„Rabbit: A Memoir“ by Patricia Williams and Jeannine Amber

Trigger Warning: Please excuse my bad English, I’m hopelessly out of practice. 😉

For his now well known study Gang Leader For A Day sociologist Sudhir Venkatesh went into the projects of Chicago and asked some gang members: „How does it feel to be black and poor?“ What he really asked (in this suicidal attempt) was: „How does it feel to be black, poor and male?“.

In his recent article for the New Yorker Jim DeRogatis asked: „Why Has R. Kelly’s Career Thrived Despite Sexual-Misconduct Allegations?“

One of the answers lies in the skin color of his victims. For the Washington Post Karen Attiah said: „As long as black women are seen to be a caste not worthy of care and protection, his actions will not receive widespread outcry …“

In her autobiography (that I am currently reading) Angela Davis describes a jail in New York where ninety percent of the female inmates where blacks or Puerto Ricans, due to a bail system designed for the white and wealthy.

Patricia Williams a.k.a. Rabitt a.k.a. Ms Pat was thirteen when she got pregnant by an adult. She conceived her second child by the same father at the age of fifteen. She grew up in ghetto in Atlanta under circumstances people not living there wouldn’t believe. Her grandfather runs an illegal liquor house, where the whole family lives. Her mother instructs her to steal, and every family member does something criminal for living. To survive, to feed her children, she starts selling crack.

When people like me, white privileged outsider, think about the ghetto, we think of TV shows like The Wire, we think of young gangsters dealing crack and killing each other in drive-by shootings. What we don’t see are the black girls and women that grew up and live in all this violence, in all this poverty, without finishing school, without proper jobs. To us they are invisible.

This is how Rabbit felt all those years. This is why she was looking for a way out of the hood The reason she finally went on stage and became a comic. There she talks about her life, not in way that generates pity, but in way that makes people laugh.

The book was written by Jeannine Amber, because Patricia Williams is according to her own statement not an author. But she definitely knows how to tell a heartbreaking story full of tragedy in an entertaining way with a lot of hope between the lines. And Amber was the right person to put this story in a book.

I am more than amazed, how important family was for this young women, still a child herself, but already taking care of several other children, who were not all her own. But they were family, and so she took care of the four daughters of her drug-addicted sister, without hesitating for a second.

This iron will to do what has to been done, might be one of the reasons, she made it out of the hood, into a normal life, with a husband, a regular job, and a career as a comic. Another reason could be her business sense, doing the dealing the right way, in a sense of make a profit out of it from the beginning. And last but not least she did not take drugs herself. On top of all that she also had help from people who believed in her (like her husband), who stayed with her, even when she had a setback and times where getting harder.

Although this story depicts mostly in the 90s, sometimes you can find subtle comments on the present. For example, when Hood, the owner of the laundromat says „at least we have Bill Cosby“, after a rant about negative example of former black idols like Mike Tyson.

Well Patricia Williams, you are not invisible any more, you are not unheard anymore. Even here in Germany I can see and hear you. And albeit of those tragic circumstances and life stories, that surrounded and crossed your way out of the shadows, you made me laugh a lot. Most of the women, who would need the encouragement and example displayed in this book, won’t be able or willing to read it. Still I hope it will inspire many.

On her homepage you can find some of her appearances and more information. I got curios about the book by this review in the New York Times.

If you are interested in a positive view on black communities in the USA, take a look at the Photographs of Jamel Shabazz.

Song for the book (cause it summarizes its content pretty good):

Meine Lektüre November 2017

Candice Fox – Hades

Auf cool getrimmter australischer Thriller mit interessanten Hauptfiguren, den ich aber nicht ganz spannend und tiefgehend empfunden habe wie mancher Feuilletonrezensent. Aber interessant, mal einen Thriller aus Australien zu lesen, der auch dort spielt. Übersetzt von Anke Caroline Burger.

Verena Maria Kallmann – Von Elise

Seit dem Harry Potter-Band mit Dolores Umbridge war ich während der Lektüre nicht mehr so durchgehend auf 180 wie bei diesem Roman, der auf bewegende, teils aber auch kitschige Weise aus dem Leben zweier Frauen erzählt, denen Musik fast alles bedeutet. Geschickt verbindet die Autorin eine Gegenwartshandlung um die Violonistin Valerie, die in Paris unter einer tyrannischen Konzertmeisterin zu leiden hat, mit den Tagebucheinträgen ihrer Vorfahrin Elise, die ihren Mann im Ersten Weltkrieg verloren hat. In schlichtem aber elegantem Stil verfasst, manchmal ein wenig zu viel des Guten, was schicksalshafte Fügungen und Zufälle angeht, aber was soll’s ich stehe darauf, wenn es etwas kitschig und rührselig wird.

