Dienstag 14. März 2006 Campinas/Brasilien

Der letzte Tagebucheintrag aus Brasilien. Irgendwann gibt es noch einen zusammenfassenden Bericht. Für ausführliche Blogeinträge fehlt mir momentan ein wenig die Zeit. Diese Woche gibt es noch eine Kurzgeschichte.

Heute ging es um 13.00 Uhr nach Oziel. Drei Kameras, die ich nachkaufen musste, habe ich heute verteilt. Leider reichen sie aber immer noch nicht, so dass ich vier weitere kaufen muss.

Neun Kameras habe ich heute schon wieder eingesammelt und zum Entwickeln gebracht. Viel haben wir heute mit den Kindern mangels Ideen nicht gemacht. Thomas kam erst, als ich schon wieder weg war.

Für Sonntag den 26. März haben wir eine Ausstellung geplant. Inzwischen bin ich ein bisschen enttäuscht von unserem Projekt, da wir kaum Zeit mit den Kindern verbringen, und eine richtige Gruppenarbeit gar nicht möglich ist. Im Prinzip sieht das Projekt so aus: Kameras verteilen, Kameras einsammeln, Filme entwickeln lassen und wieder mitbringen.

Nachtrag von 2007:

Da ich mein Tagebuch handschriftlich geführt habe, hat mich nach diesem etwas negativen Eintrag die Lust am Tagebuchführen verlassen. Im Weiteren schildere ich die restlichen zwei Wochen aus der Erinnerung.

Die Enttäuschung des letzten Eintrages hängt vor allem mit den Erwartungen und Plänen zusammen, die wir von Deutschland mitgebracht hatten. Obwohl wir im Vorfeld schon gewarnt wurden, dass in Brasilien nichts so läuft, wie man es plant, ist es im ersten Moment trotzdem enttäuschend, wenn die eigenen Pläne über den Haufen geworfen werden. Diese Enttäuschung hielt aber nicht lange an, und trat während der gesamten Zeit, nur an zwei drei Tagen auf. Wettgemacht wurde sie durch die liebevolle und engagierte Unterstützung seitens unserer brasilianischen Freunde.

In Deutschland hatten wir noch gedacht, mit einer Schulklasse zu regelmäßigen Terminen kontinuierlich arbeiten zu können. Die lokale Schulpolitik machte uns da einen Strich durch die Rechnung. Aber in Brasilien beklagt man sich nicht lange über das, was nicht funktioniert, sondern packt das an, was funktioniert.

So lief die Arbeit mit den Kindern zwar ziemlich chaotisch ab, aber am Ende hat doch alles funktioniert. Sämtliche 34 Kinder haben nach einer Woche, in der sie mit ihren Einwegkameras ihr Umfeld fotografiert haben, die Kameras zurückgegeben, so dass wir die Bilder noch rechtzeitig entwickeln lassen konnten. Wir hatten sogar noch genug Zeit, die Kinder mit einer Videokamera zu ihren Lieblingsfotos zu interviewen. Sie konnten bis zu fünf Bilder aussuchen, die dann in der Ausstellung gezeigt wurden.

Am 26. März um 9.00 Uhr morgens war es dann so weit. Parallel zur Ausstellung fand noch eine Mitgliederversammlung von P.A.F statt, was zahlreiche Besucher garantierte. Voller Stolz präsentierten die jungen Fotografen den Besuchern ihre Bilder. Neben den zahlreichen Verwandten waren auch einige Besucher von der Uni-Campinas gekommen.

