen das Festival besuchen, da ich Freitag erst um 16.00 Uhr am Flughafen ankomme, dann noch im Hotel einchecken muss und schließlich zu einem Verlagstreffen gehen werde. Je nachdem wann das Treffe zu Ende ist, schaff ich es um 23.00 Uhr vielleicht noch in The World of Kanako, den ich eigentlich sehr gerne sehen würde.

Ansonsten geht das Festival für mich am Samstag um 13.15 Uhr mit dem französischen Thriller The Connection los, der in den 70er Jahren spielt. Thriller aus Frankreich sind eigentlich immer eine Bank, das hat man da einfach drauf. Um 18.00 Uhr geht es dann mangels Alternativen in den Zombiefilm Maggie mit Arnold Schwarzenegger, der mich eigentlich überhaupt nicht interessiert, aber ich habe ja keine Wahl. Danach folgt mit Tale of Tales die Verfilmung eines obskuren italienischen Märchenbands aus dem 17. Jahrhundert. Der Trailer lässt mich etwas ratlos zurück, aber ich bin gespannt. Um 23.00 Uhr folgt mit Night Fare noch ein weiterer französischer Thriller, über eine Nacht, in der für einen Taxikunden alles schief geht. Trailer wirkt ganz nett, ist für mich kein must-see, aber wenn ich schon ein Hotelzimmer in Kinonähe habe, dann nutze ich die Nachtvorstellung auch aus.

Am Sonntag gibt es zwei Filme, die mich wirklich interessieren, die Rachekloperrei Kung Fu Killer mit Donnie Yen und der (Überraschung) französische Thriller Rabid Dogs, der ein stilsicheres und knallhartes Remake des gleichnamigen italienischen Films von Mario Bava sein soll. Wird vom Festival als Centerpiece präsentiert. Eventuell sehe ich mir noch den spanischen Film Shrew’s Nest an, auch wenn mich die Story um religiösen Fanatismus unter Schwestern nicht so interessiert. Die beiden Filme um 20.30 und 22.30 Uhr interessieren mich leider so gar nicht. Weder der gruselige Knetanimationsfilm Possessed aus Spanien, noch der in ersten Kritiken als absolut konventionell und ideenlos bezeichnete Haunted-House-Film Demonic. Da werde ich spontan entscheiden, ob ich noch Lust habe. Aber ich werde wohl kaum was Besseres vorhaben..

Am Montag weiß ich noch nicht genau, welchen der ersten drei Filme ich für eine Essenspause sausen lasse. Der Trailer von Sweet Home (14.45 Uhr), der nach Home Invasion aussieht, hat mich nicht gerade vom Hocker gerissen. Dasselbe gilt für Body um 16.30 Uhr, der scheint auch nur in einem dunklen Haus zu spielen. Um 18.15 Uhr läuft das japanische Creature-Feature Parasyte: Part 1. Der sieht ziemlich albern und jugendfrei aus. Außerdem ist es eben nur Teil 1 und damit wohl nur die erste Hälfte der Geschichte, warum man Teil 2 nicht zeigt, der auch schon fertig sein soll, ist mir ein Rätsel. Gesetzt ist die Splatterkomödie Deathgasm um 20.30 Uhr, die gerade auf spiegelonline gelobt wird. Um 22.30 läuft noch Ava’s Possessions. Mit dämonischen Bessessenheitsfilmen kann man mich eigentlich ähnlich gut jagen, wie mit Zombiefilmen. Wobei die Prämisse hier noch halbwegs originell klingt: Es geht um darum, was mit einer Besessenen nach der Erbsensuppenkotzerei-Episode passiert, wenn sich der Dämon aus dem Staub gemacht hat..

Die erste Vorstellung am Dienstag werde ich mir sparen, da es sich um die Wiederholung von Nigth Fare handelt, den ich dann schon am Samstag gesehen haben werde. Schade, dass da ausgerechnet ein Titel wiederholt wird, der schon an den wenigen Tagen läuft, die ich auf dem FFF bin. Um 16.30 läuft The Invitation, über den ich nicht viel weiß, außer, dass es um einen unheimlichen Besucher gehen soll. Hier vertraue ich einfach mal auf das gute Gespür bei der Rollenauswahl von Michiel Huisman. The Pack um 18.30 weiß ich noch nicht, stehe eigentlich nicht auf diese Art von Tierhorror, der Trailer sieht auch recht gewöhnlich aus. Takashis Miikes Yakuza Apocalypse um 20.30 ist Pflichtprogramm, auf den freue ich mich schon, seit ich die Kritik auf Filmstarts.de gelesen habe. Um 23.00 Uhr läuft mit Momentum noch ein Bankraubthriller, bei dem ich mich spontan entscheiden werde.

