„Irrlichtfeuer“ von Julia Lange

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Vor einigen Monaten hab ich hier im Blog die Frage gestellt, wo die Frauen in den phantastischen Verlagsvorschauen für den Herbst seien, und bin dann etwas genauer auf die Programme der einzelnen Verlage eingegangen, mit der Ankündigung, mich intensiver mit den phantastischen Autorinnen zu beschäftigen und bis Ende des Jahres nur noch Bücher von Frauen hier zu besprechen. Jetzt sind die ersten Neuerscheinungen aus den Programmen da, allerdings hat sich seit den ersten Beiträgen zu dem Thema mein Interessengebiet mehr auf zeitgenössische französische Autorinnen verlagert.

Und da ich jemand bin, der nur das liest, worauf er gerade Lust hat, und nicht, was er vor einigen Monaten mal geplant hat, und da mich auch niemand für meine Beiträge hier bezahlt, widme ich mich momentan nicht ganz so intensiv der aktuellen Phantastik von Frauen, wie versprochen.

Doch so ganz möchte ich das Thema nicht ruhen lassen, denn da erscheinen ja aktuell einige spannende Bücher. Demnächst werde ich z. B. das wunderbare Buch Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers besprechen. Doch den Anfang macht das Fantasydebüt der jungen deutschen Autorin Julia Lange, das im neuen Programm von Knaur Fantasy erschienen ist:

Als hätten sich Jules Verne, die Gebrüder Grimm und Hayao Miyazaki in einem gemeinsamen Traum gefunden.

Schreibt Christoph Marzi in seinem Blurb auf der Rückseite des Buches. Und mit Miyazaki liegt er gar nicht so falsch, zumindest was das Setting angeht. Eine europäische Großstadt, die an das Wien oder das Prag des 19. Jahrhunderts erinnert, mit gepflasterten Straßen und engen Gassen, Brücken aus Stein und Schornsteine von Fabriken, die in irrlichterndem Blau leuchten, während in den Schatten ein Hauch von Magie vorbeihuscht. Eine junge Frau, die vom Fliegen träumt, und entgegen aller Widrigkeit ernsthaft daran arbeitet, ihren Traum zu verwirklichen. Dazu ein junger Mann, der durch einen Unfall zum Irrlichtkind wurde und nun im Militär dient, das von der schnöseligen Obrigkeit für deren egoistischen Zwecke missbraucht wird. Und natürlich die Straßenbanden, um den Grafen, der wie Don Corleone durch den Stadtteil Rothentor flaniert, jeden grüßt, jeden kennt, und die Stadt von unten regiert, wenn ihm nicht gerade sein rebellischer Sohn Kummer bereitet oder die verletzte Hüfte zwickt.

Städtefantasy ist ja durchaus ein eigenes Genre (als Urban Fantasy würde ich eher Geschichten zählen, die in moderneren Metropolen spielen), das sich besonders gerne im viktorianischen London ansiedelt. Bei Viktoria Schlederers Des Teufels Maskerade (übrigens auch mit Blurb von Christoph Marzi hinten drauf) war es das Wien der KuK-Zeit. Irrlichtfeuer spielt im fiktiven Stadtstaat Ijsstedt, der mich sowohl von den Namen als auch der Architektur an Prag erinnert.

Es herrscht Monarchie, die Adligen und Wohlhabenden lassen es sich in ihren schmucken von Irrlichtfeuer beheizten und beleuchteten Häusern gut gehen und frönen dem gesellschaftlichen Leben auf prachtvollen Bällen, während die einfachen Bürger in den gemeingefährlichen Irrlichtfabriken ausgebeutet werden. Nachdem es zu einer Katastrophe in einer der Fabriken kommt, bei der viele Menschen sterben, bahnt sich ein Volksaufstand an. Und wie der Zorn des Volkes es so will, richtet sich die Wut zunächst auf eine andere benachteiligte Minderheit: die Irrlichtkinder, die als Soldaten die Regierung beschützen, ansonsten aber in einem goldenen Käfig gehalten werden.

Dabei verfolgen wir die Geschehnisse abwechselnd aus den Perspektiven der oben angedeuteten Figuren wie Alba, dem Grafen, dem Irrlichtkind Kas oder der trauernden und zornigen Meret. Die großen Stärken des Romans sind die dichte Atmosphäre, die starken Figuren, das interessante Magiekonzept und der angenehm unaufgeregte Handlungsverlauf ohne große Effekthascherei.

