„Here“ von Alicia Keys

Hier gibt es mehr zu meinem Musikgeschmack, damit man diese Besprechung besser im Kontext dazu einordnen kann (nicht, dass ich Ahnung von Musik hätte 😉 ).

Die Musik von Alicia Keys kenne ich schon seit ihrem ersten großen Hit Fallin (aus dem 2001er-Album Songs in A Minor), den ich vor allem aufgrund ihrer stimmlichen Qualitäten mag. So richtig vom Hocker gehauen, haben mich ihre, für meinen Geschmack, zu poppig und glatt produzierten Liedern allerdings nicht. Zumindest nicht ausreichend genug, um mir eines ihrer Alben zu kaufen.

Das änderte sich erst mit ihrem aktuellen Album Here. Wirklich aufmerksam darauf geworden bin ich durch ihre Ankündigung, kein Make-Up mehr tragen zu wollen und den dazugehörigen Fotos und Videos, in denen sie eine ungekünstelte Lebensfreude und ein authentisch wirkendes Selbstbewusstsein ausstrahlt. Hat als PR-Maßnahme also super funktioniert, wirkte auf mich aber trotzdem ehrlich. Ich mag es sehr, wenn Menschen so auftreten, wie sie sich am wohlsten fühlen.

Und so wirkt auch die Musik des Albums bei den meisten Songs, auch wenn einige immer noch ziemlich glatt und poppig produziert sind (die Live-Versionen, die ich hier im Beitrag poste, bieten interessante Variationen zu den Albumversionen). Den Auftakt macht das kraftvolle, schnelle und kompakte Hip-Hop-artige The Gospel über die Herkunft aus einfachen, sozial schwierigen Verhältnissen (Where all god’s children, products of the ghetto. Mama cooked the soup. Daddy did the yelling. Uncle was drunk. Cousin was a fellon), und zeigt direkt den kritischen Ton, der das ganze Album durchzieht. Doch Gospel kommt von good spell, dem Verkünden der frohen Botschaft oder zumindest einer positiven Erzählung, was bedeutet, dass das Album zwar kritisch aber durchaus hoffnungsvoll daherkommt.

Das Thema wird noch vor The Gospel im Intro The Beginning gesetzt, wenn Keys sagt, sie sei history on a turntable, Nina Simone in the park in Harlem in the dark und I’m the musical to the project fables. Es ist nicht Alicia Keys, die diese Worte sagt, sondern die Ich-Erzählerin von The Gospel. Eine von mehreren Rollen, die Keys im Laufe des Albums einnehmen wird. Die Rolle von (vermutlich meist) afroamerikanischen Frauen, die in schwierigen Verhältnissen in New York leben (siehe auch Illusion of Bliss).

Pawn It All kommt mit seinem Chorus viel klassischer daher und stellt die Frage, was man alles bereit wäre herzugeben, um noch einmal von vorne anzufangen. Sehr eingängig, mit toller Stimme gesungen, die immer wieder auf und ab geht.

Eines meiner Lieblingsstücke auf dem Album ist Kill Your Mama . Ein klassischer Folk-Protestsong nur mit schrammelnder Akkustikgittare, knapp zwei Minuten lang, aber energiegeladen, darüber, was wir Mutter Natur antun, in unserer Gier nach Geld und Macht. Hat einen starken Refrain mit Ohrwurmcharakter. Hier im Video (geht bei 2:00min los) hört man eine Version mit klassischen brasilianischen Klängen, wobei mir die rohe Akkustikgitarre aber besser gefällt (ist auf dem Album auch härter gesungen).

She Don’t Really Care / 1 Luv ist eine Art Doppelsong über unterschiedliche Herkunft, holprige Biografien, schlechte Entscheidungen und das Loslassen. Musikalisch für mich einer der schwächeren Beiträge auf dem Album, im ersten Teil aber immerhin schön lässig und eine Abwechslung zu den bisher kraftvollen, angespannten Liedern. Tröpfelt im Übergang der beiden Songs aber ein wenig zu träge vor sich hin.

Mein absolutes Lieblingslied von Alicia Keys ist Illusion of Bliss, meiner Meinung nach auch ihr bestes. Eine wilde Tour de Force über eine junge Suchtkranke, auf der Keys die volle Bandbreite und Vielfältigkeit ihrer Stimme ausreizt. Bottomless Kiss ist eine tolle Metapher. Die gegen Ende im Hintergrund erklingenden Sirenen deuten an, dass es sich um den dramatischen Weg von den Ursachen über den Kontrollverlust bis zum Schuss und dem endgültigen Absturz handelt.

In Blended Family widmet sich Alicia Keys ihrer Lebenssituation in einer Patchworkfamilie mit Kindern aus vorangegangenen Beziehungen (des Mannes). Gefällt mir trotz des leicht kitschigen Textes sehr gut, bis die Rapeinlage von ASAP Rocky die Stimmung und die Harmonie zerschießt (fehlt unten in der Liveversion), aber so ist das bei Patchworkfamilien wohl gelegentlich. Der bisher fröhlichste Song des Albums, der wunderbar lässig mit einem schönen Akkustikgitarrenriff daherkommt.

Work on it kommt mir trotz des eingängigen Rhythmus und des Hintergrundchorus ein wenig zu kitschig und seicht daher, mit der Botschaft, Beziehungen seien schwierig und man müsse ständig daran arbeiten. Scheint auch eine Liebeserklärung an ihren Mann zu sein.

Girl Can’t be herself beginnt mit einem poppigen Refrain, der mich schon fast dazu gebracht hätte, zum nächsten Song zu springen, geht dann aber in einen starken Vers mit tollem Rhythmus über, der schon fast was von Calypso oder Reggae hat und dessen Gesang eine Tonlage tiefer liegt. Ein sehr feministisches Lied über die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen. Doch wo ich „feministisch“ schreibe, müsste eigentlich „selbstverständlich“ stehen.

Den Gute-Laune-Song bietet dann More Than We Know über Möglichkeiten und mögliche Unmöglichkeiten, stark gesungen, wenn auch etwas zu klassisch strukturiert.

Ziemlich langweilig fand ich Where do we begin, textlich wie musikalisch.

Viel cleverer ist da Holy War über die verdrehten Ansichten der amerikanischen Gesellschaft über Waffen, Krieg und Sex. Mancher mag es naiv nennen, für mich aber ein kraftvolles Lied über das Überwinden von Grenzen und festgefahrenen Ansichten. Keys Stimme klingt hier wunderbar rau.

