„The Dispossessed“ – Ein feministischer Blick auf die Utopie von Ursula K. Le Guin

Ende Januar erscheint bei Fischer/Tor Ursula K. Le Guins 1974 im Original veröffentlichter Roman The Dispossessed in der Neuübersetzung von Karen Nölle als Freie Geister. Bisher war das Buch unter den Titeln Planet der Habenichtse und Die Enteigneten bekannt. Anlässlich dieser Neuveröffentlichung habe ich einen alten Text von mir hervorgekramt, der sich mit dem Frauenbild des Romans beschäftigt. Allerdings bezieht sich der Essay auf die englische Originalfassung.

p1010318

Einleitung

„The Dispossessed“ ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Romane von Ursula K. Le Guin, erschien 1974, und gewann einige Preise, auch außerhalb des Science-Fiction-Genre (National Book Award). Er ist aber auch einer ihrer umstrittensten Romane und musste einige Kritik einstecken, die zum Teil aus dem feministischen Lager kam und auf Le Guins Frauenbild in dem Roman abzielte. Auch wurde ihr Homophobie vorgeworfen.

Ich werde ich zunächst das Frauenbild auf Annares beschreiben, dann das Frauenbild auf Urras und schließlich fasse ich die beiden unterschiedlichen Darstellungen zu einer Gesamtbetrachtung über das Frauenbild im Roman zusammen. Danach gehe ich auf die Hauptkritikpunkte ein. Und zum Abschluss werde ich zeigen, dass diese Kritiken ungerechtfertigt sind.

Le Guin schrieb „The Dispossessed“ in einem Genre, das strikten Konventionen unterlag (und dies teilweise bis heute noch tut), die vor allem auf die Zielgruppe der männlichen, heterosexuellen Leser zugeschnitten waren. „The Dispossessed“ ist kein Roman, der in einem feministischen Genre bzw. Kontext veröffentlicht wurde. Er ist ein Science Fiction Roman. Ich werde deutlich machen, dass Le Guin auf subtile Weise diese Genrekonventionen überschreitet, ohne dabei den typischen SF-Leser zu verschrecken. Gerade die Radikalität der Frauenbewegung in den 1960er und 70er Jahren hat viele Männer verschreckt. Ich möchte die Frauenbewegung an dieser Stelle nicht kritisieren, viele Männer hatten es sicher verdient, verschreckt zu werden, aber Le Guin geht einen anderen Weg. Ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt. Aber sie schafft es, im Rahmen eines SF-Romans über einen genialen Wissenschaftler, der in zwei sehr unterschiedlichen utopischen Gesellschaften agiert, die oben genannten männlichen Leser dazu zu bringen über die bisherigen sexuellen Konventionen und den Status der Frau nachzudenken. Meine These lautet also, dass Le Guin entgegen der feministischen Kritik, einen Roman geschrieben hat, der die Grenzen der bis dato vorherrschenden Genrekonventionen auf subtile Weise überschreitet.

1 – Die Frau in der Gesellschaft von Annares

Auf dem anarchistisch sozialistischen Planeten Annares, gibt es offiziell keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Bei der Geburt erhält jeder Bürger einen Namen, der von einem Computer per Zufallsgenerator bestimmt wird. Jeder Name ist einzigartig und nicht geschlechtsspezifisch. Während des Heranwachsens sammeln die jungen Menschen sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern. Erst später, wenn es darum geht, Kinder zu zeugen, tun sie sich mit einem Partner des anderen Geschlechts zusammen. In manchen Fällen bleiben sie als Paar zusammen, was von der Gesellschaft aber misstrauisch betrachtet wird. Im Beruf herrscht völlige Gleichstellung. Frauen finden sich ebenso in höheren Positionen und an Universitäten wieder wie Männer. Es ist auch üblich, dass eine Frau wegen einer beruflichen Anforderung ihren Partner und das Kind verlässt. Wie z. B. Sheveks Mutter es getan hat.

Trotz dieser offiziellen Version lassen sich die biologischen Unterschiede aber nicht unterdrücken. Da nur Frauen Kinder austragen können, sind Männer und Frauen zwangsläufig unterschiedlich. Dies drückt sich auch in den Ansichten einiger Bürger von Annares aus. So bezeichnet Vokep in einem Gespräch mit Shevek Frauen als „propertarians“ – eine Beschimpfung, die ausdrückt, dass Frauen Männer besitzen wollen. (Auf dieses Gespräch werde ich unter Punkt 4 näher eingehen).

