Der Platzhirsch – Das SF- und Fantasyprogramm 16/17 von Heyne

Hier geht es zum Beitrag Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt? Die Programme von Fischer/Tor und Knaur Fantasy

Große Publikumsverlage wie Heyne oder Piper planen ihre Programme in der Regel halbjährlich und mit viel Vorlauf. Das Buch, das ich z. b. gerade für Knaur übersetze, wird im Sommer 2017 erscheinen, während meine gerade abgegebene Übersetzung für Cross Cult schon in diesem Herbstprogramm erscheinen wird (wann genau, weiß ich aber nicht) – die Aufträge zu den beiden Büchern gingen praktisch zeitgleich ein. Wobei Cross Cult ähnlich wie Festa schon zu den Größeren unter den Kleinen gehört. Noch kleinere Verlage wie Atlantis oder Golkonda planen nicht so feste Programme mit viel Vorlauf. Oft sind es Einmannbetriebe, die auf die Unterstützung von Freunden und Bekannten angewiesen sind, die für sie in der Freizeit Aufgaben wie das Übersetzen erledigen. Und die AutorInnen müssen ihre Schreibzeit in der Regel neben dem Brotberuf abknapsen (wobei das auch bei vielen Midlist-AutorInnen der Fall ist, die bei großen Verlagen veröffentlichen).

Das macht es etwas schwieriger, die geplanten Titel der Kleinverlage so kompakt vorzustellen, wie ich es hier mit den Programmen der größeren mache, die ihre Vorschauen ja fast alle zum gleichen Zeitpunkt veröffentlichen. Ich finde es aber auch nicht schlimm. Denn die Programmvorschauen gehe ich jetzt – wie jedes halbe Jahr – mit viel Freude und Neugierde durch, und entdecke viele interessante Titel – aber bis die in einem halben Jahr dann endlich erschienen sind, habe ich die Hälfte davon schon wieder vergessen.

Man sollte auch nicht vergessen, dass diese Vorschauen in erster Linie für den Buchhandel gedacht sind, die mit ihren Vorbestellungen schon vor Erscheinen eines Titel darüber entscheiden können, ob auch Band 2 der Serie bzw. ein weiteres Buch der Autorin oder des Autors erscheinen wird. In den letzten Jahren habe ich bei einigen Fantasyserien mitbekommen, dass sie eingestellt wurden, weil die Zahl der Vorbestellungen aus dem Buchhandel zu gering waren. Es waren also nicht einmal die LeserInnen, die darüber entschieden haben.

Und leider ist es auch so, dass die Kleinverlage in Buchhandlungen – bis auf wenige Ausnahmen – nicht stattfinden. Die verkaufen ihre Titel vor allem online über Amazon. Und wer sich über aktuelle Neuerscheinungen informieren möchte, kann sich in einschlägigen Genreforen, auf Infoportalen wie Phantastik-News.de und Fantasybuch.de oder Rezensionsmagazinen wie der SF&F Rundschau von Josefson auf dem Laufenden halten.

Kommen wir aber jetzt zu den Programmvorschauen:

Heyne (hier gibt es die Vorschau als PDF ab Seite 60)

Gerade was Science Fiction angeht, ist Heyne noch immer der Platzhirsch. Das Engagement bzgl. Fantasy ist seit dem Verkauf der Fantasyssparte an Piper deutlich zurückgegangen. Welchen Stellenwert die Fantasy im Programm hat, kann man auch an der verlagseigenen Homepage diezukunft.de sehen, auf der Fantasy praktisch gar nicht stattfindet. Wobei das durchaus zur Verlagstradition gehört, hat doch schon Wolfgang Jeschke die Fantasy eher mit Bauchgrimmen neben der geliebten SF verlegt.

