Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt? Die Programme von Fischer/Tor und Knaur Fantasy

Science-Fiction und Fantasy: Ein Buchmarkt im Wandel lautete die Überschrift eines Artikels, den ich für die Zeitschrift phantastisch! (Nr. 55) im Jahr 2014 verfasst hatte. Darin ging es um den empirischen Nachweis des damals im Fandom (und auch bei mir) verankerten Gefühls, dass die Zahl der phantastischen Neuübersetzungen kontinuierlich zurückgeht. Dazu bin ich sämtliche Verlagsvorschauen der vier phantastischen Platzhirsche Heyne, Piper, Blanvalet und Bastei/Lübbe von 2010 bis 2015 durchgegangen. Und tatsächlich, die Neuübersetzungen waren in diesem Zeitraum um 39 Prozent zurückgegangen.

Das war natürlich ein sehr eingeschränkter Blick auf den Buchmarkt, berücksichtigte er doch weder umtriebige Kleinverlage wie z. B. Atlantis, Golkonda oder Festa, noch die allgemeinen Reihen größerer Publikumsverlage wie z. B. Kiepenheuer und Witsch (Drohnenland) oder Knaus (Der goldene Schwarm). Trotzdem wirkte es, als befände sich das Genre der Phantastik und die Science Fiction im Besonderen (40% Rückgang), nach dem Boom der Völkerphantasie zu Beginn des neuen Jahrtausends, auf dem Rückmarsch (auch die Zahl der deutschsprachigen Neuerscheinungen stagnierte).

Als dieser Artikel im Sommer 2014 erschien, wusste ich noch nicht, was mir Hannes Riffel im September desselbigen Jahres auf einem Übersetzerworkshop erzählen würde. Nämlich, dass er für einen großen Verlag ein neues Phantastikprogramm aufbauen würde. Über die nächsten Monate erfuhr ich immer weitere Titel und die Zahl von 26 Veröffentlichungen pro Jahr, die unter dem Namen Fischer/Tor erscheinen sollten, und mir wurde klar, dass hier wirklich Bewegung ins Genre kommen könnte. Ein Eindruck, der verstärkt wurde, als ich las, dass die Literaturagentin Natalja Schmidt ihre Agentur Schriftart auflösen und ähnlich wie Hannes Riffel bei Fischer nun bei Droemer/Knaur ein neues Phantastikprogramm aufbauen würde.

Zwei große Publikumsverlage, die mit kompetenter Personalkraft und den nötigen Finanzen und Strukturen im Hintergrund neue Phantastikprogramme mit deutschsprachigen und internationalen Titeln aus den Bereichen Fantasy, Science Fiction und Horror aufbauen. Das machte uns im Fandom richtig neugierig und ließ uns spekulieren, welch belebende Wirkung dies auf die anderen größeren Genreverlage und das Genre insgesamt haben könnte. Schaut man sich die Herbstprogramme von Heyne und Piper an, scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen. Wie es sich aber auf die Leser und Käufer auswirkt, wird das kommende Jahr zeigen müssen. Denn mehr Phantastikveröffentlichungen bedeuten ja nicht unbedingt, dass auch mehr gekauft und gelesen wird.

An fehlendem Anspruch und mangelnder Qualität wird es allerdings weder bei Knaur noch bei Fischer/Tor scheitern, wie ein erster Blick in die Programme zeigt. Doch wie bereits in meinem Blogartikel Phantastikvorschauen Herbst/Winter 2016: Wo sind die Frauen? und der Ergänzung: Wo sind die Frauen? – Einige Ergänzungen zum Beitrag vom 26.4. angedeutet, möchte ich mich auf die Autorinnen in den kommenden Programmen konzentrieren, was aber nicht heißt, dass ich die Männer ganz ignorieren werde.

Fischer/Tor

Von den zwölf Neuerscheinungen im Herbst/Winterprogramm 2016/17 von Fischer/Tor stammen nur drei Titel von Autorinnen. Aber die haben es in sich.

Da wäre z. B. Der zeitlose Klassiker The Dispossessed von Ursula K. Le Guin, der hier in der Neuübersetzung von Karen Nölle unter dem Titel Freie Geister (in Anlehnung an die Anspielung auf Dostojewski im Original) erscheinen wird. Le Guin ist (bis auf die Novelle Verlorene Paradiese bei Atlantis) in den letzten Jahren leider völlig aus den Programmen deutschsprachiger Verlage verschwunden, was meiner Meinung nach eine wahre Schande ist. Ich hoffe, dass diese Neuerscheinung zum einen den Namen Le Guin den (auch jüngeren) deutschsprachigen Leserinnen und Lesern wieder näher bringen wird, und, dass vielleicht einige ihrer unübersetzten Werke ihren Weg nach Deutschland finden werden. Demnächst wird auch eine Dokumentation über das Leben von Ursula K. Le Guin erscheinen (die ich per Kickstarter unterstützt habe). Vor seinem Erscheinen im Januar 2017 werde ich dem Roman (der englischsprachigen Fassung) noch einen ausführlichen Blogeintrag widmen.

