Mein Oktober in Büchern, Serien und dem ganzen Rest

Der ganze Rest

Verglichen mit den Sommermonaten bin ich im Oktober für meine Verhältnisse erstaunlich viel unterwegs gewesen.

Den Anfang machte das Konzert von Nick Cave and the Bad Seeds in Frankfurt. Fan bin ich seit den 90ern, zwar kannte ich vorher schon The Birthday Party und das Video zu Nick the Stripper sowie einige frühere Stücke von Nick Cave, doch so richtig aufmerksam wurde ich auf den Australier erst durch sein Video zu As I sat sadly by her side. Seitdem habe ich mir jedes neue Album gekauft, und bis auf Dig Lazarus Dig gefallen sie mir auch alle.

Das Konzert war großartig, Cave sichtlich gut aufgelegt, suchte ständig den Kontakt zum Publikum, dass er in der Zugabe zu Stagger Lee sogar auf die Bühne holte (bestimmt 50 Leute). Der Sound war für meinen Geschmack einen Tick zu laut, vor allem das Schlagzeug, Cave aber richtig gut bei Stimme. Ich bin froh, dass ich mich nach 20 Jahren endlich aufraffen konnte, zu einem seiner Konzerte zu fahren. Nur schade, dass er nichts von meine beiden Lieblingsalben No more shall we part und Abattoir Blues gespielt hat. Mein Highlight war The Mercy Seat.

Den folgenden Freitag ging es von Montabaur aus per ICE flott zur Frankfurter Buchmesse, die ich erstmals seit 15 Jahren wieder besuchte. Am Fachbesuchertag war es doch deutlich angenehmer, was das Gedränge anging. Termine hatte ich nur ein paar mit einem Lektor und einigen ÜbersetzerkollegInnen. Zufällig kam ich an Volker Kutschers Buchvorstellung von Moabit vorbei, die ich mir dann als ehemaliger Bewohner des gleichnamigen Berliner Kiezes und Fan der Gereon-Rath-Romane spontan ansah. Bis dato war ich skeptisch, ob ich wirklich 18 Euro für nur 84 Seiten ausgeben möchte, doch das von Kat Menschik aufwendig gestaltete Heftlein im Stil alter Magazine wirkt wirklich schick.

Einen Tag später ging es mit der Fantasyguide.de-Gang bestehend aus Ralf Steinberg und Michael Schmidt (Holger M. Pohl stieß vor Ort dazu) zum BuchmesseConvent nach Dreieich-Sprendlingen, der bei mir seit 2006 jedes Jahr zum Pflichtprogramm gehört. 2006 bin ich – damals noch Student in Siegen – dort erstmals mit meinem Freund Mathias, noch niemanden aus der Phantastikszene kennend und deshalb viele Lesungen besuchend, hingefahren. Und nach vielen Jahren Abwesenheit war auch Mathias dieses Jahr wieder dabei, was mich ganz besonders gefreut hat. Insgesamt war es für mich auch der bisher beste Bucon, einfach, weil ich so viele Freunde und Bekannte wie noch nie getroffen habe, und mit fast allen auch anregende Gespräche führen konnte. Und genau deswegen fahre ich dort auch immer hin, um all jene zu treffen, mit denen ich sonst fast nur Kontakt über das Internet habe.

Den Freitag darauf stellten Claus-Dieter Schnug und Horst Bartels im Keramikmuseum Westerwald das Buch Hilgert – Nachrichten aus einem Westerwalddorf vor, das eine Art Nachfolgeband für die Dorfchronik von vor vier Jahren darstellt. Die Lesung war ziemlich voll, bestimmt 150 Leute, und auch sehr unterhaltsam und abwechslungsreich gestaltet, es wurden kuriose bis amüsante Zeitungsmeldungen vorgelesen, aber auch von eindrucksvolle Lebens- und Familiengeschichten berichtet.

Bücher

Adam Neville – The Ritual

In der ersten Hälfte ein packender Survivalthriller mit übernatürlichem Touch, der in der zweiten Hälfte leider in einer albernen, klischeehaften und total langweiligen Handlung um eine obskure Black-Metalband völlig in sich zusammenbricht. Diese gewagte 180-Grad-Wende hat für mich überhaupt nicht funktioniert.

