Übersetzungsfehler: Als die Comics das Laufen lernten

Vorweg. Es geht mir nicht darum, andere ÜbersetzerInnen bloßzustellen, sondern einfach darum, auf geläufige Übersetzungsfehler hinzuweisen. Fehler, die mir in meinen Übersetzungen auch passieren.

Ich lese gerade das Buch Gone Girl, das aktuell von David Fincher verfilmt wird. Insgesamt liest sich die deutsche Übersetzung recht flüssig und fehlerfrei, aber ein dicker Klops ließ mich doch staunend zurück.

Als es zunächst hieß, dass sich die beiden Protagonisten einen Comic auf einer Raub-DVD ansehen würden, habe ich nur kurz gestutzt und überlegt, ob so etwas wohl in New York üblich sei (was immer auch eine Raub-DVD ist?). Später führte der Protagonist und Erzähler dann ein Telefonat und meinte, dass er im Hintergrund einen „Comic laufen höre„. Wo er wohl hinläuft, der Comic, dachte ich mir. Hat er vielleicht in der unsichtbaren Universität angerufen, wo Bücher durchaus schon mal weglaufen können? Aber da hat sich niemand mit einem „Ugh“ gemeldet. Sondern eine normale Frau. Die Mutter am anderen Ende der Leitung schickte dann ihre Kinder runter, und mir wurde klar, dass da kein Comic das laufen gelernt hat, sondern im Fernsehen ein Cartoon läuft. So steht es bestimmt auch im Original. Dass man im Jahr 2013 einen (TV-) Cartoon als Comic übersetzt, ist schon ein heftiger Klops.

Comic = Comic, kann in Heftform gelesen werden, als Album, in einer Zeitung oder auch in Buchform.
Cartoon = Zeichentrickserie oder Film, wenn man heute von Cartoons schreibt bzw. spricht, sind in der Regel „animated cartoons“ gemeint, also Zeichentrickserien wie Bugs Bunny, Road Runner usw.
Es gibt natürlich auch die ursprüngliche Form des Cartoons, der eine Karikatur in einer Zeitung meint oder einen kurzen Comicstrip wie Calvin und Hobbes  oder die Peanuts, die mit vier oder fünf Bildern einen Strip in einer Zeitung bilden.

Aber Comic ist immer etwas zum Lesen. Es gibt Comicverfilmungen als Realfilm, also mit echten Schauspielern, oder in animierter Form, das sind dann aber Zeichentrickfilme oder Trickfilme. Kommen sie aus Japan, wo man Comics als Mangas bezeichnet, nennt man die Filme Animes.
Viele Comics werden inzwischen auch als Graphic Novel bezeichnet, weil man hofft, sie damit aus der Schmuddel oder Kinderecke zu bekommen. Dabei handelt es sich eben um Comics mit mehr Tiefgang bzw. literarischem Anspruch, letztendlich sind es aber trotzdem Comics, eine Kunstform, die schon seit Jahrzehnten neben Kindergeschichten auch anspruchsvolle und differenzierte Werke liefert.

Nachtrag: Comicexperte Stefan Pannor hat mich auf eine Fehler in meiner Erklärung hingewiesen.

Comicstrips sind keine Cartoons.

Allgemein meint der Cartoon im Deutschen entweder den Kurztrickfilm oder das Witzbild (also nicht die Karikatur), das ergibt sich aus dem Kontext. Zum Comicstrip ist er in jedem fall deutlich abzugrenzen: das Witzbild ist nicht sequentiell, der Kurztrickfilm kein stehendes Bild. (Und es sind eher drei bis vier Bilder. 5-Bild-WochentagssStrips sind vor dem 2. Weltkrieg weitgehend ausgestorben.)

Übersetzungsfrage: hoary caress?

Weiß jemand, was hoary caress heißt?

Der Satz lautet: As the gap widened, a cold breeze rushed in from outside, filling the room with its hoary caress.

Während die Öffnung größer wurde, wehte eine kalte Brise von draußen herein und füllte den Raum mit hoary caress.

