Meine Lektüre im Mai

27. Melanie Raabe – Die Falle
28. Peter Newman – The Vagrant
29. James L. Burke – Sturm über New Orleans
30. Laird Barron – The Imago Sequence

Ich hinke mit meiner Leseberichterstattung (und den Blogeinträgen generell) leider etwas hinterher.
Dass es im Mai nur vier Bücher geworden sind, von denen auch nur eines wirklich dick ist (der Burke), liegt zum einen daran, dass ich in einigen Kurzgeschichtenbänden gelesen habe, die noch nicht beendet sind, aber vor allem daran, dass ich Ende Mai Abgabetermin für eine Romanübersetzung hatte. Nachdem ich oft den ganzen Tag an sieben Tagen der Woche am Bildschirm meinen Text überarbeitet habe, musste ich in der Freizeit meinen Augen ein wenig Entspannung gönnen. Da habe ich mir dann eher mal eine Serie angesehen.

Melanie Raabe – Die Falle

Das Buch wird ja als deutsche Sensation des Buchführlings 2015 gehandelt, wie z. B. dieser Artikel auf Welt.de zeigt. Rechte in 40 Länder verkauft, Filmrechte ebenso, und alles vor Erscheinen des Buches. Meiner Mutter hat es sehr gut gefallen, ich kann auch verstehen, warum das Buch bei vielen LeserInnen gut ankommt, aber ich bin mit der Geschichte nicht so recht warm geworden, in der es um eine 38-jährige Bestsellerautorin geht, die nach einem tragischen Todesfall (Mord) zurückgezogen in ihrer eigenen Welt lebt. Zumindest, bis sie den Mörder ihrer Schwester zu erkennen glaubt und einen Racheplan schmiedet. Die Falle ist ein sehr psychologischer Thriller, der sich vor allem auf das Innenleben der Protagonistin konzentriert, das Raabe auch wirklich meisterhaft und literarisch anspruchsvoll darstellt. Auch das Buch im Buch, das auf reale Ereignisse anspielt, ist sehr geschickt konstruiert, aber schwächeln tut das Buch in Hinblick auf den großen Racheplan, nicht weil er unbeholfen daher kommt (das war von einer Autorin, die Kontakt zu anderen Menschen scheut, nicht anders zu erwarten), sondern weil er so vorhersehbar ist. Nimmt man die ungewöhnliche Konstruktion mit dem Buch im Buch und den starken Anfangsteil über das Leiden der Protagonistin weg, bleibt ein gewöhnlicher und sehr unspektakulärer Rachethriller, der mich leider völlig kalt gelassen hat.

Peter Newman – The Vagrant

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Ein wilder Mix aus Fantasy und Science Fiction, in dem ein stummer Held mit Schwert, Baby und störrischer Ziege an der Leine durch eine von Dämonen eroberte und dementsprechend düstere Welt zieht. Ein englischsprachiger Rezensent hat Newmans Schreibstil als »stark« bezeichnet, was man in diesem Fall am ehesten als »schroff« übersetzen könnte. Es ist auf jeden Fall ein ungewöhnlicher (aber durchaus lesenswerter) Stil, der hervorragend zum Inhalt passt. Um diese Mischung inhaltlich einzuordnen, würde ich als Vergleichsreferenzen am ehesten Kings Der dunkle Turm, McCarthys The Road, Gemmels John Shannow und Warhammer heranziehen.

Kleiner Nachtrag: Im Forum der Bibliotheka Phantastika hatte ich ein wenig über mein Leseerlebnis berichtet.

James L. Burke – Sturm über New Orleans

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Bei vielen Reihen und Serien stellt sich irgendwann eine gewisse Routine ein und die Bücher laufen oft nach demselben Schema ab. Sturm über New Orleans ist der sechzehnte! Teil der (bisher zwanzigteiligen) Reihe um David Robicheaux. Was kann man da erwarten? Ein Meisterwerk! James L. Burke packt seine ganze Wut über die skandalösen Versäumnisse der Regierung während und nach dem Hurrikan Katrina in dieses Buch. Das Ergebnis ist ein spannender und mehr als gesellschaftskritischer Krimi vor apokalyptischer Kulisse.

