Zeit der Verantwortungslosen – der Rückgratlosen

Vorweg: Das hier ist kein sachlicher Artikel, der Wert auf Ausgewogenheit legt, sondern ein Rant, also ein kritischer Meinungsbeitrag, der meine Stimmung der letzten Zeit wiedergibt.

Nachdem ein rechter Mob, durch Lügenmeldungen aufgehetzt, aus dem ultrarechten Hooliganumfeld des Chemnitzer FC organisiert, in einer deutschen Großstadt Hetzjagd auf alles machte, was nicht nach deren verqueren Vorstellungen eines Deutschen entsprach, und die Polizei überfordert und hilflos (von ihrer Führung im Stich gelassen) zusah, wie Hitlergrüße vor laufender Kamera getätigt wurden, hieß es von den Verantwortlichen, so etwas dürfe nicht noch einmal passieren.

Am nächsten Tag passierte es dann wieder. Der Bundesinnenminister, der sonst die Klappe nicht halten kann, hüllt sich in Schweigen, die Verantwortlichen in Sachsen lavieren herum, der Ministerpräsident macht sich Sorgen um den Ruf seines Freistaats und relativiert das Ganze zu einem Marketingproblem.

Zur gleichen Zeit geben der Bundestrainer Joachim Löw, der sich auch zwei Monate lang in Schweigen hüllte, und sein Marketingmanager Oliver Bierhoff – nach dem Debakel bei der Fußball-WM in Russland – eine Pressekonferenz, auf der man die Ergebnisse der zweimonatigen tiefen Problemanalyse präsentieren und die deutsche Nationalmannschaft (die zukünftige ehemalige Die Mannschaft) in Zukunft führen möchte. Fazit: Ja, ja, gab Probleme mit der Defensive, zu viel Ballbesitzfußball, ein paar weniger wichtige Pöstchen werden verschoben, die Mannschaft bleibt aber größtenteils die gleiche. Also weiter wie bisher, nur so viel beschwichtigen wie gerade nötig.

Einige Wochen zuvor hatte der oben schon erwähnte Bundesinnenmimiminister die Regierung in ihr erste große Krise gestürzt, weil er gegen jede Vernunft seinen narzistischen, bayrischen Sturkopf durchsetzen wollte. Was ihm nicht gelang, er aber trotzdem so tut als ob.

Was allen gemein ist: Keiner war in der Lage und/oder willens Verantwortung für die eigenen Fehler zu übernehmen, die Konsequenzen zu ziehen und zurückzutreten. Lieber schiebt man die Verantwortung auf andere ab, laviert weiter herum und hofft, dass bald Gras über die Sache gewachsen ist, damit man so weiter machen kann wie bisher, ganz im Dienste der eigenen Karriere.

Ein Verhalten, das in den letzten Jahren besonders kultiviert wurde. Oder hat irgendjemand die Verantwortung für das Desaster des vermurksten BER-Flughafenbaus übernommen, der uns Steuerzahler Milliarden kostet, ohne, dass irgendetwas Sinnvolles dabei rauskommt? Weitere der zahllosen Beispiele kann hier jeder selbst gedanklich einpflegen.

Nach einer kurzen Phase, in der Minister und Bundespräsidenten wegen irgendwelchen Nichtigkeiten zurückgetreten sind, ist eine entstanden, in der niemand mehr bereit ist, die politische Verantwortung zu übernehmen, für das, was in den ihm/ihr zuständigen Bereich falsch gelaufen ist. Eine Kultur, die auch durch den Aufstieg von Donald Trump begünstigt wurde, der ungeniert jeden Tag unzählige Lügen auf Twitter von sich geben kann, ohne dass sich noch groß jemand darüber aufregt. Wenn der das kann, warum nicht auch ich, mag sich manch einer denken.

In der Regel sucht man sich ein paar Bauernopfer, die etwas tiefer in der Hierarchie stehen, von der ursprünglichen Trump-Administration sind nur noch wenige übrig und bei VW hat man ein paar einfache Manager zum Sündenbock erkoren. Lügen und Intrigen gab es in Politik und Wirtschaft schon immer, aber noch nie ließ sich die Öffentlichkeit so einfach und offensichtlich verarschen.

Und wenn man jetzt glaubt, jene Pegida-Demonstranten und AFD-Wähler und -Politiker, die würden doch aufstehen und sich das nicht länger bieten lassen, der sollte sich das Wirken dieser Demagogen mal genauer anschauen, die unter dem Deckmantel des Protests und des besorgten Bürgers in erster Linie Hass säen und gegen andere hetzen, die sich nicht wehren können, die mit den eigentlichen Problemen im Land aber nichts zu tun haben: Flüchtlinge und andere Ausländer. Und wer sich gegen Faschismus engagiert, gilt inzwischen schon selbst als Faschist. Eine perverse, verquere Logik, der man mit Sachlichkeit, Vernunft und Fakten nicht mehr beikommen kann.

Das sind Nazis, die hier den Aufstand gegen einen Staat proben, der darauf völlig hilflos reagiert und jenen Hetzern lieber noch in die Hände spielt und sich deren Methoden und Ideologien annähert (man denke nur an das Polizeiaufgabengesetz in Bayern, das sich schon sehr weit vom Grundgesetz entfernt). Es sind Nazis, die die freiheitlich demokratischen Werte unseres Landes mit Füßen treten.

Und diese Hetze fällt auf fruchtbaren Boden und nistet sich parasitär in der Mitte der Gesellschaft ein, die schmierigen Tentakel immer weiter ausstreckend. Solche hässlichen Gewaltausbrüche wie in Chemnitz gehören da noch zu den harmloseren Auswüchsen, bedenklich wird es, wenn selbst die Medien, wenn Zeitungen, TV-Sendungen und andere Presseorgane solche Gewalttaten verharmlosen und relativieren, wenn sie die Gewaltursachen bei anderen suchen und Gegendemonstranten, die für unsere Demokratie eintreten, als Linke (Extremisten) darstellen. Und damit meine ich nicht das widerliche Hetzblatt, deren oberster Brandstifter sich dann im Nachhinein über das ganze Wasser beschwert, mit dem man versucht, die schlimmsten Brandschäden zu verhindern. Es reichelt wieder in Deutschland.

Deutschland hat nicht nur ein Naziproblem, sondern auch eines mit der Haltung. Denn genau dort, wo jene sitzen, die diesem Naziproblem entschieden entgegentreten könnten, sitzen rückgratlose Opportunisten, die nicht nur – aus welchen Gründen auch immer – auf dem rechten Auge blind sind, sondern generell nicht Willens, für eigenen Fehler geradezustehen und hässlichen Problemen gegenüber mit Haltung aufzutreten. Mehr als hohle Phrasendrescherei scheint von der politischen Debattenkultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht übrig geblieben zu sein.

Bleibt zu hoffen, dass sich die demokratische Zivilgesellschaft als standhaft und wehrhaft erweist, um solchen Entwicklungen an der Basis Einhalt zu gebieten. Die Zeit für Samthandschuhe gegenüber jenen, die unsere Demokratie und unsere freiheitliche Gesellschaft zerstören wollen, ist vorbei. Ganz gleich, ob sie für rechtsextreme Parteien in Parlamenten sitzen, diese wählen, mit gewaltbereiten Mobs marschieren oder in den Etagen großer Wirtschaftsunternehmen sitzen.

Unsere demokratische, liberale Gesellschaft, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten genießen konnten, ist nur durch konsequentes Handeln und Haltung zu retten, nicht durch Schweigen, Relativieren und Herumlavieren.

Hass ist keine Haltung. Über Jahrzehnte schwelten Hass und Rassismus unter der Oberfläche, man äußerte das aber nur unter vorgehaltener Hand. Inzwischen trauen sich immer mehr mit ihrem Hass und Rassismus, gar mit ihrem Nazitum, an die Öffentlichkeit. Diese Hetzer und Verblendeten müssen wieder spüren, dass Hass keine Meinung ist, dass Rassismus geächtet wird, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass einem niemand widerspricht. Wir müssen dieses Land wieder unbequem für jene machen, die nicht bereit sind, sich in eine demokratische, liberale Gesellschaft zu integrieren, die sich dem Grundgesetz und der Toleranz verschrieben hat; wir müssen es unbequem machen, für jene, die die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, die in mühsamen und aufreibenden Kampf erstritten wurden, wieder zerstören wollen. Null Toleranz für die Intoleranten, für jene, die von Heimat blöken, ohne zu verstehen, dass ihre Wurzeln nur in einem Boden gedeihen können, der frei, reichhaltig und vielfältig ist.

Wir tanzen in den Ruinen unserer Jugend – ein Rant über mich und meine Generation

Wir tauchen hinab zu den Ruinen unserer Vergangenheit, unter einer dicken Taucherglocke, deren Sichtfenster uns dank Augmented Reality nur das zeigt, was wir sehen wollen: Eine romantisierte Illusion unsere Jugendjahre, die alles Negative ausblendet, so zuckersüß, dass wir in ihr kleben bleiben und im Zuckerrausch gar nicht merken, wie wir nicht nur den Blick für die Zukunft verlieren, sondern auch die Gegenwart nur noch verzerrt wahrnehmen.

Die 80er-Jahre liegen voll im Retrotrend, nicht nur in der Popkultur, wo Serien wie Stranger Things und Bücher/Filme wie Ready Player One die Nerdkultur dieser Dekade bis zum Exzess zelebrieren und zum neuen Goldenen Kalb stilisieren. Auch in der Politik: In Nicaraguar wird ein ehemaliger Rebell, der einst gegen eine brutale Diktatur kämpfte, selbst zum brutalen Diktator; Polen und Ungarn kehren zu autokratischen Regierungsformen zurück, ebenso wie Russland und die Türkei. In Deutschland sitzen wieder Nazis im Parlament, in Österreich und Italien sogar in der Regierung, während sich Großbritannien selbst zerfleischt und die Welt buchstäblich in Flammen steht.

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