William Blatty – The Exorcist

Die Buchvorlage zum berühmten Film von William Friedkin, der das Genre des Horrorfilms mit revolutionierte. William Blatty schrieb selbst das Drehbuch zum Film. Was ich besonders interessant finde, da es, obwohl sich der Film fast 1:1 an das Buch hält, einen entscheidenden Unterschied gibt: Im Film ist durch die Spezialeffekte ziemlich schnell klar, dass es sich um ein wirkliches übernatürliches Phänomen handelt, während das Buch da bis zum Schluss ambivalent bleibt und Raum für Zweifel lässt, die Zweifel die auch Pater Karras beschäftigen, zum einen an dem Dämon, aber auch an seinem eigenen Glauben.

Don Winslow – Corruption

Im Prinzip die (großartige) TV-Serie The Shield als Roman in New York statt Los Angeles von Don Winslow geschrieben. Beginnt auf den ersten 200 Seiten sehr langsam und detailverliebt, bekommt in der zweiten Hälfte aber eine gute Dynamik, wenn Winslow in Rückblenden schildert, wie die Hauptfigur immer wieder in kleinen Schritten die Grenzen der Legalität in einem kaputten System überschritt. Kein Pageturner, eher ein Slowburner, dem das gewisse Etwas, das ich leider nicht genau benennen kann, fehlt. Der Originaltitel „The Force“ stellt den Übersetzer übrigens vor erhebliche Probleme. Mit „Force“ ist hier eine schlagkräftige Eliteeinheit innerhalb der Polizei gemeint. Die kann man nicht als „die Macht“ übersetzen, was den Spruch der Einheit „may the Force be with you“ (natürlich ein Star Wars-Zitat) unübersetzbar macht. Da Übersetzer Chris Hirte „The Force“ im Deutschen beibehalten hat, heißt der Spruch jetzt „möge die Force mit dir sein“).

John Langan – The Fisherman

Habe ich ja schon besprochen.

Im Halloweenmonat Oktober lese ich traditionell gerne Horrorliteratur. Neben den oben aufgezählten Büchern stehen nebenher noch Kurzgeschichten von Robert W. Chambers, Thomas Ligotti und Robert Aickmann auf dem Programm.

Serien

Halt and Catch Fire

Diese großartige Serie über einige Computerspezialisten und ihre Beziehungen zueinander ging gerade mit der vierten Staffel und einem emotionalen Finale zu Ende. Über ein Jahrzehnt begleitet die Serie die Leben von Cameron, Donna, Joe, Gordon und John Bossworth, dem netten Onkel von nebenan. Die erste Staffel war gut, erzählte aber noch recht distanziert davon, wie die Gruppe im stockkonservativen Texas versuchte, einen tragbaren Computer zu entwerfen, im Wettrennen mit IBM. Ab der zweiten Staffel rückten Donna und Cameron mehr in den Fokus und die Serie wurde herausragend.

Babylon Berlin

Ich erwähnte weiter oben ja schon, dass ich die Romanvorlagen von Volker Kutscher sehr mag, die Serie kann ich nach vier Folgen aber noch nicht so richtig einschätzen. Ausstattung und Kulissen sind großartig, aber meine Lieblingsfigur Charly Ritter kommt mir in der Serie doch sehr fremd vor. Liv Lisa Fries spielt sie schon großartig, aber dass man sie in so ärmliche Verhältnisse verfrachtete hat, dass sie sogar als Prostituierte arbeiten muss, gefällt mir nicht so wirklich. Das hätte die Charly aus dem Buch nie gemacht. Normalerweise begrüße ich Abweichungen von der Buchvorlage, aber wenn es so gravierende Persönlichkeitsveränderungen sind, regt sich in mir Unbehagen.

