„Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch

Das Buch ist nicht nur wegen der 868 Seiten ein gewaltiger Brocken. Mulisch verknüpft hier ein ganzes Füllhorn an Themen und Ideen, wie die Entstehung des Universums per Big Bang, Astronomie, Architektur, Religion und Bibel, der Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Musik, Politik und vieles mehr zu einer wagemutigen und komplexen Mischung, die bisweilen gar phantastisch anmutet und dem Leser einiges abverlangt, ihn aber auch reichlich belohnt.

Von den anfangs unsympathisch daherpolternden Protagonisten – dem lauten und sehr von sich eingenommenen Onno und dem Don Juan Max – sollte man sich nicht abschrecken lassen, im Verlauf der epischen Geschichte zeigen sie noch ganz andere Seiten von sich. Diese beiden Männer, die den Zweiten Weltkrieg noch als Kinder erlebten, als junge Erwachsene schnell zu akademischen Würden kommen, als Pseudorevolutionäre auf Kuba landen, einige stürmische Liebschaften und Lieben erleben und deren späteres Dasein sich um ein ganz besonderes Kind drehen wird, sind mit ihrer einzigartigen Freundschaft der Dreh- und Angelpunkt dieser Erzählung, deren Erzähler von wahrlich göttlichem Antrieb beseelt ein schier unglaubliches Garn zusammenspinnt.

Damit wären wir auch bei der Metaebene des Buchs, die man entweder als phantastisches Element lesen kann, oder eben als Reflexion eines mehr als selbstbewussten Autors über seine Rolle als Gott, der nach belieben in die Leben seiner Figuren eingreifen kann. Und dadurch blüht gerade den Frauen im Buch oft ein grausames Schicksal, was auch fast mein einziger Kritikpunkt wäre. Wobei es den Männern auch nicht viel besser ergeht.

Für mich war es vor allem interessant, die Nachkriegsgeschichte mal aus holländischer Perspektive zu lesen. Neben Tonke Dragts Der Brief für den König und Der wilde Wald ist dies, glaube ich, mein erstes Buch aus dem Niederländischen. Für manche Leserinnen kann es stellenweise schon recht anstrengend sein, da es auch ein kleines Angeberbuch ist, in dem Harry Mulisch sein breitgefächertes Wissen zu den unterschiedlichsten Themen detailliert nutzt, aber es ist auch ein unheimlich anregendes Buch, das wie eine Wundertüte daherkommt, bei der man nicht weiß, was man als Nächstes erhält. Absurd komische Episoden, wie der Besuch auf Kuba, wechseln sich mit bedrückenden Passagen, wie Max‘ Besuch in Auschwitz, ab, gefolgt von tragischen Ereignissen, dann wieder luftig leichtem Alltag bis hin zu den göttlichen Einschüben.

Die Übersetzung von Martina den Hertog-Vogt liest sich ausgezeichnet.

„Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders

Als ich in der Programmvorschau den Satz „Patricia ist eine Hexe, die mit Tieren sprechen kann“ las, erlosch mein Interesse schlagartig. Auch, dass das Buch für immer mehr Preise nominiert wurde, konnte mich nicht wirklich neugierig machen. Doch als es dann eines Tages im Briefkasten lag, dachte ich: Ach, warum eigentlich nicht?

Und siehe da, von der ersten Seite an, habe ich mich in dieses Buch verliebt. Anders kreiert hier ein Gefühl und eine Stimmung, die ich sonst nur aus den zauberhaften Filmen von Ghibli kenne. Zwei jugendliche Außenseiter mit besonderen Fähigkeiten: Patricia, die Hexe, die mit Tieren sprechen kann; und Laurence, der eine Zwei-Sekunden-Zeitmaschine gebaut hat und auch ansonsten ein ganz famoser Tüftler ist, wenn er nicht dank seiner Eltern gerade durch irgendwelche Survival-Camps gejagt oder aus Flugzeugen geschmissen wird.

Die beiden müssen sich durch einen von Mobbing und Schikane geprägten Alltag schlagen, mit Erwachsenen, die ihnen null Verständnis entgegenbringen und alles nur noch schlimmer machen. Es ist eine Geschichte über die Hilflosigkeit der Kindheit, in der man fremdbestimmt leben muss und den Launen einer Gesellschaft ausgesetzt ist, die ihren Sadismus nur schwer verbergen kann.