Wie in so vielen ideologischen Systemen zeigt sich auch auf Annares ein Unterschied zwischen der Theorie (Männer und Frauen sind gleich) und der Praxis. Diese Unterschiede sorgen unter anderem dafür, dass Shevek an der Wirksamkeit des Systems zu zweifeln beginnt. Einer der Schlüsselmomente ist dabei die Begegnung mit seiner Mutter, die versucht zu erklären, warum sie ihn verlassen hat. Eine weitere Bruchstelle mit dem System entsteht, als man versucht Shevek von seiner Frau und seinem Kind zu trennen. Das sind die Momente, in dem der schöne Schein der Ideologie verblasst und die, teils grausame Realität durchbricht, die offenbart, dass auch in einem System in dem alle gleich sind, es noch Menschen gibt, die etwas gleicher sind und mehr Macht in den Händen halten.
In Punkt 4 werde ich darauf eingehen, was es bedeutet, dass die anarchistische Philosophie von Annares von einer Frau (Odo) begründet wurde.

2 – Die Frauen auf Urras

Urras ist das System, gegen das sich die Odonisten mit ihrer Revolution gewendet haben, als sie sich auf dem Mond Annares niederließen. Seitdem haben sie den Kontakt zu Urras fast vollständig abgebrochen. Urras ist das böse System, dass als abschreckendes Beispiel herangezogen wird.

Urras ist eine kapitalistisch dekadente Gesellschaft, die sich in Reich und Arm unterteilt. Die Armen wohnen unter erbärmlichen Verhältnissen, die Reichen schwelgen in Luxus. Das hier beschriebene Frauenbild bezieht sich auf die reiche Klasse von Urras. Als Shevek nach Urras kommt, lernt er viele Offizielle kennen, ebenso wie Vertreter der Universitäten und Geschäftsleute. Dabei handelt es sich ausschließlich um Männer. Denn auf Urras herrscht eine strikte Geschlechtertrennung. Die Frauen werden von Bildung, Politik, Arbeit und Macht ferngehalten. Sie sind Sexualobjekte, die einzig für die Männer da sind. Wobei Shevek in einem Gespräch mit einer Frau erfährt, dass die Frauen durchaus eine andere Sicht auf den Sachverhalt und die Machtverhältnisse haben. Ein besonders auffälliges Anzeichen für die Unterdrückung der Frau ist, dass sie ihr Kopfhaar abrasiert haben, was als Zeichen der Unterwürfigkeit gesehen werden kann. In vielen Kulturen gelten die langen Haare einer Frau als ihr Stolz. Rasiert man es ab, gilt dies als Zeichen der Schande. So wurden z. B. nach dem 2. Weltkrieg Frauen in von Deutschland besetzten Ländern die Haare abrasiert, wenn sie sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten (wobei dies nur eine von vielen Methoden der sozialen Ächtung war).

Zu den rasierten Haaren kommt auch noch, dass sie im Haus mit nackten Brüsten herumlaufen. Was mancher als Liberalisierung der Kleidungszwänge sehen könnte, ist in diesem Roman aber eine weitere Herausstellung der Frau als Sexualobjekt.

3 – Die Frauen in „The Dispossessed“

Der Protagonist des Romans ist ein Mann (auf die Kritik an diesem Punkt werde ich in Punkt 4 eingehen.). Die meisten der Schlüsselfiguren, die eine tragende Rolle in der Geschichte von Shevek spielen sind ebenfalls Männer. Frauen stehen, wie auch in der Gesellschaft der 60er und 70er Jahre, in der zweiten Reihe. Sie sind Nebenfiguren, die nur begrenzten Einfluss auf das Handeln von Shevek haben.

Die wichtigsten Frauen für Shevek sind seine Frau Takver, seine Lehrerin an der Akademie, später auch noch seine Mutter. Auf Urras lernt er eine Frau kennen, die ihm einen anderen Blick auf die dortige Gesellschaft ermöglicht. Die vermutlich wichtigste Frau taucht im Roman aber gar nicht selbst auf. Es ist Odo, die auf Urras lebte und dort gegen das kapitalistische System protestierte und die „odonian theory“ begründete. Ich werde in diesem Essay nicht näher auf die einzelnen Persönlichkeiten dieser Frauen eingehen, sondern mich auf eine Gesamtsicht beschränken.

