Mein 2019

Am 7. Januar war 2019 für mich bereits gelaufen. Ab da ging es humpelnd, auf Krücken und mit Knieorthese durchs Jahr. Zwei Knie-Operationen, ein genähter Meniskus (dessen Naht übrigens nicht gehalten hat), eine Beckenkammentnahme (Knochenmaterial weggefräst und in die Bohrkanäle der alten Kreuzbandplastik eingesetzt), eine alte entfernte Kreuzbandplastik und eine neu eingsetzte. War alles halb so wild, beeinflusste mein Jahr aber doch stark, folgte auf die OPs jeweils eine längere Rehaphase mit Physiotherapie und viel Training zu Hause.

Und zu Hause war das Leitthema des Jahres, verzichtete ich doch aufgrund oben geschilderter Situation auf längere Reisen. 2017 war ich in Paris, 2018 in New York, 2019 nur auf dem Marburg Con und dem Bucon (die aber beide toll waren). Ansonsten habe ich vor allem viele Artikel und Newszusammenfassungen für Tor Online geschrieben, tolle Bücher gelesen, viele Serien geschaut (mit hochgelegtem Knie und einem Eisbeutel darauf). Im Kino war ich kein einziges Mal. Wandern auch nicht. Dafür aber viel Fahrradfahren.

Der Blog wurde ziemlich vernachlässigt, da alle schreibtechnische Energie in Tor Online floss. Nur 10 Beiträge. Ein Rekordtief, seit Translate Or Die 2011 an den Start ging. Nur eine einzige Buchbesprechung, zu The Borrowed von Chan Ho-Kei. Ein paar Kurzkritiken und drei Serienempfehlungen. Ein Artikel über meine sinkende Leselust (die sich übrigens behoben hat), über eine unveröffentlichte Übersetzung (die es wohl auch bleiben wird), ein Bericht über meinen Besuch bei den New York Yankees 2018 und ein Rückblick auf das komplette vergangene Jahrzehnt.

Meine Artikel auf Tor Online für das erste Halbjahr habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst, und hier ist der Rest:

Und bei Hundertvierzehn (dem literarischen Onlinemagazin des S. Fischer Verlags) erschien:

 

Mein(e) … des Jahres

Song: Solway Firth von Slipknot
Album: Lux Prima von Karen O und Danger Mouse
Buch: Beastie Boys Book von Adam Horowitz und Mike Diamond
Sachbuch: Midnight in Chernobyl von Adam Higginbotham
Roman: Die goldene Stadt von Sabrina Jansch
Film: Marriage Story
Cleverstes Drehbuch: On Cut Of The Dead (nicht von den ersten 30min abschrecken lassen, die erhalten am Ende eine geniale Auflösung)
Bestes Remake: Suspiria
Beste Doku: American Factory
Beste Mini-Serie: Chernobyl
Beste neue Serie: Euphoria
Beste alte Serie: Mindhunter und She’s Gotta Have It
am schnellsten weggebingte Serie: Line of Duty (Staffeln 1-4)
Beste Doku-Serie: Street Food Asia und Our Planet
Bestes Computerspiel des Jahres: Resident Evil 2 Remake (hab sonst nichts gezockt)
Bestes Hörspiel des Jahres: Die jutten Sitten
Bester Artikel des Jahres: A Battle for My Life von Emilia Clarke (im New Yorker)

Zu den Filmen sei noch gesagt, dass ich – anders als bei den Büchern – keine Liste darüber führe, was ich geschaut habe, weshalb die Filme vom Jahresende besser in Erinnerung sind, als die vom Jahresanfang. Da ich nicht im Kino war, kann ich nur gesehen haben, was schon im Heimkino erschienen ist.

Die Knieverletzung hat mich ein wenig aus meiner üblichen Routine gebracht, was durchaus eine interessante Abwechslung war. 2020 wird beruflich noch ein bisschen was anderes hinzukommen, und mal schauen, wie es weitergeht. Hätte nichts dagegen, mal wieder ein Buch zu übersetzen. Im Januar erscheint zumindest eine von mir übersetzte Kurzgeschichte in der phantastisch! Zur politischen Lage habe ich mich bereits im Dekadenrückblick geäußert.

Da ich ja in der Phantastik- bzw. Buchbranche arbeite, sei noch erwähnt, dass 2019 für ebenjene schon eine Art Krisenjahr war. Anfang des Jahres meldete der Buchgroßhändler KNV Insolvenz an, weshalb viele Verlage auf ihren Rechnungen sitzen blieben, was vor allem für Kleinverlage existenzbedrohend sein konnte. Dann kündigte die Post die Abschaffung der Buchsendung und eine Portoerhöhung an, und zu guter Letzt sortierte der andere Großhändler Libri Hunderttausende Buchtitel aus seinem System aus. Angeblich aus ökonomischen Gründen Titel, die sich nicht verkauft haben. Doch von Verlagen hört man, dass das oft völlig willkürlich ablief, ohne Vorankündigung. Teilweise Teil 4 oder so einer Serie, während alle anderen Teile im System blieben.

Und einige Phantastikverlage gingen infolge der Krise tatsächlich in die Insolvenz. Z. B. Feder & Schwert und Golkonda, andere Kleinverlage machten ganz dicht. Die Zahl der LeserInnen schrumpft, Netflix und Co. werden zur immer größeren Konkurrenz, und die Verlage sind ratlos, was noch funktioniert, weil es keine klar definierbaren Trends mehr gibt, wie einst die Völkerfantasy, Vampire oder Ähnliches. Und Riesenbestseller wie einst Harry Potter, Dan Brown oder Fifty Shades of Grey gibt es auch kaum noch.

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Scheiß drauf, das bleibt jetzt so! Mein Rückblick auf das ausklingende Jahrzehnt

Das Ende eines Jahrzehnts gilt als Wegmarke, die Anlass bietet, einen Blick zurückzuwerfen, auf jene Dekade, die gerade verstrichen ist. Ein Blick zurück auf verpasste Chancen und genutzte Gelegenheiten, die größten Triumphe und bittersten Niederlagen, erreichte Ziele und verpasste Träume. Auf Entscheidungen und deren Folgen.

Mein vorletztes Jahrzehnt endete mit einer Entscheidung, die mein Leben bis heute maßgeblich beeinflussen sollte. Einer Entscheidung, die ich nie bereut habe und die auch zur Existenz dieses Blogs führte. Und jetzt sitze ich hier und blicke auf ein abwechslungsreiches und aufregendes Jahrzehnt zurück, das mir so einige großartige Möglichkeiten bot, die ich nicht alle zu nutzen wusste.

