„Rocking the Forest“ von Cornelius Zimmermann

Slayer in the Jungle

Iggy ist ein Wolfmorf, der sich mit seiner Band verkracht und plötzlich, nur wenige Tage vor dem legendären Rocking the Forest Contest, ohne Kapelle dasteht. Also macht er sich auf – wie einst Al Bundy und seine No’Mam-Kollegen zu Iron Ed Hayes -, um sich Rat bei einem großen Weisen des Forst Dooms zu holen. Forest Doom ist die vorherrschende Musikrichtung im musikalischen Mützelwald, und ihr Hohepriester ist Blubb die Pfütze, der inzwischen am anderen Ende des Waldes in einer Gated Community unter Spießerkäfern wohnt. Für Iggy beginnt eine Odyssee durch die gefährlichsten Regionen des Mützelwaldes, in denen er den absonderlichsten und kuriosesten Wesen begegnet, die (zimmer)man sich vorstellen kann. Unterwegs muss er sich seinem größten Trauma stellen, verliebt sich hoffnungslos und begibt sich auf einen mörderischen Trip zwischen halluzinogenen Pilsporen. Und ab und zu rockt er einfach das (Baum)Haus.

Mit Funny Fantasy ist das so eine Sache, entweder heißt man Terry Pratchett, oder man hat als Autor in diesem Untergenre nicht viel zu lachen. Denn in kaum einem Untergenre muss man sich so sehr an dessen prominentesten Vertreter messen lassen. Dabei war Pratchett nicht mal der erste, der dieses Gebiet beackerte. Robert Aspirin und Piers Anthony begannen ungefähr zur gleichen Zeit, die Lachmuskeln ihrer Leser zu reizen, erreichten aber nie so ganz das Niveau Pratchetts (das er selbst auch erst später erreichte), an das meiner Meinung auch nur Walter Moers wirklich heranreicht, und ein paar vereinzelte Autoren mit einzelnen Werken (wie William Goldmann z. B. mit Die Brautprinzessin).

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„An guten Tagen siehst du den Norden: Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden“ von Sören Kittel

Einem Buch, das die Kapitelüberschrift Heidi Kang wird nicht gefoltert hat, kann man doch nicht widerstehen? Oder? Man sollte es jedenfalls nicht, denn Sören Kittel liefert hier einen faszinierenden, witzigen und herzlichen Blick in die Gesellschaft und Kultur Südkoreas. Ein Land, in dem es als unhöflich gilt, sich fürs Anrempeln zu entschuldigen, weil man damit erst auf die Tat aufmerksam macht. Es bleibt also vieles unausgesprochen, in dieser Nation, über der eine permanente Traurigkeit liegt, die als Han bezeichnet wird.

Ein Land, das nach konfuzianischer Harmonie strebt, wo sich alle ständig gegenseitig anlügen, um beim Gegenüber keine schlechten Gefühle zu erzeugen, da man ja auch für die Gefühle der anderen verantwortlich sei. Ein Land, das auf mich aus der Ferne deshalb angespannt wie ein Schnellkochtopf wirkt, weil gleichzeitig auch alles ppalli ppalli, also schnell, schnell gehen muss. Ohne mit dieser gesellschaftliche Konvention zum Lügen vertraut zu sein, dürfte es den Meisten aus dem Westen z. B. schwerfallen, das Ende des koreanischen Erfolgsfilm Old Boy zu verstehen. Ich weiß noch, wie ich im Kino saß und dachte: »Der ganze Aufstand wegen einer solchen Kleinigkeit?!«. Doch in koreanischem Denken ist die ganze Handlung wohl vollkommen logisch nachzuvollziehen. Auch half mir das Buch dabei, zu verstehen, warum im Zombieapoklypsenfilm Train to Busan eben jene Stadt Busan die letzte Bastion ist, die den einfallenden Horden Widerstand leistet, sowie einst beim Überfall Nordkoreas 1958.

Ein Land, das rasend schnell aus der Diktatur zur Industrie und High-Tech-Nation aufstieg, während sich die Führer gleichzeitig von Geomanten beraten lassen, damit die Gebäude auch im richtigen Energiefluss stehen.

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„Der spazierende Mann“ von Jiro Taniguchi

Ein Mann spaziert, die Hände in den Taschen, ein Schritt vor den anderen, gemächlich, gemütlich, bei Sonne und Wind, Regen und Schnee. Bunte Blätter wirbeln um seine Füße, weiße Flocken legen sich auf seine Schultern, Kinder rennen spielend durch die Straßen, über die Felder, lassen Papierflieger kreisen, lachen.

Mal mit Hund, mal mit Frau, meist allein, den Kopf in den Wolken, tagträumend ohne Grenzen. Mit nackten Füßen auf den Baum kletternd, ausgebreitet im Gras liegend, die Wonnen der eigenen Kindheit vor Augen, vollkommen entschleunigt, abseits des Bürostresses, von gesellschaftlichen Verpflichtungen und all der anderen Hektik.

Neue Städte, egal ob im Urlaub oder neu hingezogen, erkunde ich am liebsten zu Fuß, und gehe auch sonst gerne wandern. Während Autos hupend an einem vorbeisausen, Fußgänger nur noch auf ihr Smartphone starren und die Stadt in ihren Abläufen so konstruiert ist, dass sie am Besten funktionieren würde, wenn es gar keine Menschen gäbe, ist das Flanieren der beste Weg hinter die Fassaden zu schauen, einen Blick für die einfachen Dinge des Alltages zu bekommen.

Jiro Taniguchis Der spazierende Mann ist im Original aus dem Jahr 1992, da gab es noch keine Smartphones und die Digitalisierung stand in ihren Kinderschuhen, aber die 80er-Jahre waren gerade erst vorbei. Jenes Jahrzehnt, in dem die japanische Wirtschaft unheimlich an Fahrt gewann und Nippon zu einer der führenden Technologienationen aufstieg. Man dachte, die Zukunft würde japanisch werden, so wie in William Gibsons Neuromancer.