… mit seiner kalten Umarmung?  Wäre dann aber zweimal kalt, könnte auch ein kühl drauß mache, ist aber immer noch doppelt gemoppelt.

… mit seiner altehrwürdigen Liebkosung? Ergibt nicht wirklich Sinn.

caress heißt umarmen, liebkosen, streicheln

hoary heißt ergraut, uralt, altehrwürdig, verbraucht

Mr. oder Mr – von der deutschen (Un-)Rechtschreibung

Vor einiger Zeit saß ich bei Hannes Riffel im Büro und schaute ihm beim Übersetzen von Robert Blochs »Psycho« (das inzwischen in der Neuübersetzung bei Golkonda erschienen ist) über die Schulter. Da bemerkte ich es! Er hat bei Mr. Soundso einen Punkt vergessen und nur Mr Soundso geschrieben. Nachdem ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, holte er einen dicken, gelben Duden hervor und zeigte mir dort schwarz auf weiß, dass Mr im Deutschen ohne Punkt geschrieben wird.

Ich war baff. Warum? Hatte man in der Dudenredaktion selbst den Punkt vergessen? Aber nein, bei Mrs und Ms fehlt er auch. Es ist mir bis heute ein Rätsel. Im Englischen kürzt man Mister als Mr. mit Punkt ab. Im Deutschen kürzt man Herr als Hr. und Doktor als Dr. mit Punkt ab. Aber beim englischen Mister in einem deutschen Text verschwindet der Punkt wie von Zauberhand.

Nur halten sich nicht alle Verlage daran. Bei Golkonda wird man keinen Punkt hinter Mr finden. Aber kürzlich las ich eine andere Übersetzung von Hannes Riffel, »Joyland« von Stephen King (übrigens ein ganz tolles Buch) erschienen bei Heyne, mit einem Punkt hinter dem Mr. Es scheint Verlagspolitik zu sein, in meiner aktuellen Lektüre – »Verderben« von Bentley Little – die bei Bastei Lübbe erschienen ist, gibt es keinen Punkt. Will man hier Kosten sparen? Denn jeder fehlende Punkt ist ein Zeichen weniger, für das man den Übersetzer bezahlen muss. Aber nein, dann wäre Heyne bestimmt an vorderster Front mit dabei.

Für mich ist diese mir unergründliche Regel ein gutes Beispiel dafür, dass, wer immer für unsere aktuellen Rechtschreibregeln verantwortlich ist, ein schlechtes Vorbild für unseren Nachwuchs ist. Was wird ein Schüler wohl im Aufsatz schreiben, wenn er gerade ein Buch von Heyne liest, und was, wenn er zu Bastei Lübbe gegriffen hat? Den Lehrer fragen, der es selbst nicht mehr weiß?

Regeln sollten möglichst einfach und verständlich gehalten werden, damit man sie auch einfach lernen und anwenden kann. Klar, jede Sprache hat ihre irrationalen, nicht nachvollziehbaren Regeln, die sich über die Jahrhunderte entwickelt haben, wie z. B. die unregelmäßigen Verben oder die unterschiedliche Aussprache der gleichen Schreibweisen. Aber müssen Sprachwissenschaftler die in Kommissionen sitzen, unsere Rechtschreibung nachträglich noch zusätzlich verkomplizieren?

Wer das Drama um die Rechtschreibreform und die Reform von der Reform mitbekommen hat, kennt die Antwort. Ja, natürlich müssen sie es tun! Mir erscheint es, als würden sie das sogar mit Absicht machen, nur um auch ihre eigenen Kreationen mit einbringen zu können, um sich selbst profilieren zu können, so wie andere Wissenschaftler bestimmte komplizierte Begriffe in ihren Fachgebieten für eigentlich einfache Sachverhalte einführen, nur damit in Zukunft ihr Name damit in Verbindung gebracht wird.

Aber wer immer sich den Unfug mit der Rechtschreibreform ausgedacht hat, sollte sich für den Rest seiner beruflichen Karriere in die Ecke stellen und schämen.

