„The Dispossessed“ – Ein feministischer Blick auf die Utopie von Ursula K. Le Guin

Ende Januar erscheint bei Fischer/Tor Ursula K. Le Guins 1974 im Original veröffentlichter Roman The Dispossessed in der Neuübersetzung von Karen Nölle als Freie Geister. Bisher war das Buch unter den Titeln Planet der Habenichtse und Die Enteigneten bekannt. Anlässlich dieser Neuveröffentlichung habe ich einen alten Text von mir hervorgekramt, der sich mit dem Frauenbild des Romans beschäftigt. Allerdings bezieht sich der Essay auf die englische Originalfassung.

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Einleitung

„The Dispossessed“ ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Romane von Ursula K. Le Guin, erschien 1974, und gewann einige Preise, auch außerhalb des Science-Fiction-Genre (National Book Award). Er ist aber auch einer ihrer umstrittensten Romane und musste einige Kritik einstecken, die zum Teil aus dem feministischen Lager kam und auf Le Guins Frauenbild in dem Roman abzielte. Auch wurde ihr Homophobie vorgeworfen.

Ich werde ich zunächst das Frauenbild auf Annares beschreiben, dann das Frauenbild auf Urras und schließlich fasse ich die beiden unterschiedlichen Darstellungen zu einer Gesamtbetrachtung über das Frauenbild im Roman zusammen. Danach gehe ich auf die Hauptkritikpunkte ein. Und zum Abschluss werde ich zeigen, dass diese Kritiken ungerechtfertigt sind.

Le Guin schrieb „The Dispossessed“ in einem Genre, das strikten Konventionen unterlag (und dies teilweise bis heute noch tut), die vor allem auf die Zielgruppe der männlichen, heterosexuellen Leser zugeschnitten waren. „The Dispossessed“ ist kein Roman, der in einem feministischen Genre bzw. Kontext veröffentlicht wurde. Er ist ein Science Fiction Roman. Ich werde deutlich machen, dass Le Guin auf subtile Weise diese Genrekonventionen überschreitet, ohne dabei den typischen SF-Leser zu verschrecken. Gerade die Radikalität der Frauenbewegung in den 1960er und 70er Jahren hat viele Männer verschreckt. Ich möchte die Frauenbewegung an dieser Stelle nicht kritisieren, viele Männer hatten es sicher verdient, verschreckt zu werden, aber Le Guin geht einen anderen Weg. Ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt. Aber sie schafft es, im Rahmen eines SF-Romans über einen genialen Wissenschaftler, der in zwei sehr unterschiedlichen utopischen Gesellschaften agiert, die oben genannten männlichen Leser dazu zu bringen über die bisherigen sexuellen Konventionen und den Status der Frau nachzudenken. Meine These lautet also, dass Le Guin entgegen der feministischen Kritik, einen Roman geschrieben hat, der die Grenzen der bis dato vorherrschenden Genrekonventionen auf subtile Weise überschreitet.

1 – Die Frau in der Gesellschaft von Annares

Auf dem anarchistisch sozialistischen Planeten Annares, gibt es offiziell keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Bei der Geburt erhält jeder Bürger einen Namen, der von einem Computer per Zufallsgenerator bestimmt wird. Jeder Name ist einzigartig und nicht geschlechtsspezifisch. Während des Heranwachsens sammeln die jungen Menschen sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern. Erst später, wenn es darum geht, Kinder zu zeugen, tun sie sich mit einem Partner des anderen Geschlechts zusammen. In manchen Fällen bleiben sie als Paar zusammen, was von der Gesellschaft aber misstrauisch betrachtet wird. Im Beruf herrscht völlige Gleichstellung. Frauen finden sich ebenso in höheren Positionen und an Universitäten wieder wie Männer. Es ist auch üblich, dass eine Frau wegen einer beruflichen Anforderung ihren Partner und das Kind verlässt. Wie z. B. Sheveks Mutter es getan hat.

Trotz dieser offiziellen Version lassen sich die biologischen Unterschiede aber nicht unterdrücken. Da nur Frauen Kinder austragen können, sind Männer und Frauen zwangsläufig unterschiedlich. Dies drückt sich auch in den Ansichten einiger Bürger von Annares aus. So bezeichnet Vokep in einem Gespräch mit Shevek Frauen als „propertarians“ – eine Beschimpfung, die ausdrückt, dass Frauen Männer besitzen wollen. (Auf dieses Gespräch werde ich unter Punkt 4 näher eingehen).

