Kurzkritiken Juli 2017

Joe R. Lansdale – Die Wälder am Fluss

Nicht so gut wie Ein feiner dunkler Riss, dennoch ein eindrucksvolles und atmosphärisch dichtes Coming-of-Age-Porträt der rassistischen 1930er-Jahre in Texas, wo ein Serienkiller sein Unwesen treibt, dem der Sohn des örtlichen Constables und Frisörs auf die Spur kommt. Eigentlich gut übersetzt von Mariana Leky, aber das Lektorat hätte etwas sorgfältiger arbeiten müssen: Da wird aus einem Gewehr eine Pistole ein Gewehr und wieder eine Pistole.

Rebecca Hunt – Everland

Großartig geschriebener Abenteuerroman in der Antarktis, der auf drei zeitlichen Ebenen spielt, auf denen jeweils eine Gruppe aus drei Leuten im Mittelpunkt steht, die unter extremen Bedingungen eine unheilvolle Dynamik entwickeln. Im Jahr 1912 geraten drei Seeleute und Expeditionsteilnehmer, die die Insel Everland erkunden wollen, in Seenot und sitzen dann unter frostigen Bedingungen und gesundheitlich angeschlagen auf der Insel fest. Die Forscher, die die gleiche Insel ein Jahrhundert später erkunden will, muss feststellen, dass sich die Natur von moderner Ausrüstung nur wenig beeindrucken lässt – und dass es ins Unglück führt, wenn man aus falschem Stolz Schwächen und Fehler verbirgt. Geschickt konstruiert, mit viel psychologischer Tiefe – ein Kammerspiel, das unter die Haut geht. Ausgezeichnet übersetzt von pociao.

Jean-Michel Guenassia – Eine Liebe in Prag

Guenassias Debüt Der Club der unverbesserlichen Optimisten habe ich vor einem Jahr begeistert verschlungen, seinen Nachfolger habe ich aufgrund des (irreführenden deutschen!) Titels bisher gemieden. Denn in den letzten 12 Monaten habe ich mich vor allem für Frankreich interessiert, weniger für Prag. Nur spielt das Buch größtenteils gar nicht in Prag, und um eine Liebe geht es auch nicht. Viel mehr wird die Lebensgeschichte von Josef Kaplan erzählt, den es schon bald von Prag nach Paris führt, wo er seinem Medizinstudium noch eines der Biologie anhängt, danach für das Pasteur-Institut über Jahre in Algerien arbeitet und dort mit seinen Freunden den Zweiten Weltkrieg aussitzt. Erst nach Ende des Krieges führt es ihn mit seiner Freundin Christine über Umwege nach Prag zurück, wo er zunächst einen rasanten politischen Aufstieg hinlegt, dann aber an den willkürlichen Auswüchsen des kommunistischen Systems scheitert.

Wobei der Originaltitel La vie révée d’Ernesto G. auch etwas irreführend ist, denn der dieser berühmte Ernesto tritt erst im letzten Viertel des Romans auf, wobei er dort einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Ganz so wie sein Debüt konnte mich Eine Liebe in Prag nicht begeistern, eine tolle und mitreißende Geschichte ist es aber trotzdem, und gerade gegen Ende, wo viele Romane schwächeln, dreht dieser noch mal richtig auf und entwickelt sich von einer guten Geschichte zu einer großartigen. Und ein gewisser Schachclub aus Paris darf auch noch eine kleine Rolle spielen, was mir ein breites Grinsen auf das Gesicht zauberte. Gut übersetzt von Eva Moldenhauer.

„Die Nachtigall“ von Kristin Hannah

Es gibt Bücher, die kommen praktisch aus dem Nichts und hauen einen dann so richtig um. Die Nachtigall ist so ein Buch. Das hat mir meine Mutter auf den Tisch gelegt und gefragt, ob ich Interesse hätte. Hatte ich erst nicht, da mich eine Geschichte über zwei Französinnen im 2. Weltkrieg von einer Amerikanerin erst nicht reizte. Doch es handelt sich bei der Autorin um Kristin Hannah, die zufällig eine Rolle dabei spielte, dass ich Übersetzer wurde (denn das Buch für die Übersetzeraufgabe war „Firefly Lane“ von Hannah).

