Liebe Buchbranche, wir müssen mal wieder reden: Von Sensitivity Reading, unsensiblem und rassistischem Verhalten und veränderungsunwilligen Strukturen

Die letzte Woche zeigte wieder, dass auch in der Buchbranche, die sich gerne so weltoffen, divers, emphatisch und kulturell gibt, immer noch viel Nachholbedarf in Sachen Rassismus, Diskriminierung und Selbstkritik besteht.

Dieser Beitrag bezieht sich auf eine Veranstaltung der IG Belletristik und Sachbuch sowie des Börsenvereins des deutschen Buchhandels zum Thema Sensitvity Reading. Hier ein kurzer Bericht des Börsenblatts dazu, der die Abläufe aber wohl ziemlich verzerrt darstellt (wie die Überschrift schon befürchten lässt). Auf ihren Twitter-Accounts schildern die beiden Betroffenen Victoria Linnea und Jade S. Kye, was dort vorgefallen ist (am besten durch die Accounts scrollen, da es mehrere Threads zum Thema gibt). Auf Facebook gibt es einen differenzierten und selbstkritische Beitrag von Karin Schmidt-Friderichs (aber Warnung, die Kommentare darunter lesen sich teils ziemlich gruselig und zeigen exemplarisch, was noch alles schiefläuft).

Was ich so alles von der Veranstaltung mitbekommen habe, und was zwei der Teilnehmerinnen, die Expertinnen zu dem Thema und Peoples of Color sind, da durchmachen mussten, zeigt mir, so toll viele meiner Kolleg*innen in der Buchbranche auch sind, ein gewisser und leider nicht unbeträchtlicher Teil der immer so auf den gesellschaftlichen Wert des Kulturgutes Buch bedachten Branche scheint weiterhin aus a) unsensibeln Trampeln und b) rücksichtlosen Arschlöchern zu bestehen, die bewusst von Diskriminierung betroffene Menschen vor den Kopf stoßen und verletzen. Eine Branche, die sich nach außen gerne divers gibt und mit Büchern diverser Autor*innen schmückt, im Inneren aber nicht bereit ist, eigenes rassistisches Verhalten und eigene rassistische und diskriminierende Strukturen auch nur ansatzweise zu hinterfragen und zu reflektieren, geschweige denn zu reformieren.

Statt den Betroffenen und Expert*innen zuzuhören, werden diese in aggressiven Abwehrkämpfen lieber diffamiert oder ins Lächerliche gezogen. Statt sich auf das Thema einzulassen, dessen Nutzen zu erkennen und damit zum kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen, wird lieber ein diffuser Freiheitsbegriff der Autorenschaft beschworen. Statt den Mehrwert eines konstruktiven Miteinanders zu nutzen, wird jeder Vorschlag zur Verbesserung als Angriff auf die eigene Person, den ach so heiligen Status Quo und das eigene Weltbild gesehen. Ein Weltbild, in dem sie sich als Vertreter*innen eines intellektuellen Habitus sehen, der für moralisch überlegenen bzw „gute“ Werte stehen soll, aber eigentlich nur privilegierte Bequemlichkeit ist.

Bei besagter Veranstaltung kritisierte eine Literaturkritikerin in der Keynote, Sensitvity Reading würde die Autorenschaft infrage stellen. Und keine*r der anwesenden Lektor*innen sprang auf und fragte, ob das für sie dann auch gelte?

Als Tokens werden Sensitivty Reader und PoC in bester Greenwashing-Manier gerne hinzugeholt. Doch wenn es um konkrete Veränderungen der Strukturen geht, stören sie mit ihrer „emotionalen und aggressiven Art“ dann doch eher. Das mit solchem Verhalten auch enormes wirtschaftliches Potenzial verschenkt wird, darauf gehe ich hier jetzt nicht weiter ein (empfehle aber die Lektüre von Hether McGhees The Sum of Us: What Racism Costs Everyone and How We Can Prosper Together – auch zwei Jahre nach Veröffentlichung nicht auf deutsch erschienen), denn die eigentlichen Gründe für solche Veränderungen sollte ein respektvoller Umgang von allen Menschen mit allen Menschen sein; der Wille, mit dem Kulturgut Buch auch wirklich zu einer besseren Welt beizutragen und der Wunsch, niemanden mit seinem Werk/Produkt/Handeln zu verletzten (was nicht heißt, dass es keine kritische und provokante Literatur mehr geben darf).

Bei Büchern geht es doch auch darum, die Welt zu entdecken und sich mittels Empathie in die Perspektive anderer Menschen hineinzuversetzen. Es ist wirklich erschreckend, wie viele Menschen in der Buchbranche dazu nicht willens oder in der Lage sind.

Für Victoria, Jade und alle anderen Betroffenen tut es mir wirklich leid, dass sie das im Jahr 2023 immer noch ertragen müssen. Wir können daran nur etwas ändern, wenn wir ihnen offen zuhören; nicht einfach betreten Schweigen, wenn ihnen so etwas passiert und sie dann später für ihre „Tapferkeit“ loben; uns und unser Umfeld selbstkritisch hinterfragen und auf die notwendigen Veränderungen aktiv hinarbeiten.

P. S. Auf meiner Seite lesenswelt.de stelle ich ein paar Bücher vor, die dabei helfen können.

P. P. S. Eigentlich sollte das hier nur ein wütender Tweet werden, ist mir dafür dann aber zu lang geworden. So knüpfe ich mit der Überschrift an meinen Beitrag Liebe Buchbranche, wir müssen reden! Wenn Selbstausbeutung existenzbedrohend wird an.

P. P. P. S. Bei Sensitivity Reading geht es nicht nur um Rassismus, auch Ableismus und andere verletztenden oder traumatisierende Themen können Gegenstand sein. Hier ein Artikel dazu.

P. P. P. P. S. Unterstützen könnte ihr Jade und Victoria auf Ko-fi oder, indem ihr ihnen anständig bezahlte Aufträge anbietet (und damit sind keine pauschalen 300 Euro für das Sensitivity Reading eines kompletten Buchs gemeint).

Disclaimer: Ich arbeite selbst in der Buchbranche, freiberuflich als Übersetzer und in der Chefredaktion des Phantastik-Online-Magazins Tor Online, das zu Fischer Tor/S.FIscher gehört.

Meine Woche 27.01.2023: Ein japanisches Inselparadies, Hawai’i und ein nachhaltiger neuer Verlag

Für alle, die vom nasskalten Wetter genervt sind, habe ich genau die richtigen Dokus parat. Und wer sich fragt, wie Bücher deutlich nachhaltiger produziert werden können, sollte sich den Artikel zum Kjona Verlag ansehen. Dazu gibt es noch eine Buchwarnung von mir.

Youtube

27 Stunden in der schneereichsten Region der Welt

Neben dem von mir hier schon vorgstellten Nihon Go gibt es in Japan auch noch die deutschen Youtuber Mr. Nippon und Senpai. Die sind Anfang des Jahres für ein paar Tage in eine der schneereichsten Regionen Japans und der Welt gereist und haben dort Schneemonster entdeckt. Es gibt ein paar richtig schöne Naturaufnahmen und interessante Reiseziele.

Dokus

Japans Garten Eden: Die Insel Iriomote

Eine sehr schöne Naturdoku ist seit Kurzem in der Arte-Mediathek über die japanische Insel Iriomote verfügbar. Die liegt noch südlich von Okinawa, fast schon vor Taiwan. Die Natur ist wunderschön: Mangrovenwälder und Dschungel, bewohnt von Feuerliesten, Schlangenweihern und Schlammspringern sowie einer weltberühmten Modedesignerin. Wunderbar, um eine dreiviertel Stunde abzuschalten, und ein schöner Kontrast zum schneereichen Mr.-Nippon-Video. Ist noch bis zum 22. April abrufbar.

Hawai‘i: Aus Feuer geboren

Ebenfalls in der Arte-Mediathek gibt es jetzt eine vierteilige Doku über Hawai’i, die sich den vier großen Insel widmet und Lava bzw. die Vulkane als Hauptthema hat, aber eine gute Mischung zwischen Natur, den Menschen und hawaiianischer Kultur findet. Genau das Richtige, um nach Feierabend etwas abzuschalten und Fernweh zu bekommen. Hier der erste Teil:

Artikel

Bücher mit nachhaltiger Wirkung

Bei SZ-Online gibt es einen interessanten Artikel über den neu gegründeten Kjona Verlag. Der nimmt es mit der Nachhaltigkeit in der Produktion besonders ernst. Was mich besonders neugierig gemacht hat, ist folgende Aussage:

Alle Autorinnen und Autoren erhalten die gleiche Beteiligung, zwölf Prozent etwa bei Hardcovern, mehr als branchenüblich. Übersetzer werden als Urheber auf dem Cover genannt. Auch bei Preisverhandlungen mit Dienstleistern aller Art heißt die Devise: ›kein Kampf, sondern Kooperation‹. Das fühle sich für alle Beteiligten sehr viel besser an, sagt Claßen.

Um zu sehen, wie die Qualität dieser ökologisch produzierten Bücher aussieht (Druckverfahren mit weniger Tintenverbrauch und komposttierbares Papier), werde ich mir wohl mal eins kaufen müssen. Dana Spiottas Roman Unberechenbar klingt ganz interessant.

Hier ein Video, in dem sich der Verlag kurz vorstellt:

Opinion: “Sweden needs to reckon with its racism”

Die Designerin Kat Zhou (Asian-American) berichtet in Vogue Scandinavia von ihren Begegnungen mit Rassismus, nachdem sie nach Stockholm gezogen ist.

Kitschige Graphic-Novel-Romantik statt lästiger Rassismus-Sensibilität bei Arte

Im Dezember habe ich hier auf die vierteilige Arte-Reportage zu den Ursprüngen der Fantasybücher hingewiesen, und mich sehr über die Lovecraft-Folge aufgeregt. Da ging es nicht nur mir so. Auf Youtube gibt es zahlreiche kritische Kommentare unter dem Video und für Übermedien fasst Martin Niewendick gut zusammen, warum diese Episode so ein Ärgernis ist.

Tor Online

In meinen SFF News ging es neben dem Trailer zur Retro-SF-Serie Hello Tomorrow! um: Ein Gesprächsabend zu Ursula K. Leguins Die Linke Hand der Dunkelheit mit Übersetzerin Karen Nölle in Berlin, Theresa Hannig in ihrer taz-Kolumne zu Lützerath und ein neuer Trailer zu Dungeons and Dragons – Honor Among Thieves.

Und im Artikel der Woche geht Lars Schmeink der Frage nach, warum der Film „Strange World“ an den Kinokassen so gefloppt ist, erklärt, warum das zu Unrecht geschehen ist, was diesen progressiven Film so besonders macht und warum er sich ganz auf der Höhe der Zeit befindet.

Lektüre

Meine Warnung vor dem Buch Psych Diver: Desires of the Flesh von Baku Yumemakura, das nur was für Fans von brutalen und misogynen Animes wie Violence Jack oder Urotsukidoji sein dürfte.

Trailer

밀수 (Smuggle)

Ein Action-Thriller von Ryoo Seung (dessen Escape from Mogadishu mich schwer beeindruckt hat) über eine koreanische Perlentaucherin, die in den 1970er-Jahren in eine Schmuggelgeschichte verwickelt wird. Sieht gut aus. Startet in Südkorea im Sommer.

Filme

Letzte Woche habe ich nichts gesehen, was mich zu einer ausführlichen Besprechung angeregt hat. Erstmals komplett sah ich Fritz Langs M – eine Stadt sucht einen Mörder, und bin überrascht, wie psychologisch und differenziert er an die Thematik herangeht, vor allem beim Tribunal der Ringvereine am Ende.

The Menu war ganz nett, interessantes Konzept und gelungene Kritik am Druck und Chefkochkult, der in erfolgreichen Restaurants herrscht und wohl wirklich schon Sekten-Charakter annehmen kann.

The Killer ist ein solider südkoreanischer Action-Film in Richtung John Wick, bei dem Story und Figuren jedoch noch flacher und austauschbarer ausfallen. Die Action ist aber sehenswert inszeniert. Ich habe in der letzten Zeit allerdings zu viele südkoreanische Action-Thriller auf dem Level gesehen, um mich wirklich dafür begeistern zu können.

Bodies Bodies Bodies: Netter Whodunit der Generation-Instagram über eine Gruppe junger Frauen, deren Wochenendparty aus dem Ruder läuft, als plötzlich jemand tot ist. Entwickelt ab da eine interessante Gruppendynamik und hat eine wirklich gute Auflösung. Ich kann aber auch alle verstehen, die von dem Rumgestreite und Gerenne genervt sind. Ganz so gut, wie ich gehofft hatte, war der Film nicht.

Serien

Hier gibt es heute keine Tipps, da ich keine neue Serienstaffel beendet habe. Was nicht daran liegt, dass ich keine gesehen hätte, aber keine davon konnte mich so begeistern, dass ich eine ganze Staffel innerhalb von einer Woche fertiggeschaut habe.

