Serien, die ich in den letzten Monaten gesehen habe

House of Cards Season 1 & 2

Sehr intelligentes Intrigenspiel im politischen Haifischbecken Washingtons. Hauptfigur Frank Underwood (man beachte die Initialen F. U.) ist Mehrheitsführer der Demokraten im Kongress, strebt nach höheren Würden und geht dafür über Leichen. Dabei ist er aber kein stereotyper Bösewicht, sondern ein ambivalenter und vielschichtiger Charakter, der durchaus auch seine sympathischen Momente hat. Ähnliches gilt auch für seine Frau Claire, mit der er eine interessante Beziehung führt, die so gar nicht ins klassische Bild des redlichen Politikers passt. Cleveres und zynisches Politdrama mit ausgezeichneten Darstellern und hintersinnigen Dialogen. Game of Thrones in Washington, auch hier haben die Macher keine Angst vor schockierenden Wendungen. (Das britische Original habe ich übrigens noch nicht gesehen.)

Fargo Season 1

Für mich die beste neue Serie 2014. Hält sich nur vage an die Filmvorlage der Coen-Brothers, und kreiert stattdessen seine eigene kultige Atmosphäre, die unter anderem von den großartigen Darstellern getragen wird – allen voran Billy Bob Thornton als lakonischer Killer Lorne Malvo, der einem teilweise das Blut in den Adern gefrieren lässt und für einige denkwürdige Zitate sorgt. Seine Interaktionen mit Martin Freeman und Colin Hanks sind echte Highlights. Tiefschwarzer Humor, schrullige Figuren und eine tolle Atmosphäre.

True Detective Season 1

Düsteres Krimidrama mit schwül-bedrückender Südstaatenatmosphäre, das von Robetr W. Chambers »The Yellow King« beeinflusst in die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz hinabsteigt. Die Handlung schreitet in gemächlichem Tempo voran, entwickelt aber eine unwiderstehlichen Sog. Aber über diese Serie wurde im letzten Jahr schon genügend geschrieben.

Freaks and Geeks Season 1 and only

Seit dem Erfolg von The Wonder Years (Wunderbare Jahre) haben sich immer wieder Serien daran versucht, eine Coming-of-Age-Geschichte in einer vergangenen Ära zu erzählen, aber keine davon kam auch nur ansatzweise an die Qualität des Vorbildes heran. Freaks and Geeks schafft es. Während The Wonder Years von der Stimmung in den 60er Jahren erzählt, sind es bei Freaks and Geeks die 80er Jahre. Die Handlung setzt kurz nach dem Tod von John Bonham, dem Schlagzeuger von Led Zeppelin ein, und erzählt von den Leiden der jungen Amerikaner in Zeiten des Kalten Krieges.

Californication Season 7

Ein würdiger Abschluss dieser herrlichen Serie um Schwerenöter Hank Moody, der die Frauen einfach zu sehr liebt, um seiner Familie gerecht zu werden. Nach den beiden schwächeren Vorgängerstaffeln gelingt es der Serie, hier noch einmal an alte Qualitäten anzuknüpfen (und es gibt die stets bezaubernde Heather Graham). Hank und Karen sind für mich das TV-Traumpaar schlechthin. Der Humor ist teilweise sehr derb und sexbezogen, aber Hanks unwiderstehlicher Charme macht das wieder wett. Eine der besten Familienserien aller Zeiten – denn darum geht es neben all dem Sex, den Drogen und den Ferkeleien wirklich.

Sons of Anarchy Seaons 6

In der vorletzten Staffel machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Vieles wiederholt sich, die Luft ist raus, aber gegen Ende der Staffel wird es nochmal heftig und emotional. Das macht Lust auf die letzte Staffel einer insgesamt grandiosen Serie über Biker, Gewalt, Liebe und Familie.

Marco Polo Season 1

Imposant ausgestattetes historisches Drama über Marco Polos Zeit am Hofe Kublai Khans. Versucht an Game of Thrones heranzureichen, und überzeugt auch mit toller Optik und eindrucksvoller Wuxia-Kampfchoreografie, kann das große Vorbild aber dank mittelmäßiger Dialoge nicht erreichen. Trotzdem sehenswert.