In den letzten Jahren sind aber auch die SF-Neuerscheinungen bei Heyne stark zurückgegangen, und man hat vermehrt auf Neuauflagen von Klassikern und noch gar nicht so alter Bücher von Autoren wie David Brin, Sergej Lukianenko oder China Mievielle gesetzt. Ist halt günstiger, als eine neue Übersetzung zu finanzieren. Wobei ich über einigen dieser Neuauflagen wie z. B. David Brin sehr froh bin. Das sind alles Titel, die eigentlich als Selbstverständlichkeit in eine gut gepflegte Backlist gehören. Aber leider geht der Trend dazu, dass SF-Titel schon nach wenigen Jahren (manchmal sogar schon nach einem oder zwei) verramscht werden und vergriffen bleiben (siehe z. B. die Takashi Kovac-Reihe von Richard Morgan, deren Bände 2 und 3 lange nur zu Mondpreisen gebraucht erhältlich waren – und zwar schon kurz nach Erscheinen). Durch die Entwicklung des E-Books hat sich das vor allem bei Heyne inzwischen geändert. Dort hat man Hunderte von Büchern aus der Backlist allein als E-Book neu veröffentlicht. Allerdings habe ich auch schon gehört, dass sich darunter teilweise schlecht eingescannte und vor Fehlern nur so strotzende Texte befinden sollen (siehe Richard Morgans Glühender Stahl).

Wie auch immer, trotz der steigenden Zahl der Neuauflagen war das Heyneprogramm immer für die ein oder andere Perle gut. Und im aktuellen Programm meine ich, wieder mehr interessante SF-Titel entdeckt zu haben. Hier scheint man auf die neu entstandene Konkurrenz durch Droemer/Knaur, Fischer/Tor aber auch Cross Cult reagiert zu haben.

Das Herzstück ist der großartige chinesische SF-Roman Die drei Sonnen (The Three-Body Problem) von Cixin Liu (ich hatte es hier besprochen), das sich in der englischen Übersetzung von Ken Liu in den USA zu einem Bestseller gemausert hat. Und zum Glück übersetzt man – anders als z. B. jüngst bei Koji Suzukis Der Graben – nicht die englische Übersetzung, sondern den originalen chinesischen Text.

Was Frauen angeht hat Heyne 16 Titel von Autorinnen im Programm (bei 47 Büchern ingesamt), darunter aber 10-mal Urban Fantasy von denen fünf wiederum allein von J. R. Ward stammen. An Science Fiction sind dieses Mal nur zwei Autorinnen im Programm, das war in den letzten beiden Programme – meine ich – besser gewesen.

Darunter mit Zero – Kadett der Sterne Military-SF von Sara King, deren Klappentext über einen Helden im Bootcamp, der die Menschheit vor der Herrschaft der Aliens retten muss, sich aber eher nach beliebiger Stangenware anhört. Aber der Eindruck kann natürlich täuschen.

An dieser Stelle muss ich mal einen Einschub bezüglich der Klappentexte von Heyne machen: Traut ihnen nicht! Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass die Klappentexte der Heyne-SF oft nur wenig bis überhaupt nichts mit dem eigentlichen Buch zu tun haben. Der in den USA lebende und auf englisch schreibende deutsche Autor Marko Kloos hat sich zum Beispiel sehr über den Klappentext zur Übersetzung seines ersten Romans gewundert: The blurb for the book is also a little fuzzy on some of the plot details unless the translator did some major surgery on the story. Michael Flynns großartiges Buch Fluss der Sterne wurde als »Abenteuer im Breitwandformat« angekündigt, »eine atemberaubende Reise in die Tiefen des Alls«. Stattdessen handelte es sich um ein poetisches und anspruchsvolles Kammerspiel mit neun psychologisch ausgefeilten Figuren, die sich auf einem Routineflug zwischen Jupiter und Mars befinden. Um mal zwei Beispiele zu nennen.

Was mich überrascht, ist deutschsprachige SF, die nicht von Andreas Brandhorst geschrieben wurde, sondern von Arne Ahlert (Moonatics). Bisher hatte es deutschsprachige SF bei den großen Verlagen ja eher schwer (vor allem in den SF-Programmen), auch wenn es immer mal wieder einen „Perry Rhodan“ -Autoren gab, den man mal was Eigenständiges schreiben ließ.

