Aktuelle Musik, die mich begeistert (1/x)

Es gibt eine Studie von 2018, nach der bei den Deutschen mit dem 31. Lebensjahr musikalischer Stillstand eintreten soll. Also, dass man ab dann keine neue Musik mehr für sich entdecke. Es war, glaube, ich Douglas Adams, der mal gesagt haben soll, alles, was nach dem 30. Lebensjahr erschaffen wird, würde man scheiße finden, oder so ähnlich (kann das Zitat nicht mehr finden).

Ich kenne tatsächlich viele Menschen in meinem Alter (bin 41) und darüber, die musikalisch nur das Zeugs von früher hören. So eine Phase hatte ich auch. Für einige Jahre haben ich nur neue Musik gehört, wenn sie von Musikern kam, die ich schon im alten Jahrtausend oder vor meinem 30. Lebensjahr gehört habe: Nick Cave, Radiohead, Faith No More usw. Da hatte ich auch dieses Gefühl, dass keine gute neue Musik mehr erscheint. Was natürlich Bullshit ist. Das nennt man wohl Altwerden.

In den letzten Jahren und vor allem in der letzten Zeit hat sich das stark geändert (Midlife-Crisis?), und ich entdecke immer wieder tolle neue Musik, vor allem von Musikerinnen. Schaue ich auf meine CD-Sammlung, findet sich dort zu 80% Musik von Männern. Die Ausnahmen sind Björk (von der ich schon immer jedes neue Album gekauft habe), Tori Amos, Fiona Apple und vereinzelte CD von Sängerinnen wie Jewel, Nelly Furtado; Yael Naim oder Shakira.

Mein Musikgeschmack vor dem 30. Lebensjahr bestand zu 70% aus Rockmusik. Erstaunlicherweise entdecke inzwischen kaum noch neue Rockmusik für mich, sondern vor allem poppigere Sachen, die ich als junger Mann nie gehört hätte. In seinem Video What Killed Rock & Roll?? vertritt Rick Beato die These, dass das Verschwinden der Blues-Einflüsse dafür verantwortlich sei.

Und er hat nicht ganz unrecht. Schaut man sich die Headliner der großen Rockfestivals der letzten Jahre, finden sich dort fast ausschließlich Bands aus dem letzten Jahrtausend: Foo Fighters, Metallica, System of a Down, Green Day, Tool, Rammstein, Slpknot, Muse, Black Sabbath, Kiss usw. Während bei Hip-Hop-Festivals vor allem aktuelle neue Musiker headlinen.

Es gibt natürlich immer noch gute neue Rockmusik, aber diese Bands erhalten keine Aufmerksamkeit und gehen, wie man auf den Postern zu Rockfestivals sieht, im Kleingedruckten unter, während die Rock-Dinosaurier immer noch das Geschäft dominieren. Und es sind natürlich die Fans, die immer nur ihre alten Helden mit den alten Hits hören wollen, während sich die neueren Generationen anderen Musikgenres zugewandt haben (die Spotify-Charts sind eindeutig). Software wie Autotune und Melodyne haben mit der einhergehenden digitalen Perfektion der Musik im Studio sicher auch ihren Beitrag geleistet. Zeichnete sich die Musik vor den 2000ern noch durch ihr menschliches Element aus, das für kleine Nuance sorgte, die den Sound „imperfekt“ und eigen machte, und für Blues essenziell ist.

So viel dazu, warum meine Generation+ nicht viel mit aktueller Musik anfangen kann. Kommen wir zum Positiven: der neuen tollen aktuellen Musik

Billie Eilish

Auf dem Radar habe ich Billie Eilish schon seit ca. 2. Jahren, fand sie schon immer originell, konnte aber zunächst nichts mit ihrem „breathy“ Gesang anfangen. Erst durch Reaction-Videos von Vocal-Coaches bin ich darauf aufmerksam geworden, wie viel Kunstfertigkeit und Können in ihrer Art zu singen steckt. Was mich dazu gebracht hat, mich näher mit den einzelnen Songs auseinanderzusetzen. Für manche, wie My Future, habe ich etwas länger gebraucht, bis sie mir gefallen haben, dann aber so richtig. Andere, wie All The Good Girls Go To Hell, mochte ich vom ersten Ton an.

