Aktuelles: Phantastische Netzstreifzüge 23

Rezensentische Fehlgriffe – Pieke Biermann wehrt sich gegen aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Kritik in einer Rezension zu einer ihrer Übersetzungen. Sie schildert die ganze Affäre und geht auch konkret auf die vom Rezensenten genannten Beispiele ein. Ein Problem, das wir Übersetzerinnen oft haben, ist, dass man häufig nur eine PDF Datei des Originaltextes bekommt, die vom gedruckten Buch, dank nachträglicher Änderungen abweichen kann. Ist mir gerade mit das Blut der Helden passiert. Da weicht meine PDF-Datei von der Kindle-Version ab, die dem Lektor vorliegt. Da kann es dann Abweichungen geben, wenn ein Leser Original und Übersetzung vergleicht. Ein Rezensent, der eine Übersetzung kritisiert, sollte auf jeden Fall sorgfältig sein, und korrekt aus dem Text zitieren, nicht einfach aus dem Gedächtnis, ohne Seitenangaben. Schließlich will er ja seine Behauptungen auch belegen.

Lost in Animeland: Kino’s Journey – Phantastikautor Django Wexler auf SF-Signal über eine sehr interessante Anime-Serie, die genau nach meinem Geschmack sein könnte. Werde mir bald mal eine Folge auf Hulu ansehen.

Is Ann Leckie the Next Big Thing in Science Fiction? – Danny Wicentowski auf Riferfront Times in einem ausgezeichneten Beitrag über Ann Leckie, in dem er auf ihr Leben, ihr Werk und eine unschöne Sexismusdebatte im amerikanischen Fandom eingeht. Besonder interessant, ist der Teil über die ungewöhnliche Nutzung der Personalpronomen im Roman Ancillary Justice. Ist Ann Leckie als the Next Big Thing in SF. Sieht ganz so aus. Ich fand ihren Roman ganz hervorragend.

The Cloud Roads – Mistkaeferl bespricht auf der BP einen Fantasyroman von Martha Wells:

Bunt, überraschend und verspielt – das sind drei Eigenschaften, die der Fantasy in Zeiten des grauen Zynismus irgendwie abhanden gekommen sind, und vielleicht sind sie ein Grund, weshalb Martha Wells’ The Cloud Roads so begeistert aufgenommen wurde:

Und genau deshalb möchte ich das Buch auch lesen. Grim-and-Gritty-Zynismus gibt es inzwischen zu Hauf, aber Sense-of-Wonder-Fantasy kaum noch. Mir hat von Wells auch schon Necromancer gefallen.

»Lassen Sie mich durch, ich bin Star-Wars-Fan!« – Achim (Gallagher) Hiltrop erklärt uns in einem eindrucksvollen Forenpost worum es bei Star Wars geht. Ist für jeden interessant, der sich damit nicht auskennt, aber mal eine Überblick erhalten möchte.

Fantasy in Animeform – Animario stellt bei den Serienjunkies Animes vor, die sich im Genre der klassischen von Tolkien und Dungeons and Dragons beeinflussten Fantasy bewegen. Da kommt man natürlich nicht an Record of Lodoss War vorbei. Eine Serie, die stark an die Drachenlanze erinnert, die ich aber uneingeschränkt empfehlen kann. Sehr empfehlen kann ich auch Vision of Escaflown. Einer Portal-Fantasy, in der es eine Schülerin in eine Fantasywelt verschlägt, die mit riesigen, mechanischen Battlemechs etwas steampunkiger daherkommt. Lief vor mehr als 10 Jahren mal auf MTV. Insgesamt liefert der Artikel aber nicht mehr, als eine grobe Übersicht mit ein paar Tipps. Könnte ruhig noch mehr in die Tiefe gehen. Es gibt ganz viele Fantasyserien, wie Berserk, Fall of Titans uvm.

2014 Locus Awards Winners – und nochmal Anne Leckie. Die hat jetzt auch den Locus-Award für das beste Debüt gewonnen. In der SF ging der Preis an das Autorenduo James S.A. Corey und in der Fantasy an Neil Gaiman.