Hallelujah bietet kurz vor Ende des Albums noch eine kraftvolle Ballade, die für mich der perfekte Abschluss des Albums gewesen wäre. Sehr klavierlastig im Vergleich zu den meisten anderen Songs und damit näher dran, an Keys bisherigen Alben, aber trotzdem sehr stark.

Den Abschluss bildet dann das mir viel zu poppige mit einfachen Beats und Synthieklängen minimalistisch inszeniert, stimmlich sehr flach gehalten, doch textlich ganz nette In Common. If you could Love somebody like me, you must be messed up to.

In den Interviews zum Album sagte Keys, sie wolle sich nicht länger verstecken, hinter Make-Up, Outfits, geglättetem Haar oder einem konstruierten Image. Das merkt man dem Album mit seinen kritischen Texten und der klaren Sprache (wie der mehrfachen Verwendung des Worts fuck) deutlich an. Eingebettet sind die Songs in kleine Zwischenspiele, die aus Dialogfetzen bestehen und das ganze in einen narrativen Rahmen kleiden. Das Album wirkt erwachsener, selbstbewusster und zügelloser. Wobei ich mir gewünscht hätte, dass Keys noch mehr von den üblichen Popstandards in der Produktion abweichen würde. Für einen kompletten Neuanfang ist das dann doch zu wenig, bzw. in der Gesamtheit noch nicht ganz stimmig.

Beim erstmaligen Hören haben mir nur drei, vier Lieder gefallen, doch nachdem ich mich ausführlich mit allen Songs beschäftigt habe, mag ich fast alle auf die ein oder andere Weise (mit Einschränkungen). Was mich selbst überrascht, dachte ich doch, das würde eines jener Alben, die man wegen zwei tollen Liedern kauft und dann im Regal verstauben lässt.

Here ist eine starke Hommage an die moderne, starke, selbstbewusste und intelligente schwarze Frau: alleinerziehend, in Patch-Workfamilien, mit Sucht kämpfend, gegen Rassismus, überzogene Erwartungen und eine Gesellschaft, die sich über Äußerlichkeiten definiert.

Müsste ich die Thematik des Albums in einem Wort zusammenfassen, es wäre Empowerment.

Passend zum Thema gibt es zum Schluss noch einen kleinen Lesetipp: Rabbit: A Memoir von Patricia Williams, die mithilfe der Autorin Jeannine Amber aus ihrer Kindheit im Ghetto erzählt, wie sie mit dreizehn das erste Mal Mutter wird, mit fünfzehn das zweite Mal und mit sechzehn dann Crack vertickt, um die Kinder ernähren zu können. Von der Mutter, die sie zum Klauen schickt und mit einer Pistole auf sie schießt; dem Großvater, der eine illegale Bar im Wohnhaus betreibt; und den anderen Verwandten, die alle kriminell sind. Und davon, wie sie es aus diesen Verhältnissen rausgeschafft hat.

Was macht für mich einen guten Science-Fiction-Roman aus?

Ein befreundeter Science-Fiction-Autor fragte in kleinem Kreis, was für uns einen guten SF-Roman ausmache. Was es an Zutaten bräuchte, dass uns ein SF-Roman besonders ansprechen würde. Welche Erwartungen wir hätten. Meine Antwort ist etwas länger geworden, und so habe ich einen Blogeintrag daraus gemacht.

Ich glaube nicht, dass ich die Frage zur Zufriedenheit des Fragestellers beantworten kann. Mir kommt es in erster Linie nicht auf die inhaltlichen Elemente an, sondern vor allem darauf, wie die Geschichte erzählt wird. Und das kann ich am Besten nur anhand von Beispielen erklären. Indem ich darauf eingehe, was mir an meinen Lieblings-SF-Büchern so gefällt.

Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger

Zeitreisen sind eigentlich ein ausgelutschtes Thema, aber Niffenegger schafft es trotzdem, daraus eine originelle und bewegende Geschichte zu machen. Der Protagonist leidet an einem Gendefekt, der ihn vorübergehend und unangekündigt in der Zeit zurückreisen lässt, wo er immer wieder derselben Frau (zunächst ist sie noch ein Mädchen) begegnet, aber eben in unterschiedlichen Jahren und nicht in chronologischer Reihenfolge. Später heiraten sie und es kommt zu dramatischen Entwicklungen. Das alles wird unheimlich bewegend und anrührend geschildert. Und genau das, macht es für mich zu einem besonderen Buch, die Grundidee mit den Zeitsprüngen ist originell und ansprechend, die hat mich das Buch kaufen lassen, aber erobert hat es mit über Emotionen, die für mich auch maßgeblich über den Stil transportiert werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist Blumen für Algernorn von Daniel Keyes (Spoiler in diesem Absatz). Da geht es um einen Ich-Erzähler (Charly) von verminderter Intelligenz, was sich durch die vielen Rechtschreibfehler und die einfache Sprache zeigt. Der nimmt dann an einem Experiment teil, durch das seine Intelligenz immer weiter ansteigt, gleichzeitig werden seine Rechtschreibfehler weniger, die Sätze werden länger und komplexer, ebenso seine Gedanken. Der emotionale Dreh kommt, als sich bei der Maus (Algernorn), an der das Experiment zuerst getestet wurde, Anzeichen bemerkbar machen, dass die Intelligenz wieder zurückgeht. Wodurch Charly, inzwischen hochintelligent, weiß, dass er wieder »dümmer« wird, die Tragik dieses Prozesses kündigt sich durch seinen Schreibstil an.

Ein weiteres meiner Lieblingsbücher ist Bedenke Phlebas von Iain Banks, eine rasante und actionreiche Space Opera, deren Besonderheit im von Banks erschaffenen Kultur-Universum liegt, wo künstliche Intelligenzen im Prinzip alles übernommen haben und das Leben der Menschen und anderer Wesen sanft steuert (siehe diesen Artikel über den revolutionären Optimismus im Kultur-Universum). Dazu kommen einfach sympathische und coole Figuren sowie ein gewisser Sense of Wonder, der mir bei Weltraum SF wichtig ist. Ideen, die ich so woanders noch nicht gelesen habe. Was nicht heißt, dass sie neu sein müssen, da ich ja nicht alle existierenden SF-Geschichten gelesen habe. Aber sie sollten zumindest so selten sein, dass sie mir eben noch nicht in dieser Form begegnet sind.

In Robert Charles Wilsons Spin (hier meine Besprechung) beobachten drei Kinder ein faszinierendes und weltbewegendes Ereignis: eines Nachts verschwinden die Sterne. Das ist die Ausgangslage des Romans, doch erzählt wird die Geschichte über die massiven gesellschaftlichen Auswirkungen und Hintergründe dieses Ereignisses anhand der Biografie dieser drei Kinder. Wilson präsentiert die faszinierende Idee nicht mit dem Holzhammer, sonder bettet sie in eine bewegende Familiengeschichte ein. Und genau das macht den Roman für mich so besonders.