Le Guin stellt zwei sehr unterschiedliche Gesellschaftssysteme vor, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, durchaus als Allegorie auf die Sowjetunion und die USA gesehen werden können. Auf der einen Seite der kapitalistische Westen mit seinen dekadenten Auswüchsen, auf der anderen Seite der sozialistische Osten, der nach außen die Gleichstellung aller Bürger betont.

Um die Unterschiede der beiden Systeme besonders herauszustellen, geht Le Guin in einigen „Auswüchsen“ ein wenig ins Extreme. So z. B. der Versuch der absoluten Gleichstellung der Frauen auf Annares, die ja dort eigentlich nur Bürger sein sollen und nicht Frauen. Auf der anderen Seite die absolute Darstellung der Frau als Sexualobjekt, das zu Hause zu bleiben hat, während die Männer die Welt regieren. In einer solch extremen Geschlechtertrennung ist es übrigens um so revolutionärer, dass der (die) Führer(in) einer Gegenbewegung eine Frau ist. (vgl. Clarke, 201)

4 – Die feministische Kritik an „The Dispossessed“

Nach der Veröffentlichung von „The Dispossessed“ sah sich Le Guin mit ähnlicher Kritik konfrontiert wie an ihrem Roman „Left Hand of Darkness“. In diesem Buch beschreibt sie eine androgyne Gesellschaft, deren Mitglieder beide Geschlechter besitzen. Trotzdem wurde sie für ihre Verwendung der maskulinen Pronomen „he“ und „him“ kritisiert. Außerdem würde ihre Beschreibung, beim Leser den Eindruck hinterlassen, dass es sich um eine maskuline Gesellschaft handele.

Auch für „The Disspossesed“ erhielt Le Guin eine solche Kritik. Sie beschreibt Annares als androgyne Gesellschaft, in der es keine sozialen Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Man „teilt sein Lager“ genauso mit gleichgeschlechtlichen Partnern wie auch mit Menschen des anderen Geschlechts. Ein Familienleben gibt es im eigentlichen Sinne nicht. Zuerst kommt die Arbeit. Das führt zum Beispiel dazu, dass Shevek ohne seine Mutter aufwächst, da diese es für wichtiger hielt, einer bestimmten Arbeit nachzugehen, für die sie Shevek und seinen Vater verlassen hat. Tom Moylan kritisiert „while the novel expresses a libertarian and feminist value system, the gaps and contradictions in [Le Guin’s] text betray a privileging of male and heterosexual superiority and of the nuclear, monogamous family“. (Moylan, 102).

Auch in semantischer Hinsicht gibt es Kritik an dem Text, da die Sprache Le Guins es nicht schaffe, den Eindruck einer Gesellschaft zu vermitteln, in der alle gleich sind (vgl. Clarke, 63). Als Beispiel sei die Verwendung von männlichen Pronomen wie „he“ oder „his“ zu nennen. Außerdem benutzt Le Guin in ihrem Text geschlechtsspezifische Wörter wie z. B. „brother“, um geschlechtsunspezifische Begriffe von Annares zu beschreiben. Sie unterwirft sich also den geschlechtsspezifischen Konventionen englischer Grammatik, und versäumt es dadurch, dem Leser das Gesellschaftssystem von Annares auch mit sprachlichen Mitteln näher zu bringen. Obwohl es sich um eine „ungeschlechtliche“ Gesellschaft handelt, benutzt Le Guin eine männliche Sprache und männliche Protagonisten.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das Gespräch zwischen Shevek und Vokep auf Seite 52, dass ein negatives Frauenbild hinterlässt.

„Women think they own you. No woman can really be an Odonian… What a man wants is freedom. That a woman wants is property. She’ll only let you go if she can trade you for something else. All women are propertarians. (Le Guin Dispossessed, 52)

Shevek wiederum offenbart in seiner Reaktion auf Vokeps Aussage, dass er Vorurteile gegenüber Männern besitzt: „I think men mostly have to learn to be anarchists. Women don’t have to learn“ (Le Guin Dispossessed, 52). Shevek ist also der Meinung, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, was an dieser Stelle des Romans seine Entfremdung von der eigenen Kultur verdeutlicht.

Auch wenn Le Guin eine möglichst androgyne Gesellschaft schildert, zeigt sie auch deren Grenzen auf, wenn es an die biologischen Unterschiede, im Speziellen das „Kinderkriegen“ geht.

Kritisiert wurde, dass Shevek ein klassischer männlicher Held sei, der seine Familie verlässt, um nach Größerem zu streben, während die Frauen, die wie Sheveks Mutter z. B., ähnliches Handeln, dabei moralisch weitaus schlechter wegkommen (vgl. Clarke, S. 65). Clarke kommt zu dem Schluss, dass alle Frauen in der Geschichte in ihren Stereotypen gefangen zu sein scheinen (vgl. Clarke, S. 65).