Eilishs Song (produziert von ihrem Bruder Finneas) klingen poppig genug, um erfolgreich zu sein, und bei den Grammys abzuräumen, haben aber doch etwas ganz Eigenes, Kantiges, dass sie vom Rest abhebt. Dazu die originellen Videos und Billie Eilishs Auftreten, das offen und ehrlich wirkt. Läuft bei mir seit zwei Wochen in Heavy Rotation und heben meine Laune erheblich.

My Future: Dieser jazzige Sound, die ruhige Melodie, der hervorragende Text, mit dem ich mich auch als 41-jähriger noch gut identifizieren kann: großartig.

Die Uptempo-Musik mit Westcoast-Sound á la Dr. Dre kombiniert mit ihrem typischen Gesang, der hier noch eine Spur lässiger daherkommt, während er ein ernstes Thema behandelt (Klimakrise), machen All The Good Girls Go To Hell zu einem meiner Lieblingssongs von ihr. Mir gefällt aber auch das komplette Album When We All Fall Asleep, Where Do We Go und einige der älteren Songs.

Dass die Lieder auch gut ohne das ganze elektronischen Brimborium funktionieren, zeigen ihre kleinen Liveauftritte, wie hier beim Tiny Desk Concert.

Arlo Parks

Die junge britische Musikerin Arlo Parks ist schon seit ca. 2 Jahren im Gespräch, mir ist sie erst letzte Woche anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütalbums Collapsed Into Sunbeams (ein Zitat einer meiner Lieblingsautorinnen Zadie Smith) richtig aufgefallen. Entspannter jazziger Sound mit Trip-Hop-und-Thom-Yorke-Anleihen, dazu ihre Wahnsinnsstimme, die absolut unverkennbar ist. Und Parks ist eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin, wie z. B. Caroline zeigt, über einen Beziehungsstreit auf offener Straße:

Caroline, I Swear To Good I’ll Try

Neben Black Dog ist wohl Hurt mein Lieblingssong von ihr. Der hat den originellsten Sound und den besten Flow des Albums. Depression, Schmerz und schwere Zeiten sind große Themen von Arlo Parks.

Phoebe Brigders

Ihr Album Punisher habe ich erst einmal gehört, kann das noch nicht so gut beurteilen, Kyoto, der Song über die schwierige Beziehung zu ihrem alkoholkranken Vater ist aber großartig und kommt trotz des schweren Themas irgendwie fröhlich daher.

Lorde – Liability

Kürzlich in der zweiten Special-Folge von Euphoria gehört (in der auch Billie Eilishs und Rosalias Lo Vas A Olvidar zu hören war). Hat mich daran erinnert, was für eine tolle Songschreiberin Lorde ist.

Jinjer

Um auch etwas Rockmusik (bzw. Metal) in der Liste zu haben, hier die 2009 in der Ukraine gegründete Band Jinjer, die mit Pisces 2017 einen großen Youtube-Hit hat, den ich hier aber jetzt extra nicht einbette. Lieber das aktuellere Judgement (& Punishment), wo sich Reaggea-Elemente mit dem typtischen Schreigesang von Tatiana Shmayluk abwechseln.

Jelly Roll

Ist vor allem allem als Rapper bekannt, der Themen aus der weißen Unterschicht der USA und aus seinem Leben behandelt. Zwar hat er schon immer auch gute Gesangspart in seinen ausgezeichneten Rap-Parts eingepflegt, aber mit einer so herzzerreißend guten Stimme wie in Save me hat man ihn wohl noch nicht gehört.

To be continued …