„The Dispossessed“ – Ein feministischer Blick auf die Utopie von Ursula K. Le Guin

Ende Januar erscheint bei Fischer/Tor Ursula K. Le Guins 1974 im Original veröffentlichter Roman The Dispossessed in der Neuübersetzung von Karen Nölle als Freie Geister. Bisher war das Buch unter den Titeln Planet der Habenichtse und Die Enteigneten bekannt. Anlässlich dieser Neuveröffentlichung habe ich einen alten Text von mir hervorgekramt, der sich mit dem Frauenbild des Romans beschäftigt. Allerdings bezieht sich der Essay auf die englische Originalfassung.

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Einleitung

„The Dispossessed“ ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Romane von Ursula K. Le Guin, erschien 1974, und gewann einige Preise, auch außerhalb des Science-Fiction-Genre (National Book Award). Er ist aber auch einer ihrer umstrittensten Romane und musste einige Kritik einstecken, die zum Teil aus dem feministischen Lager kam und auf Le Guins Frauenbild in dem Roman abzielte. Auch wurde ihr Homophobie vorgeworfen.

Ich werde ich zunächst das Frauenbild auf Annares beschreiben, dann das Frauenbild auf Urras und schließlich fasse ich die beiden unterschiedlichen Darstellungen zu einer Gesamtbetrachtung über das Frauenbild im Roman zusammen. Danach gehe ich auf die Hauptkritikpunkte ein. Und zum Abschluss werde ich zeigen, dass diese Kritiken ungerechtfertigt sind.

Le Guin schrieb „The Dispossessed“ in einem Genre, das strikten Konventionen unterlag (und dies teilweise bis heute noch tut), die vor allem auf die Zielgruppe der männlichen, heterosexuellen Leser zugeschnitten waren. „The Dispossessed“ ist kein Roman, der in einem feministischen Genre bzw. Kontext veröffentlicht wurde. Er ist ein Science Fiction Roman. Ich werde deutlich machen, dass Le Guin auf subtile Weise diese Genrekonventionen überschreitet, ohne dabei den typischen SF-Leser zu verschrecken. Gerade die Radikalität der Frauenbewegung in den 1960er und 70er Jahren hat viele Männer verschreckt. Ich möchte die Frauenbewegung an dieser Stelle nicht kritisieren, viele Männer hatten es sicher verdient, verschreckt zu werden, aber Le Guin geht einen anderen Weg. Ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt. Aber sie schafft es, im Rahmen eines SF-Romans über einen genialen Wissenschaftler, der in zwei sehr unterschiedlichen utopischen Gesellschaften agiert, die oben genannten männlichen Leser dazu zu bringen über die bisherigen sexuellen Konventionen und den Status der Frau nachzudenken. Meine These lautet also, dass Le Guin entgegen der feministischen Kritik, einen Roman geschrieben hat, der die Grenzen der bis dato vorherrschenden Genrekonventionen auf subtile Weise überschreitet.

1 – Die Frau in der Gesellschaft von Annares

Auf dem anarchistisch sozialistischen Planeten Annares, gibt es offiziell keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Bei der Geburt erhält jeder Bürger einen Namen, der von einem Computer per Zufallsgenerator bestimmt wird. Jeder Name ist einzigartig und nicht geschlechtsspezifisch. Während des Heranwachsens sammeln die jungen Menschen sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern. Erst später, wenn es darum geht, Kinder zu zeugen, tun sie sich mit einem Partner des anderen Geschlechts zusammen. In manchen Fällen bleiben sie als Paar zusammen, was von der Gesellschaft aber misstrauisch betrachtet wird. Im Beruf herrscht völlige Gleichstellung. Frauen finden sich ebenso in höheren Positionen und an Universitäten wieder wie Männer. Es ist auch üblich, dass eine Frau wegen einer beruflichen Anforderung ihren Partner und das Kind verlässt. Wie z. B. Sheveks Mutter es getan hat.

Trotz dieser offiziellen Version lassen sich die biologischen Unterschiede aber nicht unterdrücken. Da nur Frauen Kinder austragen können, sind Männer und Frauen zwangsläufig unterschiedlich. Dies drückt sich auch in den Ansichten einiger Bürger von Annares aus. So bezeichnet Vokep in einem Gespräch mit Shevek Frauen als „propertarians“ – eine Beschimpfung, die ausdrückt, dass Frauen Männer besitzen wollen. (Auf dieses Gespräch werde ich unter Punkt 4 näher eingehen).

Wie in so vielen ideologischen Systemen zeigt sich auch auf Annares ein Unterschied zwischen der Theorie (Männer und Frauen sind gleich) und der Praxis. Diese Unterschiede sorgen unter anderem dafür, dass Shevek an der Wirksamkeit des Systems zu zweifeln beginnt. Einer der Schlüsselmomente ist dabei die Begegnung mit seiner Mutter, die versucht zu erklären, warum sie ihn verlassen hat. Eine weitere Bruchstelle mit dem System entsteht, als man versucht Shevek von seiner Frau und seinem Kind zu trennen. Das sind die Momente, in dem der schöne Schein der Ideologie verblasst und die, teils grausame Realität durchbricht, die offenbart, dass auch in einem System in dem alle gleich sind, es noch Menschen gibt, die etwas gleicher sind und mehr Macht in den Händen halten.
In Punkt 4 werde ich darauf eingehen, was es bedeutet, dass die anarchistische Philosophie von Annares von einer Frau (Odo) begründet wurde.

