Meine Top Ten des Jahres relativ aktueller Filme:

Uncut Gems
The Sun Is Also A Star
Shoplifters
Parasite
Ex Libris: The New York Public Library
The Half of It
The Farewell
Porträt einer jungen Frau in Flammen
Marlina – Eine Mörderin in vier Akten
Ramen Shop

Und als Bonus noch: A Taxi Driver

Knapp verfehlt haben die Liste »Ford vs. Ferrari«, »1917« u. »Joker«, weil ich am Ende lieber den kleineren Filmen den Vorzug gebe. Klassiker im Rewatch wie »Taxi Driver« oder »Arizona Dream« habe ich weggelassen.

Insgesamt habe ich 150 Filme gesehen. Stärkster Monat war der November mit 21, schwächster der September mit 5. Im November begann mein Rewach aller Bond-Filme, gestern kam ich bei »Octopussy« an.

»Uncut Gems« auf Netflix mit Adam Sandler als Diamantenhändler, der sich durch seine Wettsucht immer tiefer in die Scheiße reitet. Neben dem großartigen Sandler und den eleganten und atmosphärisch dichten Bildern auch eine faszinierende Analogie auf die Finanzmärkte.

»The Sun is Also a Star«: Mitreißendes Drama über zwei Jugendliche, die sich in New York kennen und lieben lernen, denen aber nur ein Tag zusammen verbleibt. Toll gefilmt. So schön sieht man New York selten. Durchaus kitschig, aber manchmal sollte man sich die Zeit zum Träumen einfach nehmen.

In »Shoplifters« geht es auf den ersten Blick um Armut – ein Tabuthema in der japanischen Gesellschaft, weshalb man es eher selten im Film sieht –, doch dann bekommt der Film einen Twist, der die Frage aufwirft, was Familie wirklich bedeutet. Sehr warmherzig und bewegend erzählt.

»Parasite« ist thematisch ähnlich gelagert wie »Shoplifters«, geht das Thema aber als böse Satire an. Ist eleganter gefilmt, dafür weniger warmherzig erzählt. Wird dem Hype nicht ganz gerecht, dafür ist er nicht clever genug geschrieben. Trotzdem ein großartiger Film, der zu keiner Sekunde langweilt.

»Ex Libris: The New York Public Library« von Frederick Wiseman ist eine 3 ½-stündige Doku über die öffentliche New Yorker Bibliothek, die viel mehr leistet als nur Bücher auszuleihen. Das steckt ganz viel wichtige Stadtteil- und Sozialarbeit drin. Wiseman begleitet die Mitarbeiter, aber auch die Leitung bei ihrer Arbeit. Faszinierend und erhellend.

»The Half Of It« ist ein wunderbarer Coming-of-Age-Film in erfrischend anderem Kleinstadtsetting mit eher ungewöhnlicher Figurenkonstellation, der zwar ein paar Klischees aufgreift, sie aber stimmig nutzt, um eine warmherzige Geschichte jenseits der üblichen Genreformel zu erzählen.

»The Farewell« über eine junge Frau, hingerissen zwischen zwei Kulturen, die von den USA nach China reist, um sich von ihrer sterbenden Großmutter zu verabschieden, der man dort ihre Krankheit verschweigt, um ihr die letzten Tag leichter zu machen. Feinfühlig erzähltes Drama mit Sinn für Humor.

»Porträt einer jungen Frau in Flammen«, bewegende, zärtliche Liebesgeschichte zweier Frauen in historischem Setting. Großartig gespielt, mitreißend gefilmt, zu keiner Zeit kitschig, aber auch nie unnötig dramatisiert.

»Marlina«: Großartiger indonesischer Film über eine Frau, die in Notwehr ihre Vergewaltiger tötet. Kein Rachethriller, sondern in wunderschönen melancholischen Bildern inszenierte Neo-Italo-Western über Frauen in einer frauenfeindlichen Gesellschaft.

»Ramen Shop«, wunderbar ruhiger Familienfilm über einen jungen Japaner, der in Singapur seinen Kindheitserinnerungen und der Familie seiner Mutter nachspürt. Gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an die Esskultur des Landes.

Und als Bonus noch:

»A Taxi Driver«, sehr bewegender Film über einen südkoreanischen Taxifahrer, der 1980 den ARD-Reporter Jürgen Hinzpeter ins abgeriegelte Gwangju fährt, wo das Militär ein Massaker verübt. Beginnt humorvoll, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Reread: „Die Gärten des Mondes“ von Steven Erikson

Spiel der Götter 1, Originaltitel: Gardens of the Moon Übers. von Tim Straetmann alias Gerd Rottenecker

Ein Reread, bei dem ich das Buch ebenso begeistert verschlungen haben, wie bei der Erstlektüre an Silvester 2006. Und es bleibt auch in der Top 5 meiner liebsten Fantasybücher.

Die Gärten des Mondes trifft meinen Fantasygeschmack perfekt, mit seinem groß angelegten Panorama, den zahlreichen Fraktionen und Figuren, den Göttern, Dämonen und unterschiedlichen Völkern und Rassen (abseits von Tolkien). Eine Welt, in der jeder Stein, jeder Baum und jede jahrtausende alte Ruine Geheimnisse und Mysterien birgt.