Ein weiterer Vorwurf an Le Guin lautet Homophobie, der unter nderem von Samuel L. Delany aufgegriffen wurde. Für Delany ist die Figur des Bedap, der einzige offen homosexuelle Charakter, ein Zeichen dafür, dass Homosexualität unnatürlich sei (Clarke, 66).

5 – Die Gegenargumente zur Kritik

Zum Vorwurf der Homophobie sei zu sagen, auch wenn Figuren wie Shevek in der Gesamtsicht heterosexuell wirken (verheiratet, Kind), hat er auch sexuelle Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht. Le Guin beschreibt eine Gesellschaft, in der in homosexuellen Beziehungen nichts Verwerfliches gesehen wird. Für die Zeit der Veröffentlichung und das Genre Science Ficition ist ihr Umgang mit Sexualität erstaunlich liberal. Gerade in der SF ist nicht nur Homosexualität, sondern auch Sexualität allgemein, ein Thema, auf das in der Regel nicht genauer eingegangen wurde. Romane wie „Der ewige Krieg“(1975, Sex unter Soldaten) von Joe Haldeman oder „Die Liebenden“ (1954, erstmals Sex mit Außerirdischen) von Philip Jose Farmer riefen unter den SF-Fans große Proteste hervor.

Dass Le Guin bei der üblichen Schreibweise mit männlichen Pronomen und Bezeichnungen blieb, ist wohl vor allem ihrer Vorliebe für korrekte Grammatik geschuldet. Wie merkwürdig und abstrakt sich bemüht geschlechtsneutrale Bezeichnungen auswirken, kann man heute in politisch korrekten Anschreiben und Veröffentlichungen lesen, die noch weit über ein einfaches he/she hinausgehen. In einem Roman, der von seinen Lesern flüssig gelesen werden möchte, würde sich dies äußerst abstrakt anhören und den Lesefluss stören. Wobei sich Le Guin in ihrem 1976 erschienen Essay „Is Gender Necessary? Redux“ entschuldigt, die Androgynität nur aus männlicher Sicht erkundet zu haben, aber nicht aus der Sicht einer Frau (Le Guin Gender, 16).

Wo beginnt Feminismus in der Science Fiction? „In most science fiction until quite recently, women either didn’t exist, or if they existed, they were these little stereotyped figures that squeaked …“ (Interview, Broughton 315-316, 1990).
In diesem Kontext kann man sagen, dass Science Fiction feministisch wird, wenn eine Frau eine tragende Rolle in der Geschichte spielt, und nicht nur als klischeehafte Nebenfigur benutzt wird. In ihren ersten Werken benutzt Le Guin selbst vor allem Männer als Hauptfiguren. Sie sagt, sie habe damals nicht gewusst, wie man aus der Perspektive einer Frau schreibe. An diesem Punkt liegt durchaus ein Ansatzpunkt für eine feministische Kritik. Denn Le Guin passt sich den Marktgegebenheiten für SF-Literatur an und benutzt männliche Protagonisten (was auch damit zusammenhängt, dass SF vor allem von Männern geschrieben und gelesen wurde. Seit den 70er Jahren hat sich dieses Bild ein wenig verändert, wobei die Männer das Genre immer noch dominieren. Trotzdem gibt es in „The Disspossesed“ einen differenzierten Blick auf die Rolle der Frau in den beiden unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der beiden Planeten.

Clarke wirft die Frage auf: How much do conventions unconsciously constrain the writing? How much was Le Guin steered by science fiction conventions that, for example, tacitly allow only for a male protagonist? (Clarke, 68).
Eine Frage, die sich im Nachhinein vermutlich nicht einmal von Le Guin selbst beantworten lässt. Die Konventionen des Genres waren damals aber sehr stark und haben auch die Verlage in ihrer Veröffentlichungspolitik beeinflusst.
Bittner schreibt: … both that Le Guin quite deliberately chose a male protagonist and that “the dialectic of the romance (and science fiction estrangement) almost [makes the male protagonist] imperative. (Clarke, 68).