Ein Jahrzehnt, das mich erstmals nach Paris und New York brachte; in dem ich mein erstes Buch übersetzte, dem zwölf weitere folgen sollten; in dem ich meinen zweiten Uni-Abschluss machte; in dem ich aber auch wieder ins Elternhaus zurückzog und zeitweise in einen Beruf zurückkehrte, mit dem ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ein Jahrzehnt, in dem ich gelernt habe, dass ich kein guter Netzwerker bin, es aber irgendwie doch halbwegs auf die Reihe bekommen habe, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad; und in dem ich ein wenig den Anschluss an die digitale Gegenwart verloren habe, zumindest was die beruflichen Skills angeht, obwohl ich schon seit drei Jahren einen Teil meines Einkommens über das Internet verdiene. Was ich aber – und hier ist der erste gute Vorsatz fürs nächste Jahrzehnt – jetzt zu ändern gedenke.

Die Nullerjahre beendete ich als Optimist, meine persönliche Zukunft ebenso betreffend, wie jene der Menschheit. Das aktuelle Jahrzehnt beende ich als Zweifler. Daran zweifelnd, wie es bei mir weitergehen soll, und schwarzsehend, was die Zukunft der Menschheit angeht. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die 2010er-Jahre als das Jahrzehnt in die Geschichte eingehen wird, in dem die Demokratie nach ihrem kurzen Höhenflug, der nur drei Jahrzehnte anhalten sollte, in finstere Untiefen abstürzte. Die 2010er werden nicht nur das Jahrzehnt sein, an dem der Tipping Point verpasst wurde, an dem man die Folgen des Klimawandels zumindest noch hätte abschwächen können, sondern auch die Dekade der Rechtspopulisten und Autokraten.

Das letzte Jahrzehnt vor dem Zeitalter der Dystopie, in dem jene Szenarien Wirklichkeit werden, von denen ich sonst so gerne in Science-Fiction-Romanen gelesen habe, wissend, dass sie als Warnung vor einer Zukunft galten, die es uns noch gelingen würde zu verhindern. Ein Irrtum, wie sich mit Blick nach China, Russland, England, Amerika und auch in die direkte Nachbarschaft zeigt. Eine Regierungsbeteiligung der rechtsextremen AFD ist nur eine Frage der Zeit, und ich bin fest überzeugt, dass dieser Sündenfall schon in den nächsten Jahren eintreten wird, denn der Rechtsruck in unserer Gesellschaft hat nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien und im Journalismus längst stattgefunden und ist bereits tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert, auch wenn die Meisten noch die Augen davor verschließen, und so tun, als würde es sich nur um eine Randerscheinung handeln, die schnell vorübergeht. Aber darum soll es hier nicht gehen. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Da bin ich ganz pragmatisch. Vielleicht kann ich es mir auch erlauben, weil ich keine Kinder habe. Hier geht es um meinen persönlichen Rückblick auf das letzte Jahrzehnt, nicht um die Sorgen für das nächste.

Im Spätsommer 2009 entschied ich mich, nach Berlin zu ziehen, nachdem meine Bewerbung für ein Zweitstudium an der Freien Universität Berlin erfolgreich war. Es folgten ein sehr kurzfristig anberaumter Sprachtest und eine hektische Wohnungssuche, erschwert dadurch, dass ich mein zweites Jahr als Sozialpädagoge in einer psychosomatischen Suchtklinik beenden musste, und nicht mehr genügend Urlaub übrig hatte, um mehrere Wochen ausschließlich auf die Wohnungssuche verwenden zu können.

Im Januar 2010 saß ich als Erstsemester der Nord- und Lateinamerikastudien in meiner Wohnung in Berlin/Moabit und genoss es erstmals, ganz alleine zu wohnen. Zwar hatte ich in meinen sechs Jahren an der Uni Siegen ein Zimmer im Studentenwohnheim, aber von alleine wohnen kann da keine Rede sein. Für die die damalige Zeit und mich mit Anfang 20 war es genau das Richtige, so wie ein Jahrzehnt später eine ganz eigene Wohnung genau das Richtige war. Mit 30 ein neues Studium zu beginnen, umgeben von zehn Jahre jüngeren Studierenden war ein ganz eigenes Erlebnis, das zu einem komplett anderen – und viel fokussierterem Studium! – führte.

Es war aufregend, während der Amtszeit und Wiederwahl Barak Obamas US-amerikanische Geschichte, Politik, Soziologie und Kultur zu studieren. Noch interessanter wäre es nur während des Beginns der Ära Trump gewesen, denn die haben wir alle nicht kommen sehen, obwohl die Anzeichen dafür da waren. Vermutlich wollten wir sie nicht sehen, weil es so bequemer war und wir uns weiterhin nicht eingestehen mussten, kein Mittel gegen die Radikalisierung der Rechten und den Populismus zu haben, und das uns die Digitalisierung und das Internet über den Kopf wuchsen.

13 Bücher (sowie zahlreiche Kurzgeschichten und Fernsehdokumentationen) habe ich im vergangenen Jahrzehnt übersetzt, und nicht immer war „Scheiß drauf, das bleibt jetzt so!“ die richtige Entscheidung, auch wenn sie teilweise Umständen geschuldet war, auf die ich nur wenig Einfluss hatte – von wegen (oft künstlich und ohne Not herbeigeführter) Zeitdruck in der Branche. Und ganz ehrlich, manchmal habe ich mir auch gedacht: „Wenn ihr nur XY Euro für eine Übersetzung zahlt, dann bekommt ihr auch eine Übersetzung für XY Euro.“ Auch wenn mir mein beruflicher Stolz lautstark ins Gewissen geredet hat – hin und wieder erfolgreich.

Aber ich bin stolz auf meine Übersetzungen und halte manche davon für durchaus gelungen. Bücher zu übersetzen war sozusagen die realistischere Variante davon, die Leidenschaft für Bücher zum Beruf zu machen. An der unrealistischeren arbeite ich noch. Ich stecke immer noch mitten in der Überarbeitung der ersten Fassung meines ersten Romans. Die Illusion, damit Geld zu verdienen habe ich nicht (man beachte dazu Falko Löfflers wunderbar ehrlichen und toll geschriebenen Dekadenrückblick, der mich zu diesem hier inspirierte). Da ist das Übersetzen die realistischere Variante, wenn auch nicht mehr für lange. Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es noch Jahrzehnte dauern würde, bis wir Übersetzer von Computern ersetzt werden. Inzwischen bin ich überzeugt, dass die ersten Verlage schon daran arbeiten, Übersetzungen in Zukunft von Software wie DeepL machen und das Ergebnis nur noch von einem Lektorat überarbeiten zu lassen. Ganz gleich, ob die Programme schon so weit sind, oder das Ergebnis überhaupt halbwegs lesbar sein wird. Das ist die Illusion, die mir die professionelle Tätigkeit in der Branche ein wenig geraubt hat.