Wenn es solch unverständlichen Regeländerungen gibt, wie kann man da noch pedantisch auf die korrekte Einhaltung der Schreibweisen bestehen? Vielleicht kann mir ja einer meiner schlauen Blogleser erklären, warum man bei Mr im Deutschen keinen Punkt macht. Die Antwort, »weil es im Duden steht«, gilt übrigens nicht, die bedeutet nämlich nicht mehr als, »das ist halt so«. 😉

Nachtrag: Ich muss mich hier nachträglich korrigieren. Im amerikanischen Englisch schreibt man Mr. mit Punkt, im britischen Englisch kommt es durchaus vor, dass man Mr ohne Punkt schreibt. Da hat man sich wohl an die britische Schreibweise gehalten. Die gibt es allerdings mit und ohne Punkt. Hat wohl was mit den Etiketten und dem sozialen Status zu tun.
Meiner Meinung nach, sollte man sich bei der Übersetzung an das Original halten.

Linktipp: to think outside the pink box – über die Englischkenntnisse der Deutschen

Ich höre und lese immer wieder, dass gute Englischkenntnisse heute ja nichts mehr Besonderes seien. Inzwischen könne doch jeder Englisch sprechen. Fühlt man diesen Englischkenntnissen mal auf den Zahn oder erlebt sie live in der Praxis, merkt man, dass es doch sehr unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was gute Englischkenntnisse sein sollen.
Mein persönliches (völlig subjektives) Urteil, die meisten Deutschen sprechen nicht mal ansatzweise so gut Englisch, wie sie glauben. Das ist jetzt nicht abwertend oder verurteilend gemeint. Aber diese Selbstüberschätzung kann im beruflichen (und auch privaten) Kontakt mit Muttersprachlern zu peinlichen und auch geschäftsschädigenden Reaktionen führen. Da kann es sich durchaus lohnen, ein paar zusätzliche Euro in einen guten Übersetzer oder einen Mitarbeiter mit wirklich guten Sprach- und Kulturkenntnissen zu investieren. (Hallo, hier bin ich!!!!!!!! 🙂 Kontaktinformationen finden Sie hier: https://translateordie.wordpress.com/impressum/ )

Diesem Thema widmet jetzt Spiegelonline eine Kolumne. Warum man Freunden nichts Gutes tut, wenn man ihnen einen »white elephant« schenkt, und warum es für ein seriöses Unternehmen in die Hose gehen kann, wenn man eine »pink box« verschickt: http://www.spiegel.de/karriere/ausland/denglisch-die-sprachschnitzer-deutscher-manager-und-politiker-a-903581.html

Nachtrag: Es geht mir übrigens nicht darum, dass man akzentfreies, fließendes Englisch spricht. Das tun auch die meisten Muttersprachler nicht. In Irland wird zum Beispiel kein „th“ ausgesprochen, und ich habe damals keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, weil ich in der sechsten Klasse das „th“ nicht hinbekommen habe! Versucht mal einen Schotten zu verstehen, oder jemandem mit Cokney-Akzent. Die Aussprache ist relativ unwichtig, denn es gibt nicht die richtige oder perfekte Aussprache. Scheut Euch nicht, mit starkem deutschen Akzent zu sprechen (ich weiß, wovon ich rede), das kann bei Amerikanern z.B. auch Sympathiepunkte bringen.

Mir geht es nur darum, dass man sich im geschäftlichen, professionellen Kontext etwas Mühe geben sollte, um der Kultur, in der man Geschäfte machen möchte, etwas Respekt entgegen zu bringen.

False Friends (1): genial

False Friends sind englische Wörter, die sich deutsch anhören, die aber mit ihrem deutschen Namensvetter nur wenig, bis gar nichts gemeinsam haben. Gerade bin ich beim Übersetzen über »genial« gestolpert. Das heißt im Englischen nicht genial im Sinne von brillant, sondern soviel wie freundlich, angenehm, gesellig oder warmherzig. Wenn man über ein solches Wort stolpert, das sich so deutsch anhört, sollten sofort alle Alarmglocken läuten. Dann sollte man zur Sicherheit im Wörterbuch nachschlagen.

