Meine Lektüre Dezember 2015

Dezember
63. Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions
64. Molly Crabapple – Drawing Blood
65. Veit Etzold – Todesdeal
66. Donald Antrim – The Emerald Light in the Air
67. Peter Watts – Echopraxia
68. Jeffery Deaver – Die Giftmaler
69. Karin Slaughter – Cop Town

Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions

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Virtuos erzählte skurrile Geschichte, deren Inhalt sich nur schwerlich in Worte fassen lässt. Wer aber schon immer mal wissen wollte, wie Kurt Vonneguts Arschloch aussieht, der sollte sich diesen Meilenstein der amerikanischen Erzählkunst (mit einem echten Kilgore Trout) nicht entgehen lassen.

Molly Crabapple – Drawing Blood

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Sehr interessant Autobiografie der New Yorker Künstlerin. Besprechung folgt noch.

Donald Antrim – The Emerald Light in the Air

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Meisterhafte Kurzgeschichten über mehr oder weniger instabile Menschen mit kompliziertem Beziehungsstatus.

Peter Watts – Echopraxia

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Visionärer und herausragender SF-Roman über die Evolution der Menschheit, den menschlichen Geist, das Wesen Gottes und die Zukunft. Ich empfehle, vorher Blindflug zu lesen, welches im gleichen Universum spielt. Es gibt auch leichte Bezüge zur Handlung.

Jeffery Deaver – Die Giftmaler

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Der neueste Fall des im Rollstuhl sitzenden genialen Ermittlers, um einen Verrückten (?), der seine Opfer tötet, indem er sie mit Gift tätowiert. Eigentlich wie immer clever konstruiert, aber trotzdem wusste ich nach 100 Seiten schon, wie der Schlusstwist aussehen wird. Keinen Scheiß, ich bin nachts um 4.00 Uhr aufgewacht und mein erster Gedanke war: Zombiedroge – Uhrmacher – aha. Gehört aufgrund des Miteinanders der vertrauten Figuren aber trotzdem zu einem der besten Bücher der Reihe und macht schon neugierig auf den nächsten Band. Allerdings spielt Kommissar Zufall einmal zu oft eine entscheidende Rolle.

Karin Slaughter – Cop Town

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Atmosphärisch dichte und hervorragende Milieustudie über zwei junge Frauen, die sich ihm Jahr 1974 bei der Polizei von Atlanta durchzuschlagen, die zu einem großen Teil aus korrupten, sexistischen, gewalttätigen und primitiven Affen zu bestehen scheint. Der Thrillerhandlung ist auch recht spannend, aber der Roman überzeugt vor allem mit den eindrücklichen Schilderungen des harten Polizeialltags.

Veit Etzold – Todesdeal

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»Brandheißes Thema! Für mich der Politthriller des Jahres.« wird Andreas Eschbach auf der Rückseite zitiert.
Ob es der deutschsprachige Politthriller des Jahres ist, kann ich nicht beurteilen, da ich sonst keine gelesen habe. International geht der Titel natürlich an Don Winslows Das Kartell. Mit dem kann Etzold leider nicht mithalten, auch nicht mit Ellroy oder Schätzing (Breaking News!), dafür gibt es zu viele Mängel. Dabei geht es noch recht spannend los, Etzold beherzigt den Rat von Andreas Eschbach, mit dem besten Kapitel anzufangen. Das geht allerdings nur über vier Seiten, danach folgen erst einmal hundert Seiten Infodump, der fast ausschließlich aus hölzernen Dialogen besteht.

Das Thema ist brisant, aus Etzold Vita schließe ich auch, dass er sich aus erster Hand mit der Materie auskenne, da er sowohl als Unternehmensberater für eine Bergbaugesellschaft gearbeitet hat, als auch für das Auswertige Amt, und auch international viel rumgekommen zu sein scheint. Doch nach den ersten hundert Seiten wird es nicht viel besser, obwohl es bald in den Kongo und nach Ruanda geht. Dort gelingt es dem Autor durchaus, stimmungsvolle Landschaftsbilder und kurze Einblicke in das Leben der Menschen dort zu liefern, aber die bleiben viel zu kurz, da der Roman insgesamt zu 80 Prozent aus Dialogen besteht, in denen Menschen in Toppositionen mit Topausbildung sich so naiv und unwissend anstellen, was die Lagen in Ruanda, im Kongo und den Genozid von 1994 angeht, dass sie als Figuren unglaubwürdig werden. Mir ist klar, das Etzold auf diese Weise versucht, die Situation und die Hintergründe einem völlig unwissenden Leser zu vermitteln, aber das kommt viel zu oberlehrerhaft rüber, als wären die Dialoge für ein Lehrvideo eines lokalen Berufsverbandes inszeniert worden. Die zahlreichen und sich ständig wiederholenden Plattitüden und Zitate von Stalin, Lenin usw. sind auch nicht gerade hilfreich und nerven irgendwann. Einige der Figuren reden fast nur in solchen Plattitüden.

Vielleicht war ich ja auch gelangweilt, weil ich alles, was hier vermittelt wird, schon aus Spiegel-Artikeln und Dokumentationen kannte, aber ein wenig Spannung und Handlung jenseits der oben genannten Dialoge kommen erst auf den letzten hundert Seiten auf. Es gibt unzählige Handlungsfiguren, zwischen denen der Autor ständig hin und herspringt, viele Kapitel haben nur eineinhalb Seiten, das Buch auf 460 Seiten 108! Kapitel. Dadurch wirkt es trotz der statischen Dialoginszenierung unnötig hektisch.

