„The Social Dilemma“: eine Doku, die ihr sehen solltet

»The Social Dilemma« ist eine ausgezeichnete und sehr beängstigende Dokumentation auf Netlix, darüber, wie perfide und destruktiv uns das Internet und vor allem soziale Medien manipulieren. Wie sie die Gesellschaft spalten und die Demokratie zerstören, weil die meisten nur noch Informationen und Desinformationen aus der eigene von Algorithmen bestimmten Filterblase erhalten und gar nicht mitbekommen, dass andere Menschen ganz andere Sachen vorgesetzt bekommen. Ganz gleich ob in der Facebook-Timeline oder in der Google-Suche.

Darüber, wie soziale Netzwerke und Apps über Belohnungssysteme und Endorphinausschüttung unser Suchtverhalten triggern. Wie sie sie seit 2010 die Suizidrate unter Jugendlichen in den USA massiv ansteigen lassen. Und wie sie am Ende zur Zerstörung unseres Planeten führen, weil niemand mehr die Wahrheit und an die Wahrheit glaubt, und klare Fakten für Lügen hält.

Alles davon ist eigentlich bekannt (zumindest in meiner Filterblase), wirkt aber hier noch mal auf kompakte, verständliche und drastische Art von eben jenen Leuten präsentiert, die diese sozialen Netzwerke und Algorithmen mitentwickelt haben.

Es gibt natürlich auch viel Positives, was das Internet und die sozialen Netzwerke hervorgebracht haben, aber durch ihren jüngsten Einfluss auf den Aufstieg zahlreicher Populisten an die Regierungsmacht ihrer jeweiligen Ländern, und wie effizient und effektiv autokratische Regierungen wie Russland und China sie zur Desinformation und Unterdrückung und für Propagandazwecke nutzen, zeigt sich, dass die negativen Folgen inzwischen massiv überwiegen. Und zwar jetzt und hier, und nicht der fiktiven Zukunft einer »Black Mirror«-Folge.

Wer das hier liest, sollte sich die Doku auf jeden Fall ansehen.

Ich werde ab jetzt zumindest mal den Samstag zum komplett Internetfreien Tag bei mir machen. Und mich noch mehr mit dem Thema beschäftigen.

Acrylmalerei (1)

Seit meine Mutter vor ca. 2 Jahren einen Kurs in Acrylmalerei absolviert hat, hat sie ein neues Hobby gefunden und unser Haus neue Wanddekorationen. Und ich muss sagen, die Bilder an den Wänden gefallen mir richtig gut. Viel besser als das gekaufte Zeugs, was da vorher gehangen hat. Deswegen werde ich hier auf dem Blog (der ansonsten ja ein wenig eingeschlafen ist) schrittweise alle Bilder präsentieren.

Wie genau das alles funktioniert, weiß ich nicht. Sie malt natürlich mit Acrylfarben, hinzu kommen aber auch immer wieder Objekte, die in die Bilder integriert werden. Zerbrochene CDs, Metallteile, Hufeisen, Holzstücke usw. Oft malt sie auf Leinwand, die noch mit Marmormehl grundiert wird. Manche Sachen lässt sie rosten. Es wird lakiert uvm.

Die Pfeifen auf Bild 2 sind übrigens Tonpfeifen, die bei uns hier im Dorf (Hilgert) noch auf die traditionelle Weise hergestellt werden. So weit ich weiß, ist das die letzte Tonpfeifenwerkstatt ihrer Art.

London by Book (1): Roger Akroyd, King Solomon’s Carpet and Radio Girls

Da ich meine Reise nach London im Mai canceln musste, bin ich zumindest literarisch in die britische Hauptstadt gereist. Physisch war ich während eines Schüleraustauschs 1995 für einen Tag dort. Das Programm war eher bescheiden, mit Besuchen am Buckingham Palace, in Westminster Abbey und bei Madame Tussauds (ultralangweilig, wie kann man sich nur für so alberne Wachsfiguren interessieren). Gelesen habe ich natürlich schon zahllose Bücher, die in London spielen, da es sich um die meist verschriebene Stadt der Welt handeln dürfte.

The Murder of Roger Ackroyd von Agatha Christie

Auf dem Weg dorthin habe ich aber vorher noch einen kleinen „Abstecher“ nach King’s Abott gemacht. Ein Dorf, das südlich von London liegt, wenn ich richtig aufgepasst habe. Aber auch nur auf der literarischen Landkarte, da es nur im Roman The Murder of Roger Ackroyd existiert, meinem tatsächlich ersten Roman von Agatha Christie. Und was für einer! Die Auflösung, so viel soll verraten sein, ist schon ein echter Knaller, und dürfte seinerzeit tatsächlich bahnbrechend gewesen sein. Mit diesem Roman ist Christie berühmt geworden, und es wundert mich, dass ich die Auflösung tatsächlich noch nicht kannte. Was daran liegen könnte, dass das Buch bisher nur zweimal verfilmt wurde. 1932 mit Basil Rathbone und 2000 mit David Suchet. Letzterer Film soll ganz furchtbar sein, wie mir mein Literaturanwalt des Vertrauens mitteilte.

Christies Stil kommt erstaunlich frisch und spritzig daher, der Aufbau zunächst ganz klassisch. Roger Ackroyd wurde ermordet, ein Haus voller Verwandter, Freunde und Angestellter liefert den illustren Kreis der Verdächtigen, und Hercule Poirot, der sich in King’s Abott eigentlich zur Ruhe setzen wollte, den exzentrischen Ermittler, der aus jedem die Wahrheit herauskitzelt, dabei aber nie seine guten Manieren vergisst. Unterstützt wird er vom Dorfarzt Shepard, der hier, ähnlich wie Doktor Watson bei Holmes, ein Journal über die Ermittlungen führt und Poirot auch meist begleitet.

