Das grausame Spiel der Herbstes (Kurzgeschichte)

Am Montag in einer Woche ist Halloween. In der Zeit davor lese ich immer besonders gerne Horrorgeschichten. In diesem Jahr stelle ich zur Abwechslung mal eine kleine Halloween-Kurzgeschichte von mir hier auf den Blog. Das ist meine erste Kurzgeschichte, die ich vor vielen Jahren mal verfasst habe, und die seitdem im Giftschrank schlummert. Man sollte also nicht zu viel erwarten. Ich hatte sie damals als poetisch angehauchte Hommage an Ray Bradbury, Halloween und den Herbst allgemein gedacht. Ob mir das gelungen ist …?

Wie immer für Geschichten auf meinem Blog gilt: Sie ist nicht lektoriert. Es sind acht Normseiten, hier geht es zur PDF-Version (da sind die Absätze besser formatiert). Viel Spaß!

Das grausame Spiel des Herbstes

Die bunten Herbstblätter führten einen wilden Tanz auf, wirbelten um ihn herum, fuhren durch sein Haar und schienen ihm ins Ohr zu flüstern: »Schneller Tom, schneller. Geschwind wie der Wind.«
Und Tom gehorchte. Er trat in die Pedale, als sei der Teufel hinter ihm her. Wie eine Rakete raste er durch die bunte Allee, deren mächtige Bäume als stumme Wächter Geleit standen. Die alten knarzigen Gesichter, von der Zeit in sie hineingebrannt, konnte Tom nicht sehen. Er hatte einen Punkt erreicht, an dem seine Umgebung zu einem rasch zerlaufenden Gemälde verschwamm, dessen Farben mehr und mehr in Bewegung gerieten, je schneller er fuhr.
Wäre er langsamer gewesen, hätte er vielleicht gesehen, wie die alten Wächter mit ihrer harten Rinde missbilligend die gemeißelten Gesichter verzogen, düpiert von der Geschwindigkeit, die er ihnen entgegenwarf. Diese alten hartherzigen Wurzelmeister hassten die Geschwindigkeit, hassten die Bewegung, hassten alles, das schneller war als wachsendes Gras.
Es kam vor, dass die Jüngeren unter ihnen, die Dienste des Windes in Anspruch nahmen, in unheiliger Verbindung mit ihm, einen Ast auf die Straße schnellen ließen, der genau zwischen die Speichen eines vorwitzigen Radfahrers passte; diesen zu Fall brachte und für ein klagendes Gejammer in Rot sorgten.
Doch selbst für die Jüngsten unter den Rindenträgern war Tom zu schnell. Flink jagte er an ihnen vorbei, wie ein Eichhörnchen, das die letzte Nuss des Jahres entdeckt hatte.
»Noch schneller Tom«, riefen die Blätter in ihrer Euphorie. In diesem kurzen Moment, in dem sie von der Herrschaft ihrer hölzernen Meister befreit waren, genossen sie ihr Leben in vollen Zügen. Sie ließen sich vom Wind treiben, schlugen Purzelbäume, schwebten elegant durch die frische Herbstluft, bevor sie endgültig zu Boden fielen, sich dort zum Winterschlaf niederlegten und in ihrem Zerfall wieder zu den Wurzeln ihrer Meister zurückkehrten.
Tom lies sich von der Euphorie anstecken, fühlte sich leicht wie ein Blatt und verlor beinahe den Kontakt zur Erde. Er hatte das Gefühl jeden Moment abzuheben, um befreit von der Schwerkraft wie Ikarus der Sonne entgegen zu fliegen.
In anderen Spähren schwelgend sah er nicht das kleine schwarze Fellbündel, auf das er unaufhaltsam zuraste.