The Hardy Boys ist nach acht Folgen eine unterhaltsame Jugendetektivgeschichte, die in der ersten Episode für die Zielgruppe aber etwas zu brutal daherkommt, im Verlauf aber einige spannende Mysterien aufbauen kann und abenteuerliche Kleinstadtatmosphäre versprüht. Disney+

Bonn – Alte Freunde, neue Feinde erzählt von dem Aufbau des Bundesnachrichtendienstes und dessen Verstrickungen mit Altnazis durch die Organisation Gehlen. Die ersten beiden Folgen machen einen guten Eindruck. ARD_Mediathek

Fotos der Woche

Ich liebe verschneite Winterabende, vor allem am Wochenende, wenn der Schneepflug nicht direkt ausrückt und sich ein verzauberter weißer Schleier über die Umgebung legt. Das hier war letzte Woche Freitag. Was vom Schnee übrig bliebt, hat seinen Zauber inzwischen verloren und ist eher unangenehm.

m Vordergrund ein verschneiter Garten mit Thuja-Hecke. Dahinter die Kurve einer schneebedeckten Straße, deren Weiß von einer Straßenlaterne beleuchtet wird. Dahinter eine Baumreihe. Rechts der Rand eines weiteren Grundstücks mit Thuja-Strauch.
Im Vordergrund ein verschneiter Garten mit Thuja-Hecke. Dahinter die Kurve einer schneebedeckten Straße, deren Weiß von einer Straßenlaterne beleuchtet wird. Dahinter eine Baumreihe. Rechts der Rand eines weiteren Grundstücks mit Thuja-Strauch.

Durch die Belichtung sieht man die Schneeflocken als weiße Punkte in der Luft. Manche leuchten sogar.

Ausblick

Das hier ist mein letzter Wochenrückblick, der an einem Freitag erscheint. Ab nächste Woche geht es sonntags weiter. Das nächste halbe Jahr werde ich gut damit beschäftigt sein, eine SF-Trilogie ins Deutsche zu übersetzen. Deshalb schiebe ich meine unbezahlte Arbeit aufs Wochenende. Kann auch gut sein, dass die Rückblicke etwas abgespeckt erscheinen werden, da ich in solch geschäftigen Zeiten nicht so dazu komme, im Internet zu surfen und interessante Artikel und Videos zu sammeln. Auch Serien werde ich sicher etwas weniger schauen. Denn ich will ja auch noch weiter Japanisch lernen und Bücher lesen.

Im Hintergrund ein Notebook mit geöffnetem Schreibprogram, auf der Tastaturebene des Schreibtischs davor ein hochkant gestelltes Tablet, das von einem dicken Buch am Umfallen gehindert wird. Davor noch der Ran einer Tastatur.

So sieht das jetzt aus, wenn ich übersetze. Bisher habe ich die zu übersetzenden Manuskripte immer noch ausgedruckt, doch ich will weg vom Papier. Deswegen dieses Fire-Tablet von Amazon, das momentan für 73 Euro zu haben ist. Da ich es ausschließlich als Papierersatz nutze, reich mir das völlig aus. Ganz papierlos funktioniert mein Büro aber noch nicht, denn die fertige erste Fassung der Übersetzung drucke ich zum Korrigieren noch aus. Der Text auf dem Tablet ist nicht der, den ich übersetze, sondern meine aktuelle Lektüre. Die Perspektive täuscht, ich kann gut über das Tablet kommplett auf den Bildschirm des Notebooks sehen. Andere übersetzen lieber mit zwei Monitoren oder haben einen großen, den sie zweiteilen, mir ist das hier so lieber.

Meine Woche 20.01.2023: Minamata und die Macht der Fotografie

Auch diese Woche liegt der Schwerpunkt wieder auf – Überraschung! – Japan. Doch es geht auch nach Indien, Südkorea, England und Hyrule. Mit Tipps zu Filmen, Serien, Artikeln, Blogs und Musik.

Filme

Minamata

Minamata erzählt die wahre Geschichte des Fotojournalisten W. Eugene Smith, der 1971 von Bewohnern des gleichnamigen Orts gebeten wurde, ihr Leiden zu dokumentieren. Smith war damals bereits ein berühmter Fotograf fürs Life Magazine. Minamata wurde schon seit 50 Jahren von der örtlichen Fabrik mit Quecksilber vergiftet, was zur sogenannten Minamata-Krankheit führte, die auch Erwachsene betraf, aber unter der missgebildete Kinder am Schlimmsten litten.

Der Film ist wunderschön gefilmt, vom Fotografen Andrew Levitas, und bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt. Besonders die Entstehung der berühmten Fotografien ist toll in Szene gesetzt. An manchen Stellen dachte ich, hier werden jetzt zu viele Hollywood-Punkte abgehakt, z. B. als die beiden Hauptfiguren Eugene (Depp) und Aileen (Minami Hinase) sich küssen, aber die beiden haben auch im echten Leben geheiratet und Eugene wurde so übel zusammengeschlagen, dass er einige Jahre später an den Folgen verstarb.

Minamata erzählt eigentlich die typische Geschichte davon, wie große Unternehmen einfach Menschen vergifte und es bis zum Letzten verleugnen, während die Betroffenen meist vergeblich für Gerechtigkeit und Entschädigungen kämpfen. So wie es zuletzt auch im Film Dark Waters zu sehen war. Minamata ist aber auch ein Film über die Macht der Fotografie, denn das Foto von der schwer missgebildeten Tomoko, die liebevoll von ihrer Mutter gebadet wurde, ging um die Welt.

Der Film, der auf dem gleichnamigen Foto-Buch von Aileen und Eugene Smith basiert, ist wirklich gut geworden, dürfte aber durch Johnny Depp in der Hauptrolle nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die er verdient hätte. Bei mir ist er ziemlich untergegangen, und ich wurde erst aufmerksam, als er kürzlich von Sky ins Programm genommen wurde.

Hunde, die bellen, beißen nicht (Flandersui gae)

Kleine, melancholische Sozialsatire über die Unfairness des Lebens und den Umgang damit. Bong Joon-ho erzählt von einem Mann, der von Hundegebell genervt ist und zu drastischen Maßnahmen greift, während die junge Buchhalterin Hyeon-nam ihm auf die Spur kommt. Und schafft einen skurrilen Mikrokosmos um einen Hochhauskomplex. Besitzt noch nicht die Schärfe und Eleganz von Parasite, zeigt aber schon tolle Ansätze. Ich mag vor allem die Trägheit, mit der die Figuren am Anfang durchs Leben schlurfen. Bong hat hier übrigens in seiner eigenen Wohnung gefilmt und ist mit dem Film gar nicht glücklich. Für die toll spielende Bae Doona war es der Durchbruch.

Serie

The Makanai: Cooking for the Maiko House (Maiko-san Chi no Makanai-san)

Es gibt ja Menschen, die es nicht aushalten, wenn andere Leute oder Figuren in Serien permanent gute Laune haben. Die sind hier falsch. Vermittelt der Trailer auch den Eindruck, es gäbe Intrigen und Probleme, so lösen sich die Konflikte doch immer schnell in Wohlgefallen auf und es herrscht fast durchgehend gute Laune. The Makanai ist eine Wohlfühl-Serie die so knuffig und putzig daherkommt, wie ein Ghibli-Film, und mich damit an Hirokazu Koreedas (dem Showrunner der Serie) Unsere kleine Schwester erinnert.

Sumire und Kiyo sind zwei junge Freundinnen, die aus dem verschneiten Aomori nach Kyoto ziehen, um Maikos zu werden. Schweren Herzens lassen sie Kiyos geliebte Großmutter und deren Kochkunst zurück, landen dafür aber in einer herzlichen Gemeinschaft im Maiko-Haus. Eine Maiko ist eine Mischung aus Künstlerin und Gesellschafterin, einer Geisha nicht unähnlich. In Kyoto sieht man sie in traditioneller Kleidung, die Haare aufwendig hochfrisiert und die Gesichter weiß geschminkt, wo sie gerne von Touristen fotografiert werden.

Doch während Sumire großes Talent zu Maiko zeigt, vor allem, wenn es darum geht, die traditionelle Tanzform, den Mai, aufzuführen, erweist sich Kyio als wenig geschickt. Dafür bringt sie großes Talent und Leidenschaft fürs Kochen mit und wird so zur Makanai des Maiko-Hauses und verzaubert die Bewohnerinnen und uns mit leckeren Gerichten.

The Makanai ist so eine Serie, die bei mir garantiert für gute Laune sorgt, weshalb ich mir jeden Tag auch nur eine Folge ansehe, um diese Wirkung nicht zu verschwenden. Meine Lieblingsfigur ist die toughe, aber auch zerrissenen Momoko, mit ihrer direkten Art und der Liebe zu Zombie-Filmen. Die Serie spricht eine Menge japanischer Traditionen an, mischt sie aber immer wieder auf verspielte Art mit modernen Themen. Folge 8 ist eine unwiderstehliche Hommage an George A. Romero, wenn Meister-Maiko Momomoko einen Zombie-Mai als Aufführung beim traditionellen Obake inszeniert, und so versucht, die strickten und Jahrhunderte alten Konventionen aufzubrechen.

Die Serie basiert auf der Manga-Serie Maiko-san chi no Makanai-san von Aiko Koyama, der leider nicht auf deutsch erschienen ist. Aber falls ihr Französisch könnt, werdet ihr fündig werden.

Artikel

Trial by Fire: Serienbesprechung von Rahul Desai

Eine außergewöhnlich gute Serienbesprechung, die so richtig in die Tiefe geht und auf die historischen Hintergründe eingeht, stammt von Rahul Desai zur neuen indischen Netflix-Serie Trial by Fire. Die schildert die Ereignisse um und nach dem Brand eines Kinos in Deli 1997. Sehr ausführlich geht er auf die Lebensgeschichte der beiden Eltern ein, die drei ihrer Kinder in diesem Feuer verloren, die Verantwortlichen verklagten und ein bewegendes Buch über das ungerechte Justizsystem in Indien schrieben, auf dem die Serie basiert. Bisher habe ich nur die erste Folge gesehen, fand sie aber richtig stark. Auf den Artikel aufmerksam geworden bin ich durch Stefan Mesch, der die Serie im Deutschlandfunk Kultur vorgestellt hat.

Euer Suff ist meine kaputte Nacht

Dieser Artikel ist vier Jahre alt, und ich habe ihn damals schon gelesen, aber da er mir kürzlich noch mal in die Timeline gespült wurde, nutze ich die Gelgenheit, auf ihn aufmerksam zu machen. Denn er spiegelt so ziemlich meine Einstellung zu Alkohol wieder. Ich hatte selbst nie Probleme mit Alkohol, trinke aber schon seit über 20 Jahren so gut wie keinen mehr. Höchstens mal ein Glas Sekt an Silvester. In einer Notaufnahme habe ich nie gearbeitet, aber zwei Jahre als Sozialpädagoge in einer Suchtklinik, wo ich mitbekommen habe, was Alkohol alles anrichtet und zerstört.

Blog für japanische Literatur

Der Literaturblog Bleisatz bespricht nicht nur japanische Bücher, hat davon inzwischen aber eine ganze Menge. Da ich momentan vor allem Bücher aus und über Japan lese, ist das für mich eine wunderbare Fundgrube. Es wird doch schon eine ganze Menge aus Nippon ins Deutsche übersetzt. Besonders angetan hat es mir die Besprechung zu Atsuhiro Yoshidas Gute Nacht, Tokio. Rezensentin Bettina Schnerr vergleicht das Buch mit der Serie Midnight Diner: Tokyo Stories – meiner absoluten Lieblingsserie aus Japan. Da bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mir das Buch zu kaufen.

Tor Online

Meine SFF News auf Tor Online: Ein erster Teaser zur zweiten Staffel von „Yellowjackets“. Außerdem: Ein Sachbuch zu den kulturellen Hintergründen von Star Wars, die Schmökerbude bespricht Mira Valentins „Druidendämmerung“ und das Mystery-Hörspiel „Mia Insomnia“ in der ARD-Audiothek .

Meine abenteuerlich-queere Reise durch die Phantastik: Wie werden wir als Phantastik-Fans sozialisiert? Was prägt uns in der Kindheit so, dass wir ein Leben lang der Science Fiction und Fantasy verfallen bleiben. Hier ein persönlicher Erfahrungsbericht von Sebastian Ella Gräff aus queerer Perspekive.

Lektüre

Meine Besprechung von Mieko Kawakamis Heaven, in dem es um Mobbing und Misshandlungen unter Schüler*innen geht. Ein heftiger, aber auch sehr eindringlich und feinfühlig geschriebener Roman.

Musik

Ren – Hi Ren

Dank Justin Hawkins ist dieser Youtub-Hype jetzt auch bei mir angekommen: Hi Ren von Ren. Ein Musiker im Zwiegespräch mit sich selbst. Brilliant! Der hat noch keinen Plattenvertrag und war bisher relativ unbekannt. Was ihr hier hört, ist das, was ihr seht. Das ist eine Live-Performance.