Natürlich hat jeder der Verdächtigen ein mehr oder weniger düsteres Geheimnis zu verbergen, und nichts ist, wie es zunächst scheint. Trotz ihres Alters eine sehr erfrischende Lektüre. Wenn auch an einer Stelle eine antisemitische Äußerung des Erzählers negativ auffällt.

King Solomon’s Carpet von Barbara Vine

Nachdem der Mordfall gelöst war, ging es weiter nach London. Und womit bewegt man sich dort am besten fort? Mit der U-Bahn natürlich, umgangssprachlich die Tube.

Mit King Solomon’s Carpet ist ein legendärer Teppich König Salomons gemeint, der jene, die ihn betreten, an jeden gewünschten Ort bringen soll. In Barbara Vines (Ruth Rendells) Roman bezieht sich das auf die Londoner Metro, dem ältesten U-Bahn-System der Welt, an das sie eine Hommage geschrieben hat, in dem sie die Leben zahlreicher Menschen beschreibt, die von ihr auf die eine oder andere Weise beeinflusst werden.

Zwar geht es auch um eine Bombe und einen Anschlag, trotzdem ist das Buch weder Krimi noch Thriller. Es erzählt von den Menschen aus dem Umfeld des U-Bahn-Enthusiasten Jarvis, der um die ganze Welt reist, um sich die verschiedensten U-Bahnsysteme anzusehen. Er lebt in einer alten Schule, deren Zimmer er an eine illustre Gästeschar vermietet, die teils aus Verwandten besteht, teils aus Fremden. Alle haben sie einen Bezug zur U-Bahn, die jungen Musiker, die dort auftreten, der Schuljunge, der lieber schwänzt und auf U-Bahndächern surft. Und auch eine zwielichtige Gestalt mit dem Charme eines Verführers und unlauteren Absichten.

Ich muss gestehen, aufgrund des Titels dachte ich, dass es auch um einen Schatz gehen würde, den der U-Bahn-Fan Jarvis sucht. Da habe ich mich geirrt, es geht einzig um die Analogie zum Transportmittel, das einen überall hinbringen kann. Jarvis selbst ist zwar der Angelpunkt der Geschichte, taucht aber kaum auf, da er in der Weltgeschichte herumreist. Trotzdem eine tolle Hommage an Londons berühmtes Transportmittel, die aber ein wenig braucht, bis sie in die Gänge kommt.

Radio Girls von Sarah Jane Stratford

In Radio Girls erzählt Sarah Jane Stratford von den Anfangsjahren der BBC, die zunächst noch British Broadcasting Company hieß, bevor sie in Corporation umbenannt (und eine Körperschaft öffentlichen Rechts) wurde und in den ersten Jahren noch in Savoy Hill an der Strand ein Gebäude mit dem Institute of Electrical Engineers teilte. Im Fokus steht die historische Persönlichkeit der Hilda Matheson, die als Leiterin des politischen Talks-Programms von Anfang an für kontroverse und aufklärende Sendungen sorgte. Während des 1. Weltkriegs hatte Matheson, angeheuert von T. E. Lawrence (of Arabia), für den MI5 gearbeitet und selbst in Italien einen jungen Journalisten namens Benito Mussolini engagiert.

Erzählt wird die Geschichte aus Perspektive der fiktiven Sekretärin Maisie, die mit Hilda als Mentorin bis zur Produzentin aufsteigt. Geschildert wird eine von Männern dominierter Welt, in der sich Frauen jedes Fitzelchen Gleichberechtigung mit viel Mühe erkämpfen müssen. Ganz gleich ob es ums Berufsleben geht, oder das Wahlrecht. Als dieses für Frauen eingeführt wurde, durften nur jene wählen, die über dreißig waren, verheiratet oder Grundbesitz besaßen. Arbeiteten sie bei der BBC und heirateten, wurden ihnen aber wiederum gekündigt. Denn anständige Ehefrauen mussten sich natürlich ganz dem Wohl des werten Gatten verschreiben und durften nicht durch so etwas Anstößiges wie Berufstätigkeit davon abgelenkt werden.

Neben dem Gesellschaftsporträt der damaligen Zeit Ende der 1920er, das das Leben einer einfachen Angestellten ebenso umfasst wie die betuchteren Adelskreise, gibt es auch noch eine kleine Spionagegeschichte und Nazis, die versuchen, Einfluss auf die BBC zu nehmen, um die Briten auf ihre Seite zu ziehen.

Ein spannendes und mitreißendes Buch, gut geschrieben und recherchiert.

Eigentlich wollte ich im Mai noch viel mehr Bücher lesen, die in London spielen, aber das hat natürlich nicht hingehauen. Auf der Leseliste stehen noch By Gaslight von Steven Price und The Night Circus von Elin Morgenstern. Eventuell noch Mother London von Michael Moorcock. Aber momentan brauche ich etwas Abwechslung. Weitere Teile der literarischen London-Reise folgen aber auf jeden Fall noch dieses Jahr.

Serienempfehlung: Years and Years

Die meisten Near-Future-Serien scheitern daran, eine emotionale Bindung zum Zuschauer zu schlagen (siehe zuletzt The Feed). Sie konzentrieren sich zu sehr auf einen bestimmten technischen oder dystopischen Aspekt, der zu viel Raum einnimmt und das Setting kalt und distanziert wirken lässt. Was fehlt, sind emotionale Bezugspunkt für die Zuschauer. Years and Years gelingt das Kunststück mit Bravour. Auch, wenn man sich in den ersten Minuten noch in seichten Gefilden á la Eastenders wähnt, ist man schnell Teil dieser herzlichen Familien, in der die vier Geschwister, die von ihrer Oma großgezogen wurden, mit ihrem Anhang per moderner Technik in Telefonkonferenzen in engem Kontakt bleiben und sich jährlich zu Feierlichkeiten im Großelternhaus treffen.

