Buchempfehlung: Bloß weg hier von Frank Böhmert

Da mir momentan die Zeit für neue Blogeinträge fehlt (am Samstag geht es mit den Netzstreifzügen weiter), hier mal wieder eine ältere Buchsprechung von mir, in der es um ein Werk meines Übersetzer- und Bloggerkollegen sowie Freundes Frank Böhmert geht. Die Rezi erschien ursprünglich im Fantasyguide, wo es auch unser Berliner Mit-SFler Ralf Steinberg besprochen hat.

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Rezension:

Berlin (West) 1973: freie Fahrt für freie Rotzlöffel. Und Olli, der Berlins Straßen mit seinem Bonanza Rad unsicher macht, ist das Paradebeispiel eines Rotzlöffels. Er deckt den frisch gewachsten Wagen seines Sportlehrers mit Sand ein, bespritzt Frau Klehm mit Kakao und klaut Fischfutter. Ein richtiger Bart Simpson, wie ihn beinahe jede Klasse hat. Oder ist das alles nur eine Frage der Perspektive? Sehen die Erwachsenen, die auf Olli herab blicken, alles falsch von dort oben. Entgehen ihnen die Details?

Auch »Brillenbubi« Bernd schaut auf Olli herab. Genau genommen von einem Baum im Grunewald. Olli ist nach einer Verkettung unglücklicher Umstände abgehauen, und Bernd hat sich verlaufen. Doch bevor die beiden Schicksalsgefährten Freunde werden können, setzt es erst einmal eine ordentliche Tracht Prügel. Wie es sich für Jungs eben gehört. Dann werden Comics gelesen, zusammen auf einem Rad gefahren, Erwachsene bepöbelt und Mülleimer in die Horizontale verschoben.

Doch hinter dem harten Kern eines rauen Jungen steckt auch ein Herz. Und so beschließt Olli, Bernd dabei zu helfen nach Hause zu finden. Nach Kreuzberg, wo die ganzen Asozialen wohnen. Genug Stoff also für ein Großstadtabenteuer, in dem die beiden Helden es noch mit U-Bahn-Kontrolleuren, Kettenhunden, Hertha-Pennern und Mädchen zu tun bekommen.

 

Autor Frank Böhmert (seines Zeichen »asozialer« Treptower) versetzt den Leser zurück in eine Zeit, in der es noch keine Handys, Computer und IPods gibt. Er versetzt den Leser vorangeschrittenen Alters zurück in seine Kindheit. Auch wenn ich Jahrgang 79 bin, haben die Abenteuer von Olli und Bernd viele Kindheitserinnerungen bei mir hervorgerufen. Der Anschiss vom Schuldirektor, die Angst nach Hause zu kommen, weil man Mist gebaut hat, die Erkundungsgänge in Ruinen, das kommt auch einem Dorfbengel wie mir bekannt vor.

In Böhmerts Werk steckt aber mehr als nur abenteuerlicher Fünf-Freunde-Stoff. Es geht um Kinder, die in materieller Armut und emotionalem Reichtum leben, während andere wünschten, ihre wohlhabenden Eltern würden sich mal über den Mist aufregen, den ihr Sohn gebaut hat. Wenn Kinder merken, dass sie nur zur Dekoration da sind, ist eine Kindheit in Gefahr. Da bedarf es guter Freunde, um solche Defizite auch nur halbwegs zu kompensieren.

Als Neu-Berliner habe ich mich besonders über die Einblicke in ein Berlin gefreut, das ich bei meinem Streifzügen durch die Stadt nur noch erahnen kann. Bäume und Asphalt mögen noch derselbe sein, und vermutlich auch noch viel zu viele der S-Bahn-Wagen, aber wie Schliemann, bevor er anfing Troja auszugraben, kann ich nur noch vermuten, was die Zeit begraben hat. Frank Böhmert erweist sich als ausgezeichneter Archäologe, der es schafft, seine Figuren mit einem authentischen Tonfall auszustatten und jede Menge Details hineinpackt, die die 70er Jahre wieder auferstehen lassen.