Im Prinzip handelt es sich um Military-Fantasy, in der der Feldzug des malazanischen Imperiums gegen die freien Städte und darunter vor allem Darujhistan im Mittelpunkt steht. Und hier im Besonderen die Brückenverbrenner um Sergeant Elster, eine Sabotage-Truppe, die nicht umsonst an die Black Company von Glen Cook erinnert.

Orientierungspunkt 2 sind die Freunde um den Dieb Crokus in Darujhistan, die uns die Geschichte aus Perspektive der zu Erobernden erleben lässt. Hier wechseln wir zu (fast) klassischer Städtefantasy, mit Dieben und Assassinen, die sich gegenseitig über die Dächer jagen, während Armbrustbolzen klackernd von Mauern und Schindeln abprallen und die Juwelen schöner Adelstöchter die verborgenen Taschen beschweren.

Die großen Schlachten spart sich Erikson für spätere Bände auf, die Eroberung von Fahl bekommen wir nur am Rande mit, mit einem großen magischen Gefecht zwischen den Hohemagier*innen des Imperiums und dem Lord von Mondbrut. Kämpfe finden meist in Form von Duellen und in kleinen Gruppen statt, meist im Verborgenen – und sind in der Regel auch relativ kurz. Zwischen den Zeilen knistert die Magie, neben dem Rascheln beim Umblättern der Seite hören wir schwach eine sich drehende Münze.

Es ist schon ziemlich komplex, was Erikson hier entworfen hat, das Figurenarsenal ist riesig, die Fraktionen und ihre Verbindungen und Intrigen untereinander wirken auf den ersten Blick sehr unübersichtlich. Liest man die Kundenbewertungen bei Amazon, ist es einigen Leser*innen auch zu komplex und verwirrend. Aber man kann Erikson nicht vorwerfen, sich übernommen zu haben, denn es fügt sich alles stimmig in einander, aber dafür muss man aufmerksam lesen und eben auch die Folgebände. Denn vieles, was hier im ersten Band angedeutet wird, ist der Grundstein für die weitere Teile, manches wird erst einige Bücher später aufgegriffen, aber alles folgt einem Plan, Erikson hat die Zügel stets fest im Griff.

Es gibt Vorwürfe, seine Figuren wären flach und wenig ausgearbeitet, ich behaupte das genaue Gegenteil. Trotz des riesigen Ensembles gelingt es ihm, fast jeder wichtigeren Figur mit wenigen (okay, bei Kruppe etwas mehr) Worten und Taten einen ganz eigenen Charakter zu verleihen, auch wenn sich manche Figuren in vielen Eigenschaften ähneln. Ich kann aber auch verstehen, wenn man durch die zahlreichen Perspektivwechsel zu den schier unzähligen Figuren keinen Bezug zum Buch aufbauen kann. Manche brauchen halt ein, zwei Bezugspersonen als Anker, wenn es zu viele werden, verliert man als Leser*in den Halt. In den Folgebänden wird das noch schlimmer, da schon in Band 2 wieder ganz neue Figuren auftauchen werden, und die, an die man sich in Band 1 gewöhnt hat, eben nicht. Wer Endlosserien wegen des Soapcharakters liest, ist hier falsch.

Die Gärten des Mondes ist der Auftakt zu einer (wenn nicht der) gewaltigsten und ambitioniertesten Fantasyserien aller Zeiten, die trotz der großen Dinge, die sich ankündigen, doch auf relativ engem Raum stattfindet, mit vielen unvergesslichen und unterhaltsamen Figuren. Für mich ein fast* perfektes Fantasybuch. Und das zweite Lesen hat auf eine ganz ander Weise Spaß gemacht, eben weil ich viele Andeutungen nun einzuordnen wusste.

Wobei ich bei meinem Erstdurchgang von Malazan nicht über House of Chains hinausgekommen bin. Da hatte ich den Fehler gemacht, von Gerds tollen Übersetzungen auf die englische Fassung umzusteigen, da mir die deutschen Splittbände während meines zweiten Studiums zu teuer waren. An dem Band lese ich jetzt schon seit zehn Jahren und bin gerade mal im letzten Drittel. Deshalb habe ich jetzt im Spiel der Götter noch mal von vorne angefangen und werde nun alle Bände auf Deutsch lesen.

*Meinem Empfinden nach gibt es zu viel Deus-ex-Machina-Momente, in denen wieder jemand durch das Eingreifen höherer Mächte oder bisher völlig unbekannter Fraktionen wie aus dem Nichts gerettet wird. Deshalb »fast perfekt«.

Parallellesen: Wie mir mein verändertes Leseverhalten wieder mehr Spaß am Lesen brachte

Bisher war ich vor allem Ein-Buch-Leser. Sprich, ich habe immer nur an einem Buch zur gleichen Zeit gelesen. Es ist durchaus vorgekommen, dass ich ein Buch mittendrin zur Seite gelegt habe, um erst ein anderes komplett zu lesen, das mich noch mehr interessiert, bevor ich mit dem zur Seite gelegten weitergemacht habe. Und manche dieser zur Seite gelegten Bücher liegen dort noch immer, aber wirklich mehrere Bücher gleichzeitig gelesen, zwischen ihnen hin und her springend, habe ich nie.

