Interessante Bücher aus den aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik Frühjahr 2019

In der Vergangenheit habe ich hier auf dem Blog schon öfters die neuen Phantastikverlagsvorschauen vorgestellt, teilweise mit einem langen Blogeintrag pro Verlag. Das mache ich dieses Jahr mangels interessanter Titel nicht. Gleich vorweg: Mit „interessant“ meine ich vor allem Bücher, die für mich interessant sind.

Ich bin alle Verlagsvorschauen seit 2010 gründlich durchgegangen, habe teilweise sogar Statistiken darüber und über die Entwicklungen geführt: wie viele Erstausgaben, Neuübersetzungen und Neuauflagen älterer Titel erscheinen. Würde also behaupten, einen ganz guten Überblick über die Entwicklung der letzten Jahre zu haben. Und was ich da beobachte, gefällt mir als langjähriger und leidenschaftlicher Phantastikfan überhaupt nicht.

Man sollte das Ganze natürlich auch im Kontext der allgemeinen Entwicklung des Buchmarktes betrachten, und da sieht es trotz viel zu vieler Neuerscheinungen nicht allzu rosig aus. Auch bei den Krimi- und Thrillervorschauen der hier erwähnten Verlage finde ich nur noch wenig, was mich anspricht, auf den ersten Blick sieht alles irgendwie gleich oder zumindest sehr ähnlich aus. Nach Stangenware und Sachen, die irgendwelchen vermeintlichen Trends hinterherhecheln.

Kann natürlich auch sein, dass das einfach mein Problem ist und ich mich mit meinem Lesegeschmack verändert habe, aber Unterhaltungen mit Freunden und Kennern der Phantastik bestätigen diesen Eindruck. Manche Verlage, wie Blanvalet z. B. scheinen die Fantasy inzwischen ganz aufgegeben zu haben und bringen nur noch alte Sachen aus der Backlist (R. A. Salvatore, Raymond Feist, Terry Brooks, Christopher Paolini …). Und in mir beschleicht sich das Gefühl, dass wir hier gerade beobachten, wie der Fantasymarkt – wie wir ihn bisher kannten – zusammenbricht. So zumindest mein Eindruck.

Aber genug der Untergangsprophezeiungen und des Gemeckers. Schauen wir mal, was sich zwischen den ganzen alten Kamellen (die natürlich in eine gut gepflegte Backlist gehören, aber nicht als Spitzentitel in neue Programmvorschauen) an interessanten neuen Büchern so findet. In diesem Thread des Forums der Bibliotheka Phantastika findet man Links zu allen aktuellen Phantastikvorschauen. Mit Klick auf die Verlagsnamen gelangt ihr direkt zu den PDF-Vorschauen.

Weiterlesen

„Becoming“ von Michelle Obama

Im Vorwort lässt Michelle Obama ein wenig ihr bisheriges Leben Revue passieren, bis hin zu der Erleichterung, die sie empfunden hat, nachdem ihr Mann aus einem hohen politischen Amt ausschied. Endlich mal wieder allein im Haus, barfuß rumlaufen, sich in den Garten setzen, ein Fenster aufmachen, um frische Luft reinzulassen, ohne dass gleich der Secret Service am Rad dreht. Man kann sich gut vorstellen, wie sie mit einem erleichterten, aber sicher auch wehmütigen Seufzer – angesichts des Nachfolgers ihres Mannes – vor dem Schreibtisch saß und begann, ihre Memoiren zu schreiben. Das Vorwort setzt die Stimmung, mit der sie auf ihr bewegtes, bisheriges Leben zurückschaut.

Los geht es mit der Kindheit in Chicago, den Eltern aus der Mittelschicht, die statt Regeln, auf den gesunden Menschenverstand ihrer Kinder setzten. Es muss eine schöne Kindheit gewesen sein, mit so lockeren und offenen Eltern aufzuwachsen, wäre da nicht die MS-Erkrankung ihres Vaters, die das Ganze ein wenig trübt. Von Anfang an schimmert ein unbändiger Ehrgeiz bei Michelle Obama durch, besser oder zumindest genau so gut zu sein, wie ihre Mitschüler und in die Fußstapfen ihres großen Bruders zu treten, der in Princeton studierte.

All das schreibt sie in klarer und präziser Sprache, mit einem unterschwelligen Humor, z. B. wenn sie schildert, wie sie auf Drängen ihres Bruders Feuerschutzübungen durchführen, als hätte Zwangsneurotiker Adrian Monk die Pläne dafür entworfen.

Sie wächst insofern privilegiert auf, dass sie aus einer intakten Familie kommt, die sich gegenseitig unterstützt und fördert. Keine Familie reich an Geld, aber reich an Wärme. Kontakt zur Politik bekommt sie schon früh, durch ihre beste Freundin Santita, deren Vater Reverend Jesse Jackson ist.

Man könnte ihre Schilderungen davon, wie sie mit harter Arbeit und Fleiß alles meisterte als arrogant und egozentrisch empfinden, ich finde es aber eher motivierend. Sie möchte jungen Frauen zeigen, was alles möglich ist.

Eindrucksvoll und mitreißend wird das Buch, wenn sie schildert, wie sie Barack Obama kennengelernt hat. Jemand, der der so angetrieben ist, dass er nachts wach im Bett liegt und über Einkommensungleichheit nachdenkt, gleichzeitig aber immer mit hawaiianischer Lässigkeit unterwegs ist, wenn es eigentlich schnell gehen soll. Sein Charisma beschreibt sie so anschaulich, dass man ihn sich gleich als Präsident zurückwünscht (was man die Tage wohl sowieso schon macht, wenn man nicht den Verstand oder seine Menschlichkeit verloren hat).

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Abneigung gegen Politik geht, die ihr auch nach acht Jahren im Weißen Haus erhalten geblieben ist. Auf eine Präsidentschaftskandidatur von ihr braucht man sich also keine Hoffnung machen. Das Opfer, das sie und ihre Familie, trotz aller Privilegiertheit, für die politische Karriere Barack Obamas gebracht haben, ist groß. Und doch scheinen sie es mit Humor genommen zu haben, auch wenn es anstrengend war.

Kleine Längen hat das Buch bei den Beschreibungen der ersten Wahlkämpfe, aber das scheint sie selbst zu merken und überspringt dann die restlichen. Das Weiße Haus beschreibt sie vor allem aus ihrer und aus der familiären Perspektive, welche Veränderungen sie in puncto Einrichtung und Kleidungsvorschriften einführte, der neue Gemüsegarten, die Großmutter der Kinder, die eine Etage weiter oben einzog, ihre zahlreichen Initiativen, die sie zur Verbesserung der Zukunftschancen von jungen Menschen und vor allem Mädchen anstieß.