Mit einem verzweifelten Satz schaffte es Sir Francis, um Haaresbreite dem rotmetallenen Ungetüm zu entkommen. Der Kater machte einen Buckel, sträubte das Fell und fauchte in Toms Richtung. Der einäugige Pirat war ein reizbarer Geselle mit nachtragendem Gedächtnis, der den lieben langen Tag nichts anderes tat, als verstohlen durch die Stadt zu streifen, um mit seinen scharfen Krallen alte Rechnungen zu begleichen. Tom konnte sich auf einige schmerzhafte Kratzer gefasst machen.
Doch im Moment raste Tom unbekümmert weiter durch diesen magischen Tag. Die Dunkelheit erkämpfte sich langsam die Vorherrschaft, und lies die vielen ausgehöhlten Kürbisköpfe in ihrem irren Grinsen erleuchten. Halloween lag in der Luft, eine Armee von verrotteten Zombies, unheimlichen Geistern, hungrigen Vampiren, klotzköpfigen Trollen und vielen anderen Schrecken der Nacht bereitete sich auf die Schlacht vor.
Das alles kümmerte Tom nicht. Er machte sich nichts aus Süßigkeiten und dem anderen Zeugs, er wollte nur schneller werden. Er musste schneller werden. Heute würde er es schaffen. Er konnte es spüren, fühlte es in seinen Beinen, die sich wie unaufhaltsame Tretmaschinen in einem rasanten Rhythmus auf und ab bewegten.
Er jagte durch die altehrwürdigen Straßen von Lunaville, die sich auf diesen einen Tag mehr freuten, als auf alles andere. Mit seinen schmucken Giebelhäusern, den aus uraltem europäischen Stein erbauten gotischen Gebäuden, seinen verwinkelten Villen und schattigen Spukhäusern, wirkte die Stadt als sei sie nur für diesen einen Tag im Jahr erbaut worden. Reisende, die eine Nacht in der eigenwilligen Stadt in den Tiefen Neuenglands verbrachten, würden dem ohne zu murren zustimmen. Wer diese Nacht überlebte, konnte sich glücklich schätzen. Wenn der wahnsinnige Mond sein Licht über die Stadt warf, veränderte er die Bewohner, und das nicht zum Guten.
Das einzig Wahnsinnige an Tom war die Geschwindigkeit, mit der er die Bradburystreet hinunter heizte. Vorbei an dem riesigen Friedhof, den es stetig nach neuen Bewohnern dürstete. Wer in Lunaville geboren wurde, der wurde hier auch begraben. Meist früher als erwartet. Der Lost Souls Cemetary war eine Erfolgsgeschichte, die seit über dreihundert Jahren andauerte, und die erst enden würde, wenn er die gesamte Stadt aufgefressen hatte.
Als Tom den Friedhof, mit seinem gewaltigen schmiedeeisernen Tor voller tödlich scharfer Spitzen passierte, gab er nochmal extra Gas. Seit sein Großvater Abraham hier vor vier Jahren an einem stürmischen Herbstnachmittag beerdigt worden war, fürchtete er diesen Ort mehr als alles andere. Tom hatte damals etwas abseits der anderen Gäste gestanden, die eine schwarzgekleidete Masse bildeten, deren mickrige Regenschirme gegen den orkanartigen Sturm hilflos ankämpften. Es war der Wind, der Tom immer weiter nach hinten trieb, bis er über einen grauen Grabstein stolperte. Mit einem ekligen Platschen fiel er in den Matsch und starrte auf die Inschrift.

