Wie der Wind sich hebt & The Kingdom of Dreams and Madness

Wie der Wind sich hebt ist der letzte Film des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki, und es ist vielleicht sein persönlichster. Der Film erzählt die Geschichte des japanischen Flugzeugingenieurs Jiro Horikoshi, der vor und während des Zweiten Weltkriegs für Mitsubishi den Jagdflieger Mitsubishi A5M gebaut hat. Obwohl es sich dabei um ein Kriegsflugzeug handelt, stellt Miyazaki den jungen Ingenieur als Pazifisten dar, der ausschließlich vom Fliegen träumt, wegen seiner Kurzsichtigkeit aber kein Pilot werden kann. Wie historisch akkurat das ist, kann ich nicht beurteilen, aber mit dieser Figur drückt Miyazaki auch seinen eigenen Widerspruch aus – denn er selbst ist schon seit seiner Kindheit von den Zero Fightern der japanischen Luftwaffe, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem als Kamikazeflieger eingesetzt wurden, fasziniert. Anderseits ist er aber auch Antimilitarist und kritisiert die Regierung Abe heftig für ihre Aufrüstungspläne und das Bestreben, die pazifistische Verfassung zu ändern.

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Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs werden hier nur am Rande angedeutet, meist in den Traumsequenzen, in denen Jiro dem italienischen Flugzeugingenieur Caproni begegnet, und der zu ihm meint, dass keiner der Kampfpiloten, die da gerade in den Einsatz fliegen, zurückkommen würden. Im letzten Drittel des Films werden auch die Machenschaften der japanischen Geheimpolizei angedeutet. Und auch bei Jiros Deutschlandbesuch, sieht er einen wütenden Mob, der jemanden durch die Straßen verfolgt, was wohl auf die Schlägertruppen der SA anspielen soll. Miyazakis Kritik kommt nie direkt, sondern fast ausschließlich durch Bilder oder kleine Andeutungen, was vermutlich dem aktuellen politischen Klima in Japan geschuldet ist. In der Dokumentation The Kingdom of Dreams an Madness (siehe unten) erwähnt der Produzent Toshio Suzuki, dass wieder eine Art Zensur am Entstehen sei, und man bestimmte Themen nicht mehr im Film bringen könne. Ganz zu schweigen davon, dass eine geschichtliche Aufarbeitung wie in Deutschland nie stattgefunden hat. Für westliche Zuschauer, die nicht über die japanische Geschichte und die dortige Kultur Bescheid wissen, könnte der Film wie eine Verklärung oder Geschichtsklitterung wirken, wobei diese Vorwürfe auch von japanischen Kritikern kamen (während die Konservativem im vorwerfen, Japan zu verteufeln).

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In erster Linie ist es ein Film über die Leidenschaft fürs Fliegen und die Liebe eines jungen Paares. Eine längere Passage des Films spielt in einem Hotel in den Bergen und spielt direkt auf Thomas Manns Der Zauberberg an. Jiros Schwarm leidet an einer Lungenkrankheit und es gibt einen deutschen Gast, den Jiro als Hans Castorp bezeichnet. An dieser Stelle muss ich den Umgang der Macher mit den deutschen Sätzen loben, die hören sich alle an, als könnten die Sprecher tatsächlich einwandfreies Deutsch sprechen (was bei amerikanischen Produktionen ja nicht gerade selbstverständlich ist).

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Einen richtigen Plot hat der Film gar nicht, was auch nicht wichtig ist. Mein Nachbar Tortoro hat auch keinen, und ist trotzdem ein Meisterwerk und einer meiner Lieblingsfilme. Hier geht es eben um den getriebenen Jiro, der unbedingt ein tolles Flugzeug bauen will, auch wenn dabei seine Todkranke Frau vernachlässigt wird. Es gibt keine wirkliche Spannungskurve oder ein Erzählgerüst. Alles wirkt sehr episodenhaft und das Ende (das Myazaki ursprünglich etwas anders geplant hatte) wirkt abrupt.

