Kurzkritiken September 2017

Im September habe ich ganze acht Bücher geschafft. Bereits besprochen sind davon:

Lian Hearne – Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Insel)
Stephen Elliott – My Girlfriend comes to the City and beats me up
André Marx – Die ???: Geheimnis des Bauchredners
John Scalzi – Kollaps

Mein Reread von Philip K. Dicks Blade Runner wird demnächst irgendwann auf Tor Online erscheinen.

Ethan Cross – Spektrum (übersetzt von Reiner Schumacher)

Teils rasanter Popcorn-Actionthriller mit jeder Menge schönen Übermenschen-Genies-Actionhelden, die gegen ganz ganz böse Bösewichte kämpfen müssen. So plump, wie ich das hier beschreibe, so plump ist der Thriller auch, dem nach der Hälfte die Puste ausgeht und der die eigentlich interessante Prämisse in den Sand setzt. Aber mir hat er irgendwie trotzdem Spaß gemacht. Keine Ahnung warum.

Volker Kutscher – Lunapark

Im inzwischen sechsten Fall für Gereon Rath sind die Nazis endgültig an der Macht, die Schlägertrupps der SA gelten jetzt als unangreifbare Polizeieinheit, Charly Ritter versteht die Welt und Hitlerjunge Fritze nicht mehr und Gereon muss auf einem schmalen Grat balancieren, um nicht ins Visier der Nazis zu geraten, die er aber eigentlich gar nicht so schlimm findet. Der eigentliche Fall ist nicht wirklich der Rede wert und knüpft direkt an Märzgefallene an, aber die Stimmung, die Kutscher da beschreibt macht die fehlende Spannung wett. Ab 13. Oktober kommt übrigens die Serie zu den Büchern unter dem Titel Babylon Berlin auf Sky.

Sophie Mass, Audrey Diwan, Caroline de Maigret und Anne Berest- How to be a Parisian
(übersetzt von Carolin Müller)

Weiß gar nicht, was ich mir von diesem „Ratgeber“ erwartet habe, der sich eher als ironisch-spitzer Blick auf die Klischees, die man von der idealen Französin hat, entpuppt. Ist aber irgendwie ganz unterhaltsam geraten, wenn auch mit wenig Substanz. Gekauft habe ich ihn mir vor allem, weil Anne Berest daran mitgeschrieben hat, von der das großartige Buch Sagan, Paris 1954 stammt.

Im Oktober werde ich in Vorbereitung von Halloween ausschließlich Horrorbücher lesen (die kommen sonst das ganze Jahr über zu kurz). Das erste, The Ritual (Im tiefen Wald) von Adam Neville war schon mal ein Reinfall. Das zweite, The Exorcist von William Blatty ist großartig. Nächste Woche stehen dann John Langans The Fisherman auf dem Programm sowie einige Kurzgeschichten von Thomas Ligotti und der Rearead von It. Besprechungen folgen.

„Kollaps“ (Das Imperium der Ströme) von John Scalzi

»John Scalzi ist der unterhaltsamste und zugänglichste Science-Fiction-Autor unserer Zeit«, wird Joe Hill auf der Rückseite zitiert. Ob er wirklich der unterhaltsamste ist, kann ich nicht beurteilen, vage es aber zu bezweifeln – wobei ich auch nicht von solchen absolutistischen Aussagen halte -, aber eine der zugänglichsten ist er allemal. Seine Bücher sind entgegen dem Branchentrend kurz und bündig, übersichtlich konstruiert, oft in einem Band abgeschlossen und flott zu lesen.

Kollaps bildet da keine Ausnahme, auch wenn es sich um den Auftaktband einer längeren Serie handelt, mit der Scalzi das Feld der klassischen Space Opera betritt, etwas weg von der Military-SF und der Genrehommagen. Vieles in dem Buch hat man als belesener SF-Fan schon anderswo gelesen, sein Alleinstellungsmerkmal (soweit ich das beurteilen kann) ist die Idee, dass das kosmische Reich, das über mehrere Sternensysteme verteilt ist, in einer Abhängigkeit voneinander steht: die sogenannten Interdependenzen. Was das genauer bedeutet, will ich hier jetzt nicht spoilern.