Albert Sánchez Piñol – Pandora im Kongo

Ähnliche furiose Räuberpistole wie Felix J. Palmas (auch ein Spanier) Die Landkarte der Zeit, dabei eine tolle (aber auch kritische) Hommage an die Schundliteratur des frühen 20. Jahrhunderts. Toll geschrieben, toll übersetzt (von Charlotte Frei). Erzählt einerseits eine tolldreiste Abenteuergeschichte im Kongo, andererseits die Leiden eines jungen Groschenheftautoren, der irgendwann im Ersten Weltkrieg landet und epische Schlachten mit einer panzerlosen Schildkröte führt.

Stephanie Buttland – Ich treffe dich zwischen den Zeilen

Dachte erst, das wird so ein oberflächlicher Hippsterroman, doch dann entwickelt sich die Geschichte um die junge Loveday, die beim kauzigen Archie im Antiquariat arbeitet, zu einer bewegenden Familiengeschichte ohne den üblichen Kitsch. Solide geschrieben und gut übersetzt von Maria Hochsieder-Belschner

Jesmyn Ward – Sing, Unburied, Sing

Packendes Unterschichtenporträt in den Südstaaten der USA, das gerade den National Book Award gewonnen hat. Vor allem sprachlich ein Fest, mit tollem Slang der Ich-ErzählerInnen. Verbindet den Rassismus des amerikanischen Justizsystems nach dem Zweiten Weltkrieg mit den aktuellen Lebensverhältnissen der Nachfahren. Geister spielen auch eine Rolle, aber keine gruselige, mehr eine metaphorische.

Barbara – Es war einmal ein schwarzes Klavier … unvollendete Memoiren

Wer sich für das französische Chanson interessiert (wie ich z. B.), kommt an dieser fragmentarische, aber teils trotzdem sehr detailreichen Autobiografie einer faszinierenden Frau nicht vorbei. Liest sich in der Übersetzung von Annette Casasus sehr elegant.

Jean-Paul Didierlaurent – Die Sehnsucht des Vorlesers

Liest sich sehr, als hätte der Autor versucht, die fabelhafte Welt einer männlichen Amelie zu erschaffen (es gibt sogar einen Goldfisch, der suizidal aus seinem Behälter springt; und durch ein gefundenes Objekt – USB-Stick statt Fotoalbum – angeregt, begibt sich der Protagonist auf die Suche nach einer potenziellen Liebe). Das liest sich stellenweise ganz nett, weil er ein paar gute Ideen hat, für mich passt es in der Summe aber nicht wirklich zusammen. Die Herzlichkeit, die Schrulligkeite, das wirkt alles sehr aufgesetzt. Die 222 Seiten der deutschsprachigen Ausgabe sind dank doppeltem Zeilenabstand und vielen Seitenumbrüchen eher eine gestreckte Novelle, der aber die kompakte Stimmigkeit fehlt. Übersetzt von Sonja Finck.

Mein Oktober in Büchern, Serien und dem ganzen Rest

Der ganze Rest

Verglichen mit den Sommermonaten bin ich im Oktober für meine Verhältnisse erstaunlich viel unterwegs gewesen.

Den Anfang machte das Konzert von Nick Cave and the Bad Seeds in Frankfurt. Fan bin ich seit den 90ern, zwar kannte ich vorher schon The Birthday Party und das Video zu Nick the Stripper sowie einige frühere Stücke von Nick Cave, doch so richtig aufmerksam wurde ich auf den Australier erst durch sein Video zu As I sat sadly by her side. Seitdem habe ich mir jedes neue Album gekauft, und bis auf Dig Lazarus Dig gefallen sie mir auch alle.

Das Konzert war großartig, Cave sichtlich gut aufgelegt, suchte ständig den Kontakt zum Publikum, dass er in der Zugabe zu Stagger Lee sogar auf die Bühne holte (bestimmt 50 Leute). Der Sound war für meinen Geschmack einen Tick zu laut, vor allem das Schlagzeug, Cave aber richtig gut bei Stimme. Ich bin froh, dass ich mich nach 20 Jahren endlich aufraffen konnte, zu einem seiner Konzerte zu fahren. Nur schade, dass er nichts von meine beiden Lieblingsalben No more shall we part und Abattoir Blues gespielt hat. Mein Highlight war The Mercy Seat.