Schön, dass die Reihe (von der bisher 11 Teile auf Deutsch erschienen sind) neu aufgelegt wird. Ein großes Lob an den Pendragon Verlag (der auch Robert B. Parker veröffentlicht) und die sprachgewaltige Übersetzung des leider schon verstorbenen Georg Schmidt.

Laird Barron – The Imago Sequence

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Zumindest unter Kennern gilt Laird Barron aktuell als der aufregendste (und beste) Horrorautor. Dieser Band enthält seine ersten Geschichten, die sich nicht unbedingt durch einen originellen Plot auszeichnen, sondern vor allem durch sprachliche Meisterschaft. Wortgewaltig erzeugt Barron eine Dynamik, die kosmischen und sonstigen Schrecken so atmosphärisch und poetisch in den Kopf des Lesers projiziert, dass ihm selbiger mit einem Lächeln auf dem Gesicht explodiert. Nicht alle Geschichten sind gleich gut, aber alle sind lesenswert. Bei Golkonda befindet übrigens die erste Übersetzung von Barron in Arbeit, und mit Jakob Schmidt wurde da ein kompetenter Übersetzer gefunden, der Barrons anspruchsvollem Stil sicher gerecht wird.

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Lesung von Marko Kloos am 19.06.2015 im Otherland – Der in Deutschland geborene und aufgewachsene Marko Kloos (vier Jahre bei der Bundeswehr) zog in die USA um Bestsellerautor zu werden. Mission Accomplished. Seine auf Englisch verfasste und zunächst selbstpublizierte Military-SF-Trilogie entwickelte sich zum Besteller, der inzwischen auch bei Heyne auf Deutsch erscheint. Des Weiteren wurde Kloos bekannt, weil er für den diesjährigen Hugo-Award nominiert war, seine Nominierung aber selbst zurückzog. Warum er das getan hat, und was es sonst noch Interessantes über ihn zu berichten gibt, könnte ihr im Lesungsbericht von Ralf Steinberg nachlesen. Als kleine Anmerkung noch: Als Übersetzer wäre ich doch sehr nervös, wenn der Autor, den ich übersetze, fließend Deutsch spricht. ;)

Sci Fi TV-Quartett: „The Last Man on Earth“, „Other Space“, „Dark Matter“ & „Killjoys“ – Der Wortvogel hat vier aktuelle SF-Serien besprochen. Den Piloten von Dark Matter habe ich letzte Woche gesehen und kann mich dem Urteil des Vogels nur anschließen. Auf eine anständige Weltraum-SF müssen wir weiterhin warten. Ob Expanse das liefern kann? Läuft ja auch auf dem Gurkengarant Syfy.

SIGMA 2 Foxtrot 016 — Werner Fuchs und Hardy Kettlitz – Die beste Buchhandlung dieser Welt – das Otherland in Berlin – bietet nicht nur zahlreiche interessante Lesungen wie zuletzt mit Joe Abercrombie und Marko Kloos an, sondern ab und zu schauen auch mal Genre-Urgesteine wie Werner Fuchs vorbei. Fuchs ist seit den 70er Jahren der deutsche Agent von George R. R. Martin, hat das Rollenspiel Das schwarze Auge mitentwickelt, die SF bei Knaur mitherausgegeben und den Verlag FanPro gegründet. Dementsprechend kann er viel Interessantes und Unterhaltsames aus dem Nähkästchen plaudern. Und die Jung vom SIGMA 2 Foxtrot waren auch noch so nett, diesen Abend für all jene mitzuschneiden, die an diesem Abend nicht in einem anderen Land weilen konnten. Ach ja, Hardy ist natürlich auch immer höhrenswert, der weiß nicht nur über die Hugos Bescheid, sondern auch über die SF-Szene der DDR.