Taniguchi lässt seinen Protagonisten aus diesem Hamsterrad hinaustreten. Mit seiner Frau zieht er in eine kleine Stadt, in ein putziges Häuschen mit papierbezogenen Wänden und einem knuffigen Hund vom Vormieter. Und dann geht er einfach los, ohne viel Worte, mal hierhin, mal dorthin, bei Wind und Wetter. Jeder Spaziergang nur ein paar Seiten, doch immer mit einer eigenen Geschichte, die man teilweise zwischen den Panels findet.

Und genauso entspannt habe ich das Buch gelesen, jeden Tag einen Spaziergang, ein Kapitel, lässig liegend, während das Panorama der Zeichnungen auf mich einwirkte. Eine wunderbare Ode an da Spaziergehen, das sich Vertrautmachen mit der Umgebung, das Genießen der Landschaft und der kleinen Dinge des Alltags.

Hier geht es zu meiner Besprechung von Jiro Taniguchis Vertraute Fremde.

„Zwischen zwei Sternen“ von Becky Chamber (Übers. Karin Will)

Dystopische Gesellschaften, technologische Totalüberwachung, große Schlachten im All, gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion – all das wird man in Zwischen zwei Sternen nicht finden.

Becky Chambers schreibt keine Crash-Boom-Bang-Science-Fiction, sondern optimistische Zukunftsvisionen in multikulturellen Gesellschaften, die sich aus den unterschiedlichsten außerirdischen Rassen zusammensetzen. Sie schreibt nicht über Verschwörungen, Invasionen oder Kriege, sondern über das einfach Zusammenleben unter vielfältigen Bedingungen. Ihre Heldinnen sind keine Geheimagenten, Cyborg-Söldner oder Sternenkaiser, es sind Mechaniker, Künstler und künstliche Intelligenzen, die nicht die Welt erobern, sondern einfach ein normales Leben mit einer festen Aufgabe führen wollen.

Wer Der lange weg zu einem kleinen zornigen Planeten  gelesen hat (hier meine Besprechung), wird Lovy bereits kennengelernt haben, die KI, die das Tunnelbauschiff Wayfarer am Laufen hält und sich rührend um die Besatzung kümmert. Gegen Ende des Romans kommt es allerdings zu einer schwerwiegenden Entscheidung, die einschneidende Folgen für Lovy hat und dazu führt, dass sie sich als resettete Lovelace in einem künstlichen Körper wiederfindet, in der Obhut von Pepper, der Mechanikerin, der die Besatzung der Wayfarer schon mal einen Besuch abgestattet hatte.

Und darum geht es in Zwischen zwei Sternen (A Close and Common Oribit): Peppers Vergangenheit und Lovlace/Sidras Zukunft. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und zeigt, wie Pepper unter durchaus dystopischen Verhältnissen am Rande der bekannten Gesellschaft der GU aufwächst.

In Sidras Handlungsstrang geht es darum, wie sie als KI ihre Persönlichkeit definiert und sich in einer Gesellschaft zurecht findet, in der künstliche Intelligenzen nur als Gebrauchsgegenstände gelten. Partys werden besucht, Cocktails getrunken, Tattoos gestochen und Freundschaften geschlossen.

Zwischen zwei Sternen ist ein Roman über das Leben in einer zukünftigen Gesellschaft, die aus verschiedenen Rassen besteht, die von verschiedenen Planeten stammen. Einer Gesellschaft, die technologisch weit fortgeschritten ist, der es, trotz aller Konflikte und Kriege gelungen ist, ein gemeinsames Zusammenleben zu ermöglichen. Dabei spricht Chambers natürlich viele Themen an, die für uns heute hochaktuell sind. Es geht um den Umgang mit Flüchtlingen; die Rolle der Geschlechter, die nicht ganz so eindeutig sind, wie manch Konservativer das gerne hätte; die Regulierung invasiver Technologien und künstlicher Intelligenzen; das Recht aus Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung und Freiheit.

In diesem Roman steckt mehr, als es auf den ersten Blick scheint, Chambers hat sich wirklich Gedanken darüber gemacht, wie sich eine Zukunft entwickeln könnte, in der der technologische Fortschritt nicht irgendwann stagniert oder zusammenbricht und in der die Menschheit nicht die Krone der Schöpfung darstellt. Es ist ein optimistischer Blick in die Zukunft, und Optimismus ist etwas, dass man momentan nur sehr selten in der Science Fiction findet.

Doch bei all den gesellschaftlichen Entwürfen, in denen die einzelnen Alienrassen im Prinzip verschiedene Aspekte des Menschseins abbilden, stehen vor allem lebendige, vielschichtige und liebenswürdige Figuren im Vordergrund. Allen voran Pepper, die eine erstaunliche Entwicklung durchmacht, von Chambers clever auf zwei Zeitebenen erzählt und am Ende stimmig zusammenfügt. Ich brauch nicht unbedingt Sympathieträger als Protagonisten, aber hin und wieder macht es doch Spaß, ein Buch zu lesen, mit deren Figuren man gerne Zeit verbringt und die einem das Gefühl vermitteln, jedes Mal wenn man das Buch aufschlägt, nach Hause zu kommen.

Man muss aber auch sagen, dass das jetzt keine wirklich anspruchsvolle Literatur ist und stilistisch bleibt sie auch ziemlich konventionell, was mich aber nicht im geringsten gestört hat, da es zur Geschichte gut passt. Die Übersetzung von Karin Will liest sich ausgezeichnet.

Zwischen zwei Sternen ist alles andere als Teletubbie-Wohlfühl-Science-Fiction. In einem der beiden Handlungsstränge geht es heftig zur Sache, das ist eine knallharte Survivalgeschichte vor einer dystopisch-apokalyptischen Kulisse. Im Gesamtbild ergibt sich aber trotzdem ein optimistischer und hoffnungsvoller Roman, viel geradliniger und weniger episodenlastig als der Vorgänger. Chambers verfolgt von Anfang an einen roten Faden in zwei Strängen, die am Ende elegant wieder zusammenfinden.

Man kann das Buch eigenständig lesen, ich empfehle aber, zuerst Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten zu lesen.