Doch an manchen Stellen wird sie bemerkenswert offen, wenn es um die viele räumliche Trennung zu ihrem Mann geht, die durch seinen Beruf bestand; wenn sie beschreibt, wie sie beide zur Eheberatung gingen; die Fehlgeburt; künstliche Befruchtung; wenn ihr alles mal zu viel wurde. Doch die Selbstkritik und Selbstzweifel beschränken sich auf das Private, der politische Kurs ihres Mannes und der Regierung bleibt unangetastet, auch wenn das nachvollziehbar ist, vor allem aufgrund der aktuellen politischen Lage. Offen ist sie aber auch, was die Selbstzweifel bzgl. ihre eigenen beruflichen Weges angeht, der Frage, ob sie wirklich Anwältin sein möchte.

Sehr emotional wird es, wenn sie vom Tod ihres Vaters und dem einer guten Freundin schreibt. Hier blitzt auch schriftstellerisches Talent durch, denn diese Szenen baut sie sehr gut auf, so dass sie dann mit voller Wucht auf die LeserIn einstürmen. Zwiespältige Gefühle lassen eher Schilderungen der privilegierten aber auch sehr eingeengten Kindheit ihrer beiden Töchter zurück, die praktisch mit dem Secret Service auf den Fersen aufgewachsen sind.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen, die Biografie einer selbstbewussten, extrem ehrgeizigen und ambitionierten Frau, die sich aus einfachen Verhältnisse trotz einiger gesellschaftlichen Nachteile (schwarz, Frau) so weit nach oben gekämpft hat, dass sie ihre Position dazu nutzen konnte, anderen Menschen aus ähnlichen Verhältnissen Hilfe und Unterstützung anzubieten. Auch liefert das Buch interessante Einblicke in das, was Barack Obama antreibt.

Ich habe die englische Ausgabe gelesen, die deutsche ist fast zeitgleich erschienen, von gleich fünf (sehr fähigen) Leuten übersetzt worden. Das war sicher wieder so eine Hauruck-Aktion, in denen die 480 Seiten innerhalb weniger Tage übertragen werden mussten, was meinem Sinn von gutem Übersetzen widerspricht, bei dem man als Übersetzer erst mal ein Gefühl für die Stimmung und den Tonfall des Buches bekommt.

Die fünf besten Serien, die ich zuletzt gesehen habe

1. Sorry For Your Loss

Habe ich ja hier im Blog schon ausführliche besprochen.

2. Haunting of Hill House.

Was Herr der Ringe für die Fantasy, ist Shirley Jacksons Roman Spuk in Hill House für den Haunted-House- bzw. Spukhaushorror: der Grundstein, der ein ganzes Subgenre definierte, die Messlatte, die fast niemand überwinden konnte (auch wenn es natürlich zuvor schon Spukhausgeschichten von Autoren wie M. R. James usw. gab, wie auch Fantasy vor Tolkien). Die Verfilmung Bis das Blut gefriert von 1964 wurde ebenfalls ein Klassiker des Gruselfilms. Die Neuverfilmung von 1999 ein alberner Reinfall.

Der Trailer der neuen Netflix-Serie schreckte mich ab, das schien gar nichts mit dem Buch zu tun zu haben, wirkte auch nicht gruselig. Folge 1 bestätigte den Eindruck noch, doch ab Folge 2 war ich von der Serie gefesselt. Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass es sich wirklich um eine Romanverfilmung handelt, und auch eine reinrassige Horrorserie darf man nicht erwarten, sondern ein komplexes, packendes Familiendrama auf zwei Zeitebenen mit ein paar Spukelementen.

Besonders beeindruckt hat mich Folge 6. Toll, wie sicher und selbstbewusst Mike Flanagan in jeder Folge leicht den Stil wechselt, ohne den Grundtenor der Serie zu verlassen. Wie dynamisch, aber nie hektisch im Wackelkamerastil, sich die Kamera in leichten Kreisbewegungen um die Familienmitglieder dreht, wie bei einer Familienaufstellung, während rundherum das Treiben weitergeht wie bei Robert Altmann, ist schon der Hammer. Für mich die bisher die beste Horrorserie, die ich je gesehen habe. Gerade in den Folgen 5 und 6 kommen ein paar Sachen, die man so im Horrorbereich noch nicht gesehen hat (auch wenn sie neben dem Familiendrama nur eine kleine Rolle einnehmen). Mir gefällt, wie sich die Serie Zeit nimmt, die einzelnen Figuren vorzustellen, wie in jeder Folge eines der anderen Geschwister im Fokus steht, wie die beiden Zeitebenen miteinander verknüpft werden, und wie sich die Episoden narrativ ergänzen (bzgl. der jeweilige Version der Geschichte). Auch wenn es gegen Ende, vor allem in den Folgen 8 und 9 leichte Längen gibt. Das Ende regte viele auf, mir hat es gefallen.

3. The Sinner – Season 2

War anfangs skeptisch, ob man an die tolle erste Staffel nach dem Roman von Petra Hammesfahr ohne Jessica Biel und mit neuer Story ohne Vorlage würde anknüpfen können. Doch die Geschichte, um einen Jungen, der seine vermeintlichen Eltern während einer Reise zu den Niagarafällen vergiftet, ganz in der Nähe des Heimatortes von Detective Ambrose (Bill Pullman) – der dies für eine Reise in seine Vergangenheit nutzt -, weiß zu überzeugen. Ein kleiner Ort voller Geheimnisse, die mit der nahe gelegenen Kommune zu tun haben, hinter der man eine Sekte vermutet. Habe ich an zwei Tagen durchgesehen.

4. The Bodyguard

Britische Serie über einen Kriegsveteranen, der jetzt bei der Polizei als Personenschützer die Innenministerin beschützt, mit ihr eine Affäre anfängt und neben seinen privaten Problemen in einen Verschwörungsplot um Terrorismus und politische Intrigen verwickelt wird. Enthält zwar einige Ungereimtheiten, und braucht, trotz des packenden Auftakts mit der Selbstmordattentäterin, ein wenig, um in die Gänge zu kommen, entwickelt dann aber einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.