Wie in so vielen ideologischen Systemen zeigt sich auch auf Annares ein Unterschied zwischen der Theorie (Männer und Frauen sind gleich) und der Praxis. Diese Unterschiede sorgen unter anderem dafür, dass Shevek an der Wirksamkeit des Systems zu zweifeln beginnt. Einer der Schlüsselmomente ist dabei die Begegnung mit seiner Mutter, die versucht zu erklären, warum sie ihn verlassen hat. Eine weitere Bruchstelle mit dem System entsteht, als man versucht Shevek von seiner Frau und seinem Kind zu trennen. Das sind die Momente, in dem der schöne Schein der Ideologie verblasst und die, teils grausame Realität durchbricht, die offenbart, dass auch in einem System in dem alle gleich sind, es noch Menschen gibt, die etwas gleicher sind und mehr Macht in den Händen halten.
In Punkt 4 werde ich darauf eingehen, was es bedeutet, dass die anarchistische Philosophie von Annares von einer Frau (Odo) begründet wurde.

2 – Die Frauen auf Urras

Urras ist das System, gegen das sich die Odonisten mit ihrer Revolution gewendet haben, als sie sich auf dem Mond Annares niederließen. Seitdem haben sie den Kontakt zu Urras fast vollständig abgebrochen. Urras ist das böse System, dass als abschreckendes Beispiel herangezogen wird.

Urras ist eine kapitalistisch dekadente Gesellschaft, die sich in Reich und Arm unterteilt. Die Armen wohnen unter erbärmlichen Verhältnissen, die Reichen schwelgen in Luxus. Das hier beschriebene Frauenbild bezieht sich auf die reiche Klasse von Urras. Als Shevek nach Urras kommt, lernt er viele Offizielle kennen, ebenso wie Vertreter der Universitäten und Geschäftsleute. Dabei handelt es sich ausschließlich um Männer. Denn auf Urras herrscht eine strikte Geschlechtertrennung. Die Frauen werden von Bildung, Politik, Arbeit und Macht ferngehalten. Sie sind Sexualobjekte, die einzig für die Männer da sind. Wobei Shevek in einem Gespräch mit einer Frau erfährt, dass die Frauen durchaus eine andere Sicht auf den Sachverhalt und die Machtverhältnisse haben. Ein besonders auffälliges Anzeichen für die Unterdrückung der Frau ist, dass sie ihr Kopfhaar abrasiert haben, was als Zeichen der Unterwürfigkeit gesehen werden kann. In vielen Kulturen gelten die langen Haare einer Frau als ihr Stolz. Rasiert man es ab, gilt dies als Zeichen der Schande. So wurden z. B. nach dem 2. Weltkrieg Frauen in von Deutschland besetzten Ländern die Haare abrasiert, wenn sie sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten (wobei dies nur eine von vielen Methoden der sozialen Ächtung war).

Zu den rasierten Haaren kommt auch noch, dass sie im Haus mit nackten Brüsten herumlaufen. Was mancher als Liberalisierung der Kleidungszwänge sehen könnte, ist in diesem Roman aber eine weitere Herausstellung der Frau als Sexualobjekt.

3 – Die Frauen in „The Dispossessed“

Der Protagonist des Romans ist ein Mann (auf die Kritik an diesem Punkt werde ich in Punkt 4 eingehen.). Die meisten der Schlüsselfiguren, die eine tragende Rolle in der Geschichte von Shevek spielen sind ebenfalls Männer. Frauen stehen, wie auch in der Gesellschaft der 60er und 70er Jahre, in der zweiten Reihe. Sie sind Nebenfiguren, die nur begrenzten Einfluss auf das Handeln von Shevek haben.

Die wichtigsten Frauen für Shevek sind seine Frau Takver, seine Lehrerin an der Akademie, später auch noch seine Mutter. Auf Urras lernt er eine Frau kennen, die ihm einen anderen Blick auf die dortige Gesellschaft ermöglicht. Die vermutlich wichtigste Frau taucht im Roman aber gar nicht selbst auf. Es ist Odo, die auf Urras lebte und dort gegen das kapitalistische System protestierte und die „odonian theory“ begründete. Ich werde in diesem Essay nicht näher auf die einzelnen Persönlichkeiten dieser Frauen eingehen, sondern mich auf eine Gesamtsicht beschränken.