 

Fazit:

Bloß weg hier!« setzt den Leser auf den Sozius, spuckt noch mal kräftig aus, tritt in die Pedale und nimmt ihn mit zurück in eine längst vergessene Zeit namens Kindheit. Ein Ort, an dem hinter jedem Baum ein Abenteuer lauert; in jeder Ruine ein Geheimnis wartet und die Zukunft noch Möglichkeiten und Träume verspricht.

P.S. erschienen ist das Buch übrigens bei Golkonda

Euer Leseverhalten (bzgl. deutsch und englischsprachiger Titel – Science Fiction und Fantasy)

Für das Magazin Phantastisch schreibe ich gerade einen Artikel über die Veränderungen am Buchmarkt (bezogen auf SF und Fantasy). Geht die Zahl der Übersetzungen (bei den großen Verlagen Heyne, Piper, Blanvalet u. Bastei/Lübbe) wirklich zurück? Werden nur noch Titel von der Stange übersetzt? Steigt die Zahl der Neuauflagen und der deutschsprachigen Titel? Welche Auswirkungen hat das zusammen mit der Einstellung von Serien/Reihen (wie jüngst bei Ken Scholes) auf das Leseverhalten.

Deswegen möchte ich euch hier ein wenig zu eurem Leseverhalten befragen:

Lest ihr auf Deutsch, Englisch oder beides?

Lest ihr in Deutschland abgebrochene Serien/Reihen auf Englisch weiter? Lest ihr nicht übersetzte aber interessante Titel auf Englisch?

Wenn ja, lest Ihr trotzdem auch noch deutsche Titel bzw. Übersetzungen?

Wer liest nur noch auf Englisch? Und warum?

Wer liest weiterhin ausschließlich auf Deutsch? Seit ihr mit dem Angebot zufrieden?

Wie seht ihr die aktuelle Lage auf dem Fantasy und SF-Buchmarkt?

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich ein paar ForistInnen finden, die ein wenig auf diese Fragen eingehen. Wenn ihr einverstanden seid, würde ich auch eventuell auch im Artikel zitieren, dann frage ich euch aber natürlich noch mal konkret danach.

Aktuelles: Phantastische Netzstreifzüge 14

Heute gibt es nicht nur phantastische Links zu diversen Genreawards, sondern auch ein für Serienfans interessantes Interview, sowie einen Artikel über das Problem mit Ironieblindheit und einen interessanten Text über die Lehrbedingungen an amerikanischen Hochschulen.

Announcing the 2013 British Science Fiction Association (BSFA) Award Winners – Tor.com hat gestern Abend die Gewinner des britischen Science-Fiction Awards verkündet. Den Preis für Best Novel (also den besten Roman) hat Ancillary Justice von Anne Leckie zusammen mit Ack-Ack Macaque by Gareth L. Powell. Ancillary Justice habe ich gestern Nacht beendet. Hat mir gut gefallen. Wird noch einen extra Blogeintrag dazu geben. Ob es verdient ist, kann ich aber nicht sagen, da ich die anderen Nominierten nicht gelesen habe.

Besonders freut mich, dass Nina Allan den Preis für Best Short Fiction (also die besten Kurzgeschichten) gewonnen hat. Ich durfte mal eine wunderbare Kurzgeschichte dieser in Deutschland viel zu wenig bekannten Autorin ins Deutsche übersetzen. Spin steht auf meiner Leseliste ganz oben. Nina Allan würde eigentlich perfekt ins Programm von Golkonda passen. Meine Glückwunsch an alle Gewinnerinnen.

HUGO-Awards 2014 – Die Nominierungen – Auch bekanntgegeben wurden die Nominierungen für einen der bekanntesten und renommiertesten Phantastikpreise der Welt. Den HUGO-Award, der traditionell auf dem Worldcon verliehen wird, in diesem Jahr also in London. Ancillary Justice ist auch in der Kategorie Bester Roman nominiert. Ansonsten ist noch interessant, dass Robert Jordan und Brandon Sanderson für das Gesamtwerk Wheel of Time (Das Rad der Zeit) nominiert sind. Die Mutter aller Endlosserien in der Fantasy, die nach dem Tod Robert Jordans tatsächlich noch einen Abschluss (durch Brandon Sanderson) bekommen hat. Ich bin beim neunten deutschen Band ausgestiegen, da es mir zu langsam voranging und die Aussicht auf dreißig weitere (deutsche) Bände ohne ein Ende in Sicht zu frustrierend war.