5. The Dragon Prince

Computeranimierte Fantasyserie, die zwar klassischen Fantasythemen behandelt, dies aber wunderbar leichtfüßig mit diversen Figuren und inkludierten Minderheiten, ohne dass es irgendwie aufdringlich oder belehrend wirkt, sondern einfach völlig natürlich. Dazu ein feiner Humor und ausgezeichnete Dialoge. So geht Fantasy im Jahr 2018.

Viel Lärm um Nichts – Blog geht weiter

Im Mai habe ich noch groß angekündigt, Translate Or Die aufgrund der DSGVO auf unbestimmte Zeit zu schließen. Das hat ungefähr zwei Monate gedauert, da war ich wieder online, obwohl ich eigentlich bis mindestens Ende des Jahres warten wollte. Es hat mich einfach zu sehr in den Fingern gejuckt, wieder etwas zu bloggen, zum einen aufgrund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation, zum anderen um von meiner Reise nach New York zu berichten. Nach 5 Beiträgen war aber erst mal wieder zwei Monate Sendepause, weil ich zu sehr mit anderen Artikeln beschäftigt war, an denen ich gleichzeitig gearbeitet habe (plus eine Kurzgeschichtenübersetzung).

Für Tor Online verfasse ich zweimal in der Woche eine Art Newszusammenfassung unter dem Titel SFF-News, dazu kommen immer wieder andere Texte. Im Sommer zum Beispiel die dreiteilige Artikelreihe Horrorliteratur: Alles was du über das Genre wissen musst . In Teil 1 geht es um die Geschichte der Horrorliteratur, von der Schauerromantik über die Pulpliteratur bis zu Stephen King. Teil 2 liefert einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand des Genres in Deutschland und stellt Untergenres zu Themen wie Vampire, Werwölfe oder Spukhausgeschichten vor. In Teil 3 geht es weiter mit Genres wie Bizarro Fiction, Splatterpunk und Weird Fiction, und ganz am Ende gibt es noch eine Auflistung der interessantesten deutschsprachigen Horrorverlage.

Ausgehend von der sehr amerikanisch geratenen Liste der 15 besten Fantasyfilme von Thilo Nemitz, habe ich eine eigene Liste mit meinen persönlichen 15 besten nichtamerikanischen Fantasyfilmen erstellt, auf der sich eine große Bandbreite an Werken findet, angefangen bei Fritz Langs Die Nibelungen und Ingmar Bergmanns Das siebente Siegel, über Die Ritter der Kokosnuss und Die Brüder Löwenherz, bis hin zu aktuellen Filmen wie Troll Hunter oder Das brandneue Testament.

Und im Artikel mit dem etwas sperrigen Titel Mortal Engines und die Abweichung von der vermeintlichen Norm in Hollywoodproduktionen gehe darauf ein, wie Figuren, die in Büchern oft deutlicher von der vermeintlichen Norm abweichen, in großen Blockbusterverfilmungen oft glattgebügelt und gefälliger gemacht werden. Anlass ist die Abmilderung der Entstellung von Hester Shaw, der in der Buchvorlage die Nase und ein Auge fehlt, die im Film aber nur eine, wenn auch etwas größere, Narbe im sonst makellosen Gesicht hat.

Mit dem amerikanischen Horrorautor Jonathan Maberry habe ich ein Interview über seine Bücher, die Netlix-Serie V-Wars und sein Leben geführt.

Kürzlich erschien noch ein Essay von mir über die Themen Altsein und Altwerden im Horrorgenre.

Und aktuell läuft eine Aktion, mit der wir die 100 besten Science-Fiction-Bücher suchen. Da haben innerhalb von einer Woche schon über 200 Leute teilgenommen. Die Nominierungsrunde läuft noch bis Donnertag, dann geht die Liste mit allen vorgeschlagenen Titeln an die sechsköpfige Jury, die daraus dann die Top 100 erstellt.

Für das Printmagazin phantastisch! Habe ich eine Kurzgeschichte eines amerikanischen Horrorautors übersetzt, in dem ein atombetriebener Hund mit Todesstrahlenaugen die Apokalypse und das Ende der Menschheit miterlebt. Das Heft wird im ersten Quartal 2019 erscheinen.

Buchbesprechungen möchte ich eigentlich keine mehr machen, mit der zu Autonom von Annalee Newitz, die während der Blogpause auf Fantasyguide.de erschien, habe ich mich ziemlich rumgequält und war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Ich hatte das Gefühl, dass da inspirationsmäßig die Luft raus ist, und Rezensionen sollten meiner Meinung auch unterhaltsam geschrieben sein. Michael Marraks Der Kanon mechanischer Seelen regte mich dann doch zu einer kleinen Besprechung an, die aber eher eine Ausnahme bleiben wird.

„Sorry For Your Loss“ – Serientipp

Manche Serien kommen praktisch aus dem Nichts und hauen mich aus dem Stand so richtig aus den Socken. Dazu gehört auch Sorry For Your Loss, in der die Geschichte der jungen Leigh Shaw erzählt wird, die vor kurzem ihren Mann verloren hat und jetzt wieder bei ihrer Mutter lebt und in deren Fitnessstudio zusammen ihrer alkoholabhängigen Schwester arbeitet. Und genau darum geht es in der Serie: das Alltagsleben mit Trauer, Abhängigkeit, Depressionen und anderen Hindernissen, die einem das Leben in den Weg stellt. Sorry For Your Loss erzählt auf sehr einfühlsame Weise, voller Tragik, aber doch sehr leichtfüßig, was solche Problematiken und Schicksalschläge für das Leben bedeuten.

Die Serie geht sehr realistisch und offen mit dem Thema Trauer um, mit den teils widersprüchlichen Gefühlen, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen entstehen. Glaubt man den Kommentaren auf Facebook zu den einzelnen Folgen, finden sich viele Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben, in der Serie wieder. Der Fokus liegt auf Leigh, doch in Episode 2 wird z. B. rührend gezeigt, dass auch die erweiterte Verwandtschaft einen Freund verloren hat, sie ihre Trauer aber nur versteckt zeigt, um Leigh gegenüber gefestigt und unterstützend aufzutreten.

Elizabeth Olsen spielt Leigh sehr eindrucksvoll mit ihren unterschiedliche Formen und Phasen der Trauer, wie sie mit dem Verlust umgeht und was sie nach außen vorspielt, während sie eigentlich die ganze Zeit wütend ist. Ihre anfängliche Unfähigkeit, die gemeinsame Wohnung wieder zu betreten; wie sie dann versucht, den PIN-Code für sein Handy herauszufinden; und was die darauf gespeicherten Sprachnachrichten bei ihr auslösen.