Breaking the Boundaries Between Fantasy and Literary Fiction – Auf New Repupblic gibt es ein hochinteressantes Gespräch zwischen Neil Geiman und Kazuo Ishiguro über Genregrenzen und Genrezwänge. Ist sehr lange, aber es lohnt sich.

»Mad Max: Fury Road«, oder: »What a movie! What a lovely movie!!!« (inkl. »Mad Max« 1-3) – Mad molosovsky hat sich der Mad-Max-Reihe gewidmet. Seinen Einschätzungen kann ich mich durchweg anschließen. Der aktuelle vierte Teil ist der beste der Reihe. Der hat mich im Kino so richtig umgehauen. Wer hätte das gedacht. Ich glaube nicht, dass dieses Jahr noch ein Film laufen wird, der mich ähnlich beeindrucken kann. Der beste Actionfilm der letzten Jahre, optisch ein Kunstwerk, da ist es auch nicht schlimm, dass es kaum (offensichtliche) Story gibt.

Das Blut der Helden – erste Kritiken

Das Blut der Helden

Das Buch ist schon eine Weile raus, und die Besprechungen halten sich bisher noch in Grenzen, aber die wenigen, die es gibt, sind durchweg positiv. Wenn auch alle zu Recht bemängeln, dass die Darstellung der deutschen als Superbösewichte etwas überzogen und stereotyp ist. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch.

D. Vallenton hat das Blut der Helden für Fantasybuch.de besprochen:

Normalerweise bin ich ja vorsichtig mit so einem Wort wie Pageturner, aber hier kann ich es guten Gewissens gebrauchen. Das Blut der Helden liest sich, bedingt durch den angenehmen Schreibstil Nassises und den häufig wechselnden Erzählebenen, ausgesprochen kurzweilig und spannend. Es ist mehr als nur ein schnödes Buch über Zombies, es ist (auch) die Geschichte einer militärischen Rettungsmission und eines Kommandounternehmens. Beides so gekonnt miteinander verwoben, dass man oftmals nicht weiß, ob man nun einen Horroroman oder ein Buch über den Krieg liest (obwohl der Krieg nun wirklich, auch ohne Zombies, schon der blanke Horror ist). Angriffe von Zombies finden sich ebenso in dem Buch wieder wie packende Schilderungen von Luftschlachten, Angriffe auf Züge oder Zeppeline oder das entbehrungsreiche Leben an der Frontlinie und dem Nahkampf während eines Angriffs.

Und auch für den Übersetzer hat er ein paar lobende Worte übrig, was diesen (aber sicher auch den Lektor) natürlich besonders freut:

Trotz dieser einseitigen Sicht der Dinge, ist das vorliegende Buch, was zum großen Teil auch der gelungenen Übersetzung von Markus Mäurer zu verdanken ist, ein sehr tempo- und abwechslungsreiches Werk, das unbedingt den Geschmack auf die Fortsetzung geweckt hat. Unbedingt zu empfehlen.

Harry schreibt auf Scarecrows Area unter anderem:

Durchweg unterhaltende, gut mundende Kost, die niemals eine Durststrecke aufkommen lässt.

Auch für Carsten Kuhr auf Pantastik-News.de sind die stereotypen Deutschen so ziemlich der einzige Kritikpunkt:

Sieht man von der doch recht eindimensionalen Zeichnung der Figuren ab, erwarten den Leser doch einige interessante Ideen. Sobald man das Kraut-Bashing ausblendet, kann man den Helden dann ins phantastische Abenteuer folgen. Und da überzeugt Nassise. Voller Tempo kredenzt er seinen Lesern immer wieder neue, abwechslungsreich aufgezogene Kämpfe, die nicht so einseitig aufgezogen sind, wie man dies erwarten könnte.