Den folgenden Freitag ging es von Montabaur aus per ICE flott zur Frankfurter Buchmesse, die ich erstmals seit 15 Jahren wieder besuchte. Am Fachbesuchertag war es doch deutlich angenehmer, was das Gedränge anging. Termine hatte ich nur ein paar mit einem Lektor und einigen ÜbersetzerkollegInnen. Zufällig kam ich an Volker Kutschers Buchvorstellung von Moabit vorbei, die ich mir dann als ehemaliger Bewohner des gleichnamigen Berliner Kiezes und Fan der Gereon-Rath-Romane spontan ansah. Bis dato war ich skeptisch, ob ich wirklich 18 Euro für nur 84 Seiten ausgeben möchte, doch das von Kat Menschik aufwendig gestaltete Heftlein im Stil alter Magazine wirkt wirklich schick.

Einen Tag später ging es mit der Fantasyguide.de-Gang bestehend aus Ralf Steinberg und Michael Schmidt (Holger M. Pohl stieß vor Ort dazu) zum BuchmesseConvent nach Dreieich-Sprendlingen, der bei mir seit 2006 jedes Jahr zum Pflichtprogramm gehört. 2006 bin ich – damals noch Student in Siegen – dort erstmals mit meinem Freund Mathias, noch niemanden aus der Phantastikszene kennend und deshalb viele Lesungen besuchend, hingefahren. Und nach vielen Jahren Abwesenheit war auch Mathias dieses Jahr wieder dabei, was mich ganz besonders gefreut hat. Insgesamt war es für mich auch der bisher beste Bucon, einfach, weil ich so viele Freunde und Bekannte wie noch nie getroffen habe, und mit fast allen auch anregende Gespräche führen konnte. Und genau deswegen fahre ich dort auch immer hin, um all jene zu treffen, mit denen ich sonst fast nur Kontakt über das Internet habe.

Den Freitag darauf stellten Claus-Dieter Schnug und Horst Bartels im Keramikmuseum Westerwald das Buch Hilgert – Nachrichten aus einem Westerwalddorf vor, das eine Art Nachfolgeband für die Dorfchronik von vor vier Jahren darstellt. Die Lesung war ziemlich voll, bestimmt 150 Leute, und auch sehr unterhaltsam und abwechslungsreich gestaltet, es wurden kuriose bis amüsante Zeitungsmeldungen vorgelesen, aber auch von eindrucksvolle Lebens- und Familiengeschichten berichtet.

Bücher

Adam Neville – The Ritual

In der ersten Hälfte ein packender Survivalthriller mit übernatürlichem Touch, der in der zweiten Hälfte leider in einer albernen, klischeehaften und total langweiligen Handlung um eine obskure Black-Metalband völlig in sich zusammenbricht. Diese gewagte 180-Grad-Wende hat für mich überhaupt nicht funktioniert.

William Blatty – The Exorcist

Die Buchvorlage zum berühmten Film von William Friedkin, der das Genre des Horrorfilms mit revolutionierte. William Blatty schrieb selbst das Drehbuch zum Film. Was ich besonders interessant finde, da es, obwohl sich der Film fast 1:1 an das Buch hält, einen entscheidenden Unterschied gibt: Im Film ist durch die Spezialeffekte ziemlich schnell klar, dass es sich um ein wirkliches übernatürliches Phänomen handelt, während das Buch da bis zum Schluss ambivalent bleibt und Raum für Zweifel lässt, die Zweifel die auch Pater Karras beschäftigen, zum einen an dem Dämon, aber auch an seinem eigenen Glauben.

Don Winslow – Corruption

Im Prinzip die (großartige) TV-Serie The Shield als Roman in New York statt Los Angeles von Don Winslow geschrieben. Beginnt auf den ersten 200 Seiten sehr langsam und detailverliebt, bekommt in der zweiten Hälfte aber eine gute Dynamik, wenn Winslow in Rückblenden schildert, wie die Hauptfigur immer wieder in kleinen Schritten die Grenzen der Legalität in einem kaputten System überschritt. Kein Pageturner, eher ein Slowburner, dem das gewisse Etwas, das ich leider nicht genau benennen kann, fehlt. Der Originaltitel „The Force“ stellt den Übersetzer übrigens vor erhebliche Probleme. Mit „Force“ ist hier eine schlagkräftige Eliteeinheit innerhalb der Polizei gemeint. Die kann man nicht als „die Macht“ übersetzen, was den Spruch der Einheit „may the Force be with you“ (natürlich ein Star Wars-Zitat) unübersetzbar macht. Da Übersetzer Chris Hirte „The Force“ im Deutschen beibehalten hat, heißt der Spruch jetzt „möge die Force mit dir sein“).

John Langan – The Fisherman

Habe ich ja schon besprochen.

Im Halloweenmonat Oktober lese ich traditionell gerne Horrorliteratur. Neben den oben aufgezählten Büchern stehen nebenher noch Kurzgeschichten von Robert W. Chambers, Thomas Ligotti und Robert Aickmann auf dem Programm.