Es gibt durchaus ein paar kleine Kritikpunkte, die aber größtenteils in die Kategorie Geschmackssache fallen. So sind mir die Szenen teilweise zu detailliert beschrieben. Mir ist klar, dass das vor allem Atmosphäre und Stimmung erzeugen und den Leser in eine lebendige Geschichte mit plastischen Schauplätzen ziehen soll (was auch gelingt), doch stellenweise geht es schon so ins Detail, dass dadurch der Lesefluss beeinträchtigt wird. Auch mit den Wiederholungen einiger Gegebenheiten übertreibt es die Autorin ein wenig, z. B. wenn es um die Hüftprobleme von Karel (dem Grafen) geht. Klar, muss das thematisiert werden, weil es um die schwindende Stärke des Bandenanführers vor seinen »Mittbewerbern« geht, die er versucht zu überspielen, aber es muss auch nicht jedes Mal so zelebriert werden.

Ansonsten gehört es aber zu den Stärken des Romans, dass es »HeldInnen« mit körperlichen Schwächen gibt, die insgesamt eine große Rolle in diesem Roman spielen und die bei Alba schon extrem einschneidend sind, und ihren Hauptantrieb für ihr Handeln, den Traum, fliegen zu können, darstellen.

Was mir auch gefehlt hat, ist ein wenig Spannung, nicht in Form von Cliffhangern, sondern eher in Form von Geheimnissen, die es zu ergründen gilt. Das hätte sich in der Stadt und diesem Szenario gut angeboten, aber eigentlich weiß man als Leserin immer, was Sache ist. Das macht den Roman jetzt nicht schlechter, da er durch die dichte Atmosphäre und seine interessanten Figuren gut getragen wird, hat aber auch dafür gesorgt, dass ich relativ lange daran gelesen habe. Also wie gesagt, die Kritikpunkte machen das Buch für mich nicht schlechter, aber wenn es im nächsten Buch von Julia Lange noch ein Prise Spannung und ein Hauch von Geheimnis geben würde, könnte mir das Buch noch mehr Spaß machen.

Nichtsdestotrotz ist Irrlichtfeuer ein tolles Romandebüt, mit dichter Atmosphäre, spannenden Figuren – allen voran die starken Frauen -, einem sehr interessanten und originellen Magiekonzept und einer soliden Sprache, die relativ funktional daherkommt, mit einigen altmodischen Begriffen wie z. B. Fensterlaibung aber noch zusätzlich für Stimmung sorgen. Die Handlung des Buchs kann man durchaus als abgeschlossen und eigenständig bezeichnen, ob noch mehr Romane aus dieser Welt geplant sind, weiß ich nicht, ich hätte aber nichts dagegen.

Mein erster Ausflug ins neue Programm von Knaur Fantasy und Science Fiction hat sich schon mal gelohnt, und zusammen mit Ken Lius Das Schwert von Dara und Die Legende von David Gemell, die ich beide schon im Original gelesen haben, verheißt er Gutes, was den Rest des Programms angeht.

Phantastikvorschauen Herbst/Winter 2016: Wo sind die Frauen?

Auf dem PAN-Branchentreffen letzte Woche gab es abends eine Lesung und Diskussionsrunde mit Kai Meyer, Bernhard Hennen und Markus Heitz, moderiert von Karla Paul, die dann fragte: »Wieso sitzen hier eigentlich nur Männer?« Sie hakte dann noch nach, darauf hinweisend, dass sich im neuen Phantastikprogramm von Fischer/Tor (das auf dem Treffen verteilt wurde) unter den zwölf Neuerscheinungen nur drei Titel von Autorinnen befand. Bei Droemer/Knaur seien es zumindest sechs von fünfzehn.

Eine berechtigte Frage. Warum nur so wenige Frauen? Ich bin mir sicher, dass die Auswahl bei Fischer/Tor völlig unabhängig vom Geschlecht getroffen wurde. Ich kenne den Geschmack und Anspruch von Programmchef Hannes Riffel ein wenig und weiß, dass es ihm vor allem um die Geschichte, die Sprache und jetzt bei einem großen Publikumsverlag natürlich auch ein wenig um die Verkaufbarkeit geht. Bei Droemer/Knaur besteht das Team und Programmleiterin Natalja Schmidt zum größten Teil aus Frauen.

