Meine Top Ten des Jahres relativ aktueller Filme:

Uncut Gems
The Sun Is Also A Star
Shoplifters
Parasite
Ex Libris: The New York Public Library
The Half of It
The Farewell
Porträt einer jungen Frau in Flammen
Marlina – Eine Mörderin in vier Akten
Ramen Shop

Und als Bonus noch: A Taxi Driver

Knapp verfehlt haben die Liste »Ford vs. Ferrari«, »1917« u. »Joker«, weil ich am Ende lieber den kleineren Filmen den Vorzug gebe. Klassiker im Rewatch wie »Taxi Driver« oder »Arizona Dream« habe ich weggelassen.

Insgesamt habe ich 150 Filme gesehen. Stärkster Monat war der November mit 21, schwächster der September mit 5. Im November begann mein Rewach aller Bond-Filme, gestern kam ich bei »Octopussy« an.

»Uncut Gems« auf Netflix mit Adam Sandler als Diamantenhändler, der sich durch seine Wettsucht immer tiefer in die Scheiße reitet. Neben dem großartigen Sandler und den eleganten und atmosphärisch dichten Bildern auch eine faszinierende Analogie auf die Finanzmärkte.

»The Sun is Also a Star«: Mitreißendes Drama über zwei Jugendliche, die sich in New York kennen und lieben lernen, denen aber nur ein Tag zusammen verbleibt. Toll gefilmt. So schön sieht man New York selten. Durchaus kitschig, aber manchmal sollte man sich die Zeit zum Träumen einfach nehmen.

In »Shoplifters« geht es auf den ersten Blick um Armut – ein Tabuthema in der japanischen Gesellschaft, weshalb man es eher selten im Film sieht –, doch dann bekommt der Film einen Twist, der die Frage aufwirft, was Familie wirklich bedeutet. Sehr warmherzig und bewegend erzählt.

»Parasite« ist thematisch ähnlich gelagert wie »Shoplifters«, geht das Thema aber als böse Satire an. Ist eleganter gefilmt, dafür weniger warmherzig erzählt. Wird dem Hype nicht ganz gerecht, dafür ist er nicht clever genug geschrieben. Trotzdem ein großartiger Film, der zu keiner Sekunde langweilt.

»Ex Libris: The New York Public Library« von Frederick Wiseman ist eine 3 ½-stündige Doku über die öffentliche New Yorker Bibliothek, die viel mehr leistet als nur Bücher auszuleihen. Das steckt ganz viel wichtige Stadtteil- und Sozialarbeit drin. Wiseman begleitet die Mitarbeiter, aber auch die Leitung bei ihrer Arbeit. Faszinierend und erhellend.

»The Half Of It« ist ein wunderbarer Coming-of-Age-Film in erfrischend anderem Kleinstadtsetting mit eher ungewöhnlicher Figurenkonstellation, der zwar ein paar Klischees aufgreift, sie aber stimmig nutzt, um eine warmherzige Geschichte jenseits der üblichen Genreformel zu erzählen.

»The Farewell« über eine junge Frau, hingerissen zwischen zwei Kulturen, die von den USA nach China reist, um sich von ihrer sterbenden Großmutter zu verabschieden, der man dort ihre Krankheit verschweigt, um ihr die letzten Tag leichter zu machen. Feinfühlig erzähltes Drama mit Sinn für Humor.

»Porträt einer jungen Frau in Flammen«, bewegende, zärtliche Liebesgeschichte zweier Frauen in historischem Setting. Großartig gespielt, mitreißend gefilmt, zu keiner Zeit kitschig, aber auch nie unnötig dramatisiert.

»Marlina«: Großartiger indonesischer Film über eine Frau, die in Notwehr ihre Vergewaltiger tötet. Kein Rachethriller, sondern in wunderschönen melancholischen Bildern inszenierte Neo-Italo-Western über Frauen in einer frauenfeindlichen Gesellschaft.

»Ramen Shop«, wunderbar ruhiger Familienfilm über einen jungen Japaner, der in Singapur seinen Kindheitserinnerungen und der Familie seiner Mutter nachspürt. Gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an die Esskultur des Landes.

Und als Bonus noch:

»A Taxi Driver«, sehr bewegender Film über einen südkoreanischen Taxifahrer, der 1980 den ARD-Reporter Jürgen Hinzpeter ins abgeriegelte Gwangju fährt, wo das Militär ein Massaker verübt. Beginnt humorvoll, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Reread: „Die Gärten des Mondes“ von Steven Erikson

Spiel der Götter 1, Originaltitel: Gardens of the Moon Übers. von Tim Straetmann alias Gerd Rottenecker

Ein Reread, bei dem ich das Buch ebenso begeistert verschlungen haben, wie bei der Erstlektüre an Silvester 2006. Und es bleibt auch in der Top 5 meiner liebsten Fantasybücher.