Serien

Halt and Catch Fire

Diese großartige Serie über einige Computerspezialisten und ihre Beziehungen zueinander ging gerade mit der vierten Staffel und einem emotionalen Finale zu Ende. Über ein Jahrzehnt begleitet die Serie die Leben von Cameron, Donna, Joe, Gordon und John Bossworth, dem netten Onkel von nebenan. Die erste Staffel war gut, erzählte aber noch recht distanziert davon, wie die Gruppe im stockkonservativen Texas versuchte, einen tragbaren Computer zu entwerfen, im Wettrennen mit IBM. Ab der zweiten Staffel rückten Donna und Cameron mehr in den Fokus und die Serie wurde herausragend.

Babylon Berlin

Ich erwähnte weiter oben ja schon, dass ich die Romanvorlagen von Volker Kutscher sehr mag, die Serie kann ich nach vier Folgen aber noch nicht so richtig einschätzen. Ausstattung und Kulissen sind großartig, aber meine Lieblingsfigur Charly Ritter kommt mir in der Serie doch sehr fremd vor. Liv Lisa Fries spielt sie schon großartig, aber dass man sie in so ärmliche Verhältnisse verfrachtete hat, dass sie sogar als Prostituierte arbeiten muss, gefällt mir nicht so wirklich. Das hätte die Charly aus dem Buch nie gemacht. Normalerweise begrüße ich Abweichungen von der Buchvorlage, aber wenn es so gravierende Persönlichkeitsveränderungen sind, regt sich in mir Unbehagen.

Star Trek Discovery

1. Die Klingonen sehen scheiße aus und sprechen auch scheiße. 2. Ist mir das alles viel zu schlampig und plump geschrieben. 3. Erkenne ich da nur sehr wenig Star Trek. Für eine SF-Serie ist das ja ganz okay und sieht auch super aus, aber bei Star Trek erwarte ich mehr und was anderes. Mal abwarten, wie sich die Serie entwickelt, ist mir bisher noch zu sehr Abrams-Reboot und zu faul und nachlässig geschrieben (unbewachte, wichtige Außenposten; ungesicherte Transportshuttleflüge von hochrangigen Offizieren; Technik, die immer genau im richtigen Drehbuchmoment auf wundersame Weise funktioniert usw.) Habe ich schon erwähnt, dass ich Klingonen langweilig finde? Eine Prequelserie interessiert mich eigentlich auch nicht. Hätte viel lieber eine Fortsetzung nach Voyager gesehen. Hier muss man den Kanon so sehr zurechtbiegen und strapazieren, dass es gar nicht in ein einziges Universum passt, ohne in sich zusammenzufallen. Ich kann auch nicht erkennen, dass Stark Trek hier mit im neuen Serienjahrtausend angekommen sein soll, nur weil alles düsterer ist und hochrangige Offiziere schnell sterben. Dafür ist es einfach nicht gut genug geschrieben und noch Welten von der A-Liga der Serienlandschaft entfernt. Auch fehlt mir der Sense of Wonder der alten Serien.

The Expanse – 2. Staffel

Mit der ersten Staffel bin ich nicht so richtig warm geworden, doch die zweite hat mich gepackt. Die Drehbücher scheinen deutlich besser und stimmiger geworden zu sein, die Geschichte fügt sie gut zusammen und es entsteht tatsächlich Spannung. Auch die Figuren erscheinen mir inzwischen dreidimensionaler.

The Deuce

Atmosphärisch dichte Milieustudie der Prostituierten- und Pornoszene im New York der 1970er Jahre. Auf dem gewohnten David-Simon-Niveau.

Chesapeake Shores

Gnadenlos kitschige Familienserie, die mir trotzdem, oder gerade deswegen, richtig gut gefällt, auch wenn Staffel 2 deutlich schwächer ist. In der Postkartenidylle einer amerikanischen Ostküstenkleinstadt versuchen die fünf erwachsenen Kinder der O’Brian-Familie, ihr Leben in Ordnung zu bringen.

Hörspiel

Gruselkabinett 1: Carmilla, der Vampir nach Joseph Sheridan Le Fanu

Sehr stimmungsvoll inszenierte klassische Gruselgeschichte mit einem bissigen Vampir, allerdings auch sehr vorhersehbar. Was sicher daran liegt, dass diese Geschichte der Vampirklassiker schlechthin ist, der noch vor Bram Stokers Dracula entstand. Nach damaligen Maßstäben also alles andere als vorhersehbar. Mit erstklassigen SprecherInnen und guter Musik.