Und hier noch was ganz nettes aus Japan: Hanabie

Youtube

Zelda – A Link to the Past

Geht es um die Frage nach meinem Lieblingsspiel aller Zeiten, ist die Antwort einfach: Zelda – A Link to the Past. Und auch was das beste Computer/Videospiel aller Zeiten angeht, werde ich stets diesen Titel nennen. Meine erste Konsole war das NES, auf dem ich schon mit großer Begeisterung das erste Legend of Zelda gespielt habe, den zweiten Teil deutlich weniger euphorisch. A Link to the Past auf dem SNES war dann eine Art Offenbarung für mich. Und als ich es vor ein paar Jahren noch einmal auf dem SuperNES-Mini durchspielte, bestätigte sich mein Urteil nur. Wobei ich aus der Zelda-Reihe dann nur noch Ocarina of Time auf dem N64 gespielt hab; das war meine letzte Konsole von Nintendo. Was A Link to the Past so besonders macht, erklärt dieses Video der PCGames sehr schön. Und ich hab schon wieder Lust, Zelda zu spielen, trotz der überholten Damsel-in-Distress-Story.

Foto der Woche

Hochbetrieb am Maisenknödel

Meine Woche 13.01.2023: X, Pistol und die Filme von Wong Kar-Wei

Heute geht es um Frauen in den Anfangsjahren von Dungeons an Dragons, Maria Sibylla Merian – geniale Naturforscherin des 17. Jahrhunderts und ein Interview mit der Übersetzerin irischer Literatur Anna-Nina Kroll. Ein Videoessay erklärt die Arbeitsweisen von Meister-Regisseur Wong Kar-Wei und ich erkläre, warum die Youtube-Universität beim Japanisch-Lernen eine hilfreiche Ergänzung zu Lehrbüchern ist. Dazu Film- und Serientipps.

Youtube

Zu meinen Top 5 Lieblingsregisseuren der 90er gehört eindeutig Wong Kar-Wei. Seine Filme waren für mich eine Art cineastisches Erweckungserlebnis. Entdeckt habe ich ihn als Fallen Angels auf Premiere lief. Kurz darauf folgten As Tears Go By und Days of Being Wild im Nachprogramm der Dritten. Alle auf VHS aufgenommen und mehrfach angeschaut. Die großen Hits Chungking Express und In The Mood For Love (2000) fand ich gar nicht besser als die drei anderen. Sie lernte ich erst kürzlich (vor ca. einem Jahr) durch den Erwerb der DVDs so richtig schätzen.

In seinem Videoessay How Wong Kar-Wai Shoots A Film At 3 Budget Levels arbeitet In Depht Cine schön heraus, wie Wong arbeitet: oft ohne Drehbuch, von einem Tag zum anderen planend, teils über Jahre an einem Film arbeitend. Was mich damals in den 90ern am meisten an den Filmen fasziniert hat, war die hypnotische Kamera-Arbeit von Christopher Dolye – von dem ich gar nicht wusste, dass er sich mit Wong verkracht hatte -, und die melancholische Stimmung. Ein wirklich sehenswertes Video, auch wenn nicht alle Details immer hundertprozentig akkurat sind.

The Grandmaster ist übrigens auch ein ganz toller Film. Und In The Mood For Love gehört jetzt doch zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Eine Schande, dass die Filme von Wong Kar-Wei teils nur so schwierig zu bekommen sind und er seit 2013 keinen Film mehr finanziert bekommen hat – angeblich soll er aber an einem arbeiten.

Alejandro G. Iñárritu, Guillermo del Toro & Alfonso Cuarón: The Three Amigos In Conversation

Dieses Video mit einem eineinhalbstündigen Gespräch dieser drei großartigen mexikanischen Regisseure habe ich noch nicht gesehen, da ich es erst kurz vor Erstellung dieses Beitrags entdeckt habe, möchte aber trotzdem darauf hinweisen, da es sicher superinteressant ist. Pinocchio fand ich ziemlich gut, Bardo will ich noch sehen. Cuarón hat, glaube ich, aktuell noch keinen neuen Film am Start.

Artikel

Maria Sibylla Merian

In der FAZ gibt es einen interessanten Artikel von Katharina Deschka über Maria Sibylla Merian, die im 17. Jahrhundert als geniale Naturforscherin unterwegs war. Anlass ist, dass ihr im Museum Wiesbaden jetzt ein ganzer Raum gewidmet wird – der soll allerdings erst 2025 fertig sein. Eine faszinierende Frau, die spannende Forschungsreisen unternommen hat.

Die literarische Irland-Spezialistin: Anna-Nina Kroll

Das hier ist ja auch ein Blog zum Übersetzen, weswegen ich mich immer freue, etwas zum Thema bringen zu können. Die Irland News hat jetzt ein Interview mit der Übersetzerin Anna-Nina Kroll geführt, die sich zu einer Art Spezialistin für die Übersetzung irischer Romane entwickelt hat, allen voran Milchmann von Anna Burns. Kroll war auch schon als Translator in Residence für ein halbes Jahr am Trinity College in Dublin und scheint ein spannendes Übersetzerinnen-Leben zu führen.

Auf Abwegen zum Palast der Silberprinzessin

Auf seinem stets lesenswerten Blog Skalpell und Katzenklaue geht Peter Schmidt auf die Anfänge von D&D ein. Es geht um ein mysteriöses Modul, das erstmals von einer Frau (Jean Wells) geschrieben und wegen »objectionable content« eingestampft wurde. Warum bloß? Und wie standen Gary Gygax und Dungeons und Dragons damals überhaupt zu Frauen? Peter Schmidt ist der Sache auf den Grund gegangen und hat ein interessantes Stück Rollenspielgeschichte hervorgeholt.

Eigentlich wollte ich hier auch noch was zu Lützerath bringen, aber da ist ja inzwischen eigentlich alles gesagt und geschrieben worden. Nur so viel, die Entscheidung, das Dorf zu zerstören, die Kohle wegzubaggern und das Pariser Klimaabkommen so wie das eigene Klimagesetz nicht einzuhalten, dürfte jegliche zukünftige Bemühung Deutschlands torpedieren, andere Länder von einer klimafreundlichen Politik zu überzeugen. Und für die Grünen könnte es einen Kipppunkt bedeuten, ganz gleich, ob da ein bindendes Gerichtsurteil steht. Was nur zeigt, dass Politik, Justiz und Polizei in Deutschland immer noch vor allem auf die Vertretung von Kapitalinteressen ausgelegt sind.

Translate or Die

Am Mittwoch ging ein kurzer Beitrag von mir online, in dem ich darauf hinweise, dass ich als Übersetzer aus dem Englischen ins Deutsche noch Kapazitäten für 2023 frei habe. Dazu meine Qualifikationen und Referenzen. Scheint sich gelohnt zu haben, eine erste vielversprechende Anfrage ist bereits eingegangen.

Lesenswelt

Und auf meiner Buchbesprechungsseite Lesenswelt gibt es eine Rezension zu Six Four von Hideo Yokoyama, einer grandiosen Mischung aus Krimi, Verwaltungsepos und Gesellschaftsporträt.

Tor Online

In meinen SFF News auf Tor Online geht es um einen ersten Teaser zur zweiten Staffel von Foundation. Außerdem: Die FaRK findet nicht mehr statt, die Phantastik-Bestenliste Januar, englischsprachige Buchneuerscheinungen 2023, eine Konferenz zu »Disruptiven Imaginationen« und ein Trailer zur 2. Staffel von Carnival Row.

Und der Artikel der Woche heißt Big Data ist Waching You! Werden wir durch unsere Smartphones belauscht?: An einem Tag unterhalten wir uns über ein bestimmtes Thema, am nächsten erhalten wir genau dazu Werbung. Kennt ihr das auch? Olaf Kemmler geht der Frage nach, ob wir von unseren Smartphones belauscht werden, und zieht die Science Fiction als Beispiel heran, um aufzuzeigen, wohin das noch führen kann.

Serie

Pistol

Nach den ersten Kritiken wollte ich die Serie eigentlich gar nicht sehen. Gab ihr diese Woche aber spontan aus einer Laune heraus eine Chance, da ich einfach auf Serien und Filme über Musik und Jugendsubkulturen stehe. Die ersten beiden Folgen bestätigten eigentlich meine Befürchtungen bezügliche einer biederen Inszenierung, die dem Punk und der Musik nicht gerecht wird. Der jugendliche Elan von Trainspotting ist doch schon seit ein paar Jährchen verflogen. Doch ich blieb wegen der Frauen am Ball, die für mich die viel interessanteren Figuren waren, vor allem Chrissie Hynde, die wirklich toll von Sydney Chandler gespielt wird. Ab Folge drei konnte ich dann gar nicht mehr genug von der Serie bekommen. Formal gibt es auch an den letzten Folgen einiges zu bemängeln, aber losgelöst von den wahren Ereignissen und Personen fand ich die Dynamik der Figuren unter einander faszinierend (ähnlich, wie es mir schon mit Pam & Tommy erging). Die Serie arbeitet zwar gut heraus, wie sexistisch die damalige Musikszene war, und Steve Jones nicht mal auf die Idee kommt, Chrisie Hynde eine Chance in der Band zu geben; und wie manipulativ Malcom McLaren agierte, trotzdem fehlt ihr an einigen entscheidenden Stellen Tiefgang. Bei Disney+.

In dem hier eingebetteten Trailer kommt Steve Jones kaum vor, Chrissie Hynde überhaupt nicht, dabei sind die beiden eigentlich die zentralen Hauptfiguren der Serie.

Filme

X

Ich mag die Filme von Ti West, besonders The House of the Devil und The Innkeepers. Wie sie langsam und auf sehr atmosphärische Weise Spannung aufbauen. X ist eine Hommage an 70er-Jahre-Slasherfilme wie Texas Chainsaw Massacre, die in einer ländlichen Gegend in den Südstaaten spielen, mit jungen Leuten in einem Van, die einer nach dem anderen ermordet werden – hier nachdem sie auf einer alten Farm einen Pornofilm gedreht haben. Aber X ist anders als diese Filme. Wie er sich Themen wie dem Älterwerden nähert, während man sich immer noch nach Sexualität sehnt und danach begehrt zu werden. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Herangehensweise sensibel ist, oder ob sie das Thema auf eine sensationslüsterne Art und Weise nutzt, aber ich neige dazu, Ersteres zu glauben. Die Besetzung ist hervorragend, besonders Mia Goth und Jenna Ortega. Der Slasher-Teil ist gelegentlich ein bisschen langweilig, aber insgesamt ist X recht unterhaltsam.

Believer (Dokjeon)

Sehr guter Hochglanz-Thriller aus Südkorea, über eine Polizeieinheit, die einen mächtigen und mysteriösen Drogenboss jagt, und sich dafür selbst als Drogendealer ausgibt. Die Auflösung war durchaus zu erwarten und passt mit der Chronologie nicht so ganz zusammen, trotzdem ist der Film spannend und sehenswert. Ist aktuell OmU bei Prime enthalten.

Hell Dogs

Ausgezeichnet gefilmter Yakuza-Thriller über einen Ex-Cop, der sich bei einer Yakuza-Familie undercover einschleusen und hocharbeiten soll. Dabei geht er nicht gerade zimperlich vor und mordet auch im Auftrag der Polizei. Erinnert an Donnie Brasco, mit knallharter Action, guten Darsteller*innen und einer Handlung, die nicht ganz den typischen Yakuza-Trillern entspricht. Wirkt ab und zu etwas ziellos, ist aber trotz seiner 138 Miuten zu keiner Zeit langweilig. Der Film basiert übrigens auf einem Roman von Akio Fukamachi, der wiederum das Drehbuch zu World of Kanako geschrieben hat. So schön abgründig ist Hell Dogs aber nicht. Bei Netflix.

The Pale Blue Eye

Sehr stimmungsvoll inszenierter historischer Krimi, in dem Edgar Allen Poe als Kadett an der Militärakademie von West Point in eine Mordermittlung verwickelt wird. Der Ermittler wird von Christian Bale vielschichtig verkörpert. Den Twist habe ich nicht kommen sehen, obwohl er früh angedeutet wurde. Hat mir richtig gut gefallen. Die gesamte Besetzung ist ausgezeichnet. Bei Netflix.

Japanisch

Diese Woche habe ich mal wieder gelernt, dass ich mich beim Lernen einer Sprache nicht ausschließlich auf Lehrbücher verlassen sollte und die „Youtube-Universität“ durchaus hilfreich sein kann. In meinem aktuellen Japanisch-Lehrbuch heißt es zum Beispiel, das »anata« (あなた) Liebling bedeute, selten auch »Sie«. Das habe ich vor einigen Wochen gelernt, als ich beim Hiragana in der N-Reihe angekommen bin.

Kürzlich spülte mir der Youtube-Algorithmus ein Video in die Timeline, bei dem auf dem Screenshot stand: »anata is rude«. Und ich fragte mich, warum denn »Liebling« unhöflich sei. Also habe ich mir mehrere Videos zu dem Thema angsehen, unter anderem von Learn Japanese with JapanesePod101.com und Miku Real Japanese, hier eingebettet habe ich aber das von That Japanese Man Yuta, weil es mir am verständlichsten erklärt hat, was da gemeint ist. »Anata« bedeutet vor allem »You« also »Sie«, wird aber nur in bestimmten Situationen als Höflichkeitsform verwendet. Z. B. wenn man einen älteren Vorgesetzten anspricht. Bei Paaren kann es auch vorkommen, dass es verwendet wird, aber nicht als liebevolles »Liebling«, sondern wenn sie sich streiten und dem Gegenüber Vorwürfe machen. Und auch ansonsten wird es in Streits verwendet, um seinem Streitpartner gegenüber unhöflich zu sein.