Der große Knall, der die im Jahr 2019 beginnende Handlung auf eine ganz andere Ebene hebt, kommt gegen Ende der ersten Folge. Doch da hat mich die Serie so gepackt, dass ich sie innerhalb kürzester zeit durchgebingt habe.

Über fünfzehn Jahre begleiten wir die britische Familie Lyons dabei, wie sie sich mit den teils drastischen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, sozialen Verwerfungen und dem technischen Fortschritt herumschlagen müssen, bis sie schließlich unter dramatischen Umständen ums nackte Überleben kämpfen. Dabei kommt es immer wieder zu Black-Mirror-Momenten im besten Sinne, aber immer ganz beiläufig und natürlich in die Handlung eingeflochten. Für den obligatorischen bitterbösen britischen Humor sorgt Emma Thompson als populistische Politikerin á la Trump.

Homosexualität, Diversität, Transhumanismus, soziale Segregation, Ausbeutung, Flucht, Populismus, gewaltsame Revolutionen in demokratischen EU-Staaten, Verfolgung, Atomschläge, Pandemien – sieht man diese Liste, die man noch gut weiterführen kann, könnte man meinen, die Serie, mit ihren nur sechs Folgen, sei thematisch völlig überfrachtet. Ist sie aber nicht. Alles sind Puzzleteile, die ein stimmiges Gesamtbild führen, das einen beeindruckenden und vor allem beängstigend realistisch Blick auf die nächsten fünfzehn Jahre wirft.

Russell T. Davis (Schöpfer des Doctor Who-Revivals) nimmt ganz aktuelle Entwicklungen vom Brexit, antidemokratischen Strömungen und sozialen Verwerfungen und extrapoliert sie ganz behutsam konsequent aus Perspektive einer einzigen Familie und deren Umfeld. Er bleibt stets in der Mikroperspektive, das Weltgeschehen erfahren wir nur aus den Nachrichten und sozialen Medien.

Doch das Herzstück der Serie ist die Familie mit ihrer Dynamik und die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder zueinander über fünfzehn Jahre. Durch deren Augen erleben wir die Zukunft, die für sie einige schöne aber auch viele dramatische bis tragische Entwicklungen bereithält.

Das alles ist so fulminant und mitreißend inszeniert, wie es nur wenigen Serien in den letzten Jahren gelungen ist. Auf der Liste der 50 besten Serien 2019 des Guardian ist Years and Years auf Platz 4 direkt hinter Succession, Fleabag und Chernobyl gelandet, und das zurecht (wobei ich Chernobyl auf Platz 1 gesetzt hätte).

Aber Vorsicht, aufgrund der aktuellen Pandemie und deren gesellschaftlichen Folgen, ist die Serie momentan sicher nicht für alle geeignet, da sie ja doch ein wenig Angst vor der Zukunft macht. Und Angela Merkel sollte sie besser auch nicht sehen. 😉

Years and Years lief vor einem Jahr bei der BBC, bei uns ist sie seit Anfang des Jahres auf dem Streamingdienst Starzplay verfügbar. Abonniert man den Channel bei Amazon bis zum 31. März, zahlt man die ersten drei Monate jeweils nur 1 Euro pro Monat (jederzeit kündbar). Und Starzplay hat noch eine Menge andere großartige Serien wie Vida, Sweetbitter, Counterpart, Mr. Mercedes oder Black Sails im Angebot.

Serien und Filme Februar 2020

Wie immer gilt, es werden nur Serien aufgeführt, die ich auch im Februar beendet habe. Von Altered Carbon habe ich die letzte Folge z. B. erst am 1. März gesehen, womit die Serie erst im nächsten Monat gelistet wird.

Serien

Bad Banks S02 7/10
Pastewka S10 8/10
Succession S01 7/10
This is Us S03 9/10
Ares 9/10

Das Maß aller Dinge in Sachen Serien und Erzählkunst ist für mich aktuell auch in der dritten Staffel noch This Is Us. Ausgerechnet eine Networkserie (NBC), die aber kunstvolles und emotionales Erzählen mit einer bodenständige (Familien-) Geschichte verbindet. Mit den Pearsons verbringe ich einfach gerne Zeit, und jetzt erfährt man auch mehr über die eingeheirateten Mitglieder und deren Familien sowie Jacks Zeit in Vietnam und seinen Bruder Nicky.

Pastewka ist nach einer schwachen neunten Staffel der gelungene Abschluss der über weite Strecken großartigen und witzigen Serie. Hat genau den richtigen Ton getroffen.

Succession ist wirklich toll geschrieben, aber zu geradlinig inszeniert. Doch was als Klischeegeschichte über eine versnobte Milliardärsfamilie beginnt, die sich um den großen familieneigenen Medienkonzern zofft, bekommt mit jeder Folge mehr Tiefgang.

Bad Banks ist ein ordentliche Fortsetzung der ersten Staffel, kommt aber in Sachen Spannung und Intensität nicht ganz an diese heran. Dafür wiederholt sich zu viel und ist manches auch zu konstruiert.

Ares dürfte eigentlich, objektiver gesehen, nur 7/10 Punkten erhalten, aber da ich alle acht (halbstündigen) Folgen am Stück durchgesehen habe (was sonst nur selten bei mir passiert), wäre das eine zu schwache Wertung. Die Serie hat bei mir genau die richtigen Knöpfe gedrückt und meine Vorlieben in Sachen Verschwörungen und Geheimgesellschaften getroffen, bekommt aber am Ende noch einen schönen Twist in Richtung niederländischer Kolonialismus-Kritik im Stile von Jordan Peele.