 

 

Kurzbesprechungen meiner Lektüre März bis Juni (Teil 2)

Keine Zeit! Keine Zeit! Deshalb nur kurz:

Frank Schätzing – Breaking News
Ein großer Stilist wird Schätzing nie werden, aber das muss er auch gar nicht. Wer schon einmal ein Interview mit ihm gehört hat, weiß, dass er so schreibt, wie er spricht. Im aktuellen Roman hat er sich offenbar Don Winslows Tage der Toten als Vorbild genommen, und schildert einen Jahrzehnte andauernden Konflikt in schnoddrig-zynischem Tonfall. Dabei kombiniert er eine aktuelle, brisante Verschwörungsgeschichte in Thrillerform, mit einer Familiengeschichte im Kontext der Gründung und Entwicklung des Staates Israels. Als roter Faden dient der Werdegang eines Freundes dieser Familie: Arial Sharon.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Schätzing gelingt es gut, die komplexe, kaum zu durschauende und auf westliche Leser vermutlich absurd anmutende Konfliktsituation des Nahen Ostens vor allem zwischen Israel und Palästina darzustellen. Auch wenn man manchmal der Erklärbär überhandnimmt. Kann ich jedem, der sich halbwegs für diesen Konflikt interessiert nur wärmsten empfehlen.
Jörg Maurer – Felsenfest

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Ich mag keine deutschen Krimis (bis auf die Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher). Ich hasse Regionalkrimis. Aber Jörg Maurers Alpenkrimi Felsenfest hat mir richtig gut gefallen. Da geht es um ein Klassentreffen, das in einer Geiselnahme endet (tun das nicht alle Klassentreffen?), an deren Ende alle Lady-Gaga-Masken tragen. Ein Krimi, der das Lokalkolorit mit viel hintersinnigem Humor vermittelt und eine interessante Geschichte mit herrlich verschrobenen Figuren (wie dem Grantler) bietet. Da kann ich mich Denis Schecks Empfehlung nur anschließen.

Michael Chabon – Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay.

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Eine wunderbare Hommage an die Anfangsjahre des Superheldencomics, der vor allem von jungen jüdischen Autoren geprägt wurde. So auch die beiden Helden der Geschichte Sam Clay und Joe Kavalier. Letzterer musste vor den Nazis nach Amerika fliehen, und hofft, mit dem Geld, dass er durch die Comics verdient, seine Familie inklusive seines kleinen Bruders nachholen zu können. Ach ja, Zauberer und Entfesslungskünstler ist er auch noch. Über zwei Jahrzehnte erzählt Chabon auf wundervolle Weise die Familiengeschichte dieses dynamischen Duos und schafft es dabei viele interessante, zeitgeschichtliche Themen mit reinzupacken. Ein Meisterwerk!

Kurzbesprechungen meiner Lektüre März bis Juni (Teil 1)

Eigentlich wollte ich diese Bücher alle ausführlich besprechen, aber mir fehlt die Zeit und ich hinke schon einige Bücher hinterher. Deshalb gibt es leider nur Kurzbesprechungen.

Volker Kutscher – Die Akte Vaterland

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Die Akte Vaterland ist der vierte Teil in der Reihe um den Berliner Ermittler Gereon Rath; inzwischen sind wir im Jahr 1930 angekommen, die SA marschiert in den Straßen und liefert sich blutige Kämpfe mit den Kommunisten. Die parlamentarische Demokratie liegt in ihren letzten Zügen. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Charlie Ritter ist endlich aus Paris zurück. Dummerweise verschlägt es Gereon kurz darauf nach einem Mord im Vergnügungstempel »Haus Vaterland« in die Provinz nach Masuren. Einem Teil deutscher Geschichte, der heute fast in Vergessenheit geraten ist.
Es ist spannend und abwechslungsreich, den eigenwilligen Ermittler mal auf fremdem Terrain zu begleiten. Für die nötige Berlinstimmung sorgt Charlie dann als Undercoverzwiebelschneiderin im Haus Vaterland.

Ein verzwickter Krimi, mit viel deutscher Geschichte, eigenwilligen und unterhaltsamen Figuren und einer tollen Atmosphäre. Um deutsche Krimis mache ich eigentlich einen großen Boden, aber von Kutschers Romanen bin ich schwer begeistert.