Das hat sich im September dieses Jahres geändert. Ausgangspunkt war, dass ich mehr Sachbücher lesen will. Angesichts der anstehenden US-Präsidentschaftswahlen regte sich in mir das Bedürfnis, mich wieder intensiver mit den aktuellen politischen, technologischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Welt zu beschäftigen, um diese besser zu verstehen.

So ganz ohne Roman ging das dann aber nicht, wie ich feststellen musste. Nur ein Sachbuch zu lesen, reicht mir nicht. Zum Ausgleich brauche ich auch den eskapistischen Ansatz einer fiktiven Geschichte, in die ich mich zur Erholung begeben kann. Die Lösung: Beides gleichzeitig lesen.

Und zu meinem eigenen Erstaunen zeigte sich, dass das nicht nur sehr gut funktioniert, sondern, dass ich dadurch auch viel mehr gelesen bekomme, als in den Monaten zuvor. Meine Vermutung: Lese ich ein einziges Buch, das zwischendurch die ein oder andere Länge hat, oder für das ich nicht immer rund um die Uhr in Stimmung bin, lege ich es zur Seite und mache etwas anderes. Schaue drei Serienfolgen statt nur einer am Tag, oder zocke ein Computerspiel.

Lese ich mehrere Bücher parallel, kann ich, wenn obiger Fall eintritt, einfach zu einem anderen Buch springen, das meiner aktuellen Stimmung eher entspricht, das gerade spannender ist, oder mich durch die thematische Abwechslung bei der Stange hält. Das führte nicht dazu, dass ich eines der Bücher vernachlässigt habe, sondern alle gleichzeitig kontinuierlich schnell gelesen bekomme.

Bis September habe ich im Monat durchschnittlich vier Bücher gelesen. Im September waren es dann neun, im Oktober acht. Wobei noch hinzukommt, dass ich seit September samstags immer internetfrei mache, dass Smartphone komplett ausgeschaltet lasse und generell nicht mehr so viele Serien auf einmal schaue. Auch schalte ich mein Handy abends ab. 20.00 Uhr konsequent aus und schaue tagsüber nicht mehr so häufig drauf und in den sozialen Netzwerken von Twitter und Facebook) vorbei.

Ein weiterer Grund fürs Parallellesen ist die oft unnötig kleine Schrift bei gedruckten Büchern. Wenn ich den ganzen Tag beruflich intensiv Texte am Bildschirm bearbeitete, kann es sein, dass mir bei kleiner Schrift nach einigen Seiten die Buchstaben vor den Augen verschwimmen, oder es mir einfach zu anstrengend wird, in Reclamheftschriftgröße zu lesen. Dann wechsel ich zum E-Book-Reader, wo ich mir die Schriftgröße selbst einstellen kann und nie Ermüdungserscheinungen beim Lesen habe (sehr schade, dass es keine E-Book-Variante zum gedruckten Buch dazu gibt).

Und so sieht meine Lektüre aktuell aus

Peter Akroyds London: Die Biografie habe ich mir Anfang des Jahres zur Vorbereitung auf meinen London-Urlaub im Mai zugelegt. Da aus dem nichts wurde, habe ich das Buch zur Langzeitlektüre umgewandelt, von der ich jeden Tag nur ein paar Seiten lese. Inzwischen bin ich fast durch. Tolles Buch, das ein lebendiges Bild der englischen Hauptstadt über die Jahrhunderte zeichnet.

Die Masterpieces of Fantasy Art sind eine Sonderlektüre, die ich mir ausnahmsweise zum letzten Geburtstag selbst gegönnt habe. Da lese ich immer nur ein Kapitel über eine (n) Künstler*inn am Stück. Der Text hält sich in Grenzen, vor allem geht es um die Bilder, die ich so intensiv genießen kann.

Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft von Steffen Mau ist meine eigentlich aktuelle Sachbuchlektüre. Hatte einen Artikel im Spiegel darüber gelesen, wie der Soziologe seine eigene Autobiografie dafür verwendet, einen soziologisch-analytischen, aber auch persönlichen Blick auf die Gesellschaft der ehemaligen DDR vor und nach der Wende zu werfen. Sehr interessante Lektüre, die Taschenbuchausgabe hat allerdings doch eine sehr kleine Schrift.

Durch mein Sachbuchinteresse ist auch mein Interesse an Romanen wieder angestiegen, die sich mit den aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft beschäftigen. Und der gerade erschienene Near-Future-Roman Ministry for the Future von Kim Stanley Robinson ist dafür doch mit seiner durchaus optimistisch gestimmten Behandlung des Themas Klimakrise bestens geeignet. Auch, wenn es sich über weite Strecken eher wie ein Sachbuch liest, da die Infodump-Kapitel ohne Handlung (die er schon immer gerne vereinzelt eingestreut hat) einen sehr großen Anteil haben, das Lesevergnügen aber in keiner Weise beeinträchtigen.

Und da ich gerade die Suche nach den 100 besten Fantasybüchern aller Zeiten koordiniere, habe ich auch Lust darauf bekommen, wieder mehr Fantasy zu lesen. Sofia Samatars A Stranger in Olondria steht schon seit seinem Erscheinen 2013 ganz oben auf meiner Leseliste, hat es aber dann doch nie an die Spitze geschafft. Da es für die Liste nominiert wurde, nutze ich die Gelegenheit, dieses außergewöhnlich, wunderbar poetisch geschriebene Buch, das leider nie ins Deutsche übersetzt wurde, endlich zu lesen.