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Besonders loben muss ich an der Stelle Miyazakis Idee keinen professionellen Schauspieler oder Sprecher für die Rolle des Jiros zu nehmen (die sollen alle furchtbar gewesen sein), sondern den in Japan bekannten Animeregisseur Hideaki Anno (Neon Genesis Evangelion), der eine ganz eigene Art zu sprechen hat, die sich deutlich von den eher gleich klingenden und intonierenden Sprechern unterscheidet, die man sonst so in Animes hört. Seine ruhige, nerdige Art zu sprechen wirkt (auch wenn ich das Wort für überstrapaziert halte) authentisch. Zur deutschen Synchro kann ich nichts sagen, die kenne ich nicht.

Wie der Wind sich hebt ist einer von Miyazakis schwächsten Filmen, was aber immer noch einen tollen Film bedeutet. Bis auf die Traumsequenzen kommt er dieses Mal ganz ohne phantastische Elemente aus, auch wenn ein wenig Zauberbergatmosphäre in der Luft liegt.

Im Trailer hört man die tolle Stimme von Hideaki Anno. Man kann auch englische Untertitel einstellen, oder einfach den deutschen Trailer auf youtube schauen.

The Kingdom of Dreams and Madness

Ist eine japanische Dokumentation aus dem Jahr 2013 über Hayao Miyazaki und das Studio Ghibli. Die Kamera begleitet den Regisseur und Zeichner während seiner Arbeit an dem Film Wie der Wind sich hebt, und zwar vom Erstellen des Storyboards (Miyazaki arbeitet ohne Drehbüher, allerdings gibt es seine eigene Manga-Vorlage) über die Sprecheraufnahmen bis zum fertigen Film und Miyazakis Ankündigung in Rente zu gehen.

Ich hatte immer gedacht, dass Hayao Miyazaki eher der Typ weiser, alter, zurückhaltender und schüchterner Mann sei, aber da habe ich mich geirrt. Er ist vielmehr ein kettenrauchender Getriebener, der sich in der Doku auch als ziemlich redselig entpuppt. Man erhält schon einen guten und selbstkritischen (und selbironischen) Einblick in seine Arbeitsweise und auch in seine Ansichten über die Welt („The world ist rubbish“), die natürlich stark von der noch nicht lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima geprägt ist. Wirklich persönliche Einblicke in sein Privatleben erhält man allerdings nicht. An einer Stelle fragt ihn die Dokumentarfilmerin, warum er seine Frau geheiratet habe, worauf er sehr kryptisch antwortet. Ansonsten bleibt das Privatleben außen vor. Miyazaki scheint für seine Arbeit zu leben. Er hat einen festen Tagesablauf, dem er an sechs Tagen der Woche folgt, am siebten Tage, sagt er, gehe er den Fluss säubern. Was immer das heißen mag. Umweltschutz spielt in seinen Filme häufig eine wichtige Rolle (am deutlichsten in Prinzessin Mononoke).

Aber auch Toshio Suzuki – Miyazakis langjähriger Gefährte und Produzent, der die treibende Kraft hinter den Filmprojekten ist – kommt ausführlich zu Wort, und erzählt viel über Miyazakis Werdegang und wie dieser von Isao Takahata entdeckt wurde, wie sie das Studio Ghibli zusammen gründeten und wie sie immer mehr miteinander stritten, so dass Takahata mit seiner Arbeit ans andere Ende von Tokio gezogen ist. Über Takahata – der zeitgleich an seinem letzten Film Die Legende der Prinzessin Kaguya arbeitete, es aber nicht so mit Abgabeterminen hat – wird viel geredet. Im Film taucht er aber selbst erst am Ende auf und viel erzählt er auch nicht.

Größtenteils wirkt es, als würden alle im Studio Ghibli in entspannter Atmosphäre unter einem humorvollen Chef arbeiten, aber so ganz scheint es in Wirklichkeit nicht zu sein. Allerdings gibt es nur eine einzige Mitarbeiterin, die sich dazu äußert, wie schwierig es sein kann, unter dem Perfektionisten Miyazaki zu arbeiten, der einem jederzeit über die Schulter gucken kann. Viele hätten aufgrund des Drucks wieder gekündigt. Miyazakis Sohn Goro (Der Mohnblumenberg) äußert sich in einer Konferenz (ohne den Vater) sehr selbstkritisch, er sei nur zufällig da hineingeraten und habe eigentlich gar keine Filme drehen wollen. So ganz schlau bin ich nicht daraus geworden, worum es in der Sitzung ging, aber es herrschte einen angespannte Atmosphäre.