»Tom Frost
Geliebter Sohn
und leidenschaftlicher Radfahrer.
1955 – 1967«

Vor Entsetzen hätte er sich fast in die Hose gepinkelt. Im gleichen Moment sprang ihn ein schwarzes Monster an. Mit einem fiesen Fauchen landete es auf seinem Schoß. Jetzt pinkelte er sich tatsächlich in die Hose, sprang erschreckt auf und stieß den alten Kater von sich. Dann rannte er in panischer Angst zurück zu seinen Eltern.
Den Friedhof hatte er nie wieder betreten und stets einen großen Bogen darum gemacht. Doch er war so riesig, dass man an ihm einfach nicht vorbeikam. Er war das Herz der Stadt, die sich um ihn herum ausbreitete.
Deshalb trat Tom nun besonders schnell in die Pedale, als könne er seinem Schicksal dadurch entkommen. Seine Eltern hatten ihn nicht gefragt, warum er bei Großvaters Beerdigung so verschreckt war. Sie dachten, es wäre die Trauer, und Tom hatte nie mit jemandem über diesen Vorfall gesprochen.
In Lunaville sprach man nicht über den Tod, denn er war allgegenwärtig. Besucher beschrieben die Stimmung in der Stadt als morbide und verließen sie eilig mit bleichen Gesichtern und einem unguten Gefühl in der Magengegend.
Toms Magen war an die Geschwindigkeit gewöhnt. Er seufzte erleichtert auf, als er den Friedhof hinter sich gelassen hatte, obwohl er immer noch spürte, wie er nach ihm rief.
Direkt hinter dem Friedhof kam Tom in den ältesten Teil der Stadt. Die Häuser waren noch älter und boshafter, die Schatten bedrohlich düster, die Bäume strahlten puren Hass aus und die Bewohner bekam man bei Tageslicht nicht zu sehen.
Tom wusste, dass er durch diesen Teil fahren musste, wenn er es rechtzeitig schaffen wollte, aber am liebsten wäre er auf der Stelle umgekehrt. Da war ihm sogar der alte Friedhof mit seinen unruhigen Bewohnern lieber.
Die Sonne verschwand gerade am Horizont, die Straße wurde enger und die Häuser rückten zu bedrohlichen Schemen über ihm zusammen, als wollten sie sich jeden Moment auf ihn stürzen, um ihn mit ihren, von rostigen Nägeln gespickten, Holzzähnen zu zerfetzen.
Hier gab es keine erleuchteten Kürbisse und selbst die wagemutigsten kleinen Gespenster trauten sich nicht hierher. Hier gab es für alle nur Saures. Als hätte die Hölle vor langer Zeit einen Außenposten errichtet, der langsam zerfiel.
Nebel kroch herauf und schränkte Toms Sicht ein. Hunderte dünne, nasse Tentakel griffen nach ihm, tasteten sich an seiner Kleidung entlang und schlüpften durch die Ritzen, um auf seiner empfindlichen Haut einen eiskalten Schrecken zu verbreiten. Tom schüttelte sich, kam fast aus dem Tritt, konnte sich aber wieder fangen.
Hatte er vor kurzem noch geschwitzt, schien der salzige Schweiß nun zu gefrieren. So kalt durfte es hier eigentlich nicht sein, doch die Thermik in Lunaville hatte ihre eigenen Gesetze.
Was als gut gelauntes Radrennen durch die malerische Kulisse eines farbenfrohen Herbstes begann, hatte sich zu einer undurchsichtigen Hetzjagd durch eine Alptraumlandschaft entwickelt.
Der Nebel wurde immer dichter und wandelte sich von einem klaren Weiß in ein düster schimmerndes Grau. Die Häuser und Bäume verschwanden hinter dieser undurchdringlichen Mauer. Tom konnte nur noch die Straße direkt vor sich sehen. Er fuhr fast blind und seine Augen begannen, ihm Streiche zu spielen. Zumindest hoffte er das.
