Mr. oder Mr – von der deutschen (Un-)Rechtschreibung

Vor einiger Zeit saß ich bei Hannes Riffel im Büro und schaute ihm beim Übersetzen von Robert Blochs »Psycho« (das inzwischen in der Neuübersetzung bei Golkonda erschienen ist) über die Schulter. Da bemerkte ich es! Er hat bei Mr. Soundso einen Punkt vergessen und nur Mr Soundso geschrieben. Nachdem ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, holte er einen dicken, gelben Duden hervor und zeigte mir dort schwarz auf weiß, dass Mr im Deutschen ohne Punkt geschrieben wird.

Ich war baff. Warum? Hatte man in der Dudenredaktion selbst den Punkt vergessen? Aber nein, bei Mrs und Ms fehlt er auch. Es ist mir bis heute ein Rätsel. Im Englischen kürzt man Mister als Mr. mit Punkt ab. Im Deutschen kürzt man Herr als Hr. und Doktor als Dr. mit Punkt ab. Aber beim englischen Mister in einem deutschen Text verschwindet der Punkt wie von Zauberhand.

Nur halten sich nicht alle Verlage daran. Bei Golkonda wird man keinen Punkt hinter Mr finden. Aber kürzlich las ich eine andere Übersetzung von Hannes Riffel, »Joyland« von Stephen King (übrigens ein ganz tolles Buch) erschienen bei Heyne, mit einem Punkt hinter dem Mr. Es scheint Verlagspolitik zu sein, in meiner aktuellen Lektüre – »Verderben« von Bentley Little – die bei Bastei Lübbe erschienen ist, gibt es keinen Punkt. Will man hier Kosten sparen? Denn jeder fehlende Punkt ist ein Zeichen weniger, für das man den Übersetzer bezahlen muss. Aber nein, dann wäre Heyne bestimmt an vorderster Front mit dabei.

Für mich ist diese mir unergründliche Regel ein gutes Beispiel dafür, dass, wer immer für unsere aktuellen Rechtschreibregeln verantwortlich ist, ein schlechtes Vorbild für unseren Nachwuchs ist. Was wird ein Schüler wohl im Aufsatz schreiben, wenn er gerade ein Buch von Heyne liest, und was, wenn er zu Bastei Lübbe gegriffen hat? Den Lehrer fragen, der es selbst nicht mehr weiß?

Regeln sollten möglichst einfach und verständlich gehalten werden, damit man sie auch einfach lernen und anwenden kann. Klar, jede Sprache hat ihre irrationalen, nicht nachvollziehbaren Regeln, die sich über die Jahrhunderte entwickelt haben, wie z. B. die unregelmäßigen Verben oder die unterschiedliche Aussprache der gleichen Schreibweisen. Aber müssen Sprachwissenschaftler die in Kommissionen sitzen, unsere Rechtschreibung nachträglich noch zusätzlich verkomplizieren?

Wer das Drama um die Rechtschreibreform und die Reform von der Reform mitbekommen hat, kennt die Antwort. Ja, natürlich müssen sie es tun! Mir erscheint es, als würden sie das sogar mit Absicht machen, nur um auch ihre eigenen Kreationen mit einbringen zu können, um sich selbst profilieren zu können, so wie andere Wissenschaftler bestimmte komplizierte Begriffe in ihren Fachgebieten für eigentlich einfache Sachverhalte einführen, nur damit in Zukunft ihr Name damit in Verbindung gebracht wird.

Aber wer immer sich den Unfug mit der Rechtschreibreform ausgedacht hat, sollte sich für den Rest seiner beruflichen Karriere in die Ecke stellen und schämen.

Wenn es solch unverständlichen Regeländerungen gibt, wie kann man da noch pedantisch auf die korrekte Einhaltung der Schreibweisen bestehen? Vielleicht kann mir ja einer meiner schlauen Blogleser erklären, warum man bei Mr im Deutschen keinen Punkt macht. Die Antwort, »weil es im Duden steht«, gilt übrigens nicht, die bedeutet nämlich nicht mehr als, »das ist halt so«. 😉

Nachtrag: Ich muss mich hier nachträglich korrigieren. Im amerikanischen Englisch schreibt man Mr. mit Punkt, im britischen Englisch kommt es durchaus vor, dass man Mr ohne Punkt schreibt. Da hat man sich wohl an die britische Schreibweise gehalten. Die gibt es allerdings mit und ohne Punkt. Hat wohl was mit den Etiketten und dem sozialen Status zu tun.
Meiner Meinung nach, sollte man sich bei der Übersetzung an das Original halten.

6 Gedanken zu “Mr. oder Mr – von der deutschen (Un-)Rechtschreibung

  1. Hm, schwieriges Thema … Dass bei Eindeutschungen Anpassungen vorgenommen werden, finde ich grundsätzlich nicht verkehrt. Warum man bei Titeln (Dr. med., Prof. etc.) den Punkt gesetzt hat, bei Mr/Mrs etc. nicht, erschließt sich mir auch nicht ganz. Wenn es aber zwischen amerikanischer und britischer Schreibweise Unterschiede gibt, hat man sich wohl eher an die britische, weil europäische gehalten?

  2. Das denke ich auch. Ein Kollege hat mich daran erinnert, dass bis in die 90er Jahre hinein, das britische Englisch in Deutschland Standard war und das habe ich auch noch in der Schule gelernt. Hatte aber ganz vergessen, dass man im britischen keinen Punkt macht. Ist mir bei britischen Büchern auch nicht wirklich aufgefallen. Aber ohne Punkt ist im britischen Englisch die übliche Schreibweise.

  3. Aufgefallen ist mir die Änderungen zum einen bei den Harry-Potter-Büchern: Im ersten hieß es „Mr.“, später dann „Mr“. Aus der Schule hatte ich es mit Punkt in Erinnerung, kann mich aber täuschen.
    Später wurde es bei einer meiner Storys in der c’t von „Mr“ auf „Mr.“ abgeändert …

    Bei all den Änderungen ist es aber echt schwer, immer den Durchblick zu behalten.

  4. Auch wenn er schon älter ist, hat es mich aufgrund der gleichen Frage auf diesen Titel geführt. Danke. Ergänzen kann ich als Romanist noch hinzufügen, dass im Französischen der Punkt hinter Abkürzungen stehen, wenn diese nicht mit dem letzten Buchstaben des gekürzten Wortes enden: M. = Monsieur / Mlle = Mademoiselle / Mme = Madame – hier eigentlich ganz logisch.

    • Ja, der Eintrag ist schon drei Jahre her, aber seitdem achte ich beim Lesen immer darauf, und kann sage, dass es jeder Verlag anders handhabt. Manche machen immer einen Punkt, manche nur, wenn es aus dem amerikanischen Englisch übersetzt wird, manche machen gar keinen. Ich frage bei den Verlagen immer nach, bevor ich mit einer neuen Übersetzung anfange.

      • Hallo, als typografin würde ich auch gerne meinen Senf dazu geben. Die Regel ohne Punkt macht aus Sicht der Lesbarkeit am meisten Sinn, da jeder Punkt eine Störung im Lesefluss und Verwirrung des Lesers zur Folge hat. Immer wenn es mir erlaubt ist freue ich mich daher diese Regel (Mr statt Mr.) anzuwenden.

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