Von »Du« und »Sie« gibt es zahlreiche Varianten im Japanische, für jede der vielschichtigen Höflichkeitsformen eine eigene. Meistens wird das Pronomen aber einfach weggelassen und durch eine bestimmte Betonung ersetzt. Die japanische Grammatik machts möglich.

Die Videos stammen alle von japanischen Muttersprachler*innen, die wissen, wie im Alltag gesprochen wird. Gerade das finde ich an Youtube so hilfreich, eine Perspektive jenseits der Lehrbücher und Lern-Apps auf die Sprache zu bekommen. Im fortgeschrittenen Lernstadium dürften auch Tandem-Partner*innen aus Japan sehr hilfreich sein, die mittels moderner Kommunikationsmittel relativ einfach zu erreichen sind. In der Prime-Serie Modern Love: Tokyo gibt es eine sehr schöne Episode dazu.

Übersetzer (Englisch/Deutsch) nimmt 2023 noch Aufträge entgegen

Dieser Blog hier heißt ja Translate or Die und ist an einem kühlen Novemberabend 2011 nach dem Besuch eines Berufseinsteigerseminars von Jochen Schwarzer bzw. dem VDÜ am Literarischen Colloquium Berlin entstanden. Gedacht, um von meinen ersten Erfahrungen als Literaturübersetzer zu berichten. 11 Jahre später bin ich noch immer in der Branche tätig. Aktuell unter anderem als Chefredakteur des Magazins Tor Online vom Verlag Fischer Tor bzw. S. Fischer.

Doch ich bin auch weiterhin als Übersetzer aus dem Englischen ins Deutsche tätig, und für 2023 habe ich noch Kapazitäten frei und nehme Aufträge gerne entgegen. Insgesamt habe ich 16 Bücher ins Deutsche übersetzt (siehe hier), darunter Science Fiction, Horror und Thriller für Verlage wie Heyne, Knaur, Golkonda und Cross Cult. Zahlreiche Kurzgeschichten von Autor*innen wie Jeff VanderMeer, Ken Liu, Aliette de Bodard, Jo Walton oder Laird Barron. Sowie jede Menge TV-Dokumentationen für N24. 2015 habe ich den fünftägigen Übersetzungsworkshop In einer anderen Welt am Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen besucht, unter der Leitung von Hannes Riffel und Karen Nölle.

Neben meinem Diplom als Sozialpädagoge habe ich einen Abschluss in Nord- und Lateinamerikastudien von der Freien Universität Berlin, kenne mich also besonders gut mit amerikanischer Kultur und Geschichte aus, bin aber auch anderweitig gut belesen, was zeitgenössische, historische und Sachliteratur angeht. Mein popkulturelles Wissen ist breit gefächert, so dass Anspielungen auf Musik, TV, Filme usw. kein Problem sind.

Ich würde mich also sehr freuen, mal was jenseits des phantastischen Genres zu übersetzen. Begrifflich und fachlich dürfte das für mich kein Problem darstellen. Ich weiß, wie schwer es als Übersetzer ist, aus einer Genre-Schublade wieder herauszukommen. Wobei ich natürlich auch weiterhin gerne Fantasy, Science Fiction und Horror übersetze.

Bei keinem einzigen meiner Projekte habe ich den Abgabetermin nicht einhalten können. Pünktlichkeit ist mir neben Sorgfalt besonders wichtig. Was die Übersetzung selbst angeht, ist mein Ansatz: Wirkungsäquivalenz, also mir vorzustellen, wie der Autor * die Autorin den Text als Muttersprachler*in auf Deutsch geschrieben hätte, damit die Übersetzung die gleiche Wirkung auf die Leserschaft erzielt, wie das Original. Bei Aufträgen halte ich mich natürlich an die gewünschten Vorgaben.

Habe ich schon erwähnt, wie pünktlich ich bin! 🙂 Ich weiß ja, wie wichtig das für Verlage und Redaktionen ist.

Anfragen bitte an meine E-Mailadresse markusmaeurer(at)gmx.de

Und hier noch ein Foto der von mir übersetzten Bücher:

Meine Woche 06.01.2023: Japan, Japan, James May, sumimasen

Erstmal noch frohes neues Jahr euch allen! Ich hoffe, es wird besser als 2022 (auch wenn ich das nicht wirklich glaube). Und danke fürs Vorbeischauen auf meinem Blog!

In meinem aktuellen Wochen-Newsletter geht es wieder viel um Japan: Eine ausführliche Besprechung der Dokumentation Salaryman über die teils problematische Angestelltenkultur in Japan. James May stellt in sechs Episoden die schöneren Seiten von Nippon vor. Dazu geht es noch um sinnlose Arbeit (Stichwort Bullshitjobs) und Buchneuerscheinungen 2023 in den Bereichen Science Fiction, Fantasy und Horror.

Filme

The Legend of the Stardust Brothers (1985)

Völlig überdrehte japanische Satire aufs Musikbusiness, die aus jeder Einstellung 80er-Jahre schreit und kreischt, größtenteils aus Meta-Montagen mit furchtbarer Musik besteht (manche Songs sind okay), die zeit- und kulturgeschichtlich aber durchaus von Interesse ist. Hat sicher ihr Publikum, ich gehöre aber nicht unbedingt dazu.

The Middle Man

Nettes Kleinstadtdrama mit komödiantischen Zügen, das einige makabere Wendungen nimmt.

Salaryman

Ganbaru

Der Film beginnt mit Männern, die bewusstlos oder schlafend auf Bürgersteigen liegen oder orientierungslos durch die Gegend torkeln. Männer, die nicht obdachlos sind, sondern Büroangestellte in Anzügen, die nach Feierabend mit den Kollegen saufen waren, was zur japanischen Arbeitskultur dazugehört. Die im Film interviewten Angestellten bezeichnen sich selbst als Arbeitsvieh und Sklaven, die morgens wie Zombies durch überfüllte Straßen und U-Bahnen ins Büro schlurfen und mittags Rahmen am Nudelstand, während es am Abend – oft verpflichtend – mit den Kollegen und dem Chef zum Karaoke geht oder in kleine Bars. Businessmen sind unabkömmlich, Salarymen ersetzbar und entbehrlich.

Der Film ist bezüglich dieser Arbeitsmoral sehr kritisch, lässt aber auch Stimmen zu Wort kommen, die dieses System in führenden Positionen umsetzen, und erklären, was dahintersteckt. Im Japanischen heißt das Wort für Angestellter als Kanji-Zeichen: „Jemand, der Arbeit befolgt“. Die unterschiedlichen Ansichten zu uns im Westen gründen sich darauf, dass in Japan die Gesellschaft bzw. Gemeinschaft vor dem Individuum kommt und den Anstrengungen, das Land nach dem 2. Weltkrieg wieder aufzubauen.

Um die Salarymen strukturiert sich auch das Geschäft mit den Host-Clubs und Hostessen, die von ihnen dafür bezahlt werden, ihnen Gesellschaft beim Trinken zu leisten, aber auch bei Geschäftsmeetings in Clubs.

Beim Zusehen empfinde ich es allerdings etwas unangenehm, wenn Regisseurin und Künstlerin Allegra Pachecco die auf der Straße Schlafenden mit Kreide umzeichnet und Leuten nachts mit der Kamera folgt, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Ich verstehe zwar, dass sie damit auf das Problem aufmerksam machen möchte; Karoshi, Tod durch Überarbeitung ist ein Problem in Japan, eine japanische Regisseurin hätte da so aber sicher nicht gemacht. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob nicht manche Szenen davon gestellt sind.

Es gibt auch Menschen, die versuchen, aus dem System auszubrechen. Manchmal nur im kleinen, wie die Extreme Commuters, die den Weg zur Arbeit möglichst unterhaltsam und abwechslungsreich gestalten, manchmal aber auch im Großen, indem sie ihren Job kündigen und auf Land ziehen, wo andere Arbeitsbedingungen herrschen.

Der Dokumentation gelingt es gut, Einblicke in die Arbeitskultur Japans zu liefern, zeigt eindrücklich, wie sich das so höfliche und zurückhaltende Tokyo nachts verändert, und lässt Menschen aus allen Bereichen zu Wort kommen. Aktuelle und ehemalige Salarymen, Soziologen, Gewerkschafter, Aktivisten, Vorgesetzte und die Mutter von Matsuri Takahashi. Letztere arbeitete für Japans größte Werbeagentur und nahm sich 2016 das Leben, weil sie den Druck und die Belastung durch die Arbeit, nicht mehr aushielt.

Eine durchaus einfühlsame Doku, die Bewusstsein für die Problematik liefert, aber auch ein paar unangenehme Momente hat.

Serien

Auf Disney+ – das ich noch für einen Monat habe – habe ich mir die erste Folge von The Old Man angesehen. Schlecht ist die nicht, aber Folge 2 habe ich nach zehn Minuten wieder ausgemacht, weil ich momentan einfach keine Lust auf noch eine Geschichte über einen alten CIA-Agenten habe, der von der Vergangenheit eingeholt und gejagt wird. So toll Jeff Bridges den auch spielt.

Nach Sumo Do, Sumo Don’t habe ich auch noch die anderen japanischen Serien auf Disney+ angefangen, von denen mich zwei mit ihren Pilotfolgen aber nicht so recht überzeugen konnten. Die Geschichten sind eigentlich ganz interesant, aber die Inszenierung ist eher so mittelprächtig und trifft in beiden Fällen nicht den intendierten Ton. Bei Was wir vergessen (Subete Wasurete Shimau Kara)geht es um einen Krimiautor, der sich auf die Suche nach seiner vermissten Freundin macht und herausfindet, dass sie gegenüber anderen Menschen eine ganz andere Person war, als bei ihm. So richtige Noir-Atmosphäre kommt aber leider nicht auf. Tomorrow I’ll Be Somone’s Girlfriend (Ashita, Watashi wa Dareka no Kanojo)erzählt von einer Studentin, die sich ihren Lebensunterhalt als Miet-Freundin verdient. Leider ist das recht holprig inszeniert.

Vielversprechender war die erste Folge der neuen Serie Gannibal (Gannibaru), die auf dem gleichnamigen Manga von Masaaki Ninomiya basiert (der erst im März auf Deutsch erscheint). Das Drehbuch stammt von Takamasa Ōe, der auch das Drehbuch von Drive My Car mitgeschrieben hat. Scheint in die Richtung von The Wailing zu gehen. Stadtbulle landet mit Frau und Kind in einem Dorf, in dem Unheimliches vorgeht und die Gebräuche der Einheimischen nicht immer ganz gesetzeskonform sind. Technisch ist das viel besser gefilmt, als die beiden Serien oben (wie man auch am Trailer sieht).

The Makanai: Cooking for the Maiko House

Einer meiner derzeit absoluten Lieblingsregisseure ist der Japaner Hirokazu Kore-eda (Shoplifters), dessen Our Little Sister mich letztes Jahr verzaubert hat. Am 12. Januar startet eine Serie von ihm auf Netflix. In The Makanai: Cooking for the Maiko House (Maiko-san Chi no Makanai-san)geht es um zwei Teenagerinnen/junge Frauen, die in der Zeit zurückreisen? um Meikos zu werden (eine noch exklusivere Variante der Geishas). Im Magazin Time-Out gibt es einen Artikel dazu, der auch ausführlich darauf eingeht, wie Kore-eda junge Filmemacher*innen fördert. Die Serie basiert auf dem Manga Maiko in Kyoto: From the Maiko House von Aiko Koyama.

James May – Our Man in Japan

Um diese Reisedoku habe ich mich lange gedrückt, weil James May einer der drei Moderatoren von The Grand Tour ist, neben Jeremy Clarkson. Zum Glück entpuppt sich May nicht als so ein großes, misogynes, rassistisches Arschloch. In der Serie kommt er sogar als ganz netter Kerl rüber. Clarkson hätte sicher keine Hemmungen gehabt, das Maid-Café zu betreten.

In sechs Folgen reist May vom verschneiten Hokkaido im Norden über Fukushima und Tokyo bis an die sonnigen Strände von Shikoku im Süden. Dabei macht er immer wieder skurrile Sachen mit, wie das Schneeball-Battle oder die Mechwarriors; aber auch traditionelle japanische Sachen wie Aikido, Kalligrafie oder Bogenschießen; oder besucht modernere japanische Events, wie ein Boy-Band-Konzert um 7.00 Uhr morgens, das Schülerinnen vor der Schule besuchen.

Begleitet wird er oft von unterhaltsamen Guides, verhält sich gerne recht albern (manchmal auch etwas respektlos) und bringt viel britischen Humor mit, für den er sich ständig – sumimasen – entschuldigen muss. Da ist natürlich viel dabei, was Japan-Aficionados wie ich kennen, aber auch Sachen, die mir bisher unbekannt waren.