Und auch auf amazon.de gibt es jetzt eine erste Kritik. Mirko Wäldchen schreibt:

Der Roman hat viel Action und die Figuren sind gut dargestellt.( Und es ist ab und zu brutal beschrieben wenn Zombies Lust und Hunger auf Menschen haben)
Ein wenig das Dreckiges Dutzend und Steampunk machen den Roman durchaus lesenswert .Natürlich kommt der amerikanische Pathos im Überfluss daher,was dem Roman ein wenig schadet

 

Wolfgang Jeschke – Der letzte Tag der Schöpfung

In Gedenken an Wolfgang Jeschke, hier meine Besprechung (aus dem Jahr 2005) seines Romans »Der letzte Tag der Schöpfung«. Nachrufe überlasse ich jenen, die ihn gekannt haben. Wie z. B. sein Nachfolger bei Heyne Sascha Mamczak auf diezukunft.de oder Dietmar Dath in der FAZ. Ich habe Wolfgang Jeschke mal live auf einem Bucon vor einigen Jahren gesehen, wo er einen Preis erhalten hat. Er wirkte damals schon gesundheitlich angeschlagen, um so höher ist es ihm anzurechnen, dass er trotzdem gekommen ist. Nach allem, was ich so lese und in den vergangenen Jahren schon gehört habe, soll er ein sehr netter Mensch gewesen sein. In meinem Bücherregal wird er auf ewig mehr als nur einen Platz haben, sowohl als Autor als auch als Herausgeber.

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Anfang der 80er Jahre – das Öl wird knapp. Zumindest glaubt dies die amerikanische Regierung. Schließlich hat man gerade erst eine Ölkrise hinter sich. Und die Amerikaner sind es leid, von den arabischen Ölstaaten abhängig zu sein. Aber was tun? Einen Krieg können sie sich nicht erlauben, denn der Vietnamkrieg ist der US-Bevölkerung noch zu gut im Gedächtnis. Glücklicherweise finden sich auf der ganzen Welt Artefakte, die darauf hindeuten, dass man in der Zukunft eine Lösung gefunden hat. Wie sonst lässt sich ein 60.000 Jahre alter Militärjeep erklären, der bei Ausgrabungen gefunden wurde. Dazu kommen noch weitere Gegenstände, die auf eine Pipeline in die Vergangenheit schließen lassen. Also schickt das US-Militär eine Gruppe von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Soldaten 60.000 Jahre zurück in die Zeit, um den Saudis das Öl unter dem Hintern weg zu pumpen. Allerdings lassen sich immer nur kleine Gruppen auf einmal in die Vergangenheit schicken. Dummerweise liegt die Genauigkeit jedes einzelnen „Abwurfs“ bei Plusminus ein paar Jahrhunderten. Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich die „Temponauten“ herumschlagen müssen. Denn die Amerikaner scheinen nicht die Einzigen zu sein, die mit Zeitreisen experimentieren.

Was als spannende archäologische Entdeckung beginnt und zu einem unvergleichlichen Abenteuer werden könnte, wird für den NAVY-Piloten Steve Stanley zum Horrortrip seines Lebens. Bereits kurz nach seiner Ankunft in der Vergangenheit merkt er, dass etwas schrecklich schief gegangen ist. Er findet sich in einer öden und verstrahlten Welt wieder, in der Krieg herrscht. Umgeben von scheinbar überlegenen Feinden, versucht er, mit einer kleinen Gruppe von Zeitreisenden zu überleben.

Der Mensch hat wirklich ein Talent dafür, sich in äußert unangenehme und ausweglose Lagen zu manövrieren. Dabei spielen Dummheit, Gier, Ignoranz und Gewissenlosigkeit eine große Rolle. Alles Eigenschaften, die hervorragend auf den militärisch-industriellen Komplex Amerikas – vor dessen Macht schon Präsident Eisenhower warnte – zutreffen. Mit beispielloser Dummheit verändern die verantwortlichen Militärs in dieser Geschichte das Einzige, auf das sie bisher keinen Einfluss hatten: die Vergangenheit. Das Tragische an der ganzen Sache ist, dass sie die Veränderungen gar nicht mitbekommen, da sie ja schon immer da waren („Zeitreiselogik“). Es ist Bradburys berühmter Schmetterling, auf den sie nicht treten, sondern mit Atomraketen schießen.