2 – Die Frauen auf Urras

Urras ist das System, gegen das sich die Odonisten mit ihrer Revolution gewendet haben, als sie sich auf dem Mond Annares niederließen. Seitdem haben sie den Kontakt zu Urras fast vollständig abgebrochen. Urras ist das böse System, dass als abschreckendes Beispiel herangezogen wird.

Urras ist eine kapitalistisch dekadente Gesellschaft, die sich in Reich und Arm unterteilt. Die Armen wohnen unter erbärmlichen Verhältnissen, die Reichen schwelgen in Luxus. Das hier beschriebene Frauenbild bezieht sich auf die reiche Klasse von Urras. Als Shevek nach Urras kommt, lernt er viele Offizielle kennen, ebenso wie Vertreter der Universitäten und Geschäftsleute. Dabei handelt es sich ausschließlich um Männer. Denn auf Urras herrscht eine strikte Geschlechtertrennung. Die Frauen werden von Bildung, Politik, Arbeit und Macht ferngehalten. Sie sind Sexualobjekte, die einzig für die Männer da sind. Wobei Shevek in einem Gespräch mit einer Frau erfährt, dass die Frauen durchaus eine andere Sicht auf den Sachverhalt und die Machtverhältnisse haben. Ein besonders auffälliges Anzeichen für die Unterdrückung der Frau ist, dass sie ihr Kopfhaar abrasiert haben, was als Zeichen der Unterwürfigkeit gesehen werden kann. In vielen Kulturen gelten die langen Haare einer Frau als ihr Stolz. Rasiert man es ab, gilt dies als Zeichen der Schande. So wurden z. B. nach dem 2. Weltkrieg Frauen in von Deutschland besetzten Ländern die Haare abrasiert, wenn sie sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten (wobei dies nur eine von vielen Methoden der sozialen Ächtung war).

Zu den rasierten Haaren kommt auch noch, dass sie im Haus mit nackten Brüsten herumlaufen. Was mancher als Liberalisierung der Kleidungszwänge sehen könnte, ist in diesem Roman aber eine weitere Herausstellung der Frau als Sexualobjekt.

3 – Die Frauen in „The Dispossessed“

Der Protagonist des Romans ist ein Mann (auf die Kritik an diesem Punkt werde ich in Punkt 4 eingehen.). Die meisten der Schlüsselfiguren, die eine tragende Rolle in der Geschichte von Shevek spielen sind ebenfalls Männer. Frauen stehen, wie auch in der Gesellschaft der 60er und 70er Jahre, in der zweiten Reihe. Sie sind Nebenfiguren, die nur begrenzten Einfluss auf das Handeln von Shevek haben.

Die wichtigsten Frauen für Shevek sind seine Frau Takver, seine Lehrerin an der Akademie, später auch noch seine Mutter. Auf Urras lernt er eine Frau kennen, die ihm einen anderen Blick auf die dortige Gesellschaft ermöglicht. Die vermutlich wichtigste Frau taucht im Roman aber gar nicht selbst auf. Es ist Odo, die auf Urras lebte und dort gegen das kapitalistische System protestierte und die „odonian theory“ begründete. Ich werde in diesem Essay nicht näher auf die einzelnen Persönlichkeiten dieser Frauen eingehen, sondern mich auf eine Gesamtsicht beschränken.

Le Guin stellt zwei sehr unterschiedliche Gesellschaftssysteme vor, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, durchaus als Allegorie auf die Sowjetunion und die USA gesehen werden können. Auf der einen Seite der kapitalistische Westen mit seinen dekadenten Auswüchsen, auf der anderen Seite der sozialistische Osten, der nach außen die Gleichstellung aller Bürger betont.

Um die Unterschiede der beiden Systeme besonders herauszustellen, geht Le Guin in einigen „Auswüchsen“ ein wenig ins Extreme. So z. B. der Versuch der absoluten Gleichstellung der Frauen auf Annares, die ja dort eigentlich nur Bürger sein sollen und nicht Frauen. Auf der anderen Seite die absolute Darstellung der Frau als Sexualobjekt, das zu Hause zu bleiben hat, während die Männer die Welt regieren. In einer solch extremen Geschlechtertrennung ist es übrigens um so revolutionärer, dass der (die) Führer(in) einer Gegenbewegung eine Frau ist. (vgl. Clarke, 201)

4 – Die feministische Kritik an „The Dispossessed“

Nach der Veröffentlichung von „The Dispossessed“ sah sich Le Guin mit ähnlicher Kritik konfrontiert wie an ihrem Roman „Left Hand of Darkness“. In diesem Buch beschreibt sie eine androgyne Gesellschaft, deren Mitglieder beide Geschlechter besitzen. Trotzdem wurde sie für ihre Verwendung der maskulinen Pronomen „he“ und „him“ kritisiert. Außerdem würde ihre Beschreibung, beim Leser den Eindruck hinterlassen, dass es sich um eine maskuline Gesellschaft handele.

Auch für „The Disspossesed“ erhielt Le Guin eine solche Kritik. Sie beschreibt Annares als androgyne Gesellschaft, in der es keine sozialen Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Man „teilt sein Lager“ genauso mit gleichgeschlechtlichen Partnern wie auch mit Menschen des anderen Geschlechts. Ein Familienleben gibt es im eigentlichen Sinne nicht. Zuerst kommt die Arbeit. Das führt zum Beispiel dazu, dass Shevek ohne seine Mutter aufwächst, da diese es für wichtiger hielt, einer bestimmten Arbeit nachzugehen, für die sie Shevek und seinen Vater verlassen hat. Tom Moylan kritisiert „while the novel expresses a libertarian and feminist value system, the gaps and contradictions in [Le Guin’s] text betray a privileging of male and heterosexual superiority and of the nuclear, monogamous family“. (Moylan, 102).