Filme

The Dead Don’t Die 6/10
Tiger Girl 6/10
Vox Lux 5/10
Ad Astra 7/10
If Beale Street Could Talk 8/10
Generation Wealth 7/10
Days of Beeing Wild 7/10
Hotel Mumbai 8/10
Die Erfindung der Wahrheit 8/10
Sweethearts 6/10
The Sun Is Also A Star 9/10
Ready Or Not 6/10
The Public 7/10
The Guard 7/10
Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers 5/10

Meine Filmauswahl ist in diesem Monat deutlich durchwachsener ausgefallen, da waren einige Enttäuschungen wie Jim Jarmuschs Zombikomödie The Dead Dont’t Die, oder Vox Lux mit Natalie Portman, der sehr merkwürdig inszeniert ist. Absolutes Highlight war für mich:

The Sun Is Also A Star, ein mitreißendes Drama über zwei Jugendliche, die sich in New York kennen und lieben lernen, denen aber nur ein Tag zusammen verbleibt. Toll gefilmt. So schön sieht man New York selten. Durchaus kitschig, aber manchmal sollte man sich die Zeit zum Träumen einfach nehmen.

Hotel Mumbai ist sehr mitreißend und schockierend inszeniert, bringt einem die Schrecken eines solchen Terroranschlags unmittelbar näher, ohne sich an der Gewalt zu weiden.

Die Erfindung der Wahrheit überzeugt vor allem durch Jessica Chastain und den Twist am Ende, der alles zuvorgesehene deutlich aufwertet.

Und If Beale Street Could Talk ist eine berührende und elegante Geschichte über Liebe, Rassismus und Ungerechtigkeit nach einem Roman von James Baldwin.

Meine Lektüre Februar 2020

Laetitia Colombani – Der Zopf 8/10
Zoe Fishman – Die Frauen von Long Island 6/10
Lisa Taddeo – Three Women 8/10
T. S. Orgel – Das Haus der tausend Welten 7/10
Nick Hornby – High Fidelity 7/10 (Reread, bei Erstlesung vor 20 Jahren 9/10)
Yoko Ogawa – Das Geheimnis der Eulerschen Formel 9/10
Christian Baron – Ein Mann seiner Klasse 9/10

Meine Lesehighlights waren:

Christian Baron Ein Mann seiner Klasse: Bewegende Schilderung einer Kindheit in Armut in Kaiserslautern, mit gewalttätigen, saufendem Vater und einer früh verstorbenen Mutter, und wie schwierig sozialer Aufstieg in diesem Land ist.

und

Yoko Ogawa Das Geheimnis der Eulerschen Formel: Von einer jungen Japanerin und ihrem 10-jährigen, die einen älteren Mathematikprofessor betreuen, der alle 80 min. sein Gedächtnis verliert. Wunderbar verschrobene Geschichte über die Schönheit der Zahlen und die Poesie des Alltags.

Aus dem Japanischen übersetzt von Sabine Mangold.

Nur knapp dahinter:

Lisa Taddeo erzählt in Three Woman stilistisch herausragend die wahren Geschichten dreier Frauen mit all ihren Sehnsüchten, Verlangen und Hindernissen. Über Missbrauch, Liebe, Erwachsenwerden und die Frauenfeindlichkeit unserer Gesellschaft. Das Buch ist so gut geschrieben mit seinen scharfsinnigen Beobachtungen und feinfühligen Beschreibungen, da könnten sich auch viele RomanautorInnen eine Scheibe von abschneiden. Ist auch auf Deutsch erschienen.

Einen Reread gab es von Nick Hornbys High Fidelety, anlässslich der aktuellen Serienadaption mit Zoe Kravitz als Rob. Noch immer lesenswerte Geschichte eines misanthropischen Beziehungsnörglers und Plattennerds, der unter seinen ironischen Sprüchen und seiner notorischen Grantlerei verbirgt, wie schlecht es ihm eigentlich geht. Hat mir aber nicht mehr ganz so gut gefallen wie bei der Erstlesung vor 20 Jahren, da mir Robs Jammerlappigkeit gehörig auf die Nerven ging. (7/10, statt 9/10 damals)

In Zoe Fishmans Die Frauen von Long Island erbt eine junge, alleinerziehende Mutter ein Haus in den Hamptons inklusive der an Alzheimer erkrankten Bewohnerin. Spricht durchaus aus interessante Themen an und liest sich unterhaltsam, bleibt aber zu seicht, um über die gesamte Strecke zu überzeugen. Übersetzt von Annette Hahn.

Der Zopf von Laetitia Colombani (dt. Claudia Marquardt). Bewegende Geschichte dreier Frauen aus unterschiedlichen Welten, die lose miteinander verknüpft sind, aber zeigen, mit welchen Widerständen und Problemen sie sich ganz gleich vom sozialen Status herumschlagen müssen.

Haus der tausend Welten von T. S. Orgel.

Eine gelungene Mischung aus Gauner-Fantasy á la Locke Lamora und Abenteuer-Fantasy wie Fafhrd und der Graue Mausling, mit einer ausreichenden Prise Sens of Wonder und Spannung, ohne dabei die Figurenentwicklung zu vernachlässigen.

In der Bergstadt Atail, die von magischen Siegeln künstlich warm gehalten wird, gibt es das mythenumrankte Haus der aufgehenden Sonne. Ein riesiges Gasthaus, dessen oberen Stockwerke Magie und Schätze beherbergen soll, die aber seit Jahrhunderten niemand mehr betreten (und wenn, dann nicht wieder verlassen) hat. Doch eine Truppe von Straßengaunern, die kriminelle Wirtin des Hauses und ein paar andere geheimnisvolle Personen machen sich auf den gefährlichen Weg, die Geheimnisse des Hauses zu ergründen.