Sexismus, Diskriminierung und Captain Future

In den letzten Wochen gab es ja heftige Debatten über Sexismus und Diskriminierung. Zum einen im Zuge der Brüderle-Geschichte, zum anderen bzgl. der nachträglichen Abänderung bzw. Zensur von rassistischen Wörtern und Begriffen in Literaturklassikern (siehe »Pipi Langstrumpf« und »Die kleine Hexe«). Darauf möchte ich hier aber nicht weiter eingehen.
Mir geht es darum, dass man auch als Übersetzer mit der Problematik konfrontiert werden kann, und wie man dann damit umgeht. Was tun, wenn der zu übersetzende Text Sexismus, Rassismus oder andere Diskriminierungen enthält?

Ich werde das beispielhaft an meiner Übersetzung von »Captain Future – Erde in Gefahr« von Edmond Hamilton erläutern.
Vorweg: Ich halte das Buch weder für sexistisch noch für rassistisch, aber es stammt aus den 40er Jahren und enthält einige klischeehafte Stereotype, die nicht mehr zeitgemäß sind (und es eigentlich auch nie waren).

Zunächst eine kleine Begriffsdefinition:

Sexismus sind für mich Benachteiligungen, Belästigungen usw. gegenüber Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Ebenso wie die Zuschreibung von stereotypen Geschlechterklischees (z. B. dass alle Blondinen blöd seien oder Frauen nicht einparken könnten).

Diskriminierung (darunter fällt auch der Sexismus), ist die Benachteiligung einer bestimmten Person oder einer Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft oder anderer Merkmale. Darunter fällt auch die Zuschreibung bestimmter stereotyper Eigenschaften (z. B. dass alle Griechen faule Säcke seien oder alle Polen Diebe).

Rassismus ist eine Form der Diskriminierung gegenüber Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder anderer äußerlichen Merkmalen.

Kommen wir jetzt zu Captain Future. Die Buchreihe entstand in den in den 1940er Jahren in den USA. Das Land war noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, es herrschte eine offizielle Diskriminierung gegenüber Afro-Amerikanern, auch die Frauen waren weit von Gleichberechtigung entfernt und es existierte bereits Angst vor dem Kommunismus (»Red Scare«: vor allem von 1919-1921 und 1947-1957). Gleichzeitig waren die USA noch nicht die heutige Weltmacht. Es gab zwar einige Kolonien, aber kein Vergleich zu den europäischen Ländern. Die Wirtschaft hatte sich nach der Weltwirtschaftskrise von 1928-1930 im Zuge der Sozialreformen des New Deal erholt. Das ist die Zeit, in der Captain Future entstand.

Nun schreiben wir das Jahr 2013. Es hat sich viel geändert. Frauenbewegung, Gleichberechtigung, Antidiskriminierungsgesetze usw. Es ist ein ganz anderes Bewusstsein im Umgang mit Frauen, Minderheiten und allen anderen Gruppen, die diskreminiert wurden, entstanden. Leider nur bis zu einem gewissen Grad, aber es hat sich doch viel getan.

Und mit diesem neuen Bewusstsein übersetze ich nun als weißer, männlicher Deutscher im Alter von 33 Jahren einen Roman aus der oben beschriebenen Zeit. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Denn zum einen möchte ich Atmosphäre und Authentizität des Originals beibehalten, zum anderen aber keinen Text erstellen, der sexistisch und diskriminierend ist.

Captain Future ist ganz klar ein Kind seiner Zeit. Die Welt bzw. die neun Welten werden hauptsächlich von älteren, weißen Männern beherrscht

Wenn man sich mit den Themen Rassismus und Diskriminierung beschäftigt, sollte man sich immer vor Augen halten, dass die Welt über Jahrhunderte von älteren weißen Männern beherrscht wurde. Sicher es gab Ausnahmen wie Queen Victoria oder Alexander der Große (der war ziemlich jung), aber das waren und sind leider heute noch Ausnahmen. Die europäische Kolonialgeschichte wirkt bis in die Gegenwart. So gehe ich z. B. regelmäßig in der Einkaufsgenossenschaft der deutschen Kolonialwarenhändler (EDEKA) einkaufen.