Der Mond scheint im Trend zu liegen, denn neben Moonatics hat man auch Ian McDonalds Luna im Programm. Einen Autor, bei dem ich schon fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, dass er noch einmal auf Deutsch erscheinen würde. Aber da aus diesem Buch eine TV-Serie werden soll, ist es vielleicht doch nicht so überraschend. Und wie schon erwähnt, der Mond scheint im Trend zu liegen, gibt es doch auch bei Knaur mit Darkside einen Mondroman.

Das Buch, auf das ich mich am meisten freue, ist Aurora von Kim Stanley Robinson, welches ich bewusst nicht im Original gelesen habe, weil ich mich hier sehr auf die Übersetzung von Jakob Schmidt freue, der schon das großartige 2312 hervorragend übersetzt hat und für mich auch das große Vorbild ist, was das Übersetzen von Science Fiction angeht (zuletzt hat er eine tolle Neuübersetzung von Frank Herberts Der Wüstenplanet vorgelegt). Außerdem stehe ich auf Geschichten über Generationenraumschiffe, und dann von diesem Autor …!

Mit Dunkler Orbit von Al Robertson befindet sich auch ein großes Ärgernis im Programm von Heyne. Nichts gegen das Buch, das kenne ich nicht. Aber ich habe gerade für Cross Cult das Buch Dark Orbit von Carolyn Ives Gilman übersetzt. Und natürlich sollte das auf Deutsch Dunkler Orbit heißen; bis ich diesen Titel im Programm von Heyne entdeckte, der im Original übrigens Crashing Heavens! heißt. Also musste kurzfristig ein neuer Titel her, und ich muss sagen, dass mir Dunkle Materie sogar besser gefällt und auch besser zum Inhalt passt (übrigens nicht zu verwechseln mit Dunkle Materie: Die Geschichte der Scheiße). Aber natürlich ist die Verwechslungsgefahr der beiden Bücher durch die Titel groß. Wie es wohl dazu kommen konnte, dass ausgerechnet im Herbstprogramm bei Heyne ein Buch mit dem Titel Dunkler Orbit erscheint, der eine Eins-zu-eins-Übersetzung unseres Buches Dark Orbit ist? Das überlasse ich den Verschwörungstheoretikern unter den SF-Lesern. 😉

Nachdem Robert Charles Wilson (Spin) über Jahre praktisch Stammautor bei Heyne war, wurde es nach dem 2011 erschienenen Vortex plötzlich sehr still um den Autor. Die Übersetzung seines 2013 im Original erschienenen Burning Paradise ließ so lange auf sich warten, dass ich schon glaubte, man habe Wilson aus dem Programm gekickt. 2015 erschien mit The Affinities sogar schon sein nächstes Buch auf Englisch. Doch das Warten hat ein Ende, und Burning Paradise erscheint jetzt endlich unter dem Titel Kontrolle.

Mit Norbert Stöbes Kolonie erscheint sogar noch ein zweiter deutscher Autor im Programm – alteingesessenen SF-Lesern dürfte er noch bekannt sein, ich kenne den Namen vor allem durch seine Übersetzungen.

Ansonsten gibt es in der SF vor allem Fortsetzungen von laufenden Reihen: James A. Corey, Marko Kloos, Ann Leckie (die zweite Frau in der SF), Jamie Sawyer, Michael Cobley.

Und Neuauflagen von Klassikern: Assimov, Heinlein, Hogan.

Das Herzstück der Fantasy scheint mir Die Blausteinkriege 2 des Autorengespanns T.S. Orgel zu sein. Eine Fantasyserie, der ich mal eine Chance geben werde, scheint sie doch weder von Zwergen noch von Orks heimgesucht zu werden. 🙂

Der Urban Fantasy bin ich durchaus nicht abgeneigt, ich liebe die PC Grant-Reihe von Ben Aaranowitch, und lese auch gerne Jim Butchers Dresden Files, aber mit J. R. Ward (Black Dagger) kann man mich jagen.