How I Met Your Mother Season 9

Für mich das perfekte und erwartete Ende einer außergewöhnlichen und originellen Sitcom. Das Problem ist nicht das Ende, sondern die Handlung der achten und neunten Staffel, die bei vielen Zuschauern andere Erwartungen aufgebaut haben. Ein Hochzeitswochenende über eine ganze Staffel zu strecken ist schon ein gewagtes Unterfangen, aber mir hat es gefallen.

Den Trailer solltet Ihr euch unbeding ansehen 🙂 :

From Dusk Till Dawn

Müder, einfallsloser Abklatsch von Robert Rodriguez‘ eigenem Film. Mir scheint, dass er einfach eine zugkräftige Marke für seinen eigenen TV-Sender El Ray gebraucht hat. Kann man sich sparen. Ein Beispiel dafür, wie man einen Film nicht als Serie umsetzen sollte.

Orphan Black Season 2

Fand ich nicht mehr ganz so spannend wie die erste Staffel. Ist aber immer noch eine tolle Serie auf hohem Niveau, die vor allem gegen Ende der Staffel wieder an Fahrt gewinnt. Tatiana Maslany ist in ihren vielen Rollen immer noch sensationell.

Louie Season 1

Ist ein wenig wie Seinfeld, nur in böse. Und zwar in ganz Böse. Politisch absolut unkorrekt und jenseits von Gut und Böse, mit tiefschwarzem Humor, der stellenweise sehr derb ist, aber nie platt oder dumm. Sehr hintersinnige und schonungslose Alltagsbetrachtungen eines getrennt lebenden Familienvaters, der sein Geld als Stand-up Comedian verdient.

Éparpillés le long des rivières du ciel

Die von mir kürzlich ins Deutsche übersetzte Kurzgeschichte Scattered Along the River of Heaven von Aliette de Bodard ist in ihrer französischen Übersetzung für den Grand Prix de l’Imaginaire 2015 nominiert. (Unter 4) Nouvelle étrangère neben Autoren wie Robert Charles Wilson, Paolo Bacigalupi, Ken Liu und Thomas Ligotti zu finden.) Auf Deutsch wird sie demnächst in der neuen Ausgabe von Phase X  erscheinen.

Übersetz mich! „The Three-Body Problem“ von Cixin Liu

Die angloamerikanische Science Fiction dominiert das Genre seit Jahrzehnten und stellt auch in meinem Bücherregal die größte Fraktion. Ein paar deutsche Autoren wie Andereas Eschbach, Michael Marrak, Wolfgang Jeschke und Herbert W. Franke sind natürlich auch dabei, aber dann wird es auch schon dünn. Klassiker wie die Stanislav Lem aus Polen und die Gebrüder Strugatzki aus Russland dürfen natürlich nicht fehlen. Vor einigen Jahren sorgte Sergej Lukianenko dafür, das vermehrt russische SF bei deutschen Verlagen erschien, darunter auch Dmitry Glukhovsky. Hier und da erscheint auch mal ein Franzose wie Pierre Bordage oder ein japanischer Autor wie To Ubukata, aber das war es auch schon. Dabei hat z. B. Andreas Eschbach mit seiner Anthologie Eine Trillion Euro, in der SF-Kurzgeschichten aus viele europäischen Ländern wie Finnland, Griechenland oder Spanien vertreten sind, gezeigt, dass die SF viele Sprachen kennt. Das Japan und Frankreich eine lang SF-Tradition haben, zeigen die seit Jahrzehnten erscheinenden Animes, Mangas und Comics, die es auch nach Deutschland schaffen. Im Literaturbereich ist das aber leider nicht der Fall.

Dabei findet Science Fiction auf allen Kontinenten statt. Kürzlich ging z. B. ein afrikanisches SF-Magazin an den Start. Mit André Carneiro starb im November einer der bekanntesten brasilianischen SF-Autoren im Alter von 92 Jahren. Und auch in Indien findet die Zukunft statt, wie dieser Artikel zeigt. Nnedi Okorafor wiederum lässt ihre SF in Nigeria spielen.