Auch in semantischer Hinsicht gibt es Kritik an dem Text, da die Sprache Le Guins es nicht schaffe, den Eindruck einer Gesellschaft zu vermitteln, in der alle gleich sind (vgl. Clarke, 63). Als Beispiel sei die Verwendung von männlichen Pronomen wie „he“ oder „his“ zu nennen. Außerdem benutzt Le Guin in ihrem Text geschlechtsspezifische Wörter wie z. B. „brother“, um geschlechtsunspezifische Begriffe von Annares zu beschreiben. Sie unterwirft sich also den geschlechtsspezifischen Konventionen englischer Grammatik, und versäumt es dadurch, dem Leser das Gesellschaftssystem von Annares auch mit sprachlichen Mitteln näher zu bringen. Obwohl es sich um eine „ungeschlechtliche“ Gesellschaft handelt, benutzt Le Guin eine männliche Sprache und männliche Protagonisten.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das Gespräch zwischen Shevek und Vokep auf Seite 52, dass ein negatives Frauenbild hinterlässt.

„Women think they own you. No woman can really be an Odonian… What a man wants is freedom. That a woman wants is property. She’ll only let you go if she can trade you for something else. All women are propertarians. (Le Guin Dispossessed, 52)

Shevek wiederum offenbart in seiner Reaktion auf Vokeps Aussage, dass er Vorurteile gegenüber Männern besitzt: „I think men mostly have to learn to be anarchists. Women don’t have to learn“ (Le Guin Dispossessed, 52). Shevek ist also der Meinung, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, was an dieser Stelle des Romans seine Entfremdung von der eigenen Kultur verdeutlicht.

Auch wenn Le Guin eine möglichst androgyne Gesellschaft schildert, zeigt sie auch deren Grenzen auf, wenn es an die biologischen Unterschiede, im Speziellen das „Kinderkriegen“ geht.

Kritisiert wurde, dass Shevek ein klassischer männlicher Held sei, der seine Familie verlässt, um nach Größerem zu streben, während die Frauen, die wie Sheveks Mutter z. B., ähnliches Handeln, dabei moralisch weitaus schlechter wegkommen (vgl. Clarke, S. 65). Clarke kommt zu dem Schluss, dass alle Frauen in der Geschichte in ihren Stereotypen gefangen zu sein scheinen (vgl. Clarke, S. 65).

Ein weiterer Vorwurf an Le Guin lautet Homophobie, der unter nderem von Samuel L. Delany aufgegriffen wurde. Für Delany ist die Figur des Bedap, der einzige offen homosexuelle Charakter, ein Zeichen dafür, dass Homosexualität unnatürlich sei (Clarke, 66).

5 – Die Gegenargumente zur Kritik

Zum Vorwurf der Homophobie sei zu sagen, auch wenn Figuren wie Shevek in der Gesamtsicht heterosexuell wirken (verheiratet, Kind), hat er auch sexuelle Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht. Le Guin beschreibt eine Gesellschaft, in der in homosexuellen Beziehungen nichts Verwerfliches gesehen wird. Für die Zeit der Veröffentlichung und das Genre Science Ficition ist ihr Umgang mit Sexualität erstaunlich liberal. Gerade in der SF ist nicht nur Homosexualität, sondern auch Sexualität allgemein, ein Thema, auf das in der Regel nicht genauer eingegangen wurde. Romane wie „Der ewige Krieg“(1975, Sex unter Soldaten) von Joe Haldeman oder „Die Liebenden“ (1954, erstmals Sex mit Außerirdischen) von Philip Jose Farmer riefen unter den SF-Fans große Proteste hervor.

Dass Le Guin bei der üblichen Schreibweise mit männlichen Pronomen und Bezeichnungen blieb, ist wohl vor allem ihrer Vorliebe für korrekte Grammatik geschuldet. Wie merkwürdig und abstrakt sich bemüht geschlechtsneutrale Bezeichnungen auswirken, kann man heute in politisch korrekten Anschreiben und Veröffentlichungen lesen, die noch weit über ein einfaches he/she hinausgehen. In einem Roman, der von seinen Lesern flüssig gelesen werden möchte, würde sich dies äußerst abstrakt anhören und den Lesefluss stören. Wobei sich Le Guin in ihrem 1976 erschienen Essay „Is Gender Necessary? Redux“ entschuldigt, die Androgynität nur aus männlicher Sicht erkundet zu haben, aber nicht aus der Sicht einer Frau (Le Guin Gender, 16).

Wo beginnt Feminismus in der Science Fiction? „In most science fiction until quite recently, women either didn’t exist, or if they existed, they were these little stereotyped figures that squeaked …“ (Interview, Broughton 315-316, 1990).
In diesem Kontext kann man sagen, dass Science Fiction feministisch wird, wenn eine Frau eine tragende Rolle in der Geschichte spielt, und nicht nur als klischeehafte Nebenfigur benutzt wird. In ihren ersten Werken benutzt Le Guin selbst vor allem Männer als Hauptfiguren. Sie sagt, sie habe damals nicht gewusst, wie man aus der Perspektive einer Frau schreibe. An diesem Punkt liegt durchaus ein Ansatzpunkt für eine feministische Kritik. Denn Le Guin passt sich den Marktgegebenheiten für SF-Literatur an und benutzt männliche Protagonisten (was auch damit zusammenhängt, dass SF vor allem von Männern geschrieben und gelesen wurde. Seit den 70er Jahren hat sich dieses Bild ein wenig verändert, wobei die Männer das Genre immer noch dominieren. Trotzdem gibt es in „The Disspossesed“ einen differenzierten Blick auf die Rolle der Frau in den beiden unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der beiden Planeten.