Er glaubte, im Nebel Gesichter zu erkennen. Hässlich verzerrte Fratzen, die wabernd auf ihn zuglitten; die Augen vor Schreck geweitet, den Mund zu einem ewig lautlosen Todesschrei aufgerissen – Gesichter des Todes.
Doch Tom ließ sich nicht beirren, er wurde noch schneller, schoss mit waghalsiger Geschwindigkeit in dieses graue Nichts hinein. Er kannte die Strecke; kannte sie so gut, dass er sie mit geschlossenen Augen fahren könnte.
Plötzlich klatschte ihm etwas hart ins Gesicht, holte ihn fast vom Rad. Er kam ins Schlingern, hielt aber das Gleichgewicht. Dann schon wieder – Klatsch. Er schmeckte Blut auf seiner Zunge. Spuckte ein Blatt aus. Die Bäume versuchten, ihn mit ihren Ästen zu erwischen. Er beugte den Oberkörper dicht über die Lenkstange und fuhr weiter. Nichts konnte ihn aufhalten. Er glaubte das Echo der wirbelnden Blätter zu hören: »Schneller Tom. Schneller.«
Die Gesichter verschwanden, aber kurz bevor er aus dem Nebel schoss, sah er ganz nahe ein einzelnes, boshaft starrendes Auge aufleuchten, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Darin hatte er den Tod erkennen können.
Tom spürte einen kleinen Schlag am Fahrrad. Ein Schlagloch vermutlich. Er schwankte kurz, behielt aber das Gleichgewicht.
Dann war der Nebel fort. Vor sich sah er die steil abfallende Mainstreet, die auch jetzt noch stark belebt war. Er hatte keine Zeit zu zögern, jetzt oder nie. Der letzte Teil des Weges war erreicht.
Wie wahnsinnig trat er in die Pedale, schrie dabei aus vollem Halse und raste der Kreuzung am Fuße der Straße entgegen. Der Fahrtwind zerrte an ihm, verschluckte seinen Schrei und brachte ihn ins Wanken. Aber Tom fuhr weiter. Er würde es schaffen. Dabei grinste er wild, als er sich auf den letzten Metern der belebten Kreuzung näherte.
Als er sie erreicht hatte, schloss er die Augen und ließ sich treiben.
Fast hätte er es geschafft. Er war so gut wie drüber, als er plötzlich einen starken Schmerz in der Schulter spürte. Etwas hatte ihn von hinten angesprungen, vom Gepäckträger aus; trieb scharfe Krallen in sein junges Fleisch. Ein bösartiges Fauchen ertönte direkt neben seinem Ohr. Er schüttelte sich, warf das schwarze Etwas von sich herunter.
Das alles dauerte nur wenige Sekunden, aber es brachte ihn von seinem angepeilten Kurs ab. Es war nur eine kleine Kurskorrektur, doch sie reichte, damit ihn der weiße Milchlaster von Ed Hayes am Hinterrad erwischte. Das Fahrrad wurde augenblicklich zur Seite weggerissen. Tom flog mit dem Kopf voran gegen den parkenden Buick von Pater William Butler. Mit einem hässlichen Klatschen, das der gerade aussteigende Geistliche den Rest seines Lebens nicht vergessen würde, prallte Toms Kopf auf den Kofferraumdeckel und zerbarst. Tom war sofort tot.
Er stand neben sich, sah seine Leiche und schluchzte. Leichtfüßig trippelte Sir Francis zu dem leblosen Körper, steckte die Zunge in die sich ausbreitende Blutlache, fuhr sich dann genüsslich über die Lippen und blickte mit einem boshaften Grinsen zu Toms Geist hinauf.
Tom bebte vor Zorn und Verzweiflung. Er hatte es schon wieder nicht geschafft. Genau wie in den letzten Jahren, hatte ihn dieser Tod auf vier Beinen an Halloween zur Strecke gebracht; hatte dafür gesorgt, dass sich dieses grausame Spiel auch im nächsten Jahr wiederholen würde.