Zunächst einmal möchte ich festhalten, wie sehr ich abgeschlossene Einzelromane in der Fantasy schätze. Die Story hier ist perfekt dafür, auch wenn das Buch etwas zu lang geraten ist. Das hätte man auch gut auf unter 500 Seiten erzählen können. Trotzdem hatte ich meinen Spaß mit dem Roman. Die Figuren sind gut ausgearbeitet, die Locations werden sehr stimmungsvoll beschrieben und das Haus selbst hält genügend Sens of Wonder bereit, um meinen Abenteuergeist zu wecken.

Ein paar Kritikpunkte gibt es aber durchaus:

A) die Länge. Nach ca. 450 Seiten hätte die Geschichte für mich gut enden können. Hier und da wirkt sie für mich zu sehr in die Länge gezogen, als wolle oder müsse man (fürs Marketing) unbedingt einen dicken Fantasyschinken produzieren, obwohl die epische Länge für diese Art von Geschichte überhaupt nicht erforderlich ist.

B) Die Live-Die-Repeate-Sequenzen habe ich als dramaturgische Schummelei empfunden. Die im Finale auch noch verpufft, weil man sie vom ersten Moment ahnt und weiß, dass alles, was auf den folgenden Seiten passiert, wieder annulliert wird. Hat nicht ins Gesamtkonzept des Buchs gepasst. Zumindest für mich nicht.

Filme, Serien und Bücher im Januar 2020

Gelistet wird nur, was ich im Monat auch beendet habe.

Filme

The Man from U.N.C.L.E. 7/10
Close 6/10
Der geheime Roman des Monsieur Pick 8/10
Tigermilch 8/10
Good Time 6/10
Videodrome 7/10
The Pelican Brief 8/10
Taxi Driver 9/10
Event Horizon 8/10
1917 9/10
Chungking Express 9/10
Widows 7/10
Happy Deathday 2U 6/10
Miss Americana 6/10
Uncut Gems 9/10

Das Kinohighlight des Monats war natürlich 1917 mit seinen atemberaubenden Bildern aus den Schützengräben des 1. Weltkriegs, gefilmt, fast wie in einer Einstellung – beeindruckend.

Ansonsten ist das Kleinod der Januars Uncut Gems auf Netflix mit Adam Sandler als Diamantenhändler, der sich durch seine Wettsucht immer tiefer in die Scheiße reitet. Neben dem großartigen Sandler und den eleganten und atmosphärisch dichten Bildern auch eine faszinierende Analogie auf die Finanzmärkte.

Tigermilch ist ein bewegendes deutsches Coming-of-Age-Drama um zwei junge Freundinnen.

Daneben gab es noch einige Rewatches, zum Beispiel von Wong Kar-Wais Chungking Express mit hypnotisch schönen Bildern von Kameramann Christopher Doyle. Videodrome gefällt mir aufgrund des schmuddeligen 80er-Jahre-VHS-Flairs. Und Thriller wie The Pelican Brief (Die Akte) wurden nur in den 90ern gedreht.

Miss Americana ist eine Doku über Taylor Swift, die durchaus eine interessante Frau und Musikerin ist. Sehr intelligent und mit einer guten politischen Einstellung. Der Film wirkt aber eher wie ein langer PR-Clip, in dem fast nur Swift selbst zu Wort kommt.

Serien

Dracula 5/10
Hip Hop Evolution S04 7/10
Ray Donovan S02 7/10
Virgin River 6/10
Sex Education S02 8/10

Dracula hat mir in der ersten Folge ganz gut gefallen, stimmig und mit dichter Atmosphäre vor imposanter Kulisse und mit einem ausgezeichneten Dracula inszeniert. Auch wenn es am Ende bei den Nonnen doch etwas zu viel des Guten ist, und die Autoren, wie schon im Finale von Sherlock, kein Maß für ihre Selbstverliebtheit finden. In Folge zwei auf dem Schiff wird es aber langweilig, da ein Locked-In-Murder-Mystery-Fall nur funktioniert – anders als z. B. Columbo –, wenn man den Täter nicht schon kennt. Hier reiht sich ein dröger Mord an den nächsten. Der Twist am Ende ist aber toll. Nur leider machen sie nichts daraus, sondern verlieren sich in Folge drei in Albernheiten und einer konfusen Story ohne roten Faden und Spannung. Durch diese Episode musste ich mich quälen und Claes Bang, den ich in Folge 1 noch so toll fand, ging mir nur noch auf die Nerven.

Das Highlight ist natürlich Sex Education, das in der zweiten Staffel das hohe Niveau halten kann, trotz gelegentliche Albernheiten nie seine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik aus den Augen verliert.

Bücher

Sally Rooney – Conversations with Friends 8/10
Dennis Wheatley – They Found Atlantis 7/10
Richard Paul Russo – Ship of Fools 7/10
Ferdinand von Schirach – Strafe 6/10
Ben Nevis – Die drei Fragezeichen: Der dunkle Wächter 5/10
Christopher Huang – Tod eines Gentleman 7/10

Das beste Buch auf dieser Liste ist Sally Rooneys Conversations With Friends, über eine interessante Vierecksbeziehung zwischen vier jungen IrInnen. Scharfsinnig beobachtet und gut beschrieben.

Ship of Fools ist besser geschrieben als erwartet, gar nicht der plumpe B-Movie-Horror, sondern viel reflektierender in Sachen Theologie und menschlicher Natur, wenn auch etwas unbefriedigend im finalen Akt. Keine Ahnung, warum das nie auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht haben sich die Vorgängerbücher von Russo in der Übersetzung nicht so gut verkauft?

Mein 2019

Am 7. Januar war 2019 für mich bereits gelaufen. Ab da ging es humpelnd, auf Krücken und mit Knieorthese durchs Jahr. Zwei Knie-Operationen, ein genähter Meniskus (dessen Naht übrigens nicht gehalten hat), eine Beckenkammentnahme (Knochenmaterial weggefräst und in die Bohrkanäle der alten Kreuzbandplastik eingesetzt), eine alte entfernte Kreuzbandplastik und eine neu eingsetzte. War alles halb so wild, beeinflusste mein Jahr aber doch stark, folgte auf die OPs jeweils eine längere Rehaphase mit Physiotherapie und viel Training zu Hause.