Ein zweites großes Thema der Serie ist die Depression und der Umgang damit. Triggerwarnig: sie nimmt kein gutes Ende. Beeindruckend und realistisch ist die Schilderung der Unfähigkeit eines an Depression erkrankten Menschen, anderen begreiflich zu machen, wie es sich eine Depression anfühlt bzw. die Unmöglichkeit es zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn man es selbst nie erlebt hat.

Von der Erzählstruktur erinnert Sorry For Your Loss an This Is Us, wenn auch in einem kleineren Rahmen und mit zwei Zeitebenen, die klarer strukturiert sind und näher beieinander liegen, setzt aber auf ähnliche Offenbarungsmomente, in denen die Rädchen bzw. Plotlinien zusammenlaufen und sich ein logisches Ganzes ergibt.

Ein weiteres Highlight ist die durchgehend ausgezeichnete Darstellerriege. Allen voran natürlich Elizabeth Olsen, die Leigh mit einer herzzerreißenden Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke spielt und eine Figur voller faszinierender Facetten erschafft, nicht frei von Fehlern, und deshalb so viel nahbahrer. Kelly-Marie (Loan) Tran spielt ihre Schwester, die in der ersten Folge noch wie ein Funny Sidekick wirkt, schnell aber auch Tiefe erhält, die sie oft unter einem verschmitzten Lächeln und einem trockenen Humor versteckt, die in den entscheidenden Momenten aber durchschimmert. Leigh verstorbener Ehemann Matt wird in den Rückblenden Mamoudou Athie gespielt, sehr ruhig und zurückgenommen, mit Humor und innerer Zerrissenheit aufgrund seiner Erkrankung. Sein Bruder Danny, wird von Jovan Adepo gespielt, kommt zunächst noch tough und unnahbar daher, als jemand, der die Frau seines Bruders nicht leiden kann, ein Eindruck, der wie so viele erste Eindrücke in dieser Serie, täuscht.

Hinzu kommen viele kleine Details, die zeigen, wie viele Gedanken sich die Serienmacher gemacht haben. Während der Flitterwochen liest Leigh z. B. Lauren Goffs Fates und Furies, ein Roman, in dem es um eine ähnliche Thematik geht und das als böses Omen dient. Viele Andeutungen werden geschickt gesetzt und erst mit der Zeit realisiert man, was da wirklich vor sich geht, dann setzt die Erkenntnis aber um so wuchtiger ein.

Ursprünglich wurde die Serie von Kit Steinkellner für den PayTV-Kanal Showtime entwickelt, landete dann aber bei Facebook Watch, die dieses Jahr ins Seriengeschäft eingestiegen sind. Leider ging Sorry For Your Loss dort, trotz hervorragender Kritiken, ziemlich unter. Es war vermutlich keine gute Idee, jede Woche eine Doppelfolge zu veröffentlichen. Ich habe die Serie jetzt innerhalb von zwei Tagen durchgesehen, weil ich einfach nicht aufhören konnte. Hätte ich immer eine Woche auf neue Folgen warten müssen, wäre das Seherlebnis vermutlich nicht so intensiv und mitreißend gewesen.

Sorry For Your Loss ist genau die Art von Serie, wie ich sie am meisten liebe. Mit echten Menschen und Problemen aus dem wahren Leben, ohne irgendwelchen übernatürlichen Firlefanz, ohne Psychopathen, Serienkiller, Gangster usw. Eine Familiengeschichte wie Parenthood, This Is Us, SMILF oder Six Feet Under, und eine Liebes- und Beziehungsgeschichte wie in Love – und zwar verdammt gut geschrieben.

Eine deutsche Fassung scheint es nicht zu geben, auch keine Untertitel.

English Summary: An extremely well written show about grief and depression, and how to cope with it, but still funny and empowering.

Aktuell auf deutsch erscheinende anspruchsvolle, originelle oder herausfordernde Phantastik

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich ziemlich darüber genörgelt und gejammert, dass der deutsche Buchmarkt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch sei. Und mindestens in der Krise sehe ich ihn auch weiterhin. Aber ich bin ja ein optimistischer und positiver Mensch, weshalb ich nicht weiter darüber meckern möchte, was alles nicht erscheint, sondern lieber konstruktiv auf jene Bücher eingehen werde, die erscheinen.

Hier mal eine paar aktuelle und kommende Titel, die (auch wenn ich sie noch nicht alle gelesen habe) die von mir im letzten Artikel formulierten Kriterien von anspruchsvoller, origineller, aufregender und/oder herausragender Phantastik zu erfüllen scheinen:

N. K. JemisinDie zerissene Erde (übersetzt von Susanne Gerold)

Ist der Auftaktband ihrer Broken Earth-Trilogie, von der jeder einzelne Band einen Hugo-Award gewonnen hat (den wohl wichtigsten und bekanntesten Phantastikpreis der Welt). Die Phantastikbestenliste schreibt dazu: „N. K. Jemisin webt aus Endzeitmotiven und afroamerikanischer Geschichte mit unglaublicher Sprachgewalt eine phantastische Welt am Rande des Untergangs, tieftraurig und wild verzweifelt.“
Ich habe bisher nur den Anfang gelesen, bin aber schon von der ungewöhnlichen Erzählweise begeistert. Ist gerade bei Knaur erschienen.

Catherynne M. ValenteSpace Opera (übersetzt von Kirsten Borchardt)

Ein Buch über eine galaktische Version des Euro Vision Song Contest, bei dem den Verlierer-Völkern die Auslöschung droht. Das liest sich schon sehr schräg und könnte zu allem möglichen Klamauk führen, aber allein sprachlich soll der Roman eine echte Herausforderung sein, wie mir ein deutscher Bestsellerautor erzählte, der das Buch schon auf Englisch gelesen hat. Und wer schon Werke von Valente kennt, weiß, dass ihn da keine leichte Kost erwarten wird. Erscheint am 24. April 2019 bei Fischer Tor.