„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“ (Kurzgeschichte)

In dieser Geschichte wird weder gefoltert noch geschändet. Der Titel bezieht sich auf einen »berüchtigten« gleichnamigen Film aus den 80ern. Die Geschichte ist recht albern geraten, kein Coming of Age oder so, einfach ein paar pubertäre Jungs, die in den VHS-Zeiten Mitte der 90er auf der Jagd nach einem endgeilen Horrorschocker einige Prüfungen zu meistern haben. Aber hoffentlich recht unterhaltsam, wobei der Humor  eher dem Alter der Jungs entspricht. 😉

Die Kurzgeschichte ist 32 Normseiten lang, bzw. besteht aus 7.155 Wörter oder 45.000 Zeichen und hatte weder ein Lektorat noch ein Korrektorat. Es folgt ein kurzer Auszug. Wer will, kann auch direkt zur ganzen Geschichte als Blogseite oder im PDF-Format, das ich auch empehle, da dort die Formatierungen besser sind

„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“
Von Markus Mäurer

»Das ist echt kranker Scheiß. Die schlagen nem lebenden Äffchen den Schädel ein und löffeln sein Gehirn aus. In nem richtigen Restaurant. Direkt am Tisch«
»Wie bei Indiana Jones.«
»Genau, aber der Affe lebt ja noch. Der schaut mit seinem kleinen ängstlichen Gesicht in die Kamera.«
»Das ist doch gefaked.«
»Nee, is es nich. Das is echt. Die zeigen auch, wie einer auf’m elektrischen Stuhl gebrutzelt wird. Bis er qualmt. Und der eine, der springt von nem Hochhaus. Ist dann nur noch Mus.«
»Von welchem Film redet ihr?«
»Gesichter des Todes«, antworteten Martin und ich wie aus der Pistole geschossen.
Rene nickte in ehrfurchtsvollem Schweigen. Dann spuckte er auf den Boden und meinte: »Das ist echt kranker Scheiß. Und den habt ihr gesehen.«
»Ich nicht, nur der Martin’ne«, antwortete ich.
Rene blickte Martin anerkennend an und spukte erneut auf Boden. »Wo haste den denn gesehn?«
»Beim langhaarische Bombenleger.«
»Das erklärt natürlich einiges«, meinte Rene und grinste wissend.
Es war die erste große Pause und wir saßen zurückgezogen auf der Schlachtbank. Das war eine Bank in einer kleinen Ecke am Rande des tiefer gelegenen zweiten Schulhofs, leicht außerhalb der Sichtweite der Pauker, die sich vom Gebäude nicht weiter entfernten, als man spucken konnte. Faule Säcke eben.
Die Schlachtbank war die Ecke der Freaks. Metaller mit ekligen T-Shirts (Sammelbestellung bei EMP) von Slayer und Cannibal Corpse, auf denen zerfetzte Frauen von Zombies mit Messern die Babys aus dem Leib geschnitten wurden – Butchered at Birth -, langen, fettigen Haaren, Militärhosen und immer zwei dröhnende Stöpsel im Ohr.
Dazu die Skater, mit ihren weiten Homeboy-Hosen, Carhatt-Jacken und umgedrehten Baseballmützen auf dem ungekämmten Haupthaar. Die sich cool gaben, es aber meist nicht waren.
Aber die waren immer noch besser dran, als die armen Socken, deren Eltern, Markenklamotten verboten hatten. Die mussten mit schlecht sitzenden Jeans, Biolatschen und Pullovern von S.Oliver rumlaufen. Peinlicher ging es kaum. Die waren sozial so stigmatisiert, dass sie gar nicht erst versuchen brauchten, sich zu den Coolen zu gesellen. Manchmal schlich einer der No-Name-Typen um eine solche Gruppe herum, blickte verstohlen rüber und versuchte sich durch kleiner werdende Kreisbewegungen heranzupirschen. Sie wurden stets erwischt und landeten, anders als Oscar, mit dem Kopf nach unten in der nächsten Mülltonne.

Es war eine reine Jungsecke, Mädchen machten einen großen Bogen um diese picklige Versammlung von Krähen. Es wurde viel auf den Boden gespuckt; existentialistische Anmerkungen wie »Alter Schwede« und »Geilomat« lagen ständig in der Luft.
Man gab sich grimmig und erwachsen. Prollig eben.
»Gesichter des Todes ist natürlich nicht schlecht«, sagte Rene und grinste dabei schelmisch.
»Nich schlecht?«, erwiderte Martin, »das is der oberaffengeile Scheiß des Jahrhunderts«, im Tonfall eines unheiligen Propheten, dessen Glaube gerade besudelt worden war. »Hast wohl einen an der Klatsche.«
»Nicht schlecht heißt doch ganz gut, aber eben nicht der Oberhammer. Der läuft in vier Tagen im Lichtspielbunker.«
Martin und ich starrten ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»In vier Tagen, habe ich gehört, soll dort der krasseste Scheiß überhaupt laufen. Der Film soll in vierunddreißig Ländern verboten sein. Den zeigen sie den Navy Seals vor Kampfeinsätzen, um sie so richtig abzuhärten. Und – wartet, jetzt kommt‘s – der läuft in ganz Deutschland nur in einem Kino. Für nur eine einzige Vorstellung. Im Lichstpielbunker. Angola-Kai soll ihn im letzten Urlaub unter Einsatz seines Lebens über die vietnamesische Grenze nach Thailand geschmuggelt haben, und von dort in seinem Hintern durch die Flughafenkontrolle zurück nach Deutschland. Und er will ihn in einer Guerillavorstellung ein einziges Mal zeigen und dann verbrennen.«
»In seinem Hintern?«, fragte ich. »Wie soll das gehen? Hat der ’n Arschloch wie ’n Videorekorder.«
Martin und ich brachen in hysterisches Gelächter aus.
»Quatsch, das ist doch ein 16-mm-Streifen, ihr Filmspacken. Der hat den Film zusammengerollt und gefaltet in eine Plastiktüte getan und sich dann hinten reingesteckt. Wie im Knast.«
Wir konnten uns vor Lachen gar nicht mehr einkriegen. Während mir die Spucke nur so aus dem Mund spritzte, brachte ich mühsam hervor: »Na, dann kann der Film ja nur Scheiße sein.«
»Wenn Angola-Kai euch die Geschichte persönlich erzählt hätte, so wie dem Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach, dann würdet ihr nicht so ein Gehampel veranstalten.«
Das brachte Martin und mich schlagartig zum Schweigen. Mit Angola-Kai war in der Tat nicht zu spaßen. Der Typ war voll Hardcore. Soll schon im Dschungel gekämpft haben. Als Fallschirmjäger für die NVA in Angola, so wie Otto im Kongo.
»Der Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach? Wer soll das denn sein? Der muss doch dann auch der Cousin von Karlsson auf dem Dach sein?«, fragte ich verwirrt.
»Was weiß ich? Jedenfalls ist das Karlsson im Keller. So nennen die den«, meinte Rene.
»Was für ’n Film soll das denn sein«, fragte Martin.
»Im Foltercamp der geschändeten Frauen.«