Dokus

New York, New York

Beim ZDF gibt es seit dieser Woche mit New York, New York einen guten Film über die Stadt nach zwei Jahren Pandemie. Ist halt die klassische ÖR-Reportage, in der ein gestandener Auslandsreporter (Johannes Hano) interessante Menschen besucht und interviewt, die stellvertretend für viele jüngere Veränderungen stehen. Darunter ein aus Deutschland stammender Immobilienmakler für Superreiche, der genauso so auftritt, wie es das Klischee verlangt. Aber auch jemand, der sich seit drei Jahren darauf vorbereitet, dass Cannabis endlich in NY legalisiert wird.

Arbeit ohne Sinn

Die Doku auf Arte geht der Frage nach, warum eine Vielzahl moderner Arbeitsstellen das sind, was der hier auch zu Wort kommende (inzwischen leider verstorbene) David Graeber in seinem gleichnamigen Buch als Bullshitjobs bezeichnet. Wie konnte unsere Arbeitswelt so ineffizient werden, was vor allem auf Kosten der Angestellten geht, die diese sinnlosen (oder als sinnlos empfundenen) Tätigkeiten ausführen, und dann im Burnout landen. Von der massiven Kapitalvernichtung, die schlechtes Management verursacht, ganz zu schweigen. Kann Arbeit auch Spaß machen? Auf jeden Fall! Mir macht meine Arbeit Spaß. Noch mehr Spaß würde sie allerdings machen, wenn sie besser bezahlt wäre.

Offices are graveyards of possibilities.

Lektüre

Farbiges E-Book-Cover von "The Jasmine Throne". Vor gelbem Hintergrund sitzt eine junge Frau in indischem Sari auf der Steintreppe eines Tempels.

Endlich beendet: The Jasmine Throne von Tasha Suri. Einer der besten Fantasyromane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Opulenter Weltenbau, der Magie und Natur auf sehr originelle Weise verbindet; eine mitreißende Geschichte; vielschichtige Figuren und eine an die indische Kultur angelehnte Mythologie. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen, die für ihr Recht zu leben, aber auch die Freiheit ihres Landes kämpfen. Hat den World Fantasy Award 2022 verdient erhalten. Auf Deutsch ist das Buch leider noch nicht erschienen. Für eine ausführlichere Besprechung fehlen mir leider Zeit und Muse, verdient hätte es das Buch aber.

Neue Bücher 2023: Science Fiction, Fantasy und Horror

Auf seinem Kanal SFF 180 stellt Thomas Wagner in drei Videos interessante Neuerscheinungen aus den Bereichen Science Fiction, Fantasy und Horror vor. Ich bette hier nur mal das Video zur Fantasy ein, da dort die meisten Titel dabei sind, die mich interessieren. Z. B. The Daughters of Idzihar von Hadeer Elsbai, The Keeper’s Six von Kate Elliot oder Victory City von Salman Rushdie. Bereits lesen konnte ich The Basilisk Throne (04.04.23) von Greg Keyes und The First Bright Thing (22.06.23) von Jenna Dawson, die ich beide nur empfehlen kann (mehr schreibe ich dazu, wenn sie im Original erschienen sind). Wagner versteht es wirklich gut, in kurzen, klaren Sätzen vorzustellen, worum es in den Büchern geht und wie sie im Kontext des Gesamtwerk der jeweiligen Autor*innen einzuordnen sind.

Tor Online

In meinen SFF News ging es diese Woche um die Absetzung der deutschen Netflix-Serie 1899, über die ich hier auf dem Blog bereits gerantet habe. Dazu ein Teaser-Trailer zum südkoreanischen Science-Fiction-Film Jung_E, das Brecht-Haus über progressive Phantastik und das Magazin nd über gute Science-Fiction-Bücher 2022.

Im Artikel der Woche von Natascha Strobl geht es um Akte X, Dystopien und Querschwurbeleien. Der ist richtig gut geworden und hat mir wieder Lust gemacht, meinen Akte X-Rewatch (in Staffel 4) fortzusetzen.

lesenswelt

Auf meiner anderen Webseite lesenswelt.de habe ich eine Besprechung des Mangas Boys Run The Riot von Keito Gaku veröffentlicht. Hier ein kurzer Teaser:

Gefühlvoller und mitreißender Manga über junge Menschen, die noch nach ihrer Identität und Stimme suchen; die sich gegen die gesellschaftlichen Konventionen auflehnen und ihre Kreativität nutzen, um einen Platz im Leben zu finden.

Worüber ich mich freue

Juhu, Januar. Endlich kann ich meinen neuen Kalender aufklappen. Das Foto hier von Jan Becke zeigt verschneite Bauernhäuser in Shirakawa.

Links der Rand eines Bücherregals, in der Mitte eine Karte von Japan und rechts daneben ein Wandkalender mit einem Fotos von verschneiten Bauernhäusern in Japan - alles vor einer gelben Tapete, rechts daneben ein blauer Vorhang.

Meine erste Arbeitswoche im neuen Jahr. Kein Scheiß! Während der beiden Wochen Weihnachtsurlaub habe ich mich natürlich nicht darauf gefreut, montags wieder mit der Arbeit anzufangen. Hätte gerne noch eine Woche mehr sein können. Doch schon nach dem ersten Arbeitsvormittag hatte ich gute Laune, die die ganze Woche lang anhielt, weil eigentlich alles gut lief und Spaß gemacht hat (siehe „Arbeit ohne Sinn“ weiter oben).

Meine Woche 30.12.2022: Andor, Pinocchio und japanische Filme

Diese Woche geht es bei mir um: Andor, Pinocchio, japanische Filme, ethische Pornografie, die Wiederauferstehung von Barnes & Nobles und einen persönlichen Jahresrückblick sowie einen Ausblick auf 2023 .

Normalerweise mag ich die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr sehr, da ich sie als einen entrückten Schwebezustand empfinde, in dem die Zeit ein wenig still steht. Doch nach einem Kondolenzbesuch bei Eltern, die ihren 37-jährigen Sohn überraschend verloren haben und dessen Beerdigung, wollte diese Stimmung dieses Jahr nicht so recht bei mir aufkommen. Ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie schlimm das für sie und seine Lebensgefährtin und deren Kind sein muss. Auf der Beerdigung lief übrigens Pink Floyd.

Artikel

What can we learn from Barnes and Nobles

Interessanter Artikel von Ted Gioia über Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg der amerikanischen Buchhandelskette Barnes & Nobles, die, ähnlich wie Borders, kurz vorm Verschwinden stand, dann aber doch noch die Kurve bekam. Und über die Mechanismen des Buchhandels. Im Prinzip läuft der neue Erfolg von Barnes & Nobles auf das Gleiche heraus, wie der von Waterstones in England: einen Chef, der Bücher liebt – und zwar den gleichen in beiden Fällen. Der hat die Verantwortung über die Bücherauswahl wieder an die einzelnen Filialen und deren Mitarbeiter*innen zurückgegeben. Von Verlagen gekaufte Plätze auf Präsentiertische gibt es anscheinend nicht mehr. Alles Sachen, von denen sich deutsche Ketten wie Thalia eine Scheibe abschneiden können. Das mag den größeren Verlagen auf den ersten Blick nicht gefallen, doch langfristig dürften auch sie von einem florierenden lokalen Buchhandel profitieren. Teil 1 habe ich als Kind mal gesehen, haber aber nicht die Absicht, ihn mir noch einmal anzusehen.

Die wichtigsten japanischen Filme des Jahres

Das Magazin des Japanese Film Festival stellt zusammen mit sieben Exper*innen die wichtigsten japanischen Filme des Jahres vor. Die meisten davon dürften bei uns noch nicht verfügbar sein. Einige wie Makoto Shinkais Suzume werden auf jeden Fall einen Heimkinostart erhalten. Bei anderen können wir wohl froh sein, wenn sie überhaupt irgendwann mal bei Mubi erscheinen. Manche davon liefen auch auf Festivals wie der Nippoh Connection. Mich überfordert die Liste in ihrer Fülle etwas.

How do you know if the porn you consume is ethical?

Für das Lustzine geht Almaz Ohene der Frage nach, wie ethisch einwandfreie Pornografie konsumiert werden kann. Also Pornos, die unter guten Bedingungen entstanden sind, bei denen die Darstellerinnen anständig bezahlt und ordentlich behandelt werden. Dazu sei erwähnt, dass das Lustzine zum Porno-Imperium von Erika Lust gehört, die mit Lust Cinema und XConfession selbst Pornos produziert und dabei auch Regie führt. Es ist also kein journalistisch unabhängiges Medium. Lust ist durch zahlreiche Reportagen und Dokumentationen aber dafür bekannt, jenem Ideal zu entsprechen und dabei mit einem hauptsächliche weiblichen*X Team ästhetisch hochwertige Filme zu produzieren.

Filme

Top Gun: Maverick

Atemberaubende Flugszenen, die gelegentlich von mittelprächtigen Filmszenen unterbrochen werden, deren Nebenfiguren nur dazu da sind, Tom Cruise alias Maverick gut aussehen zu lassen. Hochgerüsteter Military-Porn, mit einem gewissen Unterhaltungswert, wenn man sich nicht daran stört, was da alles sinnlos an CO2 in die Atmosphäre gepustet wird.

Guillermo del Toro’s Pinocchio

Gelungene Adaption des Kinderbuchklassikers in wunderschöner Stop-Motion-Technik. Wieder einmal verbindet del Toro gekonnt märchenhafte Elemente mit einer vor faschistischem Hintergrund spielenden Geschichten, die ans Herz geht. Die Gesangseinlagen bzw. die Songs sind allerdings nur mittelmäßig und trüben den Spaß etwas.

Barbarian

Hat in den ersten 45 Minuten einen makellosen Spannungsaufbau, mit zwei jungen Leuten, die beide versehentlich am gleichen Abend dasselbe Airbnb-House gemietet haben und einen unheimlichen Tunnel im Keller entdecken. In der zweiten Hälfte fällt der Film stark ab und bedient Klischees eines Genres, das ich hier jetzt nicht spoilern will, die dem Film bei mir aber einen Stern kosten. Der Bruch in der Mitte des Films ist durchaus ein gewagter, der die Erwartungen der Zuschauer untergräbt, der mir aber nicht wirklich gefallen hat. Den Trailer poste ich hier nicht, da der Film mehr Spaß macht, wenn man möglichst wenig über ihn weiß.

Serien

Andor

Dürfte die beste realverfilmte Star-Wars-Serie sein, allerdings auch die, bei der am wenigsten das klassische Star-Wars-Feeling aus den Ursprungsfilmen aufkommt, das The Mandalorian in der ersten Staffel so gut einfangen konnte. Aber darum geht es den Macher*innen wohl auch nicht. Sie wollen eine erwachsene, düstere und ernste Geschichte über die Dynamik von faschistischen Systemen erzählen, und wie diese Rebellionen begünstigen. Nach den Totalausfällen Boba Fett und Obi-Wan Kenobi war es angenehm, eine SW-Serie zu sehen, die sich selbst ernst nimmt. Bis zum Heist wird sie auch durchgehend stimmig erzählt, danach wirken die Storylines etwas zerfahren und haben Längen, weshalb ich die Serie zwar gerne gesehen habe, aber auch sehr geduldig auf die nächste Folge warten konnte. Das Bedürfnis, mehr als eine Episode pro Tag zu sehen, kam bei mir nicht auf. Auch wenn die Serie Andor heißt und Diego Luna eine tolle Leistung abliefert, ist das eigentliche Highlight aber der von Stellan Skarsgård gespielte Luthan Rael mit seinen ganzen Machenschaften und der moralischen Ambiguität. Ach ja, erzählt wird praktisch die Vorgeschichte vom Film Rogue One, an den ich mich kaum noch erinnern kann.

Wo ihr mich findet

Noch bin ich auf Twitter, einfach, weil ich dort zu einigen wichtigen Themen die besten Informationen erhalte. Doch auch ich bin jetzt schwach geworden, und habe mir einen Account bei Mastodon zugelegt. https://literatur.social/@MarkusMaeurer. Einfach, um mit den Leuten aus meiner Twitter-Bubble in Kontakt zu bleiben, die durch Musks Shitshow schon vertrieben wurden.

Ebenfalls neu ist mein Account bei Letterboxd. Das ist eine Plattform für Filmbewertungen- und Kritiken. Da ich sowieso eine Liste darüber führe, was ich an Filmen im Jahr sehe, kann ich das auch dort machen. Meine Kurzkritiken sind auf Englisch und Deutsch.

Auch bei Instagram bin ich wieder aktiver und poste dort kurze Buchkritiken.

Weitere Blogbeiträge

In der letzten Woche gab es noch zwei weitere Beiträge auf Translate or Die:

Neu im Regal

Unterm Weihnachtsbaum lag Hilary Mantels Wölfe, das ich schon seit Jahren lesen wollte. Die ersten 132 Seiten konnten mich bereits begeistern. Ein historischer Roman über Thomas Cromwell, der in die Hofintrigen von Henry VIII gerät. Herausragend geschrieben, da dürfen sich auch gerne mal Fantasy-Autor*innen von inspirieren lassen. Leider ist Hilary Mantels dieses Jahr verstorben.

Foto der Woche

Mond im Sonnenuntergang.