Aus diesem Grund habe ich mir mal angesehen, wie es insgesamt in den kommenden Vorschauen der größeren Phantastikverlage aussieht. Ich schreibe die Zahlen im Folgenden als Zahlen, damit man die Verhältnisse besser im Blick hat. Um direkt zu den Programmen zu gelangen, müsst ihr einfach unten auf den Link im Verlagsnamen klicken. Die Programme von Droemer/Knaur und Fischer/Tor liegen mit momentan nur in gedruckter Form vor.

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Bei Piper sind nur 3 von 26 Titeln von Frauen geschrieben, und unter den 5 SF-Büchern befindet sich keine Einzige.

Das größte Programm erscheint mit 47 Titeln bei Heyne, von denen immerhin 16 von Frauen stammen, darunter 10-mal Urban Fantasy und nur 2 von 21 SF-Büchern.

Deutlich besser sieht es bei Bastei/Lübbe aus, dort stammen immerhin 10 von 22 Titel von Frauen, darunter auch zweimal SF.

Bei Blanvalet sind es nur 3 von 16 Erscheinungen, darunter 2-mal SF.

Fischer/Tor hat bei 12 Titeln nur 3 Frauen im Angebot (das habe ich jetzt doch irgendwie ähnlich unglücklich formuliert, wie »binders full of women« 😉 ), immerhin schreiben 2 davon Science Fiction.

Droemer/Knaur hebt den Gesamtschnitt mit 6 von 18 Titeln im Programm wieder etwas an, darunter allerdings keine SF.

Auf die Programme der zahlreichen Kleinverlage gehe ich an dieser Stelle nicht ein, dort sind die Programmvorschauen oft nicht so übersichtlich und mit denen der großen Publikumsverlage zu vergleichen, zumal sie auch eine deutlich geringere Präsenz in den Buchhandlungen haben. Doch nichtsdestotrotz tut sich dort etwas. Ich übersetze zum Beispiel gerade einen ganz tollen SF-Roman einer amerikanischen Autorin für Cross Cult. Und auch Nnedi Okorafors Lagoon wird dort erscheinen. Und Atlantis war der erste Verlag, der nach vielen Jahren wieder mal ein Buch von Ursula K. Le Guin gebracht hat.

Was die großen Publikumsverlage angeht, da weiß ich nicht, wie es in allen Lektoraten/Redaktionen personell aussieht, aber mir scheint doch, dass dort, wo der Frauenanteil überwiegt und/oder bzw. eine Frau das Programm leitete, der Anteil an Autorinnen im Programm doch etwas höher liegt.

Ich enthalte mich jetzt mal jeglicher Wertung und spekuliere auch nicht über die Gründe, warum der Anteil an Autorinnen in den aktuellen phantastischen Programmvorschauen der großen Publikumsverlage nur bei 29 Prozent liegt. Von 141 Neuerscheinungen stammen 41 von Frauen. In der Science Fiction liegt der Anteil sogar nur bei 19 Prozent, mit 8 von 49 Titeln.

Als Konsequenz werde ich auf meinem Blog in diesem Jahr nur noch Bücher von Frauen besprechen. Sowohl Titel aus den deutschsprachigen Programmen (auch von Kleinverlagen) als auch noch unübersetzte englischsprachige Bücher, wie z. b. von Nina Allen, Nnedi Okorafor, Elizabeth Bear, Sofia Samatar uvm. Wobei ich mich da ein wenig auf die Science Fiction konzentrieren werde, da dort im englischsprachigen Bereich ganz aufregende Sachen erscheinen.

In den nächsten zwei Wochen werde ich auch noch in einzelnen Blogbeiträgen einen genaueren Blick auf die oben erwähnten Programme und deren Titel von Autorinnen werfen.
P.S. Das Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerk e.V. wurde, soweit ich das sehen konnte, übrigens fast ausschließlich von Autorinnen organisiert und durchgeführt.

Nachtrag (29.4.): Hier geht es zu einer wichtigen Ergänzung zu diesem Beitrag.