Doch wie sieht es bei euch aus? Wie ist euer Leseverhalten?

Artikel auf Tor Online: „Wegsehen, boykottieren, kritisieren? Cixin Liu und die Uiguren“

Für das Internetmagazin Tor Online habe ich einen Übersichtsartikel mit dem Titel Wegsehen, boykottieren, kritisieren? Cixin Liu und die Uiguren geschrieben, in dem es um kontroverse Äußerungen von Cixin Liu zu Chinas Umgang mit der muslimischen Minderheit geht. Die wurden schon 2019 getätigt, sind jetzt aber hochgekommen, nachdem Netflix bekanntgab, Lius Trisolaris-Trilogie als Serie umsetzen zu wollen. Woraufhin fünf republikanische Senatoren von Netflix Konsequenzen forderten.

Was es damit auf sich hat, erkläre ich im Artikel, und gehe auch auf Disney, Mulan und Chinas wachsenden Einfluss auf Hollywood aber auch die westliche Wirtschaft und akademische Welt allgemein.

„Außerhalb der Politik im Westen scheint mir der größere Aufreger die Personalie D. B. Weiss und David Benioff zu sein, jene Showrunner, die das Ende von Game of Thrones nach Meinung vieler versaut haben sollen. Der popkulturelle Groll über fiktive Ereignisse scheint länger zu währen als jener über reale Menschenrechtsverletzungen.“

Cixin Lius deutscher Lektor Sebastian Pirling von Heyne hat auf meinen Artikel zu Lius Äußerungen bzgl. der Uiguren in China mit einem eigenen Beitrag auf die Zukunft reagiert.

Ein paar Gedanken zu Sarah Kendziors „Hiding in Plain Sight“

Donald Trump sei kein Faschist, schreibt Sarah Kendzior, sondern ein autokratischer Kleptokrat. Also jemand, der sein Amt sehr autoritär und autokratisch (fast diktatorisch) ausübt, es aber vor allem nutzt, um sich, seine Familie und seine Mitverschwörer zu bereichern. Faschisten folgen einer Ideologie, sind an einer starken Nation interessiert. Trump will die USA zerstören, um sich die kostbarsten Trümmerstücke unter den Nagel zu reißen. Katastrophenkapitalismus nennt Naomi Klein das.

Mit solchen Kleptokraten kennt Sarah Kendzior sich aus, sie hat sie zehn Jahre lang studiert, vor allem in ehemaligen Sowjetstaaten wie Usbekistan. Sie kennt die Mechanismen; den populistischen Aufstieg; die Verteufelung der Medien; die Verdammung aller, die anderer Meinung sind; die systematische Verbreitung von Lügen, die als Wahrheit verkauft werden, während Fakten als Lügen gebrandmarkt werden, und am Ende niemand mehr an die Wahrheit glaubt, aber alles, was gelogen ist, wenn es ins eigene Weltbild passt. Kendzior kennt den schleichenden Abbau der Demokratie, die Zerstörung demokratischer Institutionen und Strukturen, das martialische und repressive Auftreten der Sicherheitsbehörden, die Unterminierung der Wissenschaft und die kriminellen Machenschaften, die Teils hinter den Kulissen, teils völlig schamlos in der aller Öffentlichkeit ablaufen.

Kendzior warnt seit Jahren davor, dass die USA sich in genau diese Richtung entwickeln, warnt seit Jahren (schon lange vor 2016) vor Donald Trump. Seine Präsidentschaft war kein kurioser Unfall, kein Versehen, um bessere Einschaltquoten zu bekommen. Sondern seit den 1980ern Jahren geplant, von Trump, seinem Mentor Roy Cohn (†1986) und dem Schurken Roger Stone. Die alle zusammen schon seit Jahrzehnten mit der russischen Mafia verbandelten sind, die wiederum Trumps Immobilienprojekte zur Geldwäsche nutzt.

Hiding in Plain Sight zeichnet diese Entwicklung von den 1980ern bis heute präzise und scharfsinnig nach und analysiert die Zustände, die dazu führen konnten, dass sich die USA zu einer Bananenrepublik entwickelt haben, die jetzt von gewissenlosen Kriminellen hemmungslos geplündert wird, während die Bevölkerung immer weiter in die Armut abrutscht (wenn sie denn Covid-19 überhaupt überlebt) und wie Infrastruktur, Bildungswesen und Wissenschaft zerschlagen werden. Am Ende wird das Land in Trümmern liegen, die Demokratie weltweit bedroht sein und der Planet auf Grund der Klimakatastrophe immer unbewohnbarer werden (siehe Kalifornien aktuell).