Rückblick 2022 – Ausblick 2023

Das 2022 global gesehen ein beschissenes Jahr voller Krisen war, brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Vor allem der mörderische Angriffskrieg Russlands auf die Bevölkerung der Ukraine dürfte in Sachen globaler Weltordnung und Stabilität tatsächlich eine Zeitenwende darstellen. Nur leider ist das bei denen, die sie so groß tönend ausgerufen hat, immer noch nicht angekommen, wie die Politik der letzten Monate zeigt.

Für mich persönlich war 2022 wieder ein gutes Jahr, vor allem, da ich eine gesundheitliche Baustelle angegangen bin, die ich seit Jahren vor mir hergeschoben habe, und die jetzt abgeschlossen ist.

Beruflich lief es auch ganz okay. Auf Tor Online hatten wir nach einem Jahr Resteverwertung und Limbus endlich wieder etwas Budget für neue Artikel und am Ende des Jahres auch Klarheit, wie es weitergehen wird. Ich bin da jetzt so was wie der Chefredakteur und freue mich schon auf die Arbeit im neuen Jahr. Gleich in der ersten Januar-Woche wird es mit einem Artikel einer Autorin losgehen, die auf Tor Online zu lesen, einige von euch sicher überraschen wird. Aber auch ansonsten haben wir schon einige interessante und spannende Artikel in der Pipeline. Da wir seit dem Start 2015 schon so viele Artikel hatten, will ich versuchen, öfters mal über den Tellerrand zu blicken und thematisch für uns neue Gebiete zu erschließen, bei denen aber ein Bezug zur Phantastik gegeben ist.

Gefreut hat mich, dass ich bei Fischer Tor zuletzt etwas mehr in die Redaktionsarbeit eingebunden war. 2023 wird ein Buch erscheinen, das ich dem Verlag empfohlen habe, da bin ich sehr gespannt, wie es laufen wird. An dem waren mehrere Verlage interessiert und es gab eine Auktion. Zuletzt habe ich ein Titelbild für den Elric-Sammelprachtband ausgesucht, von dem ich hoffe, dass er sich im Verlag durchsetzen wird und die Lizenzierung funktioniert. Dazu bin ich aktuell noch auf der Suche nach einigen Innenillustrationen. Falls ihr Tipps habt, gerne jenseits von Rodney Matthews und Michael Whelan, immer her damit.

Übersetzt habe ich dieses Jahr allerdings überhaupt nichts. Das muss sich 2023 wieder ändern. Da habe ich noch alle Kapazitäten frei. Dazu werde ich im Januar einen eigenen Blogbeitrag verfassen. Über Anfragen für Buchübersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche werde ich mich jedenfalls freuen.

Nicht so schön waren die Todesfälle dieses Jahr in meinem persönlichen Umfeld. Einen habe ich ja weiter oben schon erwähnt. Daneben ist Holger M. Pohl im Januar verstorben. Einen Nachruf auf ihn hatte ich hier im Blog veröffentlicht.

2022 habe ich noch komplett im Pandemie-Modus verbracht. War auf keinen Veranstaltungen, nicht im Kino oder sonst wo. Nur im Sommer habe ich mich mit zwei ehemaligen Mitschülern in einem Koblenzer Biergarten am Rhein getroffen.

2023 gedenke ich das aber langsam wieder zu ändern. Bucon ist eingeplant. Marburg Con … mal schauen. Vorgemerkt ist die Metropol Con in Berlin, die vom 18. bis zum 20. Mai statt. Bei einem Eintrittspreis von 85 Euro (+ Reise- und Übernachtungskosten) ist mir bisher aber zu wenig zum Programm bekannt. Bei einer Con, die internationale Veranstaltungen zum Vorbild nimmt, erwarte ich auch einige thematisch interessante Diskussionspanels, von denen bisher noch nichts angekündigt ist.

Ansonsten werde ich mich 2023 vor allem darauf konzentrieren, weiterhin Japanisch zu lernen und mich mit japanischer Kultur und Geschichte zu beschäftigen. Ein Reise nach Japan möchte ich aber frühestens 2024 in Angriff nehmen. Abhängig davon, wie es bis dahin um meine Japanisch-Kentnisse steht. Und ob es finanziell passt.

Ach ja, ich freue mich auch darüber, endlich wieder die Lust am Bloggen zurückgefunden zu haben. Zwischenzeitlich hatte ich schon überlegt, meine Seiten ganz dicht zu machen. Wobei ich inhaltlich wohl etwas nachjustieren muss, angesichts der bisher eher bescheidenen Zugriffszahlen und Rückmeldungen. Aber ich weiß auch, dass die Hochzeit der Blogs vorbei ist und ich nicht mehr solche Zahlen wie früher erreichen werde. Aber Youtube-Videos oder Podcasts sind einfach nicht mein Ding. Wenn es ums Reden geht, bin ich dafür einfach nicht unterhaltsam genug.

An dieser Stelle danke an alle, die meine neuen Blogbeiträge lesen!

Die besten Filme, die ich 2022 erstmals gesehen habe

Auf dieser Liste stehen Filme, die ich dieses Jahr das erste Mal gesehen habe, und die in meiner internen Wertungsliste 9/10 oder gar 10/10 Punkte bekommen haben. Letzteres war nur bei RRR und Unsere kleine Schwester der Fall. Wobei das eine rein subjektive Wertung ist, bei der es nur danach geht, wie sehr mir der Film gefallen hat. RRR hat sicher seine Probleme, aber er hat mich einfach so umgehauen, wie schon lange kein Film mehr. Im Kino bin ich dieses Jahr nicht gewesen, da fehlt mir durch die Pandemie immer noch die Lust drauf, weshalb wenig ganz aktuelle Filme dabei sind. Vor allem sind es Filme, die bei uns nicht so bekannt sind, so das manche von euch hoffentlich hier noch einige nützliche Filmempfehlungen mitnehmen.

The Power of the Dog

Wunderschön gefilmter Spätwestern mit einer subtil erzählten Familiengeschichte, die trotz der bedrohlichen Untertöne nie so brutal und dramatisch wird, wie z. B. Das Piano. Hat mich sehr überrascht.

Short Term 12

Kleine Filmperle über eine junge Sozialarbeiterin, die selbst in schwierigen Verhältnissen aufwuchs, ihr Trauma nie verarbeiten konnte, aber Erfüllung in ihrer Arbeit mit jugendlichen Pflegekindern in einer Kurzzeiteinrichtung findet. Gab es auf Mubi endlich mal mit der Originaltonspur im Stream.

Tao Jie (桃姐)

Von Ann Hui, über die letzten zwei Jahre im Leben des „Dienstmädchens“ Tao Jie, um die sich nach einem Schlaganfall der Sohn der Familie kümmert, in der sie 60 Jahre gearbeitet hat. Ruhig, einfühlsam, poetisch und berührend.

Made in Hong Kong ((香港製造)

Aufregendes junges Kino von Fruit Chan von 1997, kurz vor der Übergabe. Zeigt eine andere Seite der Stadt, als die romantisierenden Filme Wong Kar-Wais. Mit tollen Laiendarsteller*innen und atemberaubenden Aufnahmen. Die Bildqualität dieses Low-Budget-Films, der auf abgelaufenem Restmaterial anderer Produktionen gedreht wurde, ist auf Blu-ray nach der Restaurierung von 2017 großartig.

Escape From Mogadischu (모가디슈)

Großartiger, bewegender und aufwendig inszenierter südkoreanischer Politthriller über die Angehörigen der süd- und nordkoreanischen Botschaften, die 1991 beim Ausbruch des Bürgerkriegs in Somalia zusammenarbeiten müssen, um der Gewalt zu entkommen. Nach einer wahren Begebenheit. Eine feine Gratwanderung für die Diplomaten zweier verfeindeter Länder, die selbst aus einem Bürgerkrieg hervorgegangen sind. Die halbstündige Flucht am Ende ist atemberaubend. Aber Warnung: Der Film zeigt ziemlich drastische Bilder von der Brutalität des Krieges.

Unsere kleine Schwester (海街diary)

Ein wunderbar herzlicher und einfühlsamer Film von Hirokazu Koreeda (Shoplifters) über drei junge Frauen, die nach dem Tod des Vaters ihre jugendliche Halbschwester bei sich aufnehmen. So knuffig wie ein Ghibli-Film und so schön wie die Kirschblüte. War toll, mal wieder einen Film zu sehen, in dem eigentlich alle nette Menschen sind.

The Rider

Bewegendes Drama von Chloé Zhao über einen Rodeo-Reiter aus prekären Verhältnissen, der nach einem schweren Unfall versucht, zurück ins Leben zu finden, das Reiten aber nicht loslassen kann, obwohl es ihn umbringen könnte. In wunderschönen Bildern gefilmt und einfühlsam gespielt.

Beyond the Infinite Two Minutes (ドロステのはてで僕ら)

Genialer kleiner Zeitreisenschleifenfilm aus Japan, der aus einem minimalen Setting maximal viel rausholt. Trotz der Vorschusslorbeeren konnte ich mir nicht vorstellen, dass er so unterhaltsam wird.

RRR

Ein episch-opulentes indisches Tollywood(Telugu)-Spektakel mit noch nie dagewesenen herrlich überzogenen, knallharten Actionszenen, der Bromance des Jahrhunderts und CGI-Effekten, bei denen sämtliche Hollywoodfilme dieses Jahres einpacken können. Dramatisch, emotional, mit famosen Tanz- und Gesangseinlagen, erfrischend bar jeder Ironie, aber mit Humor und Herz.

Die Darstellung der supersadistischen britischen Imperialisten fand ich nicht mal überzogen, aber die Übermenschen-Heldeninszenierung sehe ich im Kontext des aktuellen Hindu-Nationalismus unter Modi durchaus kritisch. Trotzdem ein mehr als außergewöhnlicher und sehenswerter Film. Für mich das Filmereignis des Jahres und der Beweis, dass es auch noch große, aufwendige und originelle Blockbuster außerhalb von Franchisen geben kann.

Aloners (혼자 사는 사람들)

Über die Mitarbeiterin eines Callcenters, die kürzlich ihre Mutter verloren hat, für sich allein lebt und niemanden an sich ranlässt. Ein kleines Meisterwerk über Einsamkeit und Distanz in der südkoreanischen Gesellschaft. Ich liebe solche Filme. Hauptdarstellerin Gong Seung-yeon spielt richtig toll.

Drive My Car (ドライブ・マイ・カ)

Sehr schöner Film über eine ungewöhnliche Freundschaft, Trauer und Schuldgefühle. Im Mittelteil vielleicht etwas zu lang, wenn es um die Theaterproben geht, dafür mit einem herausragenden Abschluss.

The Myth of American Sleepover

Angenehm unaufgeregter Film über einige amerikanische Jugendliche, die einfach einen schönen Sommerabend verbringen.

Meine besten neuen Serien 2022

Hier gibt es die für mich besten neuen Serien 2022. Das kann Mini-Serien ebenso umfassen, wie Serien, die noch weitere Staffeln erhalten werden. Die Liste enthält natürlich nur Serien, die ich auch gesehen habe, und keine Ansprüche auf Objektivität. Und ich habe bestimmt was vergessen, da ich, anders als bei Filmen und Büchern, keine Liste darüber geführt habe, was ich dieses Jahr alles gesehen habe. Doku-Serien sind nicht dabei.

Pachinko

Pachinko ist für mich die Überraschung des Jahres. Die Romanvorlage von Min Jin Lee habe ich nicht gelesen, die Serie ist großartig. Sie erzählt ein Stück koreanisch-japanischer Geschichte von der Zeit der japanischen Besatzung in Korea vor dem 2. Weltkrieg bis rein in die 1980er in Japan, wo die koreanischen Nachfahren dieser Zeit nun zwischen den Kulturen stehen. Episch, dramatisch, aufwendig, elegant, in opulenten Bildern erzählt, mit vielschichtigen Figuren. Gefilmt wurde es auf Japanisch und Koreanisch. Japanisch hat blaue Untertitel, Koreanisch gelbe. Und das beste Intro des Jahres hat die Serie auch noch.

AppleTV+

Archive 81

Eine sehr gute Mystery/Cosmic-Horror-Serie über einen Video-Restaurator, der Bänder wiederherstellen soll, auf denen sich Aufnahmen der Begegnung einer Forscherin mit einer unheimlichen Hausgemeinschaft befindet. Der Serie gelingt es fast über die gesamte Länge, die unheimliche Spannung aufrechtzuerhalten. Nur in den letzten beiden Folgen schwächelt die Dramaturgie etwas, das Finale ist eher kostengünstig produziert, dafür ist das Ende gelungen. Das kann als Cliffhanger-Ende gelesen werden, aber auch als abgeschlossenes Ende mit Schrecken. Letzteres ist sehr hilfreich, da die Serie von Netflix nach der 1. Staffel eingestellt wurde.

Netflix

First Love

Ist eine japanische Dramaserie, die – basierend auf den Songs First Love und Hatsukoi von Hikaru Utada – die Liebes- und Lebensgeschichte von Yae und Harumichi erzählt, die sich auf der Oberschule kennen lernen und ein Paar werden. Sie geht dann aufs College in Tokyo, er zur Luftwaffe, um Pilot zu werden. Sie bleiben eng in Kontakt, bis sie einen Unfall hat und ihr Gedächtnis verliert. Doch die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern zeitlich ziemlich verschachtelt auf verschiedenen Ebenen, ähnlich wie bei This Is Us. Der Haupthandlungsstrang spielt 15 Jahre später, Yae arbeitet als Taxifahrerin und lebt allein, hat aber einen 14-jährigen Sohn, während Harumichi als Wachmann in einem Hochhauskomplex arbeitet. Natürlich begegnen sie sich Serendipity mäßig wieder.