Der zweite interessante Titel von einer Autorin ist Der Winterkaiser (im Weiteren verlinke ich hier auf Amazon.de, weil es dort schon Inhaltsangaben zu den Büchern gibt) von Katherine Addison (ist ein Pseudonym), der unter dem Titel The Goblin Emperor in der englischsprachigen Phantastikszene für Furore sorgte. Ein abgeschlossener Einzelroman, der seine ganz eigenen Wege abseits der üblichen Fantasyklischees geht. Ich habe ihn allerdings noch nicht gelesen.

Ebenso wenig wie Becky Chambers Science-Fiction-Abenteuer Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planten (the long way to a small angry planet), dessen Kritiken mich aber furchtbar neugierig auf diesen Roman machen, der es gerade auf die Nominierungsliste für den Arthur C. Clarke Award geschafft hat.

Nur drei Autorinnen im Programm, aber so ganz unterschlägt Fischer/Tor die Frauen doch nicht, stammen doch bis auf das – ebenfalls von mir mit Spannung erwartete und von Frank Böhmert übersetzte – Afterparty alle Übersetzungen von Frauen. 😉

Und neben den schon erwähnten Titeln freue ich mich vor allem auf das von Birgit Pfaffinger und Ulrike Brauns übersetzte Im Schatten des Himmels von Guy Gavriel Kay, der ebenfalls seit einigen Jahren aus den deutschsprachigen Programmen verschwunden ist, und den SF-Roman Die Krone der Sterne von Kai Meyer.

Krimis aus Südafrika liegen schon seit Roger Smith im Trend, und jetzt, seit dem Erfolg von Lauren Beukes (Moxyland), auch Science Fiction. Und da ich mich seit Oktober letzten Jahres besonders für Südafrika interessiere, bin ich auch sehr auf Charlie Hunmans in Kapstadt spielenden Roman Apocalypse Now Now gespannt.

Die Programmvorschauen Herbst/Winter 16/17  von Fischer sind aktuell immer noch nicht online. Bisher gibt es nur den 300-seitigen Programmreader für den Buchhandel. Ab Juli soll unter der Adresse Tor-online.de eine Webseite nach dem Vorbild von Tor.com online gehen. Auf Twitter und Facebook sind sie auch schon vertreten.

Man darf jedenfalls gespannt sein. Bisher hatte der Fischer Verlag ja noch nie ein wirkliches Phantastikprogramm, sondern höchstens vereinzelte Titel im Programm, wie z. B. die Drachenbeinthron-Saga von Tad Williams. Man möge mich korrigieren, falls ich mich hier irre. Es überwiegt übrigens die Science Fiction mit neun von zwölf Titeln! Wobei man auch hier nicht auf Massenmarkttaugliche Titel wie z. B. Der Groll der Zwerge von Bernd Frenz verzichtet.

Knaur

Anders als bei Fischer gibt es bei Knaur eine langjährige Tradition mit Fantasy im Programm mit der Reihe Excalibur – Fantasy bei Knaur. So stehen bei mir im Regal z. B. Die Chroniken des Thomas Covenant von Stephen Donaldson, Das Buch der Fey von Kristine Kathryn Rusch und die Kaltfeuer-Reihe von C. S. Friedman – alles Fantasy mit originellen Ansätzen abseits der üblichen Genreklischees. Nach dem Weggang von Timothy Sonderhüsken vor einigen Jahren ist das Programm aber so ziemlich eingeschlafen.

Und jetzt der Neustart mit einem neuen Team unter Natalja Schmidt, mit 18 Titeln in der Programmvorschau. Ein ambitioniertes Programm mit deutschen und internationalen Autorinnen und Autoren, in dem die Fantasy zwar gegenüber der Science Fiction überwiegt, aber mit AutorInnen wie Zen Cho und Ken Liu sehr originell daherkommt.

Zen Chos Die Magier seiner Majestät sorgte im letzten Jahr für Aufsehen auf dem englischsprachigen Buchmarkt. Die Inhaltsbeschreibung erinnert schon sehr stark an Susanna Clarkes Jonathan Strange & Mr Norrell, aber die vielen positiven Kritiken machen mich trotzdem sehr neugierig auf diese historische Fantasy im England des 19. Jahrhunderts.

