Freiheit vs. Sicherheit – meine Gedanken zum Freiberuflertum

Freiberufler – das Schönste an diesem Beruf ist der Teil mit dem „Frei“. Und das Gegenteil von Frei ist in unserer demokratischen Gesellschaft meist nicht mehr Gefangenschaft sondern Sicherheit. Und genau darum geht es in diesem Blogeintrag – die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit.

Als Übersetzer arbeitet man nämlich nicht als Angestellter in einem Unternehmen (Verlag), sondern auf eigene Faust, also freiberuflich. Man ist sein eigener Boss, kann sich die Zeit selbst einteilen und arbeiten, wann man will. Gibt es einen schönen sonnigen Frühlingstag, dann kann man die Arbeit auch ruhen lassen und in die späteren Abendstunden verschieben. Mann kann ausschlafen, aufstehen, wann man will und ist sehr flexibel in der Einteilung der Freizeit.

Wer schon mal studiert hat, kennt dieses Leben eventuell schon teilweise. Da gab es zwar feste Arbeitszeiten, wenn man Seminare an der Uni besuchen musste, aber den Hauptteil der Arbeit, wie Texte lesen, Essays schreiben, Hausarbeiten verfassen, recherchieren und für Klausuren lernen, konnte man sich frei einteilen. In den Semesterferien fallen die Arbeits-/Seminarzeiten sogar ganz weg, sofern man kein Praktikum absolvierte oder einem Ferienjob nachging.
Hört sich alles ganz toll an, vor allem nach dem jahrelangen Zwang der Schule. Aber, mit diesen Freiheiten muss man erst einmal klarkommen. Ich vermute, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Hausarbeiten, erst auf den letzten Drücker, also ca. 3 Tage oder weniger vor dem Abgabetermin verfasst werden. Meist, nachdem man zuvor 6 Monate oder mehr fröhlich faul die Ferien genossen hat. Ich habe nicht wenige Studenten kennengelernt, die mit dieser Freiheit nicht zurechtkamen, die Kurve im Studium nicht rechtzeitig gekriegt haben und es abbrechen mussten. Ich habe die Kurve immer noch rechtzeitig bekommen, mein erstes Studium erfolgreich abgeschlossen und befinde mich in meinem Zweitstudium auf einem guten Weg.

Wenn man als Freiberufler arbeitet, sieht es ganz ähnlich aus. Man bekommt einen Auftrag und einen Abgabetermin, aber alles was dazwischen passiert, ist einem selber überlassen. Die Einhaltung der Abgabetermine ist eine der wichtigsten Referenzen für zukünftige Aufträge, deshalb sollte man sie auch unbedingt einhalten.
Um das zu schaffen, bedarf es einiger Selbstdisziplin. Am besten setzt man sich feste Arbeitszeiten bzw. ein Tagespensum, das man unbedingt versucht einzuhalten. Man sollte nicht bis ans Ende der Auftragsspanne warten, bis man anfängt, richtig zu arbeiten, sondern von Anfang an kontinuierlich.

Freiheit = Selbstdisziplin

Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Das hört sich erst mal schön an. In meiner Zeit als Angestellter (Sozialpädagoge in einer Suchtklinik) habe ich es immer gehasst, morgens um 7.00 Uhr aufstehen zu müssen, um dann pünktlich um 8.00 Uhr auf der Arbeit zu erscheinen, um dort dann bis Punkt 17.00 Uhr „festzusitzen“.
Das Schöne war aber, wenn ich nach Feierabend nach Hause kam, dann hatte ich auch wirklich Feierabend. Allein schon aus Datenschutzgründen durften wir keine Arbeit mit nach Hause nehmen. Als Student und auch als Freiberufler gibt es zwar keine festen Arbeitszeiten, aber eben auch keinen festen Feierabend und kein Wochenende. Ich sitze auch schon mal bis nach Mitternacht an einem Text oder einer Übersetzung, und natürlich auch am Wochenende. Vor allem wenn der Abgabetermin näher rückt, ist eine sieben Tage Woche die Regel.

