Ein paar Gedanken zu Sarah Kendziors „Hiding in Plain Sight“

Donald Trump sei kein Faschist, schreibt Sarah Kendzior, sondern ein autokratischer Kleptokrat. Also jemand, der sein Amt sehr autoritär und autokratisch (fast diktatorisch) ausübt, es aber vor allem nutzt, um sich, seine Familie und seine Mitverschwörer zu bereichern. Faschisten folgen einer Ideologie, sind an einer starken Nation interessiert. Trump will die USA zerstören, um sich die kostbarsten Trümmerstücke unter den Nagel zu reißen. Katastrophenkapitalismus nennt Naomi Klein das.

Mit solchen Kleptokraten kennt Sarah Kendzior sich aus, sie hat sie zehn Jahre lang studiert, vor allem in ehemaligen Sowjetstaaten wie Usbekistan. Sie kennt die Mechanismen; den populistischen Aufstieg; die Verteufelung der Medien; die Verdammung aller, die anderer Meinung sind; die systematische Verbreitung von Lügen, die als Wahrheit verkauft werden, während Fakten als Lügen gebrandmarkt werden, und am Ende niemand mehr an die Wahrheit glaubt, aber alles, was gelogen ist, wenn es ins eigene Weltbild passt. Kendzior kennt den schleichenden Abbau der Demokratie, die Zerstörung demokratischer Institutionen und Strukturen, das martialische und repressive Auftreten der Sicherheitsbehörden, die Unterminierung der Wissenschaft und die kriminellen Machenschaften, die Teils hinter den Kulissen, teils völlig schamlos in der aller Öffentlichkeit ablaufen.

Kendzior warnt seit Jahren davor, dass die USA sich in genau diese Richtung entwickeln, warnt seit Jahren (schon lange vor 2016) vor Donald Trump. Seine Präsidentschaft war kein kurioser Unfall, kein Versehen, um bessere Einschaltquoten zu bekommen. Sondern seit den 1980ern Jahren geplant, von Trump, seinem Mentor Roy Cohn (†1986) und dem Schurken Roger Stone. Die alle zusammen schon seit Jahrzehnten mit der russischen Mafia verbandelten sind, die wiederum Trumps Immobilienprojekte zur Geldwäsche nutzt.

Hiding in Plain Sight zeichnet diese Entwicklung von den 1980ern bis heute präzise und scharfsinnig nach und analysiert die Zustände, die dazu führen konnten, dass sich die USA zu einer Bananenrepublik entwickelt haben, die jetzt von gewissenlosen Kriminellen hemmungslos geplündert wird, während die Bevölkerung immer weiter in die Armut abrutscht (wenn sie denn Covid-19 überhaupt überlebt) und wie Infrastruktur, Bildungswesen und Wissenschaft zerschlagen werden. Am Ende wird das Land in Trümmern liegen, die Demokratie weltweit bedroht sein und der Planet auf Grund der Klimakatastrophe immer unbewohnbarer werden (siehe Kalifornien aktuell).

Besonders interessant ist Kendziors Beobachtung, dass Donald Trump sich immer dann in Interviews besonders dämlich gibt, wenn kurz zuvor eine seiner kriminellen Machenschaften ans Licht gekommen ist. Er macht sich also bewusst zum Affen, um von dem jüngsten kriminellen Skandal abzulenken. Und alle fallen drauf rein, das Interview, in dem er zum Beispiel grenzdebil mit irgendwelchen schwachsinnigen Statistiken rumwedelt, geht viral, während die letzte Enthüllung schon wieder aus dem Nachrichtenzyklus verschwindet. Boris Johnsons hat das auch schon gemacht, als er behauptete Busse aus Pappkartons zu basteln, nur damit in den Suchmaschinen die Meldungen zu diesem absurden Interview jene zu den NHS-Bussen ablösen. Trump ist es egal, ob seine Feinde ihn für dumm halten, Hauptsache er kann seine illegalen Machenschaften wieder unter den Teppich kehren. Ich glaube, er gibt sich in seinen Wahlkampfreden auch so dumm, weil er seine Wähler für so dumm hält und glaubt, so eine Sprache zu sprechen, die sie verstehen.

