Kurzkritiken zu meiner Lektüre der letzten Wochen (Oktober 2019)

Da ich am 28. August ganz planmäßig ein neues Kreuzband ins linke Knie eingesetzt bekommen habe (siehe hier), hatte ich, und habe aktuell auch immer noch viel Zeit zum Lesen. Vor allem, da ich mehrmals täglich auf eine motorisierte Bewegungsschiene muss, die das Bein mit wahnsinniger Geschwindigkeit auf und ab fährt. Was mit dem richtigen Buch aber überhaupt nicht langweilig ist.

Neun Bücher, und nur eines von einer Frau. Das hat sich so ergeben, da mich einige dieser Bücher thematisch gerade besonders interessiert haben (Wie später ihre Kinder, Mondsplitter und Der Schattenprinz), sie mir auf Twitter empfohlen wurden und mir genau richtig für die OP erschienen (Sally Jones), oder sie mir zufällig ins Haus flatterten (Zwei Sekunden, Die kleine Inselbuchhandlung und Frida Kahlo durch meine Mutter; Die Frau vom Musée d´Orsay durch ein Gewinnspiel).

Nicolas Mathieu – Wie später ihre Kinder (übersetzt von Lena Müller und André Hansen)

Gelungenes und vielschichtiges Porträt über eine Jugend im ländlichen Frankreich während der 1990er. Genau mein Jahrzehnt, habe vieles wiedererkannt. Mit Figuren, die interessante Entwicklungen durchmachen. Sprachlich eher dezent, nicht so aufsehenerregend, wie manche Rezensionen suggerieren.

Jakob Wegolius – Sally Jones: Mord ohne Leiche (übersetzt von Gabriele Haefs)

Eine Gorilladame als Schiffsmaschinistin, die ihren Chef aus dem Gefängnis boxen will, der dort unschuldig für einen Mord sitzt, den es gar nicht gegeben hat. Ein Vorhaben, das sie von Portugal bis nach Indien führt; von melancholischen Sängerinnen, die ein ganzes Gefängnis verzücken, grummeligen Instrumentenbauern, unter deren harter Schale sich ein weicher Kern befindet; und polyamurösen Maharadschas, die ihre wahre Liebe in der Fliegerei finden. Ein kluges, herzliches und auch immer wieder abenteuerliches Jugendbuch, mit liebevollen Figuren und schurkischen Schurken. War für mich genau die richtige Lektüre für die Stunden und Tage nach meiner Knie-OP, aufgrund der einfachen, aber schönen Sprache und der großen Schrift. Und genau das Richtige, um sich vom Krankenbett aus auf Abenteuerreise zu begeben.

P. S. Der Carlsen Verlag hätte ruhig auf dem Buch erwähnen können, dass es mit Sally Jones: Eine Weltreise in Bildern ein Vorgängerbuch gibt, in dem die Herkunft von Sally erzählt wird. Auch wenn das inzwischen vergriffen ist.

David Gemell – Der Schattenprinz (übersetzt von Irmhild Seeland)

Gemell ist so was wie der Heilige Gral der Heroic Fantasy, der das He in Heroic brachte. Mit Helden, die Heldenhaftes tun, weil sie Männer sind. Eine Verkürzung, mit der ich David Gemell aber Unrecht tun würde, denn seine Bücher sind mehr als nur romangewordene Frank-Frazetta- oder Luis- Royo-Bilder. Neben den Männern werden auch die Frauen deutlich vielschichtiger und ambivalenter dargestellt und agieren ebenso wehrhaft und heldenhaft. Wobei Gemells Heldentum ein zweischneidiges Schwert ist, für das die von den Helden geretteten einen hohen Preis zu zahlen haben.

Jack McDevitt – Mondsplitter (übersetzt von Thomas Schichtel)

Spektakuläres, aber nie reißerisches Katastrophenszenario über die Zerstörung des Mondes und deren Folgen für die Erde. McDevitt entwirft ein breites Panorama, in einem für ihn eher ungewöhnlich dicken Buch, bleibt seinem unaufgeregten Erzählstil aber treu, ohne dabei Spannung einzubüßen. Die Übersetzung könnte allerdings mal eine gute Überarbeitung gebrauchen.

Janne Mommsen – Die kleine Inselbuchhandlung

Nettes kleines Buch, das in seichten Gewässern auf eine Nordseeinsel schippert, wo die Protagonistin ihre Midlife-Crisis nutzt, um ihren alten Job als Flugbegleiterin zu kündigen und eine Inselbuchhandlung zu eröffnen – und natürlich muss sie sich zwischen zwei Männern entscheiden. Es pilchert sehr in diesem Roman, aber auf so charmante Art, dass es mich nicht gestört hat. Und bei Büchern, in denen es um Buchhandlungen geht, kann ich sowieso nicht widerstehen.

Frederik Backman – Kleine Stadt der großen Träume (übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg)

Erzählt von einer kleinen Stadt in Schweden, die sich ganz dem Eishockey verschrieben hat und all ihre Hoffnungen auf die Jugendmannschaft setzt, die es ins Halbfinale geschafft hat. Ähnlich wie sein Vorbild Stephen King inszeniert Backman ein umfassendes Porträt der Stadt mit ihren unterschiedlichen Bewohnern, wobei ihm ganz wunderbare und originelle Figuren gelingen, deren Schicksal unter die Haut geht. Mit magischen Erzählmomenten, die manch Purist als Trickserei (z. B. mitttels Foreshadowing) bezeichnen würde, die den Autor aber aus der Masse herausstechen lassen und diesen Roman zu etwas Besonderem machen.

P. S. für das »Kleine« im Titel war die Taschenbuchausgabe wohl zu klein.

P.P.S. mit Wir gegen Euch ist bereits die Fortsetzung im Hardcover erschienen

Christian von Ditfuhrt – Zwei Sekunden

Eigentlich ein rasanter Politthriller mit originellem Ermittlerteam und überraschenden Wendungen, der aber trotz des rasanten Tempos einige unnötige Längen und Wiederholungen aufweist, die den Genuss der Lektüre allerdings nur leicht beinträchtigen. Das Ende hingegen wirkt etwas überstürzt, als hätte der Autor plötzlich festgestellt, dass der Abgabetermin vor der Tür steht, er aber eigentlich noch mehr Zeit bräuchte.