Für den Rest des Jahres gehe ich jetzt ein wenig in den Winterschlaf. Sollte mich die Muse küssen und die Texte rauswollen, wird es natürlich Blogeinträge geben, ansonsten dann spätestens den Jahresrückblick zwischen den Feiertagen. Was es nicht geben wird, sind Artikel zu den Frühjahr/Sommerprogrammen der Phantastikverlage. Fischer Tor und Piper haben ihre schon raus. Dafür lese ich momentan einfach zu wenig Phantastik. Aus den letzten Programmen habe ich, bis auf ein paar Fischer-Tor-Titel, kein einziges Werk gelesen.

Ausblick auf die Zukunft

Fest gebucht ist bereits das dritte PAN-Branchentreffen in Köln vom 19. bis zum 21. April 2018.

„The Fisherman“ von John Langan

Ich muss gestehen, dass ich aufgrund des Gemäldes von 1870 auf dem Cover, dachte, es ginge um zwei Fischer in historischem Setting. Stattdessen sind es zwei Hobbyangler, die bei IBM im Büro arbeiten. Beide haben ihre Familie verloren und finden in der Trauer durch das Angeln zueinander (und kommen einem lokalen Mythos auf die Spur). Abe ist der Ich-Erzähler, bei dem ich mich sofort wohl gefühlt habe. Er hat eine tolle Erzählstimme, sehr literarisch aber ohne irgendwelche Sperenzchen.

Schrieb ich schon mal, nachdem ich die ersten fünfzig Seiten gelesen hatte. Zu früh, wie ich dann feststellen musste, denn es gibt eine Geschichte in der Geschichte, die immerhin 150 Seiten umfasst und in der zweiten Hälfte den 19. Jahrhunderts spielt. Und in der kommt zumindest ein Fischer vor, der allerdings nach etwas ganz anderem fischt, als man es erwartet – einem Brocken von gar biblischen Ausmaßen. In einigen Besprechungen wurden Bezüge zu Lovecraft erwähnt, die aber wirklich minimal sind, ein bisschen Charles Dexter Ward, was das historische Setting angeht, aber das war es dann schon. Die übernatürlichen Elemente gehen eher in Richtung Bibel und Mythen aus der vorchristlichen Zeit.

Die Themen Tod und Trauer haben eine lange Tradition in Horror- und Schauergeschichten. Bietet sich ja auch irgendwie an, da Tod genrebedingt eine große Rolle in zahllosen Variationen spielt. Die Trauer ist der Rahmen oder rote Faden, der durch die Geschichte führt, mit übernatürlichen Elementen hält sich Langan über weite Strecken angenehm zurück und deutet den mythologischen Überbau mit Secret History usw. nur dezent an. Fast schon zu dezent, da hätte ich gerne mehr von gelesen. Aber die Geschichte funktioniert auch so und beschränkt sich dadurch auf das Wesentliche.

The Fisherman hat in diesem Jahr den Bram Stoker Award und den British Fantasy Award gewonnen, und zwar zurecht, hebt sich diese gefühlvoll und zugleich schaurig erzählte Geschichte doch angenehm von den üblichen Lovecraft-Epigonen ab. Allerdings bleibt zu befürchten, dass sie keinen deutschsprachigen Verlag finden wird. Sie hätte gut in die einstmals Phantastischen Bibliotheken von Suhrkamp oder Dumont gepasst, bei Fischer könnte man es gut neben Albert Sánchez Piñol bringen.

Kurzkritiken September 2017

Im September habe ich ganze acht Bücher geschafft. Bereits besprochen sind davon:

Lian Hearne – Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Insel)
Stephen Elliott – My Girlfriend comes to the City and beats me up
André Marx – Die ???: Geheimnis des Bauchredners
John Scalzi – Kollaps

Mein Reread von Philip K. Dicks Blade Runner wird demnächst irgendwann auf Tor Online erscheinen.

Ethan Cross – Spektrum (übersetzt von Reiner Schumacher)

Teils rasanter Popcorn-Actionthriller mit jeder Menge schönen Übermenschen-Genies-Actionhelden, die gegen ganz ganz böse Bösewichte kämpfen müssen. So plump, wie ich das hier beschreibe, so plump ist der Thriller auch, dem nach der Hälfte die Puste ausgeht und der die eigentlich interessante Prämisse in den Sand setzt. Aber mir hat er irgendwie trotzdem Spaß gemacht. Keine Ahnung warum.

Volker Kutscher – Lunapark

Im inzwischen sechsten Fall für Gereon Rath sind die Nazis endgültig an der Macht, die Schlägertrupps der SA gelten jetzt als unangreifbare Polizeieinheit, Charly Ritter versteht die Welt und Hitlerjunge Fritze nicht mehr und Gereon muss auf einem schmalen Grat balancieren, um nicht ins Visier der Nazis zu geraten, die er aber eigentlich gar nicht so schlimm findet. Der eigentliche Fall ist nicht wirklich der Rede wert und knüpft direkt an Märzgefallene an, aber die Stimmung, die Kutscher da beschreibt macht die fehlende Spannung wett. Ab 13. Oktober kommt übrigens die Serie zu den Büchern unter dem Titel Babylon Berlin auf Sky.