Le Guin stellt zwei sehr unterschiedliche Gesellschaftssysteme vor, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, durchaus als Allegorie auf die Sowjetunion und die USA gesehen werden können. Auf der einen Seite der kapitalistische Westen mit seinen dekadenten Auswüchsen, auf der anderen Seite der sozialistische Osten, der nach außen die Gleichstellung aller Bürger betont.

Um die Unterschiede der beiden Systeme besonders herauszustellen, geht Le Guin in einigen „Auswüchsen“ ein wenig ins Extreme. So z. B. der Versuch der absoluten Gleichstellung der Frauen auf Annares, die ja dort eigentlich nur Bürger sein sollen und nicht Frauen. Auf der anderen Seite die absolute Darstellung der Frau als Sexualobjekt, das zu Hause zu bleiben hat, während die Männer die Welt regieren. In einer solch extremen Geschlechtertrennung ist es übrigens um so revolutionärer, dass der (die) Führer(in) einer Gegenbewegung eine Frau ist. (vgl. Clarke, 201)

4 – Die feministische Kritik an „The Dispossessed“

Nach der Veröffentlichung von „The Dispossessed“ sah sich Le Guin mit ähnlicher Kritik konfrontiert wie an ihrem Roman „Left Hand of Darkness“. In diesem Buch beschreibt sie eine androgyne Gesellschaft, deren Mitglieder beide Geschlechter besitzen. Trotzdem wurde sie für ihre Verwendung der maskulinen Pronomen „he“ und „him“ kritisiert. Außerdem würde ihre Beschreibung, beim Leser den Eindruck hinterlassen, dass es sich um eine maskuline Gesellschaft handele.

Auch für „The Disspossesed“ erhielt Le Guin eine solche Kritik. Sie beschreibt Annares als androgyne Gesellschaft, in der es keine sozialen Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Man „teilt sein Lager“ genauso mit gleichgeschlechtlichen Partnern wie auch mit Menschen des anderen Geschlechts. Ein Familienleben gibt es im eigentlichen Sinne nicht. Zuerst kommt die Arbeit. Das führt zum Beispiel dazu, dass Shevek ohne seine Mutter aufwächst, da diese es für wichtiger hielt, einer bestimmten Arbeit nachzugehen, für die sie Shevek und seinen Vater verlassen hat. Tom Moylan kritisiert „while the novel expresses a libertarian and feminist value system, the gaps and contradictions in [Le Guin’s] text betray a privileging of male and heterosexual superiority and of the nuclear, monogamous family“. (Moylan, 102).

Auch in semantischer Hinsicht gibt es Kritik an dem Text, da die Sprache Le Guins es nicht schaffe, den Eindruck einer Gesellschaft zu vermitteln, in der alle gleich sind (vgl. Clarke, 63). Als Beispiel sei die Verwendung von männlichen Pronomen wie „he“ oder „his“ zu nennen. Außerdem benutzt Le Guin in ihrem Text geschlechtsspezifische Wörter wie z. B. „brother“, um geschlechtsunspezifische Begriffe von Annares zu beschreiben. Sie unterwirft sich also den geschlechtsspezifischen Konventionen englischer Grammatik, und versäumt es dadurch, dem Leser das Gesellschaftssystem von Annares auch mit sprachlichen Mitteln näher zu bringen. Obwohl es sich um eine „ungeschlechtliche“ Gesellschaft handelt, benutzt Le Guin eine männliche Sprache und männliche Protagonisten.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das Gespräch zwischen Shevek und Vokep auf Seite 52, dass ein negatives Frauenbild hinterlässt.

„Women think they own you. No woman can really be an Odonian… What a man wants is freedom. That a woman wants is property. She’ll only let you go if she can trade you for something else. All women are propertarians. (Le Guin Dispossessed, 52)

Shevek wiederum offenbart in seiner Reaktion auf Vokeps Aussage, dass er Vorurteile gegenüber Männern besitzt: „I think men mostly have to learn to be anarchists. Women don’t have to learn“ (Le Guin Dispossessed, 52). Shevek ist also der Meinung, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, was an dieser Stelle des Romans seine Entfremdung von der eigenen Kultur verdeutlicht.