Besonders interessant ist Kendziors Beobachtung, dass Donald Trump sich immer dann in Interviews besonders dämlich gibt, wenn kurz zuvor eine seiner kriminellen Machenschaften ans Licht gekommen ist. Er macht sich also bewusst zum Affen, um von dem jüngsten kriminellen Skandal abzulenken. Und alle fallen drauf rein, das Interview, in dem er zum Beispiel grenzdebil mit irgendwelchen schwachsinnigen Statistiken rumwedelt, geht viral, während die letzte Enthüllung schon wieder aus dem Nachrichtenzyklus verschwindet. Boris Johnsons hat das auch schon gemacht, als er behauptete Busse aus Pappkartons zu basteln, nur damit in den Suchmaschinen die Meldungen zu diesem absurden Interview jene zu den NHS-Bussen ablösen. Trump ist es egal, ob seine Feinde ihn für dumm halten, Hauptsache er kann seine illegalen Machenschaften wieder unter den Teppich kehren. Ich glaube, er gibt sich in seinen Wahlkampfreden auch so dumm, weil er seine Wähler für so dumm hält und glaubt, so eine Sprache zu sprechen, die sie verstehen.

Hört man sich das Woodward-Tape an, hört man da einen ganz anderen Trump, der kalt und berechnend in klaren und korrekt strukturierten Sätzen spricht, nicht wie jemand, der an Demenz leidet. Aber warum sollte er sich so immer wieder so dumm geben? Weil es funktioniert!

Sarah Kendzior lebt in Missouri und nutzt die eigene Biografie und die jüngste politische und gesellschaftliche Entwicklung ihres Bundesstaates, um den Zerfall der USA und wie er weitergehen wird, anschaulich zu demonstrieren. Man beachte den Skandal um den zurückgetretenen Gouverneur Eric Greitens.

Die Fakten, die sie hier über Trump und seine Machenschaften zusammengetragen hat, sind eigentlich alle bekannt, entwickeln in dieser geballten und kompakten Form aber trotzdem eine erschreckende Wucht, bei der man sich eigentlich von Seite 1 an fragt, warum niemand diesem Spuk ein Ende bereitet. Fassungslos sieht man zu, wie die Medien der USA sich auf Trumps Spiel einlassen und ihn auch jenseits von Fox News praktisch mit im Amt halten, weil sie den Kotau vor ihm machen, da er Abos und Einschaltquoten bringt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum auch nur eine seriöse Zeitung und nur ein seriöser TV-Sender noch Journalist*innen zur großen Lügenparade der Pressekonferenzen im Weißen Haus schickt.

Und genau das benennt Sarah Kendzior unverblümt in ihrem Buch, zählt Skandal und Enthüllungsgeschichten auf, die praktisch schon geschrieben waren, und dann von etablierten Zeitungsredaktionen wieder gestrichen wurden. Dementsprechend wird ihr Buch von den größeren Medien in den USA komplett ignoriert, und auch kein deutscher Verlag hat es bisher übersetzt – dafür aber jedes Altervorsorge-„Enthüllungsbuch“ von ehemaligen Trump-Schergen. Dabei sollte man, wenn man überhaupt ein Buch zur anstehenden Präsidentschaftswahl in den USA liest, Hiding in Plain Sight lesen. Denn das, was Sarah Kendior hier über den Zerfall der USA und den Aufstieg der Autokratie schildert, könnte uns ebenso hier in Europa und in Deutschland auf lange Sicht bevorstehen. Auch in den USA hat man gesagt (und tut es teilweise immer noch): „Hier kann es ja nicht passieren“, bis es dann doch passiert und zu spät ist.

Man muss nur bis nach Ungarn, Polen oder Großbritannien mit seiner Brexit-Gruselshow blicken, oder zu den Coronaleugnern und dem QAnon-Virus schauen, das sich in immer mehr Köpfen festsetzt, um die destruktive Macht zu sehen, die hier durch soziale Medien potenziert wird.

Und neben all den erschreckenden Fakten und scharfsichtigen Analysen ist das Buch auch noch ziemlich gut und mitreißend geschrieben.

Weitere Lektüretipps zur Thematik

Geschichte der USA:

A People’s History of the United States von Howard Zinn, erzählt die Geschichte der USA aus anderer Perspektive, aus jener der Unterdrückten, der Indianer, Sklaven, Afroamerikaner, aus Sicht der „Verlierer“, die sonst keine Geschichte schreiben.

Gunfighter Nation – The Myth of the Frontier in Twentieth-Century America von Richard Slotkin. Die USA sind auf Blut, Gewalt und Ideologie aufgebaut („Praise the Lord an pass the amunition“). Wer verstehen will, wie diese Gewalt das Land bis heute so stark prägen konnte, wird bei Slotkin fündig.

Demokratie:

The Light That Failed von Ivan Krastev und Stephen Holmes zeigt wie die Ostblockländer nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Demokratie simulierten, um den Westen ruhig zu stellen und Gelder von ihm abzukassieren, während der Westen seine eigene Demokratie für alternativlos hielt und versuchte, die Welt zu missionieren. Dabei blieben die alten Strukturen in Ländern wie Russland bestehen, verborgen unter dem Deckmantel der Demokratie, unter dem populistische Autokraten gediehen, bis sie sich stark genug fühlten, offen aufzutreten, und auch westliche Länder und ihre ach so makellosen Demokratien mit dem Virus des Rechtspopulismus infizierten (siehe USA, UK).

Soziale Medien:

Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now von Jarone Lanier über die destruktive Kraft sozialer Netzwerke, deren User (nicht Kunden) die Ware sind, während Manipulatoren im Hintergrund Geld dafür bezahlen, das Verhalten der User zu verändern.

