Lesezeichenarchäologie 2: Sklaven des Humors

Hier kann man nachlesen, was es mit dieser Reihe aus sich hat.

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Das Lesezeichen

Tja, was soll ich zu diesem Lesezeichen sagen. Es ist das einzige, für das ich mich ein wenig schäme. Wer mich kennt, weiß vielleicht, wie sehr ich Karneval hasse. Die sogenannte »lustige Jahreszeit« ist für mich das genaue Gegenteil von dem, was ich unter Humor verstehe. Das ist die organisierte Humorlosigkeit, versteckt hinter bigottem Lachen und hemmungslosem Suff. Ich lache gerne das ganze Jahr über und bin (auch wenn man es mir nicht ansieht) gerne täglich lustig (meine Facebookfreunde können von diesem Humorversuchen momentan ein Lied singen). An Karneval kommen dann die ganzen Menschen hervorgekrochen, die sonst zum Lachen in den Keller gehen, und tun so, als wüssten sie, was Humor ist, haben aber wahrscheinlich nur einmal zu oft harte Kamellen an den Kopf bekommen.

Das ist für mich so etwas, wie der Cargo-Kult des Humors. Ich habe da dieses aus Holz nachgebaute Flugzeug vor Augen, das verehrt wurde, aber natürlich nicht fliegen konnte. Ebenso wenig wie der Humor an Karneval/Fastnacht lustig ist. Ich meine, die tragen Uniformen und Orden, die Auftritte werden von einer Marschkapelle mit Tusch angekündigt. Lachen auf Befehl. Dabei galt das Ganze im Mittelalter mal als Parodie auf die Obrigkeit. Viel ist davon aber nicht geblieben.

Die beste und entlarvendste Karnevalssitzung, die ich je gesehen habe, ist übrigens diese hier:

Natürlich stoße ich jetzt allen Jecken vor den Kopf (meine Mutter gehört auch dazu) und tue ihnen teilweise vermutlich Unrecht. Die eine oder andere Büttenrede mag ja durchaus witzig sein. Meine Mutter lacht sich regelmäßig bei den Sitzungen im Fernsehen scheckig. Aber ich empfinde Karneval nun einmal so. Und habe es schon immer getan (gewisse Phasen in der Kindheit ausgenommen).

Wie kommt es also, dass auchgerechnet ich auf eine Karnevalssitzung gegangen bin. Genau kann ich es auch nicht mehr nachvollziehen, aber vermutlich hat es etwas mit Gruppenzwang zu tun. 1998 war ich 19 Jahre alt und wir hatten bei uns im Dorf mit einigen Freunden gerade eine neue Fußball-Herren(mensch)mannschaft gegründet. Das letzte Training der Woche war immer freitags und da sind wir nach dem Training immer noch zusammen weggegangen. Obwohl das nie so mein Ding war, habe ich mich aufgrund der tollen Stimmung in der Mannschaft angeschlossen. Und so bin ich wohl auf dieser Sitzung gelandet, an die ich mich zum Glück kaum noch erinnern kann.

Karneval in Brasilien ist allerdings etwas, das ich gerne noch einmal erleben würde. 2006 war ich genau in der Karnevalszeit dort, und auch im Sambodrom von São Paulo, aber nur zur Generalprobe.

Das Buch

Und wie kommt es, dass dieses Lesezeichen noch mitten in einem Buch von Raymond Feist steckt, obwohl der doch damals mein Lieblingsautor war und mich durch sein Buch »Der Lehrling des Magiers« überhaupt erst zur Fantasyliteratur gebracht hat?

Angefangen habe ich mit Feists Midkemia-Saga 1995 oder 96. Die ersten sechs deutschen Bände habe ich innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Darin geht es um einige Figuren in der Fantasywelt Midkemia, auf der es eine Invasion aus einer anderen Welt gibt. Die aus einer der japanischen Kultur ähnelnden Gesellschaft stammenden Tsuranis dringen durch einen Spalt zwischen den Welten aus ihrer eigenen Welt Kelewan nach Midkemia vor, um diese zu erobern. All das wird aus der Perspektive der Bewohner Midkemias wie z. B. dem Küchenjungen/Magier Pug erzählt.