Der bestialische Gestank von tausend Eierfürzen lag in der Luft. Ein irrer Zausel mit wildem Rauschebart sprang nervös kichernd zwischen blubbernden Reagenzgläsern hin und her. Sein weißer Laborkittel war von zahlreichen Flecken in den unmöglichsten Farben bedeckt und löchrig wie ein Schweizer Käse. Aus dem jüngsten Loch verdampfte ein letzter Rest Säure und auch der Rauschebart wies qualmende Lücken auf.
Es war die erste Stunde an einem Dienstagmorgen: Chemie beim irren Igor, wie der leicht verwirrte Lehrer von seinen Schülern (und auch einigen Kollegen) genannt wurde.
»Wusste du, dass der irre Igor früher Chemiewaffen für Sadam Hussein entwickelt hat?«, fragte ich.
»Geh weg. So‘n Scheiß glaubste doch selber nicht«, antwortet Martin, der mit mir zusammen (wie immer) in der letzten Reihe saß, die sich seit der Verkettung unglücklicher Umstände (wie die Schulleitung diesen Vorfall nannte, der den Klassenstreber Julius Bochte seine buschigen Augenbrauen gekostet hatte), größter Beliebtheit erfreute.
»Mein Nachbar hat uns beim letzten Grillabend erzählt, der Igor wäre früher so ein ganz toller Professor an der Uni gewesen, mit Chancen auf den Nobelpreis usw. Aber dann soll er erwischt worden sein. Hat irgend so ein Kampfgas, das dir das Fleisch von den Knochen ätzt, für den Irak entwickelt. Echt wahr. Deshalb muss er jetzt so Schwachköpfe wie uns unterrichten und soll endgültig den Verstand verloren haben.«
Vom irren Igor unbemerkt, öffnete sich die Tür zum Klassenzimmer und René huschte in geduckter Haltung herein. Er ließ seinen Rucksack auf den Boden sinken und hockte sich mit ernstem Gesichtsausdruck neben uns.
»Na, verpennt? Haste gestern Nacht wieder zu lange gewichst?«, begrüßte Martin ihn, auf seine im eigene charmante Art.
»Quatsch, ich hab den Karlsson auf dem Dach getroffen.«
»Was haste denn da oben gemacht?«, kicherte Martin. Im nächsten Augenblick ertönte weiter vorne ein lauter Knall, kurz darauf das Klappern einer Dose, die auf dem Boden landete.
»Igor und sein Knallgasexperiment«, meinte ich kopfschüttelnd.
»Vergiss den Igor, wir haben ein Problem«, meinte Rene vollkommen ernst. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller habe gesagt, dass Angola Kai einen nur in die Vorstellung reinlässt, wenn man ihm einen ultra-krassen Film mitbringt, den er noch nicht kennt. Sonst kannste das Foltercamp knicken.«
»Scheiße. Was soll‘n der Mist.« Seit Rene gestern von dieser legendären Vorstellung im Lichtspielbunker erzählt hatte, war ich ganz aufgeregt und hatte mir bis in die tiefe Nacht hinein in allen blutigen Details vorgestellt, wie die Frauen im Foltercamp geschändet wurden. Das musste der Hammer sein. Diesen Film wollte ich unbedingt sehen – koste es, was es wolle.
»Fuck«, Martin haut mit der Faust auf den Tisch. »Angola Kai kennt doch jeden Scheiß, wie soll‘n wir da ’nen Streifen finden, den der nich kennt?«
»Es soll eine Liste geben«, erwiderte Rene. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller weiß, wie wir an die Liste kommen können. Dachkarlsson will uns heute nach der Schule in den Keller mitnehmen.«

Hier geht es zur ganzen Geschichte als Blogseite oder im PDF-Format.

 

Stadt der Zähne (Kurzgeschichte)

Wer sich das Geschwafel unten ersparen möchte, gelangt hier direkt zur Kurzgeschichte Stadt der Zähne als WordPress-Seite und im PDF-Format (liest sich aufgrund der Formatierung besser, habe noch nicht rausgefunden, wie ich die eingezogenen Absatzanfänge hier im Blog beibehalten kann).