Ein Jahrzehnt, das ich mit Zweifeln beende, darüber, wie es beruflich weiter gehen soll. Aktuell arbeite ich sehr viel für das phantastische Onlinemagazin Tor Online von Fischer Tor (S. Fischer Verlag), verfasse zweimal wöchentlich eine Newszusammenfassung und schreibe Artikel zu Themen der Phantastik. Ab Januar wird noch ein weiterer Aufgabenbereich hinzukommen, was mir erstmal etwas mehr finanzielle Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mich weiter nach Möglichkeiten umsehen und mich auch weiterentwickeln, wenn ich in den nächsten Jahren wieder nach Berlin ziehen möchte. Und das möchte ich wirklich, da mir das Leben in dieser Stadt inzwischen sehr fehlt.

Ich kann sehr faul, aber auch sehr produktiv sein, wenn es um die Arbeit an eigenen fiktionalen Texten geht, aber mit dem zu Ende bringen hapert es häufig. „I bully myself ‚cause I make me do what I put my mind to“, rappt Eminem in Rap God. Das ist etwas, was ich besser trainieren muss. Mich selbst dazu antreiben, Dinge zu tun, die ich mir vorgenommen habe.

Die letzten Jahre in der Selbstständigkeit hat sich bei mir eine gewisse Routine eingeschlichen, die bequem ist, da sie mir immer wieder ausreichend Freizeit bescherte, was ich für den größten Luxus überhaupt halte, die mir aber irgendwie auch die Energie für gewisse Projekte stahl. Meine Knieverletzung Anfang 2019, mit zwei darauf folgenden Operationen und einer langwierigen Rehaphase, hat mich ein wenig aus dieser Routine geworfen, was ich trotz diverser Unannehmlichkeiten teilweise begrüßt habe. Zumindest was meinen Alltag betraf, ansonsten bin ich dadurch weniger verreist und unter Leute gekommen als normalerweise. Es hat mir aber auch gezeigt, wie gelassen und pragmatisch ich auf solche Unannehmlichkeiten und unbequeme Dinge reagieren kann, wenn ich sie schließlich angehe.

Es war ein lehrreiches Jahrzehnt, das mich in einige für mich ungewohnte Situationen gebracht hat. Allein in der Großstadt zu leben, in der Kinder- und Jugendhilfe zu arbeiten, im Kindergarten, dann den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und die Erkenntnis, dass dies das richtige Berufsmodell für mich ist. Im kommenden Jahrzehnt sollte ich mich auf diese Erkenntnisse und meine Stärken konzentrieren und diese besser und öfters nutzen. Und ich sollte wieder mehr Veränderungen in mein Leben lassen, denn durch diese bin ich in der Vergangenheit immer aufgeblüht. Obwohl ich den Gedanken an Veränderungen zunächst immer hasse.

Die Zehnerjahre waren auch eine Dekade des Bloggens. Translate or die ging 2011 an den Start. Ursprünglich als rein berufliche Internetpräsenz gedacht, wurde es mit der Zeit immer persönlicher und bot mir als introvertiertem und schüchternem Menschen die Möglichkeit, etwas mehr an die Öffentlichkeit zu gehen. 2019 ging die Zahl der Blogpost drastisch zurück, und irgendwie habe ich ein wenig die Lust daran verloren, aber schließen werde ich den Blog nicht. Vielleicht ist es nur eine Phase.

Es war auch ein Jahrzehnt, in dem ich den Kontakt zu einigen alten Freunden verloren habe, die mir doch sehr fehlen. Aber Lebensmodelle und -läufe entwickeln sich irgendwann auseinander und es reicht wohl auf Dauer nicht, sich krampfhaft an den Erinnerungen an die schöne gemeinsame Zeit festzuhalten. Doch es war auch ein Jahrzehnt, in dem neue Freundschaften entstanden sind. Ein Jahrzehnt, in dem ich erstmals Trauzeuge war.

Nostalgie ist Gift und hält uns davon ab, unbeschwert in die Zukunft zu gehen. Deshalb schließe ich den Dekadenrückblick hiermit ab, hadere nicht länger mit falschen Entscheidungen, trauere keinen verpassten Gelegenheiten nach und klammere mich nicht an schöne Erinnerungen. Trotz aller Zweifel und Sorgen möchte ich lieber erhobenen Hauptes mit intaktem Knie und voller Tatendrang ins neue Jahrzehnt schreiten.

30 (Fun) Facts aus meiner Zeit im Studentenwohnheim

1. Im Erdgeschoss gab es einen Waschraum mit Waschmaschinen und einen Tischtennisraum, die ich beide in meinen 6 Jahren dort nie betreten habe, und bis heute nicht weiß, wie sie ausgesehen haben.

2. Meinen Briefkasten habe ich alle 6 Monate einmal gelehrt, wenn das neue Semester begann. Habe nirgendwo meine Anschrift angegeben und nie etwas bestellt außer Pizza, die aber nicht durch den Briefkastenschlitz passte. Aufgrund der Türensituation am Eingang und auf den Etagen waren Lieferungen eine unpraktische Angelegenheit.

2.b Die Bewerbungsunterlagen auf eine Professur, für die ich in einer Berufungskommission saß, habe ich nur rechtzeitig entdeckt, weil der Briefkasten so voll (mit unerwünschter Werbung) war, dass sie halb herausgeragt haben. Irgendwo an der Uni muss ich wohl doch diese Anschrift angegeben haben.

3. Wenn du (nicht ich) Ärger mit einem georgischen Kampfhundbesitzer namens Georgi – der stolz Videos von Hundekämpfen zeigt – hast, kann es passieren, dass er dir vor die Zimmertür kackt (obwohl er direkt daneben wohnt). Der Besitzer, nicht der Hund (der blieb in Georgien zurück).

4. Eine Gaspistole aus nächster Nähe abgefeuert kann durchaus ein T-Shirt in Brand setzen. Wenn dir jemand den Schädel mit einer leeren Glasflasche einschlagen will, weil kein Bier mehr im Kühlschrank ist, bleiben einem aber nur wenig Alternativen. (Einem Mitbewohner passiert, attackiert von einem psychisch kranken Studenten aus dem Nachbarwohnheim, der gerade einen psychotischen Schub hatte).

5. Wenn du dich für eine Postdoc-Stelle bewirbst und die Frage aufkommt, ob es gegen Sie laufende Verfahren gibt, und es gerade eines gibt, weil du dich mit einer Gaspistole gegen einen Angreifer gewehrt hast, der eigentlich vor Gericht steht, ist das eher suboptimal.

6. Bei 20 Bewohnern auf einer Etage (mit 5 Gemeinschaftstoiletten) gibt es immer jemanden, für den die Benutzung der Klobürste ein Mysterium darstellt.

7. Wenn man beim gemeinschaftlichen Pizzabacken den neuen japanischen Mitbewohner fragt, ob er noch etwas essen möchte, sagt der so lange »Ja«, bis jemandem einfällt, dass es in Japan als unhöflich gilt »Nein« zu sagen und ein solches Angebot abzulehnen.