»Der Sklave von Midkemia« ist der dritte Band der Kelewan-Saga, die die ganze Geschichte aus der anderen Perspektive erzählt, aus der von Kelewan eben. Die Bücher der Reihe wurden zusammen mit Janny Wurts geschrieben. Ich vermute mal, dass Feist hier nur die Welt und vielleicht ein paar grobe Vorgaben beigetragen hat, während das Buch selbst von Wurts verfasst wurde (es liest sich doch sehr untypisch für Feist). Anders als in der » Midkemia-Saga« geht es hier weniger um epische Fantasy mit großen Schlachten und viel Magie, sondern mehr um politische Intrigen sowie das Leben und die Kultur auf Kelewan. Das hat damals vermutlich nicht so ganz meinem Lesegeschmack entsprochen, wobei ich ja doch bis Band 3 (von 6) durchgehalten habe.

In den 90er Jahren ist man in den Fantasyregalen der Buchhandlungen kaum an Raymond Feist vorbeikommen. Über viele Jahre und unzählige Bände ist er eine feste Genregröße gewesen, auch wenn die Midkemia-Saga großen qualitativen Schwankungen unterlag. Die letzten fünf abschließenden Bände der Saga sind leider nie auf Deutsch erschienen. Ich plane schon seit längerem, diese fünf Bände noch zu lesen. Vielleicht klappt es ja dieses Jahr.

Ich habe Raymond Feist übrigens 2007 interviewt

In diesem Sinne: Helau, Alfa, Zicke Zacke, Zicke Zacke, Heu Heu Heu, Sieg …

Lesezeichenarchäologie 1: Licht im Panoptikum

Seit ich lesen kann, lese ich Bücher. Und seitdem sammel ich sie auch. Inzwischen sind es zwischen 1.000 und 2.000 Bücher – bin zu faul, sie noch zu zählen. Unter diesen über tausend Büchern befinden sich ca. 100 bis 200 die ich noch nicht gelesen habe (die Dunkelziffer könnte durchaus höher liegen). Und es gibt ca. 50 Bücher, die ich irgendwann einmal angefangen, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr weitergelesen habe. Die stehen kreuz und quer über meine Bücherregale verteilt und sind echte Fundgruben, was Lesezeichen angeht.

In vielen davon befinden sich ganz normale Lesezeichen, die man in der Buchhandlung beim Bücherkauf beigelegt bekommt, aber manchmal sind mir die Dinger ausgegangen, und ich habe alles als Lesestandmarkierung genommen, was mir in die Finger fiel (denn Eselohren gehen gar nicht, und mir die Seitenzahl einfach merken funktioniert manchmal und manchmal nicht).

Als ich 1999 meinen Zivildienst beendet habe, sollte ich meinen Zivi-Ausweis abgeben, damit ich mich auch ja nicht kostenlos (oder zu reduziertem Preis) ins Schwimmbad schleiche. Der Personalchef damals war ein echter Vollidiot, der uns Zivis das Leben schwer gemacht hatte. Jedenfalls konnte ich meinen Ausweis nicht mehr finden, was merkwürdig war, weil ich in der Regel nichts verliere. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Schlüssel verloren, und auch kein Handy oder sonstige Wertgegenstände. Ich vergesse höchstens einmal, wo ich Sachen hingelegt habe. Als ich ihn dann 10 Jahre später in einem Buch wiederfand, war es wohl etwas zu spät, den Ausweis zurückzuschicken.

In dieser Artikelserie begebe ich mich auf Entdeckungsreise durch die unendlichen Weiten und Welten meiner Büchersammlung. Ich bin selbst ganz neugierig, was dabei so alles ans Licht kommt. Zu jedem Fundstück und Buch werde ich eine kleine Geschichte erzählen.