Da Laniers Buch stilistisch und argumentativ etwas ungelenk formuliert ist, empfehle ich auch noch die Netflix-Dokumentation The Social Dilemma, die das alles etwas kompakter, eleganter und eindringlicher darstellt.

US-Gesellschaft

The View From Flyover Country: Dispatches From The Forgotten America von Sarah Kendzior bietet Einblicke in jene Teile der US-Gesellschaft, die nicht nur von uns hier in Deutschland, sondern auch von den liberalen Eliten an Ost- und Westküste gerne übersehen werden.

Gaslit Nation ist ein Podcast von Sarah Kendzior und Andrea Chalupa, auf dem sie sich wöchentlich zu aktuellen Themen unterhalten.

„The Social Dilemma“: eine Doku, die ihr sehen solltet

»The Social Dilemma« ist eine ausgezeichnete und sehr beängstigende Dokumentation auf Netlix, darüber, wie perfide und destruktiv uns das Internet und vor allem soziale Medien manipulieren. Wie sie die Gesellschaft spalten und die Demokratie zerstören, weil die meisten nur noch Informationen und Desinformationen aus der eigene von Algorithmen bestimmten Filterblase erhalten und gar nicht mitbekommen, dass andere Menschen ganz andere Sachen vorgesetzt bekommen. Ganz gleich ob in der Facebook-Timeline oder in der Google-Suche.

Darüber, wie soziale Netzwerke und Apps über Belohnungssysteme und Endorphinausschüttung unser Suchtverhalten triggern. Wie sie sie seit 2010 die Suizidrate unter Jugendlichen in den USA massiv ansteigen lassen. Und wie sie am Ende zur Zerstörung unseres Planeten führen, weil niemand mehr die Wahrheit und an die Wahrheit glaubt, und klare Fakten für Lügen hält.

Alles davon ist eigentlich bekannt (zumindest in meiner Filterblase), wirkt aber hier noch mal auf kompakte, verständliche und drastische Art von eben jenen Leuten präsentiert, die diese sozialen Netzwerke und Algorithmen mitentwickelt haben.

Es gibt natürlich auch viel Positives, was das Internet und die sozialen Netzwerke hervorgebracht haben, aber durch ihren jüngsten Einfluss auf den Aufstieg zahlreicher Populisten an die Regierungsmacht ihrer jeweiligen Ländern, und wie effizient und effektiv autokratische Regierungen wie Russland und China sie zur Desinformation und Unterdrückung und für Propagandazwecke nutzen, zeigt sich, dass die negativen Folgen inzwischen massiv überwiegen. Und zwar jetzt und hier, und nicht der fiktiven Zukunft einer »Black Mirror«-Folge.

Wer das hier liest, sollte sich die Doku auf jeden Fall ansehen.

Ich werde ab jetzt zumindest mal den Samstag zum komplett Internetfreien Tag bei mir machen. Und mich noch mehr mit dem Thema beschäftigen.

Acrylmalerei (1)

Seit meine Mutter vor ca. 2 Jahren einen Kurs in Acrylmalerei absolviert hat, hat sie ein neues Hobby gefunden und unser Haus neue Wanddekorationen. Und ich muss sagen, die Bilder an den Wänden gefallen mir richtig gut. Viel besser als das gekaufte Zeugs, was da vorher gehangen hat. Deswegen werde ich hier auf dem Blog (der ansonsten ja ein wenig eingeschlafen ist) schrittweise alle Bilder präsentieren.

Wie genau das alles funktioniert, weiß ich nicht. Sie malt natürlich mit Acrylfarben, hinzu kommen aber auch immer wieder Objekte, die in die Bilder integriert werden. Zerbrochene CDs, Metallteile, Hufeisen, Holzstücke usw. Oft malt sie auf Leinwand, die noch mit Marmormehl grundiert wird. Manche Sachen lässt sie rosten. Es wird lakiert uvm.

Die Pfeifen auf Bild 2 sind übrigens Tonpfeifen, die bei uns hier im Dorf (Hilgert) noch auf die traditionelle Weise hergestellt werden. So weit ich weiß, ist das die letzte Tonpfeifenwerkstatt ihrer Art.

London by Book (1): Roger Akroyd, King Solomon’s Carpet and Radio Girls

Da ich meine Reise nach London im Mai canceln musste, bin ich zumindest literarisch in die britische Hauptstadt gereist. Physisch war ich während eines Schüleraustauschs 1995 für einen Tag dort. Das Programm war eher bescheiden, mit Besuchen am Buckingham Palace, in Westminster Abbey und bei Madame Tussauds (ultralangweilig, wie kann man sich nur für so alberne Wachsfiguren interessieren). Gelesen habe ich natürlich schon zahllose Bücher, die in London spielen, da es sich um die meist verschriebene Stadt der Welt handeln dürfte.