Ein bisschen erzählt Miyazaki dann aber doch über seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, wie sein Vater als Zulieferer für Flugzeugteile reich geworden sei, und wie Miyazaki selbst eine Leidenschaft fürs Fliegen und für Flugzeuge entwickelt habe.

Schaut man sich diese Doku und Wie der Wind sich hebt kurz hintereinander, entdeckt man viele Parallelen zwischen der Hauptfigur Jiro und Hayao Miyazaki. Beide sind rauchen viel, sind Workoholics, getrieben von ihren Ideen und einer widersprüchlichen Leidenschaft.

Es ist eine leise aber mitreißende Dokumentation, die mich dazu veranlasst hat, mir umgehend die beiden Filme Miyazakis zu kaufen, die ich noch nicht gesehen habe. Bisher hatte ich nur mein Nachbar Tortoro auf DVD, aber in den nächsten Monaten werde ich mir die restlichen Film noch anschaffen und hier im Blog besprechen, den die Filme aus dem Studio Ghibli und insbesondere die Filme von Miyazaki versprühen eine einzigartige Kinomagie, die ich in den ganzen Superhelden, SF und Actionblockbustern, die gerade unsere Kinos überschwemmen, schmerzlich vermisse.

Meines Wissens nach, gibt es die Doku noch nicht auf Deutsch. Ich habe die englische Fassung gesehen.

Nachtrag vom 24. April 2016: Wenn ich das richtig sehe, wird die Doku am 27. Mai als Blu-ray und DVD in Deutschland (OmU) erscheinen

Sex, Punk, and Videogames: Sex (Porn)

Ursprünglich wollte ich nur einen Beitrag zu den Dokumentationen verfassen, die ich in letzter Zeit gesehen habe, aber das würde zu lang und thematisch zu unübersichtlich werden. Im nächsten Beitrag (Punk) wird es um die Dokumentation The Punk Singer gehen, die aus dem Leben von Kathleen Hanna (Bikini Kill, Le Tigre) erzählt, die unter anderem als Mitbegründerin der Riot-Grrrls-Bewegung gilt. Im dritten Teil dann um die Dokumentation Videogames – The Movie, an der es einiges zu kritisieren gibt.

Jetzt geht es aber ums Sex und Pornografie. Zunächst um die Doku After Porn Ends, in der erzählt wird, was so einige Pornosternchen in ihrem Leben nach dem Porno treiben. Gefolgt von Mutantes: Punk Porn Feminism, einer französischen Doku in der Künstlerinnen wie Lydia Lunch, Sexarbeiterinnen, Pornofilmerinnen, Feministinnen uvm. zu Wort kommen. Die dritte und letzte Doku ist die von James Franco (nicht zu verwechseln mit Jess Franco 😉 ) produzierte Kink.com, in der es einen Blick hinter die Kulissen des weltweit größten BDSM-Pornoproduzenten der Welt gibt. Ganz zum Schluss gibt es von mir noch einen kleinen Essay darüber, warum ich es (als studierter Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt auf den USA) für wichtig halte, dass Pornografie auch in kulturwissenschaftlichen Studien und Studiengängen als Thema vorkommen sollte und warum Pornografie einen enormen Einfluss auf unsere Kultur und die der USA hat, ob das einem gefällt oder nicht.

After Porn Ends

In dieser Dokumentation aus dem Jahr 2012 kommen zahlreiche ehemalige Pornostars wie Tiffany Million, Mary Carey oder Amber Lynn zu Wort, aber auch Chronisten der Pornoszene. Sowohl Frauen als auch Männer, die mir aber alle unbekannt sind, bis auf Asia Carrera, die es 2014 auf die Startseite von Spiegelonline schaffte, weil sie sich in bester Pastafari-Tradition mit einem Nudelsieb auf dem Kopf als religiöse Kopfbedeckung für ihren Führerschein ablichten ließ – was für mich als Atheist der mit dem fliegenden Spaghettimonster sympathisiert, eine klasse Aktion ist.