No, The Hugo Nominations Were Not Rigged – Zu Verkündung der Nominierungsliste gab es auch einen kleinen Aufreger in der englischsprachigen Phantastikszene, da die Autoren Larry Correia and Vox Day auf ihren Webseiten Vorschläge für die Nominierungen gemacht haben, die tatsächlich dann auf den Listen gelandet sind (inklusive ihrer eigenen Werke). Was die Sache wohl zu einem besonderen Aufreger macht, ist, dass es sich bei Vox Day alias Theodore Beale um eine Art amerikanischen John Asth handelt, der vor allem durch sexistische und rassistische Äußerungen auffällt. Was ihn im Vergleich zu Asht relativ gefährlich macht, ist, dass er tatsächlich Einfluss und Anhänger hat. John Scalzi – der meines Wissens gerade der Präsident der Vereinigung der amerikanischen SF-Autoren ist – macht auf seinem Blog deutlich, dass die Nominierungslisten nicht getürkt oder gemauschelt seien und alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Ich kann dazu nicht viel sagen, da ich die US-Szene dafür zu wenig kenne. Aber campaigning gibt es bei vielen Publikumspreisen. Auch für den Deutschen Phantastik Preis versuchen viele Autoren (teils sehr aktiv) ihre Fans und Leser zum Abstimmen zu mobilisieren. Ist halt so bei Publikumspreisen.

Besonders freut mich auch die Nominierung Max Gladstones für den John W. Campbell Award für den besten Newcomer (Glückwunsch Max!). Gladstones Three Parts Dead hat mich schwer begeistert. Ein Autor, der dringend einen deutschen Verlag braucht!!!

Interview mit Sky-Programmchef Marcus Ammon – Bei den Serienjunkies gibt es ein ganz interessantes Interview mit dem Programmchef von Sky, der sich unter anderem zur schnellen Synchronisation von Serien äußert, damit diese zeitnah zur US-Ausstrahlung auch in Deutschland gezeigt werden können, und welche Probleme dies mit sich bringt. Da müssen ja nicht nur die Aufnahmen mit den Sprechern schnell gemacht  sondern auch die Dialoge kurzfristig übersetzt werden. Jeder, der schon auf die Schnelle unter Zeitdruck übersetzt hat, weiß, dass dabei nicht immer das bestmögliche Ergebnis rauskommt. Mir ist das aber persönlich egal, da Sky und einige andere Pay-TV-Sender wie Fox, die Serien zum Glück auch mit der Originaltonspur zeigen, die ich natürlich bevorzuge. Wenn Ammon allerdings meint, dass 90% der Zuschauer es nicht bemerken würden, wenn Jack Bauer in 24 einen neuen Sprecher hätte (was nicht der Fall sein wird), dann irrt er meiner Meinung nach gewaltig. Ich habe 24 übrigens auch auf Deutsch gesehen, und bin sehr an die Stimme von Tobia Meister als Jack Bauer gewöhnt.

3 Modern Satirists Screwed by People Who Didn’t Get the Joke – Der amerikanische Blogger Gladstone (nicht Max!) erklärt das Problem mit der Ironie, bzw. was passiert, wenn diese nicht verstanden wird und den Satirikern deswegen genau das vorgeworfen wird, was sie zu bekämpfen versuchen. Der Vergleich mit der Farbenblindheit, dass manche Menschen einfach nicht in der Lage seien, Ironie zu erkennen, ist gar nicht so schlecht. Der hier erwähnte Patton Oswald (Spence aus King of Queens) ist mir übrigens höchst sympathisch. Ich sehe es auch als großes Problem an, dass Satire es immer schwieriger hat, da anscheinend immer mehr Berufsbeleidigte und Aktivisten, die vor lauter Aktivismus und Ideologie ihren Sinn für Humor verloren haben, immer lauter und aggressiver gegen missverstandene Satiriker vorgehen.