Epische Fantasy von Frauen (3): The Riddle-Master of Hed von Patricia A. McKillip

Vor einem Jahr hatte ich angekündigt, mich in den nächsten Monaten verstärkt mit epischer Fantasy von Frauen zu beschäftigen. Das hat jetzt doch etwas länger als geplant gedauert. Dabei hatte ich es zwischenzeitlich durchaus mit Fantasyautorinnen wie Kate Elliot und Janny Wurts versucht, aber obwohl die Bücher, die ich angefangen haben, gar nicht schlecht sind, war ich einfach nicht in der Stimmung dafür. Manchmal gibt es die richtigen Bücher zur falschen Zeit. Da ist es dann am Besten, sie zur Seite zu legen, bis es passt. Beim Riddle-Master of Hed hat es gepasst.

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Bereits 1976 erschienen, verwendet McKillip zwar durchaus typische Plotelemente der klassischen epischen Fantasy, weiß sie aber zu einer interessanten und nicht so ganz genretypischen Mischung zu präsentieren. Es geht um eine alte Prophezeiung, in der ein einfacher Bauernjunge (Okay, er ist der Herrscher von Hed, aber da es sich nur um einen klitzekleinen Agrarstaat/Insel handelt und er selbst in relativ einfachen Verhältnissen aufwächst, geht Morgan durchaus als einer durch) jene Prophezeiung erfüllen muss, um die Welt zu retten oder so ähnlich. Ganz klar ist es nicht, worum es darin geht.

Wobei diese klassischen Plotelemente 1976 vermutlich noch gar nicht so klassisch waren. Mit Lloyd Alexanders Taran gab es zwar schon 1964 einen Schweinehirten, der zu Größerem bestimmt war (auch wenn damit eigentlich das von ihm zu hütende Orakelschwein gemeint ist), aber bis auf den einfachen Hobbit, der allein das Böse bezwingen konnte, war die Fantasyliteratur dieser Zeit vor allem durch große Helden wie Conan, Kane und Elric bestimmt. Der Trend zur epischen Fantasy mit dem Helden aus einfachen Verhältnissen setzte erst in den 80er Jahren mit Dave Eddings und Raymond Feist ein. McKillips Riddle-Master of Hed kann als durchaus als Vorläufer dieser Werke gesehen werden. Allerdings hebt er sich  selbst aus heutiger Rückschau von den ihm folgenden Werken ab.

Ganz so episch ist der erste Band der Trilogie gar nicht. Es handelt sich vor allem um einen Reiseroman. Morgans Reise beginnt der kleinen Insel Hed und führt ihn dann aufgrund eine Verkettung unglücklicher Umstände (man könnte auch von Attentaten sprechen) durch das ganze Reich (von dem Hed nur ein winziger Teil ist). Um herauszufinden, was es mit der Prophezeiung, dem Stern auf seinem Gesicht und der magischen Harfe, die er unterwegs erhält, auf sich hat, muss er zum High One (so was wie ein Gott, ganz kapiert hab ich es nicht) hoch in den Norden reisen, wobei er interessante und gefährliche Begegnungen macht.

Krieg liegt zwar in der Luft, Morgan kommt aber nicht direkt damit in Berührung, ihm machen nur einzelne Attentäter das Leben schwer. Doch der Riddelmaster of Hed ist kein großer Krieger, sondern, wie der Titel schon sagt, ein Rätselmeister. Und in einer Welt, die voller Rätsel steckt, ist das eine mächtige Gabe. Hier gibt es keinen harten Realismus und brutale Gewalt, wobei McKillips Figurenzeichnung alles andere als schwarz-weiß ist. Es treten viele undurchsichtige Gestalten auf, die es Morgan schwierig machen, jemandem zu vertrauen. Aber es sind auch liebenswürdige und vor allem faszinierende Personen darunter.

Ich kann The Riddle-Master of Hed nur empfehlen. Etwas altmodische aber sympathische Fantasy, die es versteht, ihre Leser mit relativ einfacher Magie zu verzaubern und vor allem sprachlich schön geschrieben ist. Ich würde das Buch stilistisch und inhaltlich als verträumt bezeichnen.

In meiner Omnibusausgabe von Ace sind alle drei Bände in einem enthalten (wobei inzwischen wohl noch ein vierter dazu gekommen ist). Gelesen habe ich bisher aber nur den ersten. Auf Deutsch ist die ursprüngliche Trilogie in den 80er Jahren bei Goldmann erschienen, in den 90ern gab es noch eine Neuauflage, inzwischen sind die Titel aber schon lange vergriffen. Band 1 heißt auf Deutsch Die Schule der Rätselmeister

Epische Fantasy von Frauen (2): Der Quell der Finsternis von Margaret Weis u. Tracy Hickman

Wie in diesem Beitrag angekündigt, stelle ich hier einen weiteren epischen Fantasyroman vor, der von einer Frau geschrieben wurde. In diesem Fall handelt es sich allerdings um ein Autorenduo (das vor allem durch die Drachenlanze bekannt ist), von dem eine Hälfte trotz des Namens Tracy männlich ist.