Aber zurück zum Porno. Es fällt auf, dass die Männer wenig Probleme mit ihrer Zeit im Geschäft haben, während die Frauen damit viel deutlicher kämpfen, die Zeit eher negativ sehen bzw. den Ausstieg als Erleichterung. Was besonders bei einer Darstellerin deutlich wird, deren Tochter sich für ihre Mutter schämt. Den klarsten Schnitt hat wohl Tiffany Million gemacht, die inzwischen als Kopfgeldjägerin arbeitet, und der man unumwunden glaubt, dass sie nicht in die Branche zurückkehren wird. Anderen gelingt dieser Schnitt nicht, so informieren Einblendungen am Ende des Films, dass einige der Darstellerinnen, die sie zuvor noch sehr erleichtert über ihren Absprung zeigten, aus finanziellen Gründen wieder Pornos gedreht haben. Anderer haben zum Glauben gefunden, oder engagieren sich aktiv gegen Pornografie. Die Doku zeigt eine ganze Bandbreite an Erfahrungen, von negativen, über neutrale bis zu positiven.

Der Film geht auch darauf ein, mit welchen Schwierigkeiten die ehemaligen Darstellerinnen im normalen Leben zu kämpfen haben. Sie werden geächtet, beschimpft und benachteiligt, was, wie jemand im Film erklärt, durchaus daran liegen könnte, dass viele Menschen heimlich Pornografie konsumieren, sich aber dafür schämen und dies in der Öffentlichkeit durch Ächtung eben jener Darstellerinnen zeigen, zu denen sich hinter verschlossener Tür im Handbetrieb vergnügen. Asia Carrera ist mit ihren Kinder (nach ein Schicksalsschlag) nach Utah gezogen, weil Pornografie dort verboten ist und sie hoffte, dort anonym bleiben zu können. Dank des Internets hat es nicht lange gedauert, bis die Erzieherin im Kindergarten ihrer Kinder wusste, was Asia früher gemacht hatte.

Die Doku ist sehr offen und es kommen sowohl der Pornografie gegenüber positiv eingestellte Meinungen zu Wort, als auch negative. Kritik an der Methode der Branche, in der viele junge und teilweise naive oder seelisch angeschlagenen Frauen in finanzieller Not gnadenlos ausgebeutete werden. Aber es gibt auch sehr intelligente Frauen wie Asia Carrera die sich bewusst entscheiden solche Filme zu drehen, weil sie Spaß an Sex haben und es genießen über ihre Sexualität und ihren Körper selbst zu bestimmen.

Einen wirklichen Einblick hinter die Kulissen des Pornogeschäfts gibt es aber nicht. Hier geht es um die Darstellerinnen und Darsteller und deren Leben, wie sie in die Branche geraten sind, welche Erfahrungen sie gemacht haben und wie ihr Leben nach dem Porno aussieht. Die Doku könnte sowohl für Leute interessant sein, die Pornografie mögen, als auch jene, die sie ablehnen. Ausschnitte aus Pornofilmen gibt es kaum zu sehen, und wenn, dann keine expliziten.

Zur weiteren Lektüre empfehle ich die Autobiografie Pornstar von Jenna Jameson, die etwas detailliertere Einblicke liefert, allerdings zu einem großen Teil auch aus Klatsch und Tratsch besteht.

Mutantes: Punk Porn Feminism

Ist eine aus dem Jahr 2009 stammende französische Dokumentation der Regisseurin Virginie Despentes (Baise-moi), in der es unter anderem um das titelgebende punk porn feminism movement geht. Dazu gehören die Themen Sexarbeit, Pornografie und Feminismus. Den Feminismus kann man bei dieser Debatte in zwei Lager unterteilen: Sex-positiver Feminismus und Feminismus, der Sexualität als Mittel zur Unterdrückung der Frau sieht und dementsprechend Prostitution und Pornografie generell ablehnt.

Der sex-positive-feminism sieht sexuelle Freiheit als ein Zeichen für die freie Selbstbestimmung der Frau, weshalb alle Bestrebungen den einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen einzuschränken oder gar zu verbieten abgelehnt werden, da dies damit auch die Selbstbestimmung der Frau unterdrückt.

In dieser Doku kommen vor allem Pro-Sex-Feministinnen zu Wort, darunter Sexarbeiterinnen (Prostitutierte), Pornodarstellerinnen, Pornoregisseurinnen, Aktivistinnen und Künstlerinnen. Darunter z. B. Lydia Lunch. Der Film zeichnet den Aufstieg des Sex-Positiv-Feminismus in den 80er Und 90 Jahren nach, indem viel Pionierinnen dieser Zeit zu Wort kommen. Auch wenn es eine französische Doku ist, geht es zunächst um die USA, wo diese Bewegung ihre Wurzeln hat. Und warum unter anderem der dortige repressive Umgang mit Prostitution wenig mit Feminismus zu tun hat, wenn Sexarbeiterinnen dort diskriminiert schikaniert werden.