Und doch werden aus den beiden gebeutelten Teenagern zwei ganz bemerkenswerte Menschen, die die Traumata, ihrer Kindheit überwinden und versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Anders‘ Stärke ist es, eine magische Welt zu erschaffen, in der die Gefühle und die Ausweglosigkeit dieser Fremdbestimmtheit so plastisch vermittelt werden, dass es mich als Leser unglaublich wütend gemacht hat. Doch trotz der ganzen düsteren Stimmung ist es auch eine Welt, die mich von der ersten Seite an verzaubert hat, in der Magie (als Manifestation der Natur) und Wissenschaft aufeinandertreffen.

Am ehesten hat mich das Buch an die Werke von Nick Harkaway (Der goldene Schwarm) erinnert, zwar ohne Ninjas, dafür aber mit Assassinen. Diese leicht verschobene Wirklichkeit, in der es normal ist, kleine Zeitmaschinen zu bauen, und in der Hexen böse Investmentbanker für ihre Schandtaten mit Flüchen belegen.

Erfreulich ist auch, dass sich dieses Buch über Freundschaft, Liebe und den Weltuntergang abseits der üblichen Handlungsklischees bewegt und trotz aller Magie und futuristischer Technik eine realistische Freundschaft zwischen zwei Menschen zeichnet, die sich durchaus auch wieder voneinander entfremden und deren Beziehung zueinander sehr wechselhaft verläuft.

Ich will gar nicht mehr über dieses Buch verraten, lasst euch selbst überraschen und verzaubern. Die Geschichte, die zeitweise etwas planlos wirkt, wird am Ende zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt, in dem Magie, Technik und Wissenschaft als ganz natürliche Gefährten daherkommen. Und die Übersetzung von Sophie Zeitz liest sich ausgezeichnet und trifft den Tonfall der Jugendlichen hervorragend.

An dieser Stelle sollte ich noch erwähnen, dass ich als freier Mitarbeiter für Fischer Tor tätig bin und unter anderem dreimal pro Woche die SFF-News auf Tor Online erstelle. Gefälligkeitsrezensionen gibt es von mir aber nicht. Ich bespreche nur, was mich privat interessiert und begeistert.

„No und ich“ von Delphine de Vigan

Mit dem Helfen ist das so eine Sache. Das findet auf die vielfältigsten Arten und aus den unterschiedlichsten Gründen statt. Und oft sind die Gründe, die dahinter stecken, gar nicht die, die man glaubt zu haben. Und häufig läuft es auch anders ab als erwartet. Dann steht man plötzlich ganz ernüchtert da, und fragt sich, ob man wirklich der andere Person helfen wollte, oder es eher für sich selbst tat? Wollte sich die andere Person helfen lassen? Konnte man ihr langfristig gesehen wirklich helfen?

Ganz ähnlich ergeht es Lou im Roman von Delphine de Vigan (Das Lächeln meiner Mutter), als sie die achtzehnjährige No am Bahnhof trifft, die auf der Straße lebt, all ihre Habseligkeiten in einem kaputten Rollkoffer aufbewahrt und starr vor Schmutz ist. Vorsichtig nimmt Lou mit der scheuen und misstrauischen No Kontakt auf, die sich letzten Endes darüber freut, dass einfach jemand mit ihr redet. Die hochbegabte Lou ist fasziniert, fragt sich, warum wir Menschen auf den Mond schicken können, aber No auf der Straße leben muss?, und möchte helfen. Und weil Lou erst Dreizehn ist, kann man ihre Naivität gut nachvollziehen, und ihre Entschlossenheit nur bewundern. Denn es gelingt ihr, No durch ihren Schutzwall hindurch zu erreichen (wenn auch nie ganz).

Das dem Helfenden auch geholfen wird ist gar nicht so überraschend, denn Geben und Nehmen sind nie Einbahnstraßen, und so gelingt es Lou durch ihre Hilfsaktion auch das durch einen Kindstot erstarrte Leben ihrer eigenen Eltern wieder mit Lebendigkeit und gelegentlicher Freude zu erfüllen.