Nachtrag 2016:

Während der Ausstellung kam es auch noch zu einem kleinen Konflikt mit einer Professorin der Universität von Campinas. Sie fragte uns, ob sie die Negative (die entwickelten Bilder haben die Kinder erhalten) zum Einscannen mitnehmen könnte. Zwei Tag vor unserer Abreise aus São Paulo! Ich verneinte natürlich, da mir das Risiko viel zu groß war, die Bilder nicht rechtzeitig zurückzubekommen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja schon aus eigener Erfahrung, wie die Uhren in Brasilien ticken. Hinzu kommt noch, dass sich mit Ausnahme von Corinta bis zur Ausstellung niemand von der Uni für unser Projekt interessiert hatte und gerade jene Professorin uns recht abschätzig begegnet war. Und jetzt, wo sie sahen, was für ein Schatz an Material bei den 900 Fotografien rausgekommen war, wollte sie plötzlich ihren Anteil haben, ohne selbst etwas beigetragen zu haben. Meine strikte Ablehnung führte zu einer kleinen diplomatischen Verstimmung zwischen den Universitäten von Campinas und Siegen. Professor Fichtner kam zu uns und meinte, da habe es wohl ein kleines Missverständnis gegeben. Worauf ich entgegnete: »Ein Missverständnis war das nicht.« Jedenfalls haben wir die Fotos und Negative nicht mehr aus der Hand gegeben. Die Mitglieder meiner Gastfamilie meinten im Nachhinein mit dem Hinweis auf »pirata«, dass diese eine gute Entscheidung gewesen sei.

Leider ging es für uns, aufgrund von anstehenden Abschlussprüfungen in Siegen, schon zwei Tage nach der Ausstellung zurück nach São Paulo, wo wir noch einige Tage bei unserem Freund Badah verbrachten, der uns ja schon zu Beginn der Reise so freundlich bei sich aufgenommen hatte.

Prof. Wanderleys Vorschlag, den er mir während der Ausstellung machte, die Fotografien für meine Diplomarbeit zu verwenden, habe ich übrigens aufgegriffen und ein Jahr später meine Diplomarbeit dazu verfasst. Wer sich dafür interessiert, kann sie hier im Blog lesen.

Zu diesem Projekt wird noch ein zusammenfassender Artikel folgen, indem ich auch über unsere Ausstellung der Fotografien in Siegen und einer Benefizparty zu Gunsten von Parque Oziel berichten werde.

Freitag 10. März 2006 Campinas/Brasilien

Auch heute ging es wieder um 9.00 Uhr nach Oziel. Lea und Thomas sind mit einer Gruppe von 15. Kindern zur Schule gegangen, um Übungsfotos zu machen. Währenddessen habe ich einigen älteren Jungs beim Ausfüllen der Steckbriefe geholfen, und versucht einige beschädigte Kameras zu reparieren. Danach haben wir die Einwegkameras an die 15 Jugendlichen verteilt.

Kurz nach mir kamen auch Bernd, Maria und Oliver an, die das Internetprojekt durchgeführt haben. Um 12.00 Uhr haben wir alle zusammen gegessen, und einen Termin für das Abendessen ausgemacht.

Das geplante Schwimmen ist leider ins Wasser gefallen, da um 13.00 Uhr sintflutartige Regenfälle eingesetzt haben. Ich war innerhalb von 10 Sekunden total durchnässt. Der Bus hatte ein wenig Schwierigkeiten durch die Straßen zu kommen, da der Regen die Abwässerkanäle in strömende Bäche verwandelt hat.

Ich beginne mich jeden Tag ein bisschen wohler zu fühlen, hier in Brasilien und auch in Oziel. heute habe ich erfahren, dass der Canario und alle anderen Mitarbeiter kein Geld für ihre Arbeit bekommen.

Mein neues Lieblingsgetränk „Guarana“ ist in Deutschland leider Verboten, weil es gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt.