Prostitution ist in den USA illegal. Strafbar machen sich dabei (anders als in manch europäischem Land) nicht nur die Freier, sondern auch die Sexarbeiterinnen. Hier ist eindeutig, dass es bei diesen Gesetzen (anders als eben in Europa) nicht um den Schutz der Frau geht, sondern um die repressive Durchsetzung eines vom Puritanismus beeinflussten bigotten Weltbildes. Prostitution ist Pfui und hat in einem christlichen Land mit konservativen Familienwerten nichts zu suchen. Wird eine Frau von einem Mann für einvernehmlichen Sex bezahlt, macht sie sich strafbar. Werden beide für einvernehmlichen Sex bezahlt, wie es bei einer Pornoproduktion der Fall ist, ist es legal.

Dabei darf man natürlich nicht ausblenden, dass es einen hohen Anteil an Zwangsprostitution und Menschenhandel gibt. Aber das ist noch lange kein Grund, Erwachsene zu bestrafen, die dieser Tätigkeit freiwillig nachgehen, was es nach der Position der Sex-Böse-Feministinnen aber gar nicht geben kann, dass Frauen Spaß an Sex haben und sich dafür auch noch freiwillig bezahlen lassen. In den USA werden Sexarbeiterinnen jedenfalls wie Verbrecher behandelt und gesellschaftlich geächtet.

Ähnlich sieht es bei der Pornografie aus. Die ist zwar legal, gesellschaftlich aber ähnlich verrufen, sowohl von konservativer Seite mit patriarchalischem Weltbild aus als auch vom Feminismus. Ich zitiere hier mal ganz unwissenschaftlich Wikipedia:

Robin Morgan fasste derartige Vorstellungen in einer Aussage zusammen: „Pornografie ist die Theorie; Vergewaltigung die Praxis.“

Diese Verteufelung der Pornografie wird unter anderem von feministischer, von Frauen produzierter Pornografie widerlegt. Es wird gezeigt, wie Künstlerinnen wie z. B. Annie Sprinkle das Thema auf humorvolle Weise als Perfomancekünstlerinnen angehen, oder Filmemacherin sinnliche Pornos drehen, die sich ausschließlich auf die Bedürfnisse von Frauen konzentrieren, darunter auch feministische SM-Pornografie. Zu Letzterem gibt es dann auch noch einen interessanten Abstecher in die spanische Punk-Porn-Feminism-Szene, der zeigt, dass es sich dabei nicht um ein auf die USA beschränktes Phänomen handelt.

Das die sexuelle Selbstbestimmung der Frau auch in der Pornografie eine wichtiges und immer noch brisantes Thema ist, zeigt z. B. die jüngste Gesetzgebung in Groß-Britannien, wo ein absurder Verbotskatalog erlassen wurde, der völlig willkürlich die Produktion unterschiedliche Arten der Pornografie im Königreich verbietet (und nur die Produktion, nicht den Konsum!). Vornehmlich geht es dabei um Praktiken, die vor allem Frauen Lust bereiten. So ist es z. B. verboten einen weiblichen Orgasmus zu zeigen, aber erlaubt, Männer abspritzen zu lassen. Frauen dürfen sich nicht mehr auf das Gesicht von Männern setzen und diese auch nicht mehr spanken.

Das es sich dabei um eine zutiefst frauenfeindliche Gesetzgebung handelt, zeigt sich unter anderem dadurch, dass es vor allem Frauen, die bisher mit solcher Pornografie ihr Geld verdient habe, in finanzielle Not bringt. Die Sex-positiv-Feministinnen sind jeden Falls alles andere als begeistert.

Weiterführende Links:
Auf der Onlineseite des Guardian gibt es einen aufschlussreichen Artikel zu der absurden Gesetzgebung in Großbritannien. Die deutschen Medien haben das Gesetz zum Teil sehr verzerrt und falsch dargestellt.

Auf Welt.de gibt es einen interessanten Beitrag über die „feministische Regisseurin“ Erika Lust, der zeigt, wie Sexfilme und Pornos auch aussehen können.