First Love erzählt eine dramatische, tragische Familiengeschichte mit viel Herz, die erfrischenderweise nicht in Tokyo spielt, sondern in Sapporo, der Hauptstadt der Nordinsel Hokkaido. Neben den beiden Hauptfiguren lernen wir auch deren Familien und Umfeld kennen, was dem Ganzen noch mehr Komplexität verleiht. Manchmal wirkt die Serie etwas schnulzig, aber die Figuren sind so gut geschrieben und haben so viel Tiefe, dass das nicht ins Gewicht fällt. Die Darsteller*innen der jugendlichen Hauptfiguren agieren manchmal etwas zu sehr im Glücksbärchi-Modus, insgesamt ist aber alles gut gespielt. Besonders sticht jedoch Hikari Mitsushima (Love Exposure) als erwachsene Yae mit ihrem subtilen und vielschichtigen Spiel hervor. Allein wegen ihr lohnt es sich, die Serie anzuschauen. Die hat 9 Folgen, die alle sehr abwechslungsreich gestaltet sind und nie langweilen. Am Ende haben sie dann aber doch etwas zu dick aufgetragen, da hätten sie ruhig zwei Gänge zurückschalten können. Wednesday ist eine großartige Serie zum Jahresabschluss, aber mein Geheimtipp ist First Love.

Netflix

Winning Time

Es geht um die erste Saison der L. A. Lakers mit Magic Johnson. Das Team wurde vom Unternehmer und illustrem Playboy Jerry Buss (großartig John C. Reilly) gekauft, und die Serie zeigt, wie er aus dem abgehalfterten Franchise eine Erfolgsmannschaft macht. Adrian Brody, Sally Field und Jason Segel sind auch dabei, aber das Highlight ist das Casting der Spieler wie Johnson (Quincy Isaiah) oder Kareem Abdul-Jabbar (Solomon Hughes), die wirklich On Point sind, sowohl schauspielerisch wie auch in Sachen Basketball. Produziert wird die Serie von Adam McKay und sie ist tatsächlich auf dem Niveau von The Big Short. Stilistisch herausragend, wirkt sie teilweise wie ein authentisches Zeitdokument. Doch trotz der vielen Spielereien (auch mit der vierten Wand) hat die Serie richtig Tiefgang, spricht einige gesellschaftlich wichtige Themen an und ist ein tolles Charakterdrama. Ich hatte die Serie überhaupt nicht auf dem Schirm und bin jetzt total begeistert. Anders als bei anderen Sportfilmen stehen hier die Szenen auf dem Spielfeld auch nicht so im Mittelpunkt (Basketballfans wissen ja, wie die Spiele ausgegangen sind), sondern vor allem das Drumherum.

P. S. die Buchvorlage heißt übrigens »Showtime«. Aber HBO bringt natürlich keine Serie, die heißt wie der große Konkurrent auf dem Kabel-Markt.

HBO/Sky

Sumo Do, Sumo Don’t

Eine japanische Gute-Laune-Serie über den Sumo-Klub einer Universität, dessen zunächst einziges Mitglied und Kapitänin eine Frau ist. Im Verlauf finden sich weitere Mitglieder ein, Frauen wie Männer, und nehmen an Wettbewerben teil. Das ganze basiert auf dem gleichnamigen Film (dt. Lust auf Sumo) von 1991, modernisiert die Thematik aber angemessen und spricht gesellschaftlich relevanter Themen auf spielerische Weise an. Die meisten der Darsteller*innen aus dem Film sind in Nebenrollen oder Cameos auch wieder dabei, so dass die Serie als Quasi-Fortsetzung gesehen werden kann. Ich liebe Sumo do, Sumo Dont, auch wenn sie einfach gestrickt ist und dem üblichen Muster von Sportdramen/komödien folgt. Vor allem die Figur der Honoka ist faszinierend und wird von Rikka Ihara großartig gespielt.

Die Serie gibt es auf Disney+, allerdings nur mit japanischer Tonspur und deutschen Untertiteln.

Irma Vep

Die französische Serie von Olivier Assayas basiert auf seinem gleichnamigen Film von 1996 und setzt in quasi fort. Vordergründig geht es um die Dreharbeiten an der Serie Les Vampires, die wiederum dem gleichnamigen Stummfilm-Serial von 1915 basiert und die Geschichte einer Verbrecherorganisation namens Les Vampires erzählt, zu der Irma Vep gehört. Doch auf der Meta-Ebene ist die Serie eine Reflexion des Film- und Serien-Business und was das Geschäft mit seinen Beteiligten macht. Sie mischt satirische Züge mit Drama-Elementen und gleitet in surrealistische Passagen über, wenn die von Alicia Vikander gespielte Hauptfigur auf nächtliche Einbruchsstreifzüge geht und durch Wände treten kann. Das Einzige, was mir nicht so gefallen hat, ist wie stark Assayas seine Ehe mit Maggie Cheung thematisiert, da wir hier nur eine sehr einseitige Perspektive erhalten, auch wenn er sich selbst als neurotischen Choleriker porträtiert. Eine Serie, die aus dem Rahmen fällt und wirklich anders ist.

HBO/Sky

Wednesday

Nachdem einige Schulsportler ihren Bruder Pugsley misshandelt haben, entscheidet sich Wednesday, die Übeltäter mittels Tier-Therapie zu heilen und wirft zwei Tüten mit Piranhas ins Schwimmbecken, während dort das Training stattfindet. Da dies zu einem Schulverweis führt, schicken ihre Eltern sie auf das Internat Nevermore, wo sogenannte Outcasts eine bildungsbürgerliche Heimat finden. Unter ihnen Vampire, Werwölfe, Gorgonen, Sirenen usw. Ach ja, Wednesday gehört natürlich zur Addams-Family, die hier mit Vater Gomez, Mutter Morticia und Butler Lurch nur in zwei Folgen von Relevanz ist. Thing, also das eiskalte Händchen, wird allerdings zum coolen Sidekick, während Onkel Fester auch nur für eine Folge seinen kriminellen Charme spielen lassen darf.

Wednesday ist ein großartiges Spin-Off, dem man die Einflüsse von Produzent Tim Burton zwar durchaus anmerkt – der auch bei den ersten vier Folgen Regie geführt hat -, das aber trotzdem seinen ganz eigenen jugendlichen Ton findet. Das Highlight ist Jenna Ortega als intelligente, selbstbewusste und morbid-mörderische Wednesday, der es mir ihrem kühlen Blick gelingt, ihre Gegenüber beim gesellschaftlichen Theaterspiel gleich zu durchschauen. Zunächst möchte sie noch von der Schule abhauen, doch nachdem ihr nach dem Leben getrachtet wird, findet sie doch Gefallen an dem Institut mit düsterer Vergangeheit. Sie möchte heraufsinden, was hinter dem mörderischen Treiben und dem mysteriösen Monster steckt.Wie genau sich die Serie in den Kosmos der Addams-Family einreiht, könnt ihr im Artikel von Christian Endres nachlesen. Ich hatte jedenfalls viel Spaß damit.

Netflix

The Bear

Ultrahektische Serie über einen renommierten Sternekoch, der das heruntergekommene Diner seines verstorbenen Bruders übernimmt und versucht, auf Vordermann zu bringen. In der Küche geht es so stressig zu, dass ich nur eine der dreißigminütigen Folgen pro Tag schauen konnte, da ich allein vom Zusehen schon gestresst wurde. Dafür ist der Mikrokosmos der Küche aber auch wunderbar und vielschichtig beschrieben. Die Figuren haben alle ihren ganz eigenen Charakter und ihre Geschichte. Eine zweite Staffel wurde wohl schon bestätigt. The Bear gehört zu den besten neuen Serien 2022.

Hulu/Disney+

The Peripheral

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von William Gibson erzählte Cyberpunk-Geschichte, die in einer nahen Zukunft spielt, die unserer Gegenwart bis auf ein paar technische Fortschritte und gesellschaftliche Rückschritte ähnelt, und in einer weiter entfernten Zukunft, in der die Menschheit nach einer Summe von Katastrophen, genannt „The Jackpot“, größtenteils tot ist, während die Überlebenden, in einer technisch sehr fortschrittlichen, emotional aber sehr kalten Zukunft leben, wo sie Technologie nutzen, um mit der Vergangenheit vor dem Jackpot Kontakt aufnehmen. Was die von Chloë Grace Moretz großartig gespielte Flynne samt wehrhafter Familie in Schwierigkeiten bringt.

Anders, als bei den meisten Cyberpunkserien, gibt es hier keine futuristischen Hochhausschluchten, deren Neonlicht sich in Pfützen auf dem Asphalt spiegelt. Ästhetisch gehen hier Lisa Joy und Jonathan Nolan (Westworld) neue Wege, Flynnes Handlungsstrang spielt im mittleren Westen der USA, der in der Zukunft, in einem London, dass nicht wiederzuerkennen ist.

Amazon Prime

The Dropout

Basiert auf der wahren Geschichte von Elizabeth Holmes, die mit ihrer Firma Theranos einen der größten Firmenskandale der letzten Jahre ausgelöst hat. Erzählt wird, wie Holmes als (über)ambitionierte Studentin unbedingt Milliardärin á la Steve Jobs werden und dabei auch die Welt verändern will. Ihre Idee: Ein Diagnose-Gerät, das aus nur einem Blutstropfen zahlreiche Diagnosen für Krankheitsbilder stellen kann. Das Problem: So was funktioniert bis heute nicht. Was Holmes nicht daran gehindert hat, Investoren und Patient*innen über Jahre anzulügen. Letztere erhielten teilweise (millionenfach!) falsche Diagnosen.

Amanda Seyfried porträtiert grandios Holmes Wandlung von der ambitionierten Studentin und Unternehmerin, hin zu jemandem, die hier und da etwas flunkert und hinhält, bis hin zum manipulativen und bedrohlichen Machtmenschen, der die eigene Realität verdrängt und andere Menschen, in sie hineinzwingt. Die Serie beginnt als klassisches Biopic, entwickelt aber rasch einen Thriller artigen Sog, der mich emotional so gepackt hat, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte, die Serie zu schauen.

Hulu/Disney+

Station 11

Eigentlich kann ich keine Endzeit-Serien mehr sehen, die oft relativ kostengünstig produziert werden, weil man im kanadischen Wald filmen kann oder nur ein paar Leute von der Straße scheuchen muss. Und dann auch noch eine zu einer tödlichen Pandemie, mitten in einer tödlichen Pandemie. Doch die Romanvorlage von Emily St. John Mandel (die inzwischen geschieden ist 🙂 ), und die ich eigentlich längst gelesen haben wollte, hat so viel Lob erhalten, dass ich nicht widerstehen konnte. Außerdem spielt Mackenzie Davis die Hauptrolle. Die Serie spielt auf zwei Zeitebenen, während des Ausbruchs der Seuche und einige Jahre danach. Der Ausbruchsstrang schildert dramatisch und aufwendig inszeniert, wie die junge Kirsten als Kinderdarstellerin im Theater nach einer Abendvorstellung von ihrer Familie getrennt zufällig bei Jeevan landet, mit dem sie sich eine Weile durchschlägt. Jahre später ist Kirsten Teil einer Theatertruppe, die durch eine entvölkerte Landschaft zieht und bei den wenigen verbliebenen Siedlungen Vorstellungen gibt.

Das Ganze ist so dramatisch, elegant verschachtelt, aber auch spannend erzählt, wie ich es in einer Endzeitserie noch nicht gesehen habe. Hier geht es zwar auch um Überleben, aber vor allem um die zwischenmenschlichen Elemente, das, was das Menschsein ausmacht

Noch bei Lionsgate+, doch der Dienst wird in Deutschland bald eingestellt.

Honorably Mentions

The Devils‘ Hour, atmosphärisch sehr dichte Mysteryserie mit Peter Capaldi, die die Spannung durchgehend aufrechthalten kann und interessante Ideen verfolgt.

Vernon Subutex, habe ich hier ausführlicher vorgestellt.

The Midnight Club, kann das Niveau der ersten Folgen nicht ganz halten, ist aber eine tolle Dramaserie mit Gruselelementen über eine Gruppe Jugendlicher, die auf den Tod warten, und dies vearbeiten, indem sie sich unheimliche und originelle Geschichten erzählen.

Tokyo Vice liefert interessante Einblicke in die japanische Gesellschaft aus Perspektive eines amerikanischen Journalisten, der bei einer renommierten japanischen Zeitung arbeitet und sich mit den Yakuza anlegt. Allerdings bedient die Serie auch ziemlich viele Japan-Klischees.

Oussekine, vierteilige Miniserie über den Fall Malik Oussekine, der 1986 von der frz. Polizei totgeschlagen wurde, was die Behörden versuchten, zu vertuschen. Sehr gut und einfühlsam inszeniert; so was hätte ich von Disney+ nicht erwartet.