Star Trek Discovery

1. Die Klingonen sehen scheiße aus und sprechen auch scheiße. 2. Ist mir das alles viel zu schlampig und plump geschrieben. 3. Erkenne ich da nur sehr wenig Star Trek. Für eine SF-Serie ist das ja ganz okay und sieht auch super aus, aber bei Star Trek erwarte ich mehr und was anderes. Mal abwarten, wie sich die Serie entwickelt, ist mir bisher noch zu sehr Abrams-Reboot und zu faul und nachlässig geschrieben (unbewachte, wichtige Außenposten; ungesicherte Transportshuttleflüge von hochrangigen Offizieren; Technik, die immer genau im richtigen Drehbuchmoment auf wundersame Weise funktioniert usw.) Habe ich schon erwähnt, dass ich Klingonen langweilig finde? Eine Prequelserie interessiert mich eigentlich auch nicht. Hätte viel lieber eine Fortsetzung nach Voyager gesehen. Hier muss man den Kanon so sehr zurechtbiegen und strapazieren, dass es gar nicht in ein einziges Universum passt, ohne in sich zusammenzufallen. Ich kann auch nicht erkennen, dass Stark Trek hier mit im neuen Serienjahrtausend angekommen sein soll, nur weil alles düsterer ist und hochrangige Offiziere schnell sterben. Dafür ist es einfach nicht gut genug geschrieben und noch Welten von der A-Liga der Serienlandschaft entfernt. Auch fehlt mir der Sense of Wonder der alten Serien.

The Expanse – 2. Staffel

Mit der ersten Staffel bin ich nicht so richtig warm geworden, doch die zweite hat mich gepackt. Die Drehbücher scheinen deutlich besser und stimmiger geworden zu sein, die Geschichte fügt sie gut zusammen und es entsteht tatsächlich Spannung. Auch die Figuren erscheinen mir inzwischen dreidimensionaler.

The Deuce

Atmosphärisch dichte Milieustudie der Prostituierten- und Pornoszene im New York der 1970er Jahre. Auf dem gewohnten David-Simon-Niveau.

Chesapeake Shores

Gnadenlos kitschige Familienserie, die mir trotzdem, oder gerade deswegen, richtig gut gefällt, auch wenn Staffel 2 deutlich schwächer ist. In der Postkartenidylle einer amerikanischen Ostküstenkleinstadt versuchen die fünf erwachsenen Kinder der O’Brian-Familie, ihr Leben in Ordnung zu bringen.

Hörspiel

Gruselkabinett 1: Carmilla, der Vampir nach Joseph Sheridan Le Fanu

Sehr stimmungsvoll inszenierte klassische Gruselgeschichte mit einem bissigen Vampir, allerdings auch sehr vorhersehbar. Was sicher daran liegt, dass diese Geschichte der Vampirklassiker schlechthin ist, der noch vor Bram Stokers Dracula entstand. Nach damaligen Maßstäben also alles andere als vorhersehbar. Mit erstklassigen SprecherInnen und guter Musik.

Für den Rest des Jahres gehe ich jetzt ein wenig in den Winterschlaf. Sollte mich die Muse küssen und die Texte rauswollen, wird es natürlich Blogeinträge geben, ansonsten dann spätestens den Jahresrückblick zwischen den Feiertagen. Was es nicht geben wird, sind Artikel zu den Frühjahr/Sommerprogrammen der Phantastikverlage. Fischer Tor und Piper haben ihre schon raus. Dafür lese ich momentan einfach zu wenig Phantastik. Aus den letzten Programmen habe ich, bis auf ein paar Fischer-Tor-Titel, kein einziges Werk gelesen.

Ausblick auf die Zukunft

Fest gebucht ist bereits das dritte PAN-Branchentreffen in Köln vom 19. bis zum 21. April 2018.

Serienempfehlungen abseits der üblichen Verdächtigen 2

Teil 1 gibt es hier.