Feministinnen mag Le Guin Vorgehensweise zu konservativ und nicht radikal genug sein. Aber sie sind auch nicht „the indendet audience“ eines SF-Romanes. Le Guin wollte mit ihrem Roman vor allem heterosexuelle Männer, die auch heute noch die Mehrheit der SF-Leser ausmachen, ansprechen. Um diese Leser, die ebenso wie das Genre noch sehr in traditionellen Mustern dachten, zu erreichen, musste sie subtil vorgehen, um sie nicht zu verschrecken. Mit der Wahl eines männlichen Protagonisten, der auch noch ein herausragender Wissenschaftler ist, hat sie ihnen eine Identifikationsfigur gegeben, mit der sie langsam die Grenzen der üblichen sexuellen Konventionen überschreiten können.

Kritiker wie Craig und Diana Barrows meinen dazu: They argue that Le Guin uses a naive and rather sexist male protagonist in ”Hand“ because her intended audience is not feminists or women, but “typically biased heterosexual males.” (Clarke, 69).

Während Joana Russ die SF in einer Zwangjacke sieht: It’s the whole difficulty of science fiction, of genuine speculation: how to get away from traditional assumptions which are nothing more than traditional straightjackets. (Russ, 91).

Ich kann mich der feministischen Kritik nicht anschließen. Rückblickend auf diese Zeit in der Geschichte der Science Fiction sehe ich „The Dispossessed“ zusammen mit „Left Hand of Darkness“ als einen, für das SF-Genre, bahnbrechenden Roman, der nicht mit dem Holzhammer daher kommt, sondern die Grenzen des Genres subtiler überschreitet, ohne dabei den Leser zu erschrecken. Der Roman hat keine befriedigende Utopie für die Rolle der Frau zu bieten, wirft aber einen kritischen Blick auf die traditionellen Rollen in den beiden, zu dieser Zeit, vorherrschenden Gesellschaftssystemen. Das diese beiden Rollenstereotypen auf die Spitze getrieben werden ist eine typische Eigenschaft von Science-Fiction-Literatur, die bestehende „Missstände“ aufgreift und sie durch überspitzte Darstellung als warnendes Beispiel darstellt.

Verwendete Literatur:

Broughton, Irv: The Writer’s Mind: Interviews with American Authors. Fayettville: Univertity of Arkansas Press, 1990
Clarke, Amy M.: Ursula K. Le Guin’s Journey To Post-Feminism. 1. Auflage.Jefferson: McFarland Company, 2010
Klarer, Mario: Gender and the “Simultaneity”: Ursula K. Le Guin’s “The Dispossessed”. Spring. Mosaic, 1992
Le Guin, Ursula K.: The Dispossessed. New York: HarperCollins, 2001
Moylan, Tom: Demand the Impossible: Science Fiction and the Utopian Imagination. New York: Methuen, 1986
Russ, Joanna:The Image of Women in Science Fiction. In: Images of Women in Fiction: Feminist Perspectives. Hg.v. Susan Koppelman Cornillon. Ort: Bowling Green, OH. Bowling Green University Popular Press, 1972

„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers

p1010291

Im Zuge der Verleihung der Nebula Awards, die in diesem Jahr fast ausschließlich Frauen verliehen wurden, diskutierte man im englischsprachigen Fandom darüber, dass es doch aktuell plötzlich so viele Frauen gebe, die tolle Science Fiction schreiben würden. Was sicherlich auch der Fall ist, nur mit dem plötzlich stimmt das nicht so ganz. Es gab schon immer Autorinnen, die tolle SF geschrieben haben (Leigh Brackett, Ursula K. Le Guin, Octavia Butler, C. J. Cherry, Joanna Russ, Nancy Kress, James Triptree jr. …).

Die Meisten von ihnen sind auch von den 70ern bis in die 90er hinein auf Deutsch erschienen. Nur ist das teilweise in Vergessenheit geraten. In den letzten zehn Jahren hatte ich auch den Eindruck, dass sich deutsche Verlage mit Science Fiction von Frauen eher schwertun (mal abgesehen davon, dass SF generell lange als Kassengift galt). Im Zuge der aktuellen SF-Offensive (Trend zur Science Fiction?) schaffen es anscheinend wieder mehr SF-Autorinnen auf den deutschen Buchmarkt (wenn auch noch nicht alle, von denen ich es mir wünschen würde), aber in den aktuellen Herbstprogrammen der Phantastikverlage finden sich so einige Perlen.

Dazu gehört auch The Long Way to a Small Angry Planet von Becky Chambers, das unter dem Titel Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten gerade bei Fischer/Tor in der gelungenen Übersetzung von Karin Will erschienen ist.