Delphine de Vigane ist hier ein ganz wunderbarer Roman über eine Freundschaft und eine Familie gelungen, deren Schicksal sie mit viel Einfühlungsvermögen meisterhaft schildert. Als jemand, der in seinem früheren Berufsleben im Suchtbereich auch viel mit jungen Obdachlosen gearbeitet hat, bin ich beeindruckt von den Beschreibungen des Straßenlebens (»uff Platte« heißt das bei uns), die sehr authentisch wirken und keine falsche Romantik in Bezug auf junge rebellische Außreißer aufkommen lassen. Da ist die Autorin ganz schonungslos mit ihren Schilderungen der jungen Frau, die ohne Perspektive und Unterstützung völlig hilflos am System scheitert. Und sie ist auch schonungslos, was die Komplexität des Helfens angeht, indem sie zeigt, dass eine Wohnung und ein Job alleine oft nicht reichen, um einem Menschen zu helfen, der aus der Bahn geworfen wurde.

Mich hat das Buch tief berührt und bewegt, in dem wunderbar klaren und einfachen Stil der Übersetzung von Doris Heinemann.

Lesesplitter Mitte März 2017

Momentan komme ich recht oft zum Lesen, schon 15 Bücher habe ich in diesem Jahr geschafft. Abgebrochen nur eins:

Ein ganzes Halbes Jahr von Jojo Moyes. Die Geschichte finde ich ja ganz nett und die Hauptfigur mit ihrer antriebslosen Orientierungslosigkeit sehr sympathisch, aber sprachlich plätschert mir das in der deutschen Übersetzung zu farblos vor sich hin (ich vermute mal, im Original ist es änlich). Da bin ich wohl in der Minderheit, wenn man sich den großen Erfolg des Buchs ansieht, dabei lese ich sonst ganz gerne in diese Richtung (z. B. Anna McPartlin oder Kathrine Scholes), aber dieses Werk konnte mich nicht packen.

Und über Die Überfahrt von Mats Strandberg kann ich noch nichts schreiben, da es sich um das Vorabexemplar eines Titel handelt, der erst Ende Mai erscheinen wird.

Richtig begeistert bin ich von Pages for You von Sylvia Brownrigg (dt. Geschrieben für dich), auf das mich Frank Duwald mit seiner Rezension aufmerksam gemacht hat, und der ich mich nur anschließen kann. Die wunderbar einfühlsam geschilderte Geschichte der Liebe zwischen einer Studentin und ihrer Tutorin. Und einem Roman, dessen Haupfigur Flannery heißt, kann ich gar nicht widerstehen. Ganz toll!

Andrzej Sapkowski – Das Erbe der Elfen

Ist nach den beiden Kurzgeschichtenbänden (Der letzte Wunsch und Das Schwert der Vorsehung) der erste Roman um den Hexer Geralt (den die Meisten inzwischen vermutlich durch die grandiose Computerspielumsetzung kennen) und seine Mündel Ciri. Man merkt dem Buch durch seine Episodenhaftigkeit noch an, dass Sapkowski den Sprung von lose zusammenhängenden Kurzgeschichten zum Roman mit geschlossener Handlung noch nicht ganz vollzogen hat, was das Buch aber keineswegs weniger empfehlenswert macht. Mit viel Humor und Scharfsinn erzählt der Autor in gemächlichem (aber nie langweiligem) Tempo die Geschichte von Ciris Ausbildung und den ganzen politischen Akteuren, die hinter ihr her sind, weil sie im Spiel um Krieg und Frieden eine wichtige Rolle spielen soll. Habe ich mit großem Vergnügen gelesen, da es eine willkommene Abwechslung zu den üblichen Fantasyerzählern bietet. Die Übersetzung von Erik Simon liest sich wie immer augezeichnet und trifft wunderbar den etwas altmodischen Erzählstil des Autors.

H. P. Baxxter äh Lovecraft – Der Fall Charles Dexter Ward (oder Providence sucht den Supernekromanten)

Einer der Klassiker der Horrorliteratur vom vermutlich einflussreichsten Horrorautor aller Zeiten, in einer wundervollen Neuübersetzung von Andreas Fliedner, in der einfach jedes Wort passt, die ganz hervorragend den etwas altmodischen Berichtsstil trifft, ohne dabei aber antiquiert und langweilig zu klingen. Die Neuausgabe von Golkonda enthält auch knapp zweihundert Anmerkungen in Fußnoten vom Lovecraftexperten S. T. Joshi, sowie Fotos von den Schauplätzen in Providence.