Aber gutes Buch heißt ja nicht gleichzeitig auch Lieblingsbuch. Es gibt auch Bücher, die ich für gut halte, obwohl sie mir persönlich aus unterschiedlichen Gründen nicht gefallen haben, oder die ich eben nur als gut bezeichne, ohne dass dabei meine Augen vor Begeisterung leuchten.

Ben Bovas Mars behandelt zum Beispiel auf faszinierende, realistische und nachvollziehbare Art den Versuch einer Marsbesiedelung. Das hat mich thematisch angesprochen, weil ich eben von der Raumfahrt und der dahintersteckenden Wissenschaft fasziniert bin. Stilistisch ist routiniert erzählt, hat mich aber jetzt keine Luftsprünge machen lassen. Dafür verleiht Bova aber seinen Figuren durch Flashbacks einiges an Persönlichkeit, die sie für mich interessant und lebendig machen.

Themen und Zutaten können ein Grund sein, warum ich mir ein Buch genauer ansehe, ein Grund, es mir zu kaufen. Aber um mich so richtig für sich gewinnen zu können, muss mir das Buch Figuren mit Tiefe bieten, muss originell und/oder mitreißend erzählt werden, muss Emotionen transportieren. Deshalb gefallen mir zum Beispiel Heftromane nicht, die oft (zumindest in den Beispielen, die ich gelesen habe) ganz auf die Handlung fixiert sind, in einem normierten Stil und Satzbau, ohne den Figuren Raum für Tiefe zu geben.

Ein aktuelles Beispiel ist Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (hier meine Besprechung). Das konnte mich total begeistern, obwohl es keine originelle Grundhandlung hat. Da fliegt ein Tunnelbauschiff von A nach B und erlebt unterwegs ein paar mehr oder weniger aufregende Abenteuer. Was das Buch für mich und auch für viele LeserInnen (hat sich bei Fischer Tor dank Mundpropaganda zu einem Longseller entwickelt) besonders macht, sind die liebenswürdigen Figuren und ihr durchaus konfliktreiches Miteinander. Chambers hat auf diesem Tunnelbauschiff einen grundsympathischen Mikrokosmos geschaffen, in dem ich einfach gerne Zeit verbringe. Das war zur Abwechslung mal Wohlfühl-SF.

Anspruchsvolle und intellektuell herausfordernde Science Fiction, wie sie zum Beispiel Neal Stephenson oder Dietmar Dath schreiben, in die sie viele mathematische, philosophische und physikalische Konzepte und Ideen packen, finde ich auch überaus faszinierend und lese sie gerne, aber bei meinen Lieblingsbüchern landen sie eher selten.

Das war jetzt sicher nicht das, was der Fragesteller hören wollte, aber anders kann ich die Frage, was für mich ein gutes SF-Buch ausmacht, nicht erklären. Für mich als Leser ist die Science-Fiction nur ein Genre von vielen. Ich lese auch gerne Fantasy, Thriller, historische Romane, Klassiker, allgemeine Belletristik und Sachbücher. Und was für mich das Wichtigste ist, ist der Stil des Autors, seine Erzählstimme, die Art, zu erzählen. Wenn mich das nicht anspricht, breche ich schnell ab. Ist das aber vorhanden, lese ich auch Bücher, die mich rein vom Thema her nicht interessiert hätten.

Ein großer Pluspunkt kann es auch sein, wenn ein Buch nicht meinen Erwartungen entspricht. Wenn es mich überrascht. Ist doch langweilig, wenn man immer nur das bekommt, was man erwartet. Ich will überrascht und aus den Socken gehauen werden.

Im Idealfall ist es ein abgeschlossener SF-Roman. Vor einiger Zeit habe ich mit erstaunen festgestellt, dass keine angefangene SF-Reihe oder Serie in meinem Bücherregal über Band 3 hinausgeht, weshalb ich sie inzwischen auch kaum noch anfange, wenn schon feststeht, dass es Fortsetzungen geben wird. Ich brauche Abwechslung. Deshalb lese ich auch selten zwei Bücher aus einem Genre hintereinander.

Manche Bücher haben aber auch einfach das Pech, dass ich sie zum falschen Zeitpunkt anfange und einfach nicht in der Stimmung bin, um mich auf sie einzulassen. Andersherum kann es auch passieren, dass mir ein Buch besser gefällt, weil ich gerade durch einen Film, einen Artikel oder sonst was auf ein bestimmtes Thema Lust bekommen habe. Passiert mir gelegentlich mit Archäologiethrillern oder Sachen Richtung Dan Brown oder anderen Abenteuergeschichten.

Manchmal möchte ich auch was lesen, was mich an die Leseerlebnisse der Kindheit erinnert, da spielt dann bei der Wertung auch ein gewisser Nostalgiefaktor eine Rolle, wenn es dem Buch gelingt, mich emotional in eine passende Stimmung zu bekommen. Was aber eher selten passiert. Wenn, lese ich lieber noch mal die Bücher von damals, die dann aber außer Konkurrenz laufen, weil ich bestimmte Erinnerungen mit ihrer Lektüre verknüpfe.

Ich würde mich aber auch nicht zum typischen SF-Leser zählen, der vor allem in diesem Genre liest. Wie viel SF ich lese, schwankt von Jahr zu Jahr, aber selten macht sie mehr als 20% der Bücher eines Jahres aus. In diesem Jahr waren bisher 7 von 60 Büchern Science Fiction.

Insofern kann ich keine klaren Zutatenwünsche für einen guten SF-Roman liefern, der meinen Ansprüchen genügt. Das ist jedes Mal eine neue, individuelle Entscheidung, die von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt.

Musik, die mich in diesem Jahr inspiriert und bewegt hat

Über meine Lieblingsmusik habe ich hier ja schon mal gebloggt, ebenso über Musik, die ich gerne beim Übersetzen höre. Ob es am Alter liegt, oder am Musikmarkt? Jedenfalls kommt nur wenig neue Musik dazu. Doch in diesem Jahr habe ich so einige Musikerinnen für mich entdeckt.

