Reread: Mond über Manhattan von Paul Auster

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Vorher:

Ich muss so 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, als ich Mond über Manhattan das erste Mal las. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ausschließlich Stephen King und Fantasyliteratur gelesen, mit der Begründung, dass unsere Welt ja so schon langweilig genug sei, da müsse ich nicht auch noch Bücher lesen, die in ihr spielen. Das änderte sich erst, nachdem ich den Film Smoke mit Harvey Keitel und William Hurt gesehen habe, den ich ganz wunderbar fand. In der Hörzu hatte ich gelesen, dass das Drehbuch von dem Schriftsteller Paul Auster stammt, und da dachte ich mir, wenn er so ein tolles Drehbuch schreiben kann, dann könnte seine Romane doch auch was taugen.

Nach längerem Stöbern in der Bouvier Buchhandlung in Koblenz entschied ich mich für dieses Buch, von dem ich heute nur noch in Erinnerung habe, dass es irgendwie um einen jungen Studenten geht, der in einem Zimmer über einem Chinarestaurant lebt. Mehr könnte ich zur Handlung nicht sagen, ich glaube, er liest gerne Bücher, hat einen komischen Onkel? und verliert ein wenig den Bezug zur Realität. Aber da bin ich mir nicht mehr sicher. Bin gespannt, was beim Reread herauskommen wird.

Nachher:

Zu meinem Erstaunen muss feststellen, dass ich mich nur noch an das erste Kapitel – das die ersten hundert Seiten umfasst – erinnert habe. Die ganze Geschichte mit dem alten Effing: wie M.S. Fogg im vorliest, ihn in der Gegend rumfährt und sich von ihm beschimpfen lässt, war mir völlig entfallen. Auch die Geschichte in der Geschichte, mit dem malenden Einsiedler und die ganzen familiären Verzwickungen.

Aber das hat die erneute Lektüre nur um so spannender gemacht. Obwohl ich das erste Kapitel für das Stärkste halte. Wie Auster hier Foggs Abstieg in die Verwahrlosung beschreibt, reißt mich als Leser richtig mit. Ich hatte auch falsch in Erinnerung, dass die Geschichte in den 80ern spielt, nicht Ende der 60er, wie es tatsächlich der Fall ist.

Gegen Ende gibt es ein paar Längen, wenn dann plötzlich noch andere Personen auftauchen und deren Leben auch noch breit ausgewalzt wird. Da entsteht ein wenig der Eindruck, als hätte Auster versucht, zu viel auf zu engem Raum unterzubringen. Was dem Roman aber nicht wirklich schadet, da er ein begnadeter Autor ist, dem es gelingt originelle Figuren zu erschaffen (als unvergesslich würde ich sie nicht bezeichnen, denn immerhin hatte ich sie vergessen 😉 ). Stellenweise wirken die familiären Verwicklungen etwas unglaubwürdig wenn nicht gar phantastisch, aber hey, wenn das Leben verrücktesten Geschichten schreibt, dann kann ihm Paul Auster ruhig nacheifern.

Ach, mehr fällt mir zu meinem Reread ehrlich gesagt nicht ein. Dafür gibt es in den nächsten Tagen eine Besprechung von Hotel Honululu.

Tripods – John Christopher

Gerade ist ein Sammelband zu der ursprünglichen Jugendbuchtrilogie von John Christopher in einer limitierten Sonderausgabe mit 60 Illustrationen bei Cross Cult erschienen (und wie ich gerade sehe, auch in einer günstigeren Variante bei Piper), die ich vor Jahren mal für den Fantasyguide (mit vielen Komma- und Tippfehlern!) besprochen habe. Wer die Bücher noch nicht kennt, hat jetzt die Gelegenheit, sie in einem Band kaufen zu können. Und warum sich das lohnt, kann man hier nachlesen:

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Will ist der Sohn eines Müllers und lebt in einem kleinen Dorf in einem mittelalterlichen England. Es sind einfache Leute, die einfachen Tätigkeiten nachgehen, die ihnen das tägliche Überleben sichern. Da Will noch keine 14 Jahre alt ist, lebte er bisher eine unbeschwerte Kindheit mit den üblichen Streitigkeiten unter Altersgenossen. Sein bester Freund ist Jack, der ein Jahr älter als Will ist, und deshalb dieses Jahr geweiht wird – wie alle Menschen die diese Alter erreichen. So weit, so gut, doch jetzt wird es ungemütlich. Die Weihe sieht nämlich folgendermaßen aus: Einmal im Jahr kommt einer der Dreibeiner – der Tripoden – vorbei. Das sind riesige metallene Maschinen (?) die nach einem erbarmungslosen Krieg die Herrschaft über die Menschen gewonnen haben. Dieser Dreibeiner hebt die jungen Leute mit langen Tentakeln in sein Inneres. Wenn sie wieder herauskommen, tragen sie metallene Kappen, mit denen die Dreibeiner die Gedanken der Menschen steuern können und sie somit zu willenlosen Sklaven machen.

Nach seiner Weihe ist Jack ein „Erwachsener“ und verhält sich Will gegenüber ganz anders als vorher. Will merkt, dass er seinen Freund für immer verloren hat. Gleichzeitig kommen ihm Zweifel gegenüber der Weihe. Diese werden noch von einem Wanderer bestärkt. Wanderer sind Erwachsene, bei denen die Weihe schief ging, und die geistig zurückgeblieben auf ewige Wanderschaft gehen. Und so beginnt Will, die Herrschaft der Dreibeiner in Frage zu stellen. Um der Weihe, und somit der geistigen Sklaverei, zu entkomme, flieht Will aus seinem Dorf und macht sich auf den Weg zum Festland, wo es angeblich noch andere wie ihn geben soll, die sich gegen die Dreibeiner verbündet haben.

Unterwegs stößt er immer wieder auf die Überbleibsel der von den Dreibeiner zerstörten Zivilisation. Unserer Zivilisation.

Bereits 1967 erschienen hat sich „Tripods“ zu einem Klassiker der Jugend und SF-Literatur entwickelt. Nicht zuletzt auch durch die kultige TV-Verfilmung. Nachdem sie jahrelang vergriffen war, ist die Kulttrilogie nun im Arena Verlag als Hardcoverausgabe erschienen. Die verschiedenfarbigen Umschläge ziert jeweils ein Dreibeiner. Dazu gibt es erfreulicherweise auch ein Lesebändchen. Der Preis von jeweils 12.95 Euro ist für diese hübschen gebundenen Ausgaben durchaus angemessen.

Es ist ein beängstigendes Endzeitszenario, dass John Christopher hier inszeniert. Nicht unbedingt, weil die Menschheit wieder auf dem technischen Stand des Mittelalters ist, und auch nicht weil eine fremde Macht die Erde erobert und die bisherige Zivilisation zerstört hat. Sonder, weil die Menschen nun in einer geistigen Sklaverei leben, von der sie gar nichts mitbekommen – nein sie glauben sogar, glücklich zu sein. Ein anderes Leben kennen sie ja auch nicht. Die Erinnerungen an die alten Zeiten sind größtenteils verloren gegangen. Genau an diesem Punkt setzt Christopher mit seinem Helden Will an. Will ist ein Junge, der nicht alles hinnimmt, was man ihm vorsetzt. Er beginnt die gängige Praxis der Weihe zu hinterfragen, und entwickelt dabei nicht nur eigene Gedanken, sondern einen eigenen freien Willen. Der Roman zeigt, dass nicht immer alles gut ist, was von den Erwachsenen kommt, und dass Kinder durchaus das Recht und vielleicht sogar die Pflicht haben dies zu hinterfragen.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Will erzählt, und bietet so, dem Leser die Möglichkeit, sich in Wills Gedankenwelt hineinzuversetzen. Der Leser erlebt aus erster Hand geistigen Kampf von Will. Denn es scheinen ja alle glücklich mit der Situation zu sein, und so kommt auch er in Versuchung sich in diese (trügerische) Sicherheit zu begeben. Denn eines ist klar, wenn er sich der Weihe entzieht, ist er für die Dreibeiner ein Feind und wir erbarmungslos gejagt. Hilfe von der Bevölkerung kann er ebenso wenig erwarten.

Und so wie Will in kurzer Zeit seinen freien Willen entwickelt, so schnell wird er auch erwachsen. Ein tolles Jugendbuch, das zu Recht ein moderner Klassiker ist. Eine Geschichte, die junge Leute zum Nachdenken anregt, und sture Obrigkeitshörigkeit in Frage stellt.