P. S. Falls sich jemand darüber wundert, dass ich hier so viele Fischer-Tor-Titel bespreche, das liegt daran, dass ich die unaufgefordert vom Verlag zugeschickt bekomme (macht sonst kein anderer Verlag). Ich selbst fordere keine Rezensionsexemplare an, weil ich mich dann verpflichtet fühlen würde, sie auf jeden Fall zu besprechen, auch wenn sich herausstellt, dass sie mir nicht gefallen. Und Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich in der Regel ab (wozu soll ich mich da durchquälen?). Von Fischer Tor habe ich noch kein Buch abgebrochen, dafür trifft das Programm zu sehr meinen Geschmack, aber alle zugeschickten Bücher habe ich auch nicht besprochen. Gefälligkeitsrezensionen, nur weil ich regelmäßig für Fischer Tor arbeite, gibt es von mir nicht. Wenn ich etwas durchwachsen finde, wie Matts Strandbergs Die Überfahrt oder John Scalzis Kollaps, nehme ich da kein Blatt vor den Mund.

„Die Chroniken von Azuhr: Der Verfluchte“ von Bernhard Hennen

Als Bernhard Hennen im Oktober 2016 bei mir im Dorf eine Lesung durchführte, erzählte er von seiner neuen Trilogie, die bei Fischer Tor erscheinen solle. Viel verriet er nicht, nur das Grundkonzept der Welt, bei dem ich aber dachte: »Nicht schlecht, das könnte was werden.«

Im Februar 2017 sagte mir dann Fischer/Tor-Programmchef Hannes Riffel, ich solle vergessen, was damals erzählt wurde, man habe so einiges geändert. Da dachte: »Oha, ob das was wird?«

Und es wurde. Schon der 75 Seiten lange erste Teil hat mich so richtig umgehauen. Mit einem so unerbittlichen Auftakt hatte ich nicht gerechnet. Danach normalisiert sich die Handlung um den Erzpriester Nandus, seinen rebellischen Sohn Milan und einige richtige Rebellen in der mediterranen Hafenstadt Dahlia, doch eine gewisse Kompromisslosigkeit bleibt der Geschichte erhalten. Erfrischenderweise hält sich die Magie über weite Teile des Buches noch zurück, so dass es vor allem um Diebe, Meuchelmörder und Spione geht, die in finstrer Nacht über Dächer schleichen, um Geheimnisse zu stehlen.

Das liest sich in den ersten zwei Dritteln fast wie ein historischer Roman, nur eben in unbekannten Gefilden und einem ganz interessant durchgemischten Weltenbau mit Anleihen bei den florentinischen Handelsfürsten wie der Medici in der frühen Renaissance und den Dogen von Venedig, dazu eine Brise chinesisch-mongolischer Einflüsse.

Im letzten Drittel schwächelt der Roman ein wenig. Ab dem Punkt, ab dem es mit den Mären so richtig losgeht (auf die ich hier aus Spoilergründen nicht weiter eingehen werde, erinnert aber ein wenig an die Kaltfeuer-Reihe von Celia S. Friedman), da verliert er für mich teilweise seine Ernsthaftigkeit, seinen bisher teils gnadenlosen Ton. Nicht, dass ich was gegen Humor einzuwenden hätte, aber die Art, wie der historische Realismus, mit dem Hennen bis dahin an die Geschichte herangegangen ist, gebrochen wird, ist für mich ein Bruch mit der Immersion, die die Geschichte für mich bisher so gut funktionieren lies. Nicht jener Teil in Arbora – der ist gut umgesetzt -, doch die Episoden an den Brücken und mit dem Wagen/Speer im Schwertwald (für jene, die das Buch schon gelesen haben).

In einem Interview bezeichnet Bernhard Hennen dies auch noch als seine Lieblingsszene, und für sich stehend ist die auch sehr witzig und der naive Riese sehr unterhaltsam, für mich hat es aber nicht zum Ton des restlichen Romans gepasst

Das trübt den Spaß an der Lektüre aber nicht wirklich, auch wenn die Geschichte gegen Ende etwas zerfasert wirkt, bekommt sie rechtzeitig den Bogen und fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild.

Im Herzen des Romans steht der Konflikt zwischen Vater und Sohn, also zwischen Nandus und Milan. Milan soll Erzpriester werden, ist auf seinen knallharten Vater, der ihm keine schöne Kindheit bescherte, nicht gut zu sprechen und begehrt gegen ihn auf (unter anderem indem er sich erst in eine Konkubine verliebt, dann in eine Rebellin) – teils mit drastischen Folgen. Ein zeitloses Thema, doch Bernhard Hennen spricht durchaus auch aktuelle Themen an, wie asymmetrische Kriegsführung, und wie man ihr begegnen soll, oder die Macht von Fake News und alternativen Fakten. Da es sich um eine Fantasyroman handelt, darf eine Prophezeiung aber natürlich nicht fehlen, ob diese jetzt unter Fake News fällt oder eher in den Bereich Zukunftsprognose, müsst ihr selbst herausfinden. Dem Roman merkt man jedenfalls an, dass er bis ins Details ausgezeichnet recherchiert ist und vieles aus der realen Welt und unserer Geschichte mit phantastischen Elementen mischt. Mir hat er so gut gefallen, dass ich tatsächlich versucht sein könnte, auch Band 2 zu lesen. Und mit Mehrteilern habe ich es ja inzwischen nicht mehr so.

Loben möchte ich an dieser Stelle auch noch die tolle Aufmachung mit einem effektiv genutzten und hübsch gestalteten Klappenbroschur, dem blauen Farbstich und der schicken Karte, so macht da Buch auch optisch im Regal was her.

Mein Lesejahr 2017

Hier die Liste der Bücher, die ich 2017 zu Ende gelesen habe. Ich habe sie (fast) alle mehr oder weniger lang auf diesem Blog besprochen, bin aber zu faul, 68 Links zu setzen. Ich verlinke nur jene, die ich in meinem Resümee unter der Liste gesondert erwähne. Den Rest findet man über die Suchfunktion ganz einfach. Bei Sammelrezis muss man manchmal etwas runterscrollen.