Die Rezension habe ich vor über 10 Jahren, für die Seite X-Zine.de geschrieben, in meinem Zimmer im Studentenwohnheim in Siegen, ungefähr um 3.00 Uhr morgens, direkt nach Beendigung der Lektüre. Das weiß ich noch genau, aber an das Buch erinnere ich mich kaum. Da ist dringend eine Re-Read angesagt. Das Buch ist aktuell (wie alle Bücher von Weist) leider nur gebraucht erhältlich). Weis und Hickman hatten ihre große Zeit in den 80er und 90er Jahren.

Was sich der Verlag bei diesem Cover nur gedacht hat?

Was sich der Verlag bei diesem Cover nur gedacht hat?

Dem neunjährigen Gareth wird die Ehre zuteil, eine Stellung am Hofe des Königs von Vinnengael anzutreten. Und zwar als Prügelknabe des Prinzen Dagnarus. Gareth schließt schnell Freundschaft mit dem Prinzen, gerät dabei jedoch in eine Abhängigkeit, die er später bitter bereuen wird. Zur gleichen Zeit tritt der Elf Silwyth, Spion des Schildes (Kriegsherr der Elfen), die Stellung als Hofkämmerer des Prinzen an. König Tamaros erhält von den Göttern den Stein der Könige, um Einigkeit zwischen den Völkern der Elfen, Orks, Zwerge und Menschen zu schaffen. Doch der Stein hat auch einen Haken. Während Prinz Helmos, der Thronerbe, zum Paladin wird, strebt Dagnarus selbst nach dem Thron. Dabei verfällt er der Magie der Leere und bringt Unheil über das Land.

Langsam und mit Ruhe führen Weis und Hickman den Leser in die Geschichte ein. Auf den ersten 250 Seiten wird beschrieben, wie Gareth Prinz Dagnarus und den königlichen Hof kennen lernt. Dies wird so ausführlich gemacht, dass man jeden Gang, jedes Zimmer und jeden Brauch direkt vor Augen hat. Es wird allerdings nie langweilig, denn mit einer Prise Humor beschrieben, lernen wir auch die anderen, dem Fantasyleser wohlbekannten Völker kennen. Doch in diesem Roman sind die Rassen alle ein wenig anders als gewöhnlich. Da wären die Orks, die in dieser Welt ein abergläubisches Volk von Seefahrern sind, deren Oberhaupt der Kapitän ist. Die Zwerge sind erstaunlicherweise ein Reitervolk (wer hätte das gedacht). Anstatt in Höhlen zu leben, lieben sie die Weite der Steppe. Und die Elfen weisen einige Parallelen zum alten Japan auf. Geistiger Führer ist der Göttliche, in Japan der Tenno (Kaiser). Der Schild des Göttlichen ist dementsprechend der Shogun (der oberste Kriegsherr). Die Elfen leben nach einem Kodex, der sehr dem der Samurai ähnelt. Verliert ein Elf seine Ehre, wird von ihm erwartet, dass er um Beendigung seines Lebens bittet. Allerdings hat ein Elf auch keine Hemmungen, einen anderen hinterrücks zu erstechen. Die Magie dieser Welt ist den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft gewidmet. Das fünfte Element ist die Leere, deren Lehre verboten ist.

Nach 250 Seiten kommt die Geschichte dann, mit einem Zeitsprung von zehn Jahren, langsam in Fahrt. Die Fronten werden immer klarer und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Obwohl die Positionen fast aller Figuren von Anfang an klar sind, gelingt es den AutorInnen, ein Netz von feinsinnigen Intrigen zu spinnen. Die interessanteste und tragischste Figur ist hierbei Gareth, der es einfach nicht schafft, dem Einfluss des Prinzen zu entkommen. Obwohl dieser ein durchaus sympathisches Weichei ist, ist er neben Gareth eigentlich der »Böse«. Dadurch trägt er einen entscheidenden Teil zum verhängnisvollen Schicksal Vinnengaels bei.