Josiah BancroftIm Turm (übersetzt von Sabine Thiele)

Es hat mich doch sehr überrascht, dass dieses Buch bei Heyne erschienen ist. Im Original heißt es der Auftaktband der Trilogie Senlin Ascendts und begegnete mir mehrfach als Empfehlung von Leuten, die vor allem außergewöhnliche Phantastik lesen. Es geht um einen Mann, der seine Frau während der Flitterwochen verliert und auf der Suche nach ihr den Turm von Babel betreten muss. Ich habe es noch nicht gelesen, soll aber eine eher ruhige Fantasy sein, in präziser Sprache geschrieben, mit viel Sense of Wonder. Ist bei Heyne erschienen.

Susanne RöckelDer Vogelgott

Stand auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis und wurde von meinen beiden Fantasyguide-Kollegen Ralf Steinberg und Michael Schmidt aus diesem Anlass für einen Lesezirkel gelesen und besprochen. Außergewöhnliche dunkle Phantastik, mit dichter Atmosphäre und surrealen Elementen.

Ich beschränke mich an dieser Stelle auf vier Titel, damit es nicht zu viel auf einmal wird. Werde das jetzt aber regelmäßig machen. In verdaubaren Portionen. Ansonsten sei noch auf die Phantastik Bestenliste verwiesen, die immer ein paar interessante Titel (auch viel deutschsprachige Autorinnen und viel aus Kleinverlagen) auf der monatlichen Liste hat. Und natürlich auf Josefons SF&F Rundschau. Und wer Empfehlungen hat, immer her damit.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch mal betonen, dass ich alle anderen Spielarten und Untergenres der Phantastik dadurch nicht abwerten möchte. Die Völkerfantasybücher, die ich im letzten Artikel aufgezählt habe, dienten einzig, um darzustellen, wie der damalige Boom dieser Literaturgattung funktioniert hat. Und dieser Boom (nein Dirk, du bist nicht gemeint) hat ja vielen deutschsprachigen AutorInnen bei großen Verlagen die Tür geöffnet (nach Die Trolle konnte Christoph Hardebusch zum Beispiel die tolle Seefahrerfantasy Sturmwelten bei Piper veröffentlichen und vieles mehr seitdem). Mir ging es einzig darum, aufzuzeigen, wie das Marketing damals funktioniert hat. Was nicht heißt, dass die Bücher, die unter diesen Titeln erschienen sind, unoriginell waren. Die Elfen hat mich sogar damit überrascht, wie sehr es sich von den üblichen Erzählstrukturen der Fantasy gelöst hat und wie poetisch die Sprache war. Von Die Trolle weiß ich, dass es der Verlag war, der es unter diesem Titel vermarkten wollte, vom Autor aber gar nicht mit der Intention verfasst wurde, Völkerfantasy zu schreiben. Da habe ich die komplette Trilogie im Regal stehen. Man sollte sich von diesen Vermarktungsetiketten nicht abschrecken oder täuschen lassen. Manchmal wirken Bücher auch nur auf den ersten Blick gleichförmig.

Wie einige Leserinnen auch anmerkten, hat sich der Artikel vor allem auf übersetzte Phantastik konzentriert. Das liegt vor allem daran, dass man da natürlich mit dem englischsprachigen Markt vergleichen kann, was dort alles erscheint und gut funktioniert. Im deutschsprachigen Markt wäre es wohl der Bereich des Self-Publishing, der einem zeigen könnte, was alles nicht bei Verlagen erscheint. Wobei es sicher auch viele tolle AutorInnen gibt, die diesen Schritt nicht gehen und ihre Werke dann in der Schublade belassen. Mir persönlich ist das zu unübersichtlich, ich habe schon Schwierigkeiten, bei den Verlagspublikationen den Überblick zu behalten. Und ich selbst lese auch nicht nur die von mir so bezeichnete „anspruchsvolle“ Phantastik, sondern auch jene, die einfach unterhalten und eine gute Geschichte erzählen möchte.

Ist der Markt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch?

… dass der Markt für „anspruchsvolle“ SF & Fantasy (was eben nicht automatisch mit „langweiliger“ oder „anstrengender“ SF & Fantasy gleichzusetzen ist) in Deutschland voll und ganz im Arsch ist, um es mal drastisch auszudrücken.

Das schrieb mir ein Freund – den ich für einen ausgezeichneten Kenner der Phantastik und des Buchmarkts in Deutschland halte -, per E-Mail in einer Unterhaltung über die aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik. Und nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, kann ich ihm nur zustimmen. Den großen Publikumsverlagen wird oft (auch von mir) vorgeworfen, sie würden zu wenig anspruchsvolle, originelle und oder besondere Phantastik abseits der Mainstreams veröffentlichen. Und wenn sie es dann mal tun, kauft es keiner.

Im folgenden Artikel werde ich zunächst definieren, was ich unter anspruchsvoller Phantastik verstehe. Ich werde einige Beispiele von gefloppten Titeln anführen und auch AutorInnen vorstellen, die leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, es aber eigentlich gehören. Des Weiteren werde ich versuchen, darauf einzugehen, warum solche Titel es so schwer haben und ob es dafür bei uns überhaupt noch eine Leserschaft gibt.

Was ist mit anspruchsvoller Phantastik gemeint?

Unter anspruchsvoller Phantastik verstehe ich Bücher, die komplex und herausfordernd geschrieben sind, die auf einer intellektuellen Ebene zum Denken anregen, die gesellschaftliche, moralische oder sonstige Gegebenheiten hinterfragen. Aber auch Bücher, die auf einer ästhetischen und stilistischen Ebene fordern und sich von der breiten Masse abheben, die Außergewöhnliches leisten, das man nicht alle Tage liest. Oder Romane, die einfach aus den üblichen Klischees ausbrechen, die nicht zum xten-Mal Tolkien oder Lovecraft nacheifern. Die nicht einfach die klassische Heldenreise oder Questenfantasy mit Orks, Elfen und Zwergen reproduzieren, oder in einem typischen Mittelalterszenario spielen. Das soll nicht heißen, dass ich andere Phantastik als anspruchslos oder in irgendeiner Form als minderwertig abtue. Sie hat einfach einen anderen Anspruch und ein anderes Zielpublikum. Und ich lese sie auch immer wieder gerne. Aber je mehr Phantastik ich in den letzten 25 Jahren gelesen habe, desto mehr sehne ich mich nach Originellem jenseits der üblichen Schemen.

Bücher von AutorInnen wie China Miéville, Neal Stephenson, Becky Chambers, Greg Egan, Seth Dickinson, Ursula K. Le Guin, Carolyn Ives Gilman, Hal Duncan, Mervyn Peake oder Gene Wolfe.

Warum hat sie es so schwer?