Und die New York Times berichtet über neue, von Frauen geführten Magazinen für Erwachsene.

Kink.com

Ist eine von James Franco produzierte und von Christina Voros gedrehte Dokumentation, die einen Blick hinter die Kulissen des größten Produzenten für BDSM-Pornografie wirft.

Dank des gerade angelaufenen Shades of Grey werden die meisten inzwischen wissen, was mit BDSM gemeint ist oder zumindest eine vage Vorstellung haben (auch wenn Buch und Film vermutlich alles völlig falsch darstellen). Kink.com (ich verlinke hier nur auf den Wikipediaeintrag), die ihre Filme über die gleichnamige Internetseite vertreiben, decken alle möglichen Spielarten ab. Unter den Sparten Men in Pain und Divine Bitches werden zum Beispiel Männer von Frauen dominiert, bei Hogtied und Device Bondage Frauen von Männern und Frauen, es gibt Sparten für Gay-BDSM, TS-Seduction für BDSM-Variationen mit transexuellen Darstellerinnen uvm.

Die Dokumentation begleitetet die Dreharbeiten zu Filmen aus drei dieser Sparten. Gay-BDSM, Men in Pain und Frauen, die von Männern dominiert werden. Wobei der Begriff dominieren eigentlich viel zu schwammig ist. Es wird jedenfalls eine große Bandbreite der unterschiedlichsten SM-Spielarten abgedeckt. Dazu gibt es noch Einblicke in den geschäftlichen Teil der Produktion, wie z. B. das Casting oder die monatlichen Geschäftsberichte über die Abonnentenzahlen.

Kink.com gilt als einer der anständigsten und fairsten Arbeitgeber in der Pornobranche, und scheint bei den Darstellerinnen sehr beliebt zu sein (auch wenn es in der Vergangenheit schon Streit über die Honorare für Onlinedarstellerinnen gab). Was auch daran liegen könnte, dort viele Frauen sowohl hinter der Kamera als auch im geschäftlichen Bereich z. b. beim Casting tätig sind.

Die Kamera begleitet wie schon erwähnt einige Dreharbeiten und zeigt dabei auch explizite Pornoszenen, die definitiv ab 18 sind. Gleichzeitig könnte einem dabei aber auch die Lust auf solche Filme vergehen, weil man sieht, unter welch professionellen und wenig erotischen Bedingungen die Szenen entstehen, die im fertigen Film völlig anders wirken. Wie auch bei normalen Spielfilmen wird hier eine Illusion erzeugt, die durch den Blick hinter die Kulissen entzaubert werden kann.

Die Darstellerinnen und Darteller kommen ausführlich zu Wort und schildern ihre Beweggründe in der Sexindustrie zu arbeiten. Manche machen es, weil sie das Geld brauchen, andere, weil sie auf der Suche nach Orientierung sind (wie z. B. der Darteller aus der Gay-BDSM Reihe, der gerade das College hingeschmissen hat, und nicht so recht weiß, was er jetzt anfangen soll) und manche, weil sie einfach Spaß an Sex haben, und es toll finden, dafür auch noch bezahlt zu werden.

Die kritischen Töne kommen meiner Meinung nach etwas zu kurz. Nur einer der Darstellerinnen erzählt, dass ihrer Meinung nach viele verlorene Seelen bei den Produktionen dabei seien. Und auf die Frage, was sie denke, wenn ihre Kinder (wenn sie erwachsen sind) in der Pornobranche arbeiten wollen, muss sie kräftig schlucken.

Da es in der Doku ausschließlich um eine der größten Pornoproduzenten geht, der seine Darstellerinnen vorbildlich behandelt, anständig bezahlt und Standards für die Branche gesetzt hat, werden die unzähligen Schmuddelproduzenten ausgeblendet, die die Not der Frauen ausnutzen, sie mies behandeln und mit fragwürdigen Methoden arbeiten. Das taucht nur mal kurz am Rande auf, als die als Princess Donna bekannte Darstellerin erwähnt, dass sie mal für eine andere Produktionsfirma gearbeitet habe, die härtere Filme produziere, und wo sie nicht die Möglichkeit hatte, Stopp zu sagen, als Dinge mit ihr angestellt wurden, die ihr sie nicht tun wollte.

