Lesesplitter Mitte November

Ich klau mir mal diesen Titel und das Konzept ganz frech bei meinem Bloggerkollegen und Mitphantasten Oliver Naujoks und seinem sehr lesenswerten (wenn auch namenstechnisch etwas faulen) Blog Oliblog. 😉

Zuletzt fertiggelesen habe ich New Sol von Margarete Fortune, einem Science Fiction Roman, der bei Bastei Lübbe erschienen ist. Damit habe ich jetzt nach Heyne (Rachel Bach), Knaur (Julia Lange) und Fischer Tor (Becky Chambers), aus jedem aktuellen Phantastikprogramm der großen Publikumsverlage jeweils ein Buch von Autorinnen gelesen (siehe Wo sind die Frauen). Piper und Blanvalet haben da nichts im Angebot, was mich reizt. Wie auch, bei Piper gibt es bei 26 Titeln nur drei von Frauen, und die interessieren mich nicht (Romantasy usw). Ebenso wie die drei von 16 Titeln bei Blanvalet.

Was noch auf meiner Leseliste steht, sind Vektor von Jo Koren (Atlantis), Der Winterkaiser von Kathrine Addison (Fischer Tor) und Die Magier ihrer Majestät von Zen Cho (Knaur). Aber vermutlich werde ich nicht einmal die Hälfte davon schaffen, und wenn auch erst im nächsten Jahr. Wer meinen Blog und die vielen Besprechungen zu zeitgenössischen Büchern französischer Autorinnen gelesen hat, mag mitbekommen haben, dass mich die Phantastik aktuell nicht so anspricht und meine Interessen gerade woanders liegen.

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Nichtsdestotrotz habe ich kürzlich New Sol von Margarete Fortune gelesen, das mir mit freundlichen Grüßen der Übersetzerin Kerstin Fricke ins Haus flatterte. Mit seinen 360 Seiten und dem flüssigen Stil der Übersetzung ist das auch schnell gelesen. Es geht um Lia Johnson, die nach zwei Jahren in einem Kriegsgefangenenlager wieder freikommt und auf die Weltraumstation New Sol verfrachtet wird, wo sie feststellt, dass sie eine lebende Bombe ist und der Countdown unbarmherzig tickt.

Nach der Inhaltsangabe hatte ich mit einem rasanten und knallharten Thriller, so was wie 24 im All, gerechnet, nicht mit einem Jugendbuch, dass sich vor allem auf das Innenleben und die Beziehungen der erst 16-jährigen Protagonistin Lia konzentriert. Wobei das keine negative Überraschung war. Den Lias Suche nach Identität wird einfühlsam und keineswegs langweilig geschildert. Und am Ende gibt es noch einen netten Twist, der das Ganze wieder zum Verschwörungsthriller werden lässt. Mir hat das Buch Spaß gemacht.

Ebenfalls von Kerstin Fricke übersetzt wurde Frostflamme von Christopher Husberg, das ich nach 200 Seiten erst mal zur Seite gelegt habe. Das Buch ist durchaus gut geschrieben, mit interessanten Figuren und einer soliden Handlung, aber es hat dem Genre (zumindest bis Seite 200) absolut nichts Neues hinzuzufügen. Das habe ich alles schon x-mal gelesen, das Magiekonzept kann man durchaus als Faulheit bezeichnen (einfach Telepathie, Telekinese usw.), und die Welt bleibt mir insgesamt zu blass. Auch der religiöse Erzählstrang ist mir zu gewöhnlich. Das ist eher etwas für LeserInnen, die noch nicht viel Fantasy gelesen haben, oder gerne immer mehr vom Gleichen lesen.

Auch bei Amos Oz‘ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis befinde ich mich gerade auf Seite 200. Ist durchaus gut geschrieben, mit sehr viel interessanten Informationen zur Gründung Israels und dem intellektuellen Israel zu dieser Zeit, dazu viel Familiengeschichte aus Europa, aber teilweise feuert der Autor maschinengewehrmäßig mit Namen, die mir völlig unbekannt sind, nur so um sich. Wer in Israel aufgewachsen oder mit der Geschichte des Landes besser vertraut ist als ich, wird sicher viele der Autoren, Gelehrten, Politiker usw. erkennen, mir ist das aber zu viel Namedropping. Auch folgt die autobiografische Erzählung keiner Struktur, sondern springt willkürlich von durch die Zeiten und Orte, von Person zu Person, wobei sich vieles wiederholt. Das Buch werde ich definitiv weiterlesen, aber sicher nicht am Stück.