Carolin Bernard – Frida Kahlo und die Farben des Lebens

Wunderbares Buch über das Leben, die Kunst und die Liebe von Frida Kahlo, das sich vor allem auf ihre interessante und ungewöhnliche Beziehung zu ihrem Mann Diego Rivera konzentriert. Insgesamt vielleicht etwas knapp ausgefallen, aber ein schöner Einstieg, wenn man sich für Frida Kahlo und ihre Kunst interessiert.

David Foenkinos – Die Frau vom Musée d´Orsay (übersetzt von Christian Kolb)

Bewegende Geschichte über einen Mann, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, der sein altes Leben aufgibt und eine Auszeit braucht, um sich dem Drama stellen zu können, dem die ganze Geschichte zu Grunde liegt. Wobei er eigentlich nur eine Nebenrolle spielt, in einer Geschichte über eine junge Frau und ein Verbrechen. Foenkinos Stärke sind die Beschreibungen der Gefühlsnuancen in den Beziehungen der Figuren untereinander, seine Schwäche ist, dass er es mit den Beschreibungen übertreibt und zu sehr zum auktorialen Erzähler wird, obwohl dies gar nicht notwendig ist, was der Geschichte ein wenig ihre Eleganz nimmt.

„The Borrowed“ von Chan Ho-Kei (übersetzt von Jeremy Tiang)

Schon seit meiner Kindheit bin ich Fan des Hongkong-Kinos. Angefangen hat es mit Jackie Chan und weiteren Martial-Arts-Filmen aus dem Hause Shaw Brothers. Bald folgten Fantasyfilme wie a Chinese Ghost Story und ähnliche Werke aus dem Dunstkreis von Tsui Hark sowie die knallharten Actionfilme von John Woo und Co. Doch so richtig entflammt wurde diese Liebe zu Hongkong erst durch die Filme von Wong Kar-Wai, als ich 1996 im Alter von 16 Jahren Fallen Angels sah, gefolgt von Chungking Express, As Tears Go By und meinem Lieblingsfilm von Wong: Days Of Being Wild, in dem Kameramann Christopher Dolye das Hongkong der 60er Jahre in so betörend schönen Bildern einfängt.

Dementsprechend war ich natürlich sofort Feuer und Flamme, als ich von Chan Ho-Kei The Borrowed las, das nicht nur ein genialer Krimi sein soll, sondern auch ein breites Panorama von Hongkong seit dem Zweiten Weltkrieg zeichnet. Und das tut es. In sechs Episoden wird aus dem Berufsleben des genialen Polizeiermittlers Inspector/Superintendend Kwan, der in der ersten Geschichte einen Fall löst, obwohl er im Koma liegt. Dieser Episode merkt man an, dass sie vom cleveren japanischen Krimi á la Keigo Higashino beeinflusst ist. Von da an macht Autor Chan dann Sprünge in die Vergangenheit, um jeweils entsprechende und besonders herausstechende Stationen aus Kwans Berufsleben, die sich stilistisch stark unterscheiden, aber immer sehr klug konstruiert sind und viel Einblick in das gesellschaftliche Leben Hongkongs liefern.

Die Perspektive wechselt, nicht immer weiß man gleich, aus welcher Perspektive die jeweilige Geschichte erzählt wird, oft benutzt Chan auch die auktoriale Erzählebene. Bei den überraschenden Wendungen geht er ähnlich wie Jeffrey Deaver vor: Lange gaukelt er der Leserin vor, sie würde der Perspektive des Ermittlers vollständig folgen und alles wissen, was er weiß. Entscheidende Informationen lässt er dann aber geschickt aus, damit der Ermittler am Ende und auch auf Etappen zwischen durch, überraschende Erkenntnisse und schließlich die Lösung präsentieren kann.

Doch nicht jede Episode folgt dem klassischen Ermittlungsprinzip. Einmal wird ein Kind entführt und es entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nichts ist, wie es scheint. Ein anderes Mal überwacht die Polizei ein Hochhaus, in dem sich die meistgesuchten Gangster Hongkongs aufhalten, was schon fast zu einem Belagerungsszenario führt, wie in Johnie Tos Breaking News. Und in der letzten Episoden geht es um politische Unruhen im Hongkong der 1960er-Jahre, als viele Kommunisten (von China gestützt) gegen die britische Kolonialmacht aufbegehrten und es für die Polizei Bombenanschläge zu vereiteln gilt.

All die Episoden sind – mal abgesehen vom Ermittler Kwan – geschickt lose miteinander verknüpft, manche Personen treten häufiger auf, andere nur ein, zweimal, aber mit großer Wirkung, die sich vor allem auch dadurch entfaltet, dass die Episoden eben in umgekehrter chronologischer Reihenfolge erzählt werden.

The Borrowed biete einen faszinierenden und spannenden Einblick in die Geschichte Hongkongs von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart, und ist nebenbei auch ein verdammt cleverer Krimi mit denkwürdigen und charmanten Figuren. Die Filmrechte hat übrigens Wong Kar-Wai erworben.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Das Auge von Hongkong erschienen (dabei lautet Kwans Spitzname »Eye of Heaven«), leider nur in der Übersetzung der englischen Übersetzung von Jeremy Tiang. Und da ich nicht so auf Übersetzungs-Stille-Post stehe, habe ich mir die englische Fassung gekauft.

Eigentlich sollte diese Besprechung noch ausführlicher werden, da ich mir aber Anfang der Woche einen Korbhenkelriss im Meniskus zugezogen habe und momentan nur bedingt einsatzfähig bin, nutze ich die wenige Zeit am Computer aktuell für meinen Brotjob. Weshalb es hier auf dem Blog in den nächsten Wochen weiterhin ziemlich ruhig bleiben könnte.

