Ist eine 1:1 Übersetzung zu 99% möglich?

In einem Thread im Horrorforum, in dem es um die Übersetzung von Broms „Krampus“ ging, schrieb Royston Vasey:

„Wie ich in einem anderen Thread schon geschrieben habe, bekomme ich immer mehr den Eindruck, dass von Seiten der Übersetzer zu viel verschlimmbessert wird. Für mich heißt das nach wie vor: weniger Übersetzungen und mehr Original lesen. Als Leser erwarte ich zu 99,9 % eine 1 : 1 Übersetzung und keine Interpretation des Originals.“

Mein Antwort darauf veröffentliche ich auch hier, weil ich die Diskussion für das Thema dieses Blogs interessant finde:

Eine illusorische Vorstellung, ein Ideal, dass durch den Unterschied in den Sprachen nicht erreicht werden kann. Allein schon durch die Mehrdeutigkeiten, die fast jedes Wort und jeder Begriff in jeder Sprache besitzt. Mehrdeutigkeiten, die sich in den unterschiedlichen Sprachen nicht decken. Ein Wort, das im englischen vier unterschiedliche Bedeutungen hat, kann in der deutschen Sprache auch vier Bedeutungen haben, von denen drei aber von den englischen abweichen.

Viele Redewendungen und Begriffe lassen sich nicht 1:1 übersetzen, weil es sie einfach nicht im Deutschen gibt. Da muss der Übersetzer kreativ werden, und sich etwas einfallen lassen, das der Wirkung des englischen Originals entspricht.

Übersetzt man einen Text 1:1, dann liest er sich auch so – wie eine Übersetzung, mit der Eleganz und Unterhaltungswert einer Gebrauchsanleitung. Die Übersetzung sollte sich aber so lesen, als hätte der Autor selbst den Text auf Deutsch geschrieben. Und das kann keine 1:1-Übersetzung sein. Im Deutschen benutzt man eine andere Grammatik, andere Sprachbilder, andere Redewendungen, man denkt anders. Als Übersetzer muss man sich in den Autoren hineinversetzen und überlegen, wie hätte er das in Deutsch gemacht. Dabei kann die Übersetzung nur eine Annäherung an das Original werden, die niemals zu 100 oder 99% deckungsgleich ist. Es geht immer etwas verloren.

Kürzungen, inhaltliche Veränderungen und falsche Übersetzungen gehen aber natürlich gar nicht. Und davon gibt es viel zu viele, auch erscheinen zu viele schlechte Übersetzungen, so wie auch viele schlechte Bücher erscheinen.

Rückblick auf 2013

Angeregt durch einen Thread auf SF-Fan.de habe ich mal eine Liste mit meinen persönlichen Höhepunkten des Jahres erstellt

Buch des Jahres: „Life of Pi“ – Yan Martel, „Das Lavendelzimmer“ – Nina George, „Ein feiner dunkler Riss“ – Joe R. Lansdale
Bestes SF-Buch: „2312“ – Kim Stanley Robinson, „Herr aller Dinge“ – Andreas Eschbach
Bestes Fantasybuch: „Dolch und Münze 1: Das Dracheschwert“ – Daniel Hanover
Bestes Horrorbuch: „This Boys Life“ – Robert McCammon
Kinofilm des Jahres: „The Broken Circle Breakdown“
SF-Film des Jahres: „Europa Report“
Fernsehfilm des Jahres:“ Doctor Who: The Day of the Doctor“
Fernsehereignis des Jahres: Finale Staffel von Breaking Bad, die Folge „Ozymandias“
Beste alte Serie: „Breaking Bad“, „Person of Interest“, „Shameless“
Beste neue Serie: „Vikings“, „Broadchurch“, „Hannibal“
Album des Jahres: „Push the Sky Away“ – Nick Cave & The Bad Seed,
Spiel des Jahres: Habe nichts Neues gespielt, von den alten „Mass Effect“ und „The Book of Unwritten Tales“
Zeitschrift des Jahres: „Phantastisch“ und „Geek“
Konzert des Jahres: System of a Down, in der Wuhlheide in Berlin
Fandomveranstaltung des Jahres: Bucon
Veranstaltung des Jahres: Fantasy Filmfest (in Berlin)