Clarke wirft die Frage auf: How much do conventions unconsciously constrain the writing? How much was Le Guin steered by science fiction conventions that, for example, tacitly allow only for a male protagonist? (Clarke, 68).
Eine Frage, die sich im Nachhinein vermutlich nicht einmal von Le Guin selbst beantworten lässt. Die Konventionen des Genres waren damals aber sehr stark und haben auch die Verlage in ihrer Veröffentlichungspolitik beeinflusst.
Bittner schreibt: … both that Le Guin quite deliberately chose a male protagonist and that “the dialectic of the romance (and science fiction estrangement) almost [makes the male protagonist] imperative. (Clarke, 68).

Feministinnen mag Le Guin Vorgehensweise zu konservativ und nicht radikal genug sein. Aber sie sind auch nicht „the indendet audience“ eines SF-Romanes. Le Guin wollte mit ihrem Roman vor allem heterosexuelle Männer, die auch heute noch die Mehrheit der SF-Leser ausmachen, ansprechen. Um diese Leser, die ebenso wie das Genre noch sehr in traditionellen Mustern dachten, zu erreichen, musste sie subtil vorgehen, um sie nicht zu verschrecken. Mit der Wahl eines männlichen Protagonisten, der auch noch ein herausragender Wissenschaftler ist, hat sie ihnen eine Identifikationsfigur gegeben, mit der sie langsam die Grenzen der üblichen sexuellen Konventionen überschreiten können.

Kritiker wie Craig und Diana Barrows meinen dazu: They argue that Le Guin uses a naive and rather sexist male protagonist in ”Hand“ because her intended audience is not feminists or women, but “typically biased heterosexual males.” (Clarke, 69).

Während Joana Russ die SF in einer Zwangjacke sieht: It’s the whole difficulty of science fiction, of genuine speculation: how to get away from traditional assumptions which are nothing more than traditional straightjackets. (Russ, 91).

Ich kann mich der feministischen Kritik nicht anschließen. Rückblickend auf diese Zeit in der Geschichte der Science Fiction sehe ich „The Dispossessed“ zusammen mit „Left Hand of Darkness“ als einen, für das SF-Genre, bahnbrechenden Roman, der nicht mit dem Holzhammer daher kommt, sondern die Grenzen des Genres subtiler überschreitet, ohne dabei den Leser zu erschrecken. Der Roman hat keine befriedigende Utopie für die Rolle der Frau zu bieten, wirft aber einen kritischen Blick auf die traditionellen Rollen in den beiden, zu dieser Zeit, vorherrschenden Gesellschaftssystemen. Das diese beiden Rollenstereotypen auf die Spitze getrieben werden ist eine typische Eigenschaft von Science-Fiction-Literatur, die bestehende „Missstände“ aufgreift und sie durch überspitzte Darstellung als warnendes Beispiel darstellt.

Verwendete Literatur:

Broughton, Irv: The Writer’s Mind: Interviews with American Authors. Fayettville: Univertity of Arkansas Press, 1990
Clarke, Amy M.: Ursula K. Le Guin’s Journey To Post-Feminism. 1. Auflage.Jefferson: McFarland Company, 2010
Klarer, Mario: Gender and the “Simultaneity”: Ursula K. Le Guin’s “The Dispossessed”. Spring. Mosaic, 1992
Le Guin, Ursula K.: The Dispossessed. New York: HarperCollins, 2001
Moylan, Tom: Demand the Impossible: Science Fiction and the Utopian Imagination. New York: Methuen, 1986
Russ, Joanna:The Image of Women in Science Fiction. In: Images of Women in Fiction: Feminist Perspectives. Hg.v. Susan Koppelman Cornillon. Ort: Bowling Green, OH. Bowling Green University Popular Press, 1972

Sex, Punk, and Videogames: Sex (Porn)

Ursprünglich wollte ich nur einen Beitrag zu den Dokumentationen verfassen, die ich in letzter Zeit gesehen habe, aber das würde zu lang und thematisch zu unübersichtlich werden. Im nächsten Beitrag (Punk) wird es um die Dokumentation The Punk Singer gehen, die aus dem Leben von Kathleen Hanna (Bikini Kill, Le Tigre) erzählt, die unter anderem als Mitbegründerin der Riot-Grrrls-Bewegung gilt. Im dritten Teil dann um die Dokumentation Videogames – The Movie, an der es einiges zu kritisieren gibt.

Jetzt geht es aber ums Sex und Pornografie. Zunächst um die Doku After Porn Ends, in der erzählt wird, was so einige Pornosternchen in ihrem Leben nach dem Porno treiben. Gefolgt von Mutantes: Punk Porn Feminism, einer französischen Doku in der Künstlerinnen wie Lydia Lunch, Sexarbeiterinnen, Pornofilmerinnen, Feministinnen uvm. zu Wort kommen. Die dritte und letzte Doku ist die von James Franco (nicht zu verwechseln mit Jess Franco 😉 ) produzierte Kink.com, in der es einen Blick hinter die Kulissen des weltweit größten BDSM-Pornoproduzenten der Welt gibt. Ganz zum Schluss gibt es von mir noch einen kleinen Essay darüber, warum ich es (als studierter Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt auf den USA) für wichtig halte, dass Pornografie auch in kulturwissenschaftlichen Studien und Studiengängen als Thema vorkommen sollte und warum Pornografie einen enormen Einfluss auf unsere Kultur und die der USA hat, ob das einem gefällt oder nicht.