Januar

1. Bruce Springsteen – Born to Run
2. Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten
3. Anne Berrest – Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau
4. Didier Erebon – Rückkehr nach Reims
5. Oliver Plaschka – Marco Polo – Bis ans Ende der Welt
6. Ben Aaranovitch – Der böse Ort
7. Nathan Hill – Geister

Februar
8. Thomas Mullen – Darktown
9. Jiro Taneguchi – Vertraute Fremde
10. Kai Mayer – Die Krone der Sterne
11. Philip Pullman – Der goldene Kompass
12. Mats Strandberg – Die Überfahrt
13. Susan Brownrigg – Pages for you

März
14. Andrzej Sapkowski – Das Erbe der Elfen
15. Francois Sagan – Bonjour tristesse
16. Philip Reeve – Mortal Engines
17. H. P. Lovecraft – Der Fall Charles Dexter Ward
18. Caitlan R. Kiernan – Agents of Dreamland
19. Delphine de Vigan – No und ich

April
20. Harry Mulisch – Die Entdeckung des Himmels
21. Daryl Gregory – Afterparty
22. Charlie Jane Anders – Alle Vögel unter dem Himmel
23. Thomas Thiemeyer – Babylon
24. Allan Cole u. Chris Bunch – Die fernen Königreiche
25. Chris Cleave – Liebe in diesen Zeiten

Mai
26. Edouard Louis – Das Ende von Eddy
27. Hella Boerken – Paris-Spaziergänge: Die schönsten Streifzüge durch die französische Metropole
28. Jean-Christophe Grange – Herz der Hölle

Juni
29. Seth Dickinson – The Traitor Baru Cormorant
30. Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels
31. David Morrel – Der Opiummörder
32. William Finnigan – Barbarian Days: A Surfing Life
33. James Lee Burke – Blut in den Bayous

Juli
34. Kristin Hannah – Die Nachtigall
35. Joe R. Lansdale – Die Wälder am Fluss
36. Rebecca Hunt – Everland
37. Jean-Michel Guenassia – Eine Liebe in Prag
38. Michael Chabon – Telegraph Avenue

August
39. Thankmar von Münchhausen – Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800
40. Abir Mukherjee – Ein Angesehener Mann
41. Jay Kristoff – Nevernight: Die Prüfung
42. Virgine Despentes – Das Leben des Vernon Subutex
43. Philip Winkler – Hool

September
44. Lian Hearne – Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Insel)
45. Philip K. Dick – Blade Runner
46. Ethan Cross – Spektrum
47. Stephen Elliott – My Girlfriend comes to the City and beats me up
48. André Marx – Die ???: Das Geheimnis des Bauchredners
49. Volker Kutscher – Lunapark
50. Maigret, Berest, Mas, Diwan- How to be a Parisian
51. John Scalzi – Kollaps

Oktober
52. Adam Neville – The Ritual
53. William Blatty – The Exorcist
54. Don Winslow – Corruption
55. John Langan – The Fisherman

November
56. Candice Fox – Hades
57. Verena Maria Kallmann – Von Elise
58. Albert Sanchez Pinol – Pandora im Kongo
59. Stephanie Buttland – Ich treffe dich zwischen den Zeilen
60. Jesmyn Ward – Sing, Unburied, Sing
61. Barbara – Es war einmal ein schwarzes Klavier
62. Jean Paul Didierlaurent – Die Sehnsucht des Vorlesers

Dezember
63. Patrica Williams und Jeannine Amber – Rabbit: A Memoir
64. Angela Davis – An Autobiography
65. Jean-François Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel
66. Philip Pullman – Das magische Messer
67. Jeffery Deaver – Der talentierte Mörder
68. Leigh Bardurgo – Das Lied der Krähen

Resümee

68 Bücher habe ich im Jahr 2017 zu Ende gelesen, 2016 waren es nur 52. Ungebrochen war mein schon 2016 entstandenes Interesse an französischer Literatur, das mit einem einwöchigen Parisbesuch seinen Höhepunkt erlangte. 15 Bücher aus französischer Feder habe ich in deutscher Übersetzung gelesen, dazu zwei deutsche Sachbücher über Paris.

21 der Bücher wurden von Frauen geschrieben. 24 Bücher fallen unter Phantastik, darunter nur 5 Science-Fiction-Büchern. Ich hatte so ziemlich das ganze Jahr über keine große Lust auf Phantastik. Einiges davon habe ich nur gelesen, weil Fischer Tor mir die Bücher unaufgefordert geschickt hat und ich bei einigen davon doch neugierig wurde. Jene Bücher, die mich 2017 am meisten begeistert haben, fallen nicht unter Phantastik (oder nur im weiteren Sinne, wie z. B. Die Entdeckung des Himmels).

Harry Mulischs Jahrhundertroman wollte ich schon seit Langem lesen, hatte keine Ahnung, worum es überhaupt geht und wurde dann sehr positiv überrascht. Oliver Plaschkas historischer Roman Marco Polo: Reise ans Ende der Welt konnte bei mir einen Sense of Wonder und einen Abenteuergeist wecken, wie es keinem der phantastischen Bücher gelungen ist. Tief berührt hat mich Kirstin Hannahs Die Nachtigall, über zwei Schwestern, die den 2. Weltkrieg in Frankreich auf ganz unterschiedliche Weise erleben.

Nathan Hills Geister und Thomas Mullans Darktown werfen jeweils einen interessanten Blick auf spannende Epochen der amerikanischen Geschichte, und sind meisterhaft erzählt. Jiro Taneguchis Vertraute Fremde ist ein wunderbarer Manga über eine Zeitreise in die eigene Jugend und die Frage, was wir tun würden, wenn wir die Jugendjahre mit dem Wissen von heute noch einmal erleben könnten.

Über jene Jugendjahre schreibt auch der Boss Bruce Springsteen in seiner großartigen Autobiografie Born to Run ganz meisterhaft und atmosphärisch dicht. Deutlich bedrückender sind da die autobiografischen Bücher von Éduard Louis (Das Ende von Eddy) , Didier Erebeon (Rückkehr nach Reims) und Patricia Williams (Rabbit: A Memoir) ausgefallen, kämpferisch hingegen die von Angela Davis. Ich liebe Autobiografien von charismatischen Menschen, die interessante Leben geführt haben. Das dürfen dann auch mal ganz fröhliche Geschichten sein, wie die Surferautobiografie Barbarian Days: A Surfing Life von William Finnegan oder die unvollendeten Memoiren der französischen Sängerin Barbara.