Beherrscht wird das Reich von einem/r Imperatox und adligen Gildenhäusern, ähnlich wie in Der Wüstenplanet. Überlichtgeschwindigkeit gibt es nicht, aber die einzelnen Reiche des Imperiums sind über Ströme miteinander verbunden. Im Prinzip sind diese Ströme so etwas wie ein Hyperraum, nur das sie eher wie Kanäle oder Straßen angelegt sind, was bedeutet, dass ein Strom immer nur zwei bestimmte Orte miteinander verbindet.

Als der alte Imperatox stirbt und seine Tochter die Thronfolge antritt, beginnt ein Intrigenspiel, in das auch ein junger Wissenschaftler aus einer abgelegenen aber unruhigen Randwelt und eine ständig fluchende und knallharte Vertreterin einer Handelsfamilie verwickelt werden. Was folgt, sind Attentate, Rebellionen, Entführungen, Weltraumpiraten und ein wenig Sex zwischendurch.

Den Humor hat Scalzi im Vergleich zu bisherigen Werken ein wenig zurückgeschraubt, er ist aber durchaus noch in Form von trockenen Dialogen und flotten Sprüchen vorhanden. Von den drei Protagonisten ist die alles beschimpfend und fickende Kiva die unterhaltsamste. Imperatox Cardenia und der Physiker Marce sind mir ein wenig zu passiv geraten, besitzen aber durchaus Potential für weitere Bände.

Die Welt selbst, die Scalzi hier mit den Strömen und den daraus entstehenden durchaus interessanten Abhängigkeiten erschaffen hat, ist mir insgesamt aber zu langweilig geraten. Man erfährt nur wenig über sie abseits der Machtspielchen der Adligen und Händler, so wie man generell wenig über die einfachen Bürger des Reiches erfährt.

Mit Kollaps erscheint Scalzi übrigens auf Deutsch erstmals nicht bei Heyne, sondern bei Fischer Tor, dem deutschen Imprint seines Heimatverlags Tor. Ansonsten hat sich da aber nichts geändert, er wird wie immer ausgezeichnet von Bernhard Kempen übersetzt und hat auch sein obligatorisches Raumschiff auf dem Cover. Und anders als bei manch anderem Buch von ihm, passt es hier auch inhaltlich. Dazu gibt es, auch passend, noch Abbildungen von Gravitationslinien bzw. Senken, die man vielleicht noch aus dem Physikbuch kennt und die hier für die Ströme stehen.

Ich hatte das Buch schnell durch, habe mich weder gelangweilt noch geärgert, aber ob ich noch mehr Bücher aus der Serie lesen werde, halte ich für eher fraglich. Dafür war es mir dann doch zu simpel konstruiert und nicht opulent genug geschrieben. So eine gewisse Würze, die mir zum Beispiel Die letzte Kolonie bot, fehlt mir hier persönlich noch. Einerseits mag ich es ja, wenn SF-Romane kurz gehalten sind, aber gerade Space Operas gefallen mir weitschweifig und opulent besser, so wie bei Frank Herbert, Peter F. Hamilton oder Iain Banks. Von Letzterem scheint sich auch Scalzi die Marotte mit den Raumschiffnamen abgeguckt zu haben, vermutlich als Hommage, bekommt sie aber nicht mal halb so witzig und hintergründig hin.

Mit Kollaps erfindet John Scalzi die Space Opera nicht neu, aber das erwartet auch niemand von ihm. Wo Scalzi draufsteht, ist auch Scalzi drin. Wer seine bisherigen Werke schätz, wird auch mit Kollaps seinen Spaß haben. Wer noch nicht viel Science Fiction gelesen hat, wird mit Kollaps einen guten und leichten Einstieg finden. Wer im Genre schon ziemlich belesen ist, könnte sich unterfordert fühlen, aber neben komplexeren und visionäreren Werken leichte Popcornunterhaltung für zwischendurch erhalten.

„Die ???: Das Geheimnis des Bauchredners“ von André Marx und „Signale aus dem Jenseits“

Eine Buch- und eine Hörspielbesprechung sowie ein Plädoyer dafür, die drei Detektive endlich erwachsen werden zu lassen.