Aber China war bisher noch unentdecktes Land, auch wenn The Three-Body Problem anders als vom Verlag angekündigt, nicht der erste ins Englische übersetzte SF-Roman aus China ist, wie Gary K. Wolfe in der Locus-Ausgabe vom Dezember 2014 feststellte. In einem Artikel auf Tor. com schreibt Autor Cixin Liu, dass SF in China ein Genre wäre, dass nicht viel Respekt bekomme.

Science fiction is not a genre that has much respect in China. Critics have long been discouraged from paying attention to the category, dismissed as a branch of juvenile literature

SF würde vor allem von Schülern und Studenten gelesen. Und doch wurde The Three Body (der Übertitel für alle drei Romane der Trilogie) zu einem Erfolg, auch in anderen Gesellschaftsschichten. Vielleicht liegt das auch am deutliche Hard-SF-Charakter des Romans, der sich streckenweise wie eine komplexe wissenschaftliche Abhandlung liest (was für mich aber kein negatives Merkmal ist). Dabei hat die SF in China laut Liu eine lange Tradition.

Of course, these events are only the latest entries in the century-long history of science fiction in China.

Der längere Artikel von Cixin Liu lohnt sich wirklich, ist aber nur auf Englisch verfügbar. Ich werde mich jetzt nach der langen Vorrede lieber dem Roman selbst zuwenden.

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Die Geschichte beginnt während der Kulturrevolution, die junge Physikstudentin Ye Wenjie muss mit ansehen, wie ihr Vater von der revolutionären Garde (die zum Teil aus jungen Mädchen besteht) zu Tote geprügelt wird. Sie selbst landet in einer Arbeitseinheit bei Forstarbeiten und später beim Red-Coast-Projekt, das dem SETI-Projet nicht unähnlich ist. Aber die Geschichte wird nicht linear erzählt, Lui springt zwischen den Zeitebenen hin und her. Ihr Anker liegt ungefähr in der Gegenwart, in der der an Nanomaterial forschende Wang Miao die Hauptfigur ist, und einer unglaublichen Geschichte auf die Spur kommt. Warum begehen plötzlich so viele Spitzenwissenschaftler Selbstmord? Was hat es mit dem Ende der Wissenschaft auf sich? Wang wird von einem geheimen Sonderkommando aus Militärs und Polizei (dem auch CIA und Natomitarbeiter angehören?) auf die Sache angesetzt, und macht schon bald eine unglaubliche Entdeckung.

Wie schon erwähnt ist The Three-Body Problem Hard-SF in Reinkultur. Vor allem gegen Ende des Romans war es mir nicht mehr möglich, den komplexen wissenschaftlichen Erklärungen zu folgen, was den Roman aber nicht schlechter macht. Gleichzeitig muss Wang aber auch ein faszinierendes Krimipuzzle lösen, und während seiner Ermittlungen erhalten wir immer wieder Einblicke in die Vergangenheit des Red-Coast-Projekts. Diese Rückblicke sind die große Stärke des Romans, in ihnen wird der Wahnsinn der Kulturrevolution und ihre Folgen anhand des Schicksals der jungen Ye Wenjie eindrucksvoll geschildert. In der Gegenwart schwächelt der Roman ein wenig auf der Figurenebene. Wang Miao bleibt ziemlich blass. Zunächst lernt man noch seine Familie mit Frau und Kind kennen, und welche Auswirkungen sein verstörtes Verhalten aufgrund seiner Erkenntnisse auf seine Frau hat. Aber die verschwindet schon bald gänzlich vom Radar. Plötzlich reist er in der Weltgeschichte rum, ohne auch nur an seine Familie zu denken. Dabei verbleibt er größtenteils passiv, und mir als Leser sehr distanziert.

Das war aber das Einzige, was mich an dem Buch gestört hat. Für diese kleine Schwäche entschädigt das faszinierende wissenschaftliche und die Grenzen unser Vorstellung sprengende Szenario, das zwar teils sehr abstrakt wirkt, mit Hilfe eines Computerspiels, das Wang spielt, aber Schritt für Schritt erklärt wird, und die wirklich tollen Ideen Lius. Für jedes Geheimnis das aufgedeckt und jedes Rätsel, das gelöst wird, tauchen unzählige neue auf, und halten die Geschichte stets spannend.