Weiterlesen

Mein Kommentar zu den anstehenden Kongresswahlen in den USA

Als Donald Trump vor zwei Jahren zum Entsetzen der vernünftig denkenden Welt und jener, die nicht jegliche Empathie und ihren Verstand verloren haben, gewählt wurde, saß der Schock tief. Doch man gab die Hoffnung nicht auf und setzte von nun an auf die Midterm-Wahlen, die Kongresswahlen von 2018. Hier war man sich sicher, dass man den Republikaner, die das Land und die Demokratie aus feigem Opportunismus verraten hatten, in einem Aufbäumen der liberalen und demokratischen Kräfte der USA ihre Mehrheiten deutlich würde abringen können (hier meine spontanen Gedanken direkt nach der Wahl 2016).

Jetzt, wenige Tage vor den Wahlen, sieht die Lage gar nicht mehr so rosig aus. Die Mehrheit der Republikaner im Senat scheint nicht gefährdet zu sein, im Repräsentantenhaus sieht es etwas besser aus, aber auch nicht so gut, wie man es sich erhofft hatte. Was man zunächst noch als das Rückzugsgefecht des alten, wütenden weißen Mannes angesehen hatte, scheint sich viel mehr zu einem globalen Trend zu entwickeln. Der Populismus befindet sich auf dem Vormarsch, die Demokratie steht unter Beschuss, nicht nur in den USA, auch in Brasilien, Polen, Ungarn, Österreich, Italien und vielen weiteren Ländern.

Und aus Deutschland sieht man dem ganzen fassungslos zu und fragt sich, ob die ganze Welt verrückt geworden ist. Trump lügt jeden Tag mehrfach, ob auf Twitter oder bei seinen Wahlkampfreden, ganz unverhohlen. Von seinem anfänglichen Team im Weißen Haus und im Kabinett sind die meisten (oft noch halbwegs gemäßigten Personen) längst wieder verschwunden. Trump hetzt weiter gegen Minderheiten und gegen die Medien und hat damit eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt, die vergangene Woche ihren Höhepunkt in einem tödlichen Terroranschlag eines rechten Extremisten und Trump-Fans auf eine Synagoge in Pittsburgh fand, bei dem elf Menschen starben. Ein anderer Amerikaner hatte Paketbomben an die Clintons, Obamas und weitere Feindbilder Trumps verschickt.

Die amerikanische Gesellschaft, die nie eine einheitliche homogene Gruppe war, spaltet sich immer weiter in jene, die noch an Demokratie, Wissenschaft und Vernunft glauben, und jene die hemmungslos ihrer rechten, populistischen Ideologie frönen, in der es keinen Platz für Mitgefühl, Anstand und Werte gibt. Zwei Jahre nach Trumps Wahl befindet sich die Linke bzw. der noch demokratisch denkende Teil der USA weitestgehend immer noch in einer Mischung aus Schockstarre und Verleugnung. Noch immer glaubt man, dass man dem rechten Mob, von dem inzwischen auch die Republikanische Partei durchsetzt ist, mit Anstand begegnen und ihm die Hand reichen müsse. Während die Gegenseite darüber nur verächtlich lacht und ihnen vor die Füße spukt.

Die Demokraten haben immer noch nicht erkannt, dass dem rechten Phänomen vereint und entschlossen entgegentreten müssen. Stattdessen zerstreiten sich die gemäßigten und die linken Flügel der Partei und sabotieren sich gegenseitig so sehr, dass die Republikaner gar nicht mehr viel für die Wahl tun müssen.

Doch es gibt auch einige Lichtblicke, die vielleicht nicht für diese Wahl, aber für die Zukunft Hoffnung bringen können, wie die junge New Yorker Kongresskandidatin Alexandria Ocasio Cortez oder der texanische Senatskandidat Beto O’Rourke, der Ted Cruz gefährlich werden könnte. Diese junge linke Protestbewegung innerhalb der Demokratischen Partei steckt noch in ihren Kinderschuhen und wird vom etablierten Parteiapparat behindert, wo es nur geht. Was für die USA fatale Folgen haben könnte, sollte sich die trumpsche Herrschaft nach den Midterms weiter festigen. Denn dann könnte seine Präsidentschaft endgültig zu irreparablen Schäden bei den demokratischen Institutionen der Vereinigten Staaten führen, von der Umwelt und den internationalen Beziehungen und den Lebensbedingungen der in den USA lebenden Minderheiten und Frauen (Stichwort: Abtreibung) ganz zu schweigen.

Noch haben die Demokraten keine Antwort auf den krawalligen Populismus Trumps gefunden, der nun auch bei den Kongresswahlen Einzug hält. Zu gehemmt und anständig, zu bieder und mit altbackenen Mitteln gehen sie in einen ungleichen Wahlkampf, der nicht zu gewinnen ist, wenn man an Zivilität und den alten Werten festhält, die man nur bewahren kann, wenn man diese Wahl gewinnt. Moderat sein, sich versöhnlich geben, das reicht inzwischen nicht mehr aus. Dann ist man zwar sich und seinen Werten treu geblieben, aber auch untergegangen. Auf die neue Welle des Populismus, dem kategorischen Leugnen von Fakten und den schamlosen Diffamierungen des Gegners muss man neue Antworten finden, neue Strategien entwickeln und sich, so schwer es auch fällt, dem Feind anpassen. Die moderaten Republikaner haben ihre konservativen Wert schon längst verraten, wer einst noch gegen Trump stand, küsst ihm jetzt die Füße oder hat sich aus der Politik zurückgezogen.

Ich hoffe übrigens sehr, dass ich mit diesem Text völlig falsch liege.

Nunca Mais! Meine Gedanken zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

2006 reiste ich im Rahmen meines Studiums für neun Wochen nach Brasilien, um dort ein Fotoprojekt mit Kindern in einer Favela durchzuführen. Vom ersten Abend an erlebte ich eine gastfreundliche, offene und vielfältige Gesellschaft. Zu unseren Gastgebern gehörten eine ehemalige Bildungsministerin, die uns in ihrer Penthousewohnung einquartierte; ein junger Computerexperte aus der unteren Mittelschicht, der uns in seinem winzigen Zweizimmerappartement aufnahm; eine Großfamilie, die gerade ihr eigenes Haus in einem Neubaugebiet gebaut hatte und uns für sechs Wochen praktisch adoptierte; und ganz einfache Menschen aus der Favela, die uns zu sich zum Essen eingeladen haben, mit denen wir zusammen gekocht, Fußball und Tischtennis gespielt, demonstriert und gelacht haben.