Was gefällt, ist, wie der Autor die moralische Verlogenheit der sogenannten westlichen Länder, allen voran Europa und Deutschland aufzeigt, die immer gerne anderen Moralpredigten halten, im Hinterzimmer aber schmutzige Deals um Waffen, Coltan, Öl usw. abschließen.

Was den Schreibstil angeht, da zitiere ich einfach mal die ersten drei Sätze:

Martin rannte.
Hinter ihm fauchten Schüsse. Pfeilschnelle Projektile, die rechts und links von ihm zischend durch das Unterholz des Regenwaldes peitschten.

Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie Schüsse fauchen, auch wenn sie dann mit nur lahmer Pfeilgeschwindigkeit (sollten Schüsse aus automatischen Gewehren nicht viel schneller sein) zischend an ihm vorbeipeitschen. Aber ich will jetzt nicht kleinlich werden, das Buch ist zumindest lesbar, sonst hätte ich nicht bis zum Schluss durchgehalten. Für den nächsten Politthriller von Veit Etzold wünsche ich mir aber weniger Dialoge, diese dann etwas dynamischer inszeniert, mehr Action, mehr Landschaftsbeschreibungen und weniger Erklärbär.

Meine Lektüre September 2015

45. Aliette der Bodard – House of Shattered Wings
46. Terry Brooks – The Elfstones of Shannara
47. Brian K. Vaughan, Fiona Staples – Saga 1 (Comic)
48. Jo Walton – Die Stunde der Rotkelchen
49. Nancy Jane Moore – The Weave
50. Luisa Binder – Eigentlich sind wir nicht so
51. Keigo Higashino – Heilige Mörderin

Aliette der Bodard – House of Shattered Wings

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Da ihre Kurzgeschichten mit zu dem Besten gehören, was ich in der letzten Zeit gelesen habe, gab es in diesem Jahr kaum einen Roman,  auf den ich mich untern den Neuerscheinungen 2015 mehr gefreut. Das Setting um gefallene Engel, die sich in Häusern organisiert (Adelshäusern gleich) im postapokalyptischen Paris nach dem 1. Weltkrieg einen Intrigenreigen liefern, wirkt zunächst recht interessant, stellt sich aber leider als ziemlich langweilig raus. Zumindest ging es mir beim Lesen so. Das Buch ist durchaus gut geschrieben (und sprachlich interessant), aber die Story (die fast komplett im House Silverspires spielt) hat sich für mich wie Kaugummi hingezogen. Die zahlreichen begeisterten Kritiken in den üblichen Genrepublikationen kann ich deshalb nicht so ganz nachvollziehen. Der Weltenbau weist durchaus interessante Ansätze auf, wie die Verbindung der christlichen Engelsmythologie mit spirituellen asiatischen Welten mit magischen Wesen, konnte mich aber gerade in Bezug auf die gefallenen Engel nicht überzeugen.

Terry Brooks – The Elfstones of Shannara

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Die klassische epische Fantasy begann mit einer Kopie. Das Schwert von Shannara habe ich als dreisten Tolkien-Abklatsch in Erinnerung, der aber ganz ordentlich geschrieben ist. Mit dem 50 Jahre später spielenden Folgeband um die Elfensteine von Shannara – den man ganz unabhängig und eigenständig lesen kann – löst sich Brooks von seinem großen Vorbild und erschafft eine toll geschriebene, fantasievolle, spannende und ergreifende Geschichte, mit der er den Grundstein für den Erfolg der epischen Fantasy der 80er Jahre legte. Läuft im Januar übrigens als Serie auf MTV an; der Trailer sieht gar nicht so schlecht aus.

Brian K. Vaughan, Fiona Staples – Saga 1 (Comic)

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Toller Science-Fantasy-Comic, mit erfrischend frechen Hauptfiguren, durchgeknallten Ideen und einer interessanten Story, bei der man aber noch nicht so recht weiß, worauf sie hinaus will. Ist allerdings nichts für prüde Gemüter. Was Zeichnungen angeht, bin ich wahrlich kein Experte, aber während ich die Figuren toll gezeichnet finde, hätten die Hintergründe ruhig etwas üppiger ausfallen können. Macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

Jo Walton – Die Stunde der Rotkelchen

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Atemberaubend gut geschriebener Alternativweltkrimi, der in einem England spielt, das vor 8 Jahren (also 1941) Frieden mit dem Deutschen Reich geschlossen hat. Nun wird einer dieser Friedensvertragabschließer während eines Partywochenendes der feinen Gesellschaft auf einem Landsitz ermordet, und keiner will es gewesen sein. Wachsender Antisemitismus, Homosexualität als Verbrechen, eine schleichende Entdemokratisierung der Gesellschaft, die Not der Juden auf dem Kontinent – Jo Walton packt ganz schön viele Themen in diesen klassischen Whodunit-Krimi im Stile Agatha Christies. Und das macht sie meisterhaft. Der zunächst gemächlich anlaufende Plot um die Ermittlungen entwickelt sich gegen Ende in ein hochdramatisches und spannendes Finale, das auf die gerade erschienene Fortsetzung Der Tag der Lerche neugierig macht. Besonders loben möchte ich an dieser Stelle die Übersetzung von Nora Lachmann, die sich so wunderbar elegant liest, wie ich es selten erlebe. Was für ein wunderbarer Stil!