Liu schildert die Ereignisse der Kulturrevolution erstaunlich kritisch, man merkt aber auch, dass er in der Gegenwart sehr vage bleibt, was die politische Lage angeht. In der westlichen Wissenschaftsgeschichte und Literatur kennt er sich deutlich besser aus, als wir vermutlich mit der chinesischen. Es lohnt, wenn man vor der Lektüre mal nach dem Dreikörperproblem googelt. Die englische Übersetzung von Ken Lui lies sich ausgezeichnet. Für mich war das Buch ein echter Pageturner, den ich kaum weglegen konnte. Am ehesten könnte man es noch mit den Hard-SF Werken von Jack McDevitt vergleichen (ich denke da vor allem an Erstkontakt) und vielleicht noch mit Robert Charles Wilson.

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch den Weg in einen deutschen Verlag finden wird. Ich hoffe aber auch, dass man es aus dem Chinesischen übersetzten lässt und nicht die Übersetzung einer Übersetzung in Auftrag gibt, wie leider es bei vielen japanischen Romane gemacht wird. Hard-SF hat es in Deuschland momentan schwer, aber The Three-Body Problem ist ein sehr spannender und voller aufregender Ideen steckender Roman. Ein Verlag, der Stolz auf sein SF-Programm ist und den Anspruch hat, die aufregendsten Werke des Genres zu veröffentlichen, der sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen.

Jetzt habe ich gar nicht so viel über den Inhalt verraten, aber das möchte ich auch gar nicht. Ist viel spannender, wenn Ihr euch überraschen lasst. Nur soviel, Ye Wenjie schickt in ihrer Zeit beim Red-Coast-Projekt eine Botschaft ins All hinaus, und erhält auch eine Antwort: Don’t Answer! Don’t Answer!! Don’t Answer!!!

Nachtrag vom 16.03.2015: Inzwischen habe ich erfahren, dass mehrere deutsche Verlage an dem Buch interessiert sind. Die Chancen, dass es 2016 oder 2017 auf Deutsch erscheinen wird, stehen also ganz gut.

Nachtrag vom 28.08.2015: Das Buch wird auf Deutsch bei Heyne erscheinen.

Phantastische Netzstreifzüge 35

Captain Future 4: Der Triumph – das Feedback zum vierten Teil der Reihe ist bisher überschaubar. D. Vallenton, der das Buch auf Fantasybuch.De bespricht, hat es jedenfalls gefallen. Für ihn ist es sogar der bisher beste Teil (das freut den Übersetzer, der es ähnlich sieht).

Die Geschichte, die sich von der Inhaltsbeschreibung her eigentlich recht unspektakulär liest, hat es aber dennoch gehörig in sich. Der Trend der sich für mich abzeichnet, nämlich das die Geschichten von Buch zu Buch besser werden, setzt sich auch hier fort. Der Triumph (OT: The Triumph of Captain Future) ist das vierte und für mich auch das bisher beste und unterhaltsamste Abenteuer. Es ist so schrecklich angenehm bodenständig, kein wildes Geballer und kein ewiges Rumgespringe im Sonnensystem von Planet zu Planet.

Der Triumph ist vielmehr ein lupenreiner Kriminalroman (mit SF Einschlag), in dem Captain Future in bester Hercule Poirot Manier alle Verdächtigen in einem Raum (bei Poirot war es der Speisewagen im Orient-Express) versammelt, verhört und dann seine Schlüsse zieht.

Stoker Awards 2014 – Im Horrorforum stellt Maso die Nominierungen für den Stoker Award 2014 vor; mit Inhaltsangabe und ob eine deutsche Fassung vorhanden oder absehbar ist. Da sind einige interessante Sachen dabei, die ich mal im Auge behalten werde, da ich mir vorgenommen habe, 2015 mehr Horror zu lesen. Zunächst kommen aber endlich Laird Barron und American Elsewhere von Rober Jackson Bennett dran. Horror ist leider ein Genre, das von deutschen Publikumsverlagen sträflich vernachlässigt wird. Im englischsprachigen Raum erscheinen so viele interessante und vielseitige Sachen, von denen es nur die wenigsten nach Deutschland schaffen.

Die digitale Revolution frisst das Filmerbe – Ein hochinteressanter Essay von Simon Spiegel (Simifilm) darüber, warum durch die Digitalisierung des Kinos viele Filme verloren gehen könnten. Man kann mit ihm auch bei SF-Fan.de darüber diskutieren.