Also las ich doch mal rein, und habe es nicht bereut. Das ist eine superspannende und tief bewegende Geschichte, die da erzählt wird. Die Geschichte von Vianne und Isabelle, zwei Schwestern, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Vom Vater verstoßen, die Mutter gestorben, in ihrer Misere aber nicht zusammenhaltend, entfremden sie sich schon in jungen Jahren voneinander. Die eine heiratet und wird jung Mutter, die andere fliegt von einem Internat nach dem anderen.

Dann bricht der Krieg aus, Viannes Mann gerät in Kriegsgefangenschaft, sie und ihre Tochter Sophie müssen einen Nazi im Haus beherbergen und jeden Tag mit knappen Essensrationen in eiskalten Wintern ums Überleben kämpfen. Doch Überleben ist Isabell nicht genug, sie will aktiv etwas gegen die deutschen Besatzer unternehmen und engagiert sich aktiv im Widerstand, schmuggelt abgestürzte Piloten der Alliierten über die Pyrenäen in Sicherheit. Setzt dabei ihre eigene aber immer waghalsiger aufs Spiel.

Wow, was für eine Geschichte, über zwei so unterschiedliche Schwestern, die doch sich doch so nahe sind. Hannah schildert eindringlich, welch schwere Zeiten die Französinnen während der deutschen Besatzung durchstehen mussten, und entwirft dabei vielschichtige und teils auch ambivalente Figuren (auch unter den Nazis). Es ist sicher nicht das erste Buch zu dem Thema, und es gibt natürlich viele prominente Beispiele, aber Hannah hat sich für fiktive Figuren entschieden, die sich an wahren Ereignissen orientieren.

Die letzten einhundert Seiten sollte man besser nicht vor dem Einschlafen lesen (so wie ich es gemacht habe), denn gerade in diesem Abschnitt wird das Buch richtig heftig und beschäftigt einen noch lange, nachdem man es zugeklappt hat. Ein Buch, das unter die Haut geht, auch wenn es literarisch nicht unbedingt herausragend geschrieben ist, eher routiniert, aber dafür eine wunderbare Geschichte erzählend. Die Übersetzung von Karolina Fell liest sich eigentlich ganz gut, verwendet für meinen Geschmack aber zu viele Hilfsverben wie »war«, wo man es auch eleganter formulieren könnte (wobei ich nicht weiß, wie es im Original geschrieben ist).

Für mich war es die perfekte Ergänzung zu Chris Cleaves Liebe in diesen Zeiten, das von Frauen im Zweiten Weltkrieg während des Blitz in London erzählt.

Kurzkritiken Juni 2017

Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Übersetzt von Gabriela Zehnder

Sehr eigenwilliger und tiefgründiger, aber auch verspielter Roman um zwei einsame Menschen, die sich in ihre eigene Gedankenwelt flüchten, ihren Mitmenschen gegenüber aber trotzdem über eine erstaunliche Beobachtungsgabe verfügen. Die teilweise kurzen Kapitel, die immer wieder mal nur aus philosophischen Gedanken bestehen, sind sicher nicht jedermanns Sache. Habe ich sehr gerne gelesen, doch etwas erzählerische Wucht und Eleganz hat mir dabei gefehlt.

David Morrell – Der Opiummörder

übersetzt von Christine Gaspard

Historischer Roman, der auf die realen Ratcliffe-Highway-Morde anspielt und die Geschichte 40 Jahre später mit teils realen Figuren wie dem Opiumesser Thomas de Quincey, zu einem komplexen und kunstvollen Thriller in der vernebelten viktorianischen Ripper-Atmosphäre Londons weiterspinnt. Mein persönliches Highlight ist Emily – de Quinceys Tochter – die zeigt, wie man sich als Frau in einer Gesellschaft durchsetzt, die Frauen gerne unter einer dreißig Kilogramm schweren Schicht aus Reifröcken, Korsetts und Unterkleidern bändigt, damit sie den gesellschaftlichen Erwartungen an sie nicht davonlaufen können.