Nancy Jane Moore – The Weave

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Gut geschriebener Erstkontaktroman über eine wissenschaftlich/militärische Expedition, die auf einem fernen Planeten auf ein Volk stößt, das ausschließlich telephatisch in Bildern kommuniziert, was zu einigen Verständigungsproblemen führt. Ganz zu schweigen davon, dass das Militär den mit angeblich primitiven Wilden besiedelten Planeten in bester kolonialer Tradition ausbeuten möchte, was dazu führt, dass es in der insgesamt eher ruhigen Handlung noch so richtig kracht. Hat mir sehr gut gefallen. Ein wenig musste ich an etwas ältere SF wie Poul Andersons Planetenwanderer denken, aber auf dem neuesten Stand der Technik. Ich hoffe sehr, dass der Roman einen deutschen Verlag finden wird.

Luisa Binder – Eigentlich sind wir nicht so

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Ein kauziger Familienroman heißt es auf dem Titelbild. Dass es um eine Studentin geht, die nach dem Studium der nutzlosen Künste (Geisteswissenschaften) aus der Großstadt wieder zu ihren Eltern aufs Dorf zieht, kommt mir doch sehr bekannt vor. Dass sie auch als Erwachsene (was immer das heißen soll) noch gerne „Die drei Fragezeichen“-Hörspiele hört, gibt bei mir direkt Sympathiepunkte. Aber so nach Hundert Seiten ist dieser Bonus verbraucht, wenn sich das Buch dann als doch zu seichte Familienklammmotte entpuppt, die gut ins Vorabendprogramm der ARD passen würde (direkt vor Klinik unter Palmen oder so). Der Schreibstil ist mir auf Dauer doch etwas zu simpel und glanzlos ausgefallen und die Handlung sehr schnell sehr vorhersehbar und zu bemüht auf Situationskomik getrimmt. Ich bin mir aber sicher, dass das jetzt auch nicht schlecht geschriebene Buch durchaus sein Publikum findet, aber ich gehöre nicht dazu und greife lieber wieder zu Kathrin Scholes oder Anna McPartlin.

Keigo Higashino – Heilige Mörderin

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Wieder mal ein sehr cleverer Krimi des japanischen Autors, mit einer Auflösung, die man so sicher nicht erahnt hätte. Sehr erfrischend ist, dass es sich um einen reinen Ermittlungsroman handelt, in dem es nicht eine einzige Actionszene gibt, es spritzt kein Blut und bis auf den einen Giftmord, über den alle rätseln, wird auch nicht weiter gemeuchelt. Trotzdem ein sehr spannendes Buch.

Meine Lektüre im Juni

31. Clive Barker – The Great and Secret Show
32. Courtney Schafer – Der Blutmagier
33. Stephen King – Finders Keepers
34. Brian Stavely – Der verlorene Thron
35. Daryl Gregory – Harrison Squared
36. Tim O’Rourke – Ich sehe was, was niemand sieht

Clive Barker – The Great and Secret Show

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Erstes Buch der Book of the Art (Band 2 ist Everville, 3 steht noch aus), in der ein einfacher Postangestellter im Raum für unzustellbare Post einem Geheimnis auf die Spur kommt, dass ihm nicht nur ungeheure Macht verleiht, sondern auch die Welt an den Rand des Abgrunds bringt. Hat einen saustarken Auftakt, dann nimmt Barker ein wenig die Geschwindigkeit und den Größenwahn raus, aber nur für eine Weile, bevor es dann ein furioses und langes Finale gibt.

Courtney Schafer – Der Blutmagier (Die Chroniken von Ninavel, Band 1 )

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Schmuggler muss jungen Mann mit Geheimnis (ist ein Blutmagier, kein Spoiler!) über die Berge und die Grenze bringen. Unterwegs will man ihnen allerdings an den Kragen, was die Sache erschwert. Ein erfrischend unspektakulärer und unepischer Fantasyroman, der gegen Ende etwas aufdreht. Wer mehr über das Buch wissen möchte, dem empfehle ich diesen kurzen Beitrag von Gero auf der Bibliotheka Phantastika und die Rezension auf dem Fantasyguide.

Stephen King – Finders Keepers

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Zweiter Teil der mit Mr. Mercedes begonnenen dreiteiligen Reihe um den pensionierten Cop Bill Hodge, der hier allerdings erst im zweiten Teil auftauchen wird und auch nicht die Hauptfiguren des Romans ist. Hat mir deutlich besser gefallen als Mr. Mercedes. Zunächst ist der Roman eine Anspielung auf das Leben und Werk von J. D. Salinger. Hier geht es um gestohlene (unveröffentlichte) Romanmanuskripte eines berühmten ermordeten Schriftsteller, die viele Jahrzehnte später einen Schüler in Schwierigkeiten bringen. Vor allem im ersten Drittel ist das Buch eine tolle Reminiszenz an die amerikanische Literatur, der Thrillerteil, der darauf folgt, lässt ein wenig nach, das Ende ist dann ziemlich durchschnittlich.

Brian Stavely – Der verlorene Thron (Der unbehauene Thron, Band 1)

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Eindrucksvoller Debütroman um drei junge Herrscherkinder, deren Vater der Kaiser ermordet wird, was zu allerlei Intrigen, Attentaten und anderen Verwicklungen führt. POVs sind die Tochter und die beiden Söhne, wobei die in der Hauptstadt als Ministerin agierende Tochter etwas zu kurz kommt. Der eine Sohn macht eine knochenharte Ausbildung bei ziemlich schrägen Mönchen, der andere bei einer Elitetruppe von Attentätern. Beide an sehr entlegenen Orten, was dazu führt, dass der Teil der Handlung, den ich schon ab Seite hundert erwartet habe, erst im Finale des Buches kommt. Bis dahin wird die Ausbildung der beiden geschildert, was sehr unterhaltsam und packend geschrieben ist, mit einigen sehr schönen Einfällen, aber die eigentliche Geschichte ein wenig aufhält. Doch trotz des etwas unausgewogenen Balancing was die drei POVs angeht, und das Vorantreiben des Plots, handelt es sich um ein sehr vielversprechendes Debüt, das allseits bekannte Fantasyelemente mit ein paar netten Einfällen und einer packenden Erzählweise mischt.