After Porn Ends

In dieser Dokumentation aus dem Jahr 2012 kommen zahlreiche ehemalige Pornostars wie Tiffany Million, Mary Carey oder Amber Lynn zu Wort, aber auch Chronisten der Pornoszene. Sowohl Frauen als auch Männer, die mir aber alle unbekannt sind, bis auf Asia Carrera, die es 2014 auf die Startseite von Spiegelonline schaffte, weil sie sich in bester Pastafari-Tradition mit einem Nudelsieb auf dem Kopf als religiöse Kopfbedeckung für ihren Führerschein ablichten ließ – was für mich als Atheist der mit dem fliegenden Spaghettimonster sympathisiert, eine klasse Aktion ist.

Aber zurück zum Porno. Es fällt auf, dass die Männer wenig Probleme mit ihrer Zeit im Geschäft haben, während die Frauen damit viel deutlicher kämpfen, die Zeit eher negativ sehen bzw. den Ausstieg als Erleichterung. Was besonders bei einer Darstellerin deutlich wird, deren Tochter sich für ihre Mutter schämt. Den klarsten Schnitt hat wohl Tiffany Million gemacht, die inzwischen als Kopfgeldjägerin arbeitet, und der man unumwunden glaubt, dass sie nicht in die Branche zurückkehren wird. Anderen gelingt dieser Schnitt nicht, so informieren Einblendungen am Ende des Films, dass einige der Darstellerinnen, die sie zuvor noch sehr erleichtert über ihren Absprung zeigten, aus finanziellen Gründen wieder Pornos gedreht haben. Anderer haben zum Glauben gefunden, oder engagieren sich aktiv gegen Pornografie. Die Doku zeigt eine ganze Bandbreite an Erfahrungen, von negativen, über neutrale bis zu positiven.

Der Film geht auch darauf ein, mit welchen Schwierigkeiten die ehemaligen Darstellerinnen im normalen Leben zu kämpfen haben. Sie werden geächtet, beschimpft und benachteiligt, was, wie jemand im Film erklärt, durchaus daran liegen könnte, dass viele Menschen heimlich Pornografie konsumieren, sich aber dafür schämen und dies in der Öffentlichkeit durch Ächtung eben jener Darstellerinnen zeigen, zu denen sich hinter verschlossener Tür im Handbetrieb vergnügen. Asia Carrera ist mit ihren Kinder (nach ein Schicksalsschlag) nach Utah gezogen, weil Pornografie dort verboten ist und sie hoffte, dort anonym bleiben zu können. Dank des Internets hat es nicht lange gedauert, bis die Erzieherin im Kindergarten ihrer Kinder wusste, was Asia früher gemacht hatte.

Die Doku ist sehr offen und es kommen sowohl der Pornografie gegenüber positiv eingestellte Meinungen zu Wort, als auch negative. Kritik an der Methode der Branche, in der viele junge und teilweise naive oder seelisch angeschlagenen Frauen in finanzieller Not gnadenlos ausgebeutete werden. Aber es gibt auch sehr intelligente Frauen wie Asia Carrera die sich bewusst entscheiden solche Filme zu drehen, weil sie Spaß an Sex haben und es genießen über ihre Sexualität und ihren Körper selbst zu bestimmen.

Einen wirklichen Einblick hinter die Kulissen des Pornogeschäfts gibt es aber nicht. Hier geht es um die Darstellerinnen und Darsteller und deren Leben, wie sie in die Branche geraten sind, welche Erfahrungen sie gemacht haben und wie ihr Leben nach dem Porno aussieht. Die Doku könnte sowohl für Leute interessant sein, die Pornografie mögen, als auch jene, die sie ablehnen. Ausschnitte aus Pornofilmen gibt es kaum zu sehen, und wenn, dann keine expliziten.

Zur weiteren Lektüre empfehle ich die Autobiografie Pornstar von Jenna Jameson, die etwas detailliertere Einblicke liefert, allerdings zu einem großen Teil auch aus Klatsch und Tratsch besteht.

Mutantes: Punk Porn Feminism

Ist eine aus dem Jahr 2009 stammende französische Dokumentation der Regisseurin Virginie Despentes (Baise-moi), in der es unter anderem um das titelgebende punk porn feminism movement geht. Dazu gehören die Themen Sexarbeit, Pornografie und Feminismus. Den Feminismus kann man bei dieser Debatte in zwei Lager unterteilen: Sex-positiver Feminismus und Feminismus, der Sexualität als Mittel zur Unterdrückung der Frau sieht und dementsprechend Prostitution und Pornografie generell ablehnt.

Der sex-positive-feminism sieht sexuelle Freiheit als ein Zeichen für die freie Selbstbestimmung der Frau, weshalb alle Bestrebungen den einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen einzuschränken oder gar zu verbieten abgelehnt werden, da dies damit auch die Selbstbestimmung der Frau unterdrückt.

In dieser Doku kommen vor allem Pro-Sex-Feministinnen zu Wort, darunter Sexarbeiterinnen (Prostitutierte), Pornodarstellerinnen, Pornoregisseurinnen, Aktivistinnen und Künstlerinnen. Darunter z. B. Lydia Lunch. Der Film zeichnet den Aufstieg des Sex-Positiv-Feminismus in den 80er Und 90 Jahren nach, indem viel Pionierinnen dieser Zeit zu Wort kommen. Auch wenn es eine französische Doku ist, geht es zunächst um die USA, wo diese Bewegung ihre Wurzeln hat. Und warum unter anderem der dortige repressive Umgang mit Prostitution wenig mit Feminismus zu tun hat, wenn Sexarbeiterinnen dort diskriminiert schikaniert werden.