You Me Her

Tolle Beziehungskomödie, über eine Dreiecksbeziehung eines Ehepaars mit einer Studentin, die sich ihr Studium als Escortgirl finanziert. Durch die fehlenden Beschränkungen des Networkfernsehens hätte ich fast geschrieben, dann aber gesehen, dass die Serie vom Sender Audience Television ist, trotzdem geht die Serie ganz unverkrampft mit Sexualität und alternativen Beziehungsmodellen um. Gegen Ende droht der Albernheitsfaktor durch die spionierende Nachbarin, die unsere Protagonisten für die Wiedergeburt der Klopeks zu halten scheint, etwas überhandzunehmen, aber zum Glück bekommt die Serie genau im richtigen Moment wieder die Kurve zur durchaus ernsten Thematik, die aber unterhaltsam präsentiert wird. Das Highlight der Serie sind die beiden bezaubernden und strahlenden Hauptdarstellerinnen Priscilla Faia und Rachel Blanchard. Der Balanceakt zwischen ernsthaftem Beziehungsdrama und Romcom gelingt ganz hervorrragend. Mir hat die Serie richtig Spaß gemacht.

Fleabag

Britische Comedyserie von Phoebe Waller-Bridge, die aber deutlich zynischer und abgründiger daherkommt als You Me Her. Eher so was wie ein britisches, weibliche Louie in böse. Irgendwie fällt es mir schwer, den Inhalt angemessen wiederzugeben. Einfach selber ansehen.

Les Grandes Grandes Vacances (Die langen großen Ferien)

Ist eine tolle französische Zeichentrickserie über eine Kindheit in der Normandie während des Zweiten Weltkriegs, mit einem Hauch Ghibli, den Freuden der Kindheit, aber auch der bedrohlichen Atmosphäre, die der Krieg mit sich bringt. Bisher habe ich nur die erste Folge gesehen (wohl zwei Episoden zu einer zusammengefasst), bin aber hellauf begeistert.

Hooten and the Lady

Britische Abenteuerserie im Stil von Relic Hunter oder The Librarians, gefällt mir aber deutlich besser als die beiden genannten Serien. Die Pilotfolge ist etwas wirr geraten, danach fängt sich die Serie aber, allerdings darf man nicht zu sehr über Logik und ähnliche Spaßbremsen nachdenken.

Serienempfehlungen abseits der üblichen Verdächtigen

Midnight Diner: Tokio Stories (Netflix)

Kleine aber feine Serie über einen Mitternachtsimbiss in der japanischen Hauptstadt, mit Geschichten, die ans Herz gehen. Basiert auf dem gleichnamigen Film, den ich aber nicht gesehen habe. Es sind schöne kleine Geschichten über einfache Menschen, manchmal etwas skurril, aber immer sehr herzlich. Dazu wird in jeder Folge ein leckeres japanisches Gericht gekocht. Für mich die Serienüberraschung des Jahres. Eine Serie, in der ich mich von der ersten Folge an wohlgefühlt habe.

Good Girls Revolt (Amazon Prime)

Basiert auf dem gleichnamigen Buch, das die Geschichte eine Gruppe von Frauen erzählt, die in den 70er Jahren bei der Zeitung Newsweek (News of the Week in der Serie) als Rechercheurinnen gearbeitet haben und vor Gericht gingen, um auch als Reporterinnen arbeiten zu dürfen, bzw. Anerkennung und eine faire Bezahlung für ihre Arbeit zu bekommen.

Teilweise wird das Thema vielleicht ein wenig zu sehr mit dem Holzhammer präsentiert, aber das machen die tollen Frauenfiguren wett, die mit jeder Folge besser und vielschichtiger werden. Eine erstklassiges Period Piece, praktisch ein Gegenentwurf zu Mad Men. Wurde von Amazon leider nach der ersten Staffel eingestellt.

Atlanta (Fox Serie, Sky Go)

Sozialdrama mit viel schrägem Humor, der aber gar nicht auf Lacher aus ist. Es geht um junge Schwarze aus sozial schwachen Verhältnissen, die ums tägliche Überleben kämpfen müssen, dabei aber nicht das Träumen vergessen und ambitionierte Ziele verfolgen. Von und mit Donald Glover, der die Serie in einem wirklich ungewöhnlichen Format inszeniert, das sich nur schwer einordnen lässt. Hat eine ganz eigene Atmosphäre und Stimmung.