Im letzten Jahr war es vor allem die Musik von ZAZ, die mich inspirierte und beflügelte. Zweimal habe ich sie live gesehen, Open Air in Köln und im Winter dann in Frankfurt:

In diesem Sommer lief bei mir vor allem die Musik der Schwedin Karin Dreijer Andersson mir ihren diversen Musikprojekten rauf und runter. Den Anfang machte das von ihr gesungene What Else Is There von Röyskoop, das mich mit seiner düster-melancholischen Atmosphäre gebannt hat (Dreijer Andersson sieht man übrigens erst später im Video in dem elisabethanischen Kostüm).

Das kenne ich zwar schon seit Erscheinen, ebenso wie Fever Ray, aber gefunkt hat es erst in diesem Jahr. Fever Ray ist das Soloprojekt von Andersson, das nach der Veröffentlichung des selbstbetitelten Debütalbum ziemlich erfolgreich wurde, die Songs liefen in diversen Filmen und das atmosphärisch dichte If I Had A Heart wurde die Titelmusik der ausgezeichneten Serie Vikings. Einer meiner Favoriten ist das ebenso stimmungsvolle Keep The Streets Empty For Me.

Es dauerte etwas, bis ich mich an Anderssons leicht knatschige Stimme gewöhnte, aber sie passt auch gut zu den originellen Songs, deren Sounddesign sie auch selbst übernimmt, und ist eine angenehme Abwechslung zu dem inzwischen üblichen Autotune-Gejaule. Das Projekt ist eine Art Gesamtkunstwerk, in dem die Künstlerin ausschließlich in aufwendigen Kostümen auftritt. Aktuell ist hier zweites Album Plunge erschienen (da bin ich noch skeptisch, wie es mir gefallen wird).

Eine Musikerin, die ihre Songs ebenfalls selbst textet und komponiert, ist die Französin Émilie Simon, die ich erst in diesem Jahr beim zappen auf TV5 Monde entdeckte. Dabei hätte ich ihre Musik aus dem Film Die Reise der Pinguine kennen können, für den sie den Soundtrack komponiert hat. Ihr Sound ist unverkennbar, eine Mischung aus Trip-Hop, Pop und Chanson, die Stimme ganz zart. Simone bietet wunderbare Klangwelten abseits von Mainstreampop. Mit Végétal hat sie ein komplettes Album über Blumen aufgenommen.

Ebenfalls aus Frankreich kommt Fishbach, die ich diesen Sommer zufällig entdeckte. Die Single Une autre que mois ist ein bisschen 80er-Jahre-Retropop, gefällt mir aber trotzdem ausgezeichnet.

Ebenso das auf arabisch gesungene Un beau langage (Ajmal Logha).

Und noch mal Frankreich. Gaëtan Roussel kannte ich bisher nur als Sänger von Louise Attaque, die ich seit meiner Zeit im Studentenwohnheim gerne höre. Sein aktuelles Projekt heißt Lady Sir, zusammen mit der Sängerin Rachida Brakni. Le temps passe ist eine schön melancholische Ballade über das (oder die?) Vergehen der Zeit.

Blue Light von Kelela ist so ein Beispiel für ein Lied, das mir eigentlich gefallen würde bei dem ich den Autotune-Sound aber nervig finde.

Viele Musikerinnen, deren Alben eher seicht auf Mainstream produziert werden, hören sich live viel besser an. Wie z. B. Alicia Keys.

Wie sieht es bei euch aus? Welche Musik hat euch dieses Jahr besonders beeindruckt und bewegt?

„Klauen“ uns Netflix und Co. die Zeit zum Lesen?

„Uns allen brechen die Leser weg. Noch 2012 hat sich jeder Mensch hierzulande statistisch gesehen mindestens einmal pro Jahr ein Buch gekauft. Diese Reichweite hat sich praktisch halbiert“, sagt Piper-Verlagschefin Felicitas von Lovenberg gegenüber dem Buchreport.

Auch die Buchhandlung Otherland aus Berlin schreibt, dass sich Netflix, Amazon und Co. bemerkbar machen würden. Gemeint ist damit, dass Menschen, die bisher viel Zeit mit Lesen verbracht haben, immer mehr auf Serien aus Streamingangeboten umsteigen, bzw. größere Teile ihrer Freizeit dafür reservieren (sich also Marktanteile verschieben).

Serien hat es schon immer gegeben, auch Phantastikserien. Akte X war in den 90ern ebenso ein Straßenfeger wie Star Trek – Next Generation oder Babylon 5. Geändert hat sich die Fülle des Angebots und seine Verfügbarkeit. Was bei mir die Frage aufwirft, ob die steigende Zahl an Phantastikserien und vor allem auch an Serienadaptionen von Büchern nicht dafür sorgt, dass insgesamt weniger Phantastikbücher gelesen werden?

Phantastik ist jetzt Mainstream

Es gab schon immer erfolgreiche Phantastikfilme und Serien, doch dank der modernen Tricktechnik, die seit Ende des letzten Jahrtausends, seit der Matrix– und Herr der Ringe-Trilogie enorme Fortschritte gemacht hat und günstiger geworden ist, gibt es eine Flut an Phantastikserien und Filmen (mit und ohne Superhelden). Wer mal sehen möchte, was aktuell an phantastischen Serien läuft, sollte sich diese beiden Listen von Armin Rößler zu Superheldenserien und allgemeinen Phantastikserien ansehen. 90! aktuell laufende oder demnächst anlaufende Phantastikserien sind dort aufgezählt.

Allein an Serien! Dazu kommen noch die ganzen Filme von Marvel, DC, Star Wars, aus dem Harry Potter-Universum usw., dazu eine kleine Flut an Science-Fiction-Filmen (Alien:Covenant, Life, Arrival, Blade Runner 2049, Passengers – um mal ein paar aus diesem Jahr zu nennen), zahlreiche Jugendystopien und ihre Fortsetzungen. Man kann wahrlich sagen, dass die Phantastik im Mainstream angekommen ist und diesen aktuell sogar dominiert.

Doch führt der Erfolg dieser Filme und Serien auch dazu, dass Bücher aus diesen Genres (die ja oft die Vorlagen liefern) davon profitieren? So wie es einst der Fantasy im Fahrwasser der Herr der Ringe-Trilogie erging (Stichwort Völkerfantasy)?

Zum Erfolg von Game of Thrones und ob das Fantasygenre im Buchbereich davon profitieren würde, sagte Carsten Polzin von Pipers mal der Zeitschrift phantastisch! (habe jetzt nicht im Kopf, welche Ausgabe es war), dass davon vor allem einer profitieren würde, und zwar George R. R. Martin selbst. Einen Boom oder überhaupt ein gesteigertes Interesse für ähnliche Fantasybücher von anderen Autoren ist nicht zu erkennen. Dasselbe gilt für die Science Fiction. Nur weil das Genre an der Kinokasse brummt, heißt es nicht, dass auch die SF-Buchverkäufe steigen.