Persönliches Ereignis des Jahres: Das Highlight des Jahres war für mich natürlich der Abschluss meines Zweitstudiums (Nordamerikastudien an der FU in Berlin).
Größte Veränderung des Jahres: Umzug von Berlin in den Westerwald, ich spiele wieder Fußball
Beruflicher Höhepunkt des Jahres: Es sind vier von mir übersetzte Bücher 2013 erschienen.
Erkenntnis des Jahres (durch den Umzug erhalten): Ich besitze zu viele Bücher und sollte vermehrt auf E-Books umsteigen.

Was mir 2014 fehlen wird: Berlin, der Berliner SF-Treff, Golkonda-Treff, Otherland-Treff, Lapismonts schnittige Kurzhaarfrisur und die Kinobesuche mit ihm sowie ein englischsprachiges Kino, das Stöbern in der Otherland Buchhandlung
Was 2014 bringen wird: berufliche Veränderungen, zwei bereits fertige Übersetzungen, deren Erscheinen schon sicher ist.

Übersetzung fertig: Das Blut der Helden

Die Übersetzung von „By the Blood of Heroes“ von Joseph Nassise ist fertig. 594 Normseiten; wie man hier sehen kann, ein ordentlicher Brocken. Der geht jetzt noch per Rentierexpress zum Lektor. Der freut sich, wenn er diese Paket unterm Weihnachtsbaum vorfindet. 🙂

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Druckkosten sind übrigens ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor, wenn man den geschriebenen Text auf dem Papier durcharbeiten will. Ich hätte auch beidseitig drucken können, aber das gibt mir erfahrungsgemäß zu viel Durcheinander.

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Das hier ist übrigens die Strichliste, auf der ich mein Arbeitspensum festhalte. Ein Strich steht für eine englische Seite, was in diesem Fall ungefähr 1,7 deutsche Seiten sind. Anfang Oktober gab es eine größere Lücke, weil ich da durch meinen Umzug von Berlin in den Westerwald für zehn Tage nicht zum Übersetzen gekommen bin. An den Tagen, an denen es nur wenige Striche gibt, habe ich meist die schon übersetzten Seiten überarbeitet. Die Strichliste hilft mir dabei, diszipliniert und kontinuierlich zu arbeiten, und den Überblick darüber zu behalten, wie viel Arbeit ich noch vor mir habe.

Damit ist „Das Blut der Helden“ für mich natürlich noch nicht abgehakt, wenn das Lektorat durch ist, werde ich die Änderungen nochmal durchgehen, aber das ist ein Problem, mit dem sich Zukunfts-Markus rumschlagen kann.

Ich werde jetzt erst einmal zwei Wochen Urlaub machen, bevor es mit der nächsten Übersetzung weitergeht. Kein Kindergarten, keine Übersetzung, kein Fußballtraining. Endlich werde ich mal wieder Zeit zum Zocken haben. Gestern habe ich mir schon „Mass Effect“ installiert und angefangen zu spielen. Während des Übersetzens fehlt mir einfach die Zeit, um aufwendige und umfangreiche Spiele zu zocken.

Dazu werde ich noch viel lesen, mir „Downton Abbey“ das Weihnachtsspecial von „Doctor Who“ und am 1. Januar natürlich die neue Folge von „Sherlock“ anschauen, Blogeinträge verfassen und endlich wieder mal an eigenen Texten arbeiten.

Übersetzungsfrage: hoary caress?

Weiß jemand, was hoary caress heißt?

Der Satz lautet: As the gap widened, a cold breeze rushed in from outside, filling the room with its hoary caress.

Während die Öffnung größer wurde, wehte eine kalte Brise von draußen herein und füllte den Raum mit hoary caress.

… mit seiner kalten Umarmung?  Wäre dann aber zweimal kalt, könnte auch ein kühl drauß mache, ist aber immer noch doppelt gemoppelt.