Auch wenn Le Guin eine möglichst androgyne Gesellschaft schildert, zeigt sie auch deren Grenzen auf, wenn es an die biologischen Unterschiede, im Speziellen das „Kinderkriegen“ geht.

Kritisiert wurde, dass Shevek ein klassischer männlicher Held sei, der seine Familie verlässt, um nach Größerem zu streben, während die Frauen, die wie Sheveks Mutter z. B., ähnliches Handeln, dabei moralisch weitaus schlechter wegkommen (vgl. Clarke, S. 65). Clarke kommt zu dem Schluss, dass alle Frauen in der Geschichte in ihren Stereotypen gefangen zu sein scheinen (vgl. Clarke, S. 65).

Ein weiterer Vorwurf an Le Guin lautet Homophobie, der unter nderem von Samuel L. Delany aufgegriffen wurde. Für Delany ist die Figur des Bedap, der einzige offen homosexuelle Charakter, ein Zeichen dafür, dass Homosexualität unnatürlich sei (Clarke, 66).

5 – Die Gegenargumente zur Kritik

Zum Vorwurf der Homophobie sei zu sagen, auch wenn Figuren wie Shevek in der Gesamtsicht heterosexuell wirken (verheiratet, Kind), hat er auch sexuelle Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht. Le Guin beschreibt eine Gesellschaft, in der in homosexuellen Beziehungen nichts Verwerfliches gesehen wird. Für die Zeit der Veröffentlichung und das Genre Science Ficition ist ihr Umgang mit Sexualität erstaunlich liberal. Gerade in der SF ist nicht nur Homosexualität, sondern auch Sexualität allgemein, ein Thema, auf das in der Regel nicht genauer eingegangen wurde. Romane wie „Der ewige Krieg“(1975, Sex unter Soldaten) von Joe Haldeman oder „Die Liebenden“ (1954, erstmals Sex mit Außerirdischen) von Philip Jose Farmer riefen unter den SF-Fans große Proteste hervor.

Dass Le Guin bei der üblichen Schreibweise mit männlichen Pronomen und Bezeichnungen blieb, ist wohl vor allem ihrer Vorliebe für korrekte Grammatik geschuldet. Wie merkwürdig und abstrakt sich bemüht geschlechtsneutrale Bezeichnungen auswirken, kann man heute in politisch korrekten Anschreiben und Veröffentlichungen lesen, die noch weit über ein einfaches he/she hinausgehen. In einem Roman, der von seinen Lesern flüssig gelesen werden möchte, würde sich dies äußerst abstrakt anhören und den Lesefluss stören. Wobei sich Le Guin in ihrem 1976 erschienen Essay „Is Gender Necessary? Redux“ entschuldigt, die Androgynität nur aus männlicher Sicht erkundet zu haben, aber nicht aus der Sicht einer Frau (Le Guin Gender, 16).

Wo beginnt Feminismus in der Science Fiction? „In most science fiction until quite recently, women either didn’t exist, or if they existed, they were these little stereotyped figures that squeaked …“ (Interview, Broughton 315-316, 1990).
In diesem Kontext kann man sagen, dass Science Fiction feministisch wird, wenn eine Frau eine tragende Rolle in der Geschichte spielt, und nicht nur als klischeehafte Nebenfigur benutzt wird. In ihren ersten Werken benutzt Le Guin selbst vor allem Männer als Hauptfiguren. Sie sagt, sie habe damals nicht gewusst, wie man aus der Perspektive einer Frau schreibe. An diesem Punkt liegt durchaus ein Ansatzpunkt für eine feministische Kritik. Denn Le Guin passt sich den Marktgegebenheiten für SF-Literatur an und benutzt männliche Protagonisten (was auch damit zusammenhängt, dass SF vor allem von Männern geschrieben und gelesen wurde. Seit den 70er Jahren hat sich dieses Bild ein wenig verändert, wobei die Männer das Genre immer noch dominieren. Trotzdem gibt es in „The Disspossesed“ einen differenzierten Blick auf die Rolle der Frau in den beiden unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der beiden Planeten.