 

Anne Leckie – Ancillary Justice

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Großartige Science-Fiction, in der die Hauptfigur ein Raumschiff im Körper einer Frau? Ist, und sich für Ungerechtigkeiten und Intrigen rächen möchte. Sehr entspannt erzählte Geschichte im Military-SF-Kontext, in der es vor allem und die Themen Identität, Geschlecht und Herrschaft geht. Dass alles verpackt Leckie sprachlich und erzählerisch auf eine Weise, wie sie mir bisher noch nicht untergekommen ist. Das Prinzip der Raumschiffe kennt man schon von Banks oder McCaffrey, aber wie Leckie es hier mit dem Thema Identität verknüpft ist schon besonders.
Der Roman räumt momentan zu Recht sämtliche SF-Preise ab. Ausführlichere und bessere Besprechungen gibt es bei Jakob Schmidt und Jim C. Hines. Ancillary Justice wird im nächsten Jahr bei Heyne unter dem nichtssagenden und unsinnigen Titel Die Maschinen erscheinen. Aber immerhin.

 

Chris Web – Nur 6 Tage

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Jugend-SF-Dystopie, in der ganz England von den Russen erobert wurde. Ganz England? Ja, allerdings. Die Überlebenden müssen für die Eroberer den Schutt des Krieges auf der Suche nach einem Artefakt wegräumen. Bietet jetzt für erfahrene SF-Leser nichts Neues, für Jugendliche aber einen gelungenen Einstieg in die Science Fiction, ohne sich auf Krachbumm-Action zu beschränken. Lebhafte Figuren und eine recht interessante Geschichte. Übersetzt wurde es übrigens von Frank Böhmert, in schön schnoddrigem Tonfall.

 

 
Jeff VanderMeer – Anihilation

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Eine Biologin, eine Psychologin, eine Anthropologin und eine Linguistin begeben sich auf eine Expedition in ein Gebiet, in dem Flora und Faune durch eine nicht näher spezifiziertes Ereignis auf teils recht unheimliche Weise verändert wurde, und auch die vier Expeditionsteilnehmer werden durch das Gebiet verändert. Dass sie nur bei ihren Berufsbezeichnungen genannt werden, und nicht bei ihren Namen, hat auch damit zu tun. Einer gelungener, atmosphärisch dichter und psychologisch komplexer Roman, der der mich trotz der relativen Ereignisarmut in seinen Bann gezogen hat. Ein vielversprechender Auftakt für die Southern-Reach-Trilogie, die in diesem Jahr noch im Kunstmann Verlag erscheinen soll. Sprachlich gar nicht so sperrig, wie ich es von VanderMeer erwartet hätte.

 

 

Ted Chiang – Das wahre Wesen der Dinge

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Gute bis herausragende SF-Kurzgeschichten, in denen es häufig um die Beziehung zwischen Mensch, Wissenschaft, Software und sozialen Zwängen geht. Obwohl ich die Meisterschaft seiner Werke erkenne, kann ich mich nicht für alle dieser Geschichten begeistern, da sie mir teilweise zu distanziert geschrieben sind. Am Besten hat mir Der Lebenszyklus von Softwareobjekten gefallen, in der es um die Frage geht, ob sich tamagotchiartige Softwarecharaketeren (so was wie Haustiere) zu echten Persönlichkeiten entwickeln können. Insgesamt kann ich dies bei Golkonda erschienen Kurzgeschichtensammlung nur empfehlen.

 

 

Im nächsten Teil der Kurzbesprechungen geht es in das von mir verhasste Genre des Regionalkrimis, wo es für mich eine handfeste bzw. felsenfeste Überraschung gab.

Lesetipp: Phantastisch 55 erscheint im Juli

Printmagazine, die sich mit phantastischer Literatur beschäftigen, sind schon seit vielen Jahren eine Seltenheit. Das einzig wirklich relevante Magazin, das mehr als nur ein paar kurze Buchbesprechungen bringt, ist die Phantastisch. Ich lese die Phantastisch bereits seit der ersten Ausgabe von 2001.