Horrorjahr 2014 – Stirbt das Kino einen langsamen Tod? – Auf Moviejones.de gibt es einen Artikel zur aktuellen Lage des Kinos und des Kinofilms, den es lohnt zu lesen.

Schlussendlich hoffen nicht nur wir als Kinofans, dass uns auch in Zukunft noch großartige Filme erwarten werden, die nicht nur auf Größe gebürstet sind und als zigstes Remake erscheinen, sondern auch noch viel Spannendes auf der großen Leinwand passiert. Und als Redakteure: Die es auch wert sind, darüber zu berichten. Wir wollen Filme, die nicht nur groß tun, sondern groß sind!

Dem kann ich mich nur anschließen. Eigentlich mag ich ja Superheldenfilme und Science Fiction, aber inzwischen wird es mir zu viel. Da bin ich wohl nicht Fanboy genug. Durch diese unendliche Schwemme an Comicverfilmungen mit Superhelden von Marvel und Co. die im Prinzip immer nach dem gleichen Schema ablaufen, ist bei mir schon eine Übersättigung eingetreten (und jetzt kommen auch noch ganz viele Serien dazu). Was ich im Kino sehen möchte, ist das große Drama. Filme, die mich verzaubern (wie zuletzt z. B. Life of Pie oder Hugo Cabret). Filme die eine bewegende, große oder kleine Geschichte erzählen, mit liebens- und hassenswerten Figuren; und vor allem mit originellen Geschichten, die nicht die xte Fortsetzung, Reboot, Sequel oder Prequel sind. Letzteres hängt mir zum Hals raus. Die sind ja toll für die Fans, aber sie blockieren die Kinosäle und verhindern, dass die Studios noch Geld in die von mir beschriebenen Filme stecken. Da freue ich mich auf Birdman (auch wenn da die Superheldenthematik am Rande auftaucht).

Eight Books From the Last Decade that Made Me Excited About SF Jo Walton hat eine Liste mit acht Büchern erstellt, die sie im letzten Jahrzehnt am meisten für Science Fiction begeistert haben (inklusive ausführlicher Empfehlungen). Davon kenne ich einige noch nicht. Spin habe ich selbst schon hier im Blog empfohlen. Anathema von Stephenson wartet noch auf meinem kindle darauf, gelesen zu werden. Von Geoff Ryman habe ich bisher noch die großartige Kurzgeschichtensammlung Pol Pots wunderschöne Tochter gelesen, die ich demnächst noch besprechen werde. Blindflug von Peter Watts hat Walton auf dem Radar, hier im Blog gibt es meine Rezi dazu. Sehr schön, dass sie von den Büchern schreibt, die sie am meisten begeistert hätten, und nicht einfach eine List der „besten Bücher des Jahrzehnts“ erstellt.

 

Buchempfehlung: „Vom Staub kehrst du zurück“ von Ray Bradbury

Die Rezi stammt aus dem Jahr 2004, als Ray Bradbury noch lebte.

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Der kleine Timothy ist ein ganz normaler 10-jähriger amerikanischer Junge. Und genau das ist sein Problem. Denn er möchte kein normaler Junge sein, sondern so wie seine Familie. Die ist nämlich alles andere als normal. Da wäre z. B. Tausendmal-Ur-Grandmère, eine über viertausend Jahre alte Mumie, die immer noch sehr lebendig ist. Oder Onkel Einar, ein Riese von einem Mann mit ebenso riesigen Flügeln. Die Familie Elliot ist eine sehr ungewöhnlicher Haufen, in dem es von Spukgestalten nur so wimmelt. Alle paar Jahre trifft sich die ganze Familie zur „Heimkehr“, diesmal im alten Haus in Illinois, in dem auch Timothy wohnt. Gerade dieses Zusammentreffen der Spukgestalten, weckt in Timothy noch mehr denn Wunsch, so zu sein wie sie. Doch für sie sind harte Zeiten angebrochen. Die Menschen verlieren ihren Glauben und die Gespenster dadurch ihre Substanz. Immer schwieriger wird es für die Bewohner der Nacht, sich in den Schatten fortzubewegen, den immer weniger Dunkelheit gibt in diesen Zeiten, in denen Städte so hell strahlen, dass man die Sterne nicht mehr erkennen kann.