8. Lässt man die Etagentüren offen, weil die meisten Leute zu faul sind, für ihren Besuch selbige von Hand zu öffnen, fängt man sich Ungeziefer, Zeugen Jehovas und GEZ-Kontrolleure ein. Die Zeugen vor allem früh am Samstagmorgen.

9. Öffnet man die Zimmertür, weil jemand klopft (die Klingel haben die meisten abgeklemmt), sollte man immer erst den Fernseher oder das Radio ausmachen, denn es könnte der GEZ-Kontrolleur sein, den man dann des Hauses verweisen sollte.

10. In meinem 6 Jahren im Wohnheim hatte ich bewusst keinen Fernseher, außer zur Fußball-WM 2002, bei der ich aber das Halbfinal gegen Südkorea verpasst habe, weil ich zur gleichen Zeit ein Referat halten musste, das Ergebnis aber am Jubel aus dem Studentencafé nebenan verfolgen konnte.

11. Weil ich keinen Fernseher hatte, habe ich die ersten Bilder vom 11. September 2001 erst am 14. gesehen, als ich fürs Wochenende nach Hause fuhr. Während der Anschläge saß ich im Matheseminar, habe danach gepennt und erst abends in der Pizzeria was von Flugzeugen und Hochhäusern gehört.

12. Im Studentenwohnheim ist immer irgendwo Party. Außer am Wochenende, da fahren alle nach Hause, damit Mutti die Wäsche waschen kann und man was Richtiges zu Essen bekommt.

13. Wenn man einen Computermonitor (kein Flachbild) aus dem 7. Stock wirft, zerspringt der in tausend kleine Teile.

14. Schnippt man Kronkorken vom Balkon der 7. Etage sorgen diese in Verbindung mit der Gravitation zu Schmerzens- und Unmutsbekundungen der Getroffenen.

15. Möchte man samstagmorgens um 7.00 Uhr mit der Etage nach Amsterdam fahren, sollte sich nicht ausgerechnet eine der Fahrerinnen aus ihrem Zimmer aussperren.

15.b Mit 12 Leuten auszuklamüsern, wie man eine verschlossene Zimmertür aufbekommt, kann eine sehr spaßige Angelegenheit sein. Nur nicht für jene Mitbewohner, die nicht mitfahren und noch schlafen möchten.

16. Es gibt Menschen, die sich ihr Zimmer vollkommen schwarz streichen, inklusive der Steckdosen. Andere ziehen rot vor.

17. Toaster können schimmeln.

18. Es gibt Männer, die öffnen die Tür nur im Leopardentanga, wenn man sich die Wohnheimbohrmaschine leihen möchte. Ist man eine Frau, knallen sie die Tür zu und öffnen sie 30 Sekunden später im geschniegelten Anzug.

19. Nicht alle Bewohner eines Studentenwohnheims studieren wirklich. Und nicht alle Bewohner eines Studentenwohnheims wohnen dort wirklich.

20. Es gibt Menschen, die dort 10 Jahre gewohnt haben, ohne am Wochenende und in den Ferien »nach Hause« zu fahren.

21. Es gibt auch Menschen, die ihr 13 Quadratmeter großes Zimmer noch mit einer Spanplatte aufteilen, um sich dort eine Werkstatt einzurichten.

22. Ein Kühlschrank im Zimmer nicht weit vom Bett (und das ist praktisch überall im Zimmer) kann sehr praktisch sein, aber auch sehr laut.

23. Es gibt Menschen, die stellen die Herdplatte zum Vorheizen an und kommen erst 10 Minuten später mit einem Topf zurück.

24. Sitzt man zu lange zusammen in der Küche, kommt man auf die dümmsten Ideen. Wie zum Pizza Hut nach Köln zu fahren, und dann noch zum McDonalds am Frankfurter Flughafen, damit man den Flugzeugen während des Essens beim Starten zusehen kann. (Wer hat zu Beginn der Nullerjahre schon an seinen CO2-Ausstoß gedacht?)

25. Aus der Idee, den neuen Harry Potter stilecht in London zu kaufen, kann auch schon mal ein zehntägiger Wanderurlaub in Schottland werden. Statt »Harry Potter« habe ich mir aber »Snow Crash« von Neal Stephenson gekauft.

26. Sperrt man sich am Feiertag aus seinem Zimmer aus und hält sich für McGyver, der die Tür nur mit einem Draht öffnen kann, macht man sich beim Hausmeister nicht gerade beliebt, wenn der den abgebrochenen Draht mit einer Zange aus dem Schloss frimmeln muss.

27. Indische Mitbewohner freuen sich nicht immer über Besuch von Landsleuten, da es Brauch ist, solche Gäste stets zu bekochen. Was sich manche zu Nutze machen, um mit kostenfreier Verköstigung durch die Woche zu kommen.

28. Die Flaschen stehen nicht in der Flucht. (Nur für Insider).

29. Sich nur mal schnell was in der Küche zum Mittagessen zuzubereiten, bevor man kurz vor der Prüfungsphase zur Uni möchte, kann schon mal mit einer zwölfstündigen Uno-Runde enden.

30. Die Lektüre von Matt Ruffs „Fool on the Hill“ hat mein Studium um ein Semster verlängert.

Zwischenstandsmeldung vom Krankenbett

Na, ganz so schlimm ist es nicht. Aber ich bin Anfang Januar so heftig umgeknickt, dass ich mir einen großen Korbhenkelriss im Meniskus zugezogen habe. Die Knieoperation war vor zwei Wochen. Der Riss wurde genäht, dabei hat man festgestellt, dass die Kreuzbandplastik (zwei Schrauben plus eine Partellasehne), die ich vor 23 nach einem Kreuzbandriss beim Fußball erhalten habe, nicht mehr funktioniert und das Knie nicht mehr stabilisiert. Weshalb ich auch umgeknickt bin.

Die Schrauben hat man entfernt, und die Bohrlöcher mit Knochenmaterial aufgefüllt, das man mir am Beckenkamm entnommen hat (was eine große Narbe an der Hüfte mit sich brachte). Das muss jetzt sechs Monate hart werden und verwachsen, dann bekomme ich bei einer zweiten OP ein neues Kreuzband.

Mit Karneval kann ich ja nichts anfangen, aber mein Bein hat sich schon mal als das linke Bein von Frankensteins Kreatur verkleidet.

Die letzten zwei Wochen konnte ich nur auf Krücken mit einer Teilbelastung von 20 Kilogramm auf dem linken Bein laufen. Inzwischen geht es auch ohne Krücken mit Vollbelastung, aber nur mit einer Orthese, die das Bein in gestreckter Stellung hält, damit die Meniskusnaht nicht wieder reist. So werde ich noch mindestens vier weitere Wochen humpeln müssen, habe viel Physiotherapie, muss mehrmals täglich auf eine motorisierte Bewegungsschiene, die das Knie bis 90 Grad beugt, und kann nicht so lange am Schreibtisch sitzen. Weshalb ich mich erst mal nur um meinen Brotjob kümmere und den Blog weiter vernachlässigen werden.