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Unterbrochen habe ich die Lektüre aktuell für den eher locker flockig geschriebenen Urban Fantasy Roman Apocalypse Now Now von Charlie Human, der in Kapstadt Südafrika spielt. Ich habe ja vor ziemlich genau einem Jahr damit angefangen, mich verstärkt für Südafrika und vor allem dessen Literatur zu interessieren (siehe Rezis zu Niq Mlongo u. Lauren Beukes), aber auch für die Musik (Die Antwoord). Da kommt dieser vor popkulturellen Anspielung nur so strotzende Roman gerade recht.

Inzwischen habe ich ihn beendet (schreibe schon seit einer Woche an diesem Beitrag, irgendwie ist ja jetzt auch schon fast Ende November), mal sehen, ob Zeit und Energie noch für ein Rezi reichen. Aktuell lese ich Can’t Stop, Won’t Stop – A History of the Hip Hip Generation von Jeff Chang, das inzwischen als Standardwerk über die Geschichte des Hip Hops gilt. Das Buch ist nicht nur ausgezeichnet recherchiert, sondern auch richtig gut geschrieben sowohl von der inhaltlichen Struktur her als auch vom Stil. Rezi folg dann gen Weihnachten.

Und das hier ist der Grund, warum mir gerade so wenig Zeit und/oder Energie für Buchbesprechungen und andere Blogbeiträge bleibt:

Die Neunte Stadt von J Patrick Black

Die Neunte Stadt von J Patrick Black

Über 700 Normseiten, drei Monate Zeit, auf dem Endspurt noch eine heftige Erkältung, da muss der Blog etwas warten. Jetzt gerade habe ich auch nur Zeit, weil ich mein Tagespensum schon erledigt habe. Ich werde noch ausführlicher darüber berichten, hier gibt es erste Infos.

Die englischsprachige Ausgabe hat durchaus schon begeisterte Leserinnen gefunden:

 

„Sternenschiff“ von Rachel Bach

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Ein Liebesroman mit Action im Weltraum. So beschreibt die Autorin ihr Buch scherzhaft im Interview am Ende des Buches. Das trifft es ziemlich genau, und es macht erstaunlich viel Spaß. Die Einflüsse der Geschichte um die Söldnerin Devi aus dem Königreich Paradox, die auf dem berühmt-berüchtigten Schiff Glücklicher Naar anheuert, dessen Sicherheitsmitarbeiter eine geringe Lebensdauer haben soll, denen aber tolle Berufsaussichten winken, wenn sie überleben, sind recht deutlich zu erkennen. Zum Glück verwendet die Autorin dabei nicht so holprige Schachtelsätze, wie den vorangegangenen, sondern bedient sich einer einfachen, flotten Sprache, um diese an Warhammer 40K aber auch Military-SF á la Kris Longknife angelehnte Geschichte zu erzählen, in der es um einen zwielichtigen Kapitän mit einer sympathischen Besatzung geht, die aber voller Geheimnisse steckt.

Es wird gar nicht so viel gekämpft, wie man vielleicht vermutet, aber wenn, dann geht es richtig zur Sache und erinnert mit Devis mechanisch-elektronischer Kampfrüstung und ihrem glühenden Thermitschwert stark an japanische Videospiele wie Final Fantasy. Devi ist eine tolle Frauenfigur, gar nicht so die klischeehafte Söldnerin, sondern eher eine abgeklärte Kampfsau mit liebenswürdigen Zügen, einem Hang zur Romantik und einem Hitzkopf, der sie ständig in Schwierigkeiten bringt. Zum Beispiel, wenn sie sich in den mysteriösen Schiffskoch Rupert verliebt, der ihr gerade durch seine zurückhaltende und schüchterne Art den Kopf verdreht.

Die meiste Zeit spielt die Handlung auf dem kleinen Schiff, ab und zu geht es mal auf einen gefährlichen Planeten oder ein noch gefährlicheres gegnerisches Schiff, während sich die Besatzung auf für Devi unbekannter Mission befindet. Apropos Besatzung, die besteht nicht nur aus Menschen, sondern auch aus einem vogelartigen Navigator und einem echsenartigen Schiffsarzt, der einer Rasse angehört, die am liebsten Menschen schlachtet und verspeist (aber eigentlich ein netter Kerl ist).