Aktuell wird über jeden neuen Trailer von Star Wars oder aus dem MCU und über jede neue Folge von Star Trek Discovery mehr diskutiert, als über die aktuell angesagtesten und aufregendsten Buchneuerscheinungen in den Genres Fantasy und Science Fiction. Selbst in Genreforen, in denen vor 10 Jahren hauptsächlich noch über Bücher diskutiert wurde.

Veränderte Sehgewohnheiten

Dank Tablets haben Netflix und Co. inzwischen auch das Bett (trotz Fernsehers im Schlafzimmer) und den Zug erobert, jene Domänen, die früher dem Buch vorbehalten waren. Denn früher gab es nicht diese Fülle an Phantastikserien, die jederzeit verfügbar waren. Star Trek Next Generation lief in der Woche um 15.00 Uhr im ZDF, Babylon 5 sonntags um 17.00 Uhr und Akte X anfangs am Freitagabend.

Heute sind die 90 Serien fast alle rund um die Uhr verfügbar. Und zwar deutlich günstiger, als wenn man alle auf DVD kaufen würde. Bei einem Netflixabo ist man ab 7.99 Euro dabei, bei Amazon Prime sogar für noch weniger im Monat. Hat man noch Sky dazu, hat man auch noch die Serien von HBO und Showtime dabei. Oft werden Staffeln am Stück veröffentlicht, was zum Bingewatching über das Wochenende einlädt.

Es erscheinen also immer mehr aufwendig produzierte und gut geschriebene Serien (auch wenn da natürlich viel Schrott oder Mittelmaß dabei ist), deren Ansehen viel Zeit erfordert. Zeit, die von der Lesezeit abgeht. Auf Twitter lese ich immer häufiger Kommentare wie: „Mit Erkältung im Bett, zum Glück gibt es Netflix“. „Ein Sonntagnachmittag mit Netflix, was gibt es Schöneres“. „Netflix hat mich in der Wartezeit auf dem Berliner Bürgeramt vor dem Wahnsinn bewahrt.“

Persönliche Erfahrungen

Ich lese nicht weniger. Allein in diesem Jahr habe ich schon 53 Bücher gelesen, obwohl ich Netflix, Amazon Prime und Sky abonniert habe. Aber während ich Serien wie Game of Thrones, The Expanse oder American Gods schaue, sinkt beim Lesen der Anteil an phantastischen Büchern. Was zum einen mit einem veränderten Themeninteresse bei mir liegen könnte, zum anderen aber auch, an einer gewissen Sättigung. Bei den drei obengenannten Serien frage ich mich zum Beispiel, ob ich die Buchvorlagen überhaupt lesen soll, wo ich doch schon die Serien gesehen habe.

Trend zu Buchadaption

Meinem Empfinden nach dominieren aktuell Phantastikfilme den Film- und Serienmarkt. Und die meisten dieser Filme scheinen auf Büchern, Comics oder Kurzgeschichten zu basieren:

Marvel, DC und fast alle Superheldenstoffe
Arrival
Annihilation
Game of Thrones
The Expanse
Altered Carbon
The Witcher
Shannara Chronicles
Nine Princes of Amber
Luna
Ready Player One

Um mal ein paar aktuelle und kommende Titel zu nennen.

Als kürzlich der Trailer zu Annihilation veröffentlicht wurde, verfolgte Jeff VanderMeer, der Autor der Vorlage, wie sein Buch bei Amazon kurzfristig bis auf den vierten Verkaufsplatz stieg. Jedes Buch, das verfilmt wird, wird von den Verlagen neu aufgelegt, weil es kurzfristig zu einem gesteigerten Interesse an der Vorlage sorgt.

Doch ich frage mich, ob wir inzwischen nicht den Punkt erreicht haben, an dem diese Flut an Phantastikserien den Buchvorlagen und allen anderen Büchern eher schadet?

Kein Problem der Phantastik allein

Amazon Prime und Netflix sind natürlich keine reinen Phantastikportale, auch Serien wie House of Cards, Orange is the New Black, Mozart in the Jungle, Designated Survivor usw. werden geschaut. Und die Buchverkäufe brechen ja insgesamt in allen Bereichen ein. Wenn auch verstärkt wohl auf dem Taschenbuchmarkt im Unterhaltungssegment.

Hinzu kommt, dass immer mehr Buchneuerscheinungen. Um die 90.000 sollen es pro Jahr ungefähr sein, plus die ganze Flut an Selfpublishern. Immer mehr Bücher für immer weniger Leser. Da wird es für die einzelnen Titel natürlich immer schwerer, schwarze Zahlen einzufahren (wobei das für Serien ebenfalls gilt, ich persönlich glaube ja, dass da bald eine Serienblase platzt und die Zahl der Neuproduktionen drastisch zurückgehen wird).

Meine These – die ich natürlich nicht beweisen kann – lautet also, dass die veränderten Sehgewohnheiten durch Streamingportale wie Netflix und Amazon Prime (wo es neben Serien ja auch Filme gibt) mit dafür sorgen, dass die Menschen weniger Lesen und die Zahlen der Buchkäufe zurückgehen, dass sich dies aber besonders auf die Phantastik auswirkt, weil gerade dieses Genre im Bereich der Serien und des Films einen nie dagewesenen Boom erlebt.

Es gibt natürlich nicht die eine Antwort auf die Frage, warum weniger gelesen wird. Da spielen auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und der technologische Fortschritt eine Rolle. Vielleicht wird ja auch gar nicht weniger gelesen? Sinkende Verkaufszahlen bei neuen Büchern bedeuten nicht zwangsläufig weniger Leser. Was man sich früher noch mühsam in einigen wenigen Antiquariaten gebraucht erstöbern musste, findet man heute mit einem Klick bei Rebuy oder Medimops. Über Facebook gibt es zahlreiche Büchertauschgruppen. Und immer mehr LeserInnen betreiben mehr oder weniger gelungene Blogs, um Rezensionsexemplare abzustauben. Dazu noch Dumpingpreise bei Selfpublishern aber auch bei Verlagen in Bezug auf E-Book-Aktionen und zahlreiche Gewinnspiele usw.

In den letzten Jahren hat sich über das Internet eine Kostenloskultur bzw. eine Billigpreiskultur in Bezug auf Bücher (aber auch andere Medien) entwickelt, die unter anderem auch zu Flatrateangeboten führen, die Autorinnen, Verlagen und Buchhändler aber wenig, bis nichts einbringen.