Daryl Gregory – Harrison Squared

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Gergorys Afterparty wird ja gerade von Kollege Böhmert ins Deutsche übersetzt. Harrison Squared ist so eine Art Prequel zur Novelle We are all completly fine, in der Harrison als Erwachsener auftaucht. Im vorliegenden Roman ist er aber noch ein Jugendlicher, der mit seiner Mutter in ein sehr merkwürdiges Küstenstädtchen zieht, wo er auf eine noch seltsamere Schule gehen muss. Harrisons Mutter ist Meeresbiologin und auf der Suche nach bisher unbekannten Wesen, zumindest, bis sie verschwindet, dann muss sich Harrison zusammen mit seiner extravaganten Tante auf die Suche nach seiner Mutter begeben. Harrison Squared ist eine sehr stimmungsvolle Hommage an Lovecraft im Stil eines Jugendromans. Wirklich blutig wird es nicht, aber dafür gibt es gekonnt eingesetzten Grusel und eine unheimliche Atmosphäre. Ein sehr lesenswertes Buch für Freunde des weniger blutigen Grusels. Ich glaube, die Chancen stehen ganz gut, dass es auch auf Deutsch erscheinen wird. 😉

Tim O’Rourke – Ich sehe was, was niemand sieht

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Noch ein Jugendroman, der allerdings geradliniger und weniger komplex ist. Hier geht es um eine Jugendliche, die in sogenannten Blitzen Verbrechen aus der Vergangenheit sieht. Zunächst hält sie es nur für Träume oder so, aber als dann eine dazu passende Leiche gefunden wird, befindet sie sich plötzlich in großer Gefahr. Zum Glück hat sie einen jungen Polizisten, der ihr zur Seite steht. Eine flotte und einfühlsam Lektüre, durchaus spannend, wenn auch wie schon erwähnt vielleicht etwas zu geradlinig. Hat mir jedenfalls viel Spaß gemacht. Übersetzt wurde es übrigens von Kollege Böhmert.

Meine Lektüre Januar/Februar 2015

Ich komme mit den Buchbesprechungen nicht mehr hinterher, und da ich beruflich die nächsten Monate gut im Stress sein werde, muss ich jetzt die Notbremse ziehen und einige Bücher, die eine ausführliche Besprechung verdient hätten, mit Kurzkritiken abspeisen. Um meine Rezensionen zu den ausführlich besprochenen Werken zu lesen, müsst ihr einfach auf den Link im Buchtitel klicken. Die restlichen Kurzkritiken gib es weiter unten.

1. George R. R. Martin – Armageddon Rock
2. Ernest Cline – Ready Player One
3. Patricia A. McKillip – The Riddle Master of Hed
4. George G. Pelecanos – Das große Umlegen
5. Cixin Liu – The Three-Body Problem
6. Kathrine Scholes – Die Traummalerin
7. Andrej Sapkowski – Das Schwert der Vorsehung
8. Patrick Lee – Breach
9. Andre Marx – Die drei Fragezeichen und das Kabinett des Zauberers
10. Thomas Ziegler – Stimmen der Nacht
11. Terry Pratchett – Helle Barden
12. Kate Atkinson – Die Unvollendete
13. Robin Sloan – Mr. Penumbras sonderbare Buchandlung

George G. Pelecanos – Das große Umlegen

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Wunderbarer Crime-Noir-hafter Roman (worauf ja schon der an/bei Dashiell Hammett angelehte/geklaute deutsche Titel anspielt), der die Geschichte eines griechischen Einwandererjungens in Washington vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Ist vor allem mal was anderes, von einer griechischen Gemeinde in den USA zu lesen, und man lernt Washington von einer ganz anderen Seite, abseits des Capitol Hills und der Oberschicht, kennen. Das große Umlegen ist mehr, als nur ein einfacher Krimi, Pelecanos ist ein begabter Schriftsteller, der hier ein eindrucksvolles Porträt eines einfachen Mannes geschaffen hat, der versucht es im Leben zu etwas zu bringen, dabei aber immer wieder heftig auf die Schnauze fällt. Ach ja, das ist der erste Teil der Washington-Trilogie, deren Fortsetzungen einige Jahrzehnte später spielen sollen.

Andrej SapkowskiDas Schwert der Vorsehung

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Zweiter Band mit hintersinnigen, humorvollen und klugen Kurzgeschichten über den Hexer Geralt von Riva. So langsam zeichnet sich ein roter Faden in Geralts Geschichte ab. Der nächste Band ist dann auch ein Roman. Sapkowksi verpackt ernste Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Umweltzerstörung in spannende Geschichten mit flotten Dialogen und augenzwinkerndem Humor.

Patrick LeeBreach

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Sauspannender und sehr clever konstruierter SF-Thriller, der einige atemberaubende und so noch nicht dagewesene Actionszenen bereithält, zwischendurch etwas an Fahrt verliert, gegen Ende aber wieder voll auftrumpft.