Die Gärten des Mondes trifft meinen Fantasygeschmack perfekt, mit seinem groß angelegten Panorama, den zahlreichen Fraktionen und Figuren, den Göttern, Dämonen und unterschiedlichen Völkern und Rassen (abseits von Tolkien). Eine Welt, in der jeder Stein, jeder Baum und jede jahrtausende alte Ruine Geheimnisse und Mysterien birgt.

Im Prinzip handelt es sich um Military-Fantasy, in der der Feldzug des malazanischen Imperiums gegen die freien Städte und darunter vor allem Darujhistan im Mittelpunkt steht. Und hier im Besonderen die Brückenverbrenner um Sergeant Elster, eine Sabotage-Truppe, die nicht umsonst an die Black Company von Glen Cook erinnert.

Orientierungspunkt 2 sind die Freunde um den Dieb Crokus in Darujhistan, die uns die Geschichte aus Perspektive der zu Erobernden erleben lässt. Hier wechseln wir zu (fast) klassischer Städtefantasy, mit Dieben und Assassinen, die sich gegenseitig über die Dächer jagen, während Armbrustbolzen klackernd von Mauern und Schindeln abprallen und die Juwelen schöner Adelstöchter die verborgenen Taschen beschweren.

Die großen Schlachten spart sich Erikson für spätere Bände auf, die Eroberung von Fahl bekommen wir nur am Rande mit, mit einem großen magischen Gefecht zwischen den Hohemagier*innen des Imperiums und dem Lord von Mondbrut. Kämpfe finden meist in Form von Duellen und in kleinen Gruppen statt, meist im Verborgenen – und sind in der Regel auch relativ kurz. Zwischen den Zeilen knistert die Magie, neben dem Rascheln beim Umblättern der Seite hören wir schwach eine sich drehende Münze.

Es ist schon ziemlich komplex, was Erikson hier entworfen hat, das Figurenarsenal ist riesig, die Fraktionen und ihre Verbindungen und Intrigen untereinander wirken auf den ersten Blick sehr unübersichtlich. Liest man die Kundenbewertungen bei Amazon, ist es einigen Leser*innen auch zu komplex und verwirrend. Aber man kann Erikson nicht vorwerfen, sich übernommen zu haben, denn es fügt sich alles stimmig in einander, aber dafür muss man aufmerksam lesen und eben auch die Folgebände. Denn vieles, was hier im ersten Band angedeutet wird, ist der Grundstein für die weitere Teile, manches wird erst einige Bücher später aufgegriffen, aber alles folgt einem Plan, Erikson hat die Zügel stets fest im Griff.

Es gibt Vorwürfe, seine Figuren wären flach und wenig ausgearbeitet, ich behaupte das genaue Gegenteil. Trotz des riesigen Ensembles gelingt es ihm, fast jeder wichtigeren Figur mit wenigen (okay, bei Kruppe etwas mehr) Worten und Taten einen ganz eigenen Charakter zu verleihen, auch wenn sich manche Figuren in vielen Eigenschaften ähneln. Ich kann aber auch verstehen, wenn man durch die zahlreichen Perspektivwechsel zu den schier unzähligen Figuren keinen Bezug zum Buch aufbauen kann. Manche brauchen halt ein, zwei Bezugspersonen als Anker, wenn es zu viele werden, verliert man als Leser*in den Halt. In den Folgebänden wird das noch schlimmer, da schon in Band 2 wieder ganz neue Figuren auftauchen werden, und die, an die man sich in Band 1 gewöhnt hat, eben nicht. Wer Endlosserien wegen des Soapcharakters liest, ist hier falsch.

Die Gärten des Mondes ist der Auftakt zu einer (wenn nicht der) gewaltigsten und ambitioniertesten Fantasyserien aller Zeiten, die trotz der großen Dinge, die sich ankündigen, doch auf relativ engem Raum stattfindet, mit vielen unvergesslichen und unterhaltsamen Figuren. Für mich ein fast* perfektes Fantasybuch. Und das zweite Lesen hat auf eine ganz ander Weise Spaß gemacht, eben weil ich viele Andeutungen nun einzuordnen wusste.

Wobei ich bei meinem Erstdurchgang von Malazan nicht über House of Chains hinausgekommen bin. Da hatte ich den Fehler gemacht, von Gerds tollen Übersetzungen auf die englische Fassung umzusteigen, da mir die deutschen Splittbände während meines zweiten Studiums zu teuer waren. An dem Band lese ich jetzt schon seit zehn Jahren und bin gerade mal im letzten Drittel. Deshalb habe ich jetzt im Spiel der Götter noch mal von vorne angefangen und werde nun alle Bände auf Deutsch lesen.

*Meinem Empfinden nach gibt es zu viel Deus-ex-Machina-Momente, in denen wieder jemand durch das Eingreifen höherer Mächte oder bisher völlig unbekannter Fraktionen wie aus dem Nichts gerettet wird. Deshalb »fast perfekt«.