Viel Tiefgang oder außergewöhnlichen Weltenbau bietet die Geschichte nicht, aber das muss sie auch nicht. Als locker flockige Popcornunterhaltung macht sie auf ihre oberflächliche aber durchaus sympathische Art viel Spaß. Das ist genau die richtige Abwechslung, wenn man zwischen sperrigen Autoren wie Neal Stephenson und Kim Stanley Robinson mal etwas Leichtes benötigt. Aber anders als viele andere einfach gehaltene Space-Action-Romane, gibt es in Bachs Sternenschiff dreidimensionale Figuren mit Herz und einem gut ausgearbeiteten Hintergrund, der über die üblichen Abziehbilder hinausgeht. Trotz des relativ hohen Anteils an Action und Söldnergerede dreht sich die Geschichte vor allem um ihre Handlungsfiguren, allen voran die Ich-Erzählerin Devi.

Ach ja, es handelt sich nicht um eine abgeschlossene Geschichte. Ein paar Geheimnisse werden gelüftet, aber vieles bleibt offen, und wird wohl erst in den beiden Fortsetzungen erklärt, die bisher aber nur auf Englisch erschienen sind. Vom langweiligen deutschen Titelbild und dem nichtssagenden und einfallslosen Titel Sternenschiff sollte man sich nicht abschrecken lassen. Im Original hat sich die Autorin mit Fortune’s Pawn, Honor’s Knight und Heaven’s Queen wohl von David Eddings inspirieren lassen, der in den fünf Titeln seiner Belgariad-Saga auch jeweils eine Schachfigur untergebracht hat. Die Übersetzung von Irene Holicki ließt sich ganz ordentlich, schwächt aber mit ihrer manchmal etwas biederen Wortwahl die rotzfrechen Formulierungen der Ich-Erzählerin im Original ein wenig ab.

Zu Beispiel wurde aus: Cotter leaned forward. »Where do you get off being such a bossy bitch?«

I looked him dead in the eyes. »I was born a bossy bitch, so you can either roll with it or get rolled over.«

»Cotter beugte sich vor. »Wo hast du eigentlich gelernt, so stur und zickig zu sein?

Ich schaute ihm fest in die Augen. »Ich wurde stur und zickig geboren, also spiel mit, oder du wirst überrollt.«

Autorin Rachel Bach lebt übrigens in der Stadt Athens im US-Bundestaat Georgia, nicht in Athen, wie es im Buch in der Autorinnenbeschreibung steht. 😉

Meine Lektüre März 2016

13. Paul Auster – Mond über Manhattan
14. Alex Marshall – A Crown for Cold Silver
15. James Tiptree Jr. – Doktor Ain
16. Will Adams – Das Gottesgrab

Paul Auster – Mond über Manhattan (Reread)

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Siehe hier.

Alex Marshall – A Crown for Cold Silver

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Sprachlich ausgezeichnet geschriebener Fantasyroman, der immer wieder mit den Genreerwartungen spielt und sie gegen die Wand fährt. Die alternde Heldin erinnert ein wenig an Gemmels Druss (wenn auch nicht ganz so alt). Hat mir gut gefallen, aber etwas hat gefehlt, um mich vollends zu begeistern. Leider kann ich nicht genau benennen, was, aber es ist wohl vor allem eine Geschmacksfrage. Trotzdem eine volle Leseempfehlung für diesen originellen Fantasyroman, in dem Marshall völlig beiläufig eine Welt beschreibt, in der Männer und Frauen vollkommen gleichberechtigt sind und auch wie selbstverständlich das eigene Geschlecht ehelichen.

James Tiptree Jr. – Doktor Ain

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Die frühen Science-Fiction-Kurzgeschichten von Tiptree, die schon einmal andeuten, wohin die Reise noch gehen wird. Herrlich durchgeknallter Humor und teils radikale Ideen, die man vor allem im Kontext ihrer Zeit sehen sollte. Es sind auch ein paar Geschichten dabei, die mir überhaupt nicht gefallen haben, aber bei einer solchen Kurzgeschichtensammlung kann nicht jeder Schuss ein Treffer sein. Doktor Ain ist chronologisch gesehen, der erste Teil der wunderbar aufgemachten und hervorragend übersetzten Gesamtausgabe des Septime Verlags. Ich bin etwas spät dran, werde die Reihe aber auf jeden Fall weiterlesen.