Regelmäßige Leser dieses Blogs mögen schon bemerkt haben, dass ich in letzter Zeit zu Experimenten neige und mich an neuen Themen (wie Musikbesprechungen und englischsprachigen Beiträgen) versuche, und auch wenn sich das Interesse daran anscheinend mehr als in Grenzen hält, werde ich damit fortfahren, Neues auszuprobieren. Einfach, weil ich keine Lust habe, immer über die gleichen Themen auf die gleiche Weise zu schreiben. Meine Interessen ändern sich teilweise oder durchlaufen Phasen, in denen mich bestimmte Themen mal mehr, mal weniger interessieren. Jedenfalls werde ich es jetzt mal mit Kurzgeschichten versuchen.

Die erste Kurzgeschichte, die ich hiermit veröffentliche, habe ich bereits 2008 in einer ersten Fassung als Anfang eines geplanten Romans verfasst, bei dem ich aber nie über die ersten 50 Seiten hinausgekommen bin. Jetzt habe ich den Anfang etwas umstrukturiert und daraus eine Kurzgeschichte mit 25 Normseiten bzw. 39.000 Zeichen gemacht.

Ich muss euch hier direkt warnen, die Geschichte enthält explizite und eklige Sexszenen; zwei ProtagonistInnen, die sich in einer sehr dysfunktionalen und destruktiven Beziehung zueinander befinden; Spuren von Zynismus und eine pessimistische Grundstimmung. Ich bin eigentlich ein optimistischer und gut gelaunter Mensch, aber mit dieser Geschichte wollte ich etwas völlig »out of character« schreiben, etwas, das so gar nicht zu mir passt, extrem ist und über die Stränge schlägt. Als Inspiration dienten mir die Bücher von Charles Bukowski, Irvine Welsh und Chuck Palahniuk. John Niven geht auch in die Richtung, aber den kannte ich 2008 noch nicht. John Niven sagte kürzlich in einem Interview mit dem Spiegel, dass man schreiben müsse, als seien die Eltern tot. Womit er meint, dass man schreiben solle, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was die Eltern über diesen »schmuddeligen Schund« denken könnten.

Ihr seid jetzt also gewarnt. Von den beiden Testlesern, denen ich den ursprünglichen Romanfang vor einigen Jahren gezeigt hatte, reagierte einer sichtlich schockiert. Die Geschichte ist also nichts für zarte Gemüter. Aufgrund akuter Betriebsblindheit habe ich auch keine Ahnung, ob sie was taugt oder totaler Mist ist (da fehlt mir Hemingways Bullshit-Detector). Es handelt sich um die Rohfassung, die weder ein Lektorat noch ein Korrektorat hatte. Würde ich in Buchform natürlich nie veröffentlichen, aber hier im Blog mache ich das ja ständig. Ich wollte diese halbwegs extreme Geschichte auch keinem Testleser durch eine Anfrage aufnötigen.

Für die Hauptseite dieses Blogs ist die Geschichte zu lang, deshalb gibt es hier nur einen kurzen Auszug. Ich habe bewusst nicht den Anfang ausgewählt, da der etwas zu explizit dafür sein könnte. Hier gibt es die Geschichte Stadt der Zähne im PDF-Format und hier als WordPress-Seite. Im E-Book-Format habe ich sie noch nicht angelegt, da ich mich dort erst einmal einarbeiten muss. Wenn schon, dann auch richtig gesetzt und formatiert. Die nächste Geschichte, die schon fertig ist und sich gerade bei einigen Testlesern befindet, wird deutlich optimistischer und jungendfrei. Versprochen!

Stadt der Zähne (Auszug)