Hört man sich das Woodward-Tape an, hört man da einen ganz anderen Trump, der kalt und berechnend in klaren und korrekt strukturierten Sätzen spricht, nicht wie jemand, der an Demenz leidet. Aber warum sollte er sich so immer wieder so dumm geben? Weil es funktioniert!

Sarah Kendzior lebt in Missouri und nutzt die eigene Biografie und die jüngste politische und gesellschaftliche Entwicklung ihres Bundesstaates, um den Zerfall der USA und wie er weitergehen wird, anschaulich zu demonstrieren. Man beachte den Skandal um den zurückgetretenen Gouverneur Eric Greitens.

Die Fakten, die sie hier über Trump und seine Machenschaften zusammengetragen hat, sind eigentlich alle bekannt, entwickeln in dieser geballten und kompakten Form aber trotzdem eine erschreckende Wucht, bei der man sich eigentlich von Seite 1 an fragt, warum niemand diesem Spuk ein Ende bereitet. Fassungslos sieht man zu, wie die Medien der USA sich auf Trumps Spiel einlassen und ihn auch jenseits von Fox News praktisch mit im Amt halten, weil sie den Kotau vor ihm machen, da er Abos und Einschaltquoten bringt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum auch nur eine seriöse Zeitung und nur ein seriöser TV-Sender noch Journalist*innen zur großen Lügenparade der Pressekonferenzen im Weißen Haus schickt.

Und genau das benennt Sarah Kendzior unverblümt in ihrem Buch, zählt Skandal und Enthüllungsgeschichten auf, die praktisch schon geschrieben waren, und dann von etablierten Zeitungsredaktionen wieder gestrichen wurden. Dementsprechend wird ihr Buch von den größeren Medien in den USA komplett ignoriert, und auch kein deutscher Verlag hat es bisher übersetzt – dafür aber jedes Altervorsorge-„Enthüllungsbuch“ von ehemaligen Trump-Schergen. Dabei sollte man, wenn man überhaupt ein Buch zur anstehenden Präsidentschaftswahl in den USA liest, Hiding in Plain Sight lesen. Denn das, was Sarah Kendior hier über den Zerfall der USA und den Aufstieg der Autokratie schildert, könnte uns ebenso hier in Europa und in Deutschland auf lange Sicht bevorstehen. Auch in den USA hat man gesagt (und tut es teilweise immer noch): „Hier kann es ja nicht passieren“, bis es dann doch passiert und zu spät ist.

Man muss nur bis nach Ungarn, Polen oder Großbritannien mit seiner Brexit-Gruselshow blicken, oder zu den Coronaleugnern und dem QAnon-Virus schauen, das sich in immer mehr Köpfen festsetzt, um die destruktive Macht zu sehen, die hier durch soziale Medien potenziert wird.

Und neben all den erschreckenden Fakten und scharfsichtigen Analysen ist das Buch auch noch ziemlich gut und mitreißend geschrieben.

Weitere Lektüretipps zur Thematik

Geschichte der USA:

A People’s History of the United States von Howard Zinn, erzählt die Geschichte der USA aus anderer Perspektive, aus jener der Unterdrückten, der Indianer, Sklaven, Afroamerikaner, aus Sicht der „Verlierer“, die sonst keine Geschichte schreiben.

Gunfighter Nation – The Myth of the Frontier in Twentieth-Century America von Richard Slotkin. Die USA sind auf Blut, Gewalt und Ideologie aufgebaut („Praise the Lord an pass the amunition“). Wer verstehen will, wie diese Gewalt das Land bis heute so stark prägen konnte, wird bei Slotkin fündig.