Lessons from corporatized college: Even PhDs are being squeezed out of the middle class – Viele, die an deutschen Universitäten studieren (ich war an zwei), träumen von den Verhältnissen an amerikanischen Colleges (Bachelor) und Universitäten (Master und PhD). Super Ausstattung, traumhafte Bedingungen, persönlicher Kontakt zu den Dozenten, besser strukturierte Seminare usw. Aber dieser Text von Jim Hightower und Phillip Frazer weißt darauf hin, dass auch an amerikanischen Hochschulen nicht alles so rosig ist. Immer mehr Dozenten (viele mit PhD, also einer Promotion) erhalten nur auf das Semester befristete (schlecht bezahlte) Verträge, haben oft kein Büro, dürfen die Fakultätskopierer nicht benutzen und auch nicht an Sitzungen und Entscheidungen ihrer Fachbereiche teilnehmen. Eine ganze Berufsgruppe würde hier aus der Mittelschicht in die Klasse der working poor abrutschen und müsse noch neben ihrer Arbeit an der Hochschule Nebenjobs wie Pizzaauslieferer und Ähnliches annehmen.Lehrbedingungen, die ich so auch von deutschen Dozenten kenne. Bei uns am JFK-Institut der Freien Universität musste die Pflichtveranstaltung Understanding North America, eine Einführung in die Amerikastudien (zu deren Abschluss es eine umfangreiche und wichtige Prüfung gab) über mehrere Wochen ausfallen, weil die Uni ewig gebraucht hat, den Vertrag des Dozenten zu verlängern. Ein Vertrag, der übrigens mitten im Semester ausgelaufen war! Inzwischen hat dieser ganz hervorragende und bei den Studierenden sehr beliebte Dozent übrigens eine Professur an einer holländischen Uni angenommen. Es kommt auch gelegentlich vor, dass Dozenten mitten im Semester ihre Stelle kündigen, weil sie einfach zu schlecht bezahlt werden und etwas Besseres gefunden haben. Das ist dann für die Studierenden besonders schön.

 

Nachtrag: Der höchst sympathische Autor Jim C. Hines („Die Goblins“) hat einen sehr treffenden Beitrag zu der ganzen Hugo-Geschichte verfasst.

Buchempfehlung: „Der goldene Schwarm“ von Nick Harkaway

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Crazy Joe ist gar nicht so verrückt. Zumindest anfangs nicht. Der Uhrmacher, der die Tradition und das Geschäft seines Großvaters fortführt und ein beschauliches, unauffälliges Leben führt, um ja nicht die Tradition seines Vaters fortzuführen, der in London eine Gangsterlegende war, landet durch seinen nicht ganz so betulichen Einbrecherfreund Billy plötzlich mitten in einer Verschwörungsgeschichte, in der ein diabolischer Bösewicht-Diktator nach einem Bad-Hair-Day versucht ihm eine Weltuntergangsmaschine abzujagen, um mit ihrer Hilfe zum Gott aufsteigen zu können.
Hilfe erhält er von einer fast hundertjährigen ehemaligen Agentin, die zwar nicht aus dem Fenster steigt, dafür aber den ungebetenen Schlägerbesuch in ihrer Wohnung mittels Revolver und einzahnigem Hund umnietet. Und dann gibt es da noch die Blümchen und die Bienen, und Polly, die mit Joe dank eines ratternden Güterzugs neue sexuelle Höhen erreicht und ihm aus Dankbarkeit und Verbundenheit tapfer zur Seite steht. Der naive, friedfertige Joe hat keine Chance gegen den Diktator mit seinen Ruskeniten-Kampfmönchen und die skrupellosen Handlanger der Regierung (der man und frau niemals trauen sollte – Niemals!!). Um lebend aus der Geschichte rauszukommen, muss er sich mit der ebenso zwielichtigen wie auch glorreichen Vergangenheit seines Vaters auseinandersetzen.