William Finnigan – Barbarian Days: A Surfing Life

Autobiografie eines Hardcoresurfers, der in der fürs Surfen wohl interessantesten Zeit aufwuchs, gerade als sich der Sport langsam durchsetzte, aber bevor er völlig kommerzialisiert wurde. Die langen Beschreibungen von unterschiedlichen Wellen, und wie der Autor sie geritten ist, sind für Nicht-Surfer stellenweise etwas zu ausführlich ausgefallen, aber dafür entschädigen seine eindrucksvollen Reisenbeschreibungen und die Porträts der Menschen, denen er unterwegs und beim Surfen begegnet. Kraftvoll geschrieben. Hat den Pulitzer Preis gewonnen, eine deutsche Übersetzung gibt es aber leider nicht.

James Lee Burke – Blut in den Bayous

übersetz von Alf Mayer

Band 2 der Reihe um Dave Robicheaux, den Alkoholiker mit Prinzipien, dessen Absturz aus dem Paradies weiter andauert. Und ein abgestürztes Flugzeug ist es auch, dass eine Spirale aus Gewalt im Leben des ehemaligen Polizisten in Gang setzt, der sich eigentlich mit einem Anglerladen und seiner frisch angetrauten Frau zur Ruhe setzen wollte. Ein kleines Meisterwerk, das weit über eine gewöhnliche Krimi- oder Thrillerhandlung hinausgeht. Wie Burke hier die Hitze und Landschaft Louisianas zu Leben erweckt, ist beeindruckend – und von Alf Mayer ausgezeichnet übersetzt. Die Figuren des Buches sind teils unvergesslich, allen voran natürlich der äußerst komplexe Dave Robicheaux selbst. Ein großes Lob an den Pendragon Verlag für die Neuauflage. Ich freue mich schon auf den nächsten Band.

Schon seit April habe ich keine Phantastik mehr gelesen, und irgendwie reizt sie mich auch aktuell nicht. Alle Bücher, auf die ich aktuell neugierig bin, bewegen sich außerhalb dieses Genres. Liegt vielleicht an der Jahreszeit, im Sommer bekomme höchstens mal Lust auf einen Horrorroman, die Lust auf Fantasy kommt meist erst im Herbst wieder.

„Das Herz der Hölle“ von Jean-Christophe Grangé

Das Böse ist immer und überall, wusste schon die Erste Allgemeine Verunsicherung. Und auch Mathieu wird diese Erkenntnis im Verlaufe des Romans noch machen müssen. Dabei glaubt der strenggläubige Katholik, der das Priesterseminar in Rom nur abgebrochen hat, weil er glaubt, Gott als Polizist noch besser dienen zu können. Den Teufel und das personifizierte Böse hält er für Katholizismus aus dem finstersten Mittelalter. Doch als sein Jugendfreund und Kollege, der eben so gläubig ist, das Undenkbare tut, und einen Selbstmordversuch unternimmt, stößt der Commandant der Mordkommission auf eine Spur des Bösen, die sich durch ganz Europa zieht.

Was hat es mit den scheinbar harmlosen Menschen auf sich, die plötzlich grausame Verbrechen begehen? Wie kann es Leichen geben, die nur teilweise verwest sind? Was hat der Vatikan mit dem Ganzen zu tun? Und warum sind plötzlich gnadenlose Killer hinter Mathieu her?