Und das war es auch schon. Am Mittwoch geht mein Flug zurück. Sehr Schade, denn an diesem Tag hätte ich gerne noch Turbo Kid und Excess Flesh gesehen.

Filme, die ich ansonsten noch gerne gesehen hätte: Hyana, Bound to Vengance, Kill Your Friends (Eröffnungsfilm nach dem Roman von John Niven), Reality und Some Kind of Hate.

Wie auch schon im vorletzten Jahr ist kein Film dabei, bei dem ich im Vorfeld dachte, dass ich ihn unbedingt sehen muss, so wie es mir z. b. bei Ex-Drummer oder Survive Style 5+ ging. Das Angebot an Horrorfilme wirkt auf den ersten Blick breit gefächert, aber auch eher mainstreamig. Einen richtig kontroversen Titel (wie z. B. In the Name of the Father) kann ich bisher nicht entdecken. Mit Science-Fiction sieht es eher mau aus. Infiny scheint in die Richtung Alien und Event Horizon zu gehen, soll aber nach ersten Kritiken eher schlecht sein. Wobei ich mich frage, ob sich wirklich die Art der Filme auf dem Filmfest geändert hat, oder ob es an mir und meinen Ansprüchen liegt?

Aber im Laufe des Festivals wird sich sicher die ein oder anderen Perle herauskristalliesieren. Drüben bei f3a.net schwärmt man von dem Programm, wobei ich mich Frage, woher diese Euphorie kommt.

Wer eine ausführliche Berichterstattung über die laufenden Filme haben möchte, sollte drüben beim Wortvogel vorbeischauen, der ist ab heute in Nürnberg am Start und hat schon damit gedroht, die Filme zeitnah zu besprechen. Auch auf Spiegel.de freut man sich auf das Filmfest.

Auf Filmstarts.De gibt es ein Interview mit Festivalleiter Reiner Stefan, bei dem durchklingt, dass die Zukunft des Festivals in den Sternen steht. Es scheint einen deutlichen Zuschauerrückgang zu geben, weshalb man nur noch eine Vorstellung pro Slot anbietet, um den Saal voll zu bekommen; außerdem ist man in Köln und Hamburg in Luxuskinos umgezogen. Der Trend geht eher weg vom Multiplex. In Berlin hat man sich jetzt ganz aus dem Cinemaxx verabschiedet, was ich begrüße, das war mir immer ein bisschen zu schmuddelig. Ins Cinestar im Sonycenter gehe ich sehr gerne. Ich hege auch so meine Zweifel, ob es das Festival noch lange geben wird, hoffe es aber sehr.

Ich freue mich jedenfalls auf die nächsten Tage in Berlin. Für meine Ankunft am Freitag sind 39 Grad gemeldet. Es wird ein heißes Filmfest.

 

Wie der Wind sich hebt & The Kingdom of Dreams and Madness

Wie der Wind sich hebt ist der letzte Film des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki, und es ist vielleicht sein persönlichster. Der Film erzählt die Geschichte des japanischen Flugzeugingenieurs Jiro Horikoshi, der vor und während des Zweiten Weltkriegs für Mitsubishi den Jagdflieger Mitsubishi A5M gebaut hat. Obwohl es sich dabei um ein Kriegsflugzeug handelt, stellt Miyazaki den jungen Ingenieur als Pazifisten dar, der ausschließlich vom Fliegen träumt, wegen seiner Kurzsichtigkeit aber kein Pilot werden kann. Wie historisch akkurat das ist, kann ich nicht beurteilen, aber mit dieser Figur drückt Miyazaki auch seinen eigenen Widerspruch aus – denn er selbst ist schon seit seiner Kindheit von den Zero Fightern der japanischen Luftwaffe, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem als Kamikazeflieger eingesetzt wurden, fasziniert. Anderseits ist er aber auch Antimilitarist und kritisiert die Regierung Abe heftig für ihre Aufrüstungspläne und das Bestreben, die pazifistische Verfassung zu ändern.