Kink.com bietet einen interessanten Einblick hinter die Kulissen eines BDSM-Pornoproduzenten, von dem man aber nicht auf andere und die Arbeitsbedingungen in der Branche allgemein schließen sollte. BDSM gibt es in unzähligen Varationen, die einen mögen Bondage und lassen sich gerne kunstvoll verschnüren, andere mögen es ausgepeitscht oder erniedrigt zu werden, von Männern, Frauen oder etwas dazwischen. Dieser Film zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus einer vielfältigen Welt, die man nicht voreilig als Schmuddelkram oder krankes Zeug abtun sollte. Es lohnt, sich damit zu beschäftigen, denjenigen zuzuhören, die Spaß daran haben und/oder ihr Geld damit verdienen. Dann kann man eventuell auch besser verstehen, warum Shades of Grey gerade so erfolgreich ist und so viel Interesse erzeugt. Die hier gezeigten Filme sind jedenfalls sehr viel einfallsreicher, kreativer und abwechslungsreicher, als die üblichen 08/15 Pornos die immer nach dem gleichen Schema ablaufen. Wobei die Filme von Kink.com oft auch nach dem gleichen oder zumindest einem ähnlichen Schema ablaufen, was bei einer solchen Massenproduktion wohl unvermeidbar ist.

Wer in dem Film überhaupt nicht zu Wort kommt, sind die Zuschauer, also die Leute, die sich diese Filme ansehen. Wäre interessant, mal zu sehen, wer sich das alles ansieht und warum. Es gibt ja auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Frauen, die sich durchaus Pornografie ansehen.
Noch ein paar kurze Gedanke zum Thema Pornografie

Man macht es sich zu einfach, wenn man Pornografie als ein Mittel zur Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen ansieht, wenn man dabei vermutlich eine fies verzerrte Großaufnahme eines männlichen Gesichts á la Lou Ferrigno vor Augen hat, während dieser der Frau ins Gesicht spritzt. Diese Pornografie gibt es natürlich und sie ist weit verbreitet, aber sie steht trotzdem nicht repräsentativ für dieses Filmgenre. Ich hoffe, dass meine obigen Texte zu den drei Dokumentationen gezeigt haben, dass es sich bei Pornografie um ein weites und vielseitiges Feld handelt, das man nicht einfach in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse unterteilen kann. Es spiegelt vielmehr das differenzierte und komplexe Zusammenleben der Menschen unter dem Aspekt der Sexualität wieder.

Und unter anderem deshalb ist es ein Feld, das in der Kulturwissenschaft nicht vernachlässigt werden sollte (was es aber wird). Ich habe z. B. Nordamerikastudien am John-F.-Kennedey Institut für Nordamerikawissenschaften an der Freien Universität Berlin mit einem Schwerpunkt auf Kultur studiert. Und während Malerei, Fotografie, Film, Serien, Musik, Journalismus usw. dort ausführlich behandelt werden, wird die Pornografie (übrigens ebenso wie Computer- und Videospiele) dort komplett ignoriert.

Die Pornoindustrie ist eine Milliardenindustrie, die sich mit ihren Umsätzen nicht hinter Hollywood verstecken braucht. Seit es Fotografie gibt, gibt es pornografische Aufnahmen, und seit es den Film gibt, gibt es auch pornografische Filme. Zunächst liefen solche Filme nur in Schmuddelkinos und Videokabinen in Sex-Shops. Die Erfindung der Videokassette und der Siegeszug von VHS und der Videotheken haben die Pornoindustrie revolutioniert und in Millionen von Haushalten gebracht. Seit dieser Zeit sind unzählige Menschen unter dem Einfluss von Pornografie aufgewachsen, ein Einfluss, der sich durch das Internet nur noch mehr potenziert hat. Es lässt sich nicht leugnen, das Pornografie eine enormen Einfluss auf ganze Generationen von Menschen hat (auch wenn viele von ihnen das öffentlich natürlich bestreiten würden). Pornodarstellerinnen sind Superstars, die sich vor Autogrammanfragen kaum retten können. Doch neben dem industriell organisierten Massenmarkt hat sich in der Pornografie auch eine Kunstform entwickelt, die versucht, den Sexualakt auf ästhetisch anspruchsvolle Weiße darzustellen.