Jetzt kommen wir zum Thema Sicherheit. Als Angestellter ist man in festen Strukturen verankert bzw. gefangen. Man hat Vorgesetzte, Kollegen, Dienstvorschriften usw., aber man hat auch ein festes, regelmäßiges Gehalt und muss sich keine Sorgen um die Krankenversicherung machen.
Als Freiberufler ist man sein eigener Chef, arbeitet zu einem Großteil für sich selbst (bis es dann ans Lektorat geht), hat aber auch keine Sicherheit. Es gibt kein festes Gehalt. Man wird nach Aufträgen bezahlt, und die muss man erst einmal bekommen. Das ist schon richtig Arbeit, bevor es überhaupt ans Übersetzen geht. Man muss sich auch schon um den nächsten Auftrag kümmern, während man am aktuellen sitzt. Sonst könnte es finanziell eng werden. Und dabei muss man auch noch darauf achten, dass sich die Aufträge zeitlich nicht zu sehr überschneiden. Das ist oft ein terminlicher Drahtseilakt.
Eine sichere Lebensplanung mit Familie und Hausbau wird dadurch nicht unbedingt erleichtert. Man weiß ja nie, wie die Auftragslage in einigen Monaten aussieht. Ich kenne einige Übersetzer, die von ihrer Arbeit gut leben können – mit Familie und Haus. Aber ich habe auch welche kennengelernt, bei denen es nicht so rosig aussieht. Die immer am Existenzminimum knabbern, Hartz IV beantragen müssen, oder noch andere Jobs haben.

Das alles sollte man als Berufseinsteiger berücksichtigen. Vor allem am Anfang, kann es finanziell eng werden. Denn man muss sich erst einmal einen Namen machen, um regelmäßig Aufträge zu bekommen. Und beim ersten Auftrag geht man finanziell in Vorleistung, da man erst nach Abgabe der Übersetzung bezahlt wird. Auf dem Berufseinsteigerseminar des deutschen Übersetzerverbandes wurde empfohlen, nur in den Beruf einzusteigen, wenn man über ein finanzielles Polster als Rückendeckung verfügt. (Von der geringen Bezahlung vieler Aufträge will ich in diesem Blogeintrag gar nicht erst anfangen.)

Oft ist es auch so, dass man als Freiberufler sehr viel mehr Arbeitszeit aufbringen muss, um auf dasselbe Niveau zu kommen, dass man als Angestellter verdienen würde. Das gilt auch für andere Branchen. Da muss man schon großen Spaß an der Arbeit haben, um das mitzumachen.

Ob ich einen vollberuflichen Einstieg als Übersetzer, der von seiner Arbeit auch leben kann, schaffe, weiß ich nicht. Momentan bin ich davon noch weit entfernt. Aber ich habe noch zwei Semester Zeit, bis ich mein Studium abschließen werde. Spätestens in einem Jahr wird sich zeigen, wie es für mich beruflich weitergehen wird. Denn dann werde ich es mir nicht mehr leisten können, nur gering oder gar nicht bezahlte Aufträge zu übernehmen. Momentan versuche ich mir damit einen Namen zu machen (bzw. eine vorweisbare Bibliografie), Erfahrungen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und Spaß an der Arbeit zu haben. Ob ich auch das Zeug zum Übersetzer habe, werde ich eventuell in den nächsten Wochen erfahren, wenn ich Probeübersetzungen an zwei kleine, renommierte Verlage abgebe und damit Feedback aus weiteren Quellen bekomme. Morgen werde ich ein Probekapitel bei einem kleinen, aber feinen Berliner Verlag einreichen. Und auch wenn der Verlag nicht damit zufrieden sein wird, werde ich darüber in diesem Blog berichten, da ich auch berufliche Rückschläge den Lesern nicht vorenthalten möchte.