2006 befand sich Präsident Lula da Silva in seinem dritten Amtsjahr, die Wirtschaft boomte und Brasilien entwickelte sich zu einer prosperierenden Demokratie, in der auch Menschen aus ärmeren Schichten Aufstiegschancen hatten. Natürlich herrschte noch Gewalt, vor allem durch Drogenkriminalität, Korruption, Mauscheleien, Kinderprostitution und Diskriminierung der Armen und Schwarzen. Aber das Land befand sich auf dem richtigen Weg, Lula hatte es geschafft, dass nicht mehr nur die Reichen vom steigenden Wohlstand der Nation profitierten. Ich erlebte ein Land voller Lebensfreude, in dem Optimismus und Aufbruchstimmung herrschten. Ordem e Progesso – aber mit Samba im Blut.

Der Sportplatz von Parque Oziel in Campinas, Brasilien im Jahr 2006

Am Sonntag hat Brasilien einen zukünftigen Diktator gewählt, der aus seinem Faschismus keinen Hehl macht, gegen Minderheiten hetzt, die Natur ausbeuten möchte, indigene Völker vertreiben, einen radikalen Marktliberalismus predigt und von der Militärdiktatur und ihren Folterern schwärmt, die seiner Meinung nach mehr Menschen hätte töten sollen, und nicht nur foltern.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Wirtschaft kriselt schon seit Jahren in Brasilien, Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff fehlte das Charisma ihres Vorgängers und sie wurde von einer korrupten Elite aus dem Amt geputscht, die Korruption nahm überhand, die Mittelschicht stürzte wirtschaftlich wieder ab und den Armen fehlt der gemäßigte Hoffnungsträger. Schon 2006 hatten die Pfingstkirchen, die eine gefährliche Lücke geschlossen haben – die nach dem Abzug der Franziskaner- und Benediktinerorden durch den Vatikan klaffte -, einen enormen Einfluss in den Favelas, und die unterstützen jetzt den Faschisten Jair Bolsonaro, der keiner der korrupten großen Parteien angehört und somit zur populistischen Protestfigur wie Donald Trump wurde.

Die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, in Ungarn und Polen sind autokratische Regierungen an der Macht, in Italien und Österreich sitzten Rechtsradikale im Kabinett, Russland, Türkei, Kambodscha, Nicaragua und Venezuela sind wieder in die Diktatur abgeglitten, auf den Philippinen hetzt Präsident Duterte Todesschwadron auf Drogenabhänge. Totalitäre Herrscher wie Putin oder Mohammed bin Salman lassen ganz offen Kritiker in anderen Ländern von Killerkommandos ermorden, ohne dass es für sie wirkliche Konsequenzen hat.

Fällt Brasilien, sehe ich ganz Lateinamerika auf der Kippe stehen. Dann könnten wir endgültig in die düsteren Zeiten der Militärdiktaturen abgleiten, die den Kontinent über Jahrzehnte blutig beherrschten. Und ich mache mir große Sorgen um meine brasilianischen Freunde.

Die Folgen für Brasilien

Schon vor der Wahl stürmte die Militärpolizei Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen und beschlagnahmte Material über die Militärdiktatur. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten und Jahren folgen dürfte. Leider ist es Brasilien nie gelungen, die sogenannten »Bleiernen Jahre«, die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufzuarbeiten – sowohl gesellschaftlich als auch juristisch. Letzteres wurde durch ein Amnestiegesetz von 1979 verhindert, das also noch während der Diktatur entstanden ist. Und auch gesellschaftlich lief es eher schleppend voran. Unter der glücklosen Präsidentin Dilma Rousseff, die selbst während der Diktatur gefoltert worden war, wurden zwar Wahrheitskommissionen eingerichtet, mit deren Ergebnis die Opfer von damals aber sehr unzufrieden waren und sie eher als Farce betrachten.

Und jetzt ist ein Präsident gewählt worden, der Carlos Alberto Brilhante Ustra, den ehemaligen Leiter des gefürchtetsten Folterzentrums verherrlicht. Der sich stolz als homophob bezeichnet, den Regenwald rücksichtslos abholzen, und damit die noch verbliebenen indigenen Völker vertreiben und ausrotten möchte, die man schon während der Militärdiktatur in Straflager gesteckt hatte und die auch in demokratischen Zeiten ermordet werden.

Schon während des Wahlkampfes stiegen die Gewalttaten gegen homo- und transsexuelle Menschen an, aber auch gegen öffentlich agierende Anhänger und Wahlkämpfer des anderen Präsidentschaftskandidaten Haddad. Aus unserer deutschen Geschichte wissen wir, dass die Diktatur, auch wenn sie demokratisch initiiert wurde, mit Gewalt auf den Straßen beginnt. Zunächst noch eine brutale, gesetzlose Schlägertruppe, wurde die SA Himmlers nach der Wahl durch das neu Regime legitimiert. Übergriffe und Gewalt, die vom Staat und seinen Organen ausgeht, werden der nächste Schritt sein.

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren fühlen sich Angehörige von Minderheiten wieder unsicher und fremd im eigenen Land. Und da es Brasilien Bedrohungen von außen mangelt, werden sie vermutlich auch nach Ende des Wahlkampfes dem neuen Präsidenten weiterhin Zielscheibe dienen, so wie es Trump in den USA vorgemacht hat. Mit Lügen, die während des Wahlkampfes massiv über WhatsApp verbreitet wurden. Das Internet und die sozialen Medien entwickeln sich immer stärker zum Wegbereiter antidemokratischer Kräfte.

Hätte Lula zur Wahl gestanden, wäre es vermutlich anders ausgegangen. Ob etwas an den Korruptionsvorwürfen dran ist, wegen denen er jetzt im Gefängnis sitzt, mag ich nicht zu beurteilen. Verhindert hat seine Kandidatur der Richter Sergio Moro, der gut mit Bolsonora befreundet ist und von ihm zum Dank jetzt als Justizminister ernannt werden soll.

Traurige Tropen.