Wolfgang Jeschke verpackt die geniale Idee des temporalen Öldiebstahls in eine spannende und kurzweilige Geschichte. Es gelingt ihm, das – wissenschaftlich gesehen – schwierige Thema der Zeitreise glaubhaft zu erklären, ohne dabei in langweilige Details zu gehen. Er zeigt uns, dass die Menschheit trotz wissenschaftlichem Fortschritt und dem Aufbau einer sogenannten Zivilisation immer noch nicht in der Lage ist, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen. Aus Habgier, Neid und was-weiß-ich für Gründen, riskiert der Mensch gerade durch den wissenschaftlichen Fortschritt den weiteren Fortbestand seiner eigenen Art. Hier wird Darwins „Survival of the fittest“ ad absurdum geführt, denn der Stärkste kann uns alle töten – eingeschlossen sich selber.

Auch wenn das Buch schon 20 Jahre alt ist, hat es nichts an Aktualität verloren. „Der letzte Tag der Schöpfung“ ist eine spannende und intelligente Zeitreisegeschichte, die uns allen zu denken geben sollte.

Phantastische Netzstreifzüge 43

Wolfgang Jeschke (1936­–2015) – Es gibt wohl keinen Herausgeber, der einen solch großen und bedeutenden Einfluss auf die Science Fiction in Deutschland hatte, wie Wolfgang Jescke, der seit Beginn der 70er Jahre die SF-Reihe bei Heyne herausgegeben hat. Und auch als Autor leistete er beeindruckende Werke ab. Ich habe von ihm nur den ausgezeichneten Roman Der letzte Tag der Schöpfung und einige Kurzgeschichten gelesen. Mein Beileid an die Angehörigen.

Nebula Award für den fremdartigsten Roman des Jahres – Josefson kommentiert die Preisvergabe der Nebula-Awards am letzten Wochenende. Zum Preisträger in der Romankategorie Anihilation schrieb ich letztes Jahr:

Eine Biologin, eine Psychologin, eine Anthropologin und eine Linguistin begeben sich auf eine Expedition in ein Gebiet, in dem Flora und Faune durch ein nicht näher spezifiziertes Ereignis auf teils recht unheimliche Weise verändert wurden, und auch die vier Expeditionsteilnehmer werden durch das Gebiet verändert. Dass sie nur bei ihren Berufsbezeichnungen genannt werden, und nicht bei ihren Namen, hat auch damit zu tun. Einer gelungener, atmosphärisch dichter und psychologisch komplexer Roman, der der mich trotz der relativen Ereignisarmut in seinen Bann gezogen hat. Ein vielversprechender Auftakt für die Southern-Reach-Trilogie, die in diesem Jahr noch im Kunstmann Verlag erscheinen soll. Sprachlich gar nicht so sperrig, wie ich es von VanderMeer erwartet hätte.

Meine Stimme hätte allerdings The Three-Body Problem von Cixin Liu bekommen. Meine Meinung dazu gibt es hier. Ansonsten kann ich mich Josefson nur anschließen.

Stephen King: By the Book – Stephen King äußert sich in der New York Times zu Autoren und Büchern, die er empfehlen kann. Allerdings scheint er doch mit gehörigen Scheuklappen zu lesen (was durchaus sein Recht ist). Auf die Frage: »Do you enjoy fiction in translation? Stories from particular corners of the world?«, antwortet er:

I actually avoid novels in translation when I can, because I always have the feeling that the author is being filtered through another mind. I read “Nana” last year, and swapped back and forth between two translations. They were quite different — not in the plot, which is simple, but in the mode of expression. That said, I read Pierre Lemaitre, a really excellent suspense novelist, and the aforementioned Karin Fossum. And of course the wonderful John Ajvide Lindqvist. I also enjoyed Stieg Larsson, wooden prose and all.