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Deshalb freut es mich jetzt besonders, das in der Ausgabe Nr. 55, die im Juli erscheinen wird, erstmals ein Beitrag von mir dabei sein wird. Darin geht es um die Lage auf dem phantastischen Buchmarkt in Deutschland; den Rückgang von Neuerscheinungen allgemein, aber auch von Übersetzungen. Ich werde darauf auch noch (ergänzend zum Artikel) hier im Blog genauer drauf eingehen.

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Hier die offiziellen Infos des Verlags:

Im Juli erscheint die Ausgabe 55 der “phantastisch!”, die wie immer unter der Chefredaktion von Klaus Bollhöfener entstand. Das Titelbild stammt diesmal von Volkan Baga. Vorbestellt werden kann die neue Ausgabe bereits hier.

Zum Inhalt:

Interviews:
Bernd Jooß: SASCHA MAMCZAK: “Büchermachen ist eine gesellschaftliche Nische.”
Christian Endres: RAY FAWKES: “Das neue DC-Universum ist ein großartiger Ort für John, um seine einzigartigen Qualitäten zu zeigen.”
Carsten Kuhr: ANDREAS SUCHANEK: “Das Risiko war anfangs immens hoch und ich habe oft gezweifelt.”
Christian Endres: KELLY SUE DECONNICK: “Liebe ist eine natürliche und mächtige Antwort auf Monster.”

Bücher, Autoren & mehr:
Markus Mäurer: Science Fiction und Fantasy: Ein Buchmarkt im Wandel
Christian Hoffmann: Supermänner und Juristen: die paradoxen Welten des Charles L. Harness
Richard Phillips: Exklusive Leseprobe: “Das zweite Schiff”
Sonja Stöhr: Phantastisches Lesefutter für junge Leser
Horst Illmer: Reise an den Rand des Universums
Armin Möhle: Verlorene Paradiese
Sonja Stöhr: phantastisch! im Dialog – Phantastik-Autoren und Social Media
Christian Endres: Revision der ganz Großen
Rüdiger Schäfer: Deutschstunde
Phantastische Nachrichten zusammengestellt von Horst Illmer

Rezensionen:
Thomas Finn “Schwarze Tränen”
Thierry Smolderen, Clérisse Alexandre “Das Imperium des Atoms”
Diana Menschig “So finster, so kalt”
Karl Edward Wagner “Der Blutstein”
David Wong “Das infernalische Zombie-Spinnen-Massaker”
Thomas Thiemeyer “Valhalla”
Arthur Gordon Wolf “Katzendämmerung”
Michael Schmidt (Hrsg.) “Zwielicht” 4
Richard Lorenz “Amerika-Plakate”
Horst Pukallus “Flüsterasphalt”
Samuel R. Delany “Die Bewegung von Licht in Wasser”

Comic & Film:
Steffen Boiselle: Cartoon
Olaf Brill & Michael Vogt: Ein seltsamer Tag – Teil 14
Max Pechmann: Fotomodels leben gefährlich

Story:
Kij Johnson: “Ponys” (Übersetzung: Christian Endres)

 

Meine Gedanken zur Fußball-WM 2014 in Brasilien

Als Erstes werde ich mein Verhältnis zum Fußball erklären, dann mein Verhältnis zu Brasilien und im letzten Teil dann schreiben, was ich von der WM und ihren Begleitumständen halte.

Der Fußball und ich

Fußball spiele ich schon mein ganzes Leben. Angefangen habe ich in der E-Jugend und habe mit größeren und kleineren Unterbrechungen bis vor ein paar aktiv im Verein gespielt. Hätte ich keine Knieprobleme, ich würde auch noch weiter spielen. Als Kind war ich Riesenfan von Bayern München (soviel zum Thema: Wir waren als Kinder schon scheiße), mit Fahnen, Trikots, Handtüchern und Wimpeln. Bin mit meinem Vater und anderen gelegentlich zu Spielen gefahren, und habe natürlich vor allem die Klebebildchen von Panini gesammelt. Sowohl von der Bundesliga als auch den Weltmeisterschaften. Wenn WM war, sind wir Hilgerter Rotzlöffel immer mit einem dicken Stapel doppelter Bilder, die von einem Gummi zusammengehalten wurden, in der Tasche rumgelaufen, und haben zu jeder Gelegenheit die Stapel der anderen mit gierigen Blicken durchforstet, in der Hoffnung eines der wenigen fehlenden und seltenen silbernen Bilder mit der Nationalflagge zu ergattern.