Nachtrag 2016: Ich weiß nicht, ob das mit dem Guarana wirklich der Fall war, inzwischen kann man es jedenfalls auch in Deutschland kaufen. Z. B. hier:
Damals hat mir meine Gastfamilie viele kleine Guaranaflaschen zum Abschied geschenkt, damit ich sie in meinem Rucksack nach Deutschland schmuggeln kann. 🙂

Guarana

Donnerstag 9. März 2006 Campinas/Brasilien

Heute ging es wieder um 9.00 Uhr nach Oziel. An der Bushaltestelle haben sich die beiden Busfahrer, die regelmäßig nach Oziel fahren, mit uns unterhalten. Die Menschen in Brasilien sind generell kommunikativer als die Menschen in Deutschland.

An der Kirche neben dem PAF gab es eine Bürgerversammlung mit dem Thema „Wassermangel in Oziel“. Schon seit Tagen gibt es kein Wasser mehr. Die Bürger und der Canario haben beschlossen, einen Protestmarsch in die Stadt zu machen (dem wir uns anschlossen). Zunächst ging es aber durch Oziel, um noch mehr Leute zu mobilisieren. Am Zugang zur Motorpista (Autobahn) gab es noch mal eine kurze Versammlung. Dort hat der Canario mit jemandem von der Prefeitura (Verwaltung) gesprochen, und ihm ein Ultimatum gestellt. Wenn bis 14.00 Uhr nicht mehr Bagger anrücken oder Wasser da ist, wollen sie die Autobahn blockieren. Zu dem Zeitpunkt war es 12.00 Uhr. Um 14.00 Uhr fuhren dann Wagen mit Wassertanks durch Oziel und haben die Wassertanks der Bewohner aufgefüllt.

Um 13.00 Uhr haben wir uns mit Gruppe 1 getroffen. Zunächst ging es kurz durch Oziel, damit die Kinder ein paar Probefotos mit einer Digitalkamera machen konnten. Was gut funktionierte und einige gute Bilder hervorbrachte. Diese haben wir uns dann am Computer angeschaut und besprochen. Zum Schluss haben die fünf Kinder jeweils eine Einwegkamera bekommen. Ich denke, die Gruppenarbeit hat ganz gut funktioniert. Alle haben mitgearbeitet, und dank der Mithilfe von Joao hat auch die Verständigung geklappt.

Dienstag 7. März 2006 Campinas/Brasilien

Heute bin ich schon um 6.00 Uhr aufgestanden, um pünktlich um 9 Uhr in Oziel zu sein. Die Einteilung der Gruppen lief ziemlich chaotisch ab, da ich auch nicht wusste, was der Canario von uns wollte. Wir haben dann den ganzen Tag mit den Kindern am Computer Steckbriefe ausgefüllt. Nachmittags kamen Prof. Fichtner, seine Frau Maria Benites und Wanderley. Mit denen ging es zum Fußballspielen. Prof. Fichtner hat auch gespielt. Wir haben mit ihm ausgemacht, uns dieses Wochenende zum Essen zu treffen.

Zu Beginn des Tages war ich, wegen der chaotischen Organisation, ziemlich genervt. Am Ende war es aber doch noch ein guter Tag.

Es waren drei brasilianische Studenten da, die auch ein Projekt in Oziel durchführen wollen. Irgendetwas mit Fußball und 300 Kindern.

Und hier ein paar von den Kindern mit den Einwegkameras geschossenen Fotos:

Montag 6. März 2006 Campinas/Brasilien

Heute haben wir uns um 9.30 Uhr in Oziel getroffen, um ein Ping-Pong Turnier zu veranstalten. Deutschland gegen Brasilien. Da wir nur drei Deutsche waren, haben uns noch vier Brasilianer unterstützt. Am Ende haben wir mit einem Punkt Unterschied verloren. Ich habe aber das Gefühl, dass die Brasilianer ein bisschen geschummelt haben und solange gespielt haben, bis sie in Führung lagen. 😉 Danach sind wir in die Stadt gefahren, um nachzufragen, was die Entwicklung der Filme kosten wird: 330-400 Reais – akzeptabel. Außerdem waren wir ganz lecker chinesisch essen. Ich hatte Curry-Hünchen. Danach ging es noch in ein Café, ein bisschen Caipirinha trinken.