Finde ich sehr schade, da ihm dadurch viele tolle Bücher aus den unterschiedlichsten Kulturen entgehen. Dass er sich als Autor mit Übersetzungen seiner Werke unwohl fühlt, und dass das übersetzte Buch nicht das Buch ist, das der Autor verfasst hat, kann ich gut verstehen. Bei einer guten Übersetzung ist es aber eine möglichst wirkungsäquivalente Annäherung. Ich möchte jedenfalls nicht auf die ganzen großartigen Bücher aus Sprachen verzichten, die ich nicht selbst beherrsche. Und wenn ihm Lindqvist und Larsson in Übersetzung gefallen haben (mir übrigens auch), warum dann nicht auch andere?

Ich kenne übrigens nicht wenige Übersetzer, die es selbst vermeiden Übersetzungen zu lesen. ;)

»Ich lasse mich reinfallen« – Die taz hat ein sehr interessantes Interview mit dem Übersetzer Dirk van Gunsteren geführt, in dem es allerlei Interessantes zum Übersetzen von Tomas Pynchon, aber auch zum Übersetzen allgemein, zu erfahren gibt.

Tanith Lee Was An Indispensible Fantasy Author – Ende Mai ist die Autorin Tanith Lee verstorben. Ich hatte ihren Namen eigentlich immer auf dem Radar, habe es aber trotzdem versäumt, mal etwas von ihr zu lesen. Nach allem, was ich in den vielen Nachrufen über sie und ihr Werk gelesen habe, muss ich das dringend nachholen.

How Comic-Cons are Killing Fandom – Oscar Bernie darüber, warum Comic-Cons seiner Meinung nach das Fandom zerstören. Ich bin selbst leider noch nie auf einer Comic-Con in den USA gewesen, aber ich kann seine Argumentation gut nachvollziehen. Die einstige Kultveranstaltung in San Diego (und ihre Ableger) scheinen nach allem, was ich so in den Medien mitbekomme, immer mehr zu einer reinen Werbeveranstaltung für Filmverleiher und TV-Sender geworden zu sein, in der es vor allem darum geht, die neuesten Produkte zu vermarkten, und weniger um die eigentlichen Helden der Cons: die Fans. Ich persönlich ziehe kleinere, familiärere Cons auch den großen Mediacons vor. Deshalb bin ich in meinem Leben auch nur einmal auf der Fedcon gewesen, fahre aber seit 10 Jahren zum Bucon. Wobei man die deutschen Cons nicht mit denen in Amerika vergleichen kann, und es auch nicht allein auf die Größe ankommt. Der nicht gerade kleine Worldcon scheint ja auch eine relativ unkommerzielle Veranstaltung zu sein.

Single page of notes wins SF author John Scalzi $3.4m deal – Da soll noch mal einer sagen, dass sich Science Fiction nicht verkauft. John Scalzi hat seine nächsten 10 Bücher für 3,4 Millionen Dollar verkauft. Okay, über 10 Jahr gesehen ist das jetzt auch kein Riesenvermögen, aber deutsche Genreautoren können von solchen Zahlen nur träumen (und die meisten englischsprachigen vermutlich auch). John Scalzi Bücher verkaufen sich jeden Monat in einem fünfstelligen Bereich. Respekt. Ich habe von ihm bisher nur Krieg der Klone gelesen, fand ich ganz gut, aber irgendwie ist der Rest von ihm an mir vorbeigegangen.

Nachtrag: Wie ich gerade erfahren habe, ist auch Christopher Lee verstorben. Ein großer Schauspieler, der auch noch im hohen Alter von 93 Jahren gerockt hat.

 

 

Meine Lektüre im April

Eigentlich hatte ich für letzte Woche schon einige Blogeinträge geplant, aber da mein Chef so freundlich war, mir Urlaub zu gewähren, habe ich die Zeit lieber abseits des Bildschirms verbracht.