Prostitution ist in den USA illegal. Strafbar machen sich dabei (anders als in manch europäischem Land) nicht nur die Freier, sondern auch die Sexarbeiterinnen. Hier ist eindeutig, dass es bei diesen Gesetzen (anders als eben in Europa) nicht um den Schutz der Frau geht, sondern um die repressive Durchsetzung eines vom Puritanismus beeinflussten bigotten Weltbildes. Prostitution ist Pfui und hat in einem christlichen Land mit konservativen Familienwerten nichts zu suchen. Wird eine Frau von einem Mann für einvernehmlichen Sex bezahlt, macht sie sich strafbar. Werden beide für einvernehmlichen Sex bezahlt, wie es bei einer Pornoproduktion der Fall ist, ist es legal.

Dabei darf man natürlich nicht ausblenden, dass es einen hohen Anteil an Zwangsprostitution und Menschenhandel gibt. Aber das ist noch lange kein Grund, Erwachsene zu bestrafen, die dieser Tätigkeit freiwillig nachgehen, was es nach der Position der Sex-Böse-Feministinnen aber gar nicht geben kann, dass Frauen Spaß an Sex haben und sich dafür auch noch freiwillig bezahlen lassen. In den USA werden Sexarbeiterinnen jedenfalls wie Verbrecher behandelt und gesellschaftlich geächtet.

Ähnlich sieht es bei der Pornografie aus. Die ist zwar legal, gesellschaftlich aber ähnlich verrufen, sowohl von konservativer Seite mit patriarchalischem Weltbild aus als auch vom Feminismus. Ich zitiere hier mal ganz unwissenschaftlich Wikipedia:

Robin Morgan fasste derartige Vorstellungen in einer Aussage zusammen: „Pornografie ist die Theorie; Vergewaltigung die Praxis.“

Diese Verteufelung der Pornografie wird unter anderem von feministischer, von Frauen produzierter Pornografie widerlegt. Es wird gezeigt, wie Künstlerinnen wie z. B. Annie Sprinkle das Thema auf humorvolle Weise als Perfomancekünstlerinnen angehen, oder Filmemacherin sinnliche Pornos drehen, die sich ausschließlich auf die Bedürfnisse von Frauen konzentrieren, darunter auch feministische SM-Pornografie. Zu Letzterem gibt es dann auch noch einen interessanten Abstecher in die spanische Punk-Porn-Feminism-Szene, der zeigt, dass es sich dabei nicht um ein auf die USA beschränktes Phänomen handelt.

Das die sexuelle Selbstbestimmung der Frau auch in der Pornografie eine wichtiges und immer noch brisantes Thema ist, zeigt z. B. die jüngste Gesetzgebung in Groß-Britannien, wo ein absurder Verbotskatalog erlassen wurde, der völlig willkürlich die Produktion unterschiedliche Arten der Pornografie im Königreich verbietet (und nur die Produktion, nicht den Konsum!). Vornehmlich geht es dabei um Praktiken, die vor allem Frauen Lust bereiten. So ist es z. B. verboten einen weiblichen Orgasmus zu zeigen, aber erlaubt, Männer abspritzen zu lassen. Frauen dürfen sich nicht mehr auf das Gesicht von Männern setzen und diese auch nicht mehr spanken.

Das es sich dabei um eine zutiefst frauenfeindliche Gesetzgebung handelt, zeigt sich unter anderem dadurch, dass es vor allem Frauen, die bisher mit solcher Pornografie ihr Geld verdient habe, in finanzielle Not bringt. Die Sex-positiv-Feministinnen sind jeden Falls alles andere als begeistert.

Weiterführende Links:
Auf der Onlineseite des Guardian gibt es einen aufschlussreichen Artikel zu der absurden Gesetzgebung in Großbritannien. Die deutschen Medien haben das Gesetz zum Teil sehr verzerrt und falsch dargestellt.

Auf Welt.de gibt es einen interessanten Beitrag über die „feministische Regisseurin“ Erika Lust, der zeigt, wie Sexfilme und Pornos auch aussehen können.

Und die New York Times berichtet über neue, von Frauen geführten Magazinen für Erwachsene.

Kink.com

Ist eine von James Franco produzierte und von Christina Voros gedrehte Dokumentation, die einen Blick hinter die Kulissen des größten Produzenten für BDSM-Pornografie wirft.

Dank des gerade angelaufenen Shades of Grey werden die meisten inzwischen wissen, was mit BDSM gemeint ist oder zumindest eine vage Vorstellung haben (auch wenn Buch und Film vermutlich alles völlig falsch darstellen). Kink.com (ich verlinke hier nur auf den Wikipediaeintrag), die ihre Filme über die gleichnamige Internetseite vertreiben, decken alle möglichen Spielarten ab. Unter den Sparten Men in Pain und Divine Bitches werden zum Beispiel Männer von Frauen dominiert, bei Hogtied und Device Bondage Frauen von Männern und Frauen, es gibt Sparten für Gay-BDSM, TS-Seduction für BDSM-Variationen mit transexuellen Darstellerinnen uvm.

Die Dokumentation begleitetet die Dreharbeiten zu Filmen aus drei dieser Sparten. Gay-BDSM, Men in Pain und Frauen, die von Männern dominiert werden. Wobei der Begriff dominieren eigentlich viel zu schwammig ist. Es wird jedenfalls eine große Bandbreite der unterschiedlichsten SM-Spielarten abgedeckt. Dazu gibt es noch Einblicke in den geschäftlichen Teil der Produktion, wie z. B. das Casting oder die monatlichen Geschäftsberichte über die Abonnentenzahlen.