Geheimnis des Bauchredners

Nach fast 200 Folgen ist es natürlich schwer, das Rad neu zu erfinden, was interessante Fälle und Ansätze für die Juniordetektive aus Rocky Beach angeht. Der eine Autor, dem dies gelegentlich mit Folgen wie Das Auge des Drachen oder Das versunkene Dorf gelingt, ist André Marx, der mich zuletzt mit Die Spur des Spielers aufgrund seines unverkennbaren und sicheren Stils überzeugen konnte. Die Folgen Der Geist des Goldgräbers und Das Kabinett des Zauberers zähle ich zu den eher schwachen Marx-Folgen, Insel des Vergessens zu den stärkeren und originelleren, Geheimnis des Bauchredners bewegt sich auch eher im guten Mittelfeld.

Es gibt ein Wiedersehen mit Patricia Osborn, der Tante von Allie Jamison aus Die singende Schlange („Purpur bietet Schutz, müsst ihr wissen“), Sunshine aus … und die feurige Flut und eine unheimliche Begegnung mit einer eigenwilligen Bauchrednerpuppe. Es spielt sich also fast alles um das neue Haus von Patricia ab, indem sie in einer New-Age-WG wohnt, bei Neumond Kräuter sammelt und Schutzrituale abhält – also alles eitel Sonnenschein, wäre da nicht die unheimliche Puppe.

Alles bekannt Themen bzw. Versatzstücke aus schon bekannten Folgen, die recht souverän aber auch ohne jegliche Überraschungen eingesetzt werden, sogar ein Zirkus spielt eine gewisse Rolle. Negativ anzumerken ist der inflationäre Einsatz von Peters Wunderdietrichset und, dass Bob mal wieder eins auf die Nuss bekommt, dies aber – vermutlich, weil er es schon gewohnt ist – inzwischen ohne Kopfschmerzen oder Haschimitenfürsten übersteht. Würde mich aber nicht wundern, wenn er mit 40 ähnliche Hirnschäden davonträgt wie Footballspieler oder Boxer.

Ich lese ja fast nur noch Marx-Folge unter den Neuerscheinungen (Sonnleitner wird ignoriert, bei allen anderen Autoren warte ich die Kritiken ab), und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht, allerdings hält sich die Begeisterung auch in Grenzen. Die Folge liest sich flott und unterhaltsam, bietet aber nicht mehr als durchschnittliche Kost an.

Vor einigen Jahren war ich noch Sammler, da habe ich mir alle neuen Folgen in Buch- und Hörspielform gekauft, bis die völlig an den Haaren herbeigezogenen Folgen von Marco Sonnleitner (Zwillinge der Finsternis!) überhandnahmen, der leider auch die Angewohnheit hat, die Kapitel an den spannendsten Stellen abzubrechen, um von den eigentlich aufregenden Ereignissen dann Justus auf langweilige Art im Rückblick berichten zu lassen. Mit der Zeit nahm aber auch die Qualität der anderen Folgen ab, was ich zum Teil auch dem Lektorat anlaste, das grobe Klöpse durchgehen lässt, nicht mehr auf Continuity und Stimmigkeit in Bezug auf ältere Folgen achtet und die Figuren völlig out-of-character handeln lässt.

Und auch bei den Hörspielfolgen verlor ich irgendwann die Lust, nachdem die Folgen immer länger (bis zu 80 Minuten) wurden, dabei aber lieblos im Dienst-nach-Vorschrift-Modus im anachronistischen Analogstudio mit Geräuschen und Raumklang wie vor 30 Jahren runtergenudelt werden.

P.S. wieso steht da eigentlich kein Artikel im Buchtitel? Meiner Meinung nach müsste es Das Geheimnis des Bauchredners“ heißen.

Signale aus dem Jenseits

Die aktuelle Folge Signale aus dem Jenseits habe ich mir dann doch gekauft, weil ich neugierig war, wie sich der neue Erzähler Axel Milberg macht. Gar nicht so schlecht, aber so richtig habe ich mich noch nicht an die hellere Stimme gewöhnt.