Band 2 „Das Geheimnis der dreibeinigen Monster“ ist ebenfalls im Arena Verlag erschienen.

Die damalige Ausgabe von Arena.

Die damalige Ausgabe von Arena.

Wie lange dürfen Fantasyserien und Reihen sein?

Drüben beim Fantasyguide stellt Otherland-Buchhändlerin Charleen die auf Fantasy bezogene Frage: Wie lange sollte eine Reihe eigentlich sein? Wann sind euch Reihen zu lang? Hat sich das bei euch mit dem Älterwerden geändert? Sieht es bei Science Fiction Fans anders aus? Ist die Treue bei den Fans da größer?

Was mich zu einer etwas längeren Antwort angeregt hat:

Man sollte auch nochmal zwischen einer Reihe und einer Serie unterscheiden. Das »Rad der Zeit« ist (ebenso wie »Das Lied von Eis und Feuer«) eine Fantasyserie, mit einer fortlaufenden Handlung (wenn auch mit mehreren Handlungsbögen) vom ersten bis zum letzten Band.

Dann gibt es Fantasyreihen, wie z. B. Die »Midkemia-Saga« von Raymond Feist, die immer in derselben Welt spielen, auch wiederkehrende Figuren haben (wie z. B. den Magier Pug), innerhalb der Reihe aber abgeschlossene Zyklen besitzen (wie z. B. den »Spaltkrieg-Zyklus« oder »Die Schlangenkrieg-Saga«).

Angefangen habe ich viele Serien (»Rad der Zeit«, »Götterkriege« bzw. »Das Geheimnis von Askir«, »Das Schwert der Wahrheit« von Terry Goodkind uvm.), zu Ende gelesen aber keine davon. Vor 20 Jahren als Jugendlicher konnte ich von bestimmten Autoren gar nicht genug bekommen, da habe ich von Reihen und Serien ein Buch nach dem anderen verschlungen. Mit der Zeit habe ich aber immer mehr Lust auf Abwechslung bekommen und lese inzwischen meist nicht einmal zwei Bücher aus demselben Genre hintereinander. Dementsprechend habe ich an den Serien die Lust verloren. Zumal sie irgendwann meist einen Punkt erreichen, an dem die Qualität nachlässt, die Handlung auf der Stelle tritt und man merkt, dass man hier möglichst lange die Geldkuh melken möchte (siehe Richard Schwartz, da bin ich nach Band 10 ausgestiegen).

Ich freue mich immer, wenn ich interessante, abgeschlossene Einzelromane in der Fantasy entdecke. Tor.com bringt aktuell einige tolle Titel mit teils weniger als 200 Seiten raus (z. B. »Sorcerer of the Wildeeps«, von Kai Ashante Wilson), die eine erfrischende Abwechslung im Genre sind.

Ansonsten finde ich drei bis fünf Bände für eine Fantasyserie in Ordnung. Bei Übersetzungen ins Deutsche bin ich da allerdings vorsichtig geworden, da diese ja häufig nach zwei oder drei Bänden eingestellt werden (wie z. B. bei Daniel Hanovers »Dolch und Münze« oder Ken Scholes ). Das mag aus wirtschaftlichen Gründen nachvollziehbar sein, schafft aber kein Vertrauen beim Leser und verärgert mich als Käufer. Viele warten inzwischen ab, ob die Serie auch komplett erscheint, was natürlich ein Teufelkreis ist, weil dadurch potentielle Käufer erstmal verloren gehen, und die Chancen steigen, dass die Serie eingestellt wird.

In der Science Fiction bin ich eher Fan abgeschlossener Bücher. Der Blick auf in mein Bücherregal ist da eindeutig. Obwohl ruhig mehrere Bücher im gleichen Universum spielen dürfen (wie z. B. »Upflift« von David Brin, »Die Spin-Trilogie« von Robert Charles Wilson« oder die »Kultur«-Romane von Ian Banks).