Eine Identifikationsfigur ist der strenggläubige Ermittler für einen Atheisten und Religions- und Kirchenskeptiker wie mich sicher nicht, aber das macht ihn nur interessanter. Denn es macht Spaß, zuzusehen, wie sein Glaube immer wieder auf die Probe gestellt wird, wenn auch meist auf grausame Weise. Denn das Buch vom französischen Thrillermeister ist nichts für schwache Nerven. Was er sich hier an Grausamkeiten ausgedacht hat, sucht seinesgleichen.

Mit fast 800 Seiten ist das Buch allerdings mindestens 200 Seiten zu lang. Die ersten 400 Seiten lesen sich schnell und spannend weg, da entwickelt das Buch einen unheimlichen Sog, der einen in die Abgründe und Schlünde des menschlichen Daseins hinabzieht. Doch irgendwann tritt die Handlung auf der Stelle, die Ermittlung gerät in einen Leerlauf und es wiederholt sich zu viel. Trotzdem bleibt Das Herz der Hölle ein unheimlich spannender und faszinierender Thriller.

Die Bücher von Grangé lese ich schon seit seinem Debüt Der Flug der Störche (noch vor seinem Durchbruch mit Die purpurnen Flüsse) mit großem Vergnügen, auch wenn nicht alle überzeugen können, wie z. B. Der steinerne Kreis. Ich kenne kaum einen Thrillerautor, dem es gelingt, solch abgründige Themen so spannend und komplex zu inszenieren. Die Übersetzung von Thorsten Schmidt liest sich insgesamt ganz gut, auch wenn sie auf den ersten 50 Seiten noch etwas schwächelt, doch dann fängt sich der Stil und liest sich flüssig weg.

„Die Neunte Stadt“ von J. Patrick Black – Belegexemplare eingetroffen.

Das Buch spielt in einer Zukunft nach einem Alienangriff, durch den fast die gesamte Menschheit ausgelöscht wurde, bevor einzelne Menschen Superkräfte in sich entdeckten, mit denen die Angreifer zurückgeschlagen werden konnten. Seitdem herrscht Krieg. Neun große Städte gibt es noch, die als Verteidigungsbastionen gegen die unbekannten Angreifer (die nicht mit Raumschiffen kamen) dienen. In diesen Städten wird die militärische Elite ausgebildet. Außerhalb der Städte gibt es Siedlungen, in denen die Menschen in Fabriken schuften müssen, um die Kriegsanstrengungen voranzutreiben. Und außerhalb dieser Siedlungen ist die Menschheit auf den Stand des 19. Jahrhunderts zurückgefallen und leben wie an der Frontier, mit wilden Stämmen und Siedlertreks und wissen nichts von dem Krieg und den großen Städten.

Aus diesen unterschiedlichen Umfeldern stammen die sieben jugendlichen Protagonisten des Buchs, die alle als Ich-Erzähler im Präsens auftreten, und deren Wege sich früher oder später kreuzen werden. Im Prinzip handelt es sich um so eine Ausbildungsgeschichte an einer Militärakademie und im Bootcamp (á la Ender’s Game). Doch bis dahin ist es für einige der Protagonisten ein langer und abenteuerlicher Weg.

Was den Roman so ungewöhnlich macht, ist seine Mischung aus Science Fiction und Fantasy. Die Technik der Zukunft, die Kriegsführung und die »Superkräfte« einiger der Hauptfiguren basieren auf etwas, das man durchaus als Magie bezeichnen könnte, im Roman aber Thelemetie heißt und an der Akademie wissenschaftlich erforscht und umgesetzt wird. Es gib riesige Mechroboter, gigantische Geschütze und allen möglichen Kram, der mit diesen Kräften/Energien angetrieben wird.

Was den Roman außerdem ungewöhnlich macht, ist der Stil des Autors, denn jeder der sieben Ich-Erzähler hat seinen ganz eigenen Stil. Torro, der in einer der dystopischen Fabriksiedlungen schuftet, spricht in einem locker-rotzigen jugendlichen Tonfall, die junge Naomi, die mit ihrer Familie durch die Wildnis zieht, im altmodischen Stil 19. Jahrhundert; das Technikgenie Kizabel in einer verschwurbelten akademischen Sprache mit unzähligen Fußnoten und wissenschaftlichen Erklärungen, aber auch mit viel Ironie. Und so weiter. Das macht das Lesen (und auch Übersetzen) dieses dicken Buches sehr abwechslungsreich und verleiht jedem Protagonisten eine eigene Stimme.