Der Fall selbst beginnt recht vielversprechend, als Bob entdeckt, dass die Wahrsagerin aus dem Fernsehen, von der Tante Mathilda so schwärmt, niemand anderes ist, als seine ehemalige kriminelle Therapeutin Clarissa Franklin (Stimmen aus dem Nichts, Rufmord). Daraus hätte sich ein spannender Fall entwickeln können, der sich in Ansätzen auch zeigt, doch leider verliert er sich dann in einer konfusen Auflösung und einem völlig verzettelten und langweiligen Finale und einigen wenig nachvollziehbaren Handlungswendungen (im Sinne der Spannung). Judy Winter ist als Clarissa Franklin natürlich wieder ein Genuss, aber das alleine reicht einfach nicht für einen guten Fall und ein spannendes und gelungenes Hörspiel.

Die Geschichte strapaziert auch die sitcommäßige Zeitspalte, in der die drei Detektive ähnlich gefangen sind, wie die Simpsons, in der immer mehr Zeit vergeht, ohne dass sie altern, aufs äußerste. Heißt es doch, Franklin sei mehrere Jahre in der Psychiatrie gewesen. Wenn ich mich recht entsinne, fuhr Bob zu der Zeit ihrer Entlarvung bereits Auto, was man in den USA frühestens mit 15 machen kann, geht aber jetzt, Jahre später immer noch zur Schule, die man in den USA mit 16 abschließt.

Lasst die drei Fragezeichen erwachsen werden!

Klar, 200 Fälle, ohne dass sie merklich altern – abgesehen von dem Zeitsprung ins Führerschein- und Freundinnenalter -, das ist halt eine Serienlogik, die man eigentlich nicht hinterfragen darf, aber hier passt sie einfach hinten und vorne nicht mehr. Deshalb schließe ich mich der Forderung an, die drei Fragezeichen endlich erwachsen werden zu lassen. Das würde das verfügbare Themenspektrum deutlich erweitern und den Autoren ganz andere Möglichkeiten bieten, den Figuren und dem Konzept wieder etwas Neue abgewinnen zu können.

Ich weiß, Justus, Bob und Peter sind ein Dauerbrenner und Kult, und viele Kassettenkinder wie ich erhalten dadurch eine neue Dosis Nostalgie, die aber mit jedem neuen Schuss weniger Wirkung entfaltet und immer mehr zu negativen Trips führt, die mich zum Beispiel dazu bringen, mich langsam von dem Stoff zu entwöhnen, auch wenn ich gelegentlich Rückfälle habe oder auf jenen reinen Stoff meines Dealers des Vertrauens (André Marx) zurückgreife. Und ja, das jugendliche Publikum ist wohl als Käuferschicht für die Geldmaschine der drei Fragezeichen nicht zu unterschätzen. Doch für mich würde das eine Möglichkeit bieten, meinen geliebten Kindheitshelden weiterhin treu zu bleiben.

Wie wäre es mit einem gewagten Zeitsprung von zehn bis fünfzehn Jahren oder mehr, der die drei Freunde als Erwachsene zeigt?

„My Girlfriend Comes to the City and Beats Me Up“ von Stephen Elliott

Auf das Buch bin ich durch diese Liste mit 50 Incredibly Written Sex Scenes in Books gestoßen, auf der sich ansonsten AutorInnen wie Ellena Ferante, Ian McEwan, Haruke Murakami, Don DeLillo oder Joyce Carol Oates befinden. Und wie könnte ich einem solchen Buchtitel bei dem Cover widerstehen?

Doch anders, als das Titelbild vermuten lässt, handelt es sich nicht um Wichsgeschichten oder Erotika. In den elf autobiografischen Kurzgeschichten geht es vielmehr um die destruktiven Beziehungen, die Elliott immer wieder eingeht; die nicht wirklich erotischen Sexszenen, die dabei entstehen, verbindet er mit Erinnerungen an seine schlimme Kindheit, voller Misshandlungen, Missbrauch, Obdachlosigkeit und wechselnden Kinderheimen. Geprägt durch diese Erfahrungen sucht er in seinen Beziehungen eine Wiederholung dieser Muster, was zu wirklich ungesunden Beziehungen führt.

Aber mit jeder neuen Beziehung, mit jeder neuen Kurzgeschichte wird es etwas besser, bis er an seine Freundin Eden gerät, mit der er eine komplizierte polyamoröse aber durchaus harmonische Beziehung führt. Bis dahin erzählt er von einem Leben in einfachen Verhältnissen, vom Kontakt mit Menschen am Rande der Gesellschaft.