… mit seiner altehrwürdigen Liebkosung? Ergibt nicht wirklich Sinn.

caress heißt umarmen, liebkosen, streicheln

hoary heißt ergraut, uralt, altehrwürdig, verbraucht

Übersetzer nimmt Aufträge entgegen

An dieser Stelle möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass ich ab sofort hauptberuflich als Übersetzer tätig bin und gerne Aufträge entgegennehme. Bisher habe ich diese Tätigkeit ja neben dem Studium ausgeübt. Da so ein Studium ein Vollzeitjob ist, und das Übersetzen längerer Romane auch, war das terminlich immer etwas schwierig. Ich gebe da offen zu, dass die eine oder andere Übersetzung darunter vermutlich gelitten hat. Da ich ständig Hausarbeiten abzugeben hatte, deren Abgabetermine sich oft mit denen der Übersetzungen überschnitten haben, kam am bei beidem am Ende wohl nicht immer das bestmögliche Ergebnis raus.

Die Zeiten sind jetzt vorbei. Gerade bei meiner aktuellen Übersetzung („Das Blut der Helden“ von Joseph Nassise, 594 Seiten, geht am Montag zum Verlag) merke ich, wie gut es der Übersetzung tut, wenn man sich ihr sechs Stunden am Tag widmen kann. Im Studium kamen immer Seminartermine dazwischen und das Verfassen der Hausarbeiten, so dass mir kein routinierter Tagesablauf mit festen Arbeitszeiten möglich war. Ich habe immer dann übersetzt, wenn gerade ein Stündchen oder mehr frei war.

Dazu kommt noch, dass ich inzwischen (meiner Meinung nach) die schlimmsten Anfängerfehler und eine gewisse Unsicherheit abgestellt habe. Bei der jetzigen Übersetzung habe ich wirklich das Gefühl gute Fortschritte gemacht zu haben und werde (hoffentlich) gute Arbeit abliefern. Nicht, dass meine bisherigen Übersetzungen alle schlecht waren. Sonst hätten mich die Verlage sicher kein zweites Mal engagiert.

Aber wie schon erwähnt, jetzt kann ich mich den Übersetzungen mit der nötigen Sorgfalt und Ruhe widmen, und schaffe trotzdem ein hohes Pensum in relativ kurzer Zeit (aktuell 200 Seiten pro Monat + Überarbeitung, aber das hängt ja auch von der Schwierigkeit des Textes ab).

Ich übersetze aus dem Englischen ins Deutsche, habe bisher 6 Bücher (+ die beiden aktuellen) übersetzt, die in den Verlagen Atlantis, Festa und Golkonda erschienen sind. Durch meine Privatinteressen kenne ich mich besonders im Bereich der Phantastik (Science-Fiction, Fantasy und Horror) aus, lese aber auch Krimis, Klassiker, Anspruchsvolles und sonstige Literatur. Durch mein Studium (Nordamerikastudien mit Schwerpunkt auf Kultur und Literatur) kommen noch Fachkenntnisse für den nordamerikanischen Raum auf den Gebieten der Kultur, Geschichte, Gesellschaft, Popkultur uvm. dazu). Ich habe also auch keine Schwierigkeiten mit zeitgenössischen oder historischen Texten und Texten voller kultureller Anspielungen.

Wer auf diesem Blog stöbert, könnte über den diesen Eintrag stolpern. Dazu sei gesagt, dass ich die Sache inzwischen abgeklärter und gelassener sehe. Wenn von vornhinein geklärt wird, wie die Zusammenarbeit ablaufen soll, und klar ist, dass es nach Abgabe des Übersetzung keine weitere Zusammenarbeit zwischen Lektorat und Übersetzer stattfindet, habe ich damit kein Problem. Sollte eine solche Zusammenarbeit aber gewünscht sein, bin ich natürlich gerne dabei.

Bei Interesse bin ich unter dieser E-Mail-Adresse erreichbar: markusmaeurer [bei] gmx.de