Bei den Werken von Stefanie Lasthaus (Das Frostmädchen) und Elizabeth May (Die Feenjägerin) bin ich mir nicht so sicher, ob es sich um Urban Fantasy, klassische Fantasy oder ein Mix aus beidem handelt. Da könnte mich Der Feuerstein von Rea Carson schon eher interessieren (wobei ich gerade, während ich auf Amazon verlinke, sehe, dass das Buch bereits 2012 erschienen ist).

Ich wollte mich ja bei den Programmvorstellungen vor allem auf die Frauen konzentrieren, aber ehrlich gesagt, die ganzen Autorinnen, die in der Vorschau in der Romantasyecke präsentiert werden (Coreen Calahan, Julie Kagawa, Christine Feehan), konnten mein Interesse nicht so wirklich wecken.

Bei den Männern bin ich in der Fantasy noch auf Pakt der Diebe von Jon Skovron gespannt, da ich eine Schwäche für solche Diebe-Rache-Fantasy habe. Ist neben den neuen Büchern von Brandon Sanderson und Scott Lynch auch mal ein neuer Fantasyautor im Programm, der bisher noch nicht einmal auf Englisch erschienen ist (erst im Juni 2016). Ebenso wie in diesem Buch, geht es laut Klappentext auch bei Mitchell Hogans Die Feuer von Anasoma um Rache an einem bösen Kaiser und dessen Schergen. Scheint sich zu einem neuen Trend zu entwickeln. 😉

Tja was die Autorinnen im SF- und Fantasyprogramm von Heyne angeht, gibt es da neben Ann Leckie dieses Mal leider kaum Werke von Frauen, die mich wirklich interessieren. Hier ist es eher die alte Garde der Männer (Kim Stanley Robinson, Robert Charles Wilson, David Brin u. Ian McDonald), auf die ich mich freue. Wobei es mit Alena Graedon, Jennifer Foehner Wells (hier hat die Übersetzung von Die Frequenz allerdings starke Kritik erhalten) und Rachel Bach drei Autorinnen aus dem letzten Programm von Heyne gibt, die ich noch lesen möchte. Aber wie das so ist mit den guten Vorsätzen, vermutlich werde ich nicht einmal die Hälfte aller Romane schaffen, die mich wirklich interessieren.

Zwar habe ich hier jetzt wieder auf Amazon verlinkt, da dort die Cover und Klappentexte schon einsehbar sind, bestellen werde ich mir die Bücher aber natürlich in der besten Buchhandlung der Welt – also im Otherland Berlin.

P.S. Die Cover müsst ihr euch auf Amazon oder direkt in der Programmvorschau ansehen, da es mir rechtlich zu heikel ist, hier Cover einzustellen. Das mache ich nur bei befreundeten Verlagen oder fotografiere die Bücher, die mir bereits vorliegen.

7 Gedanken zu “Der Platzhirsch – Das SF- und Fantasyprogramm 16/17 von Heyne

  1. Das mit den Klappentexten ist so ’n Ding … Verstehe ich, ehrlich gesagt, nicht – Werbespruch hin oder her. Sowas bringt einem Verlag doch keine Pluspunkte. Bestenfalls nehmen es die Leser hin.

    • Manchmal werden die schon erstellt, bevor das Manuskript da ist. Manchmal werden sie auch von Leuten erstellt, die das Buch gar nicht gelesen haben. Und manchmal denkt man da wohl sehr kurzfristig an den schnellen Verkauf, ohne zu bedenken, welche langfristigen Folgen der Vertrauensverlust bei den Lesern haben könnte.

      • Ja, zu kurz gedacht hat man schnell … Es mag Fälle geben, wo gewisse Zwänge wie der Zeitfaktor akzeptabel sind. Nur sollte es sich halt nicht häufen.

  2. Bei mir kam gestern von Matthias Oden Junktown an. Matthias schrieb mal Rezis im Fantasyguide und ich bin gespannt auf sein Buch.
    Ich weiß jetzt nicht, ob es in der Vorschau damals zu finden war.

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