Von der Auswahl der Figuren her könnte man meinen, es handele sich um ein Jugendbuch á la Red Rising, doch dafür ist es inhaltlich zu komplex und sprachlich zu anspruchsvoll geschrieben. Es fällt mir schwer eine genaue Zielgruppe zu benennen, aber in seiner Mischung und vom Stil her ist das Buch einzigartig und originell (auch wenn viele bekannte Versatzstücke verwendet werden). Wer also mal was ganz anderes abseits der üblichen Science Fiction und Fantasy lesen möchte, sollte es mit Die Neunte Stadt versuchen.

Es gibt zwar viele spektakuläre Kämpfe und Schlachten auf der Erde und im Weltraum, aber die große Stärke des Romans sind die (mal mehr, mal weniger) liebenswürdigen Figuren mit ihren Beziehungen untereinander.

Es fällt mir schwer, das Buch adäquat zu beschreiben, da so viel drinsteckt und es keine passenden Vergleichsmöglichkeiten gibt. Wer es wagt, erhält eine Wundertüte, die auf jeden Fall einige Überraschungen bereithält.

Das Buch erscheint am Dienstag den 13. Juni.

„Paris-Spaziergänge“ von Hella Broerken, der Besprechung zweiter Teil (Montmatre)

Fortsetzung meiner Buchbesprechung mit Praxistest (im ersten Teil ging es ins Quartier Latin, dort kann man auch grundlegendes über den Aufbau des Buches lesen).

An einem heißen Dienstagmorgenführte der Spaziergang  bei strahlendem Sonnenschein nach Montmatre, wo mich die Metro an der Station Blanche ausspuckte, mitten auf dem Boulevard de Clichy in Pigalle, neben dem Moulin Rouge.

Doch vom Rotlichtviertel aus ging es direkt den Berg hinauf über die Rue Lepic, die in schmalere und nicht so stark frequentierte Nebenstraßen führte. Biegt man dann rechts in die Rue des Abesses ab, stößt man bald auf einen kleinen, schicken Park – den Square Rictus, wo an einer Kachelwand in 250 Sprachen Je t’aime geschrieben steht. Weiter geht es in dem schmucken kleinen Park durch ein Hintertörchen hinauf in einen zweiten Park und dann direkt auf die erste Treppe, um La Butte zu besteigen.

Auf dem Weg zu Sacre Coeur bin ich von der angegebenen Route abgekommen, da die vielen kleinen verwinkelten Straßen mit den unzähligen Touristen, dem Anlieferverkehr und den Zeichnern recht unübersichtlich und stressig sind. Ich landete auf der Rue Novins, die ich eigentlich erst beim Abstieg passieren sollte, irgendwie bin ich wohl auf der falschen Seite am Dalí Museum vorbei. Egal, um die gewaltige Kathedrale Sacre Coeur herum, bin ich dann auf eigenen Faust umhergestiefelt, habe sie aus allen möglichen Winkeln fotografiert und versucht, den Touristenströmen auszuweichen. Die Aussicht von dort oben über Paris ist ganz wunderbar.

Beim Abstieg habe ich dann die obere Rue Lepic verpasst, bzw. die Abzweigung davon und stand plötzlich wieder unten in Pigalle. Da ich den Spaziergang aber komplett durchziehen wollte, musste ich in der Mittagshitze wieder den Berg hoch latschen, fand dann die richtige Abzweigung in die Rue Tourlaque und dort endlich das erste Café mit einem schattigen Plätzchen. Im quis parle? bestellte ich mir jetzt in kulinarischer Waghalsigkeit Entenbrust mit Kartoffelpüree und frittierten? Apfelstücken. Da ich die Karte nur teilweise lesen konnte, dachte ich, es wären normale Kartoffeln, aber der Püree mundete ganz vorzüglich. Dieses Café – in dem sich sonst vor allem Einheimische zu treffen schienen, die sich alle kannten und mich zu meiner exzellenten Menüwahl beglückwünschten – kann ich nur empfehlen.