Sämtliche oben genannten Aspekte verdienen eine ausführliche kulturwissenschaftliche Betrachtung. Dabei geht es nicht um moralische oder ästhetische Urteile – in der Kulturwissenschaft geht es nicht um Bewertungen – sondern um Analyse des kulturellen Einlusses der Pornografie auf ein Land und seine Menschen, und den Einfluss des Landes und seiner Kultur auf die Pornografie.

Salman Rushdie sagte einmal:

Wenn es um Gesellschaften geht, in denen es für junge Männer und Frauen schwierig ist, zusammenzukommen und das zu tun, was junge Männer und Frauen häufig tun, dann befriedigt sie (die Pornografie) ein allgemeines Bedürfnis. In dieser Funktion wird sie manchmal geradezu zu einem Symbol der Freiheit, ja der Zivilisation.

(Quelle: Spiegel.de)

Am Umgang einer Gesellschaft mit Pornografie kann man ihren Grad an Freiheit erkennen. Wenn man sich anschaut, wo Pornografie verboten ist, dann handelt es sich vor allem um diktatorische, autokratische und repressive Staaten. Das von mir weiter oben erwähnte neue restrektive Gesetz in Großbritannien zeigt durchaus, dass sich das Land schleichend von den Grundsätzen der Demokratie entfernt, was man an den jüngsten Geheimdienstskandalen rund um die Enthüllungen von Edward Snowden, der Aktion gegen den Guardian, den vorauseilenden Gehorsam der Presse und der umfassenden Überwachung durch die Sicherheitsbehörden erkennen kann.

In den USA ist Pornografie nur im von Mormonen dominierten Bundestaat Utah verboten, aber die Gesellschaft ist noch weit von einem gelassenen Umgang mit der Thematik entfernt. An diesem widersprüchlichen Umgang kann man die Spaltung der Nation in ein konservatives und ein liberales Lager gut erkennen.

Ich persönlich halte Pornografie nicht für schlimm. Pornografie ist kein Zeichen einer übersexualisierten Gesellschaft. Viel gruseliger finde ich die in den USA weit verbreitete Miss-Wahlen, auf denen kleine Mädchen zu puppenartigen Wesen geschminkt und gestylt werden (siehe Little Miss Sunshine), oder die Modebranche, in der 14-jährige Mädchen als Sexsymbole inszeniert werden. Ebenso unheimlich, wie diese Fixierung auf ein möglichst sexy Aussehen in Lifestylemagazinen, im TV, in Musikvideos und sonstigem Promikram. Bei Pornografie ist klar dass es um Sex geht, und sie findet in der Regel in einem abgegrenztem Rahmen statt, während die oben erwähnten Beispiele zu einer Übersexualisierung des Alltags führen.

Das alles kann dazu führen, das Heranwachsende (aber auch Erwachsene) ein falsches Selbstbild und ein gestörtes Gefühl für ihren Körper entwickeln. Pornografie sollte Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden (auch wenn sie trotzdem dran kommen), denn dadurch kann durchaus ein falsches Bild von gesunder Sexualität entstehen. Vielmehr sollte ein offener Umgang des Themas Sexualtität und Aufklärung an Schulen und in der Familie dazu führen, dass die Jugendlichen in kompetentem Medienumgang geschult werden und die verstehen lernen, dass Pornofilme ebenso wie Spielfilme und TV-Serien eben nicht die Realität widerspiegeln. Wobei ich glaube (und da stimmt mir die Spiegeltitelstory aus dem Heft 15 von 2014 Jugend forscht – Wie schädlich ist Pornografie zu), dass wir Erwachsenen die Jugendlichen gerne unterschätzen. Die sind viel besser in der Lage zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, als es allgemein angenommen wird.

Frauenverachtende Pornos gibt es zuhauf, vielleicht werde ich im Laufe des Jahres ja mal dazu kommen, hier im Blog positive Beispiele für feministische, für Frauen gemachte oder einfach gut gemachte Pornos vorzustellen. Wobei ich jetzt nicht der große Pornogucker bin und auch nicht vorhabe, mir eine Sammlung anzuschaffen. Eine gute Fundgrube für solche Filme ist das jährlich im Herbst in Berlin stattfindende Pornfilmfestival.Ein sehr gelungenes Beispiel für einen Spielfilm mit gelassenem Umgang bezüglich Sexualität ist für mich Shortbus, den ich demnächst hier vorstellen werde. Aber das ist halt kein Porno.