Nachtrag 2016: Ein recht ereignisloser Eintrag, aber ab morgen geht es dann mit der Durchführung des Fotoprojekts los. Er zeigt zumindest, dass Sport eine gute Methode ist, besser in Kontakt zu kommen. Die Sprachbarriere spielt keine Rolle und man hat gemeinsam Spaß.

Samstag 4. März 2006 Campinas/Brasilien

Heute bin ich schon um 7.00 Uhr aufgestanden, um pünktlich um 9.00 Uhr in Oziel zu sein. Wir waren auch nicht ganz alleine, sondern wurden glücklicherweise von Chris begleitet. Wir hatten extra für 9.00 Uhr eingeladen, in der Hoffnung, dass dann bis 10.00 Uhr genügend Kinder da sein werden. In Brasilien ist es normal eine Stunde zu spät zu kommen, teilweise sogar höflich. Als wir dann um 9.15 Uhr (dank der Busverbindung)  im PAF (wir Paffi ausgesprochen) angekommen sind, waren schon 30 Kinder da. Sie saßen alle brav auf ihren Stühlen und hörten dem Canario zu, der ein geborener Lehrer ist. Zuerst erzählte der Canario einiges, das ich nicht verstanden habe. Danach haben wir uns den Kindern und die Kinder sich uns vorgestellt. Dann haben wir den Kindern einige deutsche Wörter beigebracht und sie konnten uns Fragen stellen. Im Anschluss hat der Canario ein Ping-Pong Turnier zwischen Deutschland und Brasilien ausgemacht.

Als wir dann angefangen haben, die Gruppen einzuteilen, ist auch Wanderley eingetroffen. Corinta konnte heute nicht, weil sie – wie ich es verstanden habe – eine Massage bekommen hat. Insgesamt haben sich 36 Kinder zu dem Projekt angemeldet. Schwierigkeiten gab es ein wenig bei der Einteilung, da sich vor allem 13-16 jährige gemeldet haben. Nach einigen Umverteilungsmaßnahmen war aber auch dieses Problem geregelt.
Nachdem sich die Kinder angemeldet hatten und gegangen sind, gab es noch ein leckeres Mittagessen. Natürlich Fejao und dazu Spaghetti. Wanderley hat uns danach mit in die Stadt genommen.

Donnerstag 2. März 2006 Campinas/Brasilien

Heute waren wir von 9.00 Uhr morgens bis 19.00 Uhr in Oziel. Als Erstes haben wir Fußball gespielt. Die Jugendmannschaft von Oziel hatte Training, und wir haben
einfach mitgespielt. Dabei habe ich allerdings meine Schuhe ruiniert. Überall in Oziel laufen die Abwässer über die Straße, und leider auch auf den Sportplatz. Nur ein kleiner Bach, der über das Feld läuft. Aber hinter dem Tor sammelt sich alles und wird zu einer ekligen, stinkenden Pampe, in die ich ausgerechnet reingelaufen bin. Ich hatte aber noch Glück, dass ich nicht ausgerutscht bin.

Nach dem Fußballspiel sind wir mit dem Canario in seinem VW-Bus rum gefahren, und haben auf Portugiesisch per Mikrofon und Lautsprecher, eine Einladung zu unserem Projekt vorgelesen. War sehr lustig. Danach waren wir auch über Internetkamera mit Leuten in Sao Paulo, Siegen und Spanien verbunden.

Nachtrag 2016: Meines Wissens ist der unebene Bolzplatz, auf dem kein Ball gerade rollt, inzwischen, durch ein weiteres von Studenten initiiertes Projekt, einem ordentlichen Kunstrasenplatz gewichen.