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22. Ellen Datlow (Hrsg.) – Best Horror of the Year Volume Seven
23. Michael Moorcock – Das Buch Corum
24. Dave Eggers – Der Circle
25. Ken Liu – The Grace of Kings
26. Volker Kutscher – Märzgefallene

Der erste Monat in diesem Jahr, in dem ich weniger als sieben Bücher gelesen habe. Liegt aber vor allem daran, dass die gelesenen Bücher alle ziemlich dick sind. Corum hat 880 Seiten und besteht im Prinzip aus sechs einzelnen Büchern, The Grace of Kings hat 620 Seiten, Märzgefallene 600 und Der Circle 560.

Ellen Datlow (Hrsg.) – Best Horror of the Year Volume Seven

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Datlows Jahresanthologie aus dem letzten Jahr hat mich ein wenig enttäuscht. Unter den besten Horrorgeschichten des Jahres hatte ich mir doch etwas anderes vorgestellt. Auffällig ist, dass viele Autorinnen und Autoren ihre Geschichten in einer sozial prekären Situation oder zumindest unter familiär schwierigen Verhältnissen ansiedeln. Die Versuche Sozialkritik mit Horror zu verbinden, haben für mich aber nicht so wirklich funktioniert. Die besten Geschichten dieser Sammlung beziehen sich überraschenderweise auf Lovecraft. Eigentlich hängen mir die Lovecraft-Pastiches ja zum Hals raus, aber Laid Barron (Jaws of Saturn) und Brian Hodge (The Same Deep Waters as You) liefern nun mal die beste Schreibe und die packendsten Geschichten ab. Ebenfalls toll geschrieben ist Kim Newmans The Only Ending we have, eine Hommage an Hitchcocks Psycho. Eine wirklich schaurig-schreckliche Geschichte liefert Simon Clarke mit The Tin House. Zu meiner Überraschung hat mir The Tiger von der von mir hochgeschätzten Nina Allan aufgrund des altbackenen Plots und des lahmen Endes so gar nicht gefallen. Erwähnenswert ist auch The Soul in the Bell Jar von K.J. Kabza. Dark Fantasy in einer leicht schrägen Parallelwelt, in der tote Tiere mit den Seelen anderer Geschöpfe »betrieben« werden. Schön grotesk und verschroben.

Michael Moorcock – Das Buch Corum

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Zweitlektüre des Sammelbandes mit den sechs Corum-Romanen von Morcock, die sich in jeweils zwei Trilogien unterteilen lassen. Die erste ist eine melancholische Geschichte über das Ende eines Zeitalters und den immerwährenden Kampf zwischen Ordnung und Chaos. Moorcock at hist best. In der zweiten Trilogie fehlen Ordnung und Chaos (aufgrund von Ereignissen in der ersten) völlig. Weshalb sie mir auch nicht so gut gefallen hat, wie die ersten drei Bände. Corum darf wieder durch Raum und Zeit reisen, bekommt es mit übernatürlichen und übermächtigen Feinden zu tun und auch alte Weggefährten tauchen wieder auf, aber irgendwas fehlt. Die Geschichte wirkt über die drei einzelnen Bände zu sehr in die Länge gestreckt. Es fehlt der Sense of Wonder, der die meisten Geschichten um den ewigen Helden auszeichnen. Schlecht ist die zweite Trilogie natürlich nicht, aber so richtig zufrieden bin ich mit ihr nach meiner Zweitlektüre nicht.

Dave Eggers – Der Circle

Das Buch ging mir tierisch auf die Nerven. Die Thematik ist hochbrisant, topaktuell und vom Plotaufbau auch recht spannend gestaltet, aber Eggers Schreibe nervt einfach. Was wohl vor allem an der dämlichen Protagonistin liegt, der man alle paar Seiten am liebsten in den Hintern treten möchte, und an den ewig langen und detaillierten Beschreibungen der unzähligen sozialen Aktivitäten, die am Ende aber immer auf so etwas wie Liken, OMG, LOL usw. rauslaufen. Es kommt äußerst selten vor, dass ich bei einem Roman die Seiten nur überfliege, also Absätze mit einem schnellen Blick lese (was ich sonst nur bei Sachtexten an der Uni gemacht habe), aber anders hätte ich das Buch nicht zu Ende gebracht.