Narcos (Netflix)

Zwei hervorragend gefilmte und erzählte Staffeln über den Aufstieg und Fall von Pablo Escobar, mit einem überragenden Wagner Moura in der Hauptrolle. Sehr mutig von Netflix, die Serie größtenteils auf Spanisch mit Untertiteln zu zeigen (ohne Synchro für den spanischen Teil). Die große Kunst der Serie ist es, Escobar einerseits als größenwahnsinnigen, grausamen Menschen darzustellen, andererseits als ganz normalen Familienvater mit durchaus sympathischen Zügen, was uns als Zuschauer hinterfragen lässt, wie leicht wir uns durch eine clevere Inszenierung verführen lassen, in fiktiven Formaten mit Verbrecher und Mörder mitzufiebern.

Mozart in the Jungle (Amazon Prime)

Bei Amazon Prime ging gerade die dritte Staffel der genialen und sehr witzigen Serie über ein Orchester aus New York online. Mit viel guter Musik und tollen Figuren. Der Serie sollte man auch eine Chance geben, wenn man nicht viel für Klassik übrig hat.

Bloodline (Netflix)

Die Hölle sind die anderen, und oft sind die anderen die Familie. Langsam inszeniertes Familiendrama vor traumhafter Kulisse, das mit seinen familiären Abgründen trotzdem einen packenden Sog entwickelt. In der zweiten Staffel droht die Serie mit ihren Handlungssträngen ein wenig in soapige Gefilde abzudriften, bekommt aber noch gerade so die Kurve. Die kommende dritte Staffel wird die Letzte sein. Die Serie ist vielen zu langatmig inszeniert, für mich aber die bisher beste Serie von Netflix.

Read Oaks (Amazon Prime)

Ich habe erst zwei Folgen gesehen, in denen es um einen jungen Studenten geht, der sich in den 80er Jahren ein wenig Geld als Tennislehrer in einem Country Club dazuverdient. Aber die sind eine tolle Hommage an die Filme von John Hughes. Gute Darsteller, super Ausstattung und trifft genau den richtigen Ton, ohne dabei so albern zu werden, wie Wet Hot American Summer.

Halt and Catch Fire (Amazon Prime)

Über Computerpioniere in den 80er Jahren. In den Staffeln zwei und drei verschiebt sich der Fokus immer mehr auf die beiden weiblichen Hauptfiguren, die sich in einer reinen Männerdomäne durchschlagen. Eine meiner absoluten Lieblingsserien. Kommt ganz ohne Gewalt, Kriminalität oder überzogene Handlungsstränge aus. Hier geht es vor allem um die Figuren und die Spannungen und Dynamiken untereinander. So was wie Silicon Valley in ernst.

Serien, die ich in den letzten Monaten gesehen habe

House of Cards Season 1 & 2

Sehr intelligentes Intrigenspiel im politischen Haifischbecken Washingtons. Hauptfigur Frank Underwood (man beachte die Initialen F. U.) ist Mehrheitsführer der Demokraten im Kongress, strebt nach höheren Würden und geht dafür über Leichen. Dabei ist er aber kein stereotyper Bösewicht, sondern ein ambivalenter und vielschichtiger Charakter, der durchaus auch seine sympathischen Momente hat. Ähnliches gilt auch für seine Frau Claire, mit der er eine interessante Beziehung führt, die so gar nicht ins klassische Bild des redlichen Politikers passt. Cleveres und zynisches Politdrama mit ausgezeichneten Darstellern und hintersinnigen Dialogen. Game of Thrones in Washington, auch hier haben die Macher keine Angst vor schockierenden Wendungen. (Das britische Original habe ich übrigens noch nicht gesehen.)

Fargo Season 1

Für mich die beste neue Serie 2014. Hält sich nur vage an die Filmvorlage der Coen-Brothers, und kreiert stattdessen seine eigene kultige Atmosphäre, die unter anderem von den großartigen Darstellern getragen wird – allen voran Billy Bob Thornton als lakonischer Killer Lorne Malvo, der einem teilweise das Blut in den Adern gefrieren lässt und für einige denkwürdige Zitate sorgt. Seine Interaktionen mit Martin Freeman und Colin Hanks sind echte Highlights. Tiefschwarzer Humor, schrullige Figuren und eine tolle Atmosphäre.