Durchweg stark fand ich alle historischen Romane, die ich 2017 gelesen habe, neben den schon erwähnten von Oliver Plaschka und Kirstin Hannah, auch Der Opiummörder von David Morrel, Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel von Jean-François Paro, Die Wälder am Fluss von Joe R. Lansdale, Lunapark von Volker Kutscher, Pandora im Kongo von Albert Sanchez Pinol, Eine Liebe in Prag von Jean-Michel Guenassia, Liebe in diesen Zeiten von Chris Cleave, Ein Angesehener Mann von Abir Mukherjee und Everland von Rebecca Hunt. Ja, der historische Roman scheint sich, neben den Autobiografien, zu einem meiner Lieblingsgenres zu entwickeln.

Während bei der Phantastik momentan etwas Flaute herrscht. Besonders begeistern konnte mich eigentlich nur Philip Reeves Mortal Engines, ein toller postapokalyptischer Jugendroman mit riesigen Raubtierstädten auf Rädern. Das Erbe der Elfen von Andrzej Sapkowski war ziemlich gut, wenn auch für einen Roman noch etwas zu episodenhaft. Die große Überraschung war für mich Alle Vögel unter dem Himmel von Charlie Jane Anders, das hatte mich eigentlich gar nicht interessiert, doch dann lag es im Briefkasten, ich las in die ersten Seiten rein und konnte dann gar nicht mehr aufhören. Eine tolle Mischung aus Fantasy und Science Fiction, die viel zu wenig Beachtung hier in Deutschland erhalten hat.

In der Science Fiction konnten mich jetzt weder Die Krone der Sterne von Kai Meyer noch Kollaps von John Scalzi groß vom Hocker hauen. Einzig der Reread von Philip K. Dicks Blade Runner brachte meine Augen zum Funkeln. In der klassischen Fantasy gab es mit Das Lied der Krähen von Leigh Bardurgo und Nevernight von Jay Kristoff zwei sehr gute Romane, bei denen mir das gewisse Ewas aber noch gefehlt hat. Ein originelles Setting bot Lian Hearn Die Legend von Shikanoko, die auch noch toll erzählt ist.

Im Bereich Horror stach John Langans The Fisherman hervor. Bei den Thrillern natürlich James Lee Burke mit Blut in den Bayous, während Jeffery Deaver und Don Winslow mit ihren neun Werken etwas schwächelten und nur oberen Durchschnitt ablieferten.

Bei der zeitgenössischen Literatur ragte vor allem Michael Chabon mit Telegraph Avenue hervor, aber auch Delphin de Vigan (No und ich) und Virgine Despentes (Das Leben des Vernon Subutex) brauchen sich hinter ihrem amerikanischen Kollegen nicht zu verstecken.

Deutsche Autoren sind nur 8 auf der Liste zu finden. Besonders erwähnen möchte ich da Verena Maria Kallmanns Von Elise und mein Sachbuch des Jahres: Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800 von Thankmar von Münchhausen. Wie man sieht, mit deutschen Autoren habe ich es nicht so, vor allem, wenn deren Bücher auch in Deutschland spielen. Mich interessiert eher die Ferne. Philip Winklers Hool war ganz nett, mir insgesamt aber zu oberflächlich und knapp. Da merke ich gerade, dass ich mit Reeve, Pullman und Winkler gleich drei Philips gelesen habe.

Unter den 68 Büchern befanden sich übrigens nur 11 E-Books, was mein Vorhaben, das Wachstum meiner Büchersammlung zu beschränken, doch stark untergräbt. Ich musste dieses Jahr auch noch ein weiteres Bücherregal anbauen, das inzwischen auch schon wieder ganz gut gefüllt ist. Damit ist aber jetzt auch der letzte freie Platz erschlossen, was bedeutet, dass ich versuchen werde, 2018 mehr E-Books zu lesen und weniger Bücher zu kaufen. Was heißt, dass ich wieder mehr englischsprachige Bücher lesen werde, denn bei deutschen Verlagen sind mir die E-Books im Verhältnis zur Printausgabe meist zu teuer.

Ausblick auf 2018

Gerade gelesen habe ich mit Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann eines meiner Weihnachtsgeschenke, ansonsten werde ich mich vor allem auf afroamerikanische Literatur (vor allem von Frauen) und Bücher über die afroamerianische Geschichte konzentrieren. Dazu noch ganz viel über New York. Wie man sieht, ist mein Fokus inzwischen von Frankreich hinüber in die USA verrutscht. Inzwischen habe ich mit Nnedi Okorafors Who Fears Death begonnen (das wir hier im Lesezirkel des SF-Netzwerks besprechen), N. K. Jemisins The Broken Earth wartet auch schon auf dem Kindle, daneben sind schon Toni Morrison und Octavia Butler geplant. Also durchaus auch Phantastik.

„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

Während ich gerade den Rückblick auf mein Lesejahr 2017 verfasse, stelle ich fest, dass deutschsprachige AutorInnen kaum unter den 68 Büchern vertreten sind (nur 8, und davon spielt nur ein Buch im Deutschland der Gegenwart). Es zieht mich literarisch wohl eher in die Ferne, in ferne Länder, ferne Zeiten und ferne Welten. Passend zu dieser Erkenntnis habe ich gerade Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky gelesen – ein Roman, der im Westerwald spielen soll, also direkt bei mir vor meiner Haustür.

Aber so ganz stimmt das nicht, zwar wird ein paar Mal erwähnt, dass die Handlung im Westerwald stattfände, doch bei mir regt sich der Verdacht, dass die Autorin einfach die erstbeste Region, die ihr eingefallen ist, als Handlungsort gewählt hat. Regionale Bezüge gibt es überhaupt nicht, könnte auch in der Eifel oder im Taunus spielen. Alle Figuren sprechen lupenreines Hochdeutsch, das Dorf heißt einfach Dorf, die Kreisstadt einfach Kreisstadt. Einzig die „Uhlheck“ könnte als Platt durchgehen.