1998, nach der WM in Frankreich hab ich das Interesse an professionellem, kommerziellem Fußball schlagartig komplett verloren. Es war wie eine Erleuchtung, die mich traf, dass mich dieser Schwachsinn, der den Fan-Deppen nur das letzte Geld aus der Tasche ziehen soll, eigentlich gar nicht interessiert. Danach habe ich nur noch in meinem Team in der Kreisklasse gekickt und überhaupt nicht mehr Fußball im TV gesehen.

Irgendwann kam zumindest das Interesse an Weltmeisterschaften wieder zurück. Es hat doch seinen Reiz mit den verschiedenen Mannschaften im Turnier mitzufiebern. Das sind schon besondere vier Wochen im Sommer (zumindest in unserer nördlichen Hemisphäre). Wobei ich in den letzten Jahren immer mehr die Berichterstattung über die Fifa verfolge, bzgl. Korruption, Knebelverträge, Gigantismus usw., was mir den Spaß an diesem Turnier auch wieder halbwegs verdirbt (aber dazu später mehr).

Brasilien und ich

Wer diesem Blog schon etwas länger folgt, könnte mitbekommen haben, dass ich eine gewisse Vorliebe für das Land Brasilien hege. 2006 bin ich während meines Sozialpädagogikstudiums für neun Wochen dorthin geflogen, um in der Millionenstadt Campinas (wo die Portugiesen ihr WM-Lager haben) nahe São Paulo ein Praktikum zu absolvieren. Es wurde ein Fotoprojekt mit Jugendlichen in einer Favela. Genaueres kann man hier nachlesen: “Vom Wesen der einfachen Dinge“ Das Leben in der brasilianischen Favela Parque Oziel/Campinas aus der Perspektive von Kindern

Es war mit die schönste und aufregendste Zeit meines bisherigen Lebens. Wir (Leah, Thomas und ich) sind dort superfreundlich in Gastfamilien aufgenommen worden, haben viele Freunde gefunden und viel über das Land und seine Probleme gelernt. Betreut wurden wie von der ehemaligen Bildungsministerin von Campinas und ihrem Mann (einem bekannten Sprachwissenschaftler), die in einer Penthouse-Wohnung leben, die die gesamte Etage des Hochhauses einnimmt. In den drei Nächten, die ich dort verbracht habe, konnte ich nachts vom Fenster aus den Drogenhändlern bei ihrer Arbeit im Park vor der Haustür zusehen. Einen Großteil der Zeit habe ich in einer Gastfamilie aus der unteren Mittelschicht gelebt, die zwar ein eigenes Haus hatten, aber bei ihren Ausgaben immer genau nachrechnen mussten, ob sie es sich auch leisten können. Zwei Wochen haben wir auch in São Paulo bei unserem Freund Badah gewohnt, einem junge Brasilianer mit einer gewaltigen Comicsammlung, die viel zu groß für die sehr beengte Wohnung war. Und wir sind natürlich mit unserem Projekt in der Favela gewesen, haben dort gearbeitet, Fußball und Ping Pong gespielt, viel gelacht und auch bei den Leuten zu Hause gegessen. Wir haben also aus erster Hand mitbekommen, in welch ärmlichen Verhältnissen diese gastfreundlichen Menschen leben.

Hier ein paar Bilder:

Und hier ein Bild des Fußballplatzes auf dem wir trotz seiner Unebenheiten und der Abwässer, die sich in der hinteren Ecke in einem sumpfigen Bereich sammelten, jede Menge Spaß hatten.

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Leider habe ich es seit 2006 nicht mehr nach Brasilien geschafft, habe aber dank Facebook immer noch Kontakt zu meinen Freunden von damals und von mehreren auch schon Besuch hier in Deutschland erhalten.

Die WM der Fifa, die Proteste des Volkes und die Probleme des Landes

In den zahlreichen Berichten über die Proteste in Brasilien heißt es immer, das sei die neu erwachte Mittelschicht, die dank des durch Lula ermöglichten Wohlstands (also einem Leben über der Armutsgrenze) nun plötzlich die Ungerechtigkeiten im Land entdecken würden und es sich auch leisten könnte, demonstrieren zu gehen.