Nachdem sie mehrfach von kleinen wuseligen Händen durchsucht worden war, betrat sie endlich das Innere der Burg: den Thronsaal Grimhilds. Wo ihre Majestät Hof hielt, Audienzen gewährte, Geschäfte tätigte und ganz nebenbei über Leben und Tod entschied.
Der Thronsaal war ein großer, geräumiger Loft mit hohen Decken und mehreren Ebenen. Der Hofstaat wirbelte in geschäftigem Treiben wild durcheinander, verpackte weißes Pulver und zähe braune Masse, putzte Pistolen, lud Gewehre, brüllte hektisch in Handys oder zog sich Teile des eigenen Produkts durch die Nase. Und mittendrin in diesem Hexenkessel krimineller Aktivitäten thronte Grimhild auf einer flauschigen roten Couch und knutschte wild mit einem schicken Designermodel, als wäre sie ganz allein.
Selena lies sich durch die vielen Waffen nicht abschrecken, dafür war sie schon zu oft in der Höhle der Löwin gewesen. Sie bewegte sich langsam auf Grimhild zu, unsicher, ob sie diese in ihren erotischen Aktivitäten unterbrechen konnte.
Doch Grimhild schien sie aus dem Augenwinkel heraus zu bemerken. Sie ließ augenblicklich von dem magersüchtigen Kleiderständer ab, drehte sich zu Selena um und strahlte sie fröhlich an. Der Kleiderständer merkte, dass seine Halbwertszeit überschritten war, und zog sich mit leerem Gesichtsausdruck eine fette Line Koks durch die operierte Nase.
»Selena, welch freudige Überraschung an diesem trüben Nachmittag.« Grimhild sprach fehlerfreies Englisch, aber in einem melodischen Rhythmus, der eindeutig auf ihre brasilianische Herkunft schließen ließ.
»Was kann ich für dich tun? Hast du irgendwelche spezielle Wünsche?«
Selena schloss kurz die Augen. Sie hatte immer noch diesen widerlichen Geschmack im Mund, konnte immer noch fühlen, wie dieser schmierige Schwanz gegen ihren Gaumen stieß, hatte immer noch die fette Wampe dieses miesen Fickers vor Augen. »Das volle Programm«, sagte sie seufzend. »Das brauche ich heute.«
»Arbeitest du immer noch für dieses sexbesessene Arschloch. Wird höchste Zeit, dass diesem Frauen ausbeutenden Ungeheuer der Marsch geblasen wird. Soll ich ihm mal einen Besuch abstatten?« Grimhild schaute Selena fragend an. Ihr harter Gesichtsausdruck zeigte, dass sie es ernst meinte.
»Nein, danke. Er bezahlt meine Rechnungen. Solange ich nichts Besseres finde, muss ich mich mit ihm abgeben.« Selena klang ehrlich verzweifelt, hatte aber schon lange resigniert.
»Du kannst immer noch bei uns einsteigen. Das Angebot gilt weiterhin.«
Das hatte Selena noch gefehlt. Sie zwar schon tief gesunken, aber bei dieser verrückten Barbiepuppenmörderbande würde sie nicht mitmachen. Das war eine Grenze, die sie nicht überschritt. Es reichte schon, dass sie diese Wahnsinnigen finanzierte. »Nein danke, aber Waffen und ich, das passt einfach nicht zusammen.«
»Also gut, wie du möchtest.« Grimhild klang enttäuscht. »Hier, schon mal was zum Warmwerden.« Sie reichte Selena ein kleines Plexiglasröhrchen gefüllt mit weißem Pulver und rief: »Paula, mach mal ein Päckchen für unser hübsches Pornosternchen fertig.«
Selenas Haut brannte, kalter Schweiß brach ihr aus, ihre Hände begannen zu zittern, sie konnte keinen Moment länger warten und kippte sich das komplette Röhrchen in die Nase. Sie zog das Koks kräftig hoch und ihr Schädel explodierte in einer weißen Supernova. Von diesem Moment an erlebte sie den Rest des Abends, wie einen Film, den sie durch eine Milchglasbrille sah.
Weitere Linien Koks, Speed und andere Amphetamine bahnten sich einen Weg in ihr Gehirn und betrieben ein Wettschießen auf die einst so munteren Gehirnzellen. Mit einer Horde wilder Amazonen ging es hinaus in den Dschungel, vorbei an den Eingeborenen rein in einen schrägen Club, in dem seltsame Rituale abliefen. Sie trank Unmengen an Alkohol, tanzte bis zum Umfallen, stand auf und fiel wieder hin und machte in dunklen Ecken mit fremden Frauen rum. Halbnackte verschwitzte Körper, die in einem wilden Drogenrausch spastisch gegeneinander zuckten. Mit Drogen durchsetzte Körperflüssigkeiten, die ihre Besitzerinnen wechselten. Dazu heiseres Stöhnen, unkontrolliertes Gekicher, sinnlose Wortfetzen, ungesundes Husten und ekliges Schmatzen. Der Abend war wild und unberechenbar. Die Zeit war eingefroren, die Pausentaste klemmte und Selena vergaß.