Nun bin ich gar kein Fan von Regionalkrimis und Büchern, in denen die Handlung nur Kulisse für regionale Bezüge darstellt, die ortsansässige (oder urlaubswütige) LeserInnen in Verzücken setzen sollen, doch gekauft habe ich mir dieses Buch dann doch, weil es eben im Westerwald spielt. Doch das tut es nicht wirklich, vielmehr spielt es in einer nicht ganz so fernen Parallelwelt, die unserer Zeit leicht entrückt oder zumindest verschoben scheint, in der die Uhren und Menschen etwas anders ticken. Einzig Japan, Sibirien und Alaska bieten konkrete Ortsangaben, wenn der reissüchtige Vater mal wieder über eine schlechte Leitung anruft, um sich nach dem Wohlbefinden des Hundes Alaska zu erkundigen.

Nachdem die erste Enttäuschung überwunden war und der etwas sperrige Einstieg in die Geschichte gemeistert (Leky beginnt das Buch gleich mit den kompliziertesten und komplexesten Sätzen), habe ich richtig Gefallen an diesem kleinen Kammerspiel gefunden, bei dem ich mir die Häuser stellenweise so auf dem Boden aufgemalt vorgestellt habe, wie in Lars von Triers Dogville.

Erzählt wird die Geschichte von Luise, die über alles Bescheid weiß und in dem Dorf unter der Obhut ihrer Großmutter Selma (die wie Rudi Carell aussieht, was aber lange keiner merkt) und des Optikers (der wie der Optiker aussieht, was alle sofort merken) aufwächst, während ihr Vater infolge einer Psychoanalyse versucht, die Welt hereinzulassen und gleich von ihr fortgerissen wird, und ihre Mutter vom Eiscafébetreiber Alberto eingelassen wird und sich ansonsten ganz ihren Blumenkränzen widmet.

Eine idyllische Welt, durch die ein Hauch magischer Realismus weht; fast eine heile Welt, wenn Selma nur nicht vom Okapi träumen würde. Denn immer wenn sie davon träumt, stirbt innerhalb von 24 Stunden jemand, und auch ansonsten gibt es Unfälle, Unglücke, geladene Gewehre, einbrechende Böden und schlechte Laune.

Es gibt ja diese vielzitierte afrikanische Weisheit, dass es ein ganzes Dorf benötigen würde, um ein Kind aufzuziehen. Und so wird Luise auch von der abergläubischen Elsbeth, dem Einzelhändler, dem versoffenen Palm und der depressiven Marlies (in die ich mich direkt verlesen habe, so viel schlechte Laune finde ich ganz charmant) erzogen. Und wozu sollte man bei einer so schrulligen aber liebenswürdigen Dorfgemeinschaft noch die Welt hereinlassen, da ist die nächste Kreisstadt doch schon aufregend genug.

Mir hat das Buch gut gefallen, aber die höchste Begeisterungsstufe konnte es nicht erzeugen, dafür hat mir etwas gefehlt, dass ich nicht so ganz genau definieren kann. Vermutlich lag es am etwas holprigen Einstieg, dafür entwickelt es am Ende eine tolle Dynamik und steckt voller kluger und schöner Sätze. Der Humor kommt knochentrocken daher, mit wunderbarer Ironie für alle Lebenslagen, von der auch zukünftige Generationen noch zehren können.

Und die tollen Figuren nicht zu vergessen, allen voran Selma und der Optiker, dem schönsten auf-das-sie-sich-ewig-nicht-kriegen-und-doch-schon-haben-Paar seit Mulder und Scully. Mariana Leky verleiht diesen Personen eine Tiefe, die manch einem Leser vor lauter Finesse und Feinsinn entgehen könnte, wenn es mit der eigenen Empathie ein wenig hapert. Doch wenn man diese kleine schrullige Welt hereinlässt, wird man mit einer Geschichte aus dem Leben belohnt, dass man vielleicht nicht selbst leben möchte, dem man aber mit Freude beiwohnt. Die Welt per Bücher hereinzulassen ist auch viel bequemer, als selbst hinauszuziehen. Außerdem kann man sich manch verborgenen und unangenehmen Wahrheiten schon mal auf Probe stellen und testen, ob sie einem selbst ein Bein stellen.

So, und jetzt haut ab und lasst mich in Ruhe, hier wartet eine Dose Erbsen auf mich und meine Buchempfehlungen sind sowieso alle scheiße. 😉

P. S. mit Mon Chéri kann man mich jagen, aber an Weihnachten gab es bei uns eine ganze Torte voll damit. Für mich gab es aber Rehrücken – gebacken, nicht geschossen.

P.P.S. sehr gefreut habe ich mich übrigens über das Lesebändchen, das zum Glück nicht lang genug ist, dass man sich daran erhängen könnte.

Meine Lektüre Dezember 2017

Patrica Williams und Jeannine Amber – Rabbit: A Memoir

 

Hier die englischsprachige Besprechung dieser beeindruckenden Autobiografie eines Mädchens, das in Verhältnissen aufwuchs, die auf uns hier in Deutschland fast unvorstellbar wirken (und das schreibe ich als Sozialpädagoge, der schon mit heftigsten Fällen konfrontiert wurde).

Angela Davis – An Autobiography

Faszinierende Autobiografie einer afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivistin und Kommunistin, die die Black Panther Party mitgegründet hat und in Frankfurt bei Adorno und Habermas studierte (hätte bei Adorno promovieren können, wollte aber zurück in die USA, um in der Bewegung aktiv zu werden). Vor allem aber ein Buch darüber, wie die amerikanische Justiz versucht, politische Aktivisten mit an den Haaren herbeigezogenen Anklagen zu schikanieren. Davis‘ Prozess fand Anfang der 1970er statt, die Parallelen zu den aktuellen J20-Prozessen sind erschreckend. Es scheint sich tatsächlich nicht viel geändert zu haben. Teilweise sind die Schilderungen der jungen Angela Davis (sie war 28, als sie das Buch schrieb) stark ideologisch geprägt und wirken etwas naiv (vor allem in Bezug auf Kuba), aber ihre Schilderungen der Untersuchungshaft (Jail) – nicht zu verwechseln mit dem Gefängnis (Prison) – gehen unter die Haut. Stilistisch klar und elegant formuliert (lektoriert von Toni Morrison). Eine ausführliche Besprechung folgt vermutlich noch.