Endlich mal wieder ein richtiger Abziehbild-Klischeebösewicht wie aus einem Groschenheftroman der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts; so ein Pulpschurke, der bei Rot über die Ampel geht (besonders wenn es kleine Kinder sehen), seine Schuhe mit einem Knoten zu macht, von den letzten zwei Wurstscheiden beide nimmt, Elefanten foltert!, Priester foltert und sich eine über 5 Jahrzehnte dauernde Fehde mit der inzwischen fast hundertjährigen Eide Bannnister leistet. In Zeiten ambivalenter Schurken, denen die Zuschauer und Leser durch clevere Erzählstrukturen und Biographien Empathie entgegenbringen, ist das richtig erfrischende Schwarz-Weiß-Malerei. Trashige Pulp-Literatur, aber mit den erzählerischen Mitteln eines sehr begabten Autors und einer phantastischen Ideenvielfalt, die den Leser auf beinahe jeder Seite förmlich erschlägt.

Dabei ist das Buch nicht ganz so rasant und abgedreht wie Nick Harkaways Erstling Die gelöschte Welt, und es gibt zu meiner Enttäuschung keine Ninjas (dafür besagte Weltuntergangsmaschine). Im Mittelteil hat das Buch auch die ein oder andere Länge, vor allem während Joes Institutionalisierung, trotzdem habe ich es innerhalb weniger Tage verschlungen. Der gemächliche Einstieg über die ersten hundert Seiten, auf denen gar nicht so viel passiert, hat mir trotzdem viel Spaß beim Lesen gemacht. Das war ein gemütlich, fröhlicher Einstieg in eine sich dann rasant entwickelnde Räuberpistole.

Abwechslung erhält der Roman auch durch die zahlreichen Rückblenden, die sowohl Edies abenteuerreiche Lebensgeschichte im Geheimdienst ihrer Majestät erzählen, als auch Joes Familiengeschichte, ohne den eigentlichen Plot zu verlangsamen. Familie ist das richtige Stichwort. Der goldene Schwarm ist vor allem ein Familienroman. Es geht um Väter, Söhne und Großväter, ihr Verhältnis untereinander, Familientradition und Familiengeheimnisse. Joe kann sich nur aus dem Schlamassel befreien, wenn er sich seiner Familiengeschichte stellt.

Anfangs dachte ich noch, das Buch würde in Richtung Neil Gaimans Neverland und China Miévilles Kraken gehen, was sich aber zum Glück als Irrtum rausstellte. Statt sich an diesen großen Vorbildern zu orientieren, zieht Nick Harkaway sein eigenes Ding durch, schafft sein eigenes selbstständiges Universum, das nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Der goldene Schwarm ist ein weiteres rasantes Ideenfeuerwerk voller Fabulierkunst, nicht ganz so abgedreht wie Die gelöschte Welt, aber nicht minder lesenswert.

Ich habe die Übersetzung von André Mumot zwar nicht mit dem Original verglichen, aber sie liest sich sehr flüssig und stimmig, inklusiver kleiner, passender Schrulligkeiten wie dem »Frickelstab«.

Das Einzige, was ich kritisieren könnte, ist der Preis. 19.99 Euro ist doch ziemlich happig für ein Paperback. Da erwarte ich eigentlich ein Hardcover (wobei ich das Buch direkt beim Verlag gewonnen habe). Aber wir können schon froh sein, dass Harkaway überhaupt auf Deutsch erscheint.

P.S. Das auf Deutsch im Knaus Verlag erschienene Buch heißt im Original übrigens The Angelmaker. Auf Englisch ist gerade Nick Harkaways drittes Buch Tigerman erschienen.

P.P.S. Schön, dass man das Originalcover beibehalten hat.

Aktuelles: Phantastische Netzstreifzüge 13

Ich freue mich immer, wenn ich Links zu Themen posten kann, die mit dem Übersetzen zu tun haben. Heute gibt es gleich drei davon. Dazu eine Buchempfehlung zu Hal Duncan, eine Besprechung des aktuellen Captain Future Bands Die Herausforderung, phantastische Filme aus Skandinavien und einen längeren Text von mir, in dem ich einen Film von Arte über Amazon kritisiere.

»Warum ›Groschen‹ und nicht ›Cent‹?« – wurde Ted-Chiang-Übersetzer molosovsky von einer Leserin gefragt. Er hat ausführlich bezüglich dieser Übersetzerentscheidung geantwortet und erklärt, warum es nicht nur um 1:1 Übersetzungen geht, sondern auch die Übertragung von Sprachgefühl und Atmosphäre. Ich sehe es genauso wie molo.