Meine aktuelle Lektüre ist Mortal Engines von Phillip Reeve, das mich nach 30% schon schwer begeistert. Nebenher lese ich noch diese Anthologie mit Abenteuergeschichten, die hauptsächlich aus der Pulp-Ära stammen:

„Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan

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Um zu verstehen, warum Bonjour tristesse nicht nur ein riesen Erfolg wurde, sondern auch ein Skandalroman, muss man es im Kontext der Zeit sehen, in der es erschienen ist. 1954, die Jahre zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder beziehungsweise der Entstehung der Konsumgesellschaft. Nach den entbehrlichen Kriegsjahren dürstete es die jungen und junggebliebenen Franzosen nach Unterhaltung, am linken Seine-Ufer entstanden die Cabarets, in denen Truppen wie die Frère Jaques auftraten und das Chanson mit Künstlern wie Barbara, George Brassen, Jacques Brels oder Léo Ferré seine Blütezeit erlebte, während am rechten Ufer die Touristenläden und Restaurants brummten und die Music-Halls gefüllt wurden. Es war die Zeit der wilden und freien Jugendkultur, bevor die Yéyé-Musik kam und alles kommerzialisiert wurde. Die junge Pariser genossen das Nachtleben und das Leben allgemein. Nachts ging man aus und im Sommer fuhr man in den großen Ferien ans Meer (wobei der Winter 54 zu einem der härtesten Winter in der Geschichte von Paris gilt, in dem viele Obdachlose erfroren sind).

Doch viele Auswüchse wurden von der bürgerlichen Gesellschaft – der Bourgeoisie (vom rechten Seine-Ufer) – mit Skepsis und Verachtung betrachtet. Die jungen Leute verstießen gegen das Savoir-vivre, das gute Benehmen, lebten in ihren Augen zügellos und in Sünde. Man darf nicht vergessen, das Frankreich ein zutiefst katholisches Land ist. Da verwundert es nicht, dass der Erfolg von Bonjour tristesse, diesem lasterhaft Buch, geschrieben von „einem jungen Ding“, auch zum Skandal wurde.

Nach Jahren der Entbehrung in einem katholischen Pensionat genießt die junge Cécile, die gerade ihre Abschlussprüfung verhauen hat, das Partyleben mit ihrem 40-jährigen Vater, der ein echter Lebemann ist, und die Sommerferien mit seiner Tochter und seiner jungen Geliebten in einer Villa am Meer verbringt. Bis dann eine alte Freundin von Céciles verstorbener Mutter auftaucht, die sich langsam in das Leben der kleinen Familie einschleicht und immer mehr die Kontrolle übernimmt, was Cecile wiederum ihren Spaß nimmt. Also schmiedet sie einen Plan, der im Unheil enden wird.

1954 ist das Buch erschienen, doch sein Alter merkt man ihm nicht an. Es ist so lebendig und spritzig geschrieben, dass es mich auch mit meinen heutigen Lesegewohnheiten noch mitreißt. Als leidenschaftlicher Fan langer Sommerferien und eines lockeren, unverkrampften Lebensstils leide ich mit Cécile, die nicht nur ihr leichtes und spaßiges Leben davonschwimmen sieht, sondern auch die Liebe ihres Vaters, dessen für ihn untypisches Verhalten sie schon fast als Verrat versteht. Veränderungen machen Angst und schmerzen.

Der Übersetzung von Helga Treichl merkt man ihr Alter durchaus an, was Wortwahl und einige Begriffe und Satzkonstrukte angeht, doch das finde ich gut. Ich will nicht alles in einer modernen Einheitssprache neu übersetzt lesen.

Dazu empfehle ich noch Sagan, Paris 54 von Anne Berest.