Ken Liu – The Grace of Kings

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Phantastische Silk-Punk-Fantasy in einem vom historischen China inspirierten Szenario, dass aber durchaus auch westliche Einflüsse (wie die griechische Tragödie) beimischt. Bisher die aufregendste Fantasyneuerscheinung des Jahres. Im Forum der Bibliotheka Phanastika habe ich mich etwas ausführlicher dazu geäußert.

Volker Kutscher – Märzgefallene

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Der fünfte Roman um den Ermittler Gereon Rath beginnt mit dem Abend des Reichstagsbrands, der nicht nur für die Berliner Polizei, sondern für das ganze Land eine Zeitenwende einläutet. Gereon und seine Verlobte Charly bekommen deutlich zu spüren, wie sich die politische Lage in der Behörde Schritt für Schritt verschlimmert. Die brutalen Schläger der SA dürfen als Hilfspolizisten schalten und walten wie sie wollen, und gute Ermittler werden dazu abgestellt, »Kommunisten« zu verhören. Der eigentliche Kriminalfall, der mit Ereignissen aus dem Ersten Weltkrieg zu tun hat, gerät dabei ein wenig in den Hintergrund, was aber nicht schlimm ist, da er auch nicht unbedingt sehr spannend oder originell ist. Trotzdem ein tolles Buch mit bedrückender Atmosphäre, das vielleicht ein bis zweihundert Seiten zu lang geraten ist.

Die Maschine ist erwacht

Gestern habe ich pünktlich meine aktuelle Übersetzung des Romans The Machine Awakes von Adam Christopher abgegeben, der bei Cross Cult unter dem Titel Die Maschine erwacht erscheinen wird. Angekündigt ist der Titel für August, aber ich vermute, dass er sich noch ein wenig verschieben wird, da ich kurzfristig für die Übersetzerin des ersten Bandes (Claudia Kern) eingesprungen bin.

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Wie man sieht, drucke ich mir die fertige Übersetzung für einen letzten Korrekturgang aus.

 

Bei dem Buch handelt es sich um den zweiten Band der »Spiders Wars«-Trilogie. Band 1 ist im April unter dem Titel Dunkelheit in Flammen erschienen. Beide Romane kann man aber völlig unabhängig voneinander lesen. Sie spielen zwar im gleichen Universum, haben aber unterschiedliche Hauptfiguren und inhaltlich nur wenig miteinander zu tun. Band 1 ist eine von dem Film Event Horizon inspirierte Gruselgeschichte auf einer Weltraumstation. Band 2 ein Krimi/Thriller im Military-SF-Umfeld, der teils auf der Erde spielt. Ich werde hier im Blog in nächster Zeit noch näher darauf eingehen.

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Mit der Abgabe dieser Übersetzung geht auch meine selbstauferlegte Blogpause zu Ende. Über einen Monat ist es her, seit ich hier zuletzt einen Eintrag geposted habe. Und ich muss gestehen, dass mir die Bloggerei nicht wirklich gefehlt hat. Hier und da hat es mich durchaus mal in den Fingern gejuckt, etwas zu einem bestimmten Thema zu schreiben, aber insgesamt habe ich die Pause sehr genossen. Könnte aber auch daran liegen, dass ich mit meiner Übersetzung schwer im Stress war und deshalb wenig Motivation verspürte, mich zusätzlich noch mit Texten zu befassen.

Mit Translate or die wird es auf jeden Fall weitergehen. Die nächsten Blogeinträge sind schon geplant. In welchen Abständen und in welchem Umfang ich in Zukunft Beiträge veröffentlichen werde, wird sicher von meiner Arbeitsbelastung aber auch einfach von meiner Lust abhängen.

Da es sich bei Die Maschine erwacht um die erste Romanübersetzung handelt, die ich als hauptberuflicher Übersetzer angefertigt habe, werde ich in den nächsten Wochen noch ein wenig über diese Erfahrung und meine Vorgehensweise dabei berichten.

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