Blödsinn. Auch die Menschen in den Favelas, die in Armut oder ärmlichen Verhältnissen leben sind sich dieser Ungerechtigkeiten bewusst und bereit etwas dagegen zu unternehmen. Die Favela Parque Oziel, in der ich 2006 mein Projekt durchgeführt habe, ist eine sogenannte ocupação, also okkupiertes Land; brachliegendes Land, das sieben Großgrundbesitzern gehörte, und von den Bewohnern besetzt wurde. Aus der Not heraus sind sie aktiv geworden – viele von ihnen auch aktiv in der Landlosenbewegung – und haben etwas gegen ihre Obdachlosigkeit getan. Häuser errichtet, eine Kirche, ein Jugendzentrum, für eine Schule gekämpft, für Stromversorgung und auch für Wasser.

 

Eines Morgens, als wir wieder für unser Projekt in die Favela kamen, gab es eine Gemeindeversammlung, weil kein Wasser aus den Leitungen kam. Man entschied sich spontan für einen Protestzug durch die Gemeinde, bis zu angrenzenden Autobahn – die als Hauptstrecke von Campinas nach São Paulo die wichtigste Verkehrsader der Region ist – um der Stadtverwaltung zu drohen, diese dichtzumachen, wenn nicht innerhalb von zwei Stunden etwas bezüglich der Wasserversorgung geschehe. Kurz darauf kamen die ersten Laster mit Frischwasser.

Das ist natürlich nur ein lokal begrenzter Protest gewesen. Verändert hat sich inzwischen wohl die Intensität der Proteste sowie die Teilnehmerzahl. Ob das ein neu erweckter Gemeinschaftssinn in der brasilianischen Gesellschaft ist, vermag ich aus der Distanz nicht zu beurteilen. Gut möglich.

Die Brasilianer protestieren nicht gegen die Fußball-WM bzw. den Fußball, sondern gegen die massive Geldverschwendung (10 Milliarden Dollar) für gigantische Stadien, die nach den paar Spielen kein Mensch mehr braucht; gegen Korruption, gegen die sozialen Ungerechtigkeiten, die hohen Buspreise, die marode Gesundheitsversorgung und schlechte Ausstattung in den Schulen. Alles Sachen, für die man 10 Milliarden Dollar gut gebrauchen könnte. Aus dem versprochenen Ausbau der Infrastruktur zur WM ist nichts geworden. Die lokale Wirtschaft wird auch nicht angekurbelt. Stattdessen werden die kleinen Straßenhändler aus den Zonen um die WM-Stadien von den Fifa-Nazis vertrieben, die sicherstellen wollen, dass nur die ausländischen Sponsoren von der WM-Sause profitieren. Die Fifa selbst erwartet einen Gewinn von 3 bis 4 Milliarden Dollar, aus den 10 Milliarden, die von den brasilianischen Steuerzahlern investiert wurden.

Wohnhäuser, Gemeindezentren und Schulen wurden abgerissen, damit die von der Fifa geforderten Parkplätze um die Stadien gebaut werden konnten. Das Herz des brasilianischen Fußballs, das Maracana-Stadion (in Rio), das ein einzigartiges Bauwerk war, hat man zu einem austauschbaren, seelenlosen Fifa-Tempel umgebaut. Hier konnten sich früher selbst die ärmsten Brasilianerinnen für wenige Centavos eine Eintrittskarte leisten. Das war wirklich ein Stadion des Volkes. Jetzt gibt es nur noch VIP-Logen und teure Sitzplätze, die sich die Mehrheit der Brasilianer nicht leisten können (geschweige denn das Busticket zum Stadion).

Dass die Fifa durch und durch korrupt ist, und sich alle vier Jahre auf Kosten der Gastgeberländer bereichert steht außer Frage. Der eigentliche Skandal ist, dass die Politik der einzelnen Länder diese Ausbeutung auch noch mitmacht und praktisch das eigene Volk an geldgierige Funktionäre und multinationale Konzerne verkauft. Wie können die Brasilianer noch fröhlich die WM feiern, wenn sie wissen, dass ihnen dafür ein Vermögen aus der Tasche gezogen wurde, mit dem man viele gravierende Probleme hätte beheben können?