Clarke wirft die Frage auf: How much do conventions unconsciously constrain the writing? How much was Le Guin steered by science fiction conventions that, for example, tacitly allow only for a male protagonist? (Clarke, 68).
Eine Frage, die sich im Nachhinein vermutlich nicht einmal von Le Guin selbst beantworten lässt. Die Konventionen des Genres waren damals aber sehr stark und haben auch die Verlage in ihrer Veröffentlichungspolitik beeinflusst.
Bittner schreibt: … both that Le Guin quite deliberately chose a male protagonist and that “the dialectic of the romance (and science fiction estrangement) almost [makes the male protagonist] imperative. (Clarke, 68).

Feministinnen mag Le Guin Vorgehensweise zu konservativ und nicht radikal genug sein. Aber sie sind auch nicht „the indendet audience“ eines SF-Romanes. Le Guin wollte mit ihrem Roman vor allem heterosexuelle Männer, die auch heute noch die Mehrheit der SF-Leser ausmachen, ansprechen. Um diese Leser, die ebenso wie das Genre noch sehr in traditionellen Mustern dachten, zu erreichen, musste sie subtil vorgehen, um sie nicht zu verschrecken. Mit der Wahl eines männlichen Protagonisten, der auch noch ein herausragender Wissenschaftler ist, hat sie ihnen eine Identifikationsfigur gegeben, mit der sie langsam die Grenzen der üblichen sexuellen Konventionen überschreiten können.

Kritiker wie Craig und Diana Barrows meinen dazu: They argue that Le Guin uses a naive and rather sexist male protagonist in ”Hand“ because her intended audience is not feminists or women, but “typically biased heterosexual males.” (Clarke, 69).

Während Joana Russ die SF in einer Zwangjacke sieht: It’s the whole difficulty of science fiction, of genuine speculation: how to get away from traditional assumptions which are nothing more than traditional straightjackets. (Russ, 91).

Ich kann mich der feministischen Kritik nicht anschließen. Rückblickend auf diese Zeit in der Geschichte der Science Fiction sehe ich „The Dispossessed“ zusammen mit „Left Hand of Darkness“ als einen, für das SF-Genre, bahnbrechenden Roman, der nicht mit dem Holzhammer daher kommt, sondern die Grenzen des Genres subtiler überschreitet, ohne dabei den Leser zu erschrecken. Der Roman hat keine befriedigende Utopie für die Rolle der Frau zu bieten, wirft aber einen kritischen Blick auf die traditionellen Rollen in den beiden, zu dieser Zeit, vorherrschenden Gesellschaftssystemen. Das diese beiden Rollenstereotypen auf die Spitze getrieben werden ist eine typische Eigenschaft von Science-Fiction-Literatur, die bestehende „Missstände“ aufgreift und sie durch überspitzte Darstellung als warnendes Beispiel darstellt.

Verwendete Literatur:

Broughton, Irv: The Writer’s Mind: Interviews with American Authors. Fayettville: Univertity of Arkansas Press, 1990
Clarke, Amy M.: Ursula K. Le Guin’s Journey To Post-Feminism. 1. Auflage.Jefferson: McFarland Company, 2010
Klarer, Mario: Gender and the “Simultaneity”: Ursula K. Le Guin’s “The Dispossessed”. Spring. Mosaic, 1992
Le Guin, Ursula K.: The Dispossessed. New York: HarperCollins, 2001
Moylan, Tom: Demand the Impossible: Science Fiction and the Utopian Imagination. New York: Methuen, 1986
Russ, Joanna:The Image of Women in Science Fiction. In: Images of Women in Fiction: Feminist Perspectives. Hg.v. Susan Koppelman Cornillon. Ort: Bowling Green, OH. Bowling Green University Popular Press, 1972

Frauen in der Science Fiction

Vor einiger Zeit habe ich ja die ganz wundervolle Geschichte »Flying in the Face of God« von Nina Allan für das Magazin Phase X übersetzt (siehe hier). Das war bisher das Beste, was ich übersetzen durfte, und ich hoffe, dass ich der Geschichte einigermaßen gerecht geworden bin. Und ich hoffe sehr, dass in Zukunft noch mehr von ihr auf Deutsch erscheinen wird.

Die britische Autorin hat auch einen sehr interessanten Blog, in dem sie sich regelmäßig mit aktuellen Tendenzen in der Phantastikszene auseinander setzt. Aktuell gibt es einen epochalen Eintrag über Frauen in der Phantastik. Auslöser war wohl (wenn ich es richtig verstanden habe), dass es keine einzige Frau auf die Shortlist des Arthur C. Clark Award geschafft hat, und auch zu einer Horrorconvention keine Frau eingeladen wurde.