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Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs werden hier nur am Rande angedeutet, meist in den Traumsequenzen, in denen Jiro dem italienischen Flugzeugingenieur Caproni begegnet, und der zu ihm meint, dass keiner der Kampfpiloten, die da gerade in den Einsatz fliegen, zurückkommen würden. Im letzten Drittel des Films werden auch die Machenschaften der japanischen Geheimpolizei angedeutet. Und auch bei Jiros Deutschlandbesuch, sieht er einen wütenden Mob, der jemanden durch die Straßen verfolgt, was wohl auf die Schlägertruppen der SA anspielen soll. Miyazakis Kritik kommt nie direkt, sondern fast ausschließlich durch Bilder oder kleine Andeutungen, was vermutlich dem aktuellen politischen Klima in Japan geschuldet ist. In der Dokumentation The Kingdom of Dreams an Madness (siehe unten) erwähnt der Produzent Toshio Suzuki, dass wieder eine Art Zensur am Entstehen sei, und man bestimmte Themen nicht mehr im Film bringen könne. Ganz zu schweigen davon, dass eine geschichtliche Aufarbeitung wie in Deutschland nie stattgefunden hat. Für westliche Zuschauer, die nicht über die japanische Geschichte und die dortige Kultur Bescheid wissen, könnte der Film wie eine Verklärung oder Geschichtsklitterung wirken, wobei diese Vorwürfe auch von japanischen Kritikern kamen (während die Konservativem im vorwerfen, Japan zu verteufeln).

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In erster Linie ist es ein Film über die Leidenschaft fürs Fliegen und die Liebe eines jungen Paares. Eine längere Passage des Films spielt in einem Hotel in den Bergen und spielt direkt auf Thomas Manns Der Zauberberg an. Jiros Schwarm leidet an einer Lungenkrankheit und es gibt einen deutschen Gast, den Jiro als Hans Castorp bezeichnet. An dieser Stelle muss ich den Umgang der Macher mit den deutschen Sätzen loben, die hören sich alle an, als könnten die Sprecher tatsächlich einwandfreies Deutsch sprechen (was bei amerikanischen Produktionen ja nicht gerade selbstverständlich ist).

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Einen richtigen Plot hat der Film gar nicht, was auch nicht wichtig ist. Mein Nachbar Tortoro hat auch keinen, und ist trotzdem ein Meisterwerk und einer meiner Lieblingsfilme. Hier geht es eben um den getriebenen Jiro, der unbedingt ein tolles Flugzeug bauen will, auch wenn dabei seine Todkranke Frau vernachlässigt wird. Es gibt keine wirkliche Spannungskurve oder ein Erzählgerüst. Alles wirkt sehr episodenhaft und das Ende (das Myazaki ursprünglich etwas anders geplant hatte) wirkt abrupt.

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Besonders loben muss ich an der Stelle Miyazakis Idee keinen professionellen Schauspieler oder Sprecher für die Rolle des Jiros zu nehmen (die sollen alle furchtbar gewesen sein), sondern den in Japan bekannten Animeregisseur Hideaki Anno (Neon Genesis Evangelion), der eine ganz eigene Art zu sprechen hat, die sich deutlich von den eher gleich klingenden und intonierenden Sprechern unterscheidet, die man sonst so in Animes hört. Seine ruhige, nerdige Art zu sprechen wirkt (auch wenn ich das Wort für überstrapaziert halte) authentisch. Zur deutschen Synchro kann ich nichts sagen, die kenne ich nicht.

Wie der Wind sich hebt ist einer von Miyazakis schwächsten Filmen, was aber immer noch einen tollen Film bedeutet. Bis auf die Traumsequenzen kommt er dieses Mal ganz ohne phantastische Elemente aus, auch wenn ein wenig Zauberbergatmosphäre in der Luft liegt.

Im Trailer hört man die tolle Stimme von Hideaki Anno. Man kann auch englische Untertitel einstellen, oder einfach den deutschen Trailer auf youtube schauen.

The Kingdom of Dreams and Madness

Ist eine japanische Dokumentation aus dem Jahr 2013 über Hayao Miyazaki und das Studio Ghibli. Die Kamera begleitet den Regisseur und Zeichner während seiner Arbeit an dem Film Wie der Wind sich hebt, und zwar vom Erstellen des Storyboards (Miyazaki arbeitet ohne Drehbüher, allerdings gibt es seine eigene Manga-Vorlage) über die Sprecheraufnahmen bis zum fertigen Film und Miyazakis Ankündigung in Rente zu gehen.