„Becoming“ von Michelle Obama

Im Vorwort lässt Michelle Obama ein wenig ihr bisheriges Leben Revue passieren, bis hin zu der Erleichterung, die sie empfunden hat, nachdem ihr Mann aus einem hohen politischen Amt ausschied. Endlich mal wieder allein im Haus, barfuß rumlaufen, sich in den Garten setzen, ein Fenster aufmachen, um frische Luft reinzulassen, ohne dass gleich der Secret Service am Rad dreht. Man kann sich gut vorstellen, wie sie mit einem erleichterten, aber sicher auch wehmütigen Seufzer – angesichts des Nachfolgers ihres Mannes – vor dem Schreibtisch saß und begann, ihre Memoiren zu schreiben. Das Vorwort setzt die Stimmung, mit der sie auf ihr bewegtes, bisheriges Leben zurückschaut.

Los geht es mit der Kindheit in Chicago, den Eltern aus der Mittelschicht, die statt Regeln, auf den gesunden Menschenverstand ihrer Kinder setzten. Es muss eine schöne Kindheit gewesen sein, mit so lockeren und offenen Eltern aufzuwachsen, wäre da nicht die MS-Erkrankung ihres Vaters, die das Ganze ein wenig trübt. Von Anfang an schimmert ein unbändiger Ehrgeiz bei Michelle Obama durch, besser oder zumindest genau so gut zu sein, wie ihre Mitschüler und in die Fußstapfen ihres großen Bruders zu treten, der in Princeton studierte.

All das schreibt sie in klarer und präziser Sprache, mit einem unterschwelligen Humor, z. B. wenn sie schildert, wie sie auf Drängen ihres Bruders Feuerschutzübungen durchführen, als hätte Zwangsneurotiker Adrian Monk die Pläne dafür entworfen.

Sie wächst insofern privilegiert auf, dass sie aus einer intakten Familie kommt, die sich gegenseitig unterstützt und fördert. Keine Familie reich an Geld, aber reich an Wärme. Kontakt zur Politik bekommt sie schon früh, durch ihre beste Freundin Santita, deren Vater Reverend Jesse Jackson ist.

Man könnte ihre Schilderungen davon, wie sie mit harter Arbeit und Fleiß alles meisterte als arrogant und egozentrisch empfinden, ich finde es aber eher motivierend. Sie möchte jungen Frauen zeigen, was alles möglich ist.

Eindrucksvoll und mitreißend wird das Buch, wenn sie schildert, wie sie Barack Obama kennengelernt hat. Jemand, der der so angetrieben ist, dass er nachts wach im Bett liegt und über Einkommensungleichheit nachdenkt, gleichzeitig aber immer mit hawaiianischer Lässigkeit unterwegs ist, wenn es eigentlich schnell gehen soll. Sein Charisma beschreibt sie so anschaulich, dass man ihn sich gleich als Präsident zurückwünscht (was man die Tage wohl sowieso schon macht, wenn man nicht den Verstand oder seine Menschlichkeit verloren hat).

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Abneigung gegen Politik geht, die ihr auch nach acht Jahren im Weißen Haus erhalten geblieben ist. Auf eine Präsidentschaftskandidatur von ihr braucht man sich also keine Hoffnung machen. Das Opfer, das sie und ihre Familie, trotz aller Privilegiertheit, für die politische Karriere Barack Obamas gebracht haben, ist groß. Und doch scheinen sie es mit Humor genommen zu haben, auch wenn es anstrengend war.

Kleine Längen hat das Buch bei den Beschreibungen der ersten Wahlkämpfe, aber das scheint sie selbst zu merken und überspringt dann die restlichen. Das Weiße Haus beschreibt sie vor allem aus ihrer und aus der familiären Perspektive, welche Veränderungen sie in puncto Einrichtung und Kleidungsvorschriften einführte, der neue Gemüsegarten, die Großmutter der Kinder, die eine Etage weiter oben einzog, ihre zahlreichen Initiativen, die sie zur Verbesserung der Zukunftschancen von jungen Menschen und vor allem Mädchen anstieß.

Doch an manchen Stellen wird sie bemerkenswert offen, wenn es um die viele räumliche Trennung zu ihrem Mann geht, die durch seinen Beruf bestand; wenn sie beschreibt, wie sie beide zur Eheberatung gingen; die Fehlgeburt; künstliche Befruchtung; wenn ihr alles mal zu viel wurde. Doch die Selbstkritik und Selbstzweifel beschränken sich auf das Private, der politische Kurs ihres Mannes und der Regierung bleibt unangetastet, auch wenn das nachvollziehbar ist, vor allem aufgrund der aktuellen politischen Lage. Offen ist sie aber auch, was die Selbstzweifel bzgl. ihre eigenen beruflichen Weges angeht, der Frage, ob sie wirklich Anwältin sein möchte.

Sehr emotional wird es, wenn sie vom Tod ihres Vaters und dem einer guten Freundin schreibt. Hier blitzt auch schriftstellerisches Talent durch, denn diese Szenen baut sie sehr gut auf, so dass sie dann mit voller Wucht auf die LeserIn einstürmen. Zwiespältige Gefühle lassen eher Schilderungen der privilegierten aber auch sehr eingeengten Kindheit ihrer beiden Töchter zurück, die praktisch mit dem Secret Service auf den Fersen aufgewachsen sind.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen, die Biografie einer selbstbewussten, extrem ehrgeizigen und ambitionierten Frau, die sich aus einfachen Verhältnisse trotz einiger gesellschaftlichen Nachteile (schwarz, Frau) so weit nach oben gekämpft hat, dass sie ihre Position dazu nutzen konnte, anderen Menschen aus ähnlichen Verhältnissen Hilfe und Unterstützung anzubieten. Auch liefert das Buch interessante Einblicke in das, was Barack Obama antreibt.

Ich habe die englische Ausgabe gelesen, die deutsche ist fast zeitgleich erschienen, von gleich fünf (sehr fähigen) Leuten übersetzt worden. Das war sicher wieder so eine Hauruck-Aktion, in denen die 480 Seiten innerhalb weniger Tage übertragen werden mussten, was meinem Sinn von gutem Übersetzen widerspricht, bei dem man als Übersetzer erst mal ein Gefühl für die Stimmung und den Tonfall des Buches bekommt.