Will Adams – Das Gottesgrab

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Eigentlich sind solche Archäologiethriller á la Steve Berry und Dan Brown genau mein Ding, und das Gottesgrab enthält auch alle notwendigen Zutaten, mit seiner in Ägypten spielenden Handlung, in der nach dem Grab von Alexander dem Großen gesucht wird, aber irgendwie stimmt die Mischung nicht. Erfrischenderweise ist der Held Daniel Knox kein Superagent wie man ihn z. B. bei Berry oder Clive Cussler hat, aber er kann noch so häufig auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen werden, teils mit harten Waffen, es hat keine Auswirkungen. Kurz darauf scherzt er wieder rum, als wäre nichts gewesen. Es gibt auch zu viele POV-Figuren, die zu viel Platz bzw. Zeit erhalten, was von den beiden im Klappentext erwähnten Hauptfiguren ablenkt und dem Leser nicht erlaubt, sich mit ihnen zu identifizieren und/oder mit ihnen mitzufiebern. Sie sind nur zwei unter vielen. Richtig Spannung wollte bei mir auch nicht aufkommen. Adams streut zwar immer wieder historische Texte und archäologische Fakten mit ein, aber die bleiben nur Staffage, anders als bei Dan Brown kann man hier nicht wirklich mitfiebern. Statt einer packenden Schnitzeljagd fahre die Figuren hier von A nach B und wieder zurück nach A, lesen mal was, schauen sich ein paar Artefakte an, bekommen eins über die Rübe gezogen und schon geht es weiter. Dabei bietet die Geschichte Alexander des Großen und den Verbindungen von Makedonien nach Ägypten eigentlich spannenden Geschichtsstoff. Aber diese ganze Geschichte mit den bösen Unternehmern, die das alles für den makedonischen Freiheitskampf tun, wirkt zu konstruiert und aufgesetzt. Die ultrakurzen Kapitel, die teilweise nur über eine halbe Seite gehen, bis schon hektisch zur nächsten Figur geschnitten wird, tragen ihr übriges zur inkonsistenten und holprigen Handlung bei. Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, da ich mir hier Abenteuer á la Indiana Jones erhofft hatte, aber erhalten habe ich nur halbgares, holpriges Stückwerk, das eher an die Serie Relic Hunter erinnert.

 

Meine Lektüre Januar 2016

Januar

1. Lemmy Kilmister – White Line Fever – Autobiography
2. Paul Toutonghi – Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war
3. Ben Aaranovitch – Ein Wispern unter der Baker Street
4. Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so
5. Allan Moore, Jacon Burrows – Providence 1-4
6. Amitav Ghosh – Der Glaspalast

Lemmy Kilmister – White Line Fever – Autobiography

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Lemmys Memoiren im schnodderig unterhaltsamen Tonfall, den man aus seinen Interviews kennt. Sehr witzig, teils nachdenklich, aber insgesamt doch recht oberflächlich. Bei der Schilderung seiner Kindheit erfährt man noch ein wenig über seine Familie und sein Privatleben, aber sobald er der ersten Band beigetreten ist, geht es fast nur noch um Musik. Das ist zwar stets unterhaltsam, aber man erhält z. B. keinerlei Informationen über seine Großmutter und seine Mutter ab dieser Zeit, was aus ihnen geworden ist, und was sie von Lemmys Karriere gehalten haben. In großen Teilen ist es die Autobiografie von Motörhead, weniger vom Menschen Lemmy abseits der Musik. War für mich trotzdem ein echter Pageturner.

Paul Toutonghi – Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war

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Skurrile Geschichte eines amerikanischen Teenagers mit ukrainischen Eltern, die ihm mit ihren Marotten das Leben schwer machen. Sehr humorvoll, aber mit ernsten und durchaus auch politischen Untertönen. Heißt im Original nicht umsonst Red Weather, was man in der deutschen Fassung doch recht „frei“ übersetzt hat. Ein Lesetipp, den mir Frank Böhmert in Bezug auf Literatur zu Außenseitern und Underdogs gegeben hat. Besten Dank, hat sich gelohnt.