Dann ging es weiter: das auf der Strecke liegende Museeum Montmatre und den Friedhof habe ich aber nicht besucht, nur den kleinen Weinberg fotografiert. Von Montmatre habe ich sicher nur einen Bruchteil gesehen, aber der hat mir richtig gut gefallen. Abseits der extrem stark befahrenen und lauten Straßen in der Innenstadt bieten die zum Teil mittelalterlich anmutenden Straßen und Gässchen, eine willkommene und ruhige Abwechslung. Am Ende des Spaziergangs ging es eine lange steinerne Wendeltreppe hinab zur Metro an der Station Lamarck-Cualaincourt.

Die Route und ihre Sehenswürdigkeiten sind in diesem Kapitel ganz hervorragend beschrieben, dass ich mich verlaufen habe, liegt eher daran, dass mein Stadtplan nicht den ganzen Teil von Montmatre abdeckt. Trotz der Hitze habe ich diesen Spaziergang durch teilweise mit Touristen vermintes Gebiet sehr genossen, vor allem dann, wenn ich abseits der ausgetretenen Pfade auf die kleinen, atmosphärischen Ecken des Viertels stieß, in denen das Stadtleben noch ungestört zu funktionieren scheint. Wo man sich auf den Bänken im Schatten der Bäume auf einen Plausch trifft, oder in de Cafés und Bistros, wo man sich kennt und schätzt.

„Paris-Spaziergänge“ von Hella Broerken, der Besprechung erster Teil (Quartier Latin)

Letzte Woche habe ich Urlaub in Paris gemacht, und wie es sich für eine Leseratte gehört, habe ich mich natürlich mit Büchern darauf vorbereitet. Es war mein erster Besuch in der Stadt, einige Sehenswürdigkeiten waren mir natürlich ein Begriff, aber einen wirklichen Überblick hatte ich nicht. Was ich nicht machen wollte, war die einzelnen typischen Touristenattraktionen (Eiffelturm, Louvre, Notre Dame usw.) der Reihe nach abhaken, ohne vom Rest der Stadt etwas mitzubekommen.


Also habe ich mir dieses Buch mit empfohlenen Spaziergängen gekauft, da ich die Stadt weder vom Bus aus noch per Boot erkunden wollte, sondern zu Fuß, ganz gemütlich in meinem eigenen Tempo. Hella Broerken stellt neun verschiedene von ihr individuell nach ihrem Geschmack gestaltete Spaziergänge vor, die ich mir im Vorfeld alle durchgelesen habe. Für fünf Tage in Paris (von denen zwei größtenteils für An- und Abreise draufgehen) sind neun Spaziergänge natürlich zu viel. Also musste ich eine Auswahl treffen und habe mich einfach an die Reihenfolge im Buch gehalten, da mir die ersten drei auch sehr vielversprechend erschienen (die restlichen werde ich dann bei meinem nächsten Besuch nachholen).

Die Autorin machte in ihren Beschreibungen einen sympathischen Eindruck, deckt durchaus einige bekannte Sehenswürdigkeiten ab, hat aber auch Empfehlungen, die man in den üblichen Touristenführern eher nicht findet (wobei ich zum Vergleich nur den von Lonely Planet kenne). Jedenfalls haben mir ihre Schilderungen richtig Lust darauf gemacht, in ihre Fußstapfen zu treten.