Ich hatte immer gedacht, dass Hayao Miyazaki eher der Typ weiser, alter, zurückhaltender und schüchterner Mann sei, aber da habe ich mich geirrt. Er ist vielmehr ein kettenrauchender Getriebener, der sich in der Doku auch als ziemlich redselig entpuppt. Man erhält schon einen guten und selbstkritischen (und selbironischen) Einblick in seine Arbeitsweise und auch in seine Ansichten über die Welt (“The world ist rubbish”), die natürlich stark von der noch nicht lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima geprägt ist. Wirklich persönliche Einblicke in sein Privatleben erhält man allerdings nicht. An einer Stelle fragt ihn die Dokumentarfilmerin, warum er seine Frau geheiratet habe, worauf er sehr kryptisch antwortet. Ansonsten bleibt das Privatleben außen vor. Miyazaki scheint für seine Arbeit zu leben. Er hat einen festen Tagesablauf, dem er an sechs Tagen der Woche folgt, am siebten Tage, sagt er, gehe er den Fluss säubern. Was immer das heißen mag. Umweltschutz spielt in seinen Filme häufig eine wichtige Rolle (am deutlichsten in Prinzessin Mononoke).

Aber auch Toshio Suzuki – Miyazakis langjähriger Gefährte und Produzent, der die treibende Kraft hinter den Filmprojekten ist – kommt ausführlich zu Wort, und erzählt viel über Miyazakis Werdegang und wie dieser von Isao Takahata entdeckt wurde, wie sie das Studio Ghibli zusammen gründeten und wie sie immer mehr miteinander stritten, so dass Takahata mit seiner Arbeit ans andere Ende von Tokio gezogen ist. Über Takahata – der zeitgleich an seinem letzten Film Die Legende der Prinzessin Kaguya arbeitete, es aber nicht so mit Abgabeterminen hat – wird viel geredet. Im Film taucht er aber selbst erst am Ende auf und viel erzählt er auch nicht.

Größtenteils wirkt es, als würden alle im Studio Ghibli in entspannter Atmosphäre unter einem humorvollen Chef arbeiten, aber so ganz scheint es in Wirklichkeit nicht zu sein. Allerdings gibt es nur eine einzige Mitarbeiterin, die sich dazu äußert, wie schwierig es sein kann, unter dem Perfektionisten Miyazaki zu arbeiten, der einem jederzeit über die Schulter gucken kann. Viele hätten aufgrund des Drucks wieder gekündigt. Miyazakis Sohn Goro (Der Mohnblumenberg) äußert sich in einer Konferenz (ohne den Vater) sehr selbstkritisch, er sei nur zufällig da hineingeraten und habe eigentlich gar keine Filme drehen wollen. So ganz schlau bin ich nicht daraus geworden, worum es in der Sitzung ging, aber es herrschte einen angespannte Atmosphäre.

Ein bisschen erzählt Miyazaki dann aber doch über seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, wie sein Vater als Zulieferer für Flugzeugteile reich geworden sei, und wie Miyazaki selbst eine Leidenschaft fürs Fliegen und für Flugzeuge entwickelt habe.

Schaut man sich diese Doku und Wie der Wind sich hebt kurz hintereinander, entdeckt man viele Parallelen zwischen der Hauptfigur Jiro und Hayao Miyazaki. Beide sind rauchen viel, sind Workoholics, getrieben von ihren Ideen und einer widersprüchlichen Leidenschaft.

Es ist eine leise aber mitreißende Dokumentation, die mich dazu veranlasst hat, mir umgehend die beiden Filme Miyazakis zu kaufen, die ich noch nicht gesehen habe. Bisher hatte ich nur mein Nachbar Tortoro auf DVD, aber in den nächsten Monaten werde ich mir die restlichen Film noch anschaffen und hier im Blog besprechen, den die Filme aus dem Studio Ghibli und insbesondere die Filme von Miyazaki versprühen eine einzigartige Kinomagie, die ich in den ganzen Superhelden, SF und Actionblockbustern, die gerade unsere Kinos überschwemmen, schmerzlich vermisse.

Meines Wissens nach, gibt es die Doku noch nicht auf Deutsch. Ich habe die englische Fassung gesehen.