Ben Aaranovitch – Ein Wispern unter der Baker Street

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Dritter Teil der urkomischen Urban-Fantasy-Reihe um den Londoner Police Constable Peter Grant, der im Vergleich zu den beiden Vorgängern als erfrischend unaufgeregter, ruhiger Krimi daherkommt.

Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so

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Komplexes ghanaisch-nigereanisch-amerikanisches Familiendrama, das in zunächst verwirrender Chronologie mehrere Jahrzehnte behandelt, und die düsteren Geheimnisse erst Stück für Stück ans Licht bringt. Stellenweise grandios zu lesen, stellenweise sehr anstrengend, aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Lektüre. Auch hier hat man sich wieder einen sehr merkwürdigen deutschen Titel ausgedacht. Im Original heißt das Buch Ghana Must Go, was auf die Vertreibung der ghanaischen Minderheit in Nigeria im Jahr 1987 anspielt.

Allan Moore, Jacon Burrows – Providence 1-4 (Comic)

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Stimmungsvolle Geschichte mit atmosphärisch dichten Zeichnungen, die weniger eine Dekonstruktion des Horrorgenres ist, als eine Hommage an die Werke von H. P. Lovecraft und Robert W. Chambers. Obwohl die Geschichte deutlich mehr Ebenen und Themen als die Vorbilder besitzt, kann ich ein Watchmen des Horrors bisher nicht erkennen, was den Spaß an der Lektüre aber nicht mindert, auch wenn die langen Textpassagen stellenweise etwas anstrengend zu lesen sind.
Amitav Ghosh – Der Glaspalast

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Opulentes, episches Meisterwerk, das die Geschichte Burmas vom Sturz des letzten Königs bis zur Militärdiktatur in den 90ern anhand einer tragischen Familiengeschichte erzählt. Eine ausführliche Rezension folgt noch.

Meine Lektüre Dezember 2015

Dezember
63. Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions
64. Molly Crabapple – Drawing Blood
65. Veit Etzold – Todesdeal
66. Donald Antrim – The Emerald Light in the Air
67. Peter Watts – Echopraxia
68. Jeffery Deaver – Die Giftmaler
69. Karin Slaughter – Cop Town

Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions

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Virtuos erzählte skurrile Geschichte, deren Inhalt sich nur schwerlich in Worte fassen lässt. Wer aber schon immer mal wissen wollte, wie Kurt Vonneguts Arschloch aussieht, der sollte sich diesen Meilenstein der amerikanischen Erzählkunst (mit einem echten Kilgore Trout) nicht entgehen lassen.

Molly Crabapple – Drawing Blood

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Sehr interessant Autobiografie der New Yorker Künstlerin. Besprechung folgt noch.

Donald Antrim – The Emerald Light in the Air

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Meisterhafte Kurzgeschichten über mehr oder weniger instabile Menschen mit kompliziertem Beziehungsstatus.

Peter Watts – Echopraxia

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Visionärer und herausragender SF-Roman über die Evolution der Menschheit, den menschlichen Geist, das Wesen Gottes und die Zukunft. Ich empfehle, vorher Blindflug zu lesen, welches im gleichen Universum spielt. Es gibt auch leichte Bezüge zur Handlung.

Jeffery Deaver – Die Giftmaler

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Der neueste Fall des im Rollstuhl sitzenden genialen Ermittlers, um einen Verrückten (?), der seine Opfer tötet, indem er sie mit Gift tätowiert. Eigentlich wie immer clever konstruiert, aber trotzdem wusste ich nach 100 Seiten schon, wie der Schlusstwist aussehen wird. Keinen Scheiß, ich bin nachts um 4.00 Uhr aufgewacht und mein erster Gedanke war: Zombiedroge – Uhrmacher – aha. Gehört aufgrund des Miteinanders der vertrauten Figuren aber trotzdem zu einem der besten Bücher der Reihe und macht schon neugierig auf den nächsten Band. Allerdings spielt Kommissar Zufall einmal zu oft eine entscheidende Rolle.

Karin Slaughter – Cop Town

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Atmosphärisch dichte und hervorragende Milieustudie über zwei junge Frauen, die sich ihm Jahr 1974 bei der Polizei von Atlanta durchzuschlagen, die zu einem großen Teil aus korrupten, sexistischen, gewalttätigen und primitiven Affen zu bestehen scheint. Der Thrillerhandlung ist auch recht spannend, aber der Roman überzeugt vor allem mit den eindrücklichen Schilderungen des harten Polizeialltags.

Veit Etzold – Todesdeal

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»Brandheißes Thema! Für mich der Politthriller des Jahres.« wird Andreas Eschbach auf der Rückseite zitiert.
Ob es der deutschsprachige Politthriller des Jahres ist, kann ich nicht beurteilen, da ich sonst keine gelesen habe. International geht der Titel natürlich an Don Winslows Das Kartell. Mit dem kann Etzold leider nicht mithalten, auch nicht mit Ellroy oder Schätzing (Breaking News!), dafür gibt es zu viele Mängel. Dabei geht es noch recht spannend los, Etzold beherzigt den Rat von Andreas Eschbach, mit dem besten Kapitel anzufangen. Das geht allerdings nur über vier Seiten, danach folgen erst einmal hundert Seiten Infodump, der fast ausschließlich aus hölzernen Dialogen besteht.

Das Thema ist brisant, aus Etzold Vita schließe ich auch, dass er sich aus erster Hand mit der Materie auskenne, da er sowohl als Unternehmensberater für eine Bergbaugesellschaft gearbeitet hat, als auch für das Auswertige Amt, und auch international viel rumgekommen zu sein scheint. Doch nach den ersten hundert Seiten wird es nicht viel besser, obwohl es bald in den Kongo und nach Ruanda geht. Dort gelingt es dem Autor durchaus, stimmungsvolle Landschaftsbilder und kurze Einblicke in das Leben der Menschen dort zu liefern, aber die bleiben viel zu kurz, da der Roman insgesamt zu 80 Prozent aus Dialogen besteht, in denen Menschen in Toppositionen mit Topausbildung sich so naiv und unwissend anstellen, was die Lagen in Ruanda, im Kongo und den Genozid von 1994 angeht, dass sie als Figuren unglaubwürdig werden. Mir ist klar, das Etzold auf diese Weise versucht, die Situation und die Hintergründe einem völlig unwissenden Leser zu vermitteln, aber das kommt viel zu oberlehrerhaft rüber, als wären die Dialoge für ein Lehrvideo eines lokalen Berufsverbandes inszeniert worden. Die zahlreichen und sich ständig wiederholenden Plattitüden und Zitate von Stalin, Lenin usw. sind auch nicht gerade hilfreich und nerven irgendwann. Einige der Figuren reden fast nur in solchen Plattitüden.

Vielleicht war ich ja auch gelangweilt, weil ich alles, was hier vermittelt wird, schon aus Spiegel-Artikeln und Dokumentationen kannte, aber ein wenig Spannung und Handlung jenseits der oben genannten Dialoge kommen erst auf den letzten hundert Seiten auf. Es gibt unzählige Handlungsfiguren, zwischen denen der Autor ständig hin und herspringt, viele Kapitel haben nur eineinhalb Seiten, das Buch auf 460 Seiten 108! Kapitel. Dadurch wirkt es trotz der statischen Dialoginszenierung unnötig hektisch.

Was gefällt, ist, wie der Autor die moralische Verlogenheit der sogenannten westlichen Länder, allen voran Europa und Deutschland aufzeigt, die immer gerne anderen Moralpredigten halten, im Hinterzimmer aber schmutzige Deals um Waffen, Coltan, Öl usw. abschließen.

Was den Schreibstil angeht, da zitiere ich einfach mal die ersten drei Sätze:

Martin rannte.
Hinter ihm fauchten Schüsse. Pfeilschnelle Projektile, die rechts und links von ihm zischend durch das Unterholz des Regenwaldes peitschten.

Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie Schüsse fauchen, auch wenn sie dann mit nur lahmer Pfeilgeschwindigkeit (sollten Schüsse aus automatischen Gewehren nicht viel schneller sein) zischend an ihm vorbeipeitschen. Aber ich will jetzt nicht kleinlich werden, das Buch ist zumindest lesbar, sonst hätte ich nicht bis zum Schluss durchgehalten. Für den nächsten Politthriller von Veit Etzold wünsche ich mir aber weniger Dialoge, diese dann etwas dynamischer inszeniert, mehr Action, mehr Landschaftsbeschreibungen und weniger Erklärbär.