Die Spaziergänge beginnen und enden immer an einer Metrostation, so dass man immer gut hin und auch wieder wegkommt. Zu Beginn jedes Kapitels (ein Kapitel pro Spaziergang) gibt es eine kleine Karte, auf der die Route (mit den Highlights der Strecke) eingezeichnet ist. Trotzdem sollte man noch einen richtigen Stadtplan mitnehmen, da nur die Straßen bezeichnet sind, die man entlanggeht. Hat man sich mal verlaufen (was mir mehrmals passiert ist) benötigt man eine Straßenkarte oder Googlemaps auf dem Smartphone (was ich aber aus Angst vor hohen Roaminggebühren nicht genutzt habe, da ich per Aldi-Auslandspaket nur eine geringe Datenmenge frei hatte).

Im Vorfeld habe ich mir im Fließtext alle Straßennamen, interessante Einrichtungen (Museen, Parks usw.) per Textmarker markiert, damit ich im Gehen nicht immer den ganzen Text lesen muss. Jedes Kapitel enthält auch einige Fotos und am Ende eine Informationstafel mit den Öffnungszeiten der im Spaziergang enthaltenen Einrichtungen.

Im Quartier Latin

Das Viertel liegt im Südosten der Stadt, direkt am linken Seineufer unterhalb der Île Saint-Louis, jener kleineren Insel direkt hinter der Île de la Cité (auf der die Kathedrale von Notre-Dame steht). Startpunkt ist die Metro-Station Sully Morland am rechten Seine-Ufer. Hier muss man darauf achten, welchen Ausgang man nimmt, sonst könnte es erst mal verwirrend werden, ich bin dann auch direkt auf der falschen Brücke gelandet und musste wieder zurückgehen, um die Pont de Sully zu betreten. Von dieser Seine-Brücke hat man einen guten Blick auf die Rückseite von Notre-Dame.

Hat man das andere Ufer erreicht, erhebt sich vor einem direkt das modern gestaltet Gebäude des Institut du Monde Arabe, in dem ich eine ganz interessante Ausstellung zur Geschichte der arabischen Welt besucht habe (da kommt man mit dem Museumspass rein, dessen 62 Euro für vier Tage sich durchaus lohnen, wenn man einige Museen auf dem Programm hat). Danach geht es dann am Ufer den Quai Saint Bernard entlang, an dem einige Skulpturen ausgestellt sind. Hier lässt sich – wie in eigentlich jedem Park von Paris – auch bei heißem Wetter noch ein freies schattiges Plätzchen zum Hinsetzen finden. Ich war in der Mittagszeit dort, als viele Franzosen ihre Mittagspause in der strahlenden Sonne genossen. Am Ende des Quais geht es dann über die Straße in den Jardin des Plantes, einem großen, grünen Park, in dem sich die Galerie d’Anatomie befindet (in der Dinosaurierskelette ausgestellt werden) und das Naturkundemuseum. Dummerweise hatte ich nicht auf die Angaben der Öffnungszeiten am Ende dieses Kapitels geachtet und stand an diesem Dienstag bei beiden Museen vor verschlossener Tür. Egal, weiter ging es zur Moschee des Viertels (die man für 3 Euro besichtigen kann), die ich mir aber nur von außen angesehen habe.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich Hunger und stürzte mich in das Gewirr aus kleinen Straßen und Boulevards des Quartier Latin, bis ich schließlich in der Rue Censier in einem Restaurant landete, wo ich kulinarischer Hasenfuß mir erstmal ganz unfranzösisch einen Burger bestellte (der dann noch nicht mal wirklich gut war). Genügend Mut mich auf die französische Küche einzulassen, sollte ich erst am nächsten Tag zeigen.