Überraschenderweise hat der Verlag diesmal das Buch, obwohl 637 Seiten lang, in einem Band herausgebracht. Als erster Teil einer Reihe, von der drei Teile erschienen sind, hat der Roman trotzdem eine abgeschlossene Handlung. Und ich muss sagen, dass mich das Ende doch überrascht hat. Der zweite Band, »Der junge Ritter«, spielt 200 Jahre in der Zukunft, es tauchen dort allerdings einige bekannte Figuren wieder auf. Abgeschlossen wird die Trilogie durch »Die Pforten der Dunkelheit«, das im Frühjahr 2004 erschien.

Wer schnelle Action und große Schlachten wie in den Drachenlanze-Romanen erwartet, der wird enttäuscht werden. Doch wer Zeit und Geduld aufbringt, sich ruhig, ausführlich und nicht ohne Humor in das Buch einführen zu lassen, der wird mit einer detailreichen und faszinierenden Welt belohnt sowie einer spannenden Geschichte, deren Ereignisse sich am Ende überschlagen.

Epische Fantasy von Frauen (1): meine Liste + Celia S. Friedman

Adam Whitehead – einer der bekanntesten englischsprachigen Phantastikblogger – nahm einen Artikel der Fantasyautorin Foz Meadows zum Anlass eine kleine kommentierte Liste mit Autorinnen die epische Fantasy verfasst haben, anzulegen.

Waterstones ist eine bekannte britische Buchkette (besser gesagt, die britische Buchkette, andere gibt es anscheinend nicht), in deren Filialen in Glasgow und Edinburgh ich während eines Schottlandurlaubs auch schon Bücher gekauft habe (Neal Stephenson „Snow Crash“, Ian Irvine „A Shadow in the Glass“ u. Richard Laymon „The Midnight Tour“). Meadows hat dort bei einem Besuch Pappaufsteller entdeckt, die einen Überblick über die ganzen Untergenres in der Phantastik liefer, und auch wichtige Autoren auflisten. Die Betonung liegt auf „Autoren“, die Männer sind hier ebenso in der Überzahl, wie in den Führungsetagen der Top-50-Unternehmen. Irgendwie kam dann von unqualifizierter Seite die Aussage „women don’t write epic fantasy“, was Adam Whitehead zu seiner kleinen Liste veranlasst hat

Nach Lektüre dieser beiden interessanten Artikel bin ich mal meine eigenen Bücherregale durchgegangen, um zu sehen, ob sich da „binders full of women“ angesammelt haben. Die Autoren sind doch klar in der Überzahl. Vor allem die, von denen ich richtig viele Bücher habe. Deshalb werde ich hier in den nächsten Wochen die Fantasyautorinnen vorstellen, die ich gelesen oder zumindest im Regal stehen habe. Bevor es mit einer Besprechung von Celia S. Friedmann losgeht, hier die Autorinnen, deren Werke ich mein Eigen nenne:

Celia S. Friedmann – Kaltfeuerreihe (7 Bücher)
Ursula K. Le Guin – Erdsee (Sammelband aus 3 Büchern)
C. J. Cherryh – Morgaine-Zyklus (Sammelband aus 3 Büchern)
Margerete Weis – Die Chronik der Drachenlanze (6 B.); Die Legende der Drachenlanze (6 B.); Stein der Könige (3 Bücher); Himmelsstürmer
Kristine Kathryn Rusch – Das Buch der Fey (nur 2 von 10 Büchern, war nicht so mein Fall)
Micha Pansi – Der fünfte Stein (Sammelband aus 3 Büchern)
Barbara Hambly – Winterlands (3 Bücher, u. a. „Der schwarze Drache“)
Janny Wurts – Der Fluch des Nebelgeistes (3 Bücher); einige Kelewanbücher mit Feist
Maggie Furey – Schattenbund (3 Bücher)
Jacqueline Carey – Kushiel Band 1: Das Zeichen (1 von 3 Büchern)
Anne Bishop – Die schwarzen Juwelen (nur 1 von 8 Büchern)
Glenda Noramly – Die Fährte des Blinden
Megan Whalen Turner – Die Legende von Atollia (1 von 4 Büchern)
Lorna Freeman – Grenzlande (1 von 3 Büchern)
Lois McMaster Bujold – Chalions Fluch
Kate Elliot – Sternenkrone (2 von 6 Sammelbänden)
Kristen Britain – Reiter-Trilogie (1 von 4 Büchern, Verlage sollten echt vorsichtig damit sein, Fantasyreihen voreilig als Trilogie zu bezeichnen)
Steph Swainston – Komet

Wie gesagt, die Anteil an Autorinnen, die epische Fantasy oder ähnliches Schreiben, ist in meiner Büchersammlung verschwindend gering. Deshalb habe ich mir vorgenommen, in den nächsten Monaten hauptsächlich „epic fantasy“ von Frauen zu lesen, und hier einige der Werke vorzustellen.