Sie betrachtet das Thema aber sehr differenziert und sieht keine Schuld bei den Juroren des Awards, die sich danach richten mussten, was eingereicht wurde. Von den 33 Büchern, die man wirklich als SF bezeichnen kann, sind nur fünf von Frauen geschrieben. Im Weiteren geht sie darauf ein, woran das liegen könnte.

Kurz darauf listet sie sage und schreibe 101 Frauen auf, die man gelesen haben sollte. Und nicht nur das, sie schreibt zu jeder Autorin auch noch eine ausführliche, persönliche  Begründung. Darunter sind viele Klassiker wie Margaret Atwood, Ursula K. Le Guin, relativ bekannte Schriftstellerinnen wie Susan Hill, Shirley Jackson, Kij Johnson, Hilary Mantel usw. Auch viele, die ich gar nicht kannte, und auch einige meiner Lieblingsautorinnen. Wie z B. Audrey Niffenegger, die mit »Die Frau des Zeitreisenden« einen der besten SF-Romane der letzten Jahre geschrieben hat, oder Susanna Clarke (»Jonathan Strange & Mr. Norell.)
Dazu noch einige Autorinnen, die ich erst jüngst für mich entdeckt habe. Catherynne M. Valente oder Joe Walton, deren (zurecht) von Preisen überhäuftes »In einer anderen Welt« jüngst bei Golkonda erschienen ist. Und auch die Newcomerin Genevieve Valentine, deren famos, phantastisches »Mechanique« auch gut in den Golkonda Verlag passen würde.

Im SF-Netzwerk wurde jüngst diskutiert, ob es einen Unterschied in der Schreibe zwischen Autorinnen und Autoren geben würde? Ich weiß es nicht. Das Geschlecht der/des AutorInn gehört nicht zu meinen Kaufkriterien. Da gehe ich nach Inhalt und Empfehlungen. Trotzdem würde ich sagen, dass ca. 70 – 80% der Bücher in meinem Regal von Männern geschrieben wurden (Tendenz fallend). Das nur als neutrale Feststellung.

In der Fantasy sind deutschsprachige Autorinnen inzwischen stark vertreten, wenn auch nicht so prominent und dominant wie z. B. die Herren Heitz, Hennen und Hardebusch. In der SF haben es Autorinnen bei großen Verlagen wohl schwerer (wobei deutschsprachige SF es generell schwer bei diesen Verlagen hat). Aber es gibt sie. Sie sind in denen kleine Verlagen Verlagen vertreten und auch im (stark von grauhaarigen Männern mit Bierbäuchen dominierten) Fandom aktiv.
Die SF von Heidrun Jänchen erscheint regelmäßig bei Wurdack. Nina Horvath ist in verschiedenen Genres und Verlagen unterwegs. Miriam Pharo hat mit »Hanseapolis« eine Reihe über ein futuristisches Hamburg veröffentlicht. Barbara Slawigs »Flugverbot« ist jüngst bei Golkonda neu aufgelegt worden. Und es gibt sicher noch einige, die ich jetzt vergessen habe.

Ich selbst habe mich mit dem Thema mal vor drei Jahren in einer Hausarbeit mit dem Titel The Dispossessed – Ein feministischer Blick auf die Utopie von Usula K. Le Guin beschäftigt. Da ging es aber vor allem um ihren Roman »The Dispossessed« (»Planet der Habenichste«).
Ich habe mich lange davor gescheut, die Arbeit zu veröffentlichen, da ich sie für zu mangelhaft halte. Gab zwar eine 2,0 dafür, aber das heißt ja nichts. An einigen Stellen sind meine Thesen viel zu generalisierend gehalten und nicht durch Literaturverweise belegt. Für eine literaturwissenschaftliche Arbeit beschäftige ich mich auch zu wenig mit Textbeispielen und verweise generell zu wenig auf konkrete Stellen im Text. Aber macht Euch ruhig selbst ein Bild. Die Arbeit ist mit 11 Seiten nur halb so lang wie die über »Deadwood«. Es hilft, wenn man »The Dispossessed« gelesen hat.

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