Und hier ein Blick auf mein Fantasyregal mit vielen angefangenen Reihen und Serien:

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Belegexemplare eingetroffen: „Akte X – Vertrauen Sie Niemandem“

Ich bin Akte X-Fan der ersten Stunde. Als Pro Sieben die erste Folge am 5. September 1994 ausstrahlte, war ich 14 Jahre alt, vom Golden Age of Science Fiction (twelve) also noch nicht allzu weit entfernt. Natürlich kannte ich damals schon Raumschiff Enterprise und Twillight Zone, meine Lieblingsserie war Twin Peaks, aber Akte X war noch mal was ganz anderes. Hier kulminierten Verschwörungstheorien, Aliens und das Übernatürliche zu einer einzigartigen, kultigen Mischung, die mich über viele Jahre gebannt vor der Mattscheibe hielt. Ausgestiegen bin ich dann kurz nach David Duchovny, da hatte die Serie für mich den berühmten Hai übersprungen und ihren Reiz verloren.

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Da die beiden deutschen SynchronsprecherInnen von Mulder und Scully, Benjamin Völz und Franziska Pigulla, mit ihren Kultstimmen maßgeblich zu der dichten Atmosphäre der Serie beigetragen haben, habe ich mir beim meinem Rewatch der ersten vier Staffeln im letzten Jahr auch wieder die deutsche Fassung angesehen (obwohl ich inzwischen sonst alles im Original gucke).

Als man mich fragte, ob ich einige Kurzgeschichten für eine Akte X-Anthologie übersetzen wolle, habe ich keine Sekunde gezögert, den diese Mystery-Serie ist ein prägender Teil meiner Jugend gewesen. Dank der erneuten Sichtung der ersten Staffeln hatte ich auch den Tonfall der deutschen Stimmen im Kopf, während ich übersetzt habe. Und einige der Autoren haben diesen Tonfall von Mulder und Scully wirklich gut getroffen. Unter ihnen übrigens Brian Keene – jener Autor, mit dem meine Übersetzerkarriere vor einigen Jahren begonnen hat (seine Hauptfigur ist allerdings Skinner).

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„Akte X“ in prominenter Gesellschaft auf der Leipziger Buchmesse

Mit der kürzlich ausgestrahlten (und reichlich verstrahlten) zehnten Staffel konnte ich leider nicht viel anfangen, da ich sie (vor allem die Folgen von Chris Carter) für recht schlecht geschrieben halte. Da treffen die Kurzgeschichten in diesem Band (sicher nicht alle), die unterschiedlichen Zeiträume im Akte X-Universum abdecken Ton und Atmosphäre deutlich besser.

Solche Franchisegeschichten sind ja nicht jedermanns und -fraus Sache, aber wer nochmal Lust auf die gute Alte Akte X-Atmosphäre hat, sollte sich dieses Anthologie nicht entgehen lassen. Sie enthält 15 Geschichten. Meine Lesetipps:

Non Gratum Anus Rodentum von Brian Keene, in der Direktor Skinner von seiner Vergangenheit in Vietnam eingeholt wird.

Die Bestie von Little Hill von Peter Clines, eine amüsante Geschichte, in der es Scully und Mulder mit Rednecks und vermeintlichen (?) Aliens im Gefrierschrank zu tun bekommen.

Späte Einsicht von Aaron Rosenberg, in der sich Walter Skinner mit einer widerspenstigen Dame aus der Buchhaltung rumschlagen muss.

Bisher kenne ich allerdings auch nur die sechs Geschichten, die ich übersetzt haben. Den Rest muss ich noch lesen. Aber vertrauen Sie mir und kaufen Sie Vertrauen Sie niemandem, erschienen bei Cross Cult in der Übersetzung von Claudia Kern, Sabine Elbers, Helga Parmiter Susanne Picard und Markus Mäurer.

„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“ (Kurzgeschichte)

In dieser Geschichte wird weder gefoltert noch geschändet. Der Titel bezieht sich auf einen »berüchtigten« gleichnamigen Film aus den 80ern. Die Geschichte ist recht albern geraten, kein Coming of Age oder so, einfach ein paar pubertäre Jungs, die in den VHS-Zeiten Mitte der 90er auf der Jagd nach einem endgeilen Horrorschocker einige Prüfungen zu meistern haben. Aber hoffentlich recht unterhaltsam, wobei der Humor  eher dem Alter der Jungs entspricht. 😉