Und zu Hause war das Leitthema des Jahres, verzichtete ich doch aufgrund oben geschilderter Situation auf längere Reisen. 2017 war ich in Paris, 2018 in New York, 2019 nur auf dem Marburg Con und dem Bucon (die aber beide toll waren). Ansonsten habe ich vor allem viele Artikel und Newszusammenfassungen für Tor Online geschrieben, tolle Bücher gelesen, viele Serien geschaut (mit hochgelegtem Knie und einem Eisbeutel darauf). Im Kino war ich kein einziges Mal. Wandern auch nicht. Dafür aber viel Fahrradfahren.

Der Blog wurde ziemlich vernachlässigt, da alle schreibtechnische Energie in Tor Online floss. Nur 10 Beiträge. Ein Rekordtief, seit Translate Or Die 2011 an den Start ging. Nur eine einzige Buchbesprechung, zu The Borrowed von Chan Ho-Kei. Ein paar Kurzkritiken und drei Serienempfehlungen. Ein Artikel über meine sinkende Leselust (die sich übrigens behoben hat), über eine unveröffentlichte Übersetzung (die es wohl auch bleiben wird), ein Bericht über meinen Besuch bei den New York Yankees 2018 und ein Rückblick auf das komplette vergangene Jahrzehnt.

Meine Artikel auf Tor Online für das erste Halbjahr habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst, und hier ist der Rest:

Und bei Hundertvierzehn (dem literarischen Onlinemagazin des S. Fischer Verlags) erschien:

 

Mein(e) … des Jahres

Song: Solway Firth von Slipknot
Album: Lux Prima von Karen O und Danger Mouse
Buch: Beastie Boys Book von Adam Horowitz und Mike Diamond
Sachbuch: Midnight in Chernobyl von Adam Higginbotham
Roman: Die goldene Stadt von Sabrina Jansch
Film: Marriage Story
Cleverstes Drehbuch: On Cut Of The Dead (nicht von den ersten 30min abschrecken lassen, die erhalten am Ende eine geniale Auflösung)
Bestes Remake: Suspiria
Beste Doku: American Factory
Beste Mini-Serie: Chernobyl
Beste neue Serie: Euphoria
Beste alte Serie: Mindhunter und She’s Gotta Have It
am schnellsten weggebingte Serie: Line of Duty (Staffeln 1-4)
Beste Doku-Serie: Street Food Asia und Our Planet
Bestes Computerspiel des Jahres: Resident Evil 2 Remake (hab sonst nichts gezockt)
Bestes Hörspiel des Jahres: Die jutten Sitten
Bester Artikel des Jahres: A Battle for My Life von Emilia Clarke (im New Yorker)

Zu den Filmen sei noch gesagt, dass ich – anders als bei den Büchern – keine Liste darüber führe, was ich geschaut habe, weshalb die Filme vom Jahresende besser in Erinnerung sind, als die vom Jahresanfang. Da ich nicht im Kino war, kann ich nur gesehen haben, was schon im Heimkino erschienen ist.

Die Knieverletzung hat mich ein wenig aus meiner üblichen Routine gebracht, was durchaus eine interessante Abwechslung war. 2020 wird beruflich noch ein bisschen was anderes hinzukommen, und mal schauen, wie es weitergeht. Hätte nichts dagegen, mal wieder ein Buch zu übersetzen. Im Januar erscheint zumindest eine von mir übersetzte Kurzgeschichte in der phantastisch! Zur politischen Lage habe ich mich bereits im Dekadenrückblick geäußert.

Da ich ja in der Phantastik- bzw. Buchbranche arbeite, sei noch erwähnt, dass 2019 für ebenjene schon eine Art Krisenjahr war. Anfang des Jahres meldete der Buchgroßhändler KNV Insolvenz an, weshalb viele Verlage auf ihren Rechnungen sitzen blieben, was vor allem für Kleinverlage existenzbedrohend sein konnte. Dann kündigte die Post die Abschaffung der Buchsendung und eine Portoerhöhung an, und zu guter Letzt sortierte der andere Großhändler Libri Hunderttausende Buchtitel aus seinem System aus. Angeblich aus ökonomischen Gründen Titel, die sich nicht verkauft haben. Doch von Verlagen hört man, dass das oft völlig willkürlich ablief, ohne Vorankündigung. Teilweise Teil 4 oder so einer Serie, während alle anderen Teile im System blieben.

Und einige Phantastikverlage gingen infolge der Krise tatsächlich in die Insolvenz. Z. B. Feder & Schwert und Golkonda, andere Kleinverlage machten ganz dicht. Die Zahl der LeserInnen schrumpft, Netflix und Co. werden zur immer größeren Konkurrenz, und die Verlage sind ratlos, was noch funktioniert, weil es keine klar definierbaren Trends mehr gibt, wie einst die Völkerfantasy, Vampire oder Ähnliches. Und Riesenbestseller wie einst Harry Potter, Dan Brown oder Fifty Shades of Grey gibt es auch kaum noch.

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Scheiß drauf, das bleibt jetzt so! Mein Rückblick auf das ausklingende Jahrzehnt

Das Ende eines Jahrzehnts gilt als Wegmarke, die Anlass bietet, einen Blick zurückzuwerfen, auf jene Dekade, die gerade verstrichen ist. Ein Blick zurück auf verpasste Chancen und genutzte Gelegenheiten, die größten Triumphe und bittersten Niederlagen, erreichte Ziele und verpasste Träume. Auf Entscheidungen und deren Folgen.