Diese Knieorthese hält mein Bein in Streckstellung. Die muss ich mindestens 6 Wochen Tag und Nacht tragen, dann wird sie am Gelenk freigestellt, damit ich es bewegen kann. Tragen soll ich sie dann tagsüber bis zur nächsten Kreuzband-OP in fühestens sechs Monaten

Bei Gelegenheit werde ich noch etwas ausführlicher und unterhaltsamer von der OP berichten. Die ist übrigens gut verlaufen, ich hatte danach keine Schmerzen, und das Schlimmste war, eine Woche lange vorher jeden Tag eine Banane essen zu müssen, weil mein Kaliumwert etwas niedrig war.

Das Internet in Zeiten schwindender Demokratie

Das Netz wird restriktiver!

Eigentlich ein Paradox: Die Menge an Daten, Content, Videos, Podcasts, Blogs, Magazinen usw. im Internet steigt kontinuierlich, hat schon längst Ausmaße angenommen, die von uns gar nicht mehr fassbar sind, und doch wird das Internet immer restriktiver, enger und eingeschränkter.

Wie kann das sein?

Kürzlich hat Tumblr bekanntgegeben, dass man alles, was als pornografische oder sexuelle Inhalte gelten könnte („adult content“), ab dem 17. Dezember von der Plattform verbannen werde. Dazu gehört auch die sehr unglücklich gewählte Formulierung „Female-presenting nipples“, die stellvertretend für eine neue Prüderie und den schon immer dagewesenen verklemmten und abwertenden Umgang mit dem weiblichen Körper und der weiblichen Sexualität steht. In Großbritannien ist es seit einiger Zeit Verboten, Pornografie zu produzieren, die „female ejaculation“ enthält, während die Männer abspritzen dürfen, wie sie lustig sind.

Tumblr ist ein soziales Netzwerk, dass auf Bilder und kurze Videos spezialisiert ist, ähnlich wie Instagram, aber blogartiger. Anders, als die meisten anderen großen sozialen Netzwerke, ist man dort bisher sehr locker gewesen, was die Regeln für pornografische und sexuell freizügige Inhalte angeht. Teilweise auch zu locker. Jedenfalls ist dort eine Szene entstanden, rund um SexarbeiterInnen und KünstlerInnen, die ihre Arbeit und ihr Werk dort präsentiert und sich mit Gleichgesinnten vernetzt haben. Tumblr hat eine halbe Milliarde Nutzer, und ca. 20 Prozent davon sollen unter die oben geschilderten Kriterien fallen.

Salman Rushdie soll einmal gesagt haben, man könne den Zustand einer Demokratie an ihrem Umgang mit Pornografie erkennen. Man schaue sich nur undemokratische Länder wie Iran oder China an und welche Strafen dort auf die Verbreitung und den Besitz von Pornografie stehen. Die in Großbritannien ausufernde Überwachung durch Geheimdienste, CCTV und die Einschränkungen in der Nutzung des Internets gehen auch mit der Einführung eines absurden Verbotskatalog für Pornografie einher.

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Mein Kommentar zu den anstehenden Kongresswahlen in den USA

Als Donald Trump vor zwei Jahren zum Entsetzen der vernünftig denkenden Welt und jener, die nicht jegliche Empathie und ihren Verstand verloren haben, gewählt wurde, saß der Schock tief. Doch man gab die Hoffnung nicht auf und setzte von nun an auf die Midterm-Wahlen, die Kongresswahlen von 2018. Hier war man sich sicher, dass man den Republikaner, die das Land und die Demokratie aus feigem Opportunismus verraten hatten, in einem Aufbäumen der liberalen und demokratischen Kräfte der USA ihre Mehrheiten deutlich würde abringen können (hier meine spontanen Gedanken direkt nach der Wahl 2016).

Jetzt, wenige Tage vor den Wahlen, sieht die Lage gar nicht mehr so rosig aus. Die Mehrheit der Republikaner im Senat scheint nicht gefährdet zu sein, im Repräsentantenhaus sieht es etwas besser aus, aber auch nicht so gut, wie man es sich erhofft hatte. Was man zunächst noch als das Rückzugsgefecht des alten, wütenden weißen Mannes angesehen hatte, scheint sich viel mehr zu einem globalen Trend zu entwickeln. Der Populismus befindet sich auf dem Vormarsch, die Demokratie steht unter Beschuss, nicht nur in den USA, auch in Brasilien, Polen, Ungarn, Österreich, Italien und vielen weiteren Ländern.

Und aus Deutschland sieht man dem ganzen fassungslos zu und fragt sich, ob die ganze Welt verrückt geworden ist. Trump lügt jeden Tag mehrfach, ob auf Twitter oder bei seinen Wahlkampfreden, ganz unverhohlen. Von seinem anfänglichen Team im Weißen Haus und im Kabinett sind die meisten (oft noch halbwegs gemäßigten Personen) längst wieder verschwunden. Trump hetzt weiter gegen Minderheiten und gegen die Medien und hat damit eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt, die vergangene Woche ihren Höhepunkt in einem tödlichen Terroranschlag eines rechten Extremisten und Trump-Fans auf eine Synagoge in Pittsburgh fand, bei dem elf Menschen starben. Ein anderer Amerikaner hatte Paketbomben an die Clintons, Obamas und weitere Feindbilder Trumps verschickt.

Die amerikanische Gesellschaft, die nie eine einheitliche homogene Gruppe war, spaltet sich immer weiter in jene, die noch an Demokratie, Wissenschaft und Vernunft glauben, und jene die hemmungslos ihrer rechten, populistischen Ideologie frönen, in der es keinen Platz für Mitgefühl, Anstand und Werte gibt. Zwei Jahre nach Trumps Wahl befindet sich die Linke bzw. der noch demokratisch denkende Teil der USA weitestgehend immer noch in einer Mischung aus Schockstarre und Verleugnung. Noch immer glaubt man, dass man dem rechten Mob, von dem inzwischen auch die Republikanische Partei durchsetzt ist, mit Anstand begegnen und ihm die Hand reichen müsse. Während die Gegenseite darüber nur verächtlich lacht und ihnen vor die Füße spukt.

Die Demokraten haben immer noch nicht erkannt, dass dem rechten Phänomen vereint und entschlossen entgegentreten müssen. Stattdessen zerstreiten sich die gemäßigten und die linken Flügel der Partei und sabotieren sich gegenseitig so sehr, dass die Republikaner gar nicht mehr viel für die Wahl tun müssen.