The Murder of Roger Ackroyd von Agatha Christie

Auf dem Weg dorthin habe ich aber vorher noch einen kleinen „Abstecher“ nach King’s Abott gemacht. Ein Dorf, das südlich von London liegt, wenn ich richtig aufgepasst habe. Aber auch nur auf der literarischen Landkarte, da es nur im Roman The Murder of Roger Ackroyd existiert, meinem tatsächlich ersten Roman von Agatha Christie. Und was für einer! Die Auflösung, so viel soll verraten sein, ist schon ein echter Knaller, und dürfte seinerzeit tatsächlich bahnbrechend gewesen sein. Mit diesem Roman ist Christie berühmt geworden, und es wundert mich, dass ich die Auflösung tatsächlich noch nicht kannte. Was daran liegen könnte, dass das Buch bisher nur zweimal verfilmt wurde. 1932 mit Basil Rathbone und 2000 mit David Suchet. Letzterer Film soll ganz furchtbar sein, wie mir mein Literaturanwalt des Vertrauens mitteilte.

Christies Stil kommt erstaunlich frisch und spritzig daher, der Aufbau zunächst ganz klassisch. Roger Ackroyd wurde ermordet, ein Haus voller Verwandter, Freunde und Angestellter liefert den illustren Kreis der Verdächtigen, und Hercule Poirot, der sich in King’s Abott eigentlich zur Ruhe setzen wollte, den exzentrischen Ermittler, der aus jedem die Wahrheit herauskitzelt, dabei aber nie seine guten Manieren vergisst. Unterstützt wird er vom Dorfarzt Shepard, der hier, ähnlich wie Doktor Watson bei Holmes, ein Journal über die Ermittlungen führt und Poirot auch meist begleitet.

Natürlich hat jeder der Verdächtigen ein mehr oder weniger düsteres Geheimnis zu verbergen, und nichts ist, wie es zunächst scheint. Trotz ihres Alters eine sehr erfrischende Lektüre. Wenn auch an einer Stelle eine antisemitische Äußerung des Erzählers negativ auffällt.

King Solomon’s Carpet von Barbara Vine

Nachdem der Mordfall gelöst war, ging es weiter nach London. Und womit bewegt man sich dort am besten fort? Mit der U-Bahn natürlich, umgangssprachlich die Tube.

Mit King Solomon’s Carpet ist ein legendärer Teppich König Salomons gemeint, der jene, die ihn betreten, an jeden gewünschten Ort bringen soll. In Barbara Vines (Ruth Rendells) Roman bezieht sich das auf die Londoner Metro, dem ältesten U-Bahn-System der Welt, an das sie eine Hommage geschrieben hat, in dem sie die Leben zahlreicher Menschen beschreibt, die von ihr auf die eine oder andere Weise beeinflusst werden.

Zwar geht es auch um eine Bombe und einen Anschlag, trotzdem ist das Buch weder Krimi noch Thriller. Es erzählt von den Menschen aus dem Umfeld des U-Bahn-Enthusiasten Jarvis, der um die ganze Welt reist, um sich die verschiedensten U-Bahnsysteme anzusehen. Er lebt in einer alten Schule, deren Zimmer er an eine illustre Gästeschar vermietet, die teils aus Verwandten besteht, teils aus Fremden. Alle haben sie einen Bezug zur U-Bahn, die jungen Musiker, die dort auftreten, der Schuljunge, der lieber schwänzt und auf U-Bahndächern surft. Und auch eine zwielichtige Gestalt mit dem Charme eines Verführers und unlauteren Absichten.

Ich muss gestehen, aufgrund des Titels dachte ich, dass es auch um einen Schatz gehen würde, den der U-Bahn-Fan Jarvis sucht. Da habe ich mich geirrt, es geht einzig um die Analogie zum Transportmittel, das einen überall hinbringen kann. Jarvis selbst ist zwar der Angelpunkt der Geschichte, taucht aber kaum auf, da er in der Weltgeschichte herumreist. Trotzdem eine tolle Hommage an Londons berühmtes Transportmittel, die aber ein wenig braucht, bis sie in die Gänge kommt.

Radio Girls von Sarah Jane Stratford

In Radio Girls erzählt Sarah Jane Stratford von den Anfangsjahren der BBC, die zunächst noch British Broadcasting Company hieß, bevor sie in Corporation umbenannt (und eine Körperschaft öffentlichen Rechts) wurde und in den ersten Jahren noch in Savoy Hill an der Strand ein Gebäude mit dem Institute of Electrical Engineers teilte. Im Fokus steht die historische Persönlichkeit der Hilda Matheson, die als Leiterin des politischen Talks-Programms von Anfang an für kontroverse und aufklärende Sendungen sorgte. Während des 1. Weltkriegs hatte Matheson, angeheuert von T. E. Lawrence (of Arabia), für den MI5 gearbeitet und selbst in Italien einen jungen Journalisten namens Benito Mussolini engagiert.

Erzählt wird die Geschichte aus Perspektive der fiktiven Sekretärin Maisie, die mit Hilda als Mentorin bis zur Produzentin aufsteigt. Geschildert wird eine von Männern dominierter Welt, in der sich Frauen jedes Fitzelchen Gleichberechtigung mit viel Mühe erkämpfen müssen. Ganz gleich ob es ums Berufsleben geht, oder das Wahlrecht. Als dieses für Frauen eingeführt wurde, durften nur jene wählen, die über dreißig waren, verheiratet oder Grundbesitz besaßen. Arbeiteten sie bei der BBC und heirateten, wurden ihnen aber wiederum gekündigt. Denn anständige Ehefrauen mussten sich natürlich ganz dem Wohl des werten Gatten verschreiben und durften nicht durch so etwas Anstößiges wie Berufstätigkeit davon abgelenkt werden.