Mit Irrlichtfeuer von Julia Lange gibt es auch ein Fantasydebüt einer jungen deutschen Autorin, die sich hier einen ganz interessanten Weltenbau um das magische Irrlicht-Gas ausgedacht hat.

Cover und Titel von Ju Honischs Seelenspalter sehen zwar stark nach der üblich generischen Kapuzenheini-Assassinen-Fantasy aus, die es in den letzten Jahren reichlich aus deutscher Feder gab, aber bei der Frankfurter Autorin, die unter anderem Das Obsidianherz bei Feder & Schwert veröffentlicht hat, gehe ich mal davon aus, dass mehr dahintersteckt.

Die in bestem Buchhandels-PR-Sprech unter dem Titel „Women’s Fantasy“ firmierenden Bücher Das vierte Siegel von Liane Sons (ist wohl schon recht erfolgreich als E-Book gelaufen) und Talvars Schuld von Valerie Colberg sprechen mich jetzt auf den ersten Blick nicht so wirklich an, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, wenn die ersten Kritiken erschienen sind.

Das wahre Juwel des Programms ist für mich aber Ken Lius Das Schwert von Dara (The Grace of Kings), zu dessen Originalausgabe ich im letzten Jahr Folgendes schrieb: Phantastische Silk-Punk-Fantasy in einem vom historischen China inspirierten Szenario, das aber durchaus auch westliche Einflüsse (wie die griechische Tragödie) beimischt. Bisher die aufregendste Fantasyneuerscheinung des Jahres

Und während Fischer/Tor mit Kai Meyer einen großen deutschen Namen im Programm hat, ist des bei Knaur Markus Heitz mit Wédora. Wobei Heitz nach einigen Leseversuchen jetzt nicht so ganz mein Fall ist (auf seine Lesungen gehe ich aber immer gerne). Viel neugieriger bin ich da auf Schwarzer Horizont von Ivo Pala, dessen düsteres Szenario zur Neuauflage von David Gemmels Die Legende zu passen scheint.

Unter den drei SF-Romanen erregt Ariel S. Winters Mr. Sapien träumt vom Menschsein (Barrren Cove), in dem es über einen lebensmüden Roboter geht, der sich einigen existenzialistischen Fragen stellt. Übrigens von Oliver Plaschka übersetzt.

Das auf dem Mond spielende Dark Side von Anthony O’Neill wurde mir vom Übersetzer Gerd Rottenecker empfohlen. Und das von Simone Heller übersetzte Darwin City von Jason M. Hough scheint mir auch ein recht interessantes Zukunftsszenario zu bieten.

Knaur Fantasy & Science Fiction ist übrigens auf Facebook schon sehr aktiv und stellt dort regelmäßig Bücher und AutorInnen vor.

Das waren jetzt nicht alle Titel aus den beiden Programmen, sondern nur jene, die mich auf den ersten Blick ansprechen. Ich muss aber gestehen, ich hatte bei der Durchsicht der beiden Programme mehr Freude als es in den letzten Jahren zum Beispiel beim immer generischer und mutloser wirkenden Programm von Blanvalet der Fall war. Da sind eine Menge Titel dabei, die ich lesen werde. Und über jene von Autorinnen werde ich in diesem Jahr auch hier auf dem Blog besprechen.

In den nächsten Wochen werde ich  noch die Programmvorschauen der anderen großen Verlage vorstellen (die SF bei Heyne sieht sehr vielversprechend aus), danach aber auch einen Blick auf die deutschsprachigen Kleinverlage werfen. Vor allem Cross Cult geht im Herbst mit einem ambitionierten und ausgezeichneten SF-Programm an den Start.

P.S. Mit Bildern bzw. den Covern der erwähnten Titel wäre dieser Artikel natürlich noch ansprechender ausgefallen, aber das ist mir rechtlich zu heikel.

P.P.S. Nicht wundern, warum ich bei manchen Büchern ÜbersetzerInnen erwähnt habe, und bei anderen nicht. Das sind eben jene, die ich persönlich kenne.

2 Gedanken zu “Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt? Die Programme von Fischer/Tor und Knaur Fantasy

  1. Ich lese ja sehr wenig Fantasy, aber beim Liu-Roman könnte ich doch mal wieder schwach werden. Auch sonst kommt da einiges auf uns zu, was sich vielversprechend anhört, „Darwin City“ z.B. – wenn das nur nicht schon wieder Teil einer Trologie wäre …

  2. Pingback: Der Platzhirsch – Das SF- und Fantasyprogramm 16/17 von Heyne | translate or die

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