Aktuell auf deutsch erscheinende anspruchsvolle, originelle oder herausfordernde Phantastik

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich ziemlich darüber genörgelt und gejammert, dass der deutsche Buchmarkt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch sei. Und mindestens in der Krise sehe ich ihn auch weiterhin. Aber ich bin ja ein optimistischer und positiver Mensch, weshalb ich nicht weiter darüber meckern möchte, was alles nicht erscheint, sondern lieber konstruktiv auf jene Bücher eingehen werde, die erscheinen.

Hier mal eine paar aktuelle und kommende Titel, die (auch wenn ich sie noch nicht alle gelesen habe) die von mir im letzten Artikel formulierten Kriterien von anspruchsvoller, origineller, aufregender und/oder herausragender Phantastik zu erfüllen scheinen:

N. K. JemisinDie zerissene Erde (übersetzt von Susanne Gerold)

Ist der Auftaktband ihrer Broken Earth-Trilogie, von der jeder einzelne Band einen Hugo-Award gewonnen hat (den wohl wichtigsten und bekanntesten Phantastikpreis der Welt). Die Phantastikbestenliste schreibt dazu: „N. K. Jemisin webt aus Endzeitmotiven und afroamerikanischer Geschichte mit unglaublicher Sprachgewalt eine phantastische Welt am Rande des Untergangs, tieftraurig und wild verzweifelt.“
Ich habe bisher nur den Anfang gelesen, bin aber schon von der ungewöhnlichen Erzählweise begeistert. Ist gerade bei Knaur erschienen.

Catherynne M. ValenteSpace Opera (übersetzt von Kirsten Borchardt)

Ein Buch über eine galaktische Version des Euro Vision Song Contest, bei dem den Verlierer-Völkern die Auslöschung droht. Das liest sich schon sehr schräg und könnte zu allem möglichen Klamauk führen, aber allein sprachlich soll der Roman eine echte Herausforderung sein, wie mir ein deutscher Bestsellerautor erzählte, der das Buch schon auf Englisch gelesen hat. Und wer schon Werke von Valente kennt, weiß, dass ihn da keine leichte Kost erwarten wird. Erscheint am 24. April 2019 bei Fischer Tor.

Josiah BancroftIm Turm (übersetzt von Sabine Thiele)

Es hat mich doch sehr überrascht, dass dieses Buch bei Heyne erschienen ist. Im Original heißt es der Auftaktband der Trilogie Senlin Ascendts und begegnete mir mehrfach als Empfehlung von Leuten, die vor allem außergewöhnliche Phantastik lesen. Es geht um einen Mann, der seine Frau während der Flitterwochen verliert und auf der Suche nach ihr den Turm von Babel betreten muss. Ich habe es noch nicht gelesen, soll aber eine eher ruhige Fantasy sein, in präziser Sprache geschrieben, mit viel Sense of Wonder. Ist bei Heyne erschienen.

Susanne RöckelDer Vogelgott

Stand auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis und wurde von meinen beiden Fantasyguide-Kollegen Ralf Steinberg und Michael Schmidt aus diesem Anlass für einen Lesezirkel gelesen und besprochen. Außergewöhnliche dunkle Phantastik, mit dichter Atmosphäre und surrealen Elementen.

Ich beschränke mich an dieser Stelle auf vier Titel, damit es nicht zu viel auf einmal wird. Werde das jetzt aber regelmäßig machen. In verdaubaren Portionen. Ansonsten sei noch auf die Phantastik Bestenliste verwiesen, die immer ein paar interessante Titel (auch viel deutschsprachige Autorinnen und viel aus Kleinverlagen) auf der monatlichen Liste hat. Und natürlich auf Josefons SF&F Rundschau. Und wer Empfehlungen hat, immer her damit.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch mal betonen, dass ich alle anderen Spielarten und Untergenres der Phantastik dadurch nicht abwerten möchte. Die Völkerfantasybücher, die ich im letzten Artikel aufgezählt habe, dienten einzig, um darzustellen, wie der damalige Boom dieser Literaturgattung funktioniert hat. Und dieser Boom (nein Dirk, du bist nicht gemeint) hat ja vielen deutschsprachigen AutorInnen bei großen Verlagen die Tür geöffnet (nach Die Trolle konnte Christoph Hardebusch zum Beispiel die tolle Seefahrerfantasy Sturmwelten bei Piper veröffentlichen und vieles mehr seitdem). Mir ging es einzig darum, aufzuzeigen, wie das Marketing damals funktioniert hat. Was nicht heißt, dass die Bücher, die unter diesen Titeln erschienen sind, unoriginell waren. Die Elfen hat mich sogar damit überrascht, wie sehr es sich von den üblichen Erzählstrukturen der Fantasy gelöst hat und wie poetisch die Sprache war. Von Die Trolle weiß ich, dass es der Verlag war, der es unter diesem Titel vermarkten wollte, vom Autor aber gar nicht mit der Intention verfasst wurde, Völkerfantasy zu schreiben. Da habe ich die komplette Trilogie im Regal stehen. Man sollte sich von diesen Vermarktungsetiketten nicht abschrecken oder täuschen lassen. Manchmal wirken Bücher auch nur auf den ersten Blick gleichförmig.

Wie einige Leserinnen auch anmerkten, hat sich der Artikel vor allem auf übersetzte Phantastik konzentriert. Das liegt vor allem daran, dass man da natürlich mit dem englischsprachigen Markt vergleichen kann, was dort alles erscheint und gut funktioniert. Im deutschsprachigen Markt wäre es wohl der Bereich des Self-Publishing, der einem zeigen könnte, was alles nicht bei Verlagen erscheint. Wobei es sicher auch viele tolle AutorInnen gibt, die diesen Schritt nicht gehen und ihre Werke dann in der Schublade belassen. Mir persönlich ist das zu unübersichtlich, ich habe schon Schwierigkeiten, bei den Verlagspublikationen den Überblick zu behalten. Und ich selbst lese auch nicht nur die von mir so bezeichnete „anspruchsvolle“ Phantastik, sondern auch jene, die einfach unterhalten und eine gute Geschichte erzählen möchte.