True Detective Season 1

Düsteres Krimidrama mit schwül-bedrückender Südstaatenatmosphäre, das von Robetr W. Chambers »The Yellow King« beeinflusst in die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz hinabsteigt. Die Handlung schreitet in gemächlichem Tempo voran, entwickelt aber eine unwiderstehlichen Sog. Aber über diese Serie wurde im letzten Jahr schon genügend geschrieben.

Freaks and Geeks Season 1 and only

Seit dem Erfolg von The Wonder Years (Wunderbare Jahre) haben sich immer wieder Serien daran versucht, eine Coming-of-Age-Geschichte in einer vergangenen Ära zu erzählen, aber keine davon kam auch nur ansatzweise an die Qualität des Vorbildes heran. Freaks and Geeks schafft es. Während The Wonder Years von der Stimmung in den 60er Jahren erzählt, sind es bei Freaks and Geeks die 80er Jahre. Die Handlung setzt kurz nach dem Tod von John Bonham, dem Schlagzeuger von Led Zeppelin ein, und erzählt von den Leiden der jungen Amerikaner in Zeiten des Kalten Krieges.

Californication Season 7

Ein würdiger Abschluss dieser herrlichen Serie um Schwerenöter Hank Moody, der die Frauen einfach zu sehr liebt, um seiner Familie gerecht zu werden. Nach den beiden schwächeren Vorgängerstaffeln gelingt es der Serie, hier noch einmal an alte Qualitäten anzuknüpfen (und es gibt die stets bezaubernde Heather Graham). Hank und Karen sind für mich das TV-Traumpaar schlechthin. Der Humor ist teilweise sehr derb und sexbezogen, aber Hanks unwiderstehlicher Charme macht das wieder wett. Eine der besten Familienserien aller Zeiten – denn darum geht es neben all dem Sex, den Drogen und den Ferkeleien wirklich.

Sons of Anarchy Seaons 6

In der vorletzten Staffel machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Vieles wiederholt sich, die Luft ist raus, aber gegen Ende der Staffel wird es nochmal heftig und emotional. Das macht Lust auf die letzte Staffel einer insgesamt grandiosen Serie über Biker, Gewalt, Liebe und Familie.

Marco Polo Season 1

Imposant ausgestattetes historisches Drama über Marco Polos Zeit am Hofe Kublai Khans. Versucht an Game of Thrones heranzureichen, und überzeugt auch mit toller Optik und eindrucksvoller Wuxia-Kampfchoreografie, kann das große Vorbild aber dank mittelmäßiger Dialoge nicht erreichen. Trotzdem sehenswert.

How I Met Your Mother Season 9

Für mich das perfekte und erwartete Ende einer außergewöhnlichen und originellen Sitcom. Das Problem ist nicht das Ende, sondern die Handlung der achten und neunten Staffel, die bei vielen Zuschauern andere Erwartungen aufgebaut haben. Ein Hochzeitswochenende über eine ganze Staffel zu strecken ist schon ein gewagtes Unterfangen, aber mir hat es gefallen.

Den Trailer solltet Ihr euch unbeding ansehen 🙂 :

From Dusk Till Dawn

Müder, einfallsloser Abklatsch von Robert Rodriguez‘ eigenem Film. Mir scheint, dass er einfach eine zugkräftige Marke für seinen eigenen TV-Sender El Ray gebraucht hat. Kann man sich sparen. Ein Beispiel dafür, wie man einen Film nicht als Serie umsetzen sollte.

Orphan Black Season 2

Fand ich nicht mehr ganz so spannend wie die erste Staffel. Ist aber immer noch eine tolle Serie auf hohem Niveau, die vor allem gegen Ende der Staffel wieder an Fahrt gewinnt. Tatiana Maslany ist in ihren vielen Rollen immer noch sensationell.

Louie Season 1

Ist ein wenig wie Seinfeld, nur in böse. Und zwar in ganz Böse. Politisch absolut unkorrekt und jenseits von Gut und Böse, mit tiefschwarzem Humor, der stellenweise sehr derb ist, aber nie platt oder dumm. Sehr hintersinnige und schonungslose Alltagsbetrachtungen eines getrennt lebenden Familienvaters, der sein Geld als Stand-up Comedian verdient.