Kink.com gilt als einer der anständigsten und fairsten Arbeitgeber in der Pornobranche, und scheint bei den Darstellerinnen sehr beliebt zu sein (auch wenn es in der Vergangenheit schon Streit über die Honorare für Onlinedarstellerinnen gab). Was auch daran liegen könnte, dort viele Frauen sowohl hinter der Kamera als auch im geschäftlichen Bereich z. b. beim Casting tätig sind.

Die Kamera begleitet wie schon erwähnt einige Dreharbeiten und zeigt dabei auch explizite Pornoszenen, die definitiv ab 18 sind. Gleichzeitig könnte einem dabei aber auch die Lust auf solche Filme vergehen, weil man sieht, unter welch professionellen und wenig erotischen Bedingungen die Szenen entstehen, die im fertigen Film völlig anders wirken. Wie auch bei normalen Spielfilmen wird hier eine Illusion erzeugt, die durch den Blick hinter die Kulissen entzaubert werden kann.

Die Darstellerinnen und Darteller kommen ausführlich zu Wort und schildern ihre Beweggründe in der Sexindustrie zu arbeiten. Manche machen es, weil sie das Geld brauchen, andere, weil sie auf der Suche nach Orientierung sind (wie z. B. der Darteller aus der Gay-BDSM Reihe, der gerade das College hingeschmissen hat, und nicht so recht weiß, was er jetzt anfangen soll) und manche, weil sie einfach Spaß an Sex haben, und es toll finden, dafür auch noch bezahlt zu werden.

Die kritischen Töne kommen meiner Meinung nach etwas zu kurz. Nur einer der Darstellerinnen erzählt, dass ihrer Meinung nach viele verlorene Seelen bei den Produktionen dabei seien. Und auf die Frage, was sie denke, wenn ihre Kinder (wenn sie erwachsen sind) in der Pornobranche arbeiten wollen, muss sie kräftig schlucken.

Da es in der Doku ausschließlich um eine der größten Pornoproduzenten geht, der seine Darstellerinnen vorbildlich behandelt, anständig bezahlt und Standards für die Branche gesetzt hat, werden die unzähligen Schmuddelproduzenten ausgeblendet, die die Not der Frauen ausnutzen, sie mies behandeln und mit fragwürdigen Methoden arbeiten. Das taucht nur mal kurz am Rande auf, als die als Princess Donna bekannte Darstellerin erwähnt, dass sie mal für eine andere Produktionsfirma gearbeitet habe, die härtere Filme produziere, und wo sie nicht die Möglichkeit hatte, Stopp zu sagen, als Dinge mit ihr angestellt wurden, die ihr sie nicht tun wollte.

Kink.com bietet einen interessanten Einblick hinter die Kulissen eines BDSM-Pornoproduzenten, von dem man aber nicht auf andere und die Arbeitsbedingungen in der Branche allgemein schließen sollte. BDSM gibt es in unzähligen Varationen, die einen mögen Bondage und lassen sich gerne kunstvoll verschnüren, andere mögen es ausgepeitscht oder erniedrigt zu werden, von Männern, Frauen oder etwas dazwischen. Dieser Film zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus einer vielfältigen Welt, die man nicht voreilig als Schmuddelkram oder krankes Zeug abtun sollte. Es lohnt, sich damit zu beschäftigen, denjenigen zuzuhören, die Spaß daran haben und/oder ihr Geld damit verdienen. Dann kann man eventuell auch besser verstehen, warum Shades of Grey gerade so erfolgreich ist und so viel Interesse erzeugt. Die hier gezeigten Filme sind jedenfalls sehr viel einfallsreicher, kreativer und abwechslungsreicher, als die üblichen 08/15 Pornos die immer nach dem gleichen Schema ablaufen. Wobei die Filme von Kink.com oft auch nach dem gleichen oder zumindest einem ähnlichen Schema ablaufen, was bei einer solchen Massenproduktion wohl unvermeidbar ist.

Wer in dem Film überhaupt nicht zu Wort kommt, sind die Zuschauer, also die Leute, die sich diese Filme ansehen. Wäre interessant, mal zu sehen, wer sich das alles ansieht und warum. Es gibt ja auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Frauen, die sich durchaus Pornografie ansehen.
Noch ein paar kurze Gedanke zum Thema Pornografie

Man macht es sich zu einfach, wenn man Pornografie als ein Mittel zur Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen ansieht, wenn man dabei vermutlich eine fies verzerrte Großaufnahme eines männlichen Gesichts á la Lou Ferrigno vor Augen hat, während dieser der Frau ins Gesicht spritzt. Diese Pornografie gibt es natürlich und sie ist weit verbreitet, aber sie steht trotzdem nicht repräsentativ für dieses Filmgenre. Ich hoffe, dass meine obigen Texte zu den drei Dokumentationen gezeigt haben, dass es sich bei Pornografie um ein weites und vielseitiges Feld handelt, das man nicht einfach in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse unterteilen kann. Es spiegelt vielmehr das differenzierte und komplexe Zusammenleben der Menschen unter dem Aspekt der Sexualität wieder.

Und unter anderem deshalb ist es ein Feld, das in der Kulturwissenschaft nicht vernachlässigt werden sollte (was es aber wird). Ich habe z. B. Nordamerikastudien am John-F.-Kennedey Institut für Nordamerikawissenschaften an der Freien Universität Berlin mit einem Schwerpunkt auf Kultur studiert. Und während Malerei, Fotografie, Film, Serien, Musik, Journalismus usw. dort ausführlich behandelt werden, wird die Pornografie (übrigens ebenso wie Computer- und Videospiele) dort komplett ignoriert.