„dreimal Dauerwurst abbrummen“ und andere Übersetzungskuriositäten

Da ich viel lese, stoße ich auch immer wieder auf kuriose Übersetzungen. Bei den deutschen Fassungen von David Baldacci ist das regelmäßig der Fall. In einem etwas älteren Werk wird z. B. der Film „North by Northwest“ als „Nord bei Nordwest“ übersetzt. Als wäre „Der unsichtbare Dritte“ nie in Deutschland erschienen. Wundert mich doch, dass ein so erfahrener Übersetzer diesen Klassiker von Alfred Hitchcock nicht kennt. Aber vielleicht lag der Fehler ja auch im Lektorat.

Von Sport scheint man dort jedenfalls auch keine Ahnung zu haben. Im aktuellen Baldacci „Der Jäger“ ist von einer „Basketballtorwand ohne Netz“ die Rede. Was zum Henker ist eine „Basketballtorwand“? Ich kann ja verstehen, dass sich „Basketballkorb ohne Netz“ für einen Übersetzer blöd anhört, weil es im Prinzip „Korbballkorb“ heißt und doppelt gemoppelt ist, aber so heißt das Teil nun mal. Man kann auch „Basketballkorb, an dessen Ring kein Netz hing“ schreiben, da hängt das Netz nämlich dran. Und für jeden Basketballer (hab mal im Verein gespielt) ist es ein schönes Gefühl, wenn der versenkte Ball dann „sanft“ durchs Netz rutscht, statt durch einen netzlosen Ring zu plumpsen.

Mein Highlight in diesem Buch ist aber der Satz: „Ich soll dreimal Dauerwurst abbrummen.“ Da würde ich doch zu gerne wissen, wie dieser Satz im Original heißt. In der deutschen Ausgabe von „Der Jäger“ steht er auf Seite 387, es ist die Szene in der Knox und Stone im Knast Hofgang bekommen und der Kindermörder Donny ihnen erzählt, wie lange er einsitzen muss – „dreimal Dauerwurst“.

Sollte jemand der dies hier liest die Originalausgabe „Divine Justice“ von David Baldacci haben, wäre ich sehr dankbar, wenn er mal nachschauen könnte, was dort im Original steht und mir dies mitteilt.

Besten Dank im Voraus und bis zum nächsten Eintrag

Markus

P.S. Es beruhigt mich doch ein wenig, wenn ich solche Klöpse auch in den Bestsellern großer und renommierter Verlage entdecke. Da komme ich mir bei meinen Fehlern nicht ganz so deppig vor.

P.P.S. Ich will hier im Blog natürlich nicht über Kollegen lästern, finde es aber kurios und mitteilungswürdig, wenn ich auf solche Sachen stoße. Bis auf die oben genannten Klöpse lesen sich die Übersetzungen von Baldaccis Büchern einwandfrei und flüssig.

Arbeitsaufwand versus finanzielle Vergütung: Was man beim Übersetzen bedenken sollte

Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass ich meine aktuelle Übersetzung beim Verlag abgegeben habe. Doch damit ist es nicht getan. Auf diese eingereichte Fassung stürzt sich nur ein Lektor mit gewetztem Rotstift und nimmt ihn nach allen Regeln der Kunst auseinander. Den rot massakrierten Text erhalte ich dann zurück und schau mir an, was noch zu retten ist. Das heißt, ich gehe seine Anmerkungen und Korrekturen durch und gebe mein Okay oder diskutiere eventuell noch über die ein oder andere Änderung.

Bei uns läuft der Kontakt per E-Mail und Facebook und die Änderungen über Word (Kommentare). Von vielen Übersetzern weiß ich auch, dass sie viel mit ihren Lektoren telefonieren.

Nach meinen erneuten Änderungen und Kommentaren geht der Text wieder zum Lektor zurück. Dann wird die finale Fassung erstellt und gesetzt. Meist bekommen die Übersetzer dann die Druckfahnen noch mal zur Durchsicht, bevor das Buch dann endgültig in den Druck geht.