Wie schon sein Klassiker „Halloween“ ist auch „Vom Staub kehrst Du zurück“ kein eigentliches Gruselbuch. Vielmehr ist eine Hommage an die Kindheit und ihren romantischen Glauben an das Übernatürliche. In seinem einzigartigen poetischen Stil entwirft Bradbury einen melancholischen Rückblick auf eine Zeit, in der es noch in jeder Ecke spukte und das Flüstern des Windes einem erzählte, was Aufregendes in der Welt des Unsichtbaren geschieht. Die Ursprünge des Buches liegen im Jahr 1945. Bereits damals schrieb Bradbury das Kapitel „Heimkehr“ – das als Kernstück der Geschichte fungiert – als Kurzgeschichte. Doch erst im Jahr 2000 sollte die Geschichte vollendet werden und als Buch erscheinen. In Deutschland ist sie im Jahr 2004 in dem kleinen Verlag Edition Phantasia, in der großartigen Übersetzung von Joachim Körber, erschienen.
In einer Geschichte, an der so lange geschrieben wurde, fließen auch automatisch Aspekte des Älterwerdens mit ein. So ist die Geschichte von einer leicht wehmütigen aber auch freundlichen und schwärmenden Melancholie durchzogen, die zeigt, dass man auch im hohen Alter noch weiß, wie es ist jung zu sein.
Nicht umsonst verweißt Bradbury in seinem Nachwort, auf den Cartoonisten Charles Addams und seine „Addams Family“. Addams sollte die Geschichte illustrieren, die Ähnlichkeiten zur schrägen „Addams Family“ aufweist. Wie sie, entspricht auch die Familie Elliot kaum einer gesellschaftlichen Norm. Sie wird von der „normalen“ Welt kaum wahrgenommen und geraten sie doch einmal ins Blickfeld der Aufmerksamkeit, lösen sie nur Angst und Intoleranz aus. Und in unserer heutigen Zeit, in der alles und jeder überwacht wird und alles Fremde abgelehnt wird, ist es schwierig, für eine Familie wie die Elliots, noch einen Platz zu finden. Und so sterben, mit dem Glauben an das Übernatürliche, auch die letzten Urgesteine des Phantastischen langsam aus. Man darf gespannt sein, ob es in Zukunft noch ein letztes Aufbäumen des „Fast-Vergessenen“ gibt und Bradbury noch etwas Neues veröffentlicht. Es bleibt zu hoffen, denn trotzt seines hohen Alters scheint er einer der wenigen zu sein, die noch wissen, was Kindheit eigentlich bedeutet.

„Vom Staub kehrst Du zurück“ ist eine wunderschöne, melancholische, Erzählung über das Jungsein, das Junggebliebensein und das Älterwerden. Ein Buch wie der Herbst, nach jedem gefallenen Blatt legt sich etwas mehr Schwermut auf die Seele des Lesers, darüber, dass der Herbst bald vorüber ist und ein kalter Winter ins Haus steht. Ein Herbst, der mit 171 Blättern leider viel zu kurz ist und den Leser mit der Hoffnung auf das nächste Jahr zurücklässt.

 

Nachtrag: Das Buch ist übrigens 10 Jahre nach Erscheinen immer noch lieferbar! Bei einem großen Publikumsverlag wäre es vermutlich schon nach einem Jahr in der Ramschkiste der Supermärkte gelandet.

Nachtrag 2: Ray Bradbury hat danach übrigens noch 2 weitere Romane vor seinem Tod 2012 veröffentlichen können. Darunter das empfehlenswerte „Let’s all kill Constance“, ein Krimi-Noir, der mit einem tollen Einstieg hat.

Weltenbau vs. Erzählkunst in der Fantasy

Folgender Text ist nur ein kurzes Brainstorming zum Thema, eine Niederschrift der Gedanken, die mir nach Lektüre des Interviews mit Michael Moorcock durch den Kopf gingen. Wenn es die Zeit erlaubt (kann man da irgendwo einen Antrag stellen?), dann werde ich das Thema demnächst noch ausführlicher ausarbeiten und konkreter auf Beispiele eingehen.