Die Pornoindustrie ist eine Milliardenindustrie, die sich mit ihren Umsätzen nicht hinter Hollywood verstecken braucht. Seit es Fotografie gibt, gibt es pornografische Aufnahmen, und seit es den Film gibt, gibt es auch pornografische Filme. Zunächst liefen solche Filme nur in Schmuddelkinos und Videokabinen in Sex-Shops. Die Erfindung der Videokassette und der Siegeszug von VHS und der Videotheken haben die Pornoindustrie revolutioniert und in Millionen von Haushalten gebracht. Seit dieser Zeit sind unzählige Menschen unter dem Einfluss von Pornografie aufgewachsen, ein Einfluss, der sich durch das Internet nur noch mehr potenziert hat. Es lässt sich nicht leugnen, das Pornografie eine enormen Einfluss auf ganze Generationen von Menschen hat (auch wenn viele von ihnen das öffentlich natürlich bestreiten würden). Pornodarstellerinnen sind Superstars, die sich vor Autogrammanfragen kaum retten können. Doch neben dem industriell organisierten Massenmarkt hat sich in der Pornografie auch eine Kunstform entwickelt, die versucht, den Sexualakt auf ästhetisch anspruchsvolle Weiße darzustellen.

Sämtliche oben genannten Aspekte verdienen eine ausführliche kulturwissenschaftliche Betrachtung. Dabei geht es nicht um moralische oder ästhetische Urteile – in der Kulturwissenschaft geht es nicht um Bewertungen – sondern um Analyse des kulturellen Einlusses der Pornografie auf ein Land und seine Menschen, und den Einfluss des Landes und seiner Kultur auf die Pornografie.

Salman Rushdie sagte einmal:

Wenn es um Gesellschaften geht, in denen es für junge Männer und Frauen schwierig ist, zusammenzukommen und das zu tun, was junge Männer und Frauen häufig tun, dann befriedigt sie (die Pornografie) ein allgemeines Bedürfnis. In dieser Funktion wird sie manchmal geradezu zu einem Symbol der Freiheit, ja der Zivilisation.

(Quelle: Spiegel.de)

Am Umgang einer Gesellschaft mit Pornografie kann man ihren Grad an Freiheit erkennen. Wenn man sich anschaut, wo Pornografie verboten ist, dann handelt es sich vor allem um diktatorische, autokratische und repressive Staaten. Das von mir weiter oben erwähnte neue restrektive Gesetz in Großbritannien zeigt durchaus, dass sich das Land schleichend von den Grundsätzen der Demokratie entfernt, was man an den jüngsten Geheimdienstskandalen rund um die Enthüllungen von Edward Snowden, der Aktion gegen den Guardian, den vorauseilenden Gehorsam der Presse und der umfassenden Überwachung durch die Sicherheitsbehörden erkennen kann.

In den USA ist Pornografie nur im von Mormonen dominierten Bundestaat Utah verboten, aber die Gesellschaft ist noch weit von einem gelassenen Umgang mit der Thematik entfernt. An diesem widersprüchlichen Umgang kann man die Spaltung der Nation in ein konservatives und ein liberales Lager gut erkennen.

Ich persönlich halte Pornografie nicht für schlimm. Pornografie ist kein Zeichen einer übersexualisierten Gesellschaft. Viel gruseliger finde ich die in den USA weit verbreitete Miss-Wahlen, auf denen kleine Mädchen zu puppenartigen Wesen geschminkt und gestylt werden (siehe Little Miss Sunshine), oder die Modebranche, in der 14-jährige Mädchen als Sexsymbole inszeniert werden. Ebenso unheimlich, wie diese Fixierung auf ein möglichst sexy Aussehen in Lifestylemagazinen, im TV, in Musikvideos und sonstigem Promikram. Bei Pornografie ist klar dass es um Sex geht, und sie findet in der Regel in einem abgegrenztem Rahmen statt, während die oben erwähnten Beispiele zu einer Übersexualisierung des Alltags führen.

Das alles kann dazu führen, das Heranwachsende (aber auch Erwachsene) ein falsches Selbstbild und ein gestörtes Gefühl für ihren Körper entwickeln. Pornografie sollte Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden (auch wenn sie trotzdem dran kommen), denn dadurch kann durchaus ein falsches Bild von gesunder Sexualität entstehen. Vielmehr sollte ein offener Umgang des Themas Sexualtität und Aufklärung an Schulen und in der Familie dazu führen, dass die Jugendlichen in kompetentem Medienumgang geschult werden und die verstehen lernen, dass Pornofilme ebenso wie Spielfilme und TV-Serien eben nicht die Realität widerspiegeln. Wobei ich glaube (und da stimmt mir die Spiegeltitelstory aus dem Heft 15 von 2014 Jugend forscht – Wie schädlich ist Pornografie zu), dass wir Erwachsenen die Jugendlichen gerne unterschätzen. Die sind viel besser in der Lage zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, als es allgemein angenommen wird.

Frauenverachtende Pornos gibt es zuhauf, vielleicht werde ich im Laufe des Jahres ja mal dazu kommen, hier im Blog positive Beispiele für feministische, für Frauen gemachte oder einfach gut gemachte Pornos vorzustellen. Wobei ich jetzt nicht der große Pornogucker bin und auch nicht vorhabe, mir eine Sammlung anzuschaffen. Eine gute Fundgrube für solche Filme ist das jährlich im Herbst in Berlin stattfindende Pornfilmfestival.Ein sehr gelungenes Beispiel für einen Spielfilm mit gelassenem Umgang bezüglich Sexualität ist für mich Shortbus, den ich demnächst hier vorstellen werde. Aber das ist halt kein Porno.