Das Geschäft des Literaturübersetzens – Frank Böhmert äußert sich zur geschäftlichen Seite des Übersetzens und warum es sich lohnt, Mitglied im VdÜ (Verband der Übersetzer) zu sein. Dazu kann ich mich mangels Erfahrung noch nicht äußern.

150 free e-books for translators and interpreters! – Diese mir bisher unbekannte Seite verweist auf eine Zusammenstellung kostenloser E-Books, die für Übersetzer und Dolmetscher interessant sein könnte. Habe die Liste nur kurz überflogen, werde aber nochmal einen genaueren Blick darauf werfen.

Miso Soup at Midnight: Rhapsody: Notes on Strange Fictions by Hal Duncan – Brit Mandelo hat ein theoretisches Buch von Hal Duncan sehr ausführlich besprochen, in dem es wohl darum geht, wann Science Fiction zu Strange Fiction wird. Also so etwas wie seltsame Phantastik. Ich muss den Text nochmal in Ruhe lesen, bin aber neugierig auf Duncans Buch geworden.

Captain Future nimmt „Die Herausforderung“ an – AxelB hat in seinem Blog Kriminalakte nicht nur den aktuellen von Frauke Lengermann übersetzten Captain Future Band besprochen, sondern liefert auch einen kleinen Überblick über die Publikationsgeschichte der nicht mehr ganz jungen Reihe.

Aber die 1940 geschriebene Geschichte bewegt sich mit Sieben-Planeten-Stiefeln vorwärts, ist voller Überraschungen und Ideen über Welten, Wesen und technische Erfindungen, die heute teilweise Alltag sind. Einiges ist aus heutiger Sicht auch herrlich falsch, weil bestimmte Probleme, mit denen Captain Future und seine Männer kämpfen, längst gelöst sind oder kein Problem sind.
Die Sprache steht der Handlung nie im Weg und die Geschichte ist ein wirklich kurzweiliger Spaß mit echten Pageturner-Qualitäten.

 

Skandinavische Film-Phantastik: Sechs Empfehlungen – Anubis empfiehlt 6 phantastische Filme aus Skandinavien. Darunter der obligatorische Let the Right One In, aber auch den Nazi-Zombie-Splatter-Partykracher Dead Snow und den eher ruhigen Troll Hunter. Alles Filme, die auch ich sehr empfehlen kann. In Deutschland bekommt man anscheinen keine ordentlichen Phantastikfilme hin, da kann man sich von den nördlichen Nachbarn noch eine Scheibe von abschneiden.

 

Storyseller – Wie Amazon den Buchmarkt aufmischt – Lief am Donnerstag auf Arte und ist noch bis nächsten Donnerstag im Netz zu sehen. Zeigt einerseits die sehr interessanten Geschichten von drei Autorinnen, die von Verlagen nur Absagen bekamen, dann aber als Selfpublisher sehr erfolgreich wurden. Anderseits ist dieser Film sehr tendenziös und versucht Amazon sehr einseitig als Bösewicht hinzustellen, der nicht nur Buchhandlungen kaputtmache, sondern auch Verlagen das Geschäft und den Autorinnen bei Amazon Publishing Versprechungen mache, die nicht eingehalten würden.

Eine der drei Autorinnen ist Emily Bold, die sich auf ihrer Homepage deutlich und nachvollziehbar von der Darstellung in diesem Film distanziert. In der Frankfurter Rundschau geht Harald Keller auch sehr kritisch mit diesem Film ins Gericht.

Beide bringen zum Ausdruck, was ich auch beim Sehen dachte. Es wird der Eindruck vermittelt, als hätte Amazon die kleinen, unabhängigen Buchhandlungen kaputtgemacht. Kein Wort davon, dass diese Arbeit zuvor schon Buchketten wie Hugendubel und Thalia übernommen haben. Thalia nicht nur indirekt durch enormes Wachstum, sondern teilweise sogar gezielt gegen die kleine Konkurrenz vorgeht. Kein Wort davon, wie hart Thalia bezüglich der Rabatte gegenüber den Verlagen auftritt, oder das ein Platz auf dem Präsentationstisch in einer Buchhandlung, bis zu 15.000 Euro kosten kann. Einer der vielen Gründe übrigens, warum Kleinverlag kaum Chancen haben, in Buchhandlungen verkauft zu werden (höchstens, wenn es einzelne engagierte Angestellte gibt).