„Der Kanon mechanischer Seelen“ von Michael Marrak

Michael Marrak ist ein Wandler, der seine Leser mit Worten beseelt, Portale in ihrem Verstand öffnet und ganze Welten durch den Orb aus dem Chronoversum in ihre Köpfe hineintransportiert. Das Buch verschlingt einen, lässt dem Geist Füße wachsen, mit denen er staunend durch eine Welt zu allen Zeiten wandelt, während das Licht längst verloschener Sterne auf einen hinabscheint und in einer melancholischen Zeitendämmerung von der Vergänglichkeit des Seins kündet. Wie Schäume, die in Wogen durch Sphären tosen, bis der Zeitenbrand sie hinwegnegiert hat, dem Sensenmann gleich, der mit scharfer Klinge in knochigen Fingern Seelen sammelt und im undurchdringlichen Schwarz seiner eigenen Existenz verschwinden lässt.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Ninive begegnen, einer jung wirkenden Frau, die seit Äonen einsam durch eine postapokalyptische Landschaft voller mechanischer und elektronischer Fauna wandelt und aus Langeweile Uhren, Lampen und Öfen beseelt, die ihr dann vorlaut und vergesslich Gesellschaft leisten.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Aris begegnen, einem jung wirkenden Wandler auf wichtiger Mission, entsand vom Dynamo-Rat, die undurchdringliche Bannmauer zu durchdringen, mit Kompass, Karte und einem durch eine uralte Bibliothek gestählten Verstand bewaffnet.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird dem Tod begegnen, und ihn mit einem Lächeln begrüßen – wenn auch auf sicherem Abstand, um nicht dem Zeitbrand anheimzufallen -, ihm einen Eimer Kalk zum netten Nachmittagsplausch anbietend.

Wer auf dieses Abenteuer eingelassen wurde – denn Widerstand ist zwecklos, wenn das Schicksals-Ganglion die Fäden in der Hand hält -, wird am Ende der Zeit tanzen, auf den zermahlenen Knochen einer untergegangenen Zivilisation, in einer Ära, die wir erst noch träumen müssen.

Es ist die präzise Sprachgewalt, die überbordende Fabulierkunst Michael Marraks, die uns keine Wahl lässt, als uns kopfüber in eine Welt voller einzigartiger Ideen zu stürzen, bis unsere Synapsen im Hirn vor Freude tanzen ob des bunten Spektakels, das sie endlich wieder einmal fordert, und jenem Zwecke zuführt, für den sie einst von der Evolution geschaffen wurden.

Mit staunenden Augen begleiten wir die Äonenkinder Ninive und Aris, ihren beseelten Hausrat wie den Ofen Guss, die Stehlampe Glogger und die Lampe Luxa, den Monozyklopen Sloterdyke und weitere Wundergestalen am Ende aller Tage auf einer abenteuerlichen Reise, an deren Ziel es die verbliebene Welt zu retten gilt. Neben dem grenzenlosen Ideenreichtum, den Michael Marrak mit unvergleichlicher Fabulierkunst präsentiert, hebt sich der Roman auch sonst von bekannten und eingefahrenen Erzählmustern ab. Es gibt keinen Bösewicht, keine Antagonisten, bis auf ein paar kleine Gastauftritte nicht einmal Figuren, die wirklich unsympathisch rüberkommen. Unsere HeldInnen müssen Probleme lösen, nicht Schurken besiegen.

16 Jahre ist es her, seit ich Lord Gamma von Michael Marrak gelesen habe. 16 Jahre, in denen ich stets diesen arschcoolen Roman nannte, wenn es um die Frage ging, was mein liebster deutschsprachiger Science-Fiction-Roman sei. 16 Jahre, in denen ich dieses Buch als meinen liebsten SF-Roman nannte, auch wenn ich gar nicht danach gefragt wurde. Jetzt hat es Konkurrenz bekommen. Lord Gamma las ich im Sommer 2002, als ich während der Semesterferien in einem Lager für Apothekenbedarf arbeitete. Eine eintönige Arbeit, die um sechs in der Früh begann und sich anfühlte, als würde man mit einem entseelten Rollator eine öde Wüstenstraße entlangzockeln und Müll vom Aspahlt aufklauben, während der Wind einem den Sand in die Augen trieb, immer und immer wieder, unter gleißender Sonne, jeden Tag aufs Neue. Und dann hatte ich Mittagspause oder Feierabend, öffnete den grünen Buchdeckel und saß plötzlich in einem Pontiac ohne Motor, der eine endlose Straße entlangrollte, während aus den Boxen Radio Gamma tönte und ich mich von einem Abenteuer ins nächste stürzte und geklonte Varianten meiner Freundin aus grotesken Bunkern rettete und dann erschoss.

Wie konnte dieser Roman nie ins Englische übersetzt werden? Wie kommt es, dass er nur noch antiquarisch erhältlich ist? Ist den die ganze Welt verrückt geworden? Erkennt denn die Bücherwelt nicht, was für einen großartigen Phantasten und Schriftsteller sie an Michael Marrak hat?

Marrak selbst gibt Stanislaw Lems Robotermärchen als Einfluss an, die Filme von Hayao Miyazaki und Michael Moorcocks Am Ende der Zeit. Aufgrund seiner Sprachgewalt musste ich aber auch an Thomas Zieglers Sardor denken.

Auf der Chuck-Norris-Skala von eins bis unendlich gebe ich dem Roman unendlich Minus eins, um für kommende Werke noch Spielraum nach oben zu haben. Gegen Ende wurde er mir einen Tick zu lang und zu technisch.

Das Buch ist im umtriebigen und engagierten Kleinverlag Amrun erschienen. Zwar kostet das eBook nur 6.99 Euro, trotzdem lohnt es sich, das Hardcover für 24.90 Euro zu kaufen, enthält es doch zahlreiche Illustrationen und die schöne Umschlaggestaltung von Meister Marrak persönlich und liegt beim Lesen einfach gut in der Hand.

Wer mehr über die Entstehung des Romans erfahren möchte, der aus mehreren Novellen hervorgegangen ist, und eine Zweitmeinung einholen will, sollte diese tolle Besprechung von Ralf Steinberg lesen.