Jean-François Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel

Atmosphärisch dichter historischer Krimi im Jahre 1761, über einen jungen Ermittler, der zunächst nur nach einer vermissten Person sucht, dann aber in einen Mordfall und politische Intrigen verstrickt wird. Besonders interessant, weil es einige Jahrzehnte vor den revolutionären Änderungen der Kriminalistik durch Eugène François Vidocq spielt. Die Übersetzung von Michael von Killisch-Horn liest sich ausgezeichnet. Allerdings hätte dem Buch ein weiterer Korrektoratsdurchgang sehr gut getan.

Philip Pullman – Das magische Messer

Nach Der goldene Kompass mein zweiter Pullman-Reread. Anders, als beim ersten Teil der Trilogie, konnte ich mich hier an absolut nichts erinnern. Insofern fand ich es sehr spannend, wie hier zwischen den Welten gewechselt wird. Ein kurzes Buch, kompakt und auf den Punkt geschrieben, ein typischer Mittelband, der auf das große Finale vorbereitet. Übersetzt von Wolfram Ströle.

Jeffery Deaver – Der talentierte Mörder

Der zwölfte Band der Reihe um das ungewöhnliche Ermittlerduo Lincoln Rhymes und Amelie Sachs. Die Bücher sind immer nach dem gleichen Schema, mit ähnlichen überraschenden Wendungen aufgebaut, die vor allem daraus bestehen, dass Deaver dem Leser an entscheidenden Stellen Wissen vorenthält. Bisher haben die Bücher für mich trotzdem ausgezeichnet funktioniert, doch dieses Mal scheint die Luft ein wenig raus zu sein. Es fehlt vor allem an Spannung, und die war bisher immer der wichtigste Teil der Bücher. Der eigentliche Fall plätschert so vor sich hin, während sich Rhymes und Sachs einer persönlichen Krise widmen und Deaver noch einige Nebenstränge einführt, die nichts mit dem Hauptfall zu tun haben. Die Themen um Computermanipulationen und Datensammlung gab es auch schon in den Vorgängern. War ganz okay, aber für mich der bisher schwächste Band der Reihe. Die Übersetzung von Thomas Haufschild kam mir, wie schon bei den vorangegangenen Bänden, stellenweise etwas altbacken vor.

Leigh Bardurgo – Das Lied der Krähen (übersetzt von Michelle Gyo)

Heist-Fantasy in einem industriellen Setting mit Gewehren, Panzern, Börsenhandel und ähnlichen Errungenschaften. Gar nicht so spannend, da der eigentlich Einbruch über weite Strecken zugunsten der ausführlichen Charakterisierungen der sechs Hauptfiguren in den Hintergrund rückt, was zu sehr langen und zahlreichen Flashbacks führt, die aber nicht wirklich stören, weil wir dadurch Figuren mit Tiefe erhalten. Toller Weltenbau, wobei mir der Einbruch in das Gefängnis stellenweise etwas zu schnell und glatt über die Bühne geht. Trotzdem habe ich mich an keiner Stelle gelangweilt und mich über das erfrischend moderne Setting gefreut.

Warnung: Was der Verlag auf dem Buch verschweigt, ist, dass es sich nicht um einen abgeschlossenen Einzelroman handelt, sondern, nach dem was, ich habe in Erfahrung bringen können, um einen Zweiteiler, dessen erster Band mit einem kleinen Cliffhanger endet.Teil 2 soll wohl 2018 erscheinen.

Spielt in der gleichen Welt, wie die bereits erschienene Grisha-Trilogie, aber einige Jahrhunderte später, wenn ich das richtig verstanden habe. Auch das wird auf dem ansonsten wunderschön, in krähenschwarzer Färbung gestalteten Buch nicht erwähnt.

Ein wenig gestolpert bin ich über die englischen Spitznamen wie Big Bolliger oder Dirtyhands in der deutschen Übersetzung, obwohl das Buch in einer Welt spielt, in der eindeutig kein Englisch gesprochen wird. Stimmiger wäre es gewesen, die auch zu übersetzen. Wobei mir für Dirtyhands bis her noch nichts Passendes eingefallen ist. 😉

„Rabbit: A Memoir“ by Patricia Williams and Jeannine Amber

Trigger Warning: Please excuse my bad English, I’m hopelessly out of practice. 😉

For his now well known study Gang Leader For A Day sociologist Sudhir Venkatesh went into the projects of Chicago and asked some gang members: „How does it feel to be black and poor?“ What he really asked (in this suicidal attempt) was: „How does it feel to be black, poor and male?“.

In his recent article for the New Yorker Jim DeRogatis asked: „Why Has R. Kelly’s Career Thrived Despite Sexual-Misconduct Allegations?“

One of the answers lies in the skin color of his victims. For the Washington Post Karen Attiah said: „As long as black women are seen to be a caste not worthy of care and protection, his actions will not receive widespread outcry …“

In her autobiography (that I am currently reading) Angela Davis describes a jail in New York where ninety percent of the female inmates where blacks or Puerto Ricans, due to a bail system designed for the white and wealthy.

Patricia Williams a.k.a. Rabitt a.k.a. Ms Pat was thirteen when she got pregnant by an adult. She conceived her second child by the same father at the age of fifteen. She grew up in ghetto in Atlanta under circumstances people not living there wouldn’t believe. Her grandfather runs an illegal liquor house, where the whole family lives. Her mother instructs her to steal, and every family member does something criminal for living. To survive, to feed her children, she starts selling crack.