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Das Buch habe ich 2005 in der Buchhandlung am Kölner Tor in Siegen gekauft. Damals habe ich in Siegen studiert und im Studentenwohnheim in der Engsbachstraße in Weidenau gewohnt. Obwohl ich damals ein Auto hatte, bin ich gerne zu Fuß in die Stadt gegangen, um dort in den Buchhandlungen zu stöbern. Hat hin und zurück immer jeweils eine Stunde gedauert, und das Wohnheim lag am Ende der sehr lange und vor allem sehr sehr steilen Engsbachstraße, auf der Radprofis für die Bergetappen der Tour de France trainieren könnten. Aber ich habe es damals einfach geliebt, zu laufen.

Die Buchhandlung am Kölner Tor war (keine Ahnung, ob es sie noch gibt) eine kleine Eckbuchandlung im Stadtzentrum von Siegen. Ich habe dort vor allem nach normaler Belletristik gestöbert – das Angebot an phantastischer Literatur war recht eingeschränkt und mann musste sich in eine schmale Ecke quetschen, um das Regal zu betrachten. Hin und wieder gab es aber interessante Titel, so habe ich mir dort zum Beispiel das großartige Lord Gamma gekauft.

Licht hatte die Leser damals gespalten, einige hielten es für ein Meisterwerk, andere für unlesbaren, sperrigen und konfusen Quatsch. Ich bin nur bis auf Seite 146 gekommen, obwohl ich das Buch eigentlich gar nicht schlecht fand. Aber irgendwas hatte mich damals gestört. Die Übersetzung (obwohl im Prinzip gar nicht so schlecht), wirkte (vor allem durch die merkwürdigen Fußnoten) leider etwas holprig und ungelenk. Man merkte, dass die Übersetzer von Jugendkultur und SF nicht so richtig Ahnung hatten. Auf Seite 55 heißt es z. B. Der Twing sei ungefähr so groß (ihre Hand schwebte zwei Zoll über ihrem Kopf), mit einem teils gewachsenen Mohikaner* und ein paar billigen Tattoos. Dazu die Fußnote: *Glatt rasierter Schädel mit zentralem, von vorne nach hinten verlaufenden Haarstreifen.
Im Original steht da vermutlich »mohawk«, was einen Iro oder Irokesenschnitt meint. Witzigerweise habe ich mich Ende 2013 mit Jakob Schmidt darüber unterhalten, der die Übersetzung für den Sammelband der Trilogie bei Heyne aus genau diesen Gründen überarbeitet hat.

Und jetzt zum Lesezeichen: Das ist eine Eintrittskarte zum Panoptikum, dem Unikino der Universität Siegen, das während des Semesters immer Donnerstagabend im blauen Hörsaal einen Kinofilm zeigte (meist Filme, die ungefähr 6 Monate aus dem regulären Kino raus waren, aber auch Kultklassiker). Die Kinder des Monsieur Mathieu war eine dieser für das Programm typischen Filmperlen. Ich bin regelmäßig mit Leuten aus meiner WG, mit Freunden aus meinem Studiengang und mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Fachschaftsrat dahin gegangen. Man saß zwar recht ungemütlich auf den typischen klapprigen und knarzenden Holklappstühlen, wie man sie vermutlich an jede Uni findet, aber die Atmosphäre war dank des Publikums trotzdem super. Ich bin zwar auch gelegentlich ins Cinestar in der Stadt gegangen, aber das Panoptikum war eben was Besonderes. An folgende Filme kann ich mich noch erinnern. Hero, House of Flying Daggers, Funny Games, Die Stadt der verlorenen Kinder (beides sehr unangenehme aber gute Filme), Heaven (von Tom Tykwer), und vor Weihnachten gab es immer eine besinnliche Doppelvorstellung mit Die Feuerzangenbowle und Stirb Langsam.