Mein vorletztes Jahrzehnt endete mit einer Entscheidung, die mein Leben bis heute maßgeblich beeinflussen sollte. Einer Entscheidung, die ich nie bereut habe und die auch zur Existenz dieses Blogs führte. Und jetzt sitze ich hier und blicke auf ein abwechslungsreiches und aufregendes Jahrzehnt zurück, das mir so einige großartige Möglichkeiten bot, die ich nicht alle zu nutzen wusste.

Ein Jahrzehnt, das mich erstmals nach Paris und New York brachte; in dem ich mein erstes Buch übersetzte, dem zwölf weitere folgen sollten; in dem ich meinen zweiten Uni-Abschluss machte; in dem ich aber auch wieder ins Elternhaus zurückzog und zeitweise in einen Beruf zurückkehrte, mit dem ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ein Jahrzehnt, in dem ich gelernt habe, dass ich kein guter Netzwerker bin, es aber irgendwie doch halbwegs auf die Reihe bekommen habe, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad; und in dem ich ein wenig den Anschluss an die digitale Gegenwart verloren habe, zumindest was die beruflichen Skills angeht, obwohl ich schon seit drei Jahren einen Teil meines Einkommens über das Internet verdiene. Was ich aber – und hier ist der erste gute Vorsatz fürs nächste Jahrzehnt – jetzt zu ändern gedenke.

Die Nullerjahre beendete ich als Optimist, meine persönliche Zukunft ebenso betreffend, wie jene der Menschheit. Das aktuelle Jahrzehnt beende ich als Zweifler. Daran zweifelnd, wie es bei mir weitergehen soll, und schwarzsehend, was die Zukunft der Menschheit angeht. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die 2010er-Jahre als das Jahrzehnt in die Geschichte eingehen wird, in dem die Demokratie nach ihrem kurzen Höhenflug, der nur drei Jahrzehnte anhalten sollte, in finstere Untiefen abstürzte. Die 2010er werden nicht nur das Jahrzehnt sein, an dem der Tipping Point verpasst wurde, an dem man die Folgen des Klimawandels zumindest noch hätte abschwächen können, sondern auch die Dekade der Rechtspopulisten und Autokraten.

Das letzte Jahrzehnt vor dem Zeitalter der Dystopie, in dem jene Szenarien Wirklichkeit werden, von denen ich sonst so gerne in Science-Fiction-Romanen gelesen habe, wissend, dass sie als Warnung vor einer Zukunft galten, die es uns noch gelingen würde zu verhindern. Ein Irrtum, wie sich mit Blick nach China, Russland, England, Amerika und auch in die direkte Nachbarschaft zeigt. Eine Regierungsbeteiligung der rechtsextremen AFD ist nur eine Frage der Zeit, und ich bin fest überzeugt, dass dieser Sündenfall schon in den nächsten Jahren eintreten wird, denn der Rechtsruck in unserer Gesellschaft hat nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien und im Journalismus längst stattgefunden und ist bereits tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert, auch wenn die Meisten noch die Augen davor verschließen, und so tun, als würde es sich nur um eine Randerscheinung handeln, die schnell vorübergeht. Aber darum soll es hier nicht gehen. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Da bin ich ganz pragmatisch. Vielleicht kann ich es mir auch erlauben, weil ich keine Kinder habe. Hier geht es um meinen persönlichen Rückblick auf das letzte Jahrzehnt, nicht um die Sorgen für das nächste.

Im Spätsommer 2009 entschied ich mich, nach Berlin zu ziehen, nachdem meine Bewerbung für ein Zweitstudium an der Freien Universität Berlin erfolgreich war. Es folgten ein sehr kurzfristig anberaumter Sprachtest und eine hektische Wohnungssuche, erschwert dadurch, dass ich mein zweites Jahr als Sozialpädagoge in einer psychosomatischen Suchtklinik beenden musste, und nicht mehr genügend Urlaub übrig hatte, um mehrere Wochen ausschließlich auf die Wohnungssuche verwenden zu können.

Im Januar 2010 saß ich als Erstsemester der Nord- und Lateinamerikastudien in meiner Wohnung in Berlin/Moabit und genoss es erstmals, ganz alleine zu wohnen. Zwar hatte ich in meinen sechs Jahren an der Uni Siegen ein Zimmer im Studentenwohnheim, aber von alleine wohnen kann da keine Rede sein. Für die die damalige Zeit und mich mit Anfang 20 war es genau das Richtige, so wie ein Jahrzehnt später eine ganz eigene Wohnung genau das Richtige war. Mit 30 ein neues Studium zu beginnen, umgeben von zehn Jahre jüngeren Studierenden war ein ganz eigenes Erlebnis, das zu einem komplett anderen – und viel fokussierterem Studium! – führte.

Es war aufregend, während der Amtszeit und Wiederwahl Barak Obamas US-amerikanische Geschichte, Politik, Soziologie und Kultur zu studieren. Noch interessanter wäre es nur während des Beginns der Ära Trump gewesen, denn die haben wir alle nicht kommen sehen, obwohl die Anzeichen dafür da waren. Vermutlich wollten wir sie nicht sehen, weil es so bequemer war und wir uns weiterhin nicht eingestehen mussten, kein Mittel gegen die Radikalisierung der Rechten und den Populismus zu haben, und das uns die Digitalisierung und das Internet über den Kopf wuchsen.

13 Bücher (sowie zahlreiche Kurzgeschichten und Fernsehdokumentationen) habe ich im vergangenen Jahrzehnt übersetzt, und nicht immer war „Scheiß drauf, das bleibt jetzt so!“ die richtige Entscheidung, auch wenn sie teilweise Umständen geschuldet war, auf die ich nur wenig Einfluss hatte – von wegen (oft künstlich und ohne Not herbeigeführter) Zeitdruck in der Branche. Und ganz ehrlich, manchmal habe ich mir auch gedacht: „Wenn ihr nur XY Euro für eine Übersetzung zahlt, dann bekommt ihr auch eine Übersetzung für XY Euro.“ Auch wenn mir mein beruflicher Stolz lautstark ins Gewissen geredet hat – hin und wieder erfolgreich.