Kleine Randbeobachtung

Eine Gruppe, die als Leser wegfällt, scheinen ausgerechnet die Autoren selbst zu sein. Je länger ich in der Buchbranche und Szene tätig bin, desto mehr Autoren lerne ich kennen. Und eine erschreckend große Zahl von ihnen gibt zu, selbst kaum noch Zeit, Energie oder Lust zum Lesen zu haben (gerne aber Serien gucken und ins Kino gehen). Was ich sehr schade finde, dass ausgerechnet jene, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, ihr in der Freizeit nicht mehr nachgehen. Stephen King gibt an, im Jahr um die 80 Bücher zu lesen, aber er kann sich sich vermutlich auch Assistenten leisten, die sämtliche administrativen und häuslichen Tätigkeiten für ihn übernehmen, während der klassische Midlistautor, der mindestens zwei Bücher pro Jahr schreiben (oder übersetzen) muss, um über die Runden zu kommen, alles alleine meistert.

Wie seht ihr das? Lest ihr weniger, weil ihr inzwischen mehr Serien schaut?

Meine liebsten Büchersendungen

La Grande Librairie

Meine liebste Büchersendung läuft im französischen Fernsehen und heißt La Grande Librairie, ist aber auch bei uns über TV5 Monde mit deutschen Untertiteln zu sehen – meist donnerstags irgendwann zwischen 23.00 und 23.30 Uhr (manchmal auch etwas später). Zurzeit werden Sendungen aus dem Jahr 2016 wiederholt, was sehr passend ist, da viele der damaligen Neuerscheinungen, die in der Sendung vorgestellt werden, ab September in deutscher Übersetzung erscheinen – dank der Tatsache, das Frankreich Gastland der Frankfurter Buchmesse ist und deshalb vermehrt Titel aus dem Französischen übersetzt werden (nur leider keine Phantastik! – fast keine, am 11. September erscheint bei Heyne SF Die Sphären von Pierre Bordage).

Das Heft gibt es kostenlos in der örtlichen Buchhandlung.

Literatur hat in Frankreich einen hohen Stellenwert, zu einer ordentlichen Bildung gehört, die Klassiker gelesen zu haben. Die bekanntesten Sendungen dazu stammen von Bernard Pivot und hießen Apostrophes! und Bouillon de Culture, deren Niveau Kritikern zufolge nie wieder erreicht wurde. Was ich allerdings nicht beurteilen kann, da ich sie nicht kenne.

La Grande Librairie (Die große Bibliothek, oder Buchhandlung) läuft seit 2008 auf France 5, dauert 90 Minuten und wird von François Busnel (der auch hinter dem Konzept steckt) moderiert. In der Regel sitzen um die fünf AutorInnen in der Sendung und unterhalten sich recht ungezwungen über ihre Bücher – und haben meist auch tatsächlich die Bücher der anderen Gäste gelesen.

Besonders gefällt mir an dieser Sendung, dass nicht nur Autoren und Literaturkritiker zu Wort kommen, sondern auch immer wieder Buchhändler – entweder als Gäste in der Sendung oder, in dem ihre Buchhandlungen vorgestellt werden, und sie von ihre Arbeit und Leidenschaft erzählen können – und andere Gäste. In der Sendung vom 17. August, in der es um Jugendbücher ging, saß auch eine Jugendliche. Ich kann mich an keine deutschsprachige Literatursendung erinnern, in der Buchhändler so prominent zu Wort kommen.

Busnel ist ein belesener und humorvoller Gastgeber, der es versteht, seine Gäste ausreichend zu Wort kommen zu lassen und die richtigen Fragen im richtigen Moment zu stellen. Erstmals bin ich auf ihn und seine Sendung aufmerksam geworden, als Stephen King zu Gast war, mit dem er ein einstündiges, sehr interessantes Interview führte.

Einzelne Gespräche aus der  Sendung kann man sich auch auf Youtube ansehen, allerdings ohne Untertitel

Druckfrisch

Seit der ersten Ausgabe im Jahr 2003 bin ich Fan dieser Sendung von Andreas Ammer und Denis Scheck. Manch einer wirft Scheck vor, er wäre effekthascherisch, wenn er Bücher in die Tonne kloppt oder sich was Lustiges zur Präsentation einfallen lässt. Für mich ist er der Einzige im deutschen Fernsehen, dem es gelingt, Bücher wirklich unterhaltsam zu präsentieren, so dass ich richtig Lust auf einige der vorgestellten Bücher bekomme – auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit ihm bin. Und was die Tonne angeht, in der jene Bücher landen, die bei seiner Bestsellerlistenbesprechung durchfallen: das ist keine Mülltonne, sondern eine Transportkiste für Bücher, mit der die Bücher aus dem Lager transportiert werden, in dem Scheck die Bücher vorstellt.

Nur finde ich es sehr schade, dass die Sendung im Nachtprogramm versteckt wird, aber dieses Schicksal teilen ja fast alle guten, anspruchsvollen Programme bei den Öffentlich-Rechtlichen. Da kann man schon froh sein, wenn sie die überhaupt noch produzieren, damit sie so tun können, als hätten sie wirklich Interesse daran, ihrem Bildungsauftrag nachzukommen und würden nicht auf die Quoten schielen.

Mit einer halben Stunde ist sie auch viel zu kurz. Das reicht gerade mal, um mit zwei, oder drei Autoren (die er meist vor Ort besucht, wie z. B. Ray Bradbury, Umberto Eco oder Paul Auster) knappe Gespräche zu führen und noch schnell ein, zwei Bücher in wenigen kurzen Sätzen vorzustellen.

Denis Scheck ist auch der einzige Literaturkritiker im Fernsehen, der phantastische Literatur bespricht und empfiehlt. Alle anderen wirken, wenn sie darauf angesprochen werden, als wäre das für sie etwas, von dem sie noch nie gehört hätten. Volker Weidermann vom literarischen Quartett antwortete auf die Frage, ob er aktuelle deutschsprachige Phantastikautoren nennen können: Franz Kafka, der sei doch phantastisch.* Ijoma Mangold gestand im letzten lesenswert Quartett, als man dank Denis Scheck Freie Geister (The Dispossessed) von Ursula K. Le Guin besprach, dass dies das erste Science-Fiction-Buch seines Lebens sei. Es kann natürlich jeder lesen und besprechen, war er will, dennoch weist es auf einen etwas eingeschränkten Blick auf die Literatur hin.