Die Kurzgeschichte ist 32 Normseiten lang, bzw. besteht aus 7.155 Wörter oder 45.000 Zeichen und hatte weder ein Lektorat noch ein Korrektorat. Es folgt ein kurzer Auszug. Wer will, kann auch direkt zur ganzen Geschichte als Blogseite oder im PDF-Format, das ich auch empehle, da dort die Formatierungen besser sind

„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“
Von Markus Mäurer

»Das ist echt kranker Scheiß. Die schlagen nem lebenden Äffchen den Schädel ein und löffeln sein Gehirn aus. In nem richtigen Restaurant. Direkt am Tisch«
»Wie bei Indiana Jones.«
»Genau, aber der Affe lebt ja noch. Der schaut mit seinem kleinen ängstlichen Gesicht in die Kamera.«
»Das ist doch gefaked.«
»Nee, is es nich. Das is echt. Die zeigen auch, wie einer auf’m elektrischen Stuhl gebrutzelt wird. Bis er qualmt. Und der eine, der springt von nem Hochhaus. Ist dann nur noch Mus.«
»Von welchem Film redet ihr?«
»Gesichter des Todes«, antworteten Martin und ich wie aus der Pistole geschossen.
Rene nickte in ehrfurchtsvollem Schweigen. Dann spuckte er auf den Boden und meinte: »Das ist echt kranker Scheiß. Und den habt ihr gesehen.«
»Ich nicht, nur der Martin’ne«, antwortete ich.
Rene blickte Martin anerkennend an und spukte erneut auf Boden. »Wo haste den denn gesehn?«
»Beim langhaarische Bombenleger.«
»Das erklärt natürlich einiges«, meinte Rene und grinste wissend.
Es war die erste große Pause und wir saßen zurückgezogen auf der Schlachtbank. Das war eine Bank in einer kleinen Ecke am Rande des tiefer gelegenen zweiten Schulhofs, leicht außerhalb der Sichtweite der Pauker, die sich vom Gebäude nicht weiter entfernten, als man spucken konnte. Faule Säcke eben.
Die Schlachtbank war die Ecke der Freaks. Metaller mit ekligen T-Shirts (Sammelbestellung bei EMP) von Slayer und Cannibal Corpse, auf denen zerfetzte Frauen von Zombies mit Messern die Babys aus dem Leib geschnitten wurden – Butchered at Birth -, langen, fettigen Haaren, Militärhosen und immer zwei dröhnende Stöpsel im Ohr.
Dazu die Skater, mit ihren weiten Homeboy-Hosen, Carhatt-Jacken und umgedrehten Baseballmützen auf dem ungekämmten Haupthaar. Die sich cool gaben, es aber meist nicht waren.
Aber die waren immer noch besser dran, als die armen Socken, deren Eltern, Markenklamotten verboten hatten. Die mussten mit schlecht sitzenden Jeans, Biolatschen und Pullovern von S.Oliver rumlaufen. Peinlicher ging es kaum. Die waren sozial so stigmatisiert, dass sie gar nicht erst versuchen brauchten, sich zu den Coolen zu gesellen. Manchmal schlich einer der No-Name-Typen um eine solche Gruppe herum, blickte verstohlen rüber und versuchte sich durch kleiner werdende Kreisbewegungen heranzupirschen. Sie wurden stets erwischt und landeten, anders als Oscar, mit dem Kopf nach unten in der nächsten Mülltonne.