Weltenbau hat in der Fantasyliteratur eine lange Tradition, die vor allem auf die Werke von J. R. R. Tolkien zurückgeht, der sozusagen die Mutter allen Weltenbaus erschaffen hat, mit eigener Sprache, Genealogie, Mythen, Historien usw. Das Niveau und die Ausführlichkeit Tolkiens hat nie wieder jemand erreicht, aber inzwischen hat es sich eingebürgert, dass zu jedem Fantasyroman auch ein entsprechender Weltenbau gehört.

Weltenbau heißt, dass man neben der Geschichte die man erzählt, eine voll (oder halbwegs) funktionsfähige und bezugsfertige Welt erschafft, in der viele Alltäglichkeiten bis ins kleinste Detail erklärt werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Magie. Zu einem modernen Fantasyroman gehört ein schlüssiges Magiesystem, das teilweise mit wissenschaftlicher Akkuratesse beschrieben wird.

Aber wenn Magie zur Wissenschaft wird, geht der Zauber verloren. Es gibt durchaus interessante Magiesysteme, wie z. B. die Einnahme von bestimmten Metallen, die in Brandon Sandersons Mistborn zu speziellen Fähigkeiten führen; es gibt Systeme mit Edelsteinen (R. A. Salvatores The Demon Wars Saga), mit Zaubersprüchen wie bei Harry Potter, mit Formeln, Schriftrollen, ätherischen Elementen, die nur von Begabten erkannt und verwendet werden können usw.

All das nimmt im heutigen Fantasyroman viel Platz ein und für zwangsläufig auch zu viel Infodump. Bis zu einem gewissen Grad, kann das durchaus Spaß machen, aber mir fehlen die Geschichten, in denen einfach drauflos gezaubert wird. Warum können sie zaubern? Na, weil sie Magier sind. Das kann der Geschichte und dem Erzählfluss durchaus zuträglich sein.

Zum Weltenbau gehört aber mehr, als nur Magie. Es wird eben eine ganze Welt (oder mehrere) erschaffen, mit Regierungssystem, Verwaltung, verschiedenen Rassen und Völkern, Mythologien, Traditionen, Sprachen usw. Alles schön und gut, ich lese ja auch gerne Steven Erikson und George R. R. Martin, die den Weltenbau mit am fleißigsten betreiben, aber für eine gute Geschichte ist das nicht immer notwendig.

In Diskussion über dieses Thema führe ich seit Jahren immer die gute alte Sword and Sorcery aus dem letzten Jahrhundert an, und vor allem Michael Moorcocks Bücher um den ewigen Helden. In den Geschichten um Elric beschreibt er zwar durchaus, wie diese Magie wirkt, in dem er Naturgeister oder Götter anruft, aber ein schlüssiges Magiesystem wird nicht ausführlich erklärt. In der Dezemberausgabe des Locus (die Michael Moorcock anlässlich seines 75. Geburtstages und dem Erscheinen seines neuen Buches gewidmet ist) äußert er sich zum Thema Weltenbau wie folgt:

I think the notion of worldbuilding is a failure of literary sophistication. … I only invent what’s necessary to explain the mood of a character. I haven’t thougth about an imaginary world’s social security system; I don’t know the gross national product of Melniboné. If worldbuilding is a sophisticated working-out of how a world interacts in and of itself, I don’t really have any of that. … The world unfolds in front of the character as the story develops. If the story doesn’t need it, it’s not there.

I’ve fougt against this kind of anti-romantic rationalization most of my career. … I’m trying to tell a good story without you having to believe it as »reality.«

Quelle: Locus, Dezember 2014, Issue 647

Hier eine grobe Stehgreifübersetzung von mir:

Ich glaube, die Idee des Weltenbaus ist ein Mangel an literarischer Finesse. …  Um die Stimmung der Figur zu erklären, erfinde ich nur, was nötig ist. Ich habe mir keine Gedanken über das Sozialsystem einer imaginären Welt gemacht; ich kenne das Bruttosozialprodukt von Melniboné nicht. Wenn Weltenbau einen ausgeklügelten Ausbau dessen bedeutet, wie eine Welt an und für sich funktioniert, dann gibt es so etwas bei mir nicht. … Die Welt entfaltet sich vor der Figur, während sich die Geschichte entwickelt. Wenn die Geschichte es nicht benötigt, dann ist es auch nicht da.