Andre MarxDie drei Fragezeichen und das Kabinett des Zauberers

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Ein schwacher Marx. Die Geschichte um den Zauberer, der während einer Kindervorstellung verschwindet und nicht wieder auftaucht, braucht viel zu lange, um in die Gänge zu kommen. Die Geschichte um alte Zauberertricks ist ganz interessant, kommt aber viel zu kurz und wird von einem viel zu plumpen und brutalen Finale überschattet.

Kate AtkinsonDie Unvollendete

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Dazu wird es noch eine ausführliche Besprechung geben. Nur so viel: Ich halte das Buch für ein Meisterwerk, das Beste, was ich bisher in diesem Jahr gelesen habe. Die narrative Struktur mit den vielen »groundhog lifes« die immer und immer wiederkehren und sich teils nur durch kleine Details unterscheiden, dann aber völlig andere Richtungen nehmen können, ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich habe noch nie einen Roman gelesen, der den Blitz, also die Bombenangriffe auf London, so packend und emotional mitreißend beschrieben hat. Ich konnte förmlich den Staub der Trümmer auf der Zunge spüren und die Enge, die Ursula empfunden haben muss, als sie durch die zusammengestürzten Ruinen auf der Suche nach überlebenden kroch. Die Übersetzung liest sich übrigens großartig. Ganz toller Stil, sehr elegant und wortgewaltig.

Robin SloanDie sonderbare Buchandlung des Mr. Penumbra

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Das bisher enttäuschendste Buch des Jahres. Das ist keine Liebeserklärung an die Welt der Bücher, wie die New York Times auf der Rückseite zitiert wird, sondern eine hemmungslose Lobhudelei auf Google und das Sillicon Valley. Die Buchhandlung selbst und das Rätsel wirken zunächst noch sehr interessant, aber die Bücher sind eigentlich nur Staffage für Sloans Verehrung des digitalen Zeitalters. Selbst Buchpiraten werden positiv erwähnt, also jene Verbrecher, die denen das Geschäft ruinieren, die Bücher schreiben, herstellen, vertreiben und verkaufen. Wie schon erwähnt, die Grundidee mit dieser geheimnisvollen Büchervereinigung ist gar nicht schlecht, aber Sloans Schreibe wird dem Anspruch zu keiner Zeit gerecht. Denn die ist einfach und nüchtern, gänzlich unauffällig, und versprüht keinerlei Magie oder Charme. Die Figuren bleiben flach (wenn auch teils sympathisch und die Handlung spannungsarm.

Meine Lektüre: Oktober bis Dezember 2014 (1/2)

Kurzkritiken zu fünf der zehn Bücher, die ich in den letzten drei Monaten gelesen habe. Die anderen fünf folgen noch.

Jean-Luc Bannalec – Bretonisches Gold

Die ersten beiden Fälle von Kommisar Dupin habe ich sehr gerne gelesen, bei diesem hier war aber irgendwie die Luft raus. Bretonische Atmosphäre allein reicht auf Dauer nicht. Mir ist auch zum ersten Mal der schwache Stil des Autors aufgefallen, der alle Personen in der exakt gleichen Satzstruktur reden lässt. Die Lektüre ist jetzt schon zu lagen her und ich habe das Buch nicht mehr zu Hand, deswegen kann ich jetzt kein Beispiel bringen, aber auch ansonsten hätte das Buch in sprachlicher Hinsicht nochmal ein ordentliches Lektorat gebraucht. Der Kriminalfall an sich ist auch nicht gerade spektakulär. Für mich eine Enttäuschung, obwohl ich die Thematik mit der Salzgewinnung eigentlich ganz interessant finde. Der Roman beginnt mit einer spannenden Szene, verliert sich dann aber leider in nervigen Belanglosigkeiten um Revierstreitigkeiten und Eitelkeiten.

Corry Doctorow – Pirate Cinema

Nicht unbedingt spannender aber durchaus interessanter Roman über einen jugendlichen Ausreißer, dessen Hobby Filme aus bereits vorhandenen Filmschnipseln zusammenzuschneiden seiner Familie zum Verhängnis wird, woraufhin er nach London ausreißt und mit anderen jugendlichen Obdachlosen ein Haus besetzt, einen Untergrund Filmclub startet und als Aktivist gegen übertrieben harte Internetgesetzte vorgeht. Doctorow versteht es wirklich, ein authentisches Gefühl für Jugendkultur zu vermitteln. Ich habe den Roman mit großem Vergnügen gelesen, auch wenn er emotional nicht so mitreißend ist, wie Little Brother und For the Win.
Stephen Baxter – Die letzte Arche

Nach interstellar hatte ich richtig los auf Pionier-SF im Weltraum. Und diese Fortsetzung von Die Flut passt mit ihrem Generationenraumschiff, das eine überflutete Erde verlässt und einen neuen Planeten besiedeln sol,l genau ins Schema. Ähnlich wie den Pionieren an der amerikanischen Frontier ergeht es auch den jungen Astronauten, die über Jahrzehnte in beengten Verhältnissen eingesperrt sind und ein wenig luxuriöses Leben führen. Hart und entbehrungsreich trifft es eher. Die Mission ist kein Zuckerschlecken, kein großes Abenteuer, macht aber trotzdem Spaß und ist enorm spannend. Ich habe dieses über 700 Seiten lange Buch innerhalb von vier Tagen verschlungen.