Die Tour in dem Bulli war wirklich lustig, die alte, verrostete Karre hatte nur zwei Sitze: einen für den Fahrer (Canario) und einen für den Beifahrer (Thomas). Lea und ich mussten hinten rein, wo es gar keine Sitzbänke gab, die hatte man ausgebaut, dafür gab es einen total verdreckten Boden, so dass ich mich in hockender Position hinkauerte, um meine Hose nicht hoffnungslos zu verschmutzen. Auf dem Dach des weißen Bullis befand sich ein riesiger Lautsprecher – eine recht abenteuerliche Konstruktion (siehe Foto) -, über den wir auf Portugiesisch die Einladung zu unserem Projekstart vorgelesen haben. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass die Leute kein Wort von dem verstanden haben, aber trotzdem neugierig beim Canario nachfragten, worum es ginge. Dem Canario ging es vor allem darum, zu zeigen, dass wir Deutsche waren. Es gibt auch eine Videoaufnahme davon, wie ich da hinten wackelnd im über die unebenen Straßen zockelnden Bus sitze und ins Mikrofon plärre. Leider kann ich sie nicht mehr finden.

Der Bulli des Canarios.

Der Bulli des Canarios.

 

Mittwoch 1. März Campinas/Brasilien

Heute sind wir um 14.00 Uhr nach Oziel gefahren, um mit dem Canario die Plakate aufzuhängen. Der Canario war zunächst anderweitig beschäftigt. Deshalb sind wir zunächst mit dem Fußballtrainer Joao und Adailton los. Als Erstes ging es auf eine kleine Fazenda (Farm) mit Hühnern, Schweinen, Kühen, Pferden und einem Papagei. Dort haben wir uns ziemlich lange mit den Bewohnern unterhalten, und sind dann in gemütlichem, bisweilen langweiligem Tempo weitergegangen. Nach einem kurzen Barbesuch mit ekligem Orangensaft ist auch der Canario zu uns gestoßen. Nachdem wir einige Supermärkte mit Plakaten ausgestattet hatten, hat es angefangen zu regnen – ein richtiges Gewitter. Nach einer Stunde Wartezeit – mittlerweile war es auch dunkel geworden – hat uns der Canario seinen Regenschirm geliehen und zur Bushaltestelle gebracht. Der Bus, der normalerweise bis zum Terminal fährt, hat uns an der ersten Halltestelle nach Oziel, an der Autobahn rausgeschmissen. Von dort aus mussten wir mit einem kleinen Bus ins Zentrum fahren.

Nachtrag 2016: Ein solches Gewitter kann für die Favela und ihre Bewohner verheerende Auswirkungen haben. Die unbefestigten Straßen sind aus Lehm, werden schnell unterspült, verlieren leicht ihre Form und werden für Autos unpassierbar. Das Wasser sammelt sich in ihnen zu Bächen, die zu heftigen Strömen auswachsen können und direkt in die Häuser laufen und diese unter Wasser setzen. Da es keine Kanalisation gibt und die Abwässer in kleine Straßengräben geleitet werden, kann der ganze Dreck wieder in den Häusern landen.

Die Fotos wurden alle von Kindern des Projekts mit Einwegkameras aufgenommen.

Montag 27. Februar 2006 Campinas/Brasilien

Trotz Karneval sind wir bereits vor 9.00 Uhr aufgestanden, um uns in Oziel mit dem Canario zu treffen. Dort angekommen haben wir in seinem Büro seinen „Stellvertreter“ und fünf Kinder angetroffen. Mit ihnen zusammen haben wir ein wenig im Internet gesurft und uns gegenseitig Fotos von Deutschland bzw. Brasilien gezeigt. Währenddessen hat der Canario mit Corinta telefoniert, die zusagte, sich mit uns um 16.00 Uhr zu treffen. Da wir zum diesem Zeitpunkt erst 11.00 Uhr hatten, konnten wir uns schon einmal auf einen langen Tag einrichten, doch wir ahnten noch nicht, wie lange er noch werden sollte.