P. S. ich habe diese Besprechung noch gar nicht geschrieben, wenn ihr sie schon lesen könnt, ist das Zeitengefüge aus den Fugen geraten … da hilft jetzt nur noch treten – einmal kräftig gegen das Multiversum.

P.P.S bei dem Namen Sloterdyke musste ich erst ganz uncharmant an eine schlotternde Lesbe denken, bevor mir der philosophierende Schnauzbart in den Unsinn kam, der sich geistig durch ähnliche Sphären bewegt wie unser Monozyklop auch in physischer Form.

Der Kanon marrakscher Seelen (unvollständig)

„Rocking the Forest“ von Cornelius Zimmermann

Slayer in the Jungle

Iggy ist ein Wolfmorf, der sich mit seiner Band verkracht und plötzlich, nur wenige Tage vor dem legendären Rocking the Forest Contest, ohne Kapelle dasteht. Also macht er sich auf – wie einst Al Bundy und seine No’Mam-Kollegen zu Iron Ed Hayes -, um sich Rat bei einem großen Weisen des Forst Dooms zu holen. Forest Doom ist die vorherrschende Musikrichtung im musikalischen Mützelwald, und ihr Hohepriester ist Blubb die Pfütze, der inzwischen am anderen Ende des Waldes in einer Gated Community unter Spießerkäfern wohnt. Für Iggy beginnt eine Odyssee durch die gefährlichsten Regionen des Mützelwaldes, in denen er den absonderlichsten und kuriosesten Wesen begegnet, die (zimmer)man sich vorstellen kann. Unterwegs muss er sich seinem größten Trauma stellen, verliebt sich hoffnungslos und begibt sich auf einen mörderischen Trip zwischen halluzinogenen Pilsporen. Und ab und zu rockt er einfach das (Baum)Haus.

Mit Funny Fantasy ist das so eine Sache, entweder heißt man Terry Pratchett, oder man hat als Autor in diesem Untergenre nicht viel zu lachen. Denn in kaum einem Untergenre muss man sich so sehr an dessen prominentesten Vertreter messen lassen. Dabei war Pratchett nicht mal der erste, der dieses Gebiet beackerte. Robert Aspirin und Piers Anthony begannen ungefähr zur gleichen Zeit, die Lachmuskeln ihrer Leser zu reizen, erreichten aber nie so ganz das Niveau Pratchetts (das er selbst auch erst später erreichte), an das meiner Meinung auch nur Walter Moers wirklich heranreicht, und ein paar vereinzelte Autoren mit einzelnen Werken (wie William Goldmann z. B. mit Die Brautprinzessin).

Weiterlesen

„An guten Tagen siehst du den Norden: Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden“ von Sören Kittel

Einem Buch, das die Kapitelüberschrift Heidi Kang wird nicht gefoltert hat, kann man doch nicht widerstehen? Oder? Man sollte es jedenfalls nicht, denn Sören Kittel liefert hier einen faszinierenden, witzigen und herzlichen Blick in die Gesellschaft und Kultur Südkoreas. Ein Land, in dem es als unhöflich gilt, sich fürs Anrempeln zu entschuldigen, weil man damit erst auf die Tat aufmerksam macht. Es bleibt also vieles unausgesprochen, in dieser Nation, über der eine permanente Traurigkeit liegt, die als Han bezeichnet wird.

Ein Land, das nach konfuzianischer Harmonie strebt, wo sich alle ständig gegenseitig anlügen, um beim Gegenüber keine schlechten Gefühle zu erzeugen, da man ja auch für die Gefühle der anderen verantwortlich sei. Ein Land, das auf mich aus der Ferne deshalb angespannt wie ein Schnellkochtopf wirkt, weil gleichzeitig auch alles ppalli ppalli, also schnell, schnell gehen muss. Ohne mit dieser gesellschaftliche Konvention zum Lügen vertraut zu sein, dürfte es den Meisten aus dem Westen z. B. schwerfallen, das Ende des koreanischen Erfolgsfilm Old Boy zu verstehen. Ich weiß noch, wie ich im Kino saß und dachte: »Der ganze Aufstand wegen einer solchen Kleinigkeit?!«. Doch in koreanischem Denken ist die ganze Handlung wohl vollkommen logisch nachzuvollziehen. Auch half mir das Buch dabei, zu verstehen, warum im Zombieapoklypsenfilm Train to Busan eben jene Stadt Busan die letzte Bastion ist, die den einfallenden Horden Widerstand leistet, sowie einst beim Überfall Nordkoreas 1958.

Ein Land, das rasend schnell aus der Diktatur zur Industrie und High-Tech-Nation aufstieg, während sich die Führer gleichzeitig von Geomanten beraten lassen, damit die Gebäude auch im richtigen Energiefluss stehen.

Weiterlesen

„Der spazierende Mann“ von Jiro Taniguchi

Ein Mann spaziert, die Hände in den Taschen, ein Schritt vor den anderen, gemächlich, gemütlich, bei Sonne und Wind, Regen und Schnee. Bunte Blätter wirbeln um seine Füße, weiße Flocken legen sich auf seine Schultern, Kinder rennen spielend durch die Straßen, über die Felder, lassen Papierflieger kreisen, lachen.

Mal mit Hund, mal mit Frau, meist allein, den Kopf in den Wolken, tagträumend ohne Grenzen. Mit nackten Füßen auf den Baum kletternd, ausgebreitet im Gras liegend, die Wonnen der eigenen Kindheit vor Augen, vollkommen entschleunigt, abseits des Bürostresses, von gesellschaftlichen Verpflichtungen und all der anderen Hektik.

Neue Städte, egal ob im Urlaub oder neu hingezogen, erkunde ich am liebsten zu Fuß, und gehe auch sonst gerne wandern. Während Autos hupend an einem vorbeisausen, Fußgänger nur noch auf ihr Smartphone starren und die Stadt in ihren Abläufen so konstruiert ist, dass sie am Besten funktionieren würde, wenn es gar keine Menschen gäbe, ist das Flanieren der beste Weg hinter die Fassaden zu schauen, einen Blick für die einfachen Dinge des Alltages zu bekommen.