James Carthew, der Präsident des Systems, hat ergrauendes Haar. Ezra Gurney, der beste Polizist der Planetenpolizei ist ein alter Veteran mit weißem Haar. Und auch die ganzen Wirtschaftsmagnaten sind vornehmlich ältere, weiße Männer von der Erde.

Die Erde scheint geeint zu sein, wirkt aber sehr amerikanisch. Jeder Planet des Systems hat seine eigenen Rassen bzw. Völker, und die werden auch durchaus mit positiven Eigenschaften dargestellt, aber am Ende haben immer die Erdenmänner das sagen (»they call the shots«). Die Einheimischen der anderen Planeten werden oft so dargestellt, wie die Einheimischen der westlichen Kolonien. Teilweise werden sie von den Erdenmänner als »Teufel« bezeichnet, beleidigt und diskreminiert, teilweise als edle Wilde dargestellt und zum Teil auch als sehr fortschrittlich (wobei die meist auf einige wenige Bereiche beschränkt ist, und sie in anderen Bereichen wieder als ziemlich naiv dargestellt werden).

»Wir beschäftigen einen behaarten Teufel namens Tharb als Führer, wenn draußen auf den Eisfeldern etwas zu erledigen haben.« Meint Ezra Gurney auf Seite 84.

Die Bösewichte sind zumeist aber auch Erdenmänner.
Der größte Hecht von allen, der Zauberer aller Wissenschaften, Captain Future wird als junger Mann beschrieben. Er entspricht dem klassischen Bild des Helden. Er ist verbissen, unbarmherzig, trägt einen Hass auf all diejenigen ins sich, die unschuldige Menschen ausbeuten wollen, hat aber auch viel Humor.

Das Problem des Menschseins behandelt Hamilton durchaus differenziert und reflektiert, vor allem in den Streitereien zwischen dem Roboter Grag und dem Androiden Otho, darüber, wer von ihnen menschlicher sei.

Kommen wir aber endlich zum Sexismus. Die Welt des Captain Future wird von Männern geprägt, aber es gibt auch eine Frau, die eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielt: Joan Randall, Topagentin des Geheimdienstes und erste Vorsitzende des Captain Future Fanclubs.

Sie ist eine berufstätige Frau und sehr fähige Agentin. Sie handelt eigenständig, geht Spuren nach, macht wichtige Fortschritte bei den Ermittlungen und begibt sich in gefährliche Situationen. Dabei endet sie allerdings immer gefesselt als »damsel in distress«, also als hübsche Frau in Not und muss von Captain Future gerettet werden.

Er hörte, wie Joan und Kansu Kane, die ebenso wie er mit Seilschlangen gefesseltwaren, sich ganz in seiner Nähe vergeblich auf dem Boden wanden. (Hamilton, 41)

Man muss Hamilton zugutehalten, dass Captain Future selbst noch häufiger dämlich in Fallen tappt und gefesselt in der Hand des Feindes landet.

»Der berühmte Captain Future hat sich also entschieden, der Legion der Verdammten eine Falle zu stellen?«, knurrte er. »Und dann ist er in seine eigene Falle gegangen!« (Hamilton, 40)

Anders als Joan schafft er es aber immer selbst, sich zu befreien. Joan bleibt dann nicht anderes übrig, als ihm ihre unerschütterliche Bewunderung entgegenzubringen. Sie lässt auch keine Gelegenheit aus, allen mitzuteilen, was für ein toller Hengst dieser Future ist.

Joan lächelte Curt unsicher an. Sie hatte unerschütterliches Vertrauen in ihn, wie Curt nur zu gut wusste. (Hamilton, 56)

Hamiltons Frauenbild ist antquiert, entspricht aber dem damaligen Zeitgeist. Joan wird meist als »girl« bezeichnet, also als »Mädchen« oder »Mädel«. In der deutschen Übersetzung haben wir daraus aber »junge Frau« gemacht, weil alles andere heute einfach nicht mehr passt. Außer wenn die Bösewichte Joan anreden. In ihrer Funktion als Schurken dürfen sie solch diskreminierende Bezeichnungen wie »Mädchen« für eine erwachsene Frau benutzen.