„Der Kanon mechanischer Seelen“ von Michael Marrak

Michael Marrak ist ein Wandler, der seine Leser mit Worten beseelt, Portale in ihrem Verstand öffnet und ganze Welten durch den Orb aus dem Chronoversum in ihre Köpfe hineintransportiert. Das Buch verschlingt einen, lässt dem Geist Füße wachsen, mit denen er staunend durch eine Welt zu allen Zeiten wandelt, während das Licht längst verloschener Sterne auf einen hinabscheint und in einer melancholischen Zeitendämmerung von der Vergänglichkeit des Seins kündet. Wie Schäume, die in Wogen durch Sphären tosen, bis der Zeitenbrand sie hinwegnegiert hat, dem Sensenmann gleich, der mit scharfer Klinge in knochigen Fingern Seelen sammelt und im undurchdringlichen Schwarz seiner eigenen Existenz verschwinden lässt.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Ninive begegnen, einer jung wirkenden Frau, die seit Äonen einsam durch eine postapokalyptische Landschaft voller mechanischer und elektronischer Fauna wandelt und aus Langeweile Uhren, Lampen und Öfen beseelt, die ihr dann vorlaut und vergesslich Gesellschaft leisten.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Aris begegnen, einem jung wirkenden Wandler auf wichtiger Mission, entsand vom Dynamo-Rat, die undurchdringliche Bannmauer zu durchdringen, mit Kompass, Karte und einem durch eine uralte Bibliothek gestählten Verstand bewaffnet.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird dem Tod begegnen, und ihn mit einem Lächeln begrüßen – wenn auch auf sicherem Abstand, um nicht dem Zeitbrand anheimzufallen -, ihm einen Eimer Kalk zum netten Nachmittagsplausch anbietend.

Wer auf dieses Abenteuer eingelassen wurde – denn Widerstand ist zwecklos, wenn das Schicksals-Ganglion die Fäden in der Hand hält -, wird am Ende der Zeit tanzen, auf den zermahlenen Knochen einer untergegangenen Zivilisation, in einer Ära, die wir erst noch träumen müssen.

Es ist die präzise Sprachgewalt, die überbordende Fabulierkunst Michael Marraks, die uns keine Wahl lässt, als uns kopfüber in eine Welt voller einzigartiger Ideen zu stürzen, bis unsere Synapsen im Hirn vor Freude tanzen ob des bunten Spektakels, das sie endlich wieder einmal fordert, und jenem Zwecke zuführt, für den sie einst von der Evolution geschaffen wurden.

Mit staunenden Augen begleiten wir die Äonenkinder Ninive und Aris, ihren beseelten Hausrat wie den Ofen Guss, die Stehlampe Glogger und die Lampe Luxa, den Monozyklopen Sloterdyke und weitere Wundergestalen am Ende aller Tage auf einer abenteuerlichen Reise, an deren Ziel es die verbliebene Welt zu retten gilt. Neben dem grenzenlosen Ideenreichtum, den Michael Marrak mit unvergleichlicher Fabulierkunst präsentiert, hebt sich der Roman auch sonst von bekannten und eingefahrenen Erzählmustern ab. Es gibt keinen Bösewicht, keine Antagonisten, bis auf ein paar kleine Gastauftritte nicht einmal Figuren, die wirklich unsympathisch rüberkommen. Unsere HeldInnen müssen Probleme lösen, nicht Schurken besiegen.

16 Jahre ist es her, seit ich Lord Gamma von Michael Marrak gelesen habe. 16 Jahre, in denen ich stets diesen arschcoolen Roman nannte, wenn es um die Frage ging, was mein liebster deutschsprachiger Science-Fiction-Roman sei. 16 Jahre, in denen ich dieses Buch als meinen liebsten SF-Roman nannte, auch wenn ich gar nicht danach gefragt wurde. Jetzt hat es Konkurrenz bekommen. Lord Gamma las ich im Sommer 2002, als ich während der Semesterferien in einem Lager für Apothekenbedarf arbeitete. Eine eintönige Arbeit, die um sechs in der Früh begann und sich anfühlte, als würde man mit einem entseelten Rollator eine öde Wüstenstraße entlangzockeln und Müll vom Aspahlt aufklauben, während der Wind einem den Sand in die Augen trieb, immer und immer wieder, unter gleißender Sonne, jeden Tag aufs Neue. Und dann hatte ich Mittagspause oder Feierabend, öffnete den grünen Buchdeckel und saß plötzlich in einem Pontiac ohne Motor, der eine endlose Straße entlangrollte, während aus den Boxen Radio Gamma tönte und ich mich von einem Abenteuer ins nächste stürzte und geklonte Varianten meiner Freundin aus grotesken Bunkern rettete und dann erschoss.

Wie konnte dieser Roman nie ins Englische übersetzt werden? Wie kommt es, dass er nur noch antiquarisch erhältlich ist? Ist den die ganze Welt verrückt geworden? Erkennt denn die Bücherwelt nicht, was für einen großartigen Phantasten und Schriftsteller sie an Michael Marrak hat?

Marrak selbst gibt Stanislaw Lems Robotermärchen als Einfluss an, die Filme von Hayao Miyazaki und Michael Moorcocks Am Ende der Zeit. Aufgrund seiner Sprachgewalt musste ich aber auch an Thomas Zieglers Sardor denken.

Auf der Chuck-Norris-Skala von eins bis unendlich gebe ich dem Roman unendlich Minus eins, um für kommende Werke noch Spielraum nach oben zu haben. Gegen Ende wurde er mir einen Tick zu lang und zu technisch.

Das Buch ist im umtriebigen und engagierten Kleinverlag Amrun erschienen. Zwar kostet das eBook nur 6.99 Euro, trotzdem lohnt es sich, das Hardcover für 24.90 Euro zu kaufen, enthält es doch zahlreiche Illustrationen und die schöne Umschlaggestaltung von Meister Marrak persönlich und liegt beim Lesen einfach gut in der Hand.

Wer mehr über die Entstehung des Romans erfahren möchte, der aus mehreren Novellen hervorgegangen ist, und eine Zweitmeinung einholen will, sollte diese tolle Besprechung von Ralf Steinberg lesen.

P. S. ich habe diese Besprechung noch gar nicht geschrieben, wenn ihr sie schon lesen könnt, ist das Zeitengefüge aus den Fugen geraten … da hilft jetzt nur noch treten – einmal kräftig gegen das Multiversum.

P.P.S bei dem Namen Sloterdyke musste ich erst ganz uncharmant an eine schlotternde Lesbe denken, bevor mir der philosophierende Schnauzbart in den Unsinn kam, der sich geistig durch ähnliche Sphären bewegt wie unser Monozyklop auch in physischer Form.

Der Kanon marrakscher Seelen (unvollständig)