In der Zeit bis 16.00 Uhr sind wir zu PAF (dem Jugendzentrum), um uns mit Adailton zu unterhalten. Gegen 15.00 Uhr sind wir in einen Supermarkt gegangen um unser Mittagessen (Almocar) einzukaufen. Thomas hätte nicht erwartet, dass ein Supermarkt (Mercador) in einer Favela so gut ausgestattet ist. Man sah aber schon, dass es sich teilweise um Ausschussware handelte. Mit Hühnchen und Bohnen ging es dann weiter zu Isabella, der Mutter von Bruno, eines der Kinder aus dem „Fenster zur Welt“-Projekt. Da es im PAF an diesem Tag kein Wasser gab, hat sie uns bei sich zu Hause Mittagessen gemacht. Natürlich Fejao (Reis mit Bohnen) und Spaghetti mit Hühnchen. Überrascht hat mich die Sauberkeit in Isabellas Haus, die man gar nicht in den von Müll umsäumten Häusern erwartet. Es handelt sich um ein kleines gemauertes Haus mit einem Blechdach und vier bis fünf Zimmern inklusive Küche und Bad. Nicht viel für eine vier- bis fünfköpfige Familie. Aber gemütlich eingerichtet mit Couch, Fernseher und einer weißen Maus, die für einen Hamster gehalten wird, und deshalb ein Hamsterrad besitzt. Mit 27 Jahren ist die nicht sehr gesprächige Isabella schon Mutter von drei Kindern, im Alter von 8, 10 und 12 Jahren. Ein Trend, der typisch für die Favela ist.

Während wir gegessen haben, sind der Canarion, Corinta und Wanderley eingetroffen. Corinta meinte, wir sollen für das Essen bezahlen, doch Adailton und Isabella wollten davon nichts wissen. Thomas meinte, ich solle trotzdem 10 Reais auf den Tisch legen. Allerdings haben die beiden das gesehen, und es entstand eine peinliche Situation. Dadurch habe ich den Eindruck bekommen, dass Corinta, obwohl sie viel mit Oziel zusammenarbeitet, sich nicht wirklich in die Lage der Leute versetzen kann und nicht ihre Gefühle und ihren Stolz versteht.

Nach dieser peinlichen Episode haben wir uns dann an der Ping-Pong-Platte vom PAF zusammengesetzt, um unsere weiteren Pläne zu besprechen. Am Ende wurde entschieden, dass wir drei Gruppen bilden: von 10-12, 13-16 und 17-25 Jahren. Um Kinder für dieses Projekt zu finden, werden wir sie mit Plakaten einladen. Corinta bestimmte, dass wir noch 30 Plakate malen sollten, natürlich selber und noch am selben Abend. Aufgehängt werden sollen sie dann am Mittwoch. Außerdem hatte Wanderley noch die glorreiche Idee, dass wir mit dem Canario in seinem VW Bus rumfahren sollen, um über Lautsprecher die Einladung vorlesen, damit die Leute auch merken, dass wir echte Deutsche sind.

Einen kleinen Disput gab es nur bei der Alterseinteilung für die Gruppen, da der Canario der Meinung ist, dass Jugendliche ab 18 Jahren Erwachsene sind und nicht mehr „Jovens“(Jugendliche). Am Ende gab er aber doch nach.
Nach der Besprechung ging es dann weiter zum Einkaufen mit Corinta und Wanderley. Im „Campinas Shopping“ kauften wir 30 Plakate und einige Stifte. Danach fuhren wir weiter zu Corintas Wohnung, wo es dann mit einigen brasilianischen Käsebällchen an die Arbeit ging. Es dauerte allerdings eine ganze Weile bis Corinta und Wanderey sich auf einen Entwurf einigen konnte.