So viel Spaß hat mir schon lange kein SF-Buch mehr gemacht (von mir selbst zuletzt übersetzte Titel mal ausgenommen). Hier gibt es keine großen Zivilisationskriege, keine hochgerüsteten Söldnertruppen, keinen dystopischen Blick in eine nahe Zukunft, keine Wissenschaftler auf einer Hard-SF-Mission, keine Killer, keine Intrigen usw. – nein, hier geht es um die multiethnische Besatzung eines Raumschiffs, das Tunnel baut. Tunnel durch das Universum, Wurmlöchern nicht ganz unähnlich.

Die Wayfarer ist ein solches Tunnelbauschiff mit einer kauzigen und liebenswürdigen Besatzung, was die junge Marsianerin Rosmary, die gerade auf dem Schiff angeheuert hat, aber erst noch rausfinden muss. Da wäre Captain Ashby, der gerne mal ein Auge zudrückt, wenn seine Besatzungsmitglieder die Regeln mal wieder recht kreativ interpretieren. Oder seine Pilotin Sissix, vom echsenartigen Volk der Andrassik, das interessante familiäre Verhältnisse pflegt und seine Zuneigung gerne durch zärtliche Berührungen ausdrückt. Herz und Seele des Raumschiffs ist der sechsbeinige Dr. Koch (im Original Dr. Chef), der Arzt und Koch zugleich ist, und für jede Gemütslage das richtige Gewürz parat hält. Für die ausgelassene Stimmung sorgen die menschlichen Mechaniker Jenks – der eine innige Beziehung zur Schiffs-KI führt – und die junge und freche Kizzy – ein weiblicher McGyver im Weltraum. Dafür, dass die Crew auch immer den richtigen Weg findet, sorgen die Navigatoren Ohan, die aus einem Volk stammen, das auch die Welt hinter dem sichtbaren Weltraum sehen kann (wie es dazu kam, ist auch eine interessante und herzzerreißende Geschichte) und irgendwie mehr als nur eine Person sind. Und selbst das Quotenarschloch an Bord hat seine Daseinsberichtigung: Artis Corbin war zweierlei: ein begabter Algaeist und ein komplettes Arschloch (S. 11).

Ich habe mich an Bord der Wayfarer unter dieser sympathischen Besatzung sofort wohl gefühlt. Jeder trägt sein Päckchen mit sich rum, hat seine Eigenheiten, ist aber auch ein herzliches Mitglied der Familie. Im Prinzip begleiten wir die Crew dabei, wie sie von ihrem letzten Einsatzort zu einem neuen fliegt, der allerdings im Zentrum der Galaxis bei einem Volk liegt, das bisher vor allem durch sein kriegerisches und isolatorisches Verhalten aufgefallen ist. Unterwegs gibt es aber so einige Abenteuer zu erleben. Die Grundstimmung der Geschichte ist eine Wohlfühlatmosphäre, aber genau an den richtigen Stellen, fügt die Autorinnen dann kleine Abenteuer ein, während denen man mehr über die einzelnen Besatzungsmitglieder erfährt, und durch die das Band zwischen ihnen immer stärker geschmiedet wird.

Daneben gibt es aber auch einen faszinierenden Weltenbau und interessante Konzepte, was das Sozialleben und das Verhalten der einzelnen Völker angeht. Becky Chambers setzt weniger auf Action, Spannung und große Effekte, sondern mehr auf den guten alten Sense of Wonder, liebenswürdige Figuren, exotische Welten und Wesen, die kleinen Probleme des Alltags im Weltraum und vor allem auf viel Herz. Das ist intelligente, unterhaltsame Wohlfühl-SF, die zu keinem Zeitpunkt langweilig wirkt, aber auch nie kitschig oder naiv. Mit dieser Besatzung würde ich jederzeit gerne durchs All düsen.

Update 12.20 Uhr:

Unterschreibe das! Einzige Einschränkung: Es geht für praktisch alle Figuren auch ans Eingemachte. Wie es sich gehört, auch bei Optimisten.

Diese Ergänzung äußerte Frank Böhmert auf Twitter.