Ich finde es gut, dass in den deutschen Medien so ausführlich über diese Problematiken und deren Hintergründe berichtet wird. Gerade auch in ARD und ZDF, die ja die WM-Spiel übertragen werden. Auch über den DFB wird kritisch berichtet, dem die ganzen Hotels in Brasilien nicht fein genug waren, und der sich ganz in kolonialistischer Tradition gleich ein eigenes Hotel mit Fußballplatz mitten in ein Naturschutzgebiet gebaut hat. Ich weiß aber auch, dass das alles vergessen sein wird, sobald das erste Spiel angepfiffen wird. Dann wird die WM auch bei den zuvor kritischsten Berichterstattern zu dem kommerziellen Wohlfühl-Entertainmentevent, das es ist. Dann werden die Kameras nur noch auf den schönen Schein draufhalten.
Wie einfach es ist, die grausame Realität durch das Opium fürs Volk Fußball zu vernebeln, zeigte letzte Woche die eindrucksvolle und bedrückende Dokumentation Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth Käsemann (hier geht es zur Doku). Die junge deutsche Frau wurde 1977 von argentinischen Militärjunta entführt und gefoltert, während die deutsche Regierung und der DFB der Diktatur mit einem Freundschaftsspiel in den Arsch krochen und nichts für ihre Freilassung taten, obwohl sie wussten, dass sie einem Folterzentrum gefangen gehalten wurde. Am 24. Mai wurde Elisabeth Käsemann von einem Erschießungskommando hingerichtet. Deutschland gewann am 5. Juli 3:1 gegen Argentinien.

Werde ich die WM boykottieren? Nein, was würde das bringen? Da ich kein Quotenmessgerät im Wohnzimmer stehen habe, bekommt kein Schwein mit, ob ich mir die Spiele hier anschaue oder nicht. Da mache ich lieber etwas, dass auch andere erreichen kann. Wie z. B. diesen Blogeintrag schreiben.

Aktuelles: Phantastische Netzstreifzüge 22

Da sich wieder einige Links angesammelt haben und ich noch einige Blogeinträge für das Wochenende geplant habe, fasse ich mir hierzu kurz.

Why Horror is Good For You (and Even Better for Your Kids) – Greg Ruth stellt eine interessante These auf, die sagt, dass Horrorgeschichten für Kinder durchaus auch positive Effekte haben können. Natürlich jetzt kein brutaler Splatterpunk, aber gepflegter, halbwegs kindgerechter Grusel. Sollt man meiner Meinung nach aber nicht pauschalisieren, sondern als Elternteil bei jedem Kind individuell betrachten. Mir hat es jedenfalls nicht geschadet (hoffe ich mal), dass ich auch schon im Alter von 10+ Jahren Horrorfilme und Bücher konsumiert habe. Manche Schlüsse von Ruth teile ich aber nicht. Ob der Horror in der Fiktion wirklich auf die Schrecken des Lebens vorbereiten kann …?

Sigrid Löffler auf Literatursafari – Anubis (auf Lake Hermanstadt) über das merkwürdige Verhältnis der Literaturkritik gegenüber der literarischen Realität abseits des deutschen Elfenbeinturms. Der Artikel ist auch interessant für jene, die sich für afrikanische Literatur interessieren.

 THE CAGE – Prehistory – Brian Keene darüber, wie seine Novelle The Cage entstanden ist (er hat selbst im Elektromarkt gearbeitet), die ich unter dem Titel Eingesperrt ins Deutsche übersetzt habe. War meine erste Übersetzung.

eingesperrt

 

 

 

 

Neue Bücher Juni 2014 – Fantasybuch.de stellt wieder die deutschsprachigen phantastischen Neuerscheinungen des Monats vor. Die Brücke der Gezeiten würde mich ja interessieren, wenn es nicht ein gesplitteter Band wäre. David Hair werde ich mir dann lieber mal im Original holen. Ansonsten interessiert mich da nicht viel. Vielleicht noch der Klassiker Schwerkraft von Hal Clement.