Der Film suggeriert, dass Amazon dafür sorgen würde, dass Kleinverlage verschwinden. Die Kleinverlage, die ich kenne, hätten aber ohne die Vertriebsplattform von Amazon kaum keine Chance, weil sie eben wie oben erwähnt kaum die Möglichkeit haben, in Buchhandlungen präsent zu sein.

Die Verleger größerer Verlage, die im Film zu Wort kommen, tun so, als ob sie jedes einzelne Manuskript ihrer Autoren persönlich lesen und jeden Autor persönlich bei der Veröffentlichung betreuen würden. Das gilt vielleicht für einige Topautoren der Verlage, aber die breite Masse der Midlistautoren ist doch froh, wenn der Verlag überhaupt mal irgendwo das Erscheinen ihrer neuen Bücher erwähnt; PR also die Vermarktung wird immer mehr den Autoren selbst überlassen.

Amazon würde dafür sorgen, dass ungewöhnliche und außergewöhnliche Bücher abseits des Massengeschmacks keine Chance mehr haben würden. Aber es sind doch gerade solche Bücher, die nicht zum aktuellen Trend/Hype passen, die sich nicht in irgendeine bestimmte Formel pressen lassen, die bei größeren Verlagen kaum noch Chancen haben. Die bringen lieber immer die gleiche Konfektionsware. Besondere Bücher haben da eher Chancen bei Kleinverlagen, die auf Amazon als Vertriebsweg angewiesen sind, oder als Selbstveröffentlichungen bei KDP (Kindle Direct Publishing)

Im Film wird auch suggeriert, dass Amazon durch den Deal des Tages die Buchpreisbindung unterlaufen würde, was aber nicht stimmt, da beim Deal des Tages nur Bücher aus dem englischsprachigen Buchmarkt verkauf werden.

Das heißt natürlich nicht, dass bei Amazon alles toll ist. Das Unternehmen ist ein Riese, dessen Marktmacht man durchaus mit Skepsis betrachten sollte. Die Buchpreisbindung hält ihn in Deutschland tatsächlich noch ein wenig in Schach und sollte nicht abgeschafft werden. Dass man E-Books, die bei Amazon gekauft werden, nur auf dem kindle lesen kann, ist ärgerlich (auch wenn es mich persönlich nicht stört).

Gedruckte Bücher kaufe ich mir übrigens inzwischen wieder nur in der kleinen sympathischen Buchhandlung. Bei Amazon kaufe ich mir (zumeist) englischsprachige Bücher und vor allem E-Books oder anderen Kram, der nichts mit Büchern zu tun hat. Als Kunde bin ich mit Amazon sehr zufrieden. Da konnte ich bereits 1999 englischsprachige Bücher bestellen, mit denen die lokalen Buchhandlungen hier in der Provinz völlig überfordert waren. Das waren sie übrigens auch mit vielen der Fantasybücher, die ich damals gelesen habe. Es hat ja nicht jeder ein Otherland vor der Tür.

Es gibt sicher noch einiges, das man an Amazon kritisieren kann, mir ging es hier aber darum, deutlich zu machen, wie einseitig und unfair dieser eigentlich interessante Film von Arte ist.

P.S. ich war übrigens überrascht, wie professionell die Buchcover aussehen, die Emily Bold zuhause am PC entwirft. Hat sicher auch zu ihrem Erfolg mit beigetragen.

Buchempfehlung: „Gateway“ von Frederik Pohl

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Gateway ist einer dieser Klassiker, die seit über 10 Jahren auf meiner Leseliste stehen. Die Idee mit dem Gateway, also einem ausgehöhlten Asteroiden, der sich als verlassene Raumbasis der verschwundenen Alienrasse der Hitschi entpuppt, von dem aus man mit kleinen Raumfähren einen vorbestimmten und unbekannten Kurs zu mysteriösen Zielen einschlagen kann, hat mich sofort fasziniert.