Doch es gibt auch einige Lichtblicke, die vielleicht nicht für diese Wahl, aber für die Zukunft Hoffnung bringen können, wie die junge New Yorker Kongresskandidatin Alexandria Ocasio Cortez oder der texanische Senatskandidat Beto O’Rourke, der Ted Cruz gefährlich werden könnte. Diese junge linke Protestbewegung innerhalb der Demokratischen Partei steckt noch in ihren Kinderschuhen und wird vom etablierten Parteiapparat behindert, wo es nur geht. Was für die USA fatale Folgen haben könnte, sollte sich die trumpsche Herrschaft nach den Midterms weiter festigen. Denn dann könnte seine Präsidentschaft endgültig zu irreparablen Schäden bei den demokratischen Institutionen der Vereinigten Staaten führen, von der Umwelt und den internationalen Beziehungen und den Lebensbedingungen der in den USA lebenden Minderheiten und Frauen (Stichwort: Abtreibung) ganz zu schweigen.

Noch haben die Demokraten keine Antwort auf den krawalligen Populismus Trumps gefunden, der nun auch bei den Kongresswahlen Einzug hält. Zu gehemmt und anständig, zu bieder und mit altbackenen Mitteln gehen sie in einen ungleichen Wahlkampf, der nicht zu gewinnen ist, wenn man an Zivilität und den alten Werten festhält, die man nur bewahren kann, wenn man diese Wahl gewinnt. Moderat sein, sich versöhnlich geben, das reicht inzwischen nicht mehr aus. Dann ist man zwar sich und seinen Werten treu geblieben, aber auch untergegangen. Auf die neue Welle des Populismus, dem kategorischen Leugnen von Fakten und den schamlosen Diffamierungen des Gegners muss man neue Antworten finden, neue Strategien entwickeln und sich, so schwer es auch fällt, dem Feind anpassen. Die moderaten Republikaner haben ihre konservativen Wert schon längst verraten, wer einst noch gegen Trump stand, küsst ihm jetzt die Füße oder hat sich aus der Politik zurückgezogen.

Ich hoffe übrigens sehr, dass ich mit diesem Text völlig falsch liege.

Nunca Mais! Meine Gedanken zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

2006 reiste ich im Rahmen meines Studiums für neun Wochen nach Brasilien, um dort ein Fotoprojekt mit Kindern in einer Favela durchzuführen. Vom ersten Abend an erlebte ich eine gastfreundliche, offene und vielfältige Gesellschaft. Zu unseren Gastgebern gehörten eine ehemalige Bildungsministerin, die uns in ihrer Penthousewohnung einquartierte; ein junger Computerexperte aus der unteren Mittelschicht, der uns in seinem winzigen Zweizimmerappartement aufnahm; eine Großfamilie, die gerade ihr eigenes Haus in einem Neubaugebiet gebaut hatte und uns für sechs Wochen praktisch adoptierte; und ganz einfache Menschen aus der Favela, die uns zu sich zum Essen eingeladen haben, mit denen wir zusammen gekocht, Fußball und Tischtennis gespielt, demonstriert und gelacht haben.

2006 befand sich Präsident Lula da Silva in seinem dritten Amtsjahr, die Wirtschaft boomte und Brasilien entwickelte sich zu einer prosperierenden Demokratie, in der auch Menschen aus ärmeren Schichten Aufstiegschancen hatten. Natürlich herrschte noch Gewalt, vor allem durch Drogenkriminalität, Korruption, Mauscheleien, Kinderprostitution und Diskriminierung der Armen und Schwarzen. Aber das Land befand sich auf dem richtigen Weg, Lula hatte es geschafft, dass nicht mehr nur die Reichen vom steigenden Wohlstand der Nation profitierten. Ich erlebte ein Land voller Lebensfreude, in dem Optimismus und Aufbruchstimmung herrschten. Ordem e Progesso – aber mit Samba im Blut.

Der Sportplatz von Parque Oziel in Campinas, Brasilien im Jahr 2006

Am Sonntag hat Brasilien einen zukünftigen Diktator gewählt, der aus seinem Faschismus keinen Hehl macht, gegen Minderheiten hetzt, die Natur ausbeuten möchte, indigene Völker vertreiben, einen radikalen Marktliberalismus predigt und von der Militärdiktatur und ihren Folterern schwärmt, die seiner Meinung nach mehr Menschen hätte töten sollen, und nicht nur foltern.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Wirtschaft kriselt schon seit Jahren in Brasilien, Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff fehlte das Charisma ihres Vorgängers und sie wurde von einer korrupten Elite aus dem Amt geputscht, die Korruption nahm überhand, die Mittelschicht stürzte wirtschaftlich wieder ab und den Armen fehlt der gemäßigte Hoffnungsträger. Schon 2006 hatten die Pfingstkirchen, die eine gefährliche Lücke geschlossen haben – die nach dem Abzug der Franziskaner- und Benediktinerorden durch den Vatikan klaffte -, einen enormen Einfluss in den Favelas, und die unterstützen jetzt den Faschisten Jair Bolsonaro, der keiner der korrupten großen Parteien angehört und somit zur populistischen Protestfigur wie Donald Trump wurde.

Die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, in Ungarn und Polen sind autokratische Regierungen an der Macht, in Italien und Österreich sitzten Rechtsradikale im Kabinett, Russland, Türkei, Kambodscha, Nicaragua und Venezuela sind wieder in die Diktatur abgeglitten, auf den Philippinen hetzt Präsident Duterte Todesschwadron auf Drogenabhänge. Totalitäre Herrscher wie Putin oder Mohammed bin Salman lassen ganz offen Kritiker in anderen Ländern von Killerkommandos ermorden, ohne dass es für sie wirkliche Konsequenzen hat.

Fällt Brasilien, sehe ich ganz Lateinamerika auf der Kippe stehen. Dann könnten wir endgültig in die düsteren Zeiten der Militärdiktaturen abgleiten, die den Kontinent über Jahrzehnte blutig beherrschten. Und ich mache mir große Sorgen um meine brasilianischen Freunde.

Die Folgen für Brasilien

Schon vor der Wahl stürmte die Militärpolizei Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen und beschlagnahmte Material über die Militärdiktatur. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten und Jahren folgen dürfte. Leider ist es Brasilien nie gelungen, die sogenannten »Bleiernen Jahre«, die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufzuarbeiten – sowohl gesellschaftlich als auch juristisch. Letzteres wurde durch ein Amnestiegesetz von 1979 verhindert, das also noch während der Diktatur entstanden ist. Und auch gesellschaftlich lief es eher schleppend voran. Unter der glücklosen Präsidentin Dilma Rousseff, die selbst während der Diktatur gefoltert worden war, wurden zwar Wahrheitskommissionen eingerichtet, mit deren Ergebnis die Opfer von damals aber sehr unzufrieden waren und sie eher als Farce betrachten.

Und jetzt ist ein Präsident gewählt worden, der Carlos Alberto Brilhante Ustra, den ehemaligen Leiter des gefürchtetsten Folterzentrums verherrlicht. Der sich stolz als homophob bezeichnet, den Regenwald rücksichtslos abholzen, und damit die noch verbliebenen indigenen Völker vertreiben und ausrotten möchte, die man schon während der Militärdiktatur in Straflager gesteckt hatte und die auch in demokratischen Zeiten ermordet werden.