Aber ich bin stolz auf meine Übersetzungen und halte manche davon für durchaus gelungen. Bücher zu übersetzen war sozusagen die realistischere Variante davon, die Leidenschaft für Bücher zum Beruf zu machen. An der unrealistischeren arbeite ich noch. Ich stecke immer noch mitten in der Überarbeitung der ersten Fassung meines ersten Romans. Die Illusion, damit Geld zu verdienen habe ich nicht (man beachte dazu Falko Löfflers wunderbar ehrlichen und toll geschriebenen Dekadenrückblick, der mich zu diesem hier inspirierte). Da ist das Übersetzen die realistischere Variante, wenn auch nicht mehr für lange. Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es noch Jahrzehnte dauern würde, bis wir Übersetzer von Computern ersetzt werden. Inzwischen bin ich überzeugt, dass die ersten Verlage schon daran arbeiten, Übersetzungen in Zukunft von Software wie DeepL machen und das Ergebnis nur noch von einem Lektorat überarbeiten zu lassen. Ganz gleich, ob die Programme schon so weit sind, oder das Ergebnis überhaupt halbwegs lesbar sein wird. Das ist die Illusion, die mir die professionelle Tätigkeit in der Branche ein wenig geraubt hat.

Ein Jahrzehnt, das ich mit Zweifeln beende, darüber, wie es beruflich weiter gehen soll. Aktuell arbeite ich sehr viel für das phantastische Onlinemagazin Tor Online von Fischer Tor (S. Fischer Verlag), verfasse zweimal wöchentlich eine Newszusammenfassung und schreibe Artikel zu Themen der Phantastik. Ab Januar wird noch ein weiterer Aufgabenbereich hinzukommen, was mir erstmal etwas mehr finanzielle Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mich weiter nach Möglichkeiten umsehen und mich auch weiterentwickeln, wenn ich in den nächsten Jahren wieder nach Berlin ziehen möchte. Und das möchte ich wirklich, da mir das Leben in dieser Stadt inzwischen sehr fehlt.

Ich kann sehr faul, aber auch sehr produktiv sein, wenn es um die Arbeit an eigenen fiktionalen Texten geht, aber mit dem zu Ende bringen hapert es häufig. „I bully myself ‚cause I make me do what I put my mind to“, rappt Eminem in Rap God. Das ist etwas, was ich besser trainieren muss. Mich selbst dazu antreiben, Dinge zu tun, die ich mir vorgenommen habe.

Die letzten Jahre in der Selbstständigkeit hat sich bei mir eine gewisse Routine eingeschlichen, die bequem ist, da sie mir immer wieder ausreichend Freizeit bescherte, was ich für den größten Luxus überhaupt halte, die mir aber irgendwie auch die Energie für gewisse Projekte stahl. Meine Knieverletzung Anfang 2019, mit zwei darauf folgenden Operationen und einer langwierigen Rehaphase, hat mich ein wenig aus dieser Routine geworfen, was ich trotz diverser Unannehmlichkeiten teilweise begrüßt habe. Zumindest was meinen Alltag betraf, ansonsten bin ich dadurch weniger verreist und unter Leute gekommen als normalerweise. Es hat mir aber auch gezeigt, wie gelassen und pragmatisch ich auf solche Unannehmlichkeiten und unbequeme Dinge reagieren kann, wenn ich sie schließlich angehe.

Es war ein lehrreiches Jahrzehnt, das mich in einige für mich ungewohnte Situationen gebracht hat. Allein in der Großstadt zu leben, in der Kinder- und Jugendhilfe zu arbeiten, im Kindergarten, dann den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und die Erkenntnis, dass dies das richtige Berufsmodell für mich ist. Im kommenden Jahrzehnt sollte ich mich auf diese Erkenntnisse und meine Stärken konzentrieren und diese besser und öfters nutzen. Und ich sollte wieder mehr Veränderungen in mein Leben lassen, denn durch diese bin ich in der Vergangenheit immer aufgeblüht. Obwohl ich den Gedanken an Veränderungen zunächst immer hasse.

Die Zehnerjahre waren auch eine Dekade des Bloggens. Translate or die ging 2011 an den Start. Ursprünglich als rein berufliche Internetpräsenz gedacht, wurde es mit der Zeit immer persönlicher und bot mir als introvertiertem und schüchternem Menschen die Möglichkeit, etwas mehr an die Öffentlichkeit zu gehen. 2019 ging die Zahl der Blogpost drastisch zurück, und irgendwie habe ich ein wenig die Lust daran verloren, aber schließen werde ich den Blog nicht. Vielleicht ist es nur eine Phase.

Es war auch ein Jahrzehnt, in dem ich den Kontakt zu einigen alten Freunden verloren habe, die mir doch sehr fehlen. Aber Lebensmodelle und -läufe entwickeln sich irgendwann auseinander und es reicht wohl auf Dauer nicht, sich krampfhaft an den Erinnerungen an die schöne gemeinsame Zeit festzuhalten. Doch es war auch ein Jahrzehnt, in dem neue Freundschaften entstanden sind. Ein Jahrzehnt, in dem ich erstmals Trauzeuge war.

Nostalgie ist Gift und hält uns davon ab, unbeschwert in die Zukunft zu gehen. Deshalb schließe ich den Dekadenrückblick hiermit ab, hadere nicht länger mit falschen Entscheidungen, trauere keinen verpassten Gelegenheiten nach und klammere mich nicht an schöne Erinnerungen. Trotz aller Zweifel und Sorgen möchte ich lieber erhobenen Hauptes mit intaktem Knie und voller Tatendrang ins neue Jahrzehnt schreiten.