Es war eine reine Jungsecke, Mädchen machten einen großen Bogen um diese picklige Versammlung von Krähen. Es wurde viel auf den Boden gespuckt; existentialistische Anmerkungen wie »Alter Schwede« und »Geilomat« lagen ständig in der Luft.
Man gab sich grimmig und erwachsen. Prollig eben.
»Gesichter des Todes ist natürlich nicht schlecht«, sagte Rene und grinste dabei schelmisch.
»Nich schlecht?«, erwiderte Martin, »das is der oberaffengeile Scheiß des Jahrhunderts«, im Tonfall eines unheiligen Propheten, dessen Glaube gerade besudelt worden war. »Hast wohl einen an der Klatsche.«
»Nicht schlecht heißt doch ganz gut, aber eben nicht der Oberhammer. Der läuft in vier Tagen im Lichtspielbunker.«
Martin und ich starrten ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»In vier Tagen, habe ich gehört, soll dort der krasseste Scheiß überhaupt laufen. Der Film soll in vierunddreißig Ländern verboten sein. Den zeigen sie den Navy Seals vor Kampfeinsätzen, um sie so richtig abzuhärten. Und – wartet, jetzt kommt‘s – der läuft in ganz Deutschland nur in einem Kino. Für nur eine einzige Vorstellung. Im Lichstpielbunker. Angola-Kai soll ihn im letzten Urlaub unter Einsatz seines Lebens über die vietnamesische Grenze nach Thailand geschmuggelt haben, und von dort in seinem Hintern durch die Flughafenkontrolle zurück nach Deutschland. Und er will ihn in einer Guerillavorstellung ein einziges Mal zeigen und dann verbrennen.«
»In seinem Hintern?«, fragte ich. »Wie soll das gehen? Hat der ’n Arschloch wie ’n Videorekorder.«
Martin und ich brachen in hysterisches Gelächter aus.
»Quatsch, das ist doch ein 16-mm-Streifen, ihr Filmspacken. Der hat den Film zusammengerollt und gefaltet in eine Plastiktüte getan und sich dann hinten reingesteckt. Wie im Knast.«
Wir konnten uns vor Lachen gar nicht mehr einkriegen. Während mir die Spucke nur so aus dem Mund spritzte, brachte ich mühsam hervor: »Na, dann kann der Film ja nur Scheiße sein.«
»Wenn Angola-Kai euch die Geschichte persönlich erzählt hätte, so wie dem Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach, dann würdet ihr nicht so ein Gehampel veranstalten.«
Das brachte Martin und mich schlagartig zum Schweigen. Mit Angola-Kai war in der Tat nicht zu spaßen. Der Typ war voll Hardcore. Soll schon im Dschungel gekämpft haben. Als Fallschirmjäger für die NVA in Angola, so wie Otto im Kongo.
»Der Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach? Wer soll das denn sein? Der muss doch dann auch der Cousin von Karlsson auf dem Dach sein?«, fragte ich verwirrt.
»Was weiß ich? Jedenfalls ist das Karlsson im Keller. So nennen die den«, meinte Rene.
»Was für ’n Film soll das denn sein«, fragte Martin.
»Im Foltercamp der geschändeten Frauen.«

Der bestialische Gestank von tausend Eierfürzen lag in der Luft. Ein irrer Zausel mit wildem Rauschebart sprang nervös kichernd zwischen blubbernden Reagenzgläsern hin und her. Sein weißer Laborkittel war von zahlreichen Flecken in den unmöglichsten Farben bedeckt und löchrig wie ein Schweizer Käse. Aus dem jüngsten Loch verdampfte ein letzter Rest Säure und auch der Rauschebart wies qualmende Lücken auf.
Es war die erste Stunde an einem Dienstagmorgen: Chemie beim irren Igor, wie der leicht verwirrte Lehrer von seinen Schülern (und auch einigen Kollegen) genannt wurde.
»Wusste du, dass der irre Igor früher Chemiewaffen für Sadam Hussein entwickelt hat?«, fragte ich.
»Geh weg. So‘n Scheiß glaubste doch selber nicht«, antwortet Martin, der mit mir zusammen (wie immer) in der letzten Reihe saß, die sich seit der Verkettung unglücklicher Umstände (wie die Schulleitung diesen Vorfall nannte, der den Klassenstreber Julius Bochte seine buschigen Augenbrauen gekostet hatte), größter Beliebtheit erfreute.
»Mein Nachbar hat uns beim letzten Grillabend erzählt, der Igor wäre früher so ein ganz toller Professor an der Uni gewesen, mit Chancen auf den Nobelpreis usw. Aber dann soll er erwischt worden sein. Hat irgend so ein Kampfgas, das dir das Fleisch von den Knochen ätzt, für den Irak entwickelt. Echt wahr. Deshalb muss er jetzt so Schwachköpfe wie uns unterrichten und soll endgültig den Verstand verloren haben.«
Vom irren Igor unbemerkt, öffnete sich die Tür zum Klassenzimmer und René huschte in geduckter Haltung herein. Er ließ seinen Rucksack auf den Boden sinken und hockte sich mit ernstem Gesichtsausdruck neben uns.
»Na, verpennt? Haste gestern Nacht wieder zu lange gewichst?«, begrüßte Martin ihn, auf seine im eigene charmante Art.
»Quatsch, ich hab den Karlsson auf dem Dach getroffen.«
»Was haste denn da oben gemacht?«, kicherte Martin. Im nächsten Augenblick ertönte weiter vorne ein lauter Knall, kurz darauf das Klappern einer Dose, die auf dem Boden landete.
»Igor und sein Knallgasexperiment«, meinte ich kopfschüttelnd.
»Vergiss den Igor, wir haben ein Problem«, meinte Rene vollkommen ernst. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller habe gesagt, dass Angola Kai einen nur in die Vorstellung reinlässt, wenn man ihm einen ultra-krassen Film mitbringt, den er noch nicht kennt. Sonst kannste das Foltercamp knicken.«
»Scheiße. Was soll‘n der Mist.« Seit Rene gestern von dieser legendären Vorstellung im Lichtspielbunker erzählt hatte, war ich ganz aufgeregt und hatte mir bis in die tiefe Nacht hinein in allen blutigen Details vorgestellt, wie die Frauen im Foltercamp geschändet wurden. Das musste der Hammer sein. Diesen Film wollte ich unbedingt sehen – koste es, was es wolle.
»Fuck«, Martin haut mit der Faust auf den Tisch. »Angola Kai kennt doch jeden Scheiß, wie soll‘n wir da ’nen Streifen finden, den der nich kennt?«
»Es soll eine Liste geben«, erwiderte Rene. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller weiß, wie wir an die Liste kommen können. Dachkarlsson will uns heute nach der Schule in den Keller mitnehmen.«