Demokratie:

The Light That Failed von Ivan Krastev und Stephen Holmes zeigt wie die Ostblockländer nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Demokratie simulierten, um den Westen ruhig zu stellen und Gelder von ihm abzukassieren, während der Westen seine eigene Demokratie für alternativlos hielt und versuchte, die Welt zu missionieren. Dabei blieben die alten Strukturen in Ländern wie Russland bestehen, verborgen unter dem Deckmantel der Demokratie, unter dem populistische Autokraten gediehen, bis sie sich stark genug fühlten, offen aufzutreten, und auch westliche Länder und ihre ach so makellosen Demokratien mit dem Virus des Rechtspopulismus infizierten (siehe USA, UK).

Soziale Medien:

Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now von Jarone Lanier über die destruktive Kraft sozialer Netzwerke, deren User (nicht Kunden) die Ware sind, während Manipulatoren im Hintergrund Geld dafür bezahlen, das Verhalten der User zu verändern.

Da Laniers Buch stilistisch und argumentativ etwas ungelenk formuliert ist, empfehle ich auch noch die Netflix-Dokumentation The Social Dilemma, die das alles etwas kompakter, eleganter und eindringlicher darstellt.

US-Gesellschaft

The View From Flyover Country: Dispatches From The Forgotten America von Sarah Kendzior bietet Einblicke in jene Teile der US-Gesellschaft, die nicht nur von uns hier in Deutschland, sondern auch von den liberalen Eliten an Ost- und Westküste gerne übersehen werden.

Gaslit Nation ist ein Podcast von Sarah Kendzior und Andrea Chalupa, auf dem sie sich wöchentlich zu aktuellen Themen unterhalten.

„The Social Dilemma“: eine Doku, die ihr sehen solltet

»The Social Dilemma« ist eine ausgezeichnete und sehr beängstigende Dokumentation auf Netlix, darüber, wie perfide und destruktiv uns das Internet und vor allem soziale Medien manipulieren. Wie sie die Gesellschaft spalten und die Demokratie zerstören, weil die meisten nur noch Informationen und Desinformationen aus der eigene von Algorithmen bestimmten Filterblase erhalten und gar nicht mitbekommen, dass andere Menschen ganz andere Sachen vorgesetzt bekommen. Ganz gleich ob in der Facebook-Timeline oder in der Google-Suche.

Darüber, wie soziale Netzwerke und Apps über Belohnungssysteme und Endorphinausschüttung unser Suchtverhalten triggern. Wie sie sie seit 2010 die Suizidrate unter Jugendlichen in den USA massiv ansteigen lassen. Und wie sie am Ende zur Zerstörung unseres Planeten führen, weil niemand mehr die Wahrheit und an die Wahrheit glaubt, und klare Fakten für Lügen hält.

Alles davon ist eigentlich bekannt (zumindest in meiner Filterblase), wirkt aber hier noch mal auf kompakte, verständliche und drastische Art von eben jenen Leuten präsentiert, die diese sozialen Netzwerke und Algorithmen mitentwickelt haben.

Es gibt natürlich auch viel Positives, was das Internet und die sozialen Netzwerke hervorgebracht haben, aber durch ihren jüngsten Einfluss auf den Aufstieg zahlreicher Populisten an die Regierungsmacht ihrer jeweiligen Ländern, und wie effizient und effektiv autokratische Regierungen wie Russland und China sie zur Desinformation und Unterdrückung und für Propagandazwecke nutzen, zeigt sich, dass die negativen Folgen inzwischen massiv überwiegen. Und zwar jetzt und hier, und nicht der fiktiven Zukunft einer »Black Mirror«-Folge.

Wer das hier liest, sollte sich die Doku auf jeden Fall ansehen.

Ich werde ab jetzt zumindest mal den Samstag zum komplett Internetfreien Tag bei mir machen. Und mich noch mehr mit dem Thema beschäftigen.