Lesesplitter und Stand der Dinge Ende Februar 2017

Lesesplitter

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Am Wochenende habe ich Die Krone der Sterne von Kai Meyer beendet, ein Buch, dem ich als Captain-Future-Übersetzer schon deswegen nicht widerstehen konnte, weil es unter anderem Edmond Hamilton gewidmet ist, einem der Urväter der flotten Space Opera. Und genauso flott kommt das Buch auch daher, das die junge (aber erwachsene) Ineza auf der Flucht vor dem Hexenorden begleitet, der sie zur Braut der Gottkaiserin mache möchte (was kein ersterbenswertes Ziel ist). Im Prinzip besteht das Buch auch aus einer einzigen Flucht, was auf Dauer Gefahr läuft, etwas zu repetitiv zu werden, da die einzelnen Kapitel und Szenen im Prinzip immer Variationen des gleichen Themas sind: Gefangennahme, Schießerei, Flucht, Streiterei untereinander, Verrat, Gefangennahme … Dafür, dass es einem dabei aber nicht langweilig wird, sorgt der geschickt eingeflochtene Weltenbau, der mich an eine Mischung aus Dune (in der Lynchversion) und Riddick erinnert. Ein flottes, unterhaltsames Weltraumabenteuer mit starken Frauenfiguren, das sich nicht um Physik schert; gute Unterhaltung für zwischendurch. Und, liebe SF-Verlage, so gestaltet man ein Science-Fiction-Buch, das auch LeserInnen ansprechen soll, die nicht so genreaffin sind und sich nicht mit dem generischen Raumschiff im All zufriedengeben. Neben der wunderschönen Umschlaggestaltung gibt es auch noch zahlreiche Illustrationen von Jens Maria Weber, die das Buch wie ein Vorspann einleiten. Meine Mutter liest das Buch übrigens gerade auch mit großer Begeisterung, dabei liest sie Science Fiction sonst nur, wenn ich sie übersetzt habe.

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Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass Philip Pullman eine neue Trilogie in der Welt von His Dark Materials plant, was mir Lust darauf gemacht hat, Der Goldene Kompass noch einmal zu lesen. Zuletzt hatte ich das Buch im Sommer 2001 gelesen, in jenen endlos trägen Wochen zwischen meinem Fachabitur und dem Beginn des Physikstudiums, auf das ich mich eigentlich hätte vorbereiten sollen – tja, so bin ich dann auch am Ende Übersetzer geworden, und nicht Physiker. 😉 Jedenfalls gefällt mir das Buch beim Reread noch genauso gut wie beim ersten Mal. Pullman hat da eine ganz wunderbar eigene Welt erschaffen, die knapp neben der unsrigen liegt, und versteht es, sie mit Anspruch unterhaltsam in eine spannende Geschichte einzubinden.

Stand der Dinge – Reise-Mäurer

Vor zwei Wochen bin ich in Berlin gewesen, in den Verlagsräumlichkeiten von Fischer Tor (sehr schick), um mich dort in das Typo 3 von tor-online.de einarbeiten zu lassen. Über den Grund habe ich ja in meinem letzten Blogeintrag berichtet. Das war nur ein kurzer Blitzbesuch, der mir gerade mal Zeit ließ, mich mit einem guten alten Studienfreund zu treffen, einen SF-Stammtisch in kleinem Kreise abzuhalten und einen Blitzbesuch im Otherland zu machen. Dienstag ging mein Flug nach Berlin, am Donnerstag dann der Rückflug, womit ich echt Glück hatte, da das Bodenpersonal von Tegel am Mittwoch dazwischen gestreikt hat.

Die nächste Reise geht dann am Freitag den 24. März zur Leipziger Buchmesse. Eigentlich wollte ich ja diese Jahr nicht, aber irgendwie habe ich den Messebesuch in den letzten Jahren doch lieb gewonnen, und es ist eine tolle Gelegenheit, viele Bekannte und Freunde zu treffen, die ich sonst kaum sehe (auch wenn ein Tag eigentlich zu knapp dafür ist).

In der dritten Maiwoche werde ich für eine Woche nach Paris reisen (falls mich Präsidentin Le Pen dann noch reinlässt), einfach, um mir die Stadt mal anzusehen, in der ich noch nie war. Das wird meine erste Urlaubsreise seit über zehn Jahren sein.

Wo ich dieses Jahr nicht hinfahren werde, ist der Marburg Con, den ich in den letzten drei Jahren besucht habe. Passt zeitlich einfach nicht, außerdem ist mein Stammreisebegleiter abgesprungen. Und so ganz alleine mag ich auch nicht fahren.