Warum schreibe ich dies?

Wenn man mit dem Verlag ein Honorar vereinbart, sollte man darauf achten, dass das Honorar nicht nur die reine Übersetzungszeit abdeckt, sondern auch die vielen anderen Arbeiten, die noch nebenher anfallen.

Beispiel (ich halte die Zahlen extra einfach): Für hundert Normseiten (30 Zeilen á 60 Zeichen) Übersetzung erhält man z. B. 10 Euro pro Seite (was eigentlich viel zu wenig ist). Das sind also 1000 Euro für die Übersetzung. Gehen wir mal davon aus, dass man eine Seite pro Stunde übersetzt bekommt (eigentlich zu wenig). Das macht dann 100 Stunden Arbeit. 1000 Euro durch 100 Stunden Arbeit ergeben einen Stundenlohn von 10 Euro (viel, viel zu wenig!!!!, der Preis pro Seite sollte mindestens zwischen 13 und 20 Euro liegen, im Hardcoverbereich kann es schon mal bis zu 24 Euro geben.)

Jetzt kommt das große aber: Mit den 100 Stunden Übersetzungsarbeit ist es ja nicht getan. Danach steht erst die erste Fassung. Die muss dann auf noch mal auf Tipp-, Grammatik-  und Übersetzungsfehler durchgeschaut werden. Das passiert dann zwar auch beim Verlag, aber ich möchte ja keine grauseligen Text abgeben.

In den hundert Stunden ist auch noch nicht die Zeit dabei, die man benötigt, um bestimmte Begriffe zu recherchieren. Übersetzt man einen Wissenschaftsthriller, ein Buch mit vielen Slangausdrücken, einen Seefahrerroman oder sonst was Spezielles, kann noch eine Menge Recherchearbeit hinzukommen, damit man die ganzen Fachbegriffe auch richtig übersetzt.

Ist der Text sprachlich besonders anspruchsvoll, könnte es gut sein, dass man mit einer Stunde pro Seite nicht auskommt, weil man besonders sorgfältig und einfallsreich sein muss, um einen guten Text hinzubekommen. Wenn jemand wie John Irving jahrelang an seinen Sätzen feilt, dann kann man die Übersetzung nicht mal so aus dem Handgelenk schütteln.

Dazu kommt auch noch sonstige Büroarbeit. Rechnungen schreiben, sich um die Steuer kümmern und vor allem, sich um die Akquise kümmern, also darum, dass man neue Übersetzungsaufträge an Land zieht. Das ist alles Arbeitszeit, die man nicht bezahlt bekommt.

Über diese finanziellen Hürden sollte man sich im Klaren sein, wenn sich für diesen Beruf interessiert.

Ach ja, es gibt ja auch eine prozentuale Beteiligung an den Verkäufen. Nach allem, was ich bisher aus Gesprächen mit Übersetzern gehört habe, die schon teilweise 20 Jahre im Beruf sind, erhält man so gut wie nie Tantiemen, die sich wirklich lohnen. Da muss man schon einen Besteller á la Dan Brown, Stephen King oder Terry Pratchett übersetzen.

Im nächsten Blogeintrag geht es dann um die Vor- und Nachteile der freiberuflichen Tätigkeit.

And now for something completly different – Parque Oziel

Ich glaube, mein letzter Eintrag war etwas trocken und langweilig und es ist ja auch auf Dauer etwas eintönig, wenn ich ausschließlich über das Übersetzen schreiben. Deshalb hier ein Auszug aus meiner Diplomarbeit von 2007. 🙂 Was es mit dieser Arbeit und dem Projekt auf sich hat, werde ich dann im nächsten Blogeintrag verraten.

1.2 Parque Oziel
Das Taxi erweckte den Eindruck, dass es jeden Moment auseinander brechen könnte. Mit hohem Tempo holperte und hüpfte es durch die unwegsamen aus rotem Lehm bestehenden Straßen, die voller Löcher, großer Steine und anderen Unebenheiten waren. Zu beiden Seiten von Müll gesäumt, merkte man ihnen an, dass sie ihre Form nach jedem Regenguss veränderten – der letzte war noch nicht lange her.