Den Anfang macht eine (sehr kurze) Besprechung von Celia Friedmans „Festung der Nacht“, die ursprünglich vor c. a. 10 Jahren bei X-Zine.de erschienen ist. Ich habe damals alle 7 Bände rezensiert, aber da die anderen Rezis spoilern, sollte man nur die zu Band 1 lesen, wenn man die Reihe nicht kennt. Kaltfeuer gehört übrigens zu meinen Lieblingsreihen in der Fantasy.

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Wir befinden uns auf dem Planeten Arna, eine Welt, in der Alpträume Realität werden.

Denn Arna ist durchdrungen von Fae, einer Substanz, die man am ehesten mit Magie vergleichen kann. Durch das Fae, werden, vor allem nachts, die schlimmsten Vorstellungen der Menschen Wirklichkeit. Dämonen, Monster, ekliges Gewürm und andere Untiere suchen die menschlichen Siedlungen heim. Eine dieser Siedlungen ist die Stadt Jaggonath. Hier treffen wir auf den Priester Damien Kilcannon Vryce, der kein gewöhnlicher Geistlicher ist, sondern ein mächtiger Krieger, der in der Lage ist Fae zu manipulieren. In Jaggonath lernt er die Adeptin Cianni kennen, die das Fae meisterlich beherrscht. Kurz darauf wird Cianni von den Rakh angegriffen, der zweiten intelligenten Spezies auf Arna. Die Rakh stehlen Cianni etwas überaus Wichtiges und so kommt es, dass Damien zusammen mit Cianni, ihrem Freund Senzei und dem mysteriösen und zwielichtigen Gerald, sich auf die Jagd nach den Rakh begeben. Ihre Reise führt sie, in bisher, fast unerforschte Gebiete des Planeten. Unter anderem in den unheimlichen, alptraumhaften „Wald“, über den der grausame Jäger herrscht. Eine Person, die im Verlauf des Romans, eine wichtige Rolle übernimmt.

Sehr positiv überrascht hat mich das Cover, dass im Manga-Stil gestaltet wurde und hervorragend zum comichaften (oder bildlichen) Schreibstil von Celia S. Friedmann passt. Um die Verkaufchancen zu steigern, hat man wohl aus Celia kurzerhand C. gemacht, so dass nicht mehr auf Anhieb zu erkennen ist, dass das Buch von einer Frau geschrieben wurde.

Einziger Kritikpunkt ist, die Aufteilung in zwei Bände. Der 1991 im Original als „Black Sun Rising“ erschienene Roman, kommt im Knaur Verlag als „Festung der Nacht“ und „Zitadelle der Stürme“ heraus. Zwei (in Deutschland wohl vier) weitere Bände sollen noch folgen.

C. S. Friedmann ist es gelungen, eine faszinierende Welt zu erschaffen, die sich positiv vom üblichen Fantasy-Einheitsbrei abhebt. Die Figuren sind nicht die typischen unbesiegbaren Helden, sondern Menschen mit Schwächen, die gerade deswegen, äußert sympathisch wirken.

Gerald Terrant (Mensch? Dämon?), ist ein faszinierender Antiheld, hinter dem einiges mehr steckt, als er vorgibt. Die Figur des Gerald hat in mir zwiespältige Gefühle geweckt, obwohl er nicht gerade politisch und moralisch „Korrekt“ handelt, bin ich von im total fasziniert und er ist meine Lieblingsfigur in diesem Buch.

Die voller Wunder steckende Welt Arna, mit all ihren Eigenheiten, hat mich gleich zu Beginn in ihren Bann gezogen. Die Geschichte wird durchweg so spannend erzählt, dass ich das Buch an einem Stück durchgelesen habe.

 

Nachtrag: Martha Wells mit „Necromancer“ vergessen.