„Sternenschiff“ von Rachel Bach

P1000946

Ein Liebesroman mit Action im Weltraum. So beschreibt die Autorin ihr Buch scherzhaft im Interview am Ende des Buches. Das trifft es ziemlich genau, und es macht erstaunlich viel Spaß. Die Einflüsse der Geschichte um die Söldnerin Devi aus dem Königreich Paradox, die auf dem berühmt-berüchtigten Schiff Glücklicher Naar anheuert, dessen Sicherheitsmitarbeiter eine geringe Lebensdauer haben soll, denen aber tolle Berufsaussichten winken, wenn sie überleben, sind recht deutlich zu erkennen. Zum Glück verwendet die Autorin dabei nicht so holprige Schachtelsätze, wie den vorangegangenen, sondern bedient sich einer einfachen, flotten Sprache, um diese an Warhammer 40K aber auch Military-SF á la Kris Longknife angelehnte Geschichte zu erzählen, in der es um einen zwielichtigen Kapitän mit einer sympathischen Besatzung geht, die aber voller Geheimnisse steckt.

Es wird gar nicht so viel gekämpft, wie man vielleicht vermutet, aber wenn, dann geht es richtig zur Sache und erinnert mit Devis mechanisch-elektronischer Kampfrüstung und ihrem glühenden Thermitschwert stark an japanische Videospiele wie Final Fantasy. Devi ist eine tolle Frauenfigur, gar nicht so die klischeehafte Söldnerin, sondern eher eine abgeklärte Kampfsau mit liebenswürdigen Zügen, einem Hang zur Romantik und einem Hitzkopf, der sie ständig in Schwierigkeiten bringt. Zum Beispiel, wenn sie sich in den mysteriösen Schiffskoch Rupert verliebt, der ihr gerade durch seine zurückhaltende und schüchterne Art den Kopf verdreht.

Die meiste Zeit spielt die Handlung auf dem kleinen Schiff, ab und zu geht es mal auf einen gefährlichen Planeten oder ein noch gefährlicheres gegnerisches Schiff, während sich die Besatzung auf für Devi unbekannter Mission befindet. Apropos Besatzung, die besteht nicht nur aus Menschen, sondern auch aus einem vogelartigen Navigator und einem echsenartigen Schiffsarzt, der einer Rasse angehört, die am liebsten Menschen schlachtet und verspeist (aber eigentlich ein netter Kerl ist).

Viel Tiefgang oder außergewöhnlichen Weltenbau bietet die Geschichte nicht, aber das muss sie auch nicht. Als locker flockige Popcornunterhaltung macht sie auf ihre oberflächliche aber durchaus sympathische Art viel Spaß. Das ist genau die richtige Abwechslung, wenn man zwischen sperrigen Autoren wie Neal Stephenson und Kim Stanley Robinson mal etwas Leichtes benötigt. Aber anders als viele andere einfach gehaltene Space-Action-Romane, gibt es in Bachs Sternenschiff dreidimensionale Figuren mit Herz und einem gut ausgearbeiteten Hintergrund, der über die üblichen Abziehbilder hinausgeht. Trotz des relativ hohen Anteils an Action und Söldnergerede dreht sich die Geschichte vor allem um ihre Handlungsfiguren, allen voran die Ich-Erzählerin Devi.

Ach ja, es handelt sich nicht um eine abgeschlossene Geschichte. Ein paar Geheimnisse werden gelüftet, aber vieles bleibt offen, und wird wohl erst in den beiden Fortsetzungen erklärt, die bisher aber nur auf Englisch erschienen sind. Vom langweiligen deutschen Titelbild und dem nichtssagenden und einfallslosen Titel Sternenschiff sollte man sich nicht abschrecken lassen. Im Original hat sich die Autorin mit Fortune’s Pawn, Honor’s Knight und Heaven’s Queen wohl von David Eddings inspirieren lassen, der in den fünf Titeln seiner Belgariad-Saga auch jeweils eine Schachfigur untergebracht hat. Die Übersetzung von Irene Holicki ließt sich ganz ordentlich, schwächt aber mit ihrer manchmal etwas biederen Wortwahl die rotzfrechen Formulierungen der Ich-Erzählerin im Original ein wenig ab.

Zu Beispiel wurde aus: Cotter leaned forward. »Where do you get off being such a bossy bitch?«

I looked him dead in the eyes. »I was born a bossy bitch, so you can either roll with it or get rolled over.«

»Cotter beugte sich vor. »Wo hast du eigentlich gelernt, so stur und zickig zu sein?