Nun konnte ich verstehen, dass die ersten beiden Taxifahrer es abgelehnt hatten uns nach Parque Oziel zu fahren. Wenn auch die Angst um ihr eigenes Leben übertrieben war, die um ihr Fahrzeug war es sicher nicht. Nach den asphaltierten und von Hochhäusern gesäumten Straßen von Campinas, die Beleg für die gute  Infrastruktur des Staates Sao Paulo waren, war es, als wären wir durch ein Portal in eine andere Dimension gefahren. Eine Landschaft die man eher auf dem Mars erwartet hätte, wären da nicht die zahlreichen fröhlichen Kinder, die mit den ebenso zahlreichen Hunden spielend durch die Straßen liefen.

Mit einem Selbstbewusstsein, dass ich diesem heruntergekommenen Kleinwagen niemals zugetraut hätte, erstürmte das Taxi einen steilen Hügel, an dessen Ende ein großes, aus Backsteinen und Beton gebautes Gebäude, das mit seinen vergitterten Fenstern im krassen Gegensatz zu den barackenartigen kleinen Wohnhäusern der Favela stand.

Es war die Schule von Parque Oziel. Ein wirklicher Fortschritt zu den Containern, in denen die Kinder vorher wie in einem Backofen gebraten wurden- wir sollten sie noch zu Gesicht bekommen.

Doch noch waren wir nicht an unserem Ziel angekommen. Mit mir im Taxi saßen Thomas und Soleilla sowie Corinta Geraldi. Corinta ist die ehemalige Bildungsministerin von Campinas und jetzige Professorin für Pädagogik an der Unicamp. Eine sehr lebhafte und leicht hektische Frau, die stets drei Sachen gleichzeitig zu machen schien. Sie und ihr Mann Wanderley hatten uns zwei Wochen zuvor sehr herzlich bei sich zu Hause aufgenommen und uns seitdem tatkräftig bei der Verwirklichung unseres Projektes geholfen.

Und nun war es soweit, wir näherten uns zum ersten Mal dem Herzen Parque Oziels. Dem Büro des Canarios, des Bürgermeisters von Parque Oziel. Er ist ein stämmiger Farbiger mit einem konsequenten Händedruck und einem eloquenten Auftreten, der uns sofort herzlich begrüßte. Er führte uns zu dem nahe gelegenen Jugendzentrum der Gemeinde. Das P.A.F. (Projeito para aprendo o Futuro) ist ein einstöckiges einfach gemauertes, graues Gebäude, dass aus einem etwas größeren  Tisch- Tennisraum, einer Küche, einem Gemeinschaftsraum, einer Toilette und einem Computerraum bestand. In letzteren führte uns der Canario. Es war ein kleiner Raum mit alten Computern und einer unheimlichen – aber funktionierenden Klimaanlage- in dem es von der Decke tropfte. Dort zeigten wir ihm ein Video von der kurz zuvor veranstalteten Benefizparty, bei der ca. 3000 Euro für Parque Oziel gesammelt wurden. Nach ein wenig Smalltalk ging es dann zu einer kurzen Führung.

Das erste was mir in Oziel aufgefallen ist, war der Gestank. Denn Abwässer und Müll landen direkt auf der Straße. Auch wenn es nicht geregnet hat, gibt es überall kleine Bäche von Abwässern die die Straßen durchkreuzen und ihre Begehung zu einem sportlichen Hindernislauf machen. Die Kinder störten sich nicht daran, und liefen nur mit Flip Flops bekleidet durch die Gülle.