John Grisham – Die Erbin

Weder Krimi noch Thriller und auch nicht wirklich ein Drama. Es geht einfach um eine Erbschaftsangelegenheit, die vor Gericht verhandelt wird. Was die ganze Sache brisant macht, ist die Tatsache, dass die Erbin die schwarze, gutaussehende Haushälterin des alten, totkranken und stinkreichen weißen Unternehmers ist, der sich umgebracht hat und kurz davor per handschriftlichem Testament ein altes ausführliches Testament für ungültig erklärt und seine Kinder enterbt hat. Ach ja, die Geschichte spielt im Jahr 1988 in den Südstaaten der USA und der anwaltliche Nachlassverwalter ist die Hauptfigur aus Grisham Welterfolg Die Jury. Doch trotz der fehlenden Spannung und der reduzierten Dramatik hat mir das Buch, das hier und da doch überraschende Wendungen aufweisen kann, gut gefallen.

Nala Martin – Safeword

Über eine Domina, die sich nach verlorener Wette einem Kunden unterwirft und dadurch ihr ganzes Leben und Weltbild durcheinanderbringt. Mir wird es auf ewig ein Rätsel bleiben, warum sich Frauen von Männern freiwillig so mies behandeln lassen (damit meine ich jetzt nicht SM). Darüber habe ich mich während der Lektüre sehr geärgert. Aber vermutlich ist doch ein sehr realistisches (in diesem Falle) Suchtverhalten. Da die Autorin selbst als Domina arbeitet und der Roman autobiografische Züge enthält, wirkt er sehr authentisch. Die SM-Szenen wirken aufgrund ihrer teilweise sehr plumpen und brutalen Art meist wenig erotisch, was am Thema SM interessierte Leserinnen eher abschrecken könnte. Vom Stil her ist mir das Buch etwas zu deskriptiv geraten. Es werden fast nur die Begegnungen mit dem Mann beschrieben. Darauf, wie sich diese obsessive Beziehung auf das Verhältnis zu ihrer Tochter und ihrem Mann auswirkt, wird überhaupt nicht eingegangen. Dadurch wirkt die ganze Geschichte etwas unrund, bietet aber trotzdem einen interessanten Blick in eine etwas andere Beziehungswelt.

Kurzkritiken: Meine Lektüre der letzten Monate (1/2)

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Joe R. Lansdale – Gauklersommer

Journalist und Kriegsverteran kehrt in seine Heimatstadt zurück, versucht einige Morde aufzuklären und gerät dabei an sehr böse Menschen. Die Kleinstadt ist Camp Rapture. der Reporter ein Nachfahre des resoluten weiblichen Sheriffs aus Kahlschlag. Der Roman selbst gehört zu den eher schwächeren Werken Lansdales. Zumindest hat er mich nicht so gepackt wie Kahlschlag und Ein feiner dunkler Riss. Schlecht ist es aber auch nicht, vor allem die Figuren überzeugen, allen voran der sozioapathische Freund des Reporters, mit dem die Bösewichte einen nicht weniger zimperlichen Feind haben. Für eine solche investigative Geschichte hat mir aber ein wenig die Spannung gefehlt.

Nick Dybek – Der Himmel über Greene Harbor
Coming-of-Age-Roman über einen den 14-jährigen Cal, der in einer rauen Hafenstadt, die vom „Deadliest Catch“ (der Krabbenfischerei) lebt, ein düsteres Geheimnis entdeckt, das ihn vor ein schweres moralisches Dilemma stellt und die Beziehung zu seinem Vater für immer verändert. Vor allem der erste Teil des Romans überzeugt durch seine sprachliche Wucht und die feinfühlige Darstellung des jugendlichen Lebens in einem Fischerstädtchen, in einer nicht ganz intakten Familie. Mit der Wendung hin zum kammerspielartigen Krimi verliert der Roman etwas an Atmosphäre, gewinnt dafür aber an Kraft. Der hintersinnige Originaltitel Captain Flint was Still a Good Man, die auf den Kapitän aus Stevensons Schatzinsel anspielt, passt viel besser zum Buch, als der kitschige deutsche Titel, der eher auf einen Roman im Stil von Nicholas Sparks vermuten lässt. Was zum Glück nicht der Fall ist. Klare Leseempehlung! In Taschenbuchausgabe von Heyne wird an keiner Stelle der Übersetzer erwähnt. Deshalb sei es hier erwähnt: Der Himmel über Greene Harbor wurde von Frank Fingerhut übersetzt!

Max Gladstone – Two Serpents Rise
Ausführliche Besprechung folgt noch. Nur soviel: Im zweiten Band der Craft-Sequenz steigert sich Gladstone sprachlich deutlich und kommt souveräner rüber. Dafür ist die Geschichte geradliniger und weniger komplex angelegt, als in Three Parts Dead. Eine Reihe, für alle, die gerne etwas ungewöhnlichere und originellere Fantasy lesen möchten. Der Mix aus moderner großstädtischer Gesellschaft und magiedurchdrungener Fantasymythologie überzeugt auf der ganzen Linie.

Danny Wallace – Auf den ersten Blick
Cover und Titel der deutschen Ausgabe zielen auf LeserInnen ab, die Zwei an einem Tag von David Nicholls gelesen haben. Da gehöre ich zwar auch zu, aber im Gegensatz zu mir, der literarisch sehr flexibel ist, könnten viele davon enttäuscht sein, dass sie hier statt einer romantischen Liebesgeschichte eine klassische Slackerkomödie bekommen. Mir hat das Buch trotzdem ganz gut gefallen. Es ist jetzt nicht der Brüller, aber hat durchaus seine witzigen Momente.