BDSM spielt bei seiner Entwicklung eine wichtige Rolle, bietet es ihm doch die Möglichkeit, die Traumata seiner Kindheit nachzuerleben. Was zunächst aber zu unsafen und destruktiven Praktiken führ, bis er die geeignete Partnerin findet, die dafür sorgt, dass es bei ihm eine kathartische Wirkung entfaltet und er den Sex schließlich auch genießen kann.

Raymond Carver oder Charles Bukowski nur mit etwas mehr Sex. Faszinierendes Psychogramm eines Mannes, der nach schlimmer Kindheit seinen holprigen Weg ins Leben und zur Liebe findet, wenn auch etwas anders, als es sich der klassische Spießbürger vorstellt. Wobei Elliott vieles nur am Rande erwähnt, wie z. B. seine Drogensucht oder seine College-Abschlüsse, durchaus aber auf diverse Jobs eingeht. Hätte ruhig etwas ausführlicher werden können, ist trotzdem aber sehr lesenwert.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Meine Freundin kommt in die Stadt im Arche Verlag erschienen, in den USA bei Cleis Press. Bekannt wurde Elliott (zumindest in den USA) durch das Buch Happy Baby, das ähnliche Themen behandelt. 2012 führte er beim Film About Cherry Regie.

„Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Inseln)“ von Lian Hearn

Aktuell mangelt es mir immer noch ein wenig an Muse für eine längere Rezension, deshalb hier ausnahmsweise die offizielle Inhaltsangabe des Verlags (Fischer/Sauerländer):

Shikanoko ist eigentlich nur der Sohn eines einfachen Vasallen. Doch als er von einem Magier eine übernatürliche Maske vermacht bekommt, wird aus ihm das Kind des Hirsches, und er verfügt fortan über magische Fähigkeiten und besonderes Kampfgeschick. Als der alte Kaiser stirbt, gerät Shikanoko in die Fänge des Fürstabts, der alles daransetzt, die höchste Macht im Land – den Lotusthron – an sich zu reißen. Shikanoko muss fliehen und entkommt dabei mehr als einmal nur knapp dem Tod. Doch er muss unbedingt Aki finden, die Herbstprinzessin, die er liebt, und die ein großes Geheimnis verbirgt. Denn in ihrer Obhut befindet sich niemand anderes als der rechtmäßige Nachfolger für den legendären Lotusthron.

Lian Hearns Fantasyroman spielt in einer fiktiven Welt, die dem feudalen Japan des Mittelalters nachempfunden ist und steckt wie viele Sagen und Epen dieser Zeit voller Magie und übernatürlicher Wesen (wie z. B. zwei äußerst gefährliche aber auch sehr unterhaltsame Schutzgeister). Es gibt Hexer, mächtige magische Priester, Seelen von Toten, die die Welt nicht verlassen wollen, Dämonen und Zaubersprüche und Banne.

Es ist eine Welt voller Magie und Wunder, aber auch eine äußerst brutale und teils herzlose Welt, in der Frauen und Kinder in Massen ermordet und vergewaltigt werden; in der Augen ausgestochen, Menschen gefoltert und ihnen die Zung herausgeschnitten wird, wenn sie etwas Kritisches gegenüber der Regierung sagen. Eine Welt, in der die Götter den Menschen für ihre Missetaten zürnen.

All das wird aus der Perspektive mehrerer POV-Charakteren erzählt, also nicht nur aus Sicht Shikanokos, sondern auch der Herbstprinzessin Aki, der kleinen Hina, dem neiderfüllten Bruder Masachika, der boshaften Tama und einigen anderen. Hearn erzählt das alles genau auf den Punkt geschrieben, ohne irgendwelche Längen, mit ständigen überraschenden Wendungen. Nie verweilt die Geschichte lange an einer Stelle, immer sind alle unterwegs, unternehmen etwas oder geraten in die Fänge des Schicksals.