Wasser – auch Abwasser- läuft ja bekanntlich nach unten, und unten liegt leider auch der Sportplatz – die erste Station auf unserer Führung. Einen kleinen Abhang hinunter und dann in einem schmalen Bach laufen die Abwasser quer über das Spielfeld, und sammeln sich dann in einem sumpfig matschigen Feld – mit dem ich auch noch nähere Bekanntschaft machen sollte – hinter einem der Tore. Die Kinder störten sich nicht daran, auch nicht die Gruppe die bei unserer Ankunft gerade trainierte.

Dies waren meine ersten prägenden Eindrücke von Parque Oziel. Dieser – zu diesem Zeitpunkt – erst neun Jahren alten Gemeinde, die bereits 30 000 Einwohner zählt. Auf 1.500 Quadratkilometern leben 3000 Familien mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Denn diese Hoffnung war es, die die meisten von ihnen nach Campinas brachte. Denn Parque Oziel ist das Ergebnis einer Landflucht aus dem vorwiegend armen Nordosten Brasiliens, die immer mehr junge Menschen in die großen reichen Städte des Südens zieht. Fast ohne Geld, mit wenig Hab und Gut kommen diese Menschen in eine für sie riesige unpersönliche Stadt und begeben sich verzweifelt auf die Suche nach Wohnraum.

Dadurch ist eine ganze Bewegung entstanden: „Movimento Sem Teto“ – „Die Bewegung für Leute ohne Dach“. Diese Bewegung war es, die vor 10 Jahren das brachliegende Land vor den Toren Campinas besetzte und für das Recht dieses zu bebauen kämpfte.

Inzwischen ist Parque Oziel eine der größten Landbesetzungen Südamerikas. Es gibt eine offizielle Schule, eine Krankenstation, einen Kindergarten, ein Jugendzentrum, mehrere Kirchen, gemauerte Häuser, fließendes Wasser und Strom. Alles Dinge die für uns Deutsche selbstverständlich sind, die sich die Bewohner Oziels aber Schritt für Schritt hart erkämpfen mussten. Stellvertretend für diesen Kampf steht vor allem ein Mann. „Canario“ – der gewählte Vertreter von Parque Oziel.

Canario

Als wir mit Jairson Valério dos Anjos durch Parque Oziel gelaufen sind, riefen die Leute ständig „Oi Canario“. Dann machte er kurz halt und hielt mit allen ein Schwätzchen. Er kannte alle mit Namen und hatte immer konkrete Fragen zu ihrem Leben. Er verhielt sich genau so wie man sich bei uns einen gewählten Volksvertreter wünscht.

„Canario“ ist seit 1999 im Amt, und das ist eine erstaunliche Leistung. Denn seine sieben Vorgänger wurden alle erschossen. Irgendwie hat er es geschafft sich mit der organisierten Kriminalität zu einigen. Unter anderem werden an der Schule keine Drogen verkauft. Wie er das geschafft hat verrät er nicht. Wer ihn aber in Aktion erlebt hat, kann es sich ungefähr vorstellen.

„Canario“ ist die Antriebskraft hinter allen Projekten in Parque Oziel. Den ganzen Tag ist er im Dienst der Gemeinde unterwegs – ohne dafür bezahlt zu werden. Den Lebensunterhalt für seine Familie verdient er nachts mit der Reparatur von Kühlschränken. Er ist der geborene Anführer, der es schafft die Menschen mit seinem Charisma und seiner Energie anzustecken. Mit ihm hat Oziel all die Ziele erreicht, die ich weiter oben schon aufgeführt habe.

Während unseres Aufenthalts konnten wir Live miterleben wir er die Bewohner Oziels zu einer spontanen Demonstration – wegen mehrtägigem Ausfalls des Wasser – mobilisierte und mit ihnen Richtung Autobahn zog – mit der Absicht diese zu blockieren. Am Telefon stellte er der Stadtverwaltung ein Ultimatum von zwei Stunden. Und siehe da. Zwei Stunden später rollten Tanklaster mit Wasser durch die staubigen Straßen Oziels.