Serienempfehlung: Penny Dreadful

Als eine Serie mit dem Titel Penny Dreadful angekündigt wurde, dachte ich da an eine Anthologiesendung mit abgeschlossenen Einzelfolgen auf durchschnittlichem Niveau, obwohl die Penny Dreadfuls aus dem 19. Jahrhundert in der Regel Seriengeschichten waren, die über einen längeren Zeitraum veröffentlicht wurden. Ich habe mich dann auch, anders als sonst, nicht weiter über die Serie informiert, sondern einfach reingeschaut, als mir dies Ende September dank Netflix möglich war.

Ich hätte nicht falscher liegen können. Dass man hier mehr als Durchschnittsware präsentiert bekommt, hätte schon durch den ausstrahlenden Sender Showtime klar sein sollen, aber auf welch hohem und gleichzeitig unterhaltsamen Niveau die Serie daher kommt, hat mich gleich in der ersten Folge von den Socken gehauen. Hier stimmt einfach alles: Drehbücher, SchauspielerInnen, Ausstattung, Literaturverwurstungen usw.

Penny Dreadful spielt im viktorianischen London, ungefähr zur selben Zeit, wie die im letzten Jahr angelaufene Serie Dracula (die in Deutschland am Montag auf VOX startet), und ähnelt dieser auch thematisch. Immerhin geht es um Vampire und Namen wie Mina Harker und Van Helsing tauchen auf. Wo aber Dracula, trotz interessanter Ansätze am eigenen oberflächlichen Pomp mit schwülstigen Dialogen, sinnlosem Kostümgedöns und peinlichem Pathos zugrunde geht (die Serie wurde nach der ersten Staffel eingestellt), zeigt Penny Dreadful, wo der Hammer über dem Pflock ins Herz des Vampirs hängt.

Von der Ausstattung her befindet man sich auf einem ähnlich hohen Niveau, wie Ripper Street; als Zuschauer fühlt man sich förmlich in die schmutzigen und vom Dampf aus den Fabriken vernebelten Straßen Londons hineingezogen, wo die an Schwindsucht erkrankten Dirnen einem hustend das Blut auf die polierten Schuhe spucken und eine Bande von lärmenden Straßenjungen einem den Geldbeutel aus der feinen Hose stibitzt, wo die Angst vor dem Ripper die Menschen eilige an dunklen Gassen vorbeihuschen lässt, hinein in die vermeintliche Sicherheit der flackernden Gaslichter.

Die Drehbücher und Dialoge sind noch mal eine Stufe über Ripper Street und die Darsteller sogar zwei Klassen besser. Allen voran Eva Green, die molosovsky kürzlich als weiblichen Klaus Kinskis bezeichnet hat (rein im schauspielerischen Sinne natürlich). Aber auch Timothy Dalton als ehrgeiziger und gnadenloser Adliger, der für seine Ziele auch über die Leichen von Freunden geht. Herauszuheben ist auch Rory Kinnear, der seiner Figur als widererweckter Kreatur eine poetische Traurigkeit verleiht, die ihreslgeichen sucht.

Inhaltlich ist die Serie eine Mischung aus Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman und verschiedenen historischen Gruselstoffen aus der viktorianischen Zeit. Ich möchte hier jetzt nicht zu viel Spoilern, da ich selbst ja nicht über die Serie im Vorfeld wusste, und von jedem neuen Namen und Auftreten positiv überrascht wurde.

Im Prinzip geht es um einen Vater, der seine an ein übernatürliches Wesen verlorene Tochter zurückbekommen möchte. Dafür umgibt er sich mit einer illustren Schar teilweiser nicht weniger übermenschlicher Wesen und geht rücksichtlos auf die Jagd. Das ist aber nur die Grundstory, der rote Faden, der durch die Serie führt. Daneben gibt es noch viele andere Handlungsstränge, die zunächst nur lose oder gar nicht miteinander verbunden sind. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte, der viