Serien, die ich in den letzten Monaten gesehen habe

House of Cards Season 1 & 2

Sehr intelligentes Intrigenspiel im politischen Haifischbecken Washingtons. Hauptfigur Frank Underwood (man beachte die Initialen F. U.) ist Mehrheitsführer der Demokraten im Kongress, strebt nach höheren Würden und geht dafür über Leichen. Dabei ist er aber kein stereotyper Bösewicht, sondern ein ambivalenter und vielschichtiger Charakter, der durchaus auch seine sympathischen Momente hat. Ähnliches gilt auch für seine Frau Claire, mit der er eine interessante Beziehung führt, die so gar nicht ins klassische Bild des redlichen Politikers passt. Cleveres und zynisches Politdrama mit ausgezeichneten Darstellern und hintersinnigen Dialogen. Game of Thrones in Washington, auch hier haben die Macher keine Angst vor schockierenden Wendungen. (Das britische Original habe ich übrigens noch nicht gesehen.)

Fargo Season 1

Für mich die beste neue Serie 2014. Hält sich nur vage an die Filmvorlage der Coen-Brothers, und kreiert stattdessen seine eigene kultige Atmosphäre, die unter anderem von den großartigen Darstellern getragen wird – allen voran Billy Bob Thornton als lakonischer Killer Lorne Malvo, der einem teilweise das Blut in den Adern gefrieren lässt und für einige denkwürdige Zitate sorgt. Seine Interaktionen mit Martin Freeman und Colin Hanks sind echte Highlights. Tiefschwarzer Humor, schrullige Figuren und eine tolle Atmosphäre.

True Detective Season 1

Düsteres Krimidrama mit schwül-bedrückender Südstaatenatmosphäre, das von Robetr W. Chambers »The Yellow King« beeinflusst in die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz hinabsteigt. Die Handlung schreitet in gemächlichem Tempo voran, entwickelt aber eine unwiderstehlichen Sog. Aber über diese Serie wurde im letzten Jahr schon genügend geschrieben.

Freaks and Geeks Season 1 and only

Seit dem Erfolg von The Wonder Years (Wunderbare Jahre) haben sich immer wieder Serien daran versucht, eine Coming-of-Age-Geschichte in einer vergangenen Ära zu erzählen, aber keine davon kam auch nur ansatzweise an die Qualität des Vorbildes heran. Freaks and Geeks schafft es. Während The Wonder Years von der Stimmung in den 60er Jahren erzählt, sind es bei Freaks and Geeks die 80er Jahre. Die Handlung setzt kurz nach dem Tod von John Bonham, dem Schlagzeuger von Led Zeppelin ein, und erzählt von den Leiden der jungen Amerikaner in Zeiten des Kalten Krieges.

Californication Season 7

Ein würdiger Abschluss dieser herrlichen Serie um Schwerenöter Hank Moody, der die Frauen einfach zu sehr liebt, um seiner Familie gerecht zu werden. Nach den beiden schwächeren Vorgängerstaffeln gelingt es der Serie, hier noch einmal an alte Qualitäten anzuknüpfen (und es gibt die stets bezaubernde Heather Graham). Hank und Karen sind für mich das TV-Traumpaar schlechthin. Der Humor ist teilweise sehr derb und sexbezogen, aber Hanks unwiderstehlicher Charme macht das wieder wett. Eine der besten Familienserien aller Zeiten – denn darum geht es neben all dem Sex, den Drogen und den Ferkeleien wirklich.

Sons of Anarchy Seaons 6

In der vorletzten Staffel machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Vieles wiederholt sich, die Luft ist raus, aber gegen Ende der Staffel wird es nochmal heftig und emotional. Das macht Lust auf die letzte Staffel einer insgesamt grandiosen Serie über Biker, Gewalt, Liebe und Familie.

Marco Polo Season 1

Imposant ausgestattetes historisches Drama über Marco Polos Zeit am Hofe Kublai Khans. Versucht an Game of Thrones heranzureichen, und überzeugt auch mit toller Optik und eindrucksvoller Wuxia-Kampfchoreografie, kann das große Vorbild aber dank mittelmäßiger Dialoge nicht erreichen. Trotzdem sehenswert.

How I Met Your Mother Season 9

Für mich das perfekte und erwartete Ende einer außergewöhnlichen und originellen Sitcom. Das Problem ist nicht das Ende, sondern die Handlung der achten und neunten Staffel, die bei vielen Zuschauern andere Erwartungen aufgebaut haben. Ein Hochzeitswochenende über eine ganze Staffel zu strecken ist schon ein gewagtes Unterfangen, aber mir hat es gefallen.

Den Trailer solltet Ihr euch unbeding ansehen 🙂 :

From Dusk Till Dawn

Müder, einfallsloser Abklatsch von Robert Rodriguez‘ eigenem Film. Mir scheint, dass er einfach eine zugkräftige Marke für seinen eigenen TV-Sender El Ray gebraucht hat. Kann man sich sparen. Ein Beispiel dafür, wie man einen Film nicht als Serie umsetzen sollte.

Orphan Black Season 2

Fand ich nicht mehr ganz so spannend wie die erste Staffel. Ist aber immer noch eine tolle Serie auf hohem Niveau, die vor allem gegen Ende der Staffel wieder an Fahrt gewinnt. Tatiana Maslany ist in ihren vielen Rollen immer noch sensationell.

Louie Season 1

Ist ein wenig wie Seinfeld, nur in böse. Und zwar in ganz Böse. Politisch absolut unkorrekt und jenseits von Gut und Böse, mit tiefschwarzem Humor, der stellenweise sehr derb ist, aber nie platt oder dumm. Sehr hintersinnige und schonungslose Alltagsbetrachtungen eines getrennt lebenden Familienvaters, der sein Geld als Stand-up Comedian verdient.

Éparpillés le long des rivières du ciel

Die von mir kürzlich ins Deutsche übersetzte Kurzgeschichte Scattered Along the River of Heaven von Aliette de Bodard ist in ihrer französischen Übersetzung für den Grand Prix de l’Imaginaire 2015 nominiert. (Unter 4) Nouvelle étrangère neben Autoren wie Robert Charles Wilson, Paolo Bacigalupi, Ken Liu und Thomas Ligotti zu finden.) Auf Deutsch wird sie demnächst in der neuen Ausgabe von Phase X  erscheinen.

Übersetz mich! „The Three-Body Problem“ von Cixin Liu

Die angloamerikanische Science Fiction dominiert das Genre seit Jahrzehnten und stellt auch in meinem Bücherregal die größte Fraktion. Ein paar deutsche Autoren wie Andereas Eschbach, Michael Marrak, Wolfgang Jeschke und Herbert W. Franke sind natürlich auch dabei, aber dann wird es auch schon dünn. Klassiker wie die Stanislav Lem aus Polen und die Gebrüder Strugatzki aus Russland dürfen natürlich nicht fehlen. Vor einigen Jahren sorgte Sergej Lukianenko dafür, das vermehrt russische SF bei deutschen Verlagen erschien, darunter auch Dmitry Glukhovsky. Hier und da erscheint auch mal ein Franzose wie Pierre Bordage oder ein japanischer Autor wie To Ubukata, aber das war es auch schon. Dabei hat z. B. Andreas Eschbach mit seiner Anthologie Eine Trillion Euro, in der SF-Kurzgeschichten aus viele europäischen Ländern wie Finnland, Griechenland oder Spanien vertreten sind, gezeigt, dass die SF viele Sprachen kennt. Das Japan und Frankreich eine lang SF-Tradition haben, zeigen die seit Jahrzehnten erscheinenden Animes, Mangas und Comics, die es auch nach Deutschland schaffen. Im Literaturbereich ist das aber leider nicht der Fall.

Dabei findet Science Fiction auf allen Kontinenten statt. Kürzlich ging z. B. ein afrikanisches SF-Magazin an den Start. Mit André Carneiro starb im November einer der bekanntesten brasilianischen SF-Autoren im Alter von 92 Jahren. Und auch in Indien findet die Zukunft statt, wie dieser Artikel zeigt. Nnedi Okorafor wiederum lässt ihre SF in Nigeria spielen.

Aber China war bisher noch unentdecktes Land, auch wenn The Three-Body Problem anders als vom Verlag angekündigt, nicht der erste ins Englische übersetzte SF-Roman aus China ist, wie Gary K. Wolfe in der Locus-Ausgabe vom Dezember 2014 feststellte. In einem Artikel auf Tor. com schreibt Autor Cixin Liu, dass SF in China ein Genre wäre, dass nicht viel Respekt bekomme.

Science fiction is not a genre that has much respect in China. Critics have long been discouraged from paying attention to the category, dismissed as a branch of juvenile literature

SF würde vor allem von Schülern und Studenten gelesen. Und doch wurde The Three Body (der Übertitel für alle drei Romane der Trilogie) zu einem Erfolg, auch in anderen Gesellschaftsschichten. Vielleicht liegt das auch am deutliche Hard-SF-Charakter des Romans, der sich streckenweise wie eine komplexe wissenschaftliche Abhandlung liest (was für mich aber kein negatives Merkmal ist). Dabei hat die SF in China laut Liu eine lange Tradition.

Of course, these events are only the latest entries in the century-long history of science fiction in China.

Der längere Artikel von Cixin Liu lohnt sich wirklich, ist aber nur auf Englisch verfügbar. Ich werde mich jetzt nach der langen Vorrede lieber dem Roman selbst zuwenden.

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Die Geschichte beginnt während der Kulturrevolution, die junge Physikstudentin Ye Wenjie muss mit ansehen, wie ihr Vater von der revolutionären Garde (die zum Teil aus jungen Mädchen besteht) zu Tote geprügelt wird. Sie selbst landet in einer Arbeitseinheit bei Forstarbeiten und später beim Red-Coast-Projekt, das dem SETI-Projet nicht unähnlich ist. Aber die Geschichte wird nicht linear erzählt, Lui springt zwischen den Zeitebenen hin und her. Ihr Anker liegt ungefähr in der Gegenwart, in der der an Nanomaterial forschende Wang Miao die Hauptfigur ist, und einer unglaublichen Geschichte auf die Spur kommt. Warum begehen plötzlich so viele Spitzenwissenschaftler Selbstmord? Was hat es mit dem Ende der Wissenschaft auf sich? Wang wird von einem geheimen Sonderkommando aus Militärs und Polizei (dem auch CIA und Natomitarbeiter angehören?) auf die Sache angesetzt, und macht schon bald eine unglaubliche Entdeckung.

Wie schon erwähnt ist The Three-Body Problem Hard-SF in Reinkultur. Vor allem gegen Ende des Romans war es mir nicht mehr möglich, den komplexen wissenschaftlichen Erklärungen zu folgen, was den Roman aber nicht schlechter macht. Gleichzeitig muss Wang aber auch ein faszinierendes Krimipuzzle lösen, und während seiner Ermittlungen erhalten wir immer wieder Einblicke in die Vergangenheit des Red-Coast-Projekts. Diese Rückblicke sind die große Stärke des Romans, in ihnen wird der Wahnsinn der Kulturrevolution und ihre Folgen anhand des Schicksals der jungen Ye Wenjie eindrucksvoll geschildert. In der Gegenwart schwächelt der Roman ein wenig auf der Figurenebene. Wang Miao bleibt ziemlich blass. Zunächst lernt man noch seine Familie mit Frau und Kind kennen, und welche Auswirkungen sein verstörtes Verhalten aufgrund seiner Erkenntnisse auf seine Frau hat. Aber die verschwindet schon bald gänzlich vom Radar. Plötzlich reist er in der Weltgeschichte rum, ohne auch nur an seine Familie zu denken. Dabei verbleibt er größtenteils passiv, und mir als Leser sehr distanziert.

Das war aber das Einzige, was mich an dem Buch gestört hat. Für diese kleine Schwäche entschädigt das faszinierende wissenschaftliche und die Grenzen unser Vorstellung sprengende Szenario, das zwar teils sehr abstrakt wirkt, mit Hilfe eines Computerspiels, das Wang spielt, aber Schritt für Schritt erklärt wird, und die wirklich tollen Ideen Lius. Für jedes Geheimnis das aufgedeckt und jedes Rätsel, das gelöst wird, tauchen unzählige neue auf, und halten die Geschichte stets spannend.

Liu schildert die Ereignisse der Kulturrevolution erstaunlich kritisch, man merkt aber auch, dass er in der Gegenwart sehr vage bleibt, was die politische Lage angeht. In der westlichen Wissenschaftsgeschichte und Literatur kennt er sich deutlich besser aus, als wir vermutlich mit der chinesischen. Es lohnt, wenn man vor der Lektüre mal nach dem Dreikörperproblem googelt. Die englische Übersetzung von Ken Lui lies sich ausgezeichnet. Für mich war das Buch ein echter Pageturner, den ich kaum weglegen konnte. Am ehesten könnte man es noch mit den Hard-SF Werken von Jack McDevitt vergleichen (ich denke da vor allem an Erstkontakt) und vielleicht noch mit Robert Charles Wilson.

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch den Weg in einen deutschen Verlag finden wird. Ich hoffe aber auch, dass man es aus dem Chinesischen übersetzten lässt und nicht die Übersetzung einer Übersetzung in Auftrag gibt, wie leider es bei vielen japanischen Romane gemacht wird. Hard-SF hat es in Deuschland momentan schwer, aber The Three-Body Problem ist ein sehr spannender und voller aufregender Ideen steckender Roman. Ein Verlag, der Stolz auf sein SF-Programm ist und den Anspruch hat, die aufregendsten Werke des Genres zu veröffentlichen, der sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen.

Jetzt habe ich gar nicht so viel über den Inhalt verraten, aber das möchte ich auch gar nicht. Ist viel spannender, wenn Ihr euch überraschen lasst. Nur soviel, Ye Wenjie schickt in ihrer Zeit beim Red-Coast-Projekt eine Botschaft ins All hinaus, und erhält auch eine Antwort: Don’t Answer! Don’t Answer!! Don’t Answer!!!

Nachtrag vom 16.03.2015: Inzwischen habe ich erfahren, dass mehrere deutsche Verlage an dem Buch interessiert sind. Die Chancen, dass es 2016 oder 2017 auf Deutsch erscheinen wird, stehen also ganz gut.

Nachtrag vom 28.08.2015: Das Buch wird auf Deutsch bei Heyne erscheinen.

Phantastische Netzstreifzüge 35

Captain Future 4: Der Triumph – das Feedback zum vierten Teil der Reihe ist bisher überschaubar. D. Vallenton, der das Buch auf Fantasybuch.De bespricht, hat es jedenfalls gefallen. Für ihn ist es sogar der bisher beste Teil (das freut den Übersetzer, der es ähnlich sieht).

Die Geschichte, die sich von der Inhaltsbeschreibung her eigentlich recht unspektakulär liest, hat es aber dennoch gehörig in sich. Der Trend der sich für mich abzeichnet, nämlich das die Geschichten von Buch zu Buch besser werden, setzt sich auch hier fort. Der Triumph (OT: The Triumph of Captain Future) ist das vierte und für mich auch das bisher beste und unterhaltsamste Abenteuer. Es ist so schrecklich angenehm bodenständig, kein wildes Geballer und kein ewiges Rumgespringe im Sonnensystem von Planet zu Planet.

Der Triumph ist vielmehr ein lupenreiner Kriminalroman (mit SF Einschlag), in dem Captain Future in bester Hercule Poirot Manier alle Verdächtigen in einem Raum (bei Poirot war es der Speisewagen im Orient-Express) versammelt, verhört und dann seine Schlüsse zieht.

Stoker Awards 2014 – Im Horrorforum stellt Maso die Nominierungen für den Stoker Award 2014 vor; mit Inhaltsangabe und ob eine deutsche Fassung vorhanden oder absehbar ist. Da sind einige interessante Sachen dabei, die ich mal im Auge behalten werde, da ich mir vorgenommen habe, 2015 mehr Horror zu lesen. Zunächst kommen aber endlich Laird Barron und American Elsewhere von Rober Jackson Bennett dran. Horror ist leider ein Genre, das von deutschen Publikumsverlagen sträflich vernachlässigt wird. Im englischsprachigen Raum erscheinen so viele interessante und vielseitige Sachen, von denen es nur die wenigsten nach Deutschland schaffen.

Die digitale Revolution frisst das Filmerbe – Ein hochinteressanter Essay von Simon Spiegel (Simifilm) darüber, warum durch die Digitalisierung des Kinos viele Filme verloren gehen könnten. Man kann mit ihm auch bei SF-Fan.de darüber diskutieren.

Horrorjahr 2014 – Stirbt das Kino einen langsamen Tod? – Auf Moviejones.de gibt es einen Artikel zur aktuellen Lage des Kinos und des Kinofilms, den es lohnt zu lesen.

Schlussendlich hoffen nicht nur wir als Kinofans, dass uns auch in Zukunft noch großartige Filme erwarten werden, die nicht nur auf Größe gebürstet sind und als zigstes Remake erscheinen, sondern auch noch viel Spannendes auf der großen Leinwand passiert. Und als Redakteure: Die es auch wert sind, darüber zu berichten. Wir wollen Filme, die nicht nur groß tun, sondern groß sind!

Dem kann ich mich nur anschließen. Eigentlich mag ich ja Superheldenfilme und Science Fiction, aber inzwischen wird es mir zu viel. Da bin ich wohl nicht Fanboy genug. Durch diese unendliche Schwemme an Comicverfilmungen mit Superhelden von Marvel und Co. die im Prinzip immer nach dem gleichen Schema ablaufen, ist bei mir schon eine Übersättigung eingetreten (und jetzt kommen auch noch ganz viele Serien dazu). Was ich im Kino sehen möchte, ist das große Drama. Filme, die mich verzaubern (wie zuletzt z. B. Life of Pie oder Hugo Cabret). Filme die eine bewegende, große oder kleine Geschichte erzählen, mit liebens- und hassenswerten Figuren; und vor allem mit originellen Geschichten, die nicht die xte Fortsetzung, Reboot, Sequel oder Prequel sind. Letzteres hängt mir zum Hals raus. Die sind ja toll für die Fans, aber sie blockieren die Kinosäle und verhindern, dass die Studios noch Geld in die von mir beschriebenen Filme stecken. Da freue ich mich auf Birdman (auch wenn da die Superheldenthematik am Rande auftaucht).

Eight Books From the Last Decade that Made Me Excited About SF Jo Walton hat eine Liste mit acht Büchern erstellt, die sie im letzten Jahrzehnt am meisten für Science Fiction begeistert haben (inklusive ausführlicher Empfehlungen). Davon kenne ich einige noch nicht. Spin habe ich selbst schon hier im Blog empfohlen. Anathema von Stephenson wartet noch auf meinem kindle darauf, gelesen zu werden. Von Geoff Ryman habe ich bisher noch die großartige Kurzgeschichtensammlung Pol Pots wunderschöne Tochter gelesen, die ich demnächst noch besprechen werde. Blindflug von Peter Watts hat Walton auf dem Radar, hier im Blog gibt es meine Rezi dazu. Sehr schön, dass sie von den Büchern schreibt, die sie am meisten begeistert hätten, und nicht einfach eine List der „besten Bücher des Jahrzehnts“ erstellt.

 

Buchempfehlung: „Vom Staub kehrst du zurück“ von Ray Bradbury

Die Rezi stammt aus dem Jahr 2004, als Ray Bradbury noch lebte.

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Der kleine Timothy ist ein ganz normaler 10-jähriger amerikanischer Junge. Und genau das ist sein Problem. Denn er möchte kein normaler Junge sein, sondern so wie seine Familie. Die ist nämlich alles andere als normal. Da wäre z. B. Tausendmal-Ur-Grandmère, eine über viertausend Jahre alte Mumie, die immer noch sehr lebendig ist. Oder Onkel Einar, ein Riese von einem Mann mit ebenso riesigen Flügeln. Die Familie Elliot ist eine sehr ungewöhnlicher Haufen, in dem es von Spukgestalten nur so wimmelt. Alle paar Jahre trifft sich die ganze Familie zur „Heimkehr“, diesmal im alten Haus in Illinois, in dem auch Timothy wohnt. Gerade dieses Zusammentreffen der Spukgestalten, weckt in Timothy noch mehr denn Wunsch, so zu sein wie sie. Doch für sie sind harte Zeiten angebrochen. Die Menschen verlieren ihren Glauben und die Gespenster dadurch ihre Substanz. Immer schwieriger wird es für die Bewohner der Nacht, sich in den Schatten fortzubewegen, den immer weniger Dunkelheit gibt in diesen Zeiten, in denen Städte so hell strahlen, dass man die Sterne nicht mehr erkennen kann.

Wie schon sein Klassiker „Halloween“ ist auch „Vom Staub kehrst Du zurück“ kein eigentliches Gruselbuch. Vielmehr ist eine Hommage an die Kindheit und ihren romantischen Glauben an das Übernatürliche. In seinem einzigartigen poetischen Stil entwirft Bradbury einen melancholischen Rückblick auf eine Zeit, in der es noch in jeder Ecke spukte und das Flüstern des Windes einem erzählte, was Aufregendes in der Welt des Unsichtbaren geschieht. Die Ursprünge des Buches liegen im Jahr 1945. Bereits damals schrieb Bradbury das Kapitel „Heimkehr“ – das als Kernstück der Geschichte fungiert – als Kurzgeschichte. Doch erst im Jahr 2000 sollte die Geschichte vollendet werden und als Buch erscheinen. In Deutschland ist sie im Jahr 2004 in dem kleinen Verlag Edition Phantasia, in der großartigen Übersetzung von Joachim Körber, erschienen.
In einer Geschichte, an der so lange geschrieben wurde, fließen auch automatisch Aspekte des Älterwerdens mit ein. So ist die Geschichte von einer leicht wehmütigen aber auch freundlichen und schwärmenden Melancholie durchzogen, die zeigt, dass man auch im hohen Alter noch weiß, wie es ist jung zu sein.
Nicht umsonst verweißt Bradbury in seinem Nachwort, auf den Cartoonisten Charles Addams und seine „Addams Family“. Addams sollte die Geschichte illustrieren, die Ähnlichkeiten zur schrägen „Addams Family“ aufweist. Wie sie, entspricht auch die Familie Elliot kaum einer gesellschaftlichen Norm. Sie wird von der „normalen“ Welt kaum wahrgenommen und geraten sie doch einmal ins Blickfeld der Aufmerksamkeit, lösen sie nur Angst und Intoleranz aus. Und in unserer heutigen Zeit, in der alles und jeder überwacht wird und alles Fremde abgelehnt wird, ist es schwierig, für eine Familie wie die Elliots, noch einen Platz zu finden. Und so sterben, mit dem Glauben an das Übernatürliche, auch die letzten Urgesteine des Phantastischen langsam aus. Man darf gespannt sein, ob es in Zukunft noch ein letztes Aufbäumen des „Fast-Vergessenen“ gibt und Bradbury noch etwas Neues veröffentlicht. Es bleibt zu hoffen, denn trotzt seines hohen Alters scheint er einer der wenigen zu sein, die noch wissen, was Kindheit eigentlich bedeutet.

„Vom Staub kehrst Du zurück“ ist eine wunderschöne, melancholische, Erzählung über das Jungsein, das Junggebliebensein und das Älterwerden. Ein Buch wie der Herbst, nach jedem gefallenen Blatt legt sich etwas mehr Schwermut auf die Seele des Lesers, darüber, dass der Herbst bald vorüber ist und ein kalter Winter ins Haus steht. Ein Herbst, der mit 171 Blättern leider viel zu kurz ist und den Leser mit der Hoffnung auf das nächste Jahr zurücklässt.

 

Nachtrag: Das Buch ist übrigens 10 Jahre nach Erscheinen immer noch lieferbar! Bei einem großen Publikumsverlag wäre es vermutlich schon nach einem Jahr in der Ramschkiste der Supermärkte gelandet.

Nachtrag 2: Ray Bradbury hat danach übrigens noch 2 weitere Romane vor seinem Tod 2012 veröffentlichen können. Darunter das empfehlenswerte „Let’s all kill Constance“, ein Krimi-Noir, der mit einem tollen Einstieg hat.

Weltenbau vs. Erzählkunst in der Fantasy

Folgender Text ist nur ein kurzes Brainstorming zum Thema, eine Niederschrift der Gedanken, die mir nach Lektüre des Interviews mit Michael Moorcock durch den Kopf gingen. Wenn es die Zeit erlaubt (kann man da irgendwo einen Antrag stellen?), dann werde ich das Thema demnächst noch ausführlicher ausarbeiten und konkreter auf Beispiele eingehen.

Weltenbau hat in der Fantasyliteratur eine lange Tradition, die vor allem auf die Werke von J. R. R. Tolkien zurückgeht, der sozusagen die Mutter allen Weltenbaus erschaffen hat, mit eigener Sprache, Genealogie, Mythen, Historien usw. Das Niveau und die Ausführlichkeit Tolkiens hat nie wieder jemand erreicht, aber inzwischen hat es sich eingebürgert, dass zu jedem Fantasyroman auch ein entsprechender Weltenbau gehört.

Weltenbau heißt, dass man neben der Geschichte die man erzählt, eine voll (oder halbwegs) funktionsfähige und bezugsfertige Welt erschafft, in der viele Alltäglichkeiten bis ins kleinste Detail erklärt werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Magie. Zu einem modernen Fantasyroman gehört ein schlüssiges Magiesystem, das teilweise mit wissenschaftlicher Akkuratesse beschrieben wird.

Aber wenn Magie zur Wissenschaft wird, geht der Zauber verloren. Es gibt durchaus interessante Magiesysteme, wie z. B. die Einnahme von bestimmten Metallen, die in Brandon Sandersons Mistborn zu speziellen Fähigkeiten führen; es gibt Systeme mit Edelsteinen (R. A. Salvatores The Demon Wars Saga), mit Zaubersprüchen wie bei Harry Potter, mit Formeln, Schriftrollen, ätherischen Elementen, die nur von Begabten erkannt und verwendet werden können usw.

All das nimmt im heutigen Fantasyroman viel Platz ein und für zwangsläufig auch zu viel Infodump. Bis zu einem gewissen Grad, kann das durchaus Spaß machen, aber mir fehlen die Geschichten, in denen einfach drauflos gezaubert wird. Warum können sie zaubern? Na, weil sie Magier sind. Das kann der Geschichte und dem Erzählfluss durchaus zuträglich sein.

Zum Weltenbau gehört aber mehr, als nur Magie. Es wird eben eine ganze Welt (oder mehrere) erschaffen, mit Regierungssystem, Verwaltung, verschiedenen Rassen und Völkern, Mythologien, Traditionen, Sprachen usw. Alles schön und gut, ich lese ja auch gerne Steven Erikson und George R. R. Martin, die den Weltenbau mit am fleißigsten betreiben, aber für eine gute Geschichte ist das nicht immer notwendig.

In Diskussion über dieses Thema führe ich seit Jahren immer die gute alte Sword and Sorcery aus dem letzten Jahrhundert an, und vor allem Michael Moorcocks Bücher um den ewigen Helden. In den Geschichten um Elric beschreibt er zwar durchaus, wie diese Magie wirkt, in dem er Naturgeister oder Götter anruft, aber ein schlüssiges Magiesystem wird nicht ausführlich erklärt. In der Dezemberausgabe des Locus (die Michael Moorcock anlässlich seines 75. Geburtstages und dem Erscheinen seines neuen Buches gewidmet ist) äußert er sich zum Thema Weltenbau wie folgt:

I think the notion of worldbuilding is a failure of literary sophistication. … I only invent what’s necessary to explain the mood of a character. I haven’t thougth about an imaginary world’s social security system; I don’t know the gross national product of Melniboné. If worldbuilding is a sophisticated working-out of how a world interacts in and of itself, I don’t really have any of that. … The world unfolds in front of the character as the story develops. If the story doesn’t need it, it’s not there.

I’ve fougt against this kind of anti-romantic rationalization most of my career. … I’m trying to tell a good story without you having to believe it as »reality.«

Quelle: Locus, Dezember 2014, Issue 647

Hier eine grobe Stehgreifübersetzung von mir:

Ich glaube, die Idee des Weltenbaus ist ein Mangel an literarischer Finesse. …  Um die Stimmung der Figur zu erklären, erfinde ich nur, was nötig ist. Ich habe mir keine Gedanken über das Sozialsystem einer imaginären Welt gemacht; ich kenne das Bruttosozialprodukt von Melniboné nicht. Wenn Weltenbau einen ausgeklügelten Ausbau dessen bedeutet, wie eine Welt an und für sich funktioniert, dann gibt es so etwas bei mir nicht. … Die Welt entfaltet sich vor der Figur, während sich die Geschichte entwickelt. Wenn die Geschichte es nicht benötigt, dann ist es auch nicht da.

Ich habe den größten Teil meiner Karriere gegen diese Art von antiromantischer Rationalisierung gekämpft. … Ich versuche eine gute Geschichte zu erzählen, ohne den Anspruch, dass man sie als „Realität“ empfindet.

 

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William Gibson hat sich in einem Interview kürzlich ähnlich geäußert (weiß leider nicht mehr wo), als er beschrieb, wie ihn zwei Leute besucht haben, die aus Neuromancer ein Rollenspiel machen wollten. Sie hätten ihn nach vielen Details zu der Welt gefragt, wie z. B. was man im Sprawl essen würde, und er antwortete einfach, dass er es nicht wisse. Für seine Geschichte waren solche Sachen nicht wichtig.

In der Fantasy und auch in der SF geht es in erster Linie darum, eine gute Geschichte zu erzählen (zumindest für mich als Leser). Wobei ich nicht so weit wie Moorcock gehen würde. Weltenbau ist halt ein anderer Ansatz, der durchaus auch mit hoher Erzählkunst einhergehen kann. Die Welt von Steven Erikson im Spiel der Götter (Malazan Book of the Fallen) ist extrem ausführlich ausgebaut, aber all dieser Weltenbau findet häufig in Form von tollen Erzählungen statt. Seine reichhaltige Welt voller Mythen und Legenden wird nicht durch Infodump erzählt, sondern indem der die Welt geheimnisvoll macht. Jede Ruine, jeder verdorrte Baum, jeder Stein birgt ein Geheimnis, eine Geschichte, einen Mythos oder Macht.

Aber es gibt auch die andere Variante. Da wird eine Pen-and-Paper-Rollenspiel gleich ein komplexes Regelsystem erschaffen, das mit der Dynamik eines Handbuchs erklärt wird, während man zwischen den Zeilen die Würfel förmlich fallen hört. Wenn eine Geschichte nur funktioniert und verständlich ist, wenn man die Karte genau studiert, das 50-seitige Personenverzeichnis auswendig kennt und den ebenso langen Glossar mit Fachbegriffen, Fremdworten usw. studiert hat, dann sollte man sich als Autor bzw. Erzähler überlegen, ob man die Geschichte nicht auch anders erzählen könnte. Denn jeder Blick weg vom Text in den Anhang oder auf die Karte hemmt den Lesefluss. Jeder trockene Infodumpabschnitt raubt der Geschichte ihre Dynamik. Ich sehe es da ein wenig wie bei wissenschaftlichen Arbeiten an der Uni. Wenn die Info in eine Fußnote kommt und nicht in den Text passt, ist sie dann wirklich notwendig?

Im echten Leben bin ich Atheist und halte Glauben für Aberglauben. Ich denke rational, sympathisiere mit der Wissenschaft (aber auch ein klein wenig mit dem fliegenden Spaghettimonster 😉 ) und habe mit Esoterik und übernatürlichen Phänomen überhaupt nichts am Hut. Ich lese auch furchtbar gerne Hard-SF mit ausufernden technischen Erklärung über die Beschaffenheit des Universum und die futuristischen Technologien der Geschichte. Aber wenn ich Fantasy lese, dann will ich verzaubert werden (nicht immer, aber immer noch gerne).

Im Fantasyforum der Bibliotheka Phantastika habe ich dazu einen Thread aufgemacht, für den Fall, dass Interesse an einer Diskussion besteht. Einfach hier klicken.

Goebbels letzte Rede zu Hitlers Geburtstag gesucht (20.04.1945)

Wahrscheinlich bin ich nur zu doof, um richtig danach zu suchen. Aber hat jemand von euch zufällig den Originaltext von Goebbels Radioansprache zu Hitlers Geburtstag vom 20. April 1945?
Ich habe leider nur eine englische Übersetzung, brauche aber die deutsche Fassung. Ich kann da ja nicht einfach nach meinem Gutdünken übersetzen.

 

Nachtrag: Danke der Hilfe des Kollegen Robert (siehe Kommentare unten) habe ich jetzt den richtigen Teil der Rede vorliegen. Diese Anfrage hat sich damit erledigt. Beste Dank.

Phantastische Netzstreifzüge 34

Wochenendkrieger – Diese interessante Doku lief gestern auf Arte und kann für sieben Tage noch in der Mediathek angeschaut werden. Es geht um LARPs bzw. Menschen, die diesem Hobby frönen. LARP steht für Live Action Roleplay und ist eine Weiterentwicklung des Pen-&Paper-Rollenspiels, bei dem man eben nicht mehr mit Würfeln und Stiften am Tisch sitzt, sondern sich vor passender Kulisse mit Kostüm und Waffen ins Gefecht stürzt. Wobei es, wie man im Film sieht, nicht nur ums Kämpfen geht. Ich mag Pen-&-Paper Rollenspiel, ich lese leidenschaftlich gerne Fantasyromane und zocke auch gerne Rollenspiele am Computer. Aber obwohl mir LARPs sympathisch sind, sind sie doch nichts für mich. Dafür bin ich viel zu schüchtern und zurückhaltend und mag es auch nicht, mich zu verstellen bzw. zu schauspielern. Doch ich bewundere die Leidenschaft, mit denen die im Film porträtierten Menschen bei der Sache sind, und das Funkeln in ihren Augen, wenn sie davon erzählen.

Wenn man von der Materie so gar keine Ahnung hat, lässt die Doku einen allerdings etwas alleine. Es werden weder die Ursprünge von LARPs erklärt (Pen and Paper Rollenspiel, Fantasyliteratur, Mittelaltermärkte und Feste, Nachstellung historischer Schlachten) noch wie genau so etwas abläuft und welche vielfältigen Variationen es da gibt. Trotzdem ein sehr sehenswerte Doku, deren Narration praktisch der Narration der dort gezeigten LARP folgt und zwischendurch Szenen aus dem Alltag der ausgewählten Spieler zeigt. Ein Highlight ist die enthusiastische und sehr sympathische Kaiserin, die Kostüme näht und ihre Mutter mit zu einem LARP genommen hat.

Ein Interview mit Joachim Körber – gibt es auf SteglitzMind, und das lohnt sich wirklich. Körber berichtet über 30 Jahre Arbeit mit seinem (sehr empfehlenswerten) Verlag Edition Phantasia; unter anderem über die Schwierigkeiten als Kleinverlag Bücher über den stationären Buchhandel verkaufen zu wollen.

Hier mal ein paar meiner Bücher aus dem Verlag. Ich muss gestehen, dass ich ihn in den letzten Jahren ein wenig aus den Augen verloren habe.

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Vom Staub kehrst du zurück habe ich 2004 mal auf X-Zine.de besprochen. Eine meiner gelungeneren Rezis. Darin der immer noch aktuelle Satz: „Und in unserer heutigen Zeit, in der alles und jeder überwacht wird, und alles Fremde abgelehnt wird, ist es schwierig für eine Familie wie die Elliots noch einen Platz zu finden.“ 🙂

Spiegel wurde von mir 2004 auf Roterdorn.de rezensiert.

INTERVIEW WITH MICHAEL MOORCOCK, Part One – Moorcock wurde am 18. Dezember 75 und hat gerade einen neues Buch (The Whispering Swarm: Book One of The Sanctuary of the White Friars) veröffentlicht. Deshalb ist er momentan wieder recht präsent. Der Locus hat ihm die Dezemberausgabe gewidmet. Auch dort gibt es ein interessantes Interview sowie einige interessante Artikel und einen Auszug aus seinem neuesten Werk.

»Wir waren nicht zufrieden mit der Realität« – und auf Heise.de gibt es ein Interview mit Werner Fuchs, dem ehemaligen Miteigentümer von Fantasy Productions (FanPro) und Miterfinder von Das schwarze Auge.

Phase X 11 mit einer von mir übersetzten Kurzgeschichte

Auf Geborstene Kiefer gab es keine Sterne – dort, wo alles in fensterloser Dunkelheit lag; und wo sich ein schwaches gelbes Glühen an die Haut aller Gefangenen klammerte, ganz gleich welcher Farbe. Aber einmal in der Woche war es den Gefangenen – unter schwerer Bewachung durch San-Tay-Wärter – gestattet, das Deck der Gefängnisstation zu betreten. Bots klinkten sich an ihre Gesichter und Augen und zwangen sie, in die Dunkelheit zu starren – auf den Ereignishorizont des Schwarzen Loches, wo alles Licht in Spiralen nach innen strömte und verschwand, wo alles zu Bedeutungslosigkeit zermalmt wurde. Dort draußen befanden sich Körper – Gefangene, die man nach gescheiterten Fluchtversuchen in Raumanzüge gesteckt hatte und langsam auf einen Ort zutreiben ließ, an dem Zeit und Raum jegliche Bedeutung verloren. Wenn sie Glück hatten, waren sie bereits tot.
Von Zeit zu Zeit zuckte jemand zusammen, als die Bots ihn zurück ins Wachsein stachen; oder leises Stöhnen und Schreien von jenen erklang, die den Verstand verloren hatten. Geborstene Kiefer beugte und brach jeden; und die Gefangenen, die man zurück auf die Station der Glückseligkeit entließ, kehrten vermindert und gekrümmt zurück, fuhren jede Nacht weinend und aufgewühlt von der Erinnerung an das Schwarze Loch aus dem Schlaf hoch.

Das ist aus der Kurzgeschichte „Verstreut entlang des Himmelsflusses“ von Aliette de Bodard (eine Autorin, die man sich merken sollte). Die Geschichte mischt asiatische Einflüsse mit den Themen Revolution, Poesie und Familiengeschichte. Die Herausforderung bei der Übersetzung lag in den unterschiedlichen Erzählebenen, von denen eine im Präsens und eine in der Vergangenheitsform erzählt wird. Da musste ich immer höllisch aufpassen, dass ich im Präsens-Teil nicht wieder ins Präteritum verfalle. Es ist eine sehr schöne Geschichte, die moderne Technik mit Sprache, Poesie und Tradition verbindet. Eine der Gefangenen aus dem Abschnitt oben gelingt es auf besondere Weise mittels Sprache ihre Kontrollbots zu überwältigen.

Die Geschichte wird in der kommenden Ausgabe des Phanastikmagazins Phase X erscheinen.

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Hier noch der Ankündigungstext von der Seite des Atlantis Verlags:

Von Lothar Bauer stammt das Titelbild zur elften Ausgabe des Magazins “Phase X”, herausgegeben von Ulrich Blode. Die neue Ausgabe steht unter dem Motto “Astronomie”. Alle Beiträge liegen vor, wir planen das Erscheinen im Frühjahr. Die neue Ausgabe ist vorbestellbar. Wir gehen im Moment von ca. 150 Seiten Umfang aus, so dass der Preis vermutlich diesmal nicht wie bei den bisherigen Ausgaben bei 6,90 EUR liegen wird, sondern bei 8,90 EUR (alleine die Geschichte von Alastair Reynolds ist ca. 40 Seiten lang). Enthalten sind Geschichten von – wie gesagt – Alastair Reynolds, Kurd Laßwitz und Aliette de Bodard sowie Artikel und Berichte von beispielsweise Alastair Reynolds und Herbert W. Franke und über unter anderem H. P. Lovecraft und Jules Verne. Abgerundet wird auch diese Ausgabe durch viele Rezensionen.

Lesezeichenarchäologie 1: Licht im Panoptikum

Seit ich lesen kann, lese ich Bücher. Und seitdem sammel ich sie auch. Inzwischen sind es zwischen 1.000 und 2.000 Bücher – bin zu faul, sie noch zu zählen. Unter diesen über tausend Büchern befinden sich ca. 100 bis 200 die ich noch nicht gelesen habe (die Dunkelziffer könnte durchaus höher liegen). Und es gibt ca. 50 Bücher, die ich irgendwann einmal angefangen, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr weitergelesen habe. Die stehen kreuz und quer über meine Bücherregale verteilt und sind echte Fundgruben, was Lesezeichen angeht.

In vielen davon befinden sich ganz normale Lesezeichen, die man in der Buchhandlung beim Bücherkauf beigelegt bekommt, aber manchmal sind mir die Dinger ausgegangen, und ich habe alles als Lesestandmarkierung genommen, was mir in die Finger fiel (denn Eselohren gehen gar nicht, und mir die Seitenzahl einfach merken funktioniert manchmal und manchmal nicht).

Als ich 1999 meinen Zivildienst beendet habe, sollte ich meinen Zivi-Ausweis abgeben, damit ich mich auch ja nicht kostenlos (oder zu reduziertem Preis) ins Schwimmbad schleiche. Der Personalchef damals war ein echter Vollidiot, der uns Zivis das Leben schwer gemacht hatte. Jedenfalls konnte ich meinen Ausweis nicht mehr finden, was merkwürdig war, weil ich in der Regel nichts verliere. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Schlüssel verloren, und auch kein Handy oder sonstige Wertgegenstände. Ich vergesse höchstens einmal, wo ich Sachen hingelegt habe. Als ich ihn dann 10 Jahre später in einem Buch wiederfand, war es wohl etwas zu spät, den Ausweis zurückzuschicken.

In dieser Artikelserie begebe ich mich auf Entdeckungsreise durch die unendlichen Weiten und Welten meiner Büchersammlung. Ich bin selbst ganz neugierig, was dabei so alles ans Licht kommt. Zu jedem Fundstück und Buch werde ich eine kleine Geschichte erzählen.

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Das Buch habe ich 2005 in der Buchhandlung am Kölner Tor in Siegen gekauft. Damals habe ich in Siegen studiert und im Studentenwohnheim in der Engsbachstraße in Weidenau gewohnt. Obwohl ich damals ein Auto hatte, bin ich gerne zu Fuß in die Stadt gegangen, um dort in den Buchhandlungen zu stöbern. Hat hin und zurück immer jeweils eine Stunde gedauert, und das Wohnheim lag am Ende der sehr lange und vor allem sehr sehr steilen Engsbachstraße, auf der Radprofis für die Bergetappen der Tour de France trainieren könnten. Aber ich habe es damals einfach geliebt, zu laufen.

Die Buchhandlung am Kölner Tor war (keine Ahnung, ob es sie noch gibt) eine kleine Eckbuchandlung im Stadtzentrum von Siegen. Ich habe dort vor allem nach normaler Belletristik gestöbert – das Angebot an phantastischer Literatur war recht eingeschränkt und mann musste sich in eine schmale Ecke quetschen, um das Regal zu betrachten. Hin und wieder gab es aber interessante Titel, so habe ich mir dort zum Beispiel das großartige Lord Gamma gekauft.

Licht hatte die Leser damals gespalten, einige hielten es für ein Meisterwerk, andere für unlesbaren, sperrigen und konfusen Quatsch. Ich bin nur bis auf Seite 146 gekommen, obwohl ich das Buch eigentlich gar nicht schlecht fand. Aber irgendwas hatte mich damals gestört. Die Übersetzung (obwohl im Prinzip gar nicht so schlecht), wirkte (vor allem durch die merkwürdigen Fußnoten) leider etwas holprig und ungelenk. Man merkte, dass die Übersetzer von Jugendkultur und SF nicht so richtig Ahnung hatten. Auf Seite 55 heißt es z. B. Der Twing sei ungefähr so groß (ihre Hand schwebte zwei Zoll über ihrem Kopf), mit einem teils gewachsenen Mohikaner* und ein paar billigen Tattoos. Dazu die Fußnote: *Glatt rasierter Schädel mit zentralem, von vorne nach hinten verlaufenden Haarstreifen.
Im Original steht da vermutlich »mohawk«, was einen Iro oder Irokesenschnitt meint. Witzigerweise habe ich mich Ende 2013 mit Jakob Schmidt darüber unterhalten, der die Übersetzung für den Sammelband der Trilogie bei Heyne aus genau diesen Gründen überarbeitet hat.

Und jetzt zum Lesezeichen: Das ist eine Eintrittskarte zum Panoptikum, dem Unikino der Universität Siegen, das während des Semesters immer Donnerstagabend im blauen Hörsaal einen Kinofilm zeigte (meist Filme, die ungefähr 6 Monate aus dem regulären Kino raus waren, aber auch Kultklassiker). Die Kinder des Monsieur Mathieu war eine dieser für das Programm typischen Filmperlen. Ich bin regelmäßig mit Leuten aus meiner WG, mit Freunden aus meinem Studiengang und mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Fachschaftsrat dahin gegangen. Man saß zwar recht ungemütlich auf den typischen klapprigen und knarzenden Holklappstühlen, wie man sie vermutlich an jede Uni findet, aber die Atmosphäre war dank des Publikums trotzdem super. Ich bin zwar auch gelegentlich ins Cinestar in der Stadt gegangen, aber das Panoptikum war eben was Besonderes. An folgende Filme kann ich mich noch erinnern. Hero, House of Flying Daggers, Funny Games, Die Stadt der verlorenen Kinder (beides sehr unangenehme aber gute Filme), Heaven (von Tom Tykwer), und vor Weihnachten gab es immer eine besinnliche Doppelvorstellung mit Die Feuerzangenbowle und Stirb Langsam.

Fast wäre ich auch selbst bei der Kinotruppe eingestiegen, ich war damals Cineast und großer Kinofan. Während meines ersten Semesters (als Sozialpädagogikstudent, hatte zuvor schon ein Semester Physik studiert) haben wir per Urabstimmung beschlossen eine Woche zu streiken, um gegen eine Verwaltungsgebühr von 50 Euro pro Semester in NRW zu protestieren. Und mit Streik meine ich auch Streik. Wir haben die Uni eine Woche lang komplett dichtgemacht, und unter anderem die Eingänge mit Ketten und Vorhängeschlössern verbarrikadiert. Durch durfte nur, wer Prüfung hatte. Ich hatte mich, um aktiv am Unileben teilzunehmen, im Streikkomitee engagiert (kann aber auch sein, dass eine Frau der Grund dafür war 😉 ). Ich gehörte zur Stadtgruppe. Wir haben eine Umfrage organisiert und ein dauerhaftes Protest/Infocamp im Stadtzentrum von Siegen, am Brunnen vor dem Einkaufszentrum besetzt. Dazu noch eine Mahnwache vor dem Rathaus. Und schließlich gab es noch eine große Demo mit mehreren tausend Studierenden durch die Stadt bis zum Rathaus (wo später noch einige wegen Hausfriedensbruch verhaftete wurden, weil sie das Rathaus gestürmt haben). Ach ja, dem damaligen NRW-Finazminister Peer Steinbrück haben wir bei einem Waldspaziergang aufgelauert, der hat sich aber von seinen Bodyguards abschirmen lassen und ist einfach weiter.

Einen besseren Einstieg ins Unileben hätte es gar nicht geben können. Wir waren die letzte Generation vor der Umstellung zum Bachelor/Master-System, mit seinen Modulen, Anwesenheitspflichten und Langzeitstudiengebühren. Wir konnten uns so etwas noch leisten und in der einen Wochen Protestorganisation habe ich mehr für meinen späteren Beruf und fürs Leben gelernt als in einem mit Seminaren und Vorlesungen vollgepackten Semester. Wobei der Protest auch seine merkwürdigen und unschönen Momenten hatte. Z. B. als linke Aktivisten auf der Demo durch Lautsprecher antikapitalistische Parolen riefen, und damit den eigentlichen Zweck des Protestes ad absurdum führten und die Sympathien der Siegener Bevölkerung für unser Anliegen gefährdeten. Oder als (wenige Wochen nach dem Amoklauf von Erfurt) mitten auf dem Campus eine Gießener Band auftrat, deren Sänger in langem weißen Gewand, Stirnband und Jesuslatschen sang: »Amoklauf, Amoklauf, tausend Menschen gehen drauf.«

Wie auch immer, einer meiner Mitorganisatoren war auch Mitglied im Panoptikum und machte mich auf die Arbeit dort ganz neugierig . Aber am Ende entschied ich mich stattdessen Mitglied im Fachschaftsrat meines Studiengangs zu werden, aber das ist eine andere Geschichte.

In obiger Erzählung zeigt sich der Wert, den im Regal stehende Bücher für mich haben. Jedes Buch ist mit einer oder mehreren Erinnerungen verbunden, und wenn ich meinen Blick über die Regalreihen schweifen lasse, sehe ich nicht nur die unzähligen Abenteuer und Welten, die ich bei der Lektüre erlebt und bereist habe, sondern auch den Ort und die Zeit, als ich mir das jeweilige Buch zugelegt habe. Sicher einige Bücher sind besser im Gedächtnis geblieben, als andere. Und ich weiß auch nicht von jedem, wo und wann ich es mir gekauft habe, insgesamt sind meine Bücherregale eine echte Fundgrube an schönen Erinnerungen.

 

 

P.S. Ich denke, ich werde mich mal die Gesamtausgabe der Trilogie von M. John Harrison in der überarbeiteten Übersetzung zulegen, und dann weiterlesen.