Sophie Mass, Audrey Diwan, Caroline de Maigret und Anne Berest- How to be a Parisian
(übersetzt von Carolin Müller)

Weiß gar nicht, was ich mir von diesem „Ratgeber“ erwartet habe, der sich eher als ironisch-spitzer Blick auf die Klischees, die man von der idealen Französin hat, entpuppt. Ist aber irgendwie ganz unterhaltsam geraten, wenn auch mit wenig Substanz. Gekauft habe ich ihn mir vor allem, weil Anne Berest daran mitgeschrieben hat, von der das großartige Buch Sagan, Paris 1954 stammt.

Im Oktober werde ich in Vorbereitung von Halloween ausschließlich Horrorbücher lesen (die kommen sonst das ganze Jahr über zu kurz). Das erste, The Ritual (Im tiefen Wald) von Adam Neville war schon mal ein Reinfall. Das zweite, The Exorcist von William Blatty ist großartig. Nächste Woche stehen dann John Langans The Fisherman auf dem Programm sowie einige Kurzgeschichten von Thomas Ligotti und der Rearead von It. Besprechungen folgen.

„Kollaps“ (Das Imperium der Ströme) von John Scalzi

»John Scalzi ist der unterhaltsamste und zugänglichste Science-Fiction-Autor unserer Zeit«, wird Joe Hill auf der Rückseite zitiert. Ob er wirklich der unterhaltsamste ist, kann ich nicht beurteilen, vage es aber zu bezweifeln – wobei ich auch nicht von solchen absolutistischen Aussagen halte -, aber eine der zugänglichsten ist er allemal. Seine Bücher sind entgegen dem Branchentrend kurz und bündig, übersichtlich konstruiert, oft in einem Band abgeschlossen und flott zu lesen.

Kollaps bildet da keine Ausnahme, auch wenn es sich um den Auftaktband einer längeren Serie handelt, mit der Scalzi das Feld der klassischen Space Opera betritt, etwas weg von der Military-SF und der Genrehommagen. Vieles in dem Buch hat man als belesener SF-Fan schon anderswo gelesen, sein Alleinstellungsmerkmal (soweit ich das beurteilen kann) ist die Idee, dass das kosmische Reich, das über mehrere Sternensysteme verteilt ist, in einer Abhängigkeit voneinander steht: die sogenannten Interdependenzen. Was das genauer bedeutet, will ich hier jetzt nicht spoilern.

Beherrscht wird das Reich von einem/r Imperatox und adligen Gildenhäusern, ähnlich wie in Der Wüstenplanet. Überlichtgeschwindigkeit gibt es nicht, aber die einzelnen Reiche des Imperiums sind über Ströme miteinander verbunden. Im Prinzip sind diese Ströme so etwas wie ein Hyperraum, nur das sie eher wie Kanäle oder Straßen angelegt sind, was bedeutet, dass ein Strom immer nur zwei bestimmte Orte miteinander verbindet.

Als der alte Imperatox stirbt und seine Tochter die Thronfolge antritt, beginnt ein Intrigenspiel, in das auch ein junger Wissenschaftler aus einer abgelegenen aber unruhigen Randwelt und eine ständig fluchende und knallharte Vertreterin einer Handelsfamilie verwickelt werden. Was folgt, sind Attentate, Rebellionen, Entführungen, Weltraumpiraten und ein wenig Sex zwischendurch.

Den Humor hat Scalzi im Vergleich zu bisherigen Werken ein wenig zurückgeschraubt, er ist aber durchaus noch in Form von trockenen Dialogen und flotten Sprüchen vorhanden. Von den drei Protagonisten ist die alles beschimpfend und fickende Kiva die unterhaltsamste. Imperatox Cardenia und der Physiker Marce sind mir ein wenig zu passiv geraten, besitzen aber durchaus Potential für weitere Bände.

Die Welt selbst, die Scalzi hier mit den Strömen und den daraus entstehenden durchaus interessanten Abhängigkeiten erschaffen hat, ist mir insgesamt aber zu langweilig geraten. Man erfährt nur wenig über sie abseits der Machtspielchen der Adligen und Händler, so wie man generell wenig über die einfachen Bürger des Reiches erfährt.