Meine Lektüre November 2015

November
59. Walter Moers – Das kleine Arschloch kehrt zurück
60. Niq Mhlongo – Dog Eat Dog
61. Ian McEwan – Honig
62. Joey Goebel – The Anomalies

Dieses Mal fasse ich mich kurz, da ich momentan mit ganz anderen Ideen und Texten beschäftigt bin.

Walter Moers – Das kleine Arschloch kehrt zurück

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Genauso witzig und hintersinnig wie der erste Band. Hat auch nach mehr als 20 Jahren nichts an Aktualität und Brisanz verloren.

Niq Mhlongo – Dog Eat Dog

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Das junge Südafrika kurz nach Ende der Apartheid. Hier geht es zu meiner Besprechung. Click here for my English review.

Ian McEwan – Honig

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Clever konstruierte und stilistisch wie immer herausragend verfasste Geschichte (in toller Übersetzung von Werner Schmitz), um eine junge Frau im London der 70er Jahre, die beim MI5 anfängt und Schriftsteller requirieren und fördern soll, die Bücher mit antikommunistischen Tendenzen verfassen.

Joey Goebel – The Anomalies

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Eine Gruppe von völlig unterschiedlichen Außenseitern findet auf ungewöhnlichem Wege zusammen und gründet eine Band. Punktet mit beißendem Witz und ständig wechselnden Erzählperspektiven. Ausgezeichnetes Debüt eines vielversprechenden Autors.

Dog Eat Dog von Niq Mhlongo

P1000622Click here for the English version of this review (or learn German, which is a language hard to learn, I have to admit, even for native speakers 😉 ).

Den Roman Dog Eat Dog von Niq Mhlongo kann man durchaus als Wenderoman lesen. Veröffentlicht wurde er erst 2004, spielt aber im Jahr 1994 in den Tagen um die ersten freien Parlamentswahlen nach Ende der Apartheid, aus denen der ANC als Wahlsieger und Nelson Mandela als Präsident hervorgingen. Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Dingz, ein junger Student, der aus einem der Townships Sowetos (Johannesburg) stammt (Townships sind während der Apartheid entstandene Wohnsiedlungen für die schwarze Bevölkerung, in denen meist Armut herrscht, nicht 1:1 vergleichbar mit Slums und Favelas).

Dabei orientiert sich Mhlongo jetzt nicht an einer wirklichen Dramaturgie, er folgt keinem narrativen roten Faden mit klassischem Aufbau, viel mehr gibt er episodenhafte Einblicke in den Alltag des jungen Mannes, seiner Freunde aber auch in das Leben der südafrikanischen Gesellschaft. Am ehesten erinnert mich diese Struktur an Clemens Meyers Wenderoman Als wir träumten, der ähnlich aufgebaut ist, wenn auch mit größerem Figurenarsenal und über einen längeren Zeitraum spielend. Wie Meyer liefert auch Mhlongo Rückblicke in die Jugendzeit des Protagonisten und gibt Einblicke in die Schikane, der die armen, schwarzen Südafrikaner unter der Polizei des Apartheidregimes ausgesetzt waren.

Protagonist Dingz (ich glaube, sein christlicher Name lautet Peter) ist dabei aber nicht unbedingt ein Sympathieträger. Zumindest nicht nach den üblichen deutschen Vorstellungen und Maßstäben

Living in this South Africa of ours, you have to smaster the art of lying to survive, erklärt Dingz. (Wer in unserem heutigen Südafrika lebt, muss die Kunst des Lügens meistern, um zu überleben.)

Und genau das tut er auch von Seite eins an. Er lügt, wenn es um einen Antrag auf Stipendium geht; wenn er eine Ausrede braucht, um nicht an der Prüfung teilzunehmen, für die er nicht gelernt hat, weil er lieber Party gemacht hat; aber auch wenn ihn die Polizei beim Trinken in der Öffentlichkeit erwischt oder gegenüber seiner Freundin.

In einem korrupten System, das die Gesellschaft des Landes auf allen Ebenen durchdringt, erhält nur derjenige sein Recht, der sich dem System aus Lügen und Korruption anpasst. Der Ehrliche bleibt als der Dumme auf der Strecke. Und wenn sich ein solches Lügensystem einmal eingebürgert hat, wird die Lüge so zur Gewohnheit, dass sie auch dann reflexhaft eingesetzt wird, wenn sie gar nicht notwendig ist, oder wenn sie sogar schadet. Denn manchmal bringt sich Dingz durch unnötige Lügereien dermaßen in Schwierigkeiten, dass man sich als Leser fragt, wie er nur so dämlich sein kann. Aber er ist noch ein Teenager, und die verhalten sich ja gerne besonders irrational.

Dingz Egoismus wird durch folgendes Zitat erklärt:

The overwhelming pressure of the environment in which we live makes people pursue their own pleasure at whatever cost. (Der überwältigende Druck durch das Umfeld, in dem wir leben, lässt die Menschen nach ihrem eigenen Vergnügen streben – koste es, was es wolle.)

Über Jahrzehnte ist die schwarze Mehrheit – die keineswegs eine homogene Gruppe darstellt, sondern aus vielfältigen Kulturen mit zahlreichen unterschiedlichen Sprachen besteht – von einer weißen Minderheit brutal unterdrückt worden. Und jetzt, nach Ende der Apartheid und dem Unrechtsregime setzt sich die durchaus verständliche Erwartungshaltung durch, dass die einst Unterdrückten jetzt am Drücker seien und die Zukunft unter allen Umständen ihnen gehöre.

Die Tragik liegt darin, dass sich die prekäre soziale Lage für viele in der Bevölkerung nicht verändert hat. Dingz und seine Familie leben immer noch einer der Townships Sowetos, und dass er jetzt an einer ehemals rein weißen Universität studieren darf, wirkt eher wie ein Feigenblatt, dass sich die weiße Oberschicht über den Makel der Diskriminierung legt. Denn Dingz fehlen die Mittel, um sich das Studium finanzieren zu können, und ein Stipendium kann er sich eben nur durch Lügen ergaunern (wenn überhaupt).

Das Leben in Soweto, das Mhlongo schildert, steckt zwar voller Lebensfreude und Verbesserungen, enthält aber auch viel Gewalt im Alltag. Allein eine Fahrt im Minibus kann sich schnell zu einer gefährlichen Angelegenheit entwickeln, bei der die Bedrohung nicht selten vom Busfahrer selbst ausgeht. In den Jahrzehnten der Unterdrückung scheint sich ein furchtbares Gewaltpotenzial unter der Oberfläche angesammelt zu haben, das jederzeit überall in kurzen aber brutalen Gewaltschüben ausbrechen kann.

Dingz und seine Freunde scheinen sich damit zumindest halbwegs arrangiert zu haben, indem sie Strategien entwickeln, um solchen Gewaltpotenzialen auszuweichen, was aber nicht immer möglich ist. Trotz allem gehen sie regelmäßig aus, trinken viel und führen Gespräche über Gott und die Welt. Und auch, wenn es häufig um Frauen und Sex geht, unterhalten sie sich ebenso oft über die aktuelle politische und soziale Situation im Land. Teilweise wirken diese Gespräche schon zu akademisch, und man merkt, dass der Autor hier noch einiges an Informationen reinpacken wollte, aber es gelingt ihm immer wieder, diese Diskurse durch (einen teils recht vulgären) Humor aufzulockern.

Für jemanden wie mich, der sich sehr für die englische Sprache und all ihre Ausprägungen interessiert, ist der Roman sprachlich besonders faszinierend, da Mhlongo in südafrikanischem Englisch schreibt, das viele Begriffe aus dem Afrikaans und anderen südafrikanischen Sprachen wie Zulu, Siswati oder Sotho ebenso enthält, wie in Soweto gebräuchliche Slangausdrücke.

Viele Leser brauchen eine Hauptfigur, mit der sie sich identifizieren oder der sie zumindest Sympathien entgegenbringen können. Dazu gehöre ich nicht. Dingz mach vieles, das mir nicht gefällt, das ihn eher unsympathisch wirken lässt, das sich aber durch das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist (arme Verhältnisse, Apartheidsregime, Polizeischikane, Rassismus, institutionalisierte Diskriminierung usw.), erklären lässt. Er ist eine ambivalente Hauptfigur, die dem Leser einen interessanten Einblick in das Südafrika kurz nach Ende der Apartheid liefert. Kein spannender, aber ein faszinierender und unterhaltsamer Roman eines jungen südafrikanischen Autors.

Auf Deutsch scheint von Niq Mhlongo bisher nur der Roman Way Back Home erschienen zu sein. Und ich stelle gerade fest, dass ich seine Lesereise durch Deutschland um einen Monat verpasst habe.