Ich weiß ja nicht, ob es an dem enttäuschend Essen lag, jedenfalls gelang es mir dann trotz Straßenkarte nicht, die Rue Mouffetard zu finden, die mich zum Pantheon führen sollte. Irgendwie bin ich in einer Parallelstraße gelandet, und als ich das Pantheon dann schon in Sichtweite hatte, wollte ich nicht mehr zurücklaufen. Die Ruhmeshalle, in der einige französische Berühmtheiten wie Victor Hugo, Émile Zola und Alexandre Dumas bestattet liegen, bietet sowohl von außen als auch von innen einen imposanten Anblick. An einem so hochsommerlichen Tag mit strahlenden Sonnenschein empfiehlt sich nach einem schweißtreibenden Spaziergang auch ein Besuch der angenehm kühlen Krypta. Vom Pantheon geht es dann noch weiter zum Schlusspunkt dieses Spaziergangs: den riesigen Jardin de Luxembourg, wo es auch zahlreiche Bänke und Stühle im Schatten gibt.

Mir hat dieser erste Spaziergang nach dem Buch von Hella Broerken ausgezeichnet gefallen, auch wenn ich mich unterwegs verlaufen und die Rue Mouffetard verpasst habe. Nicht schlimm, denn anders als die Autorin bin ich nicht so ein Ladenbummler, der sich für putzige kleine Geschäfte und deren Waren interessiert. Alles, was keine Buchhandlung ist, erhält von mir nur eingeschränkt Beachtung. Dass man sich auf diesen Spaziergängen schon mal verlaufen kann, liegt vor allem an den riesigen Straßenkreuzungen, an denen mehr als vier Straßen zusammenlaufen, da wird es dann unübersichtlich. Ist aber nicht schlimm, denn auch abseits der geplanten Wege kann man auf interessante Sachen stoßen.

Für diesen ersten Spaziergang wählte ich übrigens – aufgrund des heißen Wetters – das falsche Schuhwerk. Jene Sandalen, die jahrelang bei mir auf dem Speicher standen, weil sie mir zu unbequem waren, sorgten dann für einige Blasen an meinen Füßen, die mich aber nicht daran hinderten, nach dem Spaziergang noch vom Jardin de Luxembourg zur Kathedrale von Notre Dame zu latschen.

Untergekommen bin ich übrigens im putzigen Hotel Chopin in der Passage Jouffroy, die Teil des neunten Spaziergangs ist, der durch einige dieser Einkaufspassagen aus dem 19. Jahrhundert führt. Das ist zentral gelegen, direkt vor der Metrostation Grand Boulevard am Boulevard Montmatre, in Fußnähe zum Louvre und dem Seineufer. Ein etwas in die Jahre gekommenes Hotel mit Charme und Katze, relativ günstig, für meinen Geschmack aber mit etwas zu hellhörigen Wänden, dafür aber ruhig gelegen und sauber.

Im zweiten Teil der Besprechung wird es dann nach Montmatre und ins Marais gehen.

P. S. Meinen Hinflug nach Paris hätte ich fast verpasst, weil ich auf der Anfahrt zum Frankfurter Flughafen am Wiesbadener Kreuz zwei Stunden in einem 20 Kilometer langen Stau gestanden habe (Montagsmorgens ist keine gute Zeit, um über die Autobahn nach Frankfurt zu fahren). Landet man auf dem Roissy (dem Flughafen Charles de Gaulle), sollte man sich vorher einen Plan ansehen, denn der Flughafen ist riesig und leicht verwirrend, ich bin in Terminal 2g angekommen, das Abseits von allem anderen liegt, und hatte erst mal keine Ahnung, wie ich zu meinem Bus komme. Ich dachte, es gäbe nur einen Terminal 2 und nicht sieben. Für die Fahrt in die Stadt sollte man auch noch mal eine Stunde plus einplanen, je nachdem wo man hinmuss.

Ist man eine Woche in Paris, lohnt sich die Wochenkarte Navigo Decouverte. Dafür holt man sich in einer Metrostation oder am Flughafen (wenn man es findet) einen Bon am Automaten, für den man dann am Informationsschalter den Navigo Pass ausgestellt bekommt (für den man ein Passfoto benötigt), den man dann wiederum am Automaten mit Geld auflädt. Im Navigo ist ein RFID-Chip, mit dem man dann am Drehkreuz zur Metro über einen Scanner fährt und dann eintreten kann.