Ich schaute ihm fest in die Augen. »Ich wurde stur und zickig geboren, also spiel mit, oder du wirst überrollt.«

Autorin Rachel Bach lebt übrigens in der Stadt Athens im US-Bundestaat Georgia, nicht in Athen, wie es im Buch in der Autorinnenbeschreibung steht. 😉

Moxyland von Lauren Beukes

P1000852

In den 80ern hatte der Himmel die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war, während die Menschen eilig im Regen durch die von Neonlicht beleuchteten Häuserschluchten huschten und die ersten Cyberpunks sich durch grün schimmernde Einsen und Nullen hackten. Seit dem Erfolg von William Gibsons Neuromancer wurde der Cyberpunk ein wenig von der Realität eingeholt und teilweise sogar übertroffen. Doch die damaligen Voraussagen über die Macht der Konzerne, ausgeübt über Technologien, die unseren Alltag scheinbar erleichtern, hat nichts an Aktualität verloren.

Mit dem Smartphone sind das Netz und die virtuelle Realität praktisch bei jedem angekommen. Während die EZB mit der Abschaffung des 500-Euro-Scheins den nächsten Schritt zur Abschaffung des Bargelds und damit zur Abhängigkeit aller Bürger vom Internet und der Technik gemacht hat, wirkt Lauren Beukes Debütroman aus dem Jahr 2008, indem alles von der Bezahlung bis zur Identifikation über das Smartphone läuft, bedrückend prophetisch.

Vier Menschen begleiten wir als Ich-ErzählerInnen durch ein dystopisches Südafrika, in dem die schlimmste Strafmaßnahme die Zwangsabschaltung des Handys ist, da sie einen vom gesellschaftlichen Leben im Prinzip vollständig ausschließt. Doch nicht alle wollen sich das gefallen lassen, die junge Programmiererin Lerato, die als Waisenkind innerhalb eines Konzerns aufgewachsen ist, versucht, das System von innen heraus zu torpedieren, während der idealistische Sozialarbeiter Tenko einen radikaleren Weg auf der Straße einschlägt. Die junge Fotografin Kendra – die tatsächlich noch mit analogem Film arbeitet – lässt sich ein wenig durchs Leben treiben, ausgehalten von einem Sugar Daddy und ausgenutzt von einem Konzern, der sie als Werbefläche für eine „lebendige“ Tätowierung verwendet, die auf Nanobasis funktioniert. Der Vierte im Bunde ist der Draufgänger Toby, der alles als Witz zu sehen scheint, seinen Alltag rund um die Uhr mit einem Monitormantel filmt, auf dem die Bilder kunstvoll arrangiert dargestellt werden, und der vor nichts Respekt hat.

Die Wege dieser vier jungen Menschen kreuzen sich immer wieder in einer Welt, die immer unmenschlicher zu werden scheint, und in der Hunde dank Nanomanipulationen mit polizeilicher Autorität ausgestattet sind. Das Buch steckt voller toller und faszinierender Ideen, entwirft eine plastische und erschreckende dystopische Zukunft, aber die Figuren bleiben mir ein wenig zu distanziert und größtenteils unsympathisch. Doch das war ja auch bei Gibsons Neuromancer nicht anders. Die Geschichte braucht ein wenig, bis sie in die Gänge kommt, aber wenn sich die Puzzleteile ineinanderfügen, wird es richtig spannend und gruselig.

Man merkt Moxyland an, dass es sich um Beukes Debütroman handelt, von der großartigen Schreibe mit den tollen Charakterzeichnungen, die man zum Beispiel in Shinning Girls findet, ist sie hier noch ein Stück entfernt. Trotzdem lohnt sich die Lektüre dieses ausgezeichneten Cyberpunkromans in bester Tradition von William Gibson.

Mit der Übersetzung bin ich allerdings nicht so ganz glücklich; schlecht ist sie nicht, hätte aber hier und da noch mal ein ordentliches Lektorat benötigt. So heißt es auf Seite 293 zum Beispiel: Fußball und Graffiti sind nicht gerade typisch für Terrorismus 101.

Im Original steht: Soccer balls and graffiti aren‹t exactly terrorism 101.

Was ich doch anders übersetzt hätte, da Terrorismus 101 auf Deutsch überhaupt keinen Sinn ergibt: Fußbälle und Graffiti gehören nicht unbedingt zum Einmaleins des Terrorismus. Oder: Fußbälle und Graffiti gehören nicht unbedingt zur Grundausstattung von Terroristen.

Solche Mängel treten allerdings nur vereinzelt auf und trüben den Lesespaß nur wenig.

Man beachte übrigens das tolle Cover von Joey Hi-Fi im Detail (habe es extra in hoher Auflösung hochgeladen).

Und wer sich mehr für Südafrika interessiert, den möchte ich auf meine Besprechung von Niq Mhlongos Dog Eat Dog hinweisen.