When people like me, white privileged outsider, think about the ghetto, we think of TV shows like The Wire, we think of young gangsters dealing crack and killing each other in drive-by shootings. What we don’t see are the black girls and women that grew up and live in all this violence, in all this poverty, without finishing school, without proper jobs. To us they are invisible.

This is how Rabbit felt all those years. This is why she was looking for a way out of the hood The reason she finally went on stage and became a comic. There she talks about her life, not in way that generates pity, but in way that makes people laugh.

The book was written by Jeannine Amber, because Patricia Williams is according to her own statement not an author. But she definitely knows how to tell a heartbreaking story full of tragedy in an entertaining way with a lot of hope between the lines. And Amber was the right person to put this story in a book.

I am more than amazed, how important family was for this young women, still a child herself, but already taking care of several other children, who were not all her own. But they were family, and so she took care of the four daughters of her drug-addicted sister, without hesitating for a second.

This iron will to do what has to been done, might be one of the reasons, she made it out of the hood, into a normal life, with a husband, a regular job, and a career as a comic. Another reason could be her business sense, doing the dealing the right way, in a sense of make a profit out of it from the beginning. And last but not least she did not take drugs herself. On top of all that she also had help from people who believed in her (like her husband), who stayed with her, even when she had a setback and times where getting harder.

Although this story depicts mostly in the 90s, sometimes you can find subtle comments on the present. For example, when Hood, the owner of the laundromat says „at least we have Bill Cosby“, after a rant about negative example of former black idols like Mike Tyson.

Well Patricia Williams, you are not invisible any more, you are not unheard anymore. Even here in Germany I can see and hear you. And albeit of those tragic circumstances and life stories, that surrounded and crossed your way out of the shadows, you made me laugh a lot. Most of the women, who would need the encouragement and example displayed in this book, won’t be able or willing to read it. Still I hope it will inspire many.

On her homepage you can find some of her appearances and more information. I got curios about the book by this review in the New York Times.

If you are interested in a positive view on black communities in the USA, take a look at the Photographs of Jamel Shabazz.

Song for the book (cause it summarizes its content pretty good):

Meine Lektüre November 2017

Candice Fox – Hades

Auf cool getrimmter australischer Thriller mit interessanten Hauptfiguren, den ich aber nicht ganz spannend und tiefgehend empfunden habe wie mancher Feuilletonrezensent. Aber interessant, mal einen Thriller aus Australien zu lesen, der auch dort spielt. Übersetzt von Anke Caroline Burger.

Verena Maria Kallmann – Von Elise

Seit dem Harry Potter-Band mit Dolores Umbridge war ich während der Lektüre nicht mehr so durchgehend auf 180 wie bei diesem Roman, der auf bewegende, teils aber auch kitschige Weise aus dem Leben zweier Frauen erzählt, denen Musik fast alles bedeutet. Geschickt verbindet die Autorin eine Gegenwartshandlung um die Violonistin Valerie, die in Paris unter einer tyrannischen Konzertmeisterin zu leiden hat, mit den Tagebucheinträgen ihrer Vorfahrin Elise, die ihren Mann im Ersten Weltkrieg verloren hat. In schlichtem aber elegantem Stil verfasst, manchmal ein wenig zu viel des Guten, was schicksalshafte Fügungen und Zufälle angeht, aber was soll’s ich stehe darauf, wenn es etwas kitschig und rührselig wird.

Albert Sánchez Piñol – Pandora im Kongo

Ähnliche furiose Räuberpistole wie Felix J. Palmas (auch ein Spanier) Die Landkarte der Zeit, dabei eine tolle (aber auch kritische) Hommage an die Schundliteratur des frühen 20. Jahrhunderts. Toll geschrieben, toll übersetzt (von Charlotte Frei). Erzählt einerseits eine tolldreiste Abenteuergeschichte im Kongo, andererseits die Leiden eines jungen Groschenheftautoren, der irgendwann im Ersten Weltkrieg landet und epische Schlachten mit einer panzerlosen Schildkröte führt.

Stephanie Buttland – Ich treffe dich zwischen den Zeilen

Dachte erst, das wird so ein oberflächlicher Hippsterroman, doch dann entwickelt sich die Geschichte um die junge Loveday, die beim kauzigen Archie im Antiquariat arbeitet, zu einer bewegenden Familiengeschichte ohne den üblichen Kitsch. Solide geschrieben und gut übersetzt von Maria Hochsieder-Belschner

Jesmyn Ward – Sing, Unburied, Sing

Packendes Unterschichtenporträt in den Südstaaten der USA, das gerade den National Book Award gewonnen hat. Vor allem sprachlich ein Fest, mit tollem Slang der Ich-ErzählerInnen. Verbindet den Rassismus des amerikanischen Justizsystems nach dem Zweiten Weltkrieg mit den aktuellen Lebensverhältnissen der Nachfahren. Geister spielen auch eine Rolle, aber keine gruselige, mehr eine metaphorische.

Barbara – Es war einmal ein schwarzes Klavier … unvollendete Memoiren

Wer sich für das französische Chanson interessiert (wie ich z. B.), kommt an dieser fragmentarische, aber teils trotzdem sehr detailreichen Autobiografie einer faszinierenden Frau nicht vorbei. Liest sich in der Übersetzung von Annette Casasus sehr elegant.

Jean-Paul Didierlaurent – Die Sehnsucht des Vorlesers

Liest sich sehr, als hätte der Autor versucht, die fabelhafte Welt einer männlichen Amelie zu erschaffen (es gibt sogar einen Goldfisch, der suizidal aus seinem Behälter springt; und durch ein gefundenes Objekt – USB-Stick statt Fotoalbum – angeregt, begibt sich der Protagonist auf die Suche nach einer potenziellen Liebe). Das liest sich stellenweise ganz nett, weil er ein paar gute Ideen hat, für mich passt es in der Summe aber nicht wirklich zusammen. Die Herzlichkeit, die Schrulligkeite, das wirkt alles sehr aufgesetzt. Die 222 Seiten der deutschsprachigen Ausgabe sind dank doppeltem Zeilenabstand und vielen Seitenumbrüchen eher eine gestreckte Novelle, der aber die kompakte Stimmigkeit fehlt. Übersetzt von Sonja Finck.