Jiro Taniguchis Der spazierende Mann ist im Original aus dem Jahr 1992, da gab es noch keine Smartphones und die Digitalisierung stand in ihren Kinderschuhen, aber die 80er-Jahre waren gerade erst vorbei. Jenes Jahrzehnt, in dem die japanische Wirtschaft unheimlich an Fahrt gewann und Nippon zu einer der führenden Technologienationen aufstieg. Man dachte, die Zukunft würde japanisch werden, so wie in William Gibsons Neuromancer.

Taniguchi lässt seinen Protagonisten aus diesem Hamsterrad hinaustreten. Mit seiner Frau zieht er in eine kleine Stadt, in ein putziges Häuschen mit papierbezogenen Wänden und einem knuffigen Hund vom Vormieter. Und dann geht er einfach los, ohne viel Worte, mal hierhin, mal dorthin, bei Wind und Wetter. Jeder Spaziergang nur ein paar Seiten, doch immer mit einer eigenen Geschichte, die man teilweise zwischen den Panels findet.

Und genauso entspannt habe ich das Buch gelesen, jeden Tag einen Spaziergang, ein Kapitel, lässig liegend, während das Panorama der Zeichnungen auf mich einwirkte. Eine wunderbare Ode an da Spaziergehen, das sich Vertrautmachen mit der Umgebung, das Genießen der Landschaft und der kleinen Dinge des Alltags.

Hier geht es zu meiner Besprechung von Jiro Taniguchis Vertraute Fremde.

„Zwischen zwei Sternen“ von Becky Chamber (Übers. Karin Will)

Dystopische Gesellschaften, technologische Totalüberwachung, große Schlachten im All, gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion – all das wird man in Zwischen zwei Sternen nicht finden.

Becky Chambers schreibt keine Crash-Boom-Bang-Science-Fiction, sondern optimistische Zukunftsvisionen in multikulturellen Gesellschaften, die sich aus den unterschiedlichsten außerirdischen Rassen zusammensetzen. Sie schreibt nicht über Verschwörungen, Invasionen oder Kriege, sondern über das einfach Zusammenleben unter vielfältigen Bedingungen. Ihre Heldinnen sind keine Geheimagenten, Cyborg-Söldner oder Sternenkaiser, es sind Mechaniker, Künstler und künstliche Intelligenzen, die nicht die Welt erobern, sondern einfach ein normales Leben mit einer festen Aufgabe führen wollen.

Wer Der lange weg zu einem kleinen zornigen Planeten  gelesen hat (hier meine Besprechung), wird Lovy bereits kennengelernt haben, die KI, die das Tunnelbauschiff Wayfarer am Laufen hält und sich rührend um die Besatzung kümmert. Gegen Ende des Romans kommt es allerdings zu einer schwerwiegenden Entscheidung, die einschneidende Folgen für Lovy hat und dazu führt, dass sie sich als resettete Lovelace in einem künstlichen Körper wiederfindet, in der Obhut von Pepper, der Mechanikerin, der die Besatzung der Wayfarer schon mal einen Besuch abgestattet hatte.

Und darum geht es in Zwischen zwei Sternen (A Close and Common Oribit): Peppers Vergangenheit und Lovlace/Sidras Zukunft. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und zeigt, wie Pepper unter durchaus dystopischen Verhältnissen am Rande der bekannten Gesellschaft der GU aufwächst.

In Sidras Handlungsstrang geht es darum, wie sie als KI ihre Persönlichkeit definiert und sich in einer Gesellschaft zurecht findet, in der künstliche Intelligenzen nur als Gebrauchsgegenstände gelten. Partys werden besucht, Cocktails getrunken, Tattoos gestochen und Freundschaften geschlossen.

Zwischen zwei Sternen ist ein Roman über das Leben in einer zukünftigen Gesellschaft, die aus verschiedenen Rassen besteht, die von verschiedenen Planeten stammen. Einer Gesellschaft, die technologisch weit fortgeschritten ist, der es, trotz aller Konflikte und Kriege gelungen ist, ein gemeinsames Zusammenleben zu ermöglichen. Dabei spricht Chambers natürlich viele Themen an, die für uns heute hochaktuell sind. Es geht um den Umgang mit Flüchtlingen; die Rolle der Geschlechter, die nicht ganz so eindeutig sind, wie manch Konservativer das gerne hätte; die Regulierung invasiver Technologien und künstlicher Intelligenzen; das Recht aus Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung und Freiheit.

In diesem Roman steckt mehr, als es auf den ersten Blick scheint, Chambers hat sich wirklich Gedanken darüber gemacht, wie sich eine Zukunft entwickeln könnte, in der der technologische Fortschritt nicht irgendwann stagniert oder zusammenbricht und in der die Menschheit nicht die Krone der Schöpfung darstellt. Es ist ein optimistischer Blick in die Zukunft, und Optimismus ist etwas, dass man momentan nur sehr selten in der Science Fiction findet.

Doch bei all den gesellschaftlichen Entwürfen, in denen die einzelnen Alienrassen im Prinzip verschiedene Aspekte des Menschseins abbilden, stehen vor allem lebendige, vielschichtige und liebenswürdige Figuren im Vordergrund. Allen voran Pepper, die eine erstaunliche Entwicklung durchmacht, von Chambers clever auf zwei Zeitebenen erzählt und am Ende stimmig zusammenfügt. Ich brauch nicht unbedingt Sympathieträger als Protagonisten, aber hin und wieder macht es doch Spaß, ein Buch zu lesen, mit deren Figuren man gerne Zeit verbringt und die einem das Gefühl vermitteln, jedes Mal wenn man das Buch aufschlägt, nach Hause zu kommen.

Man muss aber auch sagen, dass das jetzt keine wirklich anspruchsvolle Literatur ist und stilistisch bleibt sie auch ziemlich konventionell, was mich aber nicht im geringsten gestört hat, da es zur Geschichte gut passt. Die Übersetzung von Karin Will liest sich ausgezeichnet.