Looking for Science Fiction, Fantasy and Horror Books Coming Out in June 2014? Here’s 276 of Them! – SF-Signal stellt die englischsprachigen Neuerscheinungen des Monats vor. Da interessieren mich nach einer ersten flüchtigen Durchsicht zwei Titel:
Shield and Crocus von Michael R. Underwood und The Last Page von Anthony Huso, welches aber bereits 2010 im Hardcover erschien.

Moral und Gewinne: Amazon, mal wieder. – Zoe Beck in einem klugen Beitrag über das aktuelle Gebashe gegen Amazon. Kann ich alles unterschreiben, nur als Kunde finde ich es nicht schön, wenn ich länger auf bestimmte Bücher warten muss, nur weil Amazon seine Bedingungen gegenüber einem Verlag durchsetzen will. Da ist der lokale Buchändler (den ich sowieso lieber unterstüzte) plötzlich schneller. Mal abgesehen davon, dass Amazons Bearbeitungszeiten in den letzten Monaten sowieso immer länger werden. Ich vermute mal, um mehr Kunden in das Prime-Angebot zu locken.

Another Word: Chasing the High – Schriftsteller Daniel Abraham in einem unterhaltsamen Artikel darüber, wie gearscht man sein wird, wenn man sich entscheidet, Schriftsteller zu werden – egal was passiert. Einen hab ich auch noch: Wenn die erste Fantasyreihe in deutscher Übersetzung floppt, der Verlag aber trotzdem die nächste bringen möchte – einfach weil sie gut ist – ist man gearscht, weil der Verlag einem einen neuen Nachnamen verpasst, damit man die neuen Bücher nicht mit den Ladenhütern aus der ersten Reihe in Verbindung bringt.

Moby-Dick und seine Übersetzer – Okay, der Artikel ist schon aus der Literaturbeilage der Zeit von 2001, aber ich kannte ihn noch nicht. Ist für alle interessant, die sich für Übersetzungen, das Problem mit der »richtigen Übersetzung« und Moby Dick interessieren.

Why translators deserve some credit – Der erfolgreiche und vielübersetzte britische Schriftsteller Tim Parks darüber, warum Übersetzer mehr Beachtung und Würdigung verdienen. Interessantes Detail:

Some years ago Kazuo Ishiguro castigated fellow English writers for making their prose too difficult for easy translation. One reason he had developed such a lean style, he claimed, was to make sure his books could be reproduced all over the world.

Ishiguro denkt also beim Schreiben schon an die armen Übersetzer, die sein Werk übersetzen müssen. Finde ich super!

Why I’m sending 200 copies of Little Brother to a high-school in Pensacola, FL – Cory Doctorow darüber, dass an einer Schule in Florida sein ausgezeichnetes Buch Little Brother aus dem Sommerleseprogramm genommen wurde. Besorgte Eltern, profanity, Infragestellen von Autorität und blablabla. In dem Buch gibt es weder vulgäre Sprache noch explizite Darstellung von Sexualität. Die Art, wie Autorität in dem Buch infrage gestellt wird, ist die, die einen zum mündigen Bürger macht.

 

 

Veranstaltungstipp: Sergej Lukianenko im Otherland Berlin

Nachtrag: Ralf berichtet von der Lesung.

 

Am Donnerstag den 5.6. liest der russische Schriftsteller Sergej Lukianenko 19.00 Uhr in der Otherlandbuchandlung in Berlin.

Lukianenko ist vor allem als Autor von Wächter der Nacht und den Fortsetzungen bekannt. Ich habe nur den ersten Teil gelesen, den ich ganz nett fand, aber auch nicht mehr. Weltengänger fand ich durchwachsen, aber Spektrum hat mich richtig begeistert. Dieser SF-Roman, in dem man zu anderen Welten reisen kann, indem man dem Torwächter eine originelle Geschichte erzählt, ist ein Feuerwerk an Idee und wilder Fabulierkunst. In den letzten Jahren habe ich seine Werke nicht mehr so verfolgt.

Er hat sich wohl sehr kurzfristig angekündigt, und das Otherlandteam scheint selbst (erfreut) überrascht zu sein, dass Lukianenko dort aufschlagen möchte. Das ist einer dieser Momente, in denen es mir sehr fehlt, in Berlin zu wohnen.

 

 

 

 

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