Neben dem Gesellschaftsporträt der damaligen Zeit Ende der 1920er, das das Leben einer einfachen Angestellten ebenso umfasst wie die betuchteren Adelskreise, gibt es auch noch eine kleine Spionagegeschichte und Nazis, die versuchen, Einfluss auf die BBC zu nehmen, um die Briten auf ihre Seite zu ziehen.

Ein spannendes und mitreißendes Buch, gut geschrieben und recherchiert.

Eigentlich wollte ich im Mai noch viel mehr Bücher lesen, die in London spielen, aber das hat natürlich nicht hingehauen. Auf der Leseliste stehen noch By Gaslight von Steven Price und The Night Circus von Elin Morgenstern. Eventuell noch Mother London von Michael Moorcock. Aber momentan brauche ich etwas Abwechslung. Weitere Teile der literarischen London-Reise folgen aber auf jeden Fall noch dieses Jahr.

Serienempfehlung: Years and Years

Die meisten Near-Future-Serien scheitern daran, eine emotionale Bindung zum Zuschauer zu schlagen (siehe zuletzt The Feed). Sie konzentrieren sich zu sehr auf einen bestimmten technischen oder dystopischen Aspekt, der zu viel Raum einnimmt und das Setting kalt und distanziert wirken lässt. Was fehlt, sind emotionale Bezugspunkt für die Zuschauer. Years and Years gelingt das Kunststück mit Bravour. Auch, wenn man sich in den ersten Minuten noch in seichten Gefilden á la Eastenders wähnt, ist man schnell Teil dieser herzlichen Familien, in der die vier Geschwister, die von ihrer Oma großgezogen wurden, mit ihrem Anhang per moderner Technik in Telefonkonferenzen in engem Kontakt bleiben und sich jährlich zu Feierlichkeiten im Großelternhaus treffen.

Der große Knall, der die im Jahr 2019 beginnende Handlung auf eine ganz andere Ebene hebt, kommt gegen Ende der ersten Folge. Doch da hat mich die Serie so gepackt, dass ich sie innerhalb kürzester zeit durchgebingt habe.

Über fünfzehn Jahre begleiten wir die britische Familie Lyons dabei, wie sie sich mit den teils drastischen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, sozialen Verwerfungen und dem technischen Fortschritt herumschlagen müssen, bis sie schließlich unter dramatischen Umständen ums nackte Überleben kämpfen. Dabei kommt es immer wieder zu Black-Mirror-Momenten im besten Sinne, aber immer ganz beiläufig und natürlich in die Handlung eingeflochten. Für den obligatorischen bitterbösen britischen Humor sorgt Emma Thompson als populistische Politikerin á la Trump.

Homosexualität, Diversität, Transhumanismus, soziale Segregation, Ausbeutung, Flucht, Populismus, gewaltsame Revolutionen in demokratischen EU-Staaten, Verfolgung, Atomschläge, Pandemien – sieht man diese Liste, die man noch gut weiterführen kann, könnte man meinen, die Serie, mit ihren nur sechs Folgen, sei thematisch völlig überfrachtet. Ist sie aber nicht. Alles sind Puzzleteile, die ein stimmiges Gesamtbild führen, das einen beeindruckenden und vor allem beängstigend realistisch Blick auf die nächsten fünfzehn Jahre wirft.

Russell T. Davis (Schöpfer des Doctor Who-Revivals) nimmt ganz aktuelle Entwicklungen vom Brexit, antidemokratischen Strömungen und sozialen Verwerfungen und extrapoliert sie ganz behutsam konsequent aus Perspektive einer einzigen Familie und deren Umfeld. Er bleibt stets in der Mikroperspektive, das Weltgeschehen erfahren wir nur aus den Nachrichten und sozialen Medien.

Doch das Herzstück der Serie ist die Familie mit ihrer Dynamik und die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder zueinander über fünfzehn Jahre. Durch deren Augen erleben wir die Zukunft, die für sie einige schöne aber auch viele dramatische bis tragische Entwicklungen bereithält.

Das alles ist so fulminant und mitreißend inszeniert, wie es nur wenigen Serien in den letzten Jahren gelungen ist. Auf der Liste der 50 besten Serien 2019 des Guardian ist Years and Years auf Platz 4 direkt hinter Succession, Fleabag und Chernobyl gelandet, und das zurecht (wobei ich Chernobyl auf Platz 1 gesetzt hätte).

Aber Vorsicht, aufgrund der aktuellen Pandemie und deren gesellschaftlichen Folgen, ist die Serie momentan sicher nicht für alle geeignet, da sie ja doch ein wenig Angst vor der Zukunft macht. Und Angela Merkel sollte sie besser auch nicht sehen. 😉

Years and Years lief vor einem Jahr bei der BBC, bei uns ist sie seit Anfang des Jahres auf dem Streamingdienst Starzplay verfügbar. Abonniert man den Channel bei Amazon bis zum 31. März, zahlt man die ersten drei Monate jeweils nur 1 Euro pro Monat (jederzeit kündbar). Und Starzplay hat noch eine Menge andere großartige Serien wie Vida, Sweetbitter, Counterpart, Mr. Mercedes oder Black Sails im Angebot.