Hier geht es zur ganzen Geschichte als Blogseite oder im PDF-Format.

 

Wo man mich trifft: Leipziger Buchmesse 2016 am Freitag den 18.3.

Anders als in den letzten beiden Jahren verbinde ich meinen Besuch der Leipziger Buchmesse nicht mit einem Kurzurlaub in Berlin. Stattdessen werde ich am Freitag bereits in aller Herrspaghettimonstersfrühe um 5.00 Uhr mit meiner Mutter zusammen per Zug über Frankfurt nach Leipzig fahren, wo wir, wenn alles (also die Bahn) gut läuft, pünktlich zur Messeöffnung ankommen werden. Abends geht es dann wieder mit dem Zug zurück.

Termine habe ich nur einen bei einer internen Programmpräsentation eines Verlages, für den ich neuerdings übersetze. Ansonsten werde ich relativ ziellos durch die Hallen streifen und mich hoffentlich mit einigen Bekannten treffen.

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Dienstag 14. März 2006 Campinas/Brasilien

Der letzte Tagebucheintrag aus Brasilien. Irgendwann gibt es noch einen zusammenfassenden Bericht. Für ausführliche Blogeinträge fehlt mir momentan ein wenig die Zeit. Diese Woche gibt es noch eine Kurzgeschichte.

Heute ging es um 13.00 Uhr nach Oziel. Drei Kameras, die ich nachkaufen musste, habe ich heute verteilt. Leider reichen sie aber immer noch nicht, so dass ich vier weitere kaufen muss.

Neun Kameras habe ich heute schon wieder eingesammelt und zum Entwickeln gebracht. Viel haben wir heute mit den Kindern mangels Ideen nicht gemacht. Thomas kam erst, als ich schon wieder weg war.

Für Sonntag den 26. März haben wir eine Ausstellung geplant. Inzwischen bin ich ein bisschen enttäuscht von unserem Projekt, da wir kaum Zeit mit den Kindern verbringen, und eine richtige Gruppenarbeit gar nicht möglich ist. Im Prinzip sieht das Projekt so aus: Kameras verteilen, Kameras einsammeln, Filme entwickeln lassen und wieder mitbringen.

Nachtrag von 2007:

Da ich mein Tagebuch handschriftlich geführt habe, hat mich nach diesem etwas negativen Eintrag die Lust am Tagebuchführen verlassen. Im Weiteren schildere ich die restlichen zwei Wochen aus der Erinnerung.