Ein sehr unterhaltsam und spannend geschriebener Fantasyroman in japanisch beeinflusstem Setting, allerdings auch sehr brutal, nicht unbedingt die übliche Jugendbuchkost, relativ komplex, mit vielen Namen, Bündnissen und Verstrickungen. Ob die Welt etwas mit der von Hearns erfolgreicher Reihe Der Clan der Otori zu tun hat, kann ich nicht sagen, da ich diese nicht gelesen habe. Die Übersetzung von Sibylle Schmidt liest sich ausgezeichnet.

Kurzkritiken August 2017

Da es mir momentan an Muse für längere Kritiken mangelt, berichte ich von meiner jüngsten Lektüre nur in Kurzform. Zumindest zu Paris wird es aber noch irgendwann eine längere Besprechung geben.

Michael Chabon – Telegraph Avenue (engl. Version)

Ein Roman, dessen rasante und verspielte Sprache einen im wilden Jazzrhythmus so wirbelnd über die Seiten mitreißt, dass man die Zeit darüber ganz vergisst und plötzlich schon einige hundert Seiten dieses Werks über Musik, Blaxplotation, Hebammen, Kung-Fu und Familie hinter sich hat, ohne dass einem dabei die Puste ausgeht.

Thankmar von Münchhausen – Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800

Extrem aufwendig recherchierte, stilistisch brillante, thematisch breitgefächerte und pointiert formulierte Geschichte der Hauptstadt Frankreichs, die für die Geschichte der Republik eine viel wichtigere Rolle gespielt hat, als es in föderalistisch organisierten Ländern der Fall ist. Pflichtlektüre für alle, die sich für Paris interessieren

Abir Mukherjee – Ein Angesehener Mann

Spannender und exotischer Krimi über einen britischen Ermittler in Kalkutta nach dem 1. Weltkrieg, der sich äußerst kritisch mit der Kolonialgeschichte des Empires auseinandersetzt. Hätte ruhig noch etwas opulenter formuliert werden können, aber für einen Debütroman ein beachtliches Werk. Gut übersetzt von Jens Plassmann.

Virgine Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Scharfsinniges Porträt eines Pariser Plattenverkäufers und seiner Freunde, die ihm unter die Arme greifen, als er seinen Laden schließen muss, aber nicht verhindern können, dass er immer weiter in die Obdachlosigkeit abrutscht. Weit weniger provokant als Despentes‘ Debüt Baise-moi, dafür viel intelligenter und cleverer inszeniert, mit eindrucksvollen Charakterstudien über das Wesen des aktuellen Frankreichs. Die sprachliche Klarheit der Übersetzung von Claudia Steinitz liest sich ganz wunderbar. Im Februar 2015 habe ich übrigens die ausgezeichnete Doku Mutantes: Punk Porn Feminism von Despentes besprochen (man muss etwas runterscrollen).

Philip Winkler – Hool

Nicht so clever und komplex, wie Clemens Meyers Als wir träumten, nicht so humorvoll wie Sven Regeners Neue Vahr Süd oder sprachlich so brillant wie Heinz Strunks Der goldene Handschuh, trotzdem ein sehr lesenswerter Roman über eine Hannoveraner Hooligan, dessen Freunde sich mit dem Erwachsenwerden weiterentwickeln, während er selbst in den Hooliganträumen seiner Jugendjahre hängen bleibt und die Welt nicht mehr versteht. Sprachlich interessant, weil der Ich-Erzähler auch außerhalb der wörtlichen Rede Umgangssprache verwendet. Vor allem die Charakterstudie von Heiko Kolbes Familie ist dem Autor gut gelungen, sowie die eindrücklichen Schilderungen eines Milieus, das den meisten Lesern des Buchs vermutlich völlig fremd sein wird.

„Nevernight: Die Prüfung“ von Jay Kristoff

Mia Corvere ist erst zehn, als ihr Vater hingerichtet wird, weil er die Republik vor einem Diktator bewahren bzw. die aktuelle Regierung stürzen und eine Monarchie errichten wollte – je nach Perspektive. Auch den Rest ihrer Familie verliert Mia, und ihre geliebte Katze wird vor ihren Augen umgebracht, sie selbst kommt nur knapp mit dem Leben davon. Infolge kommt sie bei einem alten Assassinen unter, der ihr alles beibringt, was man über das Handwerk des Tötens wissen muss, bevor sie dann ihre Ausbildung in der Roten Kirche vollenden soll. Alles mit dem Ziel, sich irgendwann an dem verbrecherischen Konsul und seinen Schergen zu rächen.