Fast wäre ich auch selbst bei der Kinotruppe eingestiegen, ich war damals Cineast und großer Kinofan. Während meines ersten Semesters (als Sozialpädagogikstudent, hatte zuvor schon ein Semester Physik studiert) haben wir per Urabstimmung beschlossen eine Woche zu streiken, um gegen eine Verwaltungsgebühr von 50 Euro pro Semester in NRW zu protestieren. Und mit Streik meine ich auch Streik. Wir haben die Uni eine Woche lang komplett dichtgemacht, und unter anderem die Eingänge mit Ketten und Vorhängeschlössern verbarrikadiert. Durch durfte nur, wer Prüfung hatte. Ich hatte mich, um aktiv am Unileben teilzunehmen, im Streikkomitee engagiert (kann aber auch sein, dass eine Frau der Grund dafür war 😉 ). Ich gehörte zur Stadtgruppe. Wir haben eine Umfrage organisiert und ein dauerhaftes Protest/Infocamp im Stadtzentrum von Siegen, am Brunnen vor dem Einkaufszentrum besetzt. Dazu noch eine Mahnwache vor dem Rathaus. Und schließlich gab es noch eine große Demo mit mehreren tausend Studierenden durch die Stadt bis zum Rathaus (wo später noch einige wegen Hausfriedensbruch verhaftete wurden, weil sie das Rathaus gestürmt haben). Ach ja, dem damaligen NRW-Finazminister Peer Steinbrück haben wir bei einem Waldspaziergang aufgelauert, der hat sich aber von seinen Bodyguards abschirmen lassen und ist einfach weiter.

Einen besseren Einstieg ins Unileben hätte es gar nicht geben können. Wir waren die letzte Generation vor der Umstellung zum Bachelor/Master-System, mit seinen Modulen, Anwesenheitspflichten und Langzeitstudiengebühren. Wir konnten uns so etwas noch leisten und in der einen Wochen Protestorganisation habe ich mehr für meinen späteren Beruf und fürs Leben gelernt als in einem mit Seminaren und Vorlesungen vollgepackten Semester. Wobei der Protest auch seine merkwürdigen und unschönen Momenten hatte. Z. B. als linke Aktivisten auf der Demo durch Lautsprecher antikapitalistische Parolen riefen, und damit den eigentlichen Zweck des Protestes ad absurdum führten und die Sympathien der Siegener Bevölkerung für unser Anliegen gefährdeten. Oder als (wenige Wochen nach dem Amoklauf von Erfurt) mitten auf dem Campus eine Gießener Band auftrat, deren Sänger in langem weißen Gewand, Stirnband und Jesuslatschen sang: »Amoklauf, Amoklauf, tausend Menschen gehen drauf.«

Wie auch immer, einer meiner Mitorganisatoren war auch Mitglied im Panoptikum und machte mich auf die Arbeit dort ganz neugierig . Aber am Ende entschied ich mich stattdessen Mitglied im Fachschaftsrat meines Studiengangs zu werden, aber das ist eine andere Geschichte.

In obiger Erzählung zeigt sich der Wert, den im Regal stehende Bücher für mich haben. Jedes Buch ist mit einer oder mehreren Erinnerungen verbunden, und wenn ich meinen Blick über die Regalreihen schweifen lasse, sehe ich nicht nur die unzähligen Abenteuer und Welten, die ich bei der Lektüre erlebt und bereist habe, sondern auch den Ort und die Zeit, als ich mir das jeweilige Buch zugelegt habe. Sicher einige Bücher sind besser im Gedächtnis geblieben, als andere. Und ich weiß auch nicht von jedem, wo und wann ich es mir gekauft habe, insgesamt sind meine Bücherregale eine echte Fundgrube an schönen Erinnerungen.

 

 

P.S. Ich denke, ich werde mich mal die Gesamtausgabe der Trilogie von M. John Harrison in der überarbeiteten Übersetzung zulegen, und dann weiterlesen.