Die Enttäuschung des letzten Eintrages hängt vor allem mit den Erwartungen und Plänen zusammen, die wir von Deutschland mitgebracht hatten. Obwohl wir im Vorfeld schon gewarnt wurden, dass in Brasilien nichts so läuft, wie man es plant, ist es im ersten Moment trotzdem enttäuschend, wenn die eigenen Pläne über den Haufen geworfen werden. Diese Enttäuschung hielt aber nicht lange an, und trat während der gesamten Zeit, nur an zwei drei Tagen auf. Wettgemacht wurde sie durch die liebevolle und engagierte Unterstützung seitens unserer brasilianischen Freunde.

In Deutschland hatten wir noch gedacht, mit einer Schulklasse zu regelmäßigen Terminen kontinuierlich arbeiten zu können. Die lokale Schulpolitik machte uns da einen Strich durch die Rechnung. Aber in Brasilien beklagt man sich nicht lange über das, was nicht funktioniert, sondern packt das an, was funktioniert.

So lief die Arbeit mit den Kindern zwar ziemlich chaotisch ab, aber am Ende hat doch alles funktioniert. Sämtliche 34 Kinder haben nach einer Woche, in der sie mit ihren Einwegkameras ihr Umfeld fotografiert haben, die Kameras zurückgegeben, so dass wir die Bilder noch rechtzeitig entwickeln lassen konnten. Wir hatten sogar noch genug Zeit, die Kinder mit einer Videokamera zu ihren Lieblingsfotos zu interviewen. Sie konnten bis zu fünf Bilder aussuchen, die dann in der Ausstellung gezeigt wurden.

Am 26. März um 9.00 Uhr morgens war es dann so weit. Parallel zur Ausstellung fand noch eine Mitgliederversammlung von P.A.F statt, was zahlreiche Besucher garantierte. Voller Stolz präsentierten die jungen Fotografen den Besuchern ihre Bilder. Neben den zahlreichen Verwandten waren auch einige Besucher von der Uni-Campinas gekommen.

Nachtrag 2016:

Während der Ausstellung kam es auch noch zu einem kleinen Konflikt mit einer Professorin der Universität von Campinas. Sie fragte uns, ob sie die Negative (die entwickelten Bilder haben die Kinder erhalten) zum Einscannen mitnehmen könnte. Zwei Tag vor unserer Abreise aus São Paulo! Ich verneinte natürlich, da mir das Risiko viel zu groß war, die Bilder nicht rechtzeitig zurückzubekommen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja schon aus eigener Erfahrung, wie die Uhren in Brasilien ticken. Hinzu kommt noch, dass sich mit Ausnahme von Corinta bis zur Ausstellung niemand von der Uni für unser Projekt interessiert hatte und gerade jene Professorin uns recht abschätzig begegnet war. Und jetzt, wo sie sahen, was für ein Schatz an Material bei den 900 Fotografien rausgekommen war, wollte sie plötzlich ihren Anteil haben, ohne selbst etwas beigetragen zu haben. Meine strikte Ablehnung führte zu einer kleinen diplomatischen Verstimmung zwischen den Universitäten von Campinas und Siegen. Professor Fichtner kam zu uns und meinte, da habe es wohl ein kleines Missverständnis gegeben. Worauf ich entgegnete: »Ein Missverständnis war das nicht.« Jedenfalls haben wir die Fotos und Negative nicht mehr aus der Hand gegeben. Die Mitglieder meiner Gastfamilie meinten im Nachhinein mit dem Hinweis auf »pirata«, dass diese eine gute Entscheidung gewesen sei.

Leider ging es für uns, aufgrund von anstehenden Abschlussprüfungen in Siegen, schon zwei Tage nach der Ausstellung zurück nach São Paulo, wo wir noch einige Tage bei unserem Freund Badah verbrachten, der uns ja schon zu Beginn der Reise so freundlich bei sich aufgenommen hatte.

Prof. Wanderleys Vorschlag, den er mir während der Ausstellung machte, die Fotografien für meine Diplomarbeit zu verwenden, habe ich übrigens aufgegriffen und ein Jahr später meine Diplomarbeit dazu verfasst. Wer sich dafür interessiert, kann sie hier im Blog lesen.

Zu diesem Projekt wird noch ein zusammenfassender Artikel folgen, indem ich auch über unsere Ausstellung der Fotografien in Siegen und einer Benefizparty zu Gunsten von Parque Oziel berichten werde.