Die Rote Kirche ist eine Art Hogwarts für Psychopathen, wo ein Assassinentodeskult einer dunklen Göttin huldigt, indem er Menschen umbringt. Nevernight ist also im Prinzip eine Internatsgeschichte wie Harry Potter oder Hanni und Nanni, nur etwas blutiger. Dafür hat Autor Jay Kristoff eine Welt entworfen, die vom politischen System her der römischen Republik in den Zeiten von Julius Cäsar gleicht. Es gibt einen Konsul, der anstrebt Imperator zu werden, die Luminatii gleichen der Legion und das Imperium ist auch ganz ähnlich mit Garnisonen usw. aufgebaut.

Technisch und wissenschaftlich ist die Welt allerdings deutlich weiter. Es gibt Brillen, gedruckte Bücher, Laboreinrichtungen, Langschwerter, Armbrüste uvm. Und Magie gibt es auch, denn Mia ist eine Dunkelinn, die die Schatten beherrschen kann. Einer dieser dämonischen Schatten ist ihr Gefährte Herr Freundlich, der ihr stets zur Seite steht.

Wie schon erwähnt, das Buch ist vor allem eine Internatsgeschichte, die mit der Abschlussprüfung endet. Mia lernt Freunde in ihrem Alter kennen, macht sich Feinde und hat strenge Lehrer, die ihr schon mal den Arm abschlagen. Es ist eine Entwicklungsgeschichte in einer düsteren Welt voller Blut, Tod und schwarzer Magie. Unterhaltsam, abwechslungsreich und trotz der finsteren Grundstimmung durchaus humorvoll erzählt. Neben den Internatsgeschichten erlebt Mia aber auch einige Abenteuer, auf denen es das ein oder andere Monster zu bezwingen gilt.

Einziger Kritikpunkt: Die Fußnoten gingen mir tierisch auf die Nerven und bremsten alle paar Seiten meinen Lesefluss. Ich mag Fußnoten, wenn sie zum Beispiel als ironisches Stilmittel wie bei Terry Pratchett oder Jonathan Stroud (Bartimäus) eingesetzt werden, was Kristoff durchaus auch versucht, aber zu 80% bestehen sie aus elendig langem Infodump, der ihm als Weltenbau dient. Was ich als eine etwas faule Lösung erachte, da er so umgeht, den Weltenbau elegant in den Text einzubauen. Stattdessen bekommt man die Informationen plump als Fußnoten eingehämmert, die einen beim Lesen ständig ins Stolpern bringen.

Ganz so schlimm ist es aber nicht, irgendwann habe ich mich halbwegs an die nervigen Einschübe gewöhnt und dem Spaß an der Geschichte tun sie im Großen und Ganzen keinen Abbruch. Bei Nevernight: Die Prüfung handelt es sich um eine klassische Rachegeschichte, die mit diesem Buch nicht endet, da Mia hier erst ihre Fertigkeiten erhält, die ihr später die Rache ermöglichen werden. Im Mittelteil leidet die Spannung ein wenig darunter, was der Autor aber durch zwei unterschiedliche Zeitebenen ausgleicht: eine, auf der erzählt wird, wie es dazu kam, dass Mia plötzlich ohne Familie und auf der Straße dastand; und eine, die von ihrer Ausbildung in der Roten Kirche erzählt. Dazu betreibt der Erzähler, der wohl an den Ereignissen beteiligt war, aber noch anonym bleibt, gelegentlich auch etwas Foreshadowing, um die Leser bei der Stange zu halten.

Nach einigen Monaten Fantasyabstinenz und Unlust hat mir diese originelle Variation bekannter Themen und Settings (trotz der Fußpilznoten) richtig Spaß gemacht. Obwohl es sich um jugendliche Protagonisten handelt, ist es aber kein Jugendbuch, dafür gibt es zu viel Blut und Sex – was mir als Jugendlichem natürlich richtig gut gefallen hätte. Die Übersetzung von Kirsten Borchardt liest sich ausgezeichnet. Nur ein Lesebändchen habe ich bei diesem ansonsten ganz wunderbar gestalteten Hardcover vermisst. 😉