Vigil, spannende britische Krimiserie über eine Mordermittlung an Bord eines Atom-U-Bootes, die nur im Abschluss etwas schwächelt, da es nicht gelingt, alle Handlungsstränge zufriedenstellend aufzulösen.

Meine Woche 23.12.2022: Shibari, Sumo, Gleichberechtigung und mehr

Diese Woche geht es bei mir um: Shibari, Sumo, den jungen Inspextor Morse, Disco Elysium, die gruselige Entwicklung von Twitter, Femizid an Kanadas indigenen Frauen und mehr.

Mie Neko und Shibari

Auf meiner Suche nach Japan-Dokus bin ich letztens in der Arte-Mediathek auf eine kurze Reportage über Shibari (bzw.Kinbaku), die japanische Fesselkunst, gestoßenen, die ich total interessant, aber auch viel zu kurz fand. Weshalb ich auf Youtube nach Dokus zu dem Thema gesucht habe. Dabei bin ich auf dieses Video vom Format {ungeskriptet} gestoßen, ein zweieinhalbstündiges Gespräch mit der jungen Mie Neko, die erzählt, wie sie als Jugendliche und junge Erwachsene zu ihrer Sexualität gefunden hat, die sich vor allem im Bereich BDSM befindet. Das ist ein wirklich faszinierendes und offenes Gespräch aus ungewöhnlich junger Perspektive zu dem Thema. Für mich war BDSM – wobei ich mich da überhaupt nicht auskenne -, immer etwas, das eher Ü30 oder zumindest Ü25 stattfindet. Hätte nicht gedacht, dass es auch so junge Menschen gibt, die schon so erfahren in der Szene unterwegs sind. Aus pädagogischer Sicht finde ich es aber auch gut, dass sie bei ihrem Stammtisch nur Menschen dabei sind, die jünger als 27 sind. Zum Interview sollte ich noch erwähnen, dass es zwei Aussagen des Moderators zum Thema Glaubwürdigkeit von Missbrauchsanzeigen gibt, die mehr als dubios sind und Betroffene triggern könnten.

Warum ich das Interview im Zusammenhang mit Shibari erwähne, Mie praktiziert diese Fesselkunst und ist so gut darin, dass sie inzwischen auch selbst Kurse dazu gibt und auf Veranstaltungen auftritt. Ich empfehle, einfach mal einen Blick auf ihre Webseite und ihren Instagram-Account zu werfen. Die Bilder zeigen, dass es sich, wie auch die Arte-Reportage erklärt, nicht ausschließlich um eine sexuelle Kunst oder gar Schmuddelsex handelt. Es geht auch viel um Ästhetik und die Frau in der Doku berichtet davon, dass sie dabei ein Gefühl empfinden, als würden sie schweben, trotz der Fesseln also ein Gefühl von Freiheit und von loslassen. Ein Weg, den eigenen Körper besser kennenzulernen.

Serien

Sumo Do, Sumo Don’t (シコふんじゃった!)

Eine japanische Gute-Laune-Serie bei Disney+ über den Sumo-Klub einer Universität, dessen zunächst einziges Mitglied und Kapitänin eine Frau ist. Im Verlauf finden sich weitere Mitglieder ein, Frauen wie Männer, und nehmen an Wettbewerben teil. Das ganze basiert auf dem gleichnamigen Film (dt. Lust auf Sumo) von 1991, modernisiert die Thematik aber angemessen und spricht gesellschaftlich relevanter Themen auf spielerische Weise an. Die meisten der Darsteller*innen aus dem Film sind in Nebenrollen oder Cameos auch wieder dabei, so dass die Serie als Quasi-Fortsetzung gesehen werden kann. Ich liebe Sumo do, Sumo Dont, auch wenn sie einfach gestrickt ist und dem üblichen Muster von Sportdramen/komödien folgt. Vor allem die Figur der Honoka ist faszinierend und wird von Rikka Ihara großartig gespielt. Die Serie gibt es auf Disney+, allerdings nur mit japanischer Tonspur und deutschen Untertiteln.

Die passende Reportage dazu gib es mit Japan: Frauen drängen in den Sumo-Ring natürlich auf Arte. In der Realität gibt es an Schulen und Universitäten tatsächlich vereinzelte Klubs, die inzwischen Frauen aufnehmen. Die Reportage zeigt, dass das in der japanischen Geschichte früher durchaus üblich war, so wie es auch weibliche Samurais gab (siehe Onna-Musha). Doch seit dem letzten Jahrhundert gelten menstruierende Frauen als unrein und dürfen den Ring der Profis nicht betreten. Selbst wenn sie Krankenschwestern sind und im Ring gerade einer einen Herzinfarkt hat.

Die Situation im Sumo steht stellvertretende für die Stellung von Frauen in der japanischen Gesellschaft. Denn Japan gehört zu jenen Ländern auf der Welt, in denen die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern am größten ist. Im Schnitt verdienen sie nur halb so viel wie Männer. Solche Strukturen aufzubrechen ist schwierig, doch wie im Sumo geht es Schritt für Schritt voran, wenn auch viel zu langsam. Dass viele Frauen auch einfach heiraten und dann Hausfrauen werden möchten, ist noch mal eine andere Geschichte, wird in der Reportage aber auch angesprochen.

Endeavour (Der junge Inspector Morse)

Ich liebe ja die britische Krimiserie Inspector Lewis,, die im malerischen Oxford spielt und trotz dreier Morde pro Folge recht gemütlich daherkommt. Sie ist ein Spin-Off von Inspector Morse, Mordkommission Oxford, die auf den Romane von Colin Dexter basiert. Lewis war der Assistent von Morse, bevor er seine eigene Serie bekam. Und als diese endete, entwickelte Russel Lewis mit Endeavaour (das ist der Vornamen von Morse) eine Prequelserie, die in den 1960er und 70ern spielt. Ich war zunächst skeptisch, da ich kein Fan von solchen Prequels bin, wurde aber, nachdem mein Vater die Serie empfohlen hat, doch schwach – und bin begeistert. Die Serie ist noch besser als Lewis, düsterer, komplexer und die Fälle sind noch cleverer. Neben dem Fall der Woche gibt es Verschwörungen im Hintergrund und auf höchster Ebene, und die Figuren geraten regelmäßig in Lebensgefahr. Manche sterben auch. Mit Fred Thursday gibt es auch eine einprägsame und vielschichtige Figur fürs Herz. Und trotz des historischen Settings, gelingt es Russel Lewis, die Serie relativ modern zu gestalten. Sie soll auch voller gelungener Anspielungen auf die Ursprungsserie sein, die ich aber noch nicht gesehen habe.

The Bear

Ultrahektische Serie über einen renommierten Sternekoch, der das heruntergekommene Diner seines verstorbenen Bruders übernimmt und versucht, auf Vordermann zu bringen. In der Küche geht es so stressig zu, dass ich nur eine der dreißigminütigen Folgen pro Tag schauen konnte, da ich allein vom Zusehen schon gestresst wurde. Dafür ist der Mikrokosmos der Küche aber auch wunderbar und vielschichtig beschrieben. Die Figuren haben alle ihren ganz eigenen Charakter und ihre Geschichte. Eine zweite Staffel wurde wohl schon bestätigt. The Bear gehört zu den besten neuen Serien 2022. Ist von Hulu, läuft bei uns auf Disney+

Musik

Little Simz hat letzte Woche überraschend ein neues Album gedroppt. Das Video No Thank You ist eine Art Kurzfilm-Medley mit fünf Tracks vom Album und kunstvollen Bildern.

Filme

Hab nichts wirklich Empfehlenswertes in der letzten Woche gesehen. See How They Run auf Disney+ ist eine ganz nette Hommage an Agatha Christie und das Bühnenstück Mouse Trap, aber weit weniger witzig und clever, als er gerne wäre. Hat mich eher enttäuscht.

What Drives Us ist eine unterhaltsame und durchaus interessante Doku von Dave Grohl über das Thema Van-Tourneen. Also über Bands, die im Van (Lieferwagen) auf Tour gehen. Zwar kommen auch die relativen neuen und jungen Bands Radkey und Starcrawler zu Wort, vor allem aber alte Hasen wie Ringo Starr, Brian Johnson The Edge, Steven Tyler, Flea, Lars Ulrich, Ben Harper und Jennifer Finch (L7) zu Wort, die lustige Anekdoten aus ihren Anfangsjahren erzählen. Wirklich interessant ist, was Ian MacKaye von Fugazi über den Aufbau einer Art Van-Tour-Netzwerk durch zwei Punkbands (unter anderem D.O.A.) erzählt. Die Geschichte von ihm kannte ich allerdings schon aus einer Punk-Doku.

Der Spion (The Courier) ist eine ganz gutes aber auch sehr altmodisch inszeniertes Spionagedrama mit Benedict Cumberbatch als britischer Handlungsreisender, der unverhofft im Vorfeld der Kuba-Krise als Spion in Moskau eingesetzt wird und natürlich in Schwierigkeiten gerät.

Artikel

Seth Abrahamson über die gruselige Entwicklung von Twitter.

Auf der Plattform Post.News gibt es einen aufschlussreichen Artikel von Seth Abrahamson, der erklärt, wie Elon Musk bzw. Twitter durch neue Funktionen immer stärker rechte Trolle und Extremisten unterstützt und fördert. Seiner Aufforderung, Twitter umgehend zu verlassen, komme ich allerdings nicht nach. Momentan habe ich immer noch einen Gewinn durch Menschen, denen ich dort folge, die z. B. über die Lage im Iran berichten, den Klimawandel, das Wetter allgemein, und die kleine persönliche (Phantastik-)Bubble, die mir verblieben ist.

The daughter fighting for Canada’s murdered Indigenous women: ‘they need to come home’

Die USA sind ja bekannt dafür, ein brutales Land mit einer extrem hohen Mordrate zu sein, während Kanada meist als Land gilt, das kein großes Problem mit Gewalt und Waffen hat. Doch eine Personengruppe ist bis heute besonders stark von Gewalt betroffen: indigene Frauen. In den letzten Jahrzehnten sind über 4.000 indigene Frauen ermordet worden oder werden noch vermisst. Ich habe inzwischen zahlreiche Dokumentation darüber gesehen, die zeigen, dass sich die Polizei nicht groß darum kümmert und das die Lippenbekenntnisse der ach so progressiven Regierung unter Justin Trudeau nichts wert sind. Und die Gründe dafür vor allem rassistischer Natur sind.

Für den Guardian erzählt Leyland Cecco die Geschichte von Cambria Harris, deren eigene Mutter ermordet wurde, und die sich jetzt für Aufklärung und die Rechte indigener Frauen einsetzt.

Neu im Regal

Ich bin nicht der größte Manga-Leser, mag vor allem Jiro Taniguchi, aber bei Mangas, die gesellschaftlich relevante Themen behandeln, kann ich nicht widerstehen. Und Boys Run The Riot wurde von Christian Endres im Tagesspiegel in der Liste der besten Comics des Jahres empfohlen. Übrigens gerade passend zur Veröffentlichung des Blogposts geliefert, vom rührigen Buchhändler der Kannenbäcker Bücherkiste in Ransbach-Baumbach, da am Mittwoch vom Großhändler ein falsche Buch zur Abholung in der Buchhandlung geliefert wurde.

Lektüre

Hier habe ich leider immer noch nichts Neues geschafft. Letzte Woche schrieb ich, dass ich mir für den Weihnachtsurlaub vorgenommen habe, endlich mal Against the Day von Thomas Pynchon zu lesen. Nach einer Woche bin ich jetzt auf Seite 40 von 1.078. Dass die Schrift superklein ist und die Seiten mit fast 40 Zeilen eng bedruckt, ist sicher nicht hilfreich (überlege, es mir noch als E-Book zu holen). Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass in den letzten zwei Monaten das Lese von Bücher für mich vor allem eine berufliche Tätigkeit für mich war, und Erholung und Urlaub für mich jetzt auch bedeuten, nicht so viel zu lesen.

Games

Vorgestern habe ich Disco Elysium angefangen zu spielen. An den Einstieg musste ich mich als Nicht-Rollenspieler (hab nur mal eine Runde Shadowrun im Studentenwohnheim gespielt) gewöhnen, bis ich gemerkt habe, dass das wohl der Spielleiter ist, der da erzählt. Die Würfel waren natürlich ein deutlicher Hinweis. Wurde schon mal ein Computerspiel so konsequent in Form eines klassischen Pen-&-Paper-RPG umgesetzt? Das Setting ist allerdings faszinierend. Hatte aber noch nicht viel Zeit, zum Zocken. Bisher ist es mir nur gelungen, mich vollständig einzukleiden und beide Schuhe zu finden. Bin mir noch nicht sicher, ob Textlastigkeit und Struktur was für mich sind.

Frohe Weihnachten!

Eigentlich hatte ich hier noch geschreiben, dass ich mich auf Weihnachten freue, doch durch einen gestrigen völlig überraschenden Todesfall im nachbarschaftlichen Freundeskreis ist die Vorfreude mehr als getrübt. Trotzdem wünsche ich euch allen frohe Weihnachten sowie schöne, erholsame und vor allem gesunde Feiertage!