Roj kicherte sichtlich begeistert. »Ja, ja, Doktor – er wird in der Halle großes Vergnügen finden, ebenso wie das Mädchen und der Venusianer.« (Hamilton, 42)

Ich möchte den Text nicht wörtlich übersetzen, sondern die Wirkung des Textes auf den Leser. Und auf den Leser der 1940er Jahre hatte das Wort Mädchen in diesem Kontext eine andere Wirkung, als auf den Leser des Jahres 2013. Da muss ich einen passenderen Begriff finden.

An der inhaltlichen Stellung der Frau in der Geschichte kann man als Übersetzer aber nichts ändern. Das muss so bleiben. Da kann man dem Leser auch genügend Kompetenz zutrauen, dass er dies als Zeichen der damaligen Zeit sieht. Oder, frei nach Norbert Elias, damals hat sich die Gesellschaft noch auf einem anderen Stand im Prozess der Zivilisation befunden. Und diesen kann man nicht mit heutigen Moralmaßstäben undifferenziert bewerten.

Aber nicht nur Frauen werden in der Welt von Captain Future diskriminierend behandelt bzw. bezeichnet. Wenn es um die Schurken geht, werden diesen aufgrund ihrer Schurkigkeit bestimmte stereotype physische Merkmale zugeschrieben. Die Verbrecher sind also hässliche Zwerge oder missgestaltete Riesen. Hier werden die Charaktereigenschaften über das Äußere definiert. Jemand der klein und hässlich ist, kann ja nur ein bösartiger Zwerg sein.

Curt stürzte nach vorne und feuerte seine Strahlenpistole ab. Aber einer der Legionäre, ein zwergenhafter Erdenmensch mit einem gemeinen Gesicht, hatte eine Handvoll sich windender Kreaturen hervorgezogen und warf sie nach Captain Future. (Hamilton, 36)

Der Zwerg der Legion kam herüber und blickte unheilvoll auf Curt hinab. Er war ein Erdenmensch mit einem zerfurchten, abscheulichen Gesicht und bösartigen schwarzen Augen, der die besten Jahre bereits hinter sich hatte. (Hamilton, 40)

Diese Zuschreibung negativer Eigenschaften aufgrund von bestimmten äußeren Merkmalen liegt vor allem am heteronormativen Charakter der US-amerikanischen Gesellschaft (wobei fast alle Gesellschaften einen solchen Charakter haben). Es gibt bestimmte Vorstellungen davon, was als »normal« gilt. Alles, was von dieser gesellschaftlichen Norm abweicht, wird als negativ angesehen.

Auch in dieser Hinsicht hat sich inzwischen viel (aber noch nicht alles) getan. Als Übersetzer kann ich da nichts machen. Auch da muss ich auf die Kompetenz des Lesers vertrauen. Wenn man allerdings denkt, dass dies ausschließlich ein »Zeichen der damaligen Zeit« ist, der täuscht sich. Auch in aktuellen Büchern lassen sich Beispiele für die Definition des Charakters über das Äußere finden. Kürzlich habe ich »Percy Jackson – Diebe im Olymp« gelesen. Auch dort wird eine Mehrzahl (nicht alle) der Fieslinge über ihre hässliches Äußeres definiert. Hinzu kommt, dass die Charaktereigenschaften der Figuren über ihre soziale Herkunft definiert werden. Die Kinder von Ares sind natürlich alle kriegerisch usw. So, wie die Kinder von Akademikern studieren gehen und die von Arbeitern auf den Bau oder in den Einzelhandel. Soziale Determination, und das von einem Autor, der Lehrer war.

Bei Captain Future weiß der Leser in der Regel aber, was in erwartet. Das ist Pulp-Literatur aus den 40er Jahren. Da gibt es keine ausgefeilten Figuren mit psychologischem Tiefgang (wobei es das in den späteren Geschichten durchaus gibt), sondern stereotype Menschenbilder, also einfache Figuren die Abenteuer erleben.