Mit Kollaps erscheint Scalzi übrigens auf Deutsch erstmals nicht bei Heyne, sondern bei Fischer Tor, dem deutschen Imprint seines Heimatverlags Tor. Ansonsten hat sich da aber nichts geändert, er wird wie immer ausgezeichnet von Bernhard Kempen übersetzt und hat auch sein obligatorisches Raumschiff auf dem Cover. Und anders als bei manch anderem Buch von ihm, passt es hier auch inhaltlich. Dazu gibt es, auch passend, noch Abbildungen von Gravitationslinien bzw. Senken, die man vielleicht noch aus dem Physikbuch kennt und die hier für die Ströme stehen.

Ich hatte das Buch schnell durch, habe mich weder gelangweilt noch geärgert, aber ob ich noch mehr Bücher aus der Serie lesen werde, halte ich für eher fraglich. Dafür war es mir dann doch zu simpel konstruiert und nicht opulent genug geschrieben. So eine gewisse Würze, die mir zum Beispiel Die letzte Kolonie bot, fehlt mir hier persönlich noch. Einerseits mag ich es ja, wenn SF-Romane kurz gehalten sind, aber gerade Space Operas gefallen mir weitschweifig und opulent besser, so wie bei Frank Herbert, Peter F. Hamilton oder Iain Banks. Von Letzterem scheint sich auch Scalzi die Marotte mit den Raumschiffnamen abgeguckt zu haben, vermutlich als Hommage, bekommt sie aber nicht mal halb so witzig und hintergründig hin.

Mit Kollaps erfindet John Scalzi die Space Opera nicht neu, aber das erwartet auch niemand von ihm. Wo Scalzi draufsteht, ist auch Scalzi drin. Wer seine bisherigen Werke schätz, wird auch mit Kollaps seinen Spaß haben. Wer noch nicht viel Science Fiction gelesen hat, wird mit Kollaps einen guten und leichten Einstieg finden. Wer im Genre schon ziemlich belesen ist, könnte sich unterfordert fühlen, aber neben komplexeren und visionäreren Werken leichte Popcornunterhaltung für zwischendurch erhalten.

„Die ???: Das Geheimnis des Bauchredners“ von André Marx und „Signale aus dem Jenseits“

Eine Buch- und eine Hörspielbesprechung sowie ein Plädoyer dafür, die drei Detektive endlich erwachsen werden zu lassen.

Geheimnis des Bauchredners

Nach fast 200 Folgen ist es natürlich schwer, das Rad neu zu erfinden, was interessante Fälle und Ansätze für die Juniordetektive aus Rocky Beach angeht. Der eine Autor, dem dies gelegentlich mit Folgen wie Das Auge des Drachen oder Das versunkene Dorf gelingt, ist André Marx, der mich zuletzt mit Die Spur des Spielers aufgrund seines unverkennbaren und sicheren Stils überzeugen konnte. Die Folgen Der Geist des Goldgräbers und Das Kabinett des Zauberers zähle ich zu den eher schwachen Marx-Folgen, Insel des Vergessens zu den stärkeren und originelleren, Geheimnis des Bauchredners bewegt sich auch eher im guten Mittelfeld.

Es gibt ein Wiedersehen mit Patricia Osborn, der Tante von Allie Jamison aus Die singende Schlange („Purpur bietet Schutz, müsst ihr wissen“), Sunshine aus … und die feurige Flut und eine unheimliche Begegnung mit einer eigenwilligen Bauchrednerpuppe. Es spielt sich also fast alles um das neue Haus von Patricia ab, indem sie in einer New-Age-WG wohnt, bei Neumond Kräuter sammelt und Schutzrituale abhält – also alles eitel Sonnenschein, wäre da nicht die unheimliche Puppe.

Alles bekannt Themen bzw. Versatzstücke aus schon bekannten Folgen, die recht souverän aber auch ohne jegliche Überraschungen eingesetzt werden, sogar ein Zirkus spielt eine gewisse Rolle. Negativ anzumerken ist der inflationäre Einsatz von Peters Wunderdietrichset und, dass Bob mal wieder eins auf die Nuss bekommt, dies aber – vermutlich, weil er es schon gewohnt ist – inzwischen ohne Kopfschmerzen oder Haschimitenfürsten übersteht. Würde mich aber nicht wundern, wenn er mit 40 ähnliche Hirnschäden davonträgt wie Footballspieler oder Boxer.

Ich lese ja fast nur noch Marx-Folge unter den Neuerscheinungen (Sonnleitner wird ignoriert, bei allen anderen Autoren warte ich die Kritiken ab), und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht, allerdings hält sich die Begeisterung auch in Grenzen. Die Folge liest sich flott und unterhaltsam, bietet aber nicht mehr als durchschnittliche Kost an.