*Ergänzung vom 26.8.2017: Im aktuellen Literaturspiegel bespricht Volker Weidermann Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr und attestiert Autor Walter Moers Topform.

lesenswert Quartett

Das lesenswert Quartett ist eine Büchertalkshow in der Tradition des literarischen Quartetts, die, wenn ich das richtig überblicke, vier Mal im Jahr stattfindet. Jeweils vor der Leipziger und der Frankfurter Buchmesse, um aktuelle Bücher zu besprechen, und zweimal im Jahr mit einer Klassikerausgabe. Drei Literaturkritiker und ein Gast (manchmal ein Autor, manchmal ein Kritiker) sitzen neunzig Minuten in einer Gesprächsrunde und unterhalten sich über vier aktuelle Titel (entweder ganz neue Bücher oder Neuauflagen). Was die Runde für mich besonders macht, ist der Humor und die Lust am Lesen, mit der die Bücher dort besprochen werden. Die Chemie zwischen den Diskutanten stimmt, sie werden nie verbissen oder verkrampft und nehmen es locker, wenn jemand total anderer Meinung ist.

Anfangs bestand die Stammmannschaft aus Denis Scheck, Ijoma Mangold, Felicitas von Lovenberg und Thea Dorn. Leider ist Dorn irgendwann ausgestiegen und wurde durch einen wechselnden Gast ersetzt. Inzwischen ist auch Felicitas von Lovenberg raus, da sie auf die dunkle Seite der Macht gewechselt ist und jetzt den Piper Verlag leitet. Mir fehlt sie sehr. Ersetzt wurde sie durch Insa Wilke.

Die Sendung könnte von mir aus ruhig jeden Monat laufen. Das ist eine sympathische Runde, der ich gerne beiwohne – nicht so verkrampft und gehetzt, wie die Neuauflage des literarischen Quartetts.

Otherland Video-Blog

Das Otherland in Berlin ist unzweifelhaft die beste Buchhandlung der Welt (zumindest, wenn man sich für Phantastik interessiert). Einst von Hannes Riffel und Birgit Herden noch als Ufo-Buchhanldung gegründet, wird sie inzwischen von deren überaus kompetenten Nachfolgern Jakob Schmidt, Simon Weinert und Wolfgang Schmidt geführt, die seit einiger Zeit auch einen Video-Blog betreiben, auf dem sie über Bücher quasseln, diese vorstellen oder sonstige bücheraffine Themen behandeln. Oft sind da nur kurze und improvisierte Videos, die aber so unterhaltsam und kenntnisreich präsentiert werden, dass es einfach Spaß zuzusehen, wenn man sich auch nur halbwegs für phantastische Literatur interessiert. Und wer könnte schon dem wunderbaren Othlerandlied widerstehen, mit dem jeder dieser Clips eingeleitet wird?

 

P. S. Warum gibt es eigentlich kein cineastisches Quartett? Und warum kein phantastisches Quartett?

Im nächsten Teil folgt dann der Rest an Literatursendungen, den ich mir zwar gerne ansehe, der aber nicht unter die Kategorie „Lieblings-“ fällt. Und ein paar Anmerkungen, was mir an Sendungen fehlt.

Mut zur Gelassenheit – Über Verteidigungsreflexe in der Phantastikszene

Momentan reitet eine kleine Empörungswelle durch das phantastische und literarische Deutschland, deren Ursprung ein kurzer Radiobeitrag von Carsten Otte auf SWR 2 ist. Nun könnte man sagen: „Endlich ist etwas Leben in der Bude!“, und ich bin eigentlich der Meinung, dass es in der deutschen Phantastik viel zu wenig kontroverse Diskussionen gibt. Aber kaum ist mal eine interessante Diskussion angeregt, greifen direkt Verteidigungsreflexe und Lagerdenken, die eine sachliche Diskussion in erregter Hitzigkeit direkt überspringen und zu einer Folge aus Angriffen und Gegenangriffen führen, die schnell unter die Gürtellinie gehen und am Thema vorbeischießen.

Zugegeben, der Ursprungsbeitrag von Herrn Otte sabotierte von Anfang an eine sachliche Diskussion aufgrund seiner polemischen Wortwahl („nackte Hasen in Pornoposen“) und der Forderung, jugendliche Mangafans von ernsthafter Literatur auszugrenzen, und es gab durchaus sachliche und gelassene Erwiderungen wie jene von Lena Falkenhagen oder Margarete Stokowski (denen ein gewisses Lagerdenken allerdings auch nicht abging), doch insgesamt scheinen sich hier eher zwei (oder mehr) unversöhnliche Lager eingegraben zu haben, ohne jegliche Bereitschaft von ihrer Stellung abzuweichen und auf die Argumente des anderen auch nur einzugehen (hier gibt es einen guten Überblick und Kommentar von David Jung)

Ähnlich lief es kürzlich in der Diskussion über das neue (alte) Reglement bzw. den Ablauf des Deutschen Phantastik Preises ab, wo direkt auf die Organisatoren eingeschlagen wurde, oft von Leuten, die beleidigt waren, weil sie bzw. ihre Werke nicht auf der Vorschlagsliste standen, ohne sich überhaupt auf eine sachliche Diskussion einzulassen, ohne Bereitschaft, sich in die Lage der Organisatoren mit der Problematik hineinzuversetzen. Oder die Diskussion bezüglich der Nicht-Aufnahme von Self-Publishern bei PAN.

Wieso ist es nicht möglich, sich in der Sache hart anzugehen, ohne dabei persönlich zu werden und der Gegenseite unlautere Motive zu unterstellen? Wo sind die Zeiten geblieben, in denen man sich hitzige Wortgefechte über ein bestimmtes Thema lieferte, danach aber zusammen ein Bier (oder eine Cola) trinken ging. Das Problem findet sich natürlich überall im Internet und auch sonst wo in der Gesellschaft, aber ich will mich mal auf die Phantastikszene beschränken.

Die Ursachen für eine gewisse Empfindlichkeit in der Phantastik liegen einige Jahrzehnte zurück, in der gerade der Fantasy ein gewisses Schmuddelimage anhaftete (an dem gewisse Kettenhemdbikinischönheiten-Cover von Frank Frazzetta und Co. nicht ganz unschuldig waren). Als jemand, der seinen Lebensunterhalt hauptsächlich damit verdient, Science-Fiction zu übersetzen, sehe ich mich auch ganz konkret noch Vorurteilen gegenüber, keine richtige Literatur zu übersetzen. Auch bei den Profis in Verlagen ist ein gewisses Schubladendenken noch weit verbreitet, das es mir als Übersetzer schwer macht, mal was anderes als Genreliteratur und insbesondere Science-Fiction zu übersetzen.