Zwischen zwei Sternen ist alles andere als Teletubbie-Wohlfühl-Science-Fiction. In einem der beiden Handlungsstränge geht es heftig zur Sache, das ist eine knallharte Survivalgeschichte vor einer dystopisch-apokalyptischen Kulisse. Im Gesamtbild ergibt sich aber trotzdem ein optimistischer und hoffnungsvoller Roman, viel geradliniger und weniger episodenlastig als der Vorgänger. Chambers verfolgt von Anfang an einen roten Faden in zwei Strängen, die am Ende elegant wieder zusammenfinden.

Man kann das Buch eigenständig lesen, ich empfehle aber, zuerst Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten zu lesen.

P. S. Falls sich jemand darüber wundert, dass ich hier so viele Fischer-Tor-Titel bespreche, das liegt daran, dass ich die unaufgefordert vom Verlag zugeschickt bekomme (macht sonst kein anderer Verlag). Ich selbst fordere keine Rezensionsexemplare an, weil ich mich dann verpflichtet fühlen würde, sie auf jeden Fall zu besprechen, auch wenn sich herausstellt, dass sie mir nicht gefallen. Und Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich in der Regel ab (wozu soll ich mich da durchquälen?). Von Fischer Tor habe ich noch kein Buch abgebrochen, dafür trifft das Programm zu sehr meinen Geschmack, aber alle zugeschickten Bücher habe ich auch nicht besprochen. Gefälligkeitsrezensionen, nur weil ich regelmäßig für Fischer Tor arbeite, gibt es von mir nicht. Wenn ich etwas durchwachsen finde, wie Matts Strandbergs Die Überfahrt oder John Scalzis Kollaps, nehme ich da kein Blatt vor den Mund.

„Die Chroniken von Azuhr: Der Verfluchte“ von Bernhard Hennen

Als Bernhard Hennen im Oktober 2016 bei mir im Dorf eine Lesung durchführte, erzählte er von seiner neuen Trilogie, die bei Fischer Tor erscheinen solle. Viel verriet er nicht, nur das Grundkonzept der Welt, bei dem ich aber dachte: »Nicht schlecht, das könnte was werden.«

Im Februar 2017 sagte mir dann Fischer/Tor-Programmchef Hannes Riffel, ich solle vergessen, was damals erzählt wurde, man habe so einiges geändert. Da dachte: »Oha, ob das was wird?«

Und es wurde. Schon der 75 Seiten lange erste Teil hat mich so richtig umgehauen. Mit einem so unerbittlichen Auftakt hatte ich nicht gerechnet. Danach normalisiert sich die Handlung um den Erzpriester Nandus, seinen rebellischen Sohn Milan und einige richtige Rebellen in der mediterranen Hafenstadt Dahlia, doch eine gewisse Kompromisslosigkeit bleibt der Geschichte erhalten. Erfrischenderweise hält sich die Magie über weite Teile des Buches noch zurück, so dass es vor allem um Diebe, Meuchelmörder und Spione geht, die in finstrer Nacht über Dächer schleichen, um Geheimnisse zu stehlen.

Das liest sich in den ersten zwei Dritteln fast wie ein historischer Roman, nur eben in unbekannten Gefilden und einem ganz interessant durchgemischten Weltenbau mit Anleihen bei den florentinischen Handelsfürsten wie der Medici in der frühen Renaissance und den Dogen von Venedig, dazu eine Brise chinesisch-mongolischer Einflüsse.

Im letzten Drittel schwächelt der Roman ein wenig. Ab dem Punkt, ab dem es mit den Mären so richtig losgeht (auf die ich hier aus Spoilergründen nicht weiter eingehen werde, erinnert aber ein wenig an die Kaltfeuer-Reihe von Celia S. Friedman), da verliert er für mich teilweise seine Ernsthaftigkeit, seinen bisher teils gnadenlosen Ton. Nicht, dass ich was gegen Humor einzuwenden hätte, aber die Art, wie der historische Realismus, mit dem Hennen bis dahin an die Geschichte herangegangen ist, gebrochen wird, ist für mich ein Bruch mit der Immersion, die die Geschichte für mich bisher so gut funktionieren lies. Nicht jener Teil in Arbora – der ist gut umgesetzt -, doch die Episoden an den Brücken und mit dem Wagen/Speer im Schwertwald (für jene, die das Buch schon gelesen haben).

In einem Interview bezeichnet Bernhard Hennen dies auch noch als seine Lieblingsszene, und für sich stehend ist die auch sehr witzig und der naive Riese sehr unterhaltsam, für mich hat es aber nicht zum Ton des restlichen Romans gepasst

Das trübt den Spaß an der Lektüre aber nicht wirklich, auch wenn die Geschichte gegen Ende etwas zerfasert wirkt, bekommt sie rechtzeitig den Bogen und fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild.

Im Herzen des Romans steht der Konflikt zwischen Vater und Sohn, also zwischen Nandus und Milan. Milan soll Erzpriester werden, ist auf seinen knallharten Vater, der ihm keine schöne Kindheit bescherte, nicht gut zu sprechen und begehrt gegen ihn auf (unter anderem indem er sich erst in eine Konkubine verliebt, dann in eine Rebellin) – teils mit drastischen Folgen. Ein zeitloses Thema, doch Bernhard Hennen spricht durchaus auch aktuelle Themen an, wie asymmetrische Kriegsführung, und wie man ihr begegnen soll, oder die Macht von Fake News und alternativen Fakten. Da es sich um eine Fantasyroman handelt, darf eine Prophezeiung aber natürlich nicht fehlen, ob diese jetzt unter Fake News fällt oder eher in den Bereich Zukunftsprognose, müsst ihr selbst herausfinden. Dem Roman merkt man jedenfalls an, dass er bis ins Details ausgezeichnet recherchiert ist und vieles aus der realen Welt und unserer Geschichte mit phantastischen Elementen mischt. Mir hat er so gut gefallen, dass ich tatsächlich versucht sein könnte, auch Band 2 zu lesen. Und mit Mehrteilern habe ich es ja inzwischen nicht mehr so.

Loben möchte ich an dieser Stelle auch noch die tolle Aufmachung mit einem effektiv genutzten und hübsch gestalteten Klappenbroschur, dem blauen Farbstich und der schicken Karte, so macht da Buch auch optisch im Regal was her.