Als Übersetzer versuche ich, dem gerecht zu werden. Ich versuche das Flair des Originals beizubehalten, passe die Sprache aber zumindest teilweise einer zeitgemäßeren Ausdrucksweise an, die auf den heutigen Leser so wirkt, wie das Original auf den damaligen Leser.

Wie oben schon erwähnt, sehe ich »Captain Future« nicht als sexistischen oder diskriminierenden Text, wenn er auch einige Elemente enthält, die unter diese Kategorien fallen. In einem solchen Fall habe ich es als Übersetzer leicht. Der Text ist zwar etwas antiquiert, aber harmlos. Wie sieht es aber aus, wenn man einen wirklich sexistischen Text vorliegen hat?

Es ist schwierig, diese Frage hypothetisch zu beantworten. Ich würde es wohl ablehnen, einen solchen Text zu übersetzen. Kürzlich ist meine Übersetzung von Edward Lees »Das Schwein« erschienen. Ein Text, der sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hat, extreme sexuelle Gewalt gegen Frauen enthält, aber trotzdem erstaunlich viele positive Kritiken von Frauen erhält. Warum ich mich entschieden habe, dieses Buch zu übersetzen, werde ich in einem separaten Blogeintrag erklären.

Übersetzungstipps: Hilfreiche Internetseiten

In letzter Zeit erhalte ich immer wieder mal Anfragen bezüglich Tipps zum Übersetzen. Jüngst in Bezug auf hilfreiche Internetseiten. Da ich schon längst einen Eintrag darüber machen wollte, hier meine Antwort an den Fragesteller:

Wirklich hilfreiche Seiten für Literaturübersetzungen sind sehr rar im Internet, oder zumindest mir nicht bekannt.

Ganz hilfreich ist diese Liste mit sogenannte „false friends“, also Begriffen und Wörtern, die man im ersten Impuls vermutlich falsch übersetzen würde, weil es einen ähnlich klingenden Begriff im Deutschen gibt, der aber eine andere Bedeutung hat: http://www.englisch-hilfen.de/en/words/false_friends.htm
Auch die Unterschiede zwischen American English und British English sind wichtig: http://www.englisch-hilfen.de/words/ae-be.htm

Vor allem benutze ich die Seite http://www.dict.cc/?s=flop als Onlinewörterbuch. Die ist sehr gut und hat viele Sprichwörter und Redewendungen.
Außerdem gibt es noch http://www.leo.org/, manchmal lohnt es sich auch bestimmte Wörter auf beiden Seiten zu suchen. Ich mache das mit Wörtern, die ich eigentlich kenne, nur um zu schauen, ob es vielleicht noch andere Bedeutungen gibt, die im Kontext vielleicht besser passen.

Der Oxford Advanced Learners Dictionary ist sehr hilfreich bei seltenen Wörtern. http://oaadonline.ox…ctionary/entree den gibt es sowohl für amerikanisches als auch britisches Englisch.

Für umgangssprachliche Ausdrücke und Slang ist der http://www.urbandictionary.com/ sehr hilfreich.
Und für die Umrechnung von Maßeinheiten benutze ich http://www.convertworld.com/de/

Desweiteren kann ich nur empfehlen möglichst viele Bücher auf Englisch zu lesen und auch Serien zu schauen. Vor allem Serien, in denen viel mit Dialekten und Slang geredet wird (z. B. „The Wire“, „Deadwood“, „Life on Mars“ usw.)

Infos von Übersetzern findet man im Internet leider nur sehr spärlich. Hier und da hat mal ein Übersetzer einen Blog, auf dem er einen Einblick in seine Arbeit gibt, aber die sind sehr selten und werden meist nur unregelmäßig gepflegt. Auf meinem Blog weiße ich immer auf solche Seiten hin, wenn ich sie entdecke.
Literatur zum Übersetzen ins Deutsche ist auch nicht so einfach zu finden. Da habe ich bisher noch nicht wirklich was Tolles entdeckt.

Für Tipps und Hinweise bin ich sehr dankbar.