Auch bei unserem Fotoprojekt hat er eine tragende Rolle gespielt. Aber dazu mehr im Kapitel 4.2 Die Durchführung. Informationen über die wichtigsten Einrichtungen Parque Oziels wie z. B die Kirche, das P.A.F., die Schule usw. gibt es mehr in Kapitel 5.

The King is dead, es lebe der König

Vorgestern habe ich meine aktuelle Übersetzung des Kurzgeschichtenbandes »Jack‹s Magic Beans« von Brian Keene beim Verlag eingereicht.

Die letzte Geschichte in diesem Band heißt ›»The King«, in: YELLOW‹. Die Geschichte ist eine Hommage an »Der König in Gelb« von Robert W. Chambers. In Keenes Fassung geht es allerdings um ein Theaterstück innerhalb der Geschichte. In diesem Stück spielen Schauspieler tote Rockstars (z.B. Janis Joplin oder Jimi Hendrix) die wiederum die Figuren aus dem Stück spielen. Also eine Schauspielerin spielt Janis Joplin, die wiederum die Königin spielt.
Die wichtigste Figur in diesem Stück ist der König, der hier von dem »King« Elvis Presley gespielt wird. Leider ist Elvis auch in Deutschland als »der King« bekannt und nicht als »der König«. Deshalb habe ich mich für den Titel »›Der King‹, in: GELB« entschieden. Hört sich nicht so dolle an und auch die Anspielung auf Chambers geht leicht verloren, aber ich denke, dass trotz aller Zweideutigkeit Keene im Titel leicht augenzwinkernd Elvis meint. Denn mit »GELB« ist hier der Titel des Theaterstücks gemeint, und erst in zweiter Linie die Farbe. Ich könnte aber auch mit »›Der König‹, in: GELB« leben.

Keene lässt seine Figuren gerne mit den Schultern bzw. die Achseln zucken. Gibt es da eigentlich einen Unterschied zwischen Achselzucken und Schulterzucken? Im Englischen gibt es dafür ein Verb. Da heißt es einfach: »Jack shrugged«, was die Vergangenheitsform von »to shrug« ist.
»Jack zuckte die Achseln/Schultern«. Weil es so häufig vorkommt, habe ich versucht, beide Varianten zu verwenden. Gibt es da eine Richtlinie für, oder ist das reine Geschmackssache?
In meiner aktuell abgeschlossenen Lektüre »Rotkelchen« von Jo Nesbo wird immer mit den Schultern gezuckt, während in Harlan Cobens »In seinen Händen« immer die Achseln dran glauben müssen.  (Ich weiß allerdings nicht, was da im Norwegischen steht.)

Bei Harlan Coben taucht übrigens der Begriff »Alte-Jungfern-Brille« auf. Der aufmerksame Leser wird sich an meinen früheren Blogeintrag zum Thema »birth control glasses« erinnern. Ich weiß auch nicht, was da bei Coben im Original steht, aber »alte Jungfern-Brille« erscheint mir etwas altmodisch – wenn auch korrekt.

»batshit-crazy« ist ein Begriff, der mich ein wenig ins Grübeln gebracht hat. Das heißt so viel wie »völlig bekloppt« oder »völlig bescheuert«. Die deutsche Fassung hört sich aber nicht so toll an – nicht so »crazy«. Gestern habe ich den Begriff in einer Folge der vierten Staffel von »True Blood« gehört. Da habe ich auf die deutsche Tonspur gewechselt, um zu hören, was die deutsche Synchro aus dem Begriff gemacht hat. Was haben sie daraus gemacht? Nichts! Die faulen Säcke haben es einfach weggelassen. 🙂

Als Nächstes werde ich etwas für einen Verlag übersetzen, der seit vielen Jahren eine feste Institution im deutschen Horror-Genre ist. Was es ist, darf ich aber noch nicht verraten. Das ist noch streng geheim. Um den Blog trotzdem am Laufen zu halten, werde ich demnächst vielleicht auch ein wenig vom Thema Übersetzen abschweifen, und darüber berichten, was ich sonst noch so mache.