In die Wohnung kam auch noch Chris. Es war inzwischen 21.00 Uhr. An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich Corinta und Wanderley sehr dankbar dafür bin, dass sie sich an einem Feiertag die Zeit genommen haben, in die Favela zu kommen, um uns bei unserem Projekt zu helfen. Allerdings schießt sie manchmal über das Ziel hinaus. Denn sie hat uns gar nicht erst gefragt, ob wir die Plakate noch heute Abend machen wollen. Denn dadurch, dass wir seit 9.00 Uhr in Oziel waren, sind wir auch ziemlich müde gewesen. Um 22.00 Uhr haben wir dann entschieden, dass es genug ist, und sind gefahren. Die Plakate wollen wir dann morgen fertigmachen.

Freitag 24. Feb. 2006 Campinas/Brasilien

Heute bin ich schon um 8 Uhr aufgestanden, um mit Lea und Thomas nach Parque Oziel zu fahren. Es war gar nicht so einfach an der richtigen Stelle auszusteigen, da in Oziel alles gleich aussieht – überall der gleiche Müll, außerdem hat der starke Regen in der Nacht die Straßen verändert.

Nach kurzem Hin und Her sind wir aber doch am richtigen Gebäude angekommen. Von dort führte uns ein junges aufgewecktes Mädchen (Esstella) zum Büro des Canario, wo wir Alessandra und Oliver trafen. Alessandra arbeitet für ein Institut in São Paulo , und führt das von Maria Benites entwickelte Projekt „Janela para do mundo“ aus. Per Internet verabreden sich Kinder aus Brasilien, Deutschland und Spanien, um über Livecam miteinander zu kommunizieren. Nur heute hat das Internet leider nicht funktioniert. Dafür durften die sechs Kinder mit Olivers Kamera einen Film über Oziel drehen. Im Zuge dieser Dreharbeiten kam es zu einem Fußballmatch zwischen Deutschland und Brasilien. Ich muss sagen, wir haben uns wirklich tapfer geschlagen. Aber der quirligen Übermacht der kleinen Brasilianer war kaum beizukommen. Glücklicherweise hatten sich zwei brasilianische Kinder bereiterklärt für Deutschland zu spielen, so dass am Ende eine ausgeglichene Partie zu Stande kam.
Mit durchschwitztem T-Shirt ging es dann weiter zum Gemeindezentrum?, wo wir direkt mit Ping-Pong weiter machten.

Danach gab es dann Mittagessen. Man mag es kaum glauben – Bohnen mit Reis. Während des Essens kam es dann zum kulturellen Austausch zwischen uns und dem Canario und seinen Mitarbeitern. Hauptsächlich ging es natürlich um Fußball aber auch um Boxen und Formel 1.

Nach dem Essen machte der Canario dann die große Führung mit uns. Zuerst stellte er uns einigen Bewohnern Oziels vor. Dann ging es weiter zu einer kleinen grünen Oase in all diesen mit Müll übersäten Baracken. Dort bauen die Bewohner Oziels verschiedene Früchte und Gemüse an. Natürlich zeigte der Canario uns jedes Einzelne von ihnen. Begleitet wurden wir auf unserer Tour von einer Schar fröhlicher Kinder, die uns bereitwillig und stolz ihre Umgebung und ihr Zuhause zeigten.

Besonders beliebt ist bei den Bewohnern von Oziel das Zuckerrohr, aus dem auch der Alkohol (Ethanol) für die Autos gewonnen wird. Der Zuckerrohr wird roh gelutscht und dann wieder ausgespuckt, und ist natürlich ziemlich süß. Die Führung war wegen der Hitze sehr anstrengend.
Danach ging es dann mit dem Bus zurück nach Campinas.

Nachtrag: Was wir nicht wussten, ist, dass der Canario uns auf dieser Tour auch allen wichtigen Personen von Parque Oziel vorgestellt hat, damit wir keinen Ärger bekommen würden, wenn wir danach allein in Oziel unterwegs waren. Den nächsten Tagebucheintrag gibt es am 27. Februar.