Ebenfalls ausfallen lasse ich dieses Jahr das Pan-Branchentreffen in Berlin. Zwar fand ich das Treffen im letzten Jahr großartig, aber da ich dieses Jahr Urlaub machen möchte, muss ich ein paar Prioritäten setzen (und das bisherige Programm finde ich auch nicht so interessant für mich ). Auch nicht besuchen werde ich die großen Cons des Jahres, wie den Eurocon in Dortmund, den Worldcon in Helsinki und den Dirkcon (anlässlich des 50 Geburtstages des Tentakelmeisters) in Dirktropolis. Dafür ist der Bucon aber wieder fest gesetzt, den ich seit über 10 Jahren immer besuche.

Eventuell werde ich im Sommer auch noch eine oder zwei Wochen in Berlin verbringen, um mir etwas mehr Zeit für meine ehemalige Heimat zu nehmen. Das wird aber vermutlich nicht in die Zeit des Fantasy Filmfests fallen, das in diesem Jahr leider erste Ende September stattfindet. Für mich gehört das FFF einfach in den Hochsommer. Und mit der Streckung auf zwölf Tage und den Wegfall der Parallelvorstellung kann ich mich auch nicht so recht anfreunden.

„Vertraute Fremde“ von Jiro Taniguchi

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Noch einmal Kind sein, oder zumindest die Jugendzeit erneut durchleben, mit dem Wissen des erwachsenen Ichs. Wer hat nicht schon mal darüber nachgedacht, wie das wäre, was man anders machen würde, wie das Leben wohl verlaufen wäre, wenn man sich in bestimmten Situationen anders verhalten hätte?

Jiro Taniguchi hat aus diesem Gedankenspiel einen Manga gemacht, in dem der 48-Jährige Familienvater Hiroshi Nakahara diese Chance erhält, um zu ergründen, warum sein Vater in jenem Sommer, als Hiroshi 14 Jahre alt war, die Familie wortlos verließ. Nachdem er in den falschen Zug steigt und sich plötzlich in der Stadt wiederfindet, in der er aufgewachsen ist, verliert er vor dem Grab seiner Mutter das Bewusstsein und wacht als 14-jähriger Hiroshi wieder auf. Schnell wird ihm klar, dass sich ihm die Gelegenheit bietet, dem (jetzt anstehenden) Verschwinden seines Vaters auf den Grund zu gehen.

Doch neben diesem ernsten Hintergrund genießt er es auch wieder, in einem jungen Körper zu stecken, mutiert zur Sportskanone und zum Englischprofi, während er sich in seine hübsche Mitschülerin Tomoko verliebt, was den Erwachsenen im Jungenkörper gehörig in eine Zwickmühle bringt, und er sich fragt, ob er durch die Änderungen, die er gerade an seiner Vergangenheit durchführt, auch seine Zukunft verändert?

Vetraute Fremde ist (in der Übersetzung von Peter) ein stilles Buch, das sich Zeit nimmt, den Leser mit der Fremde vertraut zu machen. Man sitzt mit Hiroshi auf einer Bank im Park und lauscht, wie der Wind die Blätter zum Rascheln bringt, man begleitet ihn an den Strand, wo Tomoko das Rauschen der tosenden Wellen genießt. Man leidet mit ihm, während er am idyllischen Familienleben teilnimmt, wissend, dass es bald ein jähes Ende finden wird.

Taniguchi hat einen guten Blick für die kleinen Dinge des Alltags, für die Beziehungen der Menschen untereinander, ein Gefühl für ihre Ängste und Nöte, ihre Sorgen und Träume. Es ist ein melancholischer und wehmütiger Blick zurück auf die Jugend, der einem aber auch eine neue Perspektive auf die alltägliche Routine bieten kann, in der wir uns von Zeit zu Zeit wiederfinden und vergessen, die kleinen Freuden des Lebens zu genießen und wertzuschätzen. Statt sich zu fragen, was wäre, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? Sollte man lieber anerkennen, was man hat und welche Möglichkeiten noch vor einem liegen.

Noch nie ist ein Autor gestorben, während ich gerade eines seiner Bücher las. Jiro Taniguchi verstarb am 11. Februar 2017, als ich mich gerade auf den letzten 100 Seiten von Vertraute Fremde befand, einem Buch, in dem er auch sehr einfühlsam die Themen Trauer und Verlust behandelt.

Lars von Törne hat für den Tagesspiegel einen sehr schönen Nachruf auf den Ausnahmekünstler verfasst.