Vor einigen Jahren war ich noch Sammler, da habe ich mir alle neuen Folgen in Buch- und Hörspielform gekauft, bis die völlig an den Haaren herbeigezogenen Folgen von Marco Sonnleitner (Zwillinge der Finsternis!) überhandnahmen, der leider auch die Angewohnheit hat, die Kapitel an den spannendsten Stellen abzubrechen, um von den eigentlich aufregenden Ereignissen dann Justus auf langweilige Art im Rückblick berichten zu lassen. Mit der Zeit nahm aber auch die Qualität der anderen Folgen ab, was ich zum Teil auch dem Lektorat anlaste, das grobe Klöpse durchgehen lässt, nicht mehr auf Continuity und Stimmigkeit in Bezug auf ältere Folgen achtet und die Figuren völlig out-of-character handeln lässt.

Und auch bei den Hörspielfolgen verlor ich irgendwann die Lust, nachdem die Folgen immer länger (bis zu 80 Minuten) wurden, dabei aber lieblos im Dienst-nach-Vorschrift-Modus im anachronistischen Analogstudio mit Geräuschen und Raumklang wie vor 30 Jahren runtergenudelt werden.

P.S. wieso steht da eigentlich kein Artikel im Buchtitel? Meiner Meinung nach müsste es Das Geheimnis des Bauchredners“ heißen.

Signale aus dem Jenseits

Die aktuelle Folge Signale aus dem Jenseits habe ich mir dann doch gekauft, weil ich neugierig war, wie sich der neue Erzähler Axel Milberg macht. Gar nicht so schlecht, aber so richtig habe ich mich noch nicht an die hellere Stimme gewöhnt.

Der Fall selbst beginnt recht vielversprechend, als Bob entdeckt, dass die Wahrsagerin aus dem Fernsehen, von der Tante Mathilda so schwärmt, niemand anderes ist, als seine ehemalige kriminelle Therapeutin Clarissa Franklin (Stimmen aus dem Nichts, Rufmord). Daraus hätte sich ein spannender Fall entwickeln können, der sich in Ansätzen auch zeigt, doch leider verliert er sich dann in einer konfusen Auflösung und einem völlig verzettelten und langweiligen Finale und einigen wenig nachvollziehbaren Handlungswendungen (im Sinne der Spannung). Judy Winter ist als Clarissa Franklin natürlich wieder ein Genuss, aber das alleine reicht einfach nicht für einen guten Fall und ein spannendes und gelungenes Hörspiel.

Die Geschichte strapaziert auch die sitcommäßige Zeitspalte, in der die drei Detektive ähnlich gefangen sind, wie die Simpsons, in der immer mehr Zeit vergeht, ohne dass sie altern, aufs äußerste. Heißt es doch, Franklin sei mehrere Jahre in der Psychiatrie gewesen. Wenn ich mich recht entsinne, fuhr Bob zu der Zeit ihrer Entlarvung bereits Auto, was man in den USA frühestens mit 15 machen kann, geht aber jetzt, Jahre später immer noch zur Schule, die man in den USA mit 16 abschließt.

Lasst die drei Fragezeichen erwachsen werden!

Klar, 200 Fälle, ohne dass sie merklich altern – abgesehen von dem Zeitsprung ins Führerschein- und Freundinnenalter -, das ist halt eine Serienlogik, die man eigentlich nicht hinterfragen darf, aber hier passt sie einfach hinten und vorne nicht mehr. Deshalb schließe ich mich der Forderung an, die drei Fragezeichen endlich erwachsen werden zu lassen. Das würde das verfügbare Themenspektrum deutlich erweitern und den Autoren ganz andere Möglichkeiten bieten, den Figuren und dem Konzept wieder etwas Neue abgewinnen zu können.

Ich weiß, Justus, Bob und Peter sind ein Dauerbrenner und Kult, und viele Kassettenkinder wie ich erhalten dadurch eine neue Dosis Nostalgie, die aber mit jedem neuen Schuss weniger Wirkung entfaltet und immer mehr zu negativen Trips führt, die mich zum Beispiel dazu bringen, mich langsam von dem Stoff zu entwöhnen, auch wenn ich gelegentlich Rückfälle habe oder auf jenen reinen Stoff meines Dealers des Vertrauens (André Marx) zurückgreife. Und ja, das jugendliche Publikum ist wohl als Käuferschicht für die Geldmaschine der drei Fragezeichen nicht zu unterschätzen. Doch für mich würde das eine Möglichkeit bieten, meinen geliebten Kindheitshelden weiterhin treu zu bleiben.

Wie wäre es mit einem gewagten Zeitsprung von zehn bis fünfzehn Jahren oder mehr, der die drei Freunde als Erwachsene zeigt?