Aber Vorurteile baut man nicht ab, indem man den anderen angreift, beleidigt und herabwürdigt, alte Klischees und Vorurteile bemüht (gegen die man sich selbst ja gerade wehrt) oder pauschalisiert, sondern indem man zeigt, dass sie unbegründet sind. Das ist natürlich leichter gesagt als getan und kann sich als frustrierende Sisyphusarbeit herausstellen, da sich viele Menschen nur ungern von ihrem festgefahrenen Weltbild abbringen lassen (um selbst mal zu pauschalisieren 😉 ). Doch der Frust lässt sich deutlich reduzieren, wenn man gelassener an die Sache herangeht.

So weit ein paar erste grobe Gedanken zu der Thematik. Ich werde versuchen, in der nächsten Zeit einen noch etwas ausführlicheren Beitrag dazu zu verfassen.

Lesesplitter und Stand der Dinge Ende Februar 2017

Lesesplitter

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Am Wochenende habe ich Die Krone der Sterne von Kai Meyer beendet, ein Buch, dem ich als Captain-Future-Übersetzer schon deswegen nicht widerstehen konnte, weil es unter anderem Edmond Hamilton gewidmet ist, einem der Urväter der flotten Space Opera. Und genauso flott kommt das Buch auch daher, das die junge (aber erwachsene) Ineza auf der Flucht vor dem Hexenorden begleitet, der sie zur Braut der Gottkaiserin mache möchte (was kein ersterbenswertes Ziel ist). Im Prinzip besteht das Buch auch aus einer einzigen Flucht, was auf Dauer Gefahr läuft, etwas zu repetitiv zu werden, da die einzelnen Kapitel und Szenen im Prinzip immer Variationen des gleichen Themas sind: Gefangennahme, Schießerei, Flucht, Streiterei untereinander, Verrat, Gefangennahme … Dafür, dass es einem dabei aber nicht langweilig wird, sorgt der geschickt eingeflochtene Weltenbau, der mich an eine Mischung aus Dune (in der Lynchversion) und Riddick erinnert. Ein flottes, unterhaltsames Weltraumabenteuer mit starken Frauenfiguren, das sich nicht um Physik schert; gute Unterhaltung für zwischendurch. Und, liebe SF-Verlage, so gestaltet man ein Science-Fiction-Buch, das auch LeserInnen ansprechen soll, die nicht so genreaffin sind und sich nicht mit dem generischen Raumschiff im All zufriedengeben. Neben der wunderschönen Umschlaggestaltung gibt es auch noch zahlreiche Illustrationen von Jens Maria Weber, die das Buch wie ein Vorspann einleiten. Meine Mutter liest das Buch übrigens gerade auch mit großer Begeisterung, dabei liest sie Science Fiction sonst nur, wenn ich sie übersetzt habe.

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Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass Philip Pullman eine neue Trilogie in der Welt von His Dark Materials plant, was mir Lust darauf gemacht hat, Der Goldene Kompass noch einmal zu lesen. Zuletzt hatte ich das Buch im Sommer 2001 gelesen, in jenen endlos trägen Wochen zwischen meinem Fachabitur und dem Beginn des Physikstudiums, auf das ich mich eigentlich hätte vorbereiten sollen – tja, so bin ich dann auch am Ende Übersetzer geworden, und nicht Physiker. 😉 Jedenfalls gefällt mir das Buch beim Reread noch genauso gut wie beim ersten Mal. Pullman hat da eine ganz wunderbar eigene Welt erschaffen, die knapp neben der unsrigen liegt, und versteht es, sie mit Anspruch unterhaltsam in eine spannende Geschichte einzubinden.

Stand der Dinge – Reise-Mäurer

Vor zwei Wochen bin ich in Berlin gewesen, in den Verlagsräumlichkeiten von Fischer Tor (sehr schick), um mich dort in das Typo 3 von tor-online.de einarbeiten zu lassen. Über den Grund habe ich ja in meinem letzten Blogeintrag berichtet. Das war nur ein kurzer Blitzbesuch, der mir gerade mal Zeit ließ, mich mit einem guten alten Studienfreund zu treffen, einen SF-Stammtisch in kleinem Kreise abzuhalten und einen Blitzbesuch im Otherland zu machen. Dienstag ging mein Flug nach Berlin, am Donnerstag dann der Rückflug, womit ich echt Glück hatte, da das Bodenpersonal von Tegel am Mittwoch dazwischen gestreikt hat.

Die nächste Reise geht dann am Freitag den 24. März zur Leipziger Buchmesse. Eigentlich wollte ich ja diese Jahr nicht, aber irgendwie habe ich den Messebesuch in den letzten Jahren doch lieb gewonnen, und es ist eine tolle Gelegenheit, viele Bekannte und Freunde zu treffen, die ich sonst kaum sehe (auch wenn ein Tag eigentlich zu knapp dafür ist).

In der dritten Maiwoche werde ich für eine Woche nach Paris reisen (falls mich Präsidentin Le Pen dann noch reinlässt), einfach, um mir die Stadt mal anzusehen, in der ich noch nie war. Das wird meine erste Urlaubsreise seit über zehn Jahren sein.

Wo ich dieses Jahr nicht hinfahren werde, ist der Marburg Con, den ich in den letzten drei Jahren besucht habe. Passt zeitlich einfach nicht, außerdem ist mein Stammreisebegleiter abgesprungen. Und so ganz alleine mag ich auch nicht fahren.

Ebenfalls ausfallen lasse ich dieses Jahr das Pan-Branchentreffen in Berlin. Zwar fand ich das Treffen im letzten Jahr großartig, aber da ich dieses Jahr Urlaub machen möchte, muss ich ein paar Prioritäten setzen (und das bisherige Programm finde ich auch nicht so interessant für mich ). Auch nicht besuchen werde ich die großen Cons des Jahres, wie den Eurocon in Dortmund, den Worldcon in Helsinki und den Dirkcon (anlässlich des 50 Geburtstages des Tentakelmeisters) in Dirktropolis. Dafür ist der Bucon aber wieder fest gesetzt, den ich seit über 10 Jahren immer besuche.

Eventuell werde ich im Sommer auch noch eine oder zwei Wochen in Berlin verbringen, um mir etwas mehr Zeit für meine ehemalige Heimat zu nehmen. Das wird aber vermutlich nicht in die Zeit des Fantasy Filmfests fallen, das in diesem Jahr leider erste Ende September stattfindet. Für mich gehört das FFF einfach in den Hochsommer. Und mit der Streckung auf zwölf Tage und den Wegfall der Parallelvorstellung kann ich mich auch nicht so recht anfreunden.