Reread: Tad Williams – Der Drachenbeinthron

Diesen Beitrag gibt es auch auf Fantasyguide.de. Dort hat sich mein Chefredakteur Ralf die Mühe gemacht, all die AutorInnen, die ich nennen mit Links zu Rezensionen und Autorenseiten zu verlinken. Wer also mehr darüber wissen möchte, sollte den Artikel auf dem Fantasyguide lesen. (Ist übrigens spoilerfrei bzw. verrät nicht mehr als der Klappentext).)

Als ich dieses Buch zum ersten Mal Mitte/Ende der 90er Jahre las, war mir gar nicht bewusst, dass es bereits 1989 erstmals erschienen ist. Im Rückblick stellt das einen interessanten Zeitpunkt dar. Man könnte von einem Wendepunkt in der Fantasyliteratur sprechen. Die 70er und 80er Jahre sowie die erste Hälfte der 90er waren durch jene Fantasy geprägt, in denen ein einfacher Bauern/Küchen-oder-sonstwas-Junge verborgene Kräfte entdeckt und damit die Welt vor dem Bösen rettet. Dazu begibt er sich unter Anleitung eines älteren, weisen Mentors (oft mit magischen Fähigkeiten), der mehr ist, als er auf den ersten Blick zu sein scheint, auf eine Reise (Quest) um einen magischen Gegenstand zu finden, der ihm beim Kampf gegen den Oberbösewicht helfen soll. Unterwegs trifft er dann noch unterschiedliche Gefährten, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die somit eine bunte Heldengruppe bilden.

Die bekanntesten Autoren dieser Schiene sind David Eddings (Belgariad-Saga), Raymond Feist (Midkemia-Saga), Robert Jordan (Das Rad der Zeit) und Terry Brooks (Shannara). Alle von Tolkien beeinflusst – mal mehr, mal weniger. Dabei bewegen sie sich häufig in leicht romantisierten Fantasywelten, die noch weit von den brutalen und zynischen Grim-and-Gritty-Werken entfernt sind, wie sie heute gerne gelesen werden (George Martin, Joe Abercrombie, Mark Lawrence). Wobei es das bei Autoren wie Michael Moorcock(Elric, Corum), Fritz Leiber(Fafhrd und der graue Mausling) und Karl Edward Wagner (Kane) in gewissem Maße auch schon gab und vor allem bei Stephen Donaldsons Chroniken von Thomas Covenant, mit seinem ambivalenten Antihelden. Aber die Bauernjungenfantasy weist auch deutliche Märcheneinflüsse auf und geizt in der Regel nicht mit Magie und magischen Wesen. Politische Intrigen finden durchaus statt, halten sich aber in Grenzen und besitzen meist nur eine überschaubare Komplexität.

Die übliche Fantasyrichtung wurde deutlich vom Rollenspiel beeinflusst (das wiederum von den Fantasywerken Tolkien und Robert E. Howards beeinflusst wurde). Die Werke von R. A. Salvatore (Die Saga vom Dunkelelfen), Ed Greenwood (Elminster) und Margaret Weis und Tracey Hickman (Die Drachenlanze) spielen häufig in Welten, die auf Rollenspielen wie Dungeons and Dragons basieren. Es gibt ein festes Regelwerk für Magie, von Tolkien beeinflusste Rassen wie Zwerge, Orks und Elfen, und meist eine Heldengruppe, die aus Vertretern der unterschiedlichen Rassen mit speziellen Fähigkeiten besteht.

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Standing on the shoulders of giants

Und hier kommt jetzt Tad Williams mit einem Küchenjungen als Helden … Moment mal, hatte ich nicht weiter oben etwas von Wendepunkt in der Fantasy geschrieben? Ja, Williams bedient sich durchaus klassischer Elemente. Simon Mondkalb ist ein einfacher Küchenjunge auf dem Hochhorst, der Burg des Königs. Der einzige Drache, gegen den er kämpft, ist die Küchenchefin Rachel. Simon ist ein Waisenjunge, der sich orientierungslos durch den Alltag träumt, bis der Hofgelehrte Doktor Morgenes auf ihn aufmerksam wird und ihn als Lehrling zu sich nimmt. So weit so bekannt, die Prämisse kennt man auch schon von Raymond Feists Midkemia Saga. Nur dass Magie in Osten Ard, der Welt in der Simon lebt, nicht so offensichtlich ist und direkt beim Namen genannt wird. Morgenes ist vor allem Arzt und Schriftgelehrter, der Simon mit allerlei langweiligem Zeugs traktiert, wie z. B. lesen lernen.

Was Williams Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt von seinen Vorgängern unterscheidet, ist der Detailreichtum, mit dem er das Leben auf der Burg ausführlichst über mehrere Hundert Seiten beschreibt. Da fühlte ich mich teilweise schon an Mervyn Peaks Gormenghast erinnert. Wobei es zwischendurch durchaus auch schon um Politik ging. Vor allem um den steinalten König, der schließlich stirbt, und dessen Platz auf dem Thron sein Erstgeborener Elias einnimmt. Ein einst starker und selbstbewusster Krieger, der nun unter dem unheilvollen Einfluss des zwielichtigen Priesters Pyrates steht, der sich mit dunklen Mächten eingelassen hat.

Und hier geht es jetzt (nach etwa 250 richtig los): Simon muss alleine aus der Burg fliehen, findet erste Verbündete und begibt sich auf eine Queste. Währenddessen steigert Williams aber auch den Anteil an den politischen Geschehnissen. Immer öfters wechselt die Handlung von der Hauptfigur Simon zu einem der unzähligen Adligen, die sich mit dem repressiv werdenden König und dessen Schergen rumschlagen müssen, bis schließlich alle Anzeichen auf Krieg stehen.