Schon während des Wahlkampfes stiegen die Gewalttaten gegen homo- und transsexuelle Menschen an, aber auch gegen öffentlich agierende Anhänger und Wahlkämpfer des anderen Präsidentschaftskandidaten Haddad. Aus unserer deutschen Geschichte wissen wir, dass die Diktatur, auch wenn sie demokratisch initiiert wurde, mit Gewalt auf den Straßen beginnt. Zunächst noch eine brutale, gesetzlose Schlägertruppe, wurde die SA Himmlers nach der Wahl durch das neu Regime legitimiert. Übergriffe und Gewalt, die vom Staat und seinen Organen ausgeht, werden der nächste Schritt sein.

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren fühlen sich Angehörige von Minderheiten wieder unsicher und fremd im eigenen Land. Und da es Brasilien Bedrohungen von außen mangelt, werden sie vermutlich auch nach Ende des Wahlkampfes dem neuen Präsidenten weiterhin Zielscheibe dienen, so wie es Trump in den USA vorgemacht hat. Mit Lügen, die während des Wahlkampfes massiv über WhatsApp verbreitet wurden. Das Internet und die sozialen Medien entwickeln sich immer stärker zum Wegbereiter antidemokratischer Kräfte.

Hätte Lula zur Wahl gestanden, wäre es vermutlich anders ausgegangen. Ob etwas an den Korruptionsvorwürfen dran ist, wegen denen er jetzt im Gefängnis sitzt, mag ich nicht zu beurteilen. Verhindert hat seine Kandidatur der Richter Sergio Moro, der gut mit Bolsonora befreundet ist und von ihm zum Dank jetzt als Justizminister ernannt werden soll.

Traurige Tropen.

Zeit der Verantwortungslosen – der Rückgratlosen

Vorweg: Das hier ist kein sachlicher Artikel, der Wert auf Ausgewogenheit legt, sondern ein Rant, also ein kritischer Meinungsbeitrag, der meine Stimmung der letzten Zeit wiedergibt.

Nachdem ein rechter Mob, durch Lügenmeldungen aufgehetzt, aus dem ultrarechten Hooliganumfeld des Chemnitzer FC organisiert, in einer deutschen Großstadt Hetzjagd auf alles machte, was nicht nach deren verqueren Vorstellungen eines Deutschen entsprach, und die Polizei überfordert und hilflos (von ihrer Führung im Stich gelassen) zusah, wie Hitlergrüße vor laufender Kamera getätigt wurden, hieß es von den Verantwortlichen, so etwas dürfe nicht noch einmal passieren.

Am nächsten Tag passierte es dann wieder. Der Bundesinnenminister, der sonst die Klappe nicht halten kann, hüllt sich in Schweigen, die Verantwortlichen in Sachsen lavieren herum, der Ministerpräsident macht sich Sorgen um den Ruf seines Freistaats und relativiert das Ganze zu einem Marketingproblem.

Zur gleichen Zeit geben der Bundestrainer Joachim Löw, der sich auch zwei Monate lang in Schweigen hüllte, und sein Marketingmanager Oliver Bierhoff – nach dem Debakel bei der Fußball-WM in Russland – eine Pressekonferenz, auf der man die Ergebnisse der zweimonatigen tiefen Problemanalyse präsentieren und die deutsche Nationalmannschaft (die zukünftige ehemalige Die Mannschaft) in Zukunft führen möchte. Fazit: Ja, ja, gab Probleme mit der Defensive, zu viel Ballbesitzfußball, ein paar weniger wichtige Pöstchen werden verschoben, die Mannschaft bleibt aber größtenteils die gleiche. Also weiter wie bisher, nur so viel beschwichtigen wie gerade nötig.

Einige Wochen zuvor hatte der oben schon erwähnte Bundesinnenmimiminister die Regierung in ihr erste große Krise gestürzt, weil er gegen jede Vernunft seinen narzistischen, bayrischen Sturkopf durchsetzen wollte. Was ihm nicht gelang, er aber trotzdem so tut als ob.

Was allen gemein ist: Keiner war in der Lage und/oder willens Verantwortung für die eigenen Fehler zu übernehmen, die Konsequenzen zu ziehen und zurückzutreten. Lieber schiebt man die Verantwortung auf andere ab, laviert weiter herum und hofft, dass bald Gras über die Sache gewachsen ist, damit man so weiter machen kann wie bisher, ganz im Dienste der eigenen Karriere.

Ein Verhalten, das in den letzten Jahren besonders kultiviert wurde. Oder hat irgendjemand die Verantwortung für das Desaster des vermurksten BER-Flughafenbaus übernommen, der uns Steuerzahler Milliarden kostet, ohne, dass irgendetwas Sinnvolles dabei rauskommt? Weitere der zahllosen Beispiele kann hier jeder selbst gedanklich einpflegen.

Nach einer kurzen Phase, in der Minister und Bundespräsidenten wegen irgendwelchen Nichtigkeiten zurückgetreten sind, ist eine entstanden, in der niemand mehr bereit ist, die politische Verantwortung zu übernehmen, für das, was in den ihm/ihr zuständigen Bereich falsch gelaufen ist. Eine Kultur, die auch durch den Aufstieg von Donald Trump begünstigt wurde, der ungeniert jeden Tag unzählige Lügen auf Twitter von sich geben kann, ohne dass sich noch groß jemand darüber aufregt. Wenn der das kann, warum nicht auch ich, mag sich manch einer denken.

In der Regel sucht man sich ein paar Bauernopfer, die etwas tiefer in der Hierarchie stehen, von der ursprünglichen Trump-Administration sind nur noch wenige übrig und bei VW hat man ein paar einfache Manager zum Sündenbock erkoren. Lügen und Intrigen gab es in Politik und Wirtschaft schon immer, aber noch nie ließ sich die Öffentlichkeit so einfach und offensichtlich verarschen.

Und wenn man jetzt glaubt, jene Pegida-Demonstranten und AFD-Wähler und -Politiker, die würden doch aufstehen und sich das nicht länger bieten lassen, der sollte sich das Wirken dieser Demagogen mal genauer anschauen, die unter dem Deckmantel des Protests und des besorgten Bürgers in erster Linie Hass säen und gegen andere hetzen, die sich nicht wehren können, die mit den eigentlichen Problemen im Land aber nichts zu tun haben: Flüchtlinge und andere Ausländer. Und wer sich gegen Faschismus engagiert, gilt inzwischen schon selbst als Faschist. Eine perverse, verquere Logik, der man mit Sachlichkeit, Vernunft und Fakten nicht mehr beikommen kann.