Ich habe den größten Teil meiner Karriere gegen diese Art von antiromantischer Rationalisierung gekämpft. … Ich versuche eine gute Geschichte zu erzählen, ohne den Anspruch, dass man sie als „Realität“ empfindet.

 

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William Gibson hat sich in einem Interview kürzlich ähnlich geäußert (weiß leider nicht mehr wo), als er beschrieb, wie ihn zwei Leute besucht haben, die aus Neuromancer ein Rollenspiel machen wollten. Sie hätten ihn nach vielen Details zu der Welt gefragt, wie z. B. was man im Sprawl essen würde, und er antwortete einfach, dass er es nicht wisse. Für seine Geschichte waren solche Sachen nicht wichtig.

In der Fantasy und auch in der SF geht es in erster Linie darum, eine gute Geschichte zu erzählen (zumindest für mich als Leser). Wobei ich nicht so weit wie Moorcock gehen würde. Weltenbau ist halt ein anderer Ansatz, der durchaus auch mit hoher Erzählkunst einhergehen kann. Die Welt von Steven Erikson im Spiel der Götter (Malazan Book of the Fallen) ist extrem ausführlich ausgebaut, aber all dieser Weltenbau findet häufig in Form von tollen Erzählungen statt. Seine reichhaltige Welt voller Mythen und Legenden wird nicht durch Infodump erzählt, sondern indem der die Welt geheimnisvoll macht. Jede Ruine, jeder verdorrte Baum, jeder Stein birgt ein Geheimnis, eine Geschichte, einen Mythos oder Macht.

Aber es gibt auch die andere Variante. Da wird eine Pen-and-Paper-Rollenspiel gleich ein komplexes Regelsystem erschaffen, das mit der Dynamik eines Handbuchs erklärt wird, während man zwischen den Zeilen die Würfel förmlich fallen hört. Wenn eine Geschichte nur funktioniert und verständlich ist, wenn man die Karte genau studiert, das 50-seitige Personenverzeichnis auswendig kennt und den ebenso langen Glossar mit Fachbegriffen, Fremdworten usw. studiert hat, dann sollte man sich als Autor bzw. Erzähler überlegen, ob man die Geschichte nicht auch anders erzählen könnte. Denn jeder Blick weg vom Text in den Anhang oder auf die Karte hemmt den Lesefluss. Jeder trockene Infodumpabschnitt raubt der Geschichte ihre Dynamik. Ich sehe es da ein wenig wie bei wissenschaftlichen Arbeiten an der Uni. Wenn die Info in eine Fußnote kommt und nicht in den Text passt, ist sie dann wirklich notwendig?

Im echten Leben bin ich Atheist und halte Glauben für Aberglauben. Ich denke rational, sympathisiere mit der Wissenschaft (aber auch ein klein wenig mit dem fliegenden Spaghettimonster 😉 ) und habe mit Esoterik und übernatürlichen Phänomen überhaupt nichts am Hut. Ich lese auch furchtbar gerne Hard-SF mit ausufernden technischen Erklärung über die Beschaffenheit des Universum und die futuristischen Technologien der Geschichte. Aber wenn ich Fantasy lese, dann will ich verzaubert werden (nicht immer, aber immer noch gerne).

Im Fantasyforum der Bibliotheka Phantastika habe ich dazu einen Thread aufgemacht, für den Fall, dass Interesse an einer Diskussion besteht. Einfach hier klicken.

Goebbels letzte Rede zu Hitlers Geburtstag gesucht (20.04.1945)

Wahrscheinlich bin ich nur zu doof, um richtig danach zu suchen. Aber hat jemand von euch zufällig den Originaltext von Goebbels Radioansprache zu Hitlers Geburtstag vom 20. April 1945?
Ich habe leider nur eine englische Übersetzung, brauche aber die deutsche Fassung. Ich kann da ja nicht einfach nach meinem Gutdünken übersetzen.

 

Nachtrag: Danke der Hilfe des Kollegen Robert (siehe Kommentare unten) habe ich jetzt den richtigen Teil der Rede vorliegen. Diese Anfrage hat sich damit erledigt. Beste Dank.