Um so größer war meine Überraschung, als sich beim Lesen herausstellte, dass dies zwar die Grundprämisse des Romans ist, es aber eigentlich um etwas ganz anderes geht. Die Prospektoren, die von der Erde kommen und auf Gateway einen Schnellkurs im »Leben riskieren« bekommen, haben viel Geld gezahlt, um in eine der Nussschalen mit unbekanntem Ziel zu steigen. Manche kommen mit Artefakten zurück, die sie unvorstellbar reich machen. Andere fliegen mehrfach, ohne je etwas Brauchbares zu finden. Und ganz Viele kehren überhaupt nicht oder tot zurück.

Aber wie gesagt, das ist nur die Kulisse, der Rahmen. Eigentlich geht es um den Protagonisten Robinette! Broadhead, der in Gesprächen mit seinem elektronischen! Psychiater seine drei Gateway-Flüge aufarbeitet. Er ist das zentrale Thema das Romans, seine Psyche, sein Werdegang; wie er in der Provinz aufgewachsen, in Nahrungsgruben arbeitend, als Nichtsnutz seine Mutter verliert, im Lotto gewinnt und die Chance auf das große Abenteuer und Glück bekommt.

Gateway hat damals 1976 wie eine Bombe in der SF-Szene eingeschlagen. Bis dahin war man vor allem seichte Abenteuer-im-Weltraum-Romane gewöhnt (auch von Frederick Pohl). Eine Geschichte, die sich plötzlich auf das Innenleben der Hauptfigur konzentriert war neu, Pohl literarischen Ambitionen vielen Lesern fremd. Auch ich hatte eher eine klassische Abenteuergeschichte erwartet. Das Gateway mit seinen unbekannten Zielen bietet da viel Potenzial, und dann spielen diese Ziele so gut wie keine Rolle, tauchen nur am Rande auf. Für mich trotz meiner Erwartungen eine positive Überraschung.

Gelesen habe ich die aktuelle Ausgabe von Heyne, die alle drei Gateway-Romane in einem Band versammelt, bisher allerdings nur das erste Buch. Da die beiden Fortsetzungen erst einige Jahre später erschienen sind, wollte ich mir meinen Leseeindruck von Buch 1 nicht durch die Lektüre der restlichen Teile verwässern. Ich werde sie in ein paar Monaten lesen. Und das Vorwort von Terry Bison sollte man zunächst einen Bogen machen und es erst als Nachwort lesen, da es schon zu viel über die Handlung der drei Romane verrät. Momentan ist eine Verfilmung der Serie geplant, die Pohl selbst aber nicht mehr erleben wird, da er im letzten Jahr verstorben ist.

Veranstaltungstipps: Gatherland und Marburg Con

Ich erwähnte schon an anderer Stelle in diesem Blog, dass eine der Sachen, die mir besonders an Berlin fehlt, das monatliche Gatherland-Treffen von Phantastikfreunden im in der Otherland-Buchhandlung ist. Eine gemütliche Runde von Gleichgesinnten, die sich über phantastische Literatur unterhalten. Manchmal gibt es auch Gäste aus dem Ausland. So ist heute Abend ab 19.30 Uhr der amerikanische Autor Dan Wells (Ich bin kein Serienkiller) zu Gast. Ich habe von ihm noch nichts gelesen, will das aber irgendwann noch nachholen. Also, wer von den Berliner Blogleserinnen noch nicht weiß, was er heute Abend machen soll, der kann ja kurzentschlossen im Otherland antanzen.

Am Samstag den 26. April findet in Marburg der Marburg-Con statt. Eine kleine Fanconvention, die wohl vor allem (aber nicht nur für Freunde der Horrorliteratur interessant sein dürfte, da Genreverlage wie Luzifer und Blitz dort vertreten sind und auch der Vincent-Preis verliehen wird.Vorträge und Lesungen gibt es aber auch zu Fantasy und Science Fiction.
Ich bin selbst noch nie in Marburg gewesen und muss mal schauen, ob es mit einer Mitfahrmöglichkeit klappt.

 

Nachtrag: Ich werde den Marburg-Con besuchen.

Und noch ein Nachtrag: Hier gib t es ein Interview mit den Machern des Marburg Con, in dem man erfährt, worum es bei der Veranstaltung so geht.