Das sind Nazis, die hier den Aufstand gegen einen Staat proben, der darauf völlig hilflos reagiert und jenen Hetzern lieber noch in die Hände spielt und sich deren Methoden und Ideologien annähert (man denke nur an das Polizeiaufgabengesetz in Bayern, das sich schon sehr weit vom Grundgesetz entfernt). Es sind Nazis, die die freiheitlich demokratischen Werte unseres Landes mit Füßen treten.

Und diese Hetze fällt auf fruchtbaren Boden und nistet sich parasitär in der Mitte der Gesellschaft ein, die schmierigen Tentakel immer weiter ausstreckend. Solche hässlichen Gewaltausbrüche wie in Chemnitz gehören da noch zu den harmloseren Auswüchsen, bedenklich wird es, wenn selbst die Medien, wenn Zeitungen, TV-Sendungen und andere Presseorgane solche Gewalttaten verharmlosen und relativieren, wenn sie die Gewaltursachen bei anderen suchen und Gegendemonstranten, die für unsere Demokratie eintreten, als Linke (Extremisten) darstellen. Und damit meine ich nicht das widerliche Hetzblatt, deren oberster Brandstifter sich dann im Nachhinein über das ganze Wasser beschwert, mit dem man versucht, die schlimmsten Brandschäden zu verhindern. Es reichelt wieder in Deutschland.

Deutschland hat nicht nur ein Naziproblem, sondern auch eines mit der Haltung. Denn genau dort, wo jene sitzen, die diesem Naziproblem entschieden entgegentreten könnten, sitzen rückgratlose Opportunisten, die nicht nur – aus welchen Gründen auch immer – auf dem rechten Auge blind sind, sondern generell nicht Willens, für eigenen Fehler geradezustehen und hässlichen Problemen gegenüber mit Haltung aufzutreten. Mehr als hohle Phrasendrescherei scheint von der politischen Debattenkultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht übrig geblieben zu sein.

Bleibt zu hoffen, dass sich die demokratische Zivilgesellschaft als standhaft und wehrhaft erweist, um solchen Entwicklungen an der Basis Einhalt zu gebieten. Die Zeit für Samthandschuhe gegenüber jenen, die unsere Demokratie und unsere freiheitliche Gesellschaft zerstören wollen, ist vorbei. Ganz gleich, ob sie für rechtsextreme Parteien in Parlamenten sitzen, diese wählen, mit gewaltbereiten Mobs marschieren oder in den Etagen großer Wirtschaftsunternehmen sitzen.

Unsere demokratische, liberale Gesellschaft, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten genießen konnten, ist nur durch konsequentes Handeln und Haltung zu retten, nicht durch Schweigen, Relativieren und Herumlavieren.

Hass ist keine Haltung. Über Jahrzehnte schwelten Hass und Rassismus unter der Oberfläche, man äußerte das aber nur unter vorgehaltener Hand. Inzwischen trauen sich immer mehr mit ihrem Hass und Rassismus, gar mit ihrem Nazitum, an die Öffentlichkeit. Diese Hetzer und Verblendeten müssen wieder spüren, dass Hass keine Meinung ist, dass Rassismus geächtet wird, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass einem niemand widerspricht. Wir müssen dieses Land wieder unbequem für jene machen, die nicht bereit sind, sich in eine demokratische, liberale Gesellschaft zu integrieren, die sich dem Grundgesetz und der Toleranz verschrieben hat; wir müssen es unbequem machen, für jene, die die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, die in mühsamen und aufreibenden Kampf erstritten wurden, wieder zerstören wollen. Null Toleranz für die Intoleranten, für jene, die von Heimat blöken, ohne zu verstehen, dass ihre Wurzeln nur in einem Boden gedeihen können, der frei, reichhaltig und vielfältig ist.

Der erste Tag auf der Lower East Side (New York 1 von X)

Die Lower East Side

New York riecht ganz eigen. Nach acht Stunden in einer fliegenden Sardinnenbüchse, sowie einer Stunde in einer heißen und verschwitzten Schlange an der Grenzkontrolle (eine gute Überbrückung der Wartezeit aufs Gepäck, nur leider ohne Toilette) und einer Taxifahrt mit einem redseligen und sympathischen Ägypter, steige ich aus auf den heißen Asphalt der Lower East Side und bemerke als Erstes diesen eigentümlichen Geruch, der mir in dieser Mischung noch nie begegnet ist (einzig São Paulo roch relativ ähnlich).

Sind dies die olfaktorischen Impressionen einer Stadt, die niemals schläft, oder einer Stadt, die niemals duscht? Nicht so unangenehm, wie die gelegentlichen unverkennbaren Ausdünstungen der Kanalisation, die hier und da einem gammligen Gespenst gleich durch die Luft wabern. Aber auch nicht so angenehm, wie Asphalt nach einem Sommerregen, oder die Gewürzabteilung eines Wochenmarkts in Chinatown.

The Big Apple, Melting Pot oder Salad Bowl, ehemals New Amsterdam und Manna-hata (wie es bei den Algonkin hieß), das Tor zur Welt, wo einst alle Einwanderer über Ellis Island eingeschleust wurden. „Concrete jungles where dreams are made of“. Aufgewachsen mit Serien wie Hill Street Blues und NYPD, mit Filmen wie Manhattan, Frühstück bei Tiffany’s, Mean Streats und In den Straßen von Brooklyn, träume ich schon von klein auf, einmal die große liberale Metropole zu besuchen, in der Hip-Hop und Punk erfunden wurden und Steve Buscemi in so manchem Schlamassel landete. Dreißig Jahre und einen Abschluss in Nordamerikastudien sollte es dauern, bis ich endlich das Land meiner Träume betrat.

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Wir tanzen in den Ruinen unserer Jugend – ein Rant über mich und meine Generation

Wir tauchen hinab zu den Ruinen unserer Vergangenheit, unter einer dicken Taucherglocke, deren Sichtfenster uns dank Augmented Reality nur das zeigt, was wir sehen wollen: Eine romantisierte Illusion unsere Jugendjahre, die alles Negative ausblendet, so zuckersüß, dass wir in ihr kleben bleiben und im Zuckerrausch gar nicht merken, wie wir nicht nur den Blick für die Zukunft verlieren, sondern auch die Gegenwart nur noch verzerrt wahrnehmen.

Die 80er-Jahre liegen voll im Retrotrend, nicht nur in der Popkultur, wo Serien wie Stranger Things und Bücher/Filme wie Ready Player One die Nerdkultur dieser Dekade bis zum Exzess zelebrieren und zum neuen Goldenen Kalb stilisieren. Auch in der Politik: In Nicaraguar wird ein ehemaliger Rebell, der einst gegen eine brutale Diktatur kämpfte, selbst zum brutalen Diktator; Polen und Ungarn kehren zu autokratischen Regierungsformen zurück, ebenso wie Russland und die Türkei. In Deutschland sitzen wieder Nazis im Parlament, in Österreich und Italien sogar in der Regierung, während sich Großbritannien selbst zerfleischt und die Welt buchstäblich in Flammen steht.

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