Und genau diese Mischung macht den Unterschied. Hofintrigen, Diplomatie, große Schlachten usw. gab es auch in der Fantasy der 70er und 80er Jahre, aber nicht in diesem Ausmaß und mit dieser Detailtreue auf solch komplexe Weise miteinander verwoben, wie es danach erst wieder George R. R. Martin gelingen wird. Wobei Williams auf dessen Grad an Brutalität und Zynismus verzichtet. Vom Tonfall und der Stimmung her, ist er das deutlich näher an Eddings. Martin nannte Tad Williams übrigens auch als einen seiner Einflüsse für Das Lied von Eis und Feuer.

Obwohl Williams mit viel Aufwand und Können seine eigene Welt erschafft, ihr eine eigene Historie und eine eigene Mythologie verleiht, löst er sich nicht ganz von Tolkien. Die langlebigen schönen Sithi sind eindeutig mit Elben/Elfen verwandt. Die Trolle erinnern zumindest ein wenig an die Hobbits, auch wenn sie mit dem Eifer von Zwergen kämpfen. Der Sturmkönig Ineluki erinnert stark an Sauron, der einst in einem gut aussehenden Körper auf Erden wandelte und im zweiten Zeitalter den »Ring sie alle zu beherrschen« schmiedete; Ineluki erschuf ein Schwert, seine rote Hand, die aus fünf Getreuen besteht, erinnert an die Nazgûl, die Ringgeister. Aber Williams gelingt es, diese Ähnlichkeiten auf Oberflächlichkeiten zu beschränken bzw. sie so zu verfremden und mit anderem Material (germanische Mythologie, japanische Sprache usw.) anzureichern, dass es kaum auffällt.

Ich habe Der Drachenbeinthron vor ca. 15 Jahren das erste Mal gelesen. Dass er nicht zu meinen absoluten Lieblingsbüchern avanciert ist, die ich alle paar Jahre wieder lese, lag vermutlich an unglücklichem Timing, aber Feist, Tolkien, Moorcock, Salvatore und Goodkind fielen mir einfach früher in die Finger. Damals hatten mich Bücher auch um so mehr fasziniert, je mehr Magie sie enthielten. Und ähnlich wie bei Martin, wurde die hier im ersten Band nur sehr spärlich eingesetzt. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch als sehr gut in Erinnerung.

Mit Rereads ist das so eine Sache. Häufig spielt ein gewisser Nostalgiebonus eine Rolle, da man sich an die behüteten, sorgenfreien Tage seiner Kindheit bzw. Jugendzeit erinnert, in der man die Bücher zum ersten Mal las. Man ist also emotional mit dem Buch verbunden und liest es eventuell durch die rosarote Nostalgiebrille. Was ich nicht unbedingt als schlecht empfinde. Ist doch schön, wenn ein Buch ein Stück Kindheitsatmosphäre zurückbringt. Es ist aber auch riskantes Unterfangen, da man (zumindest ich) in der Kindheit und Jugendzeit als relativ unerfahrener Leser sehr viel unbefangener und unkritischer gelesen hat. Was bedeuten kann, dass man beim Reread feststellt, dass man das Buch inzwischen total furchtbar findet, was die positive Erinnerung ein wenig trüben kann (ging mir bei der Drachenlanze so).

Bei den meisten Büchern, die ich noch einmal lese, stelle ich aber fest, dass sie mir noch genauso gut gefallen wie damals. Das ist auch bei Der Drachenbeinthron der Fall. Da ich mich nur noch an einzelne Schlüsselszenen und wage Handlungsverläufe erinnern konnte, ist die Lektüre auch zu (fast) keinem Zeitpunkt langweilig gewesen. Und sobald mir ein Name bekannt vorkam (wie z. B. Camaris, von dem ich noch weiß, dass er eine wichtige Rolle spielen wird) habe ich mich über die zurückkehrende Erinnerung gefreut. Ich hatte also immer noch einen Riesenspaß, mit Simon durch die Wildnis zu fliehen und allerlei schreckliche Abenteuer zu erleben. Die Szenenwechsel zu Protagonisten, die nur ein oder zwei Mal überhaupt im Buch vorkommen, empfand ich allerdings als etwas langweilig, aber diese Kapitel waren zum Glück immer recht kurz gehalten. Das ist eventuell auch dem Charakter des Auftaktbandes zu dieser vierbändigen Serie geschuldet, der vor allem als Prolog für die eigentliche Geschichte dient.

Der Drachenbeinthron ist gut gealtert und macht auch noch 25 Jahre nach Ersterscheinung viel Spaß und kann locker mit aktueller Fantasy mithalten. Ich würde sogar so weit gehen, dass es heutzutage nur wenige Werke gibt, die es schaffen an Williams Werk heranzukommen.

Ich habe übrigens die alte Ausgabe von Fischer gelesen, in der Übersetzung von Verena C. Harksen. Eine andere gibt es auch nicht, aber zumindest eine von Andy Hanemann überarbeitete Fassung, die vor einigen Jahren bei Klett/Cotta erschienen ist. Obwohl mir die ursprüngliche Fassung der Übersetzung ganz gut gefällt, kann ich mir gut vorstellen, was da zum Teil vielleicht überarbeitet wurde, da sie sich stellenweise doch etwas holprig liest – nicht im Sinne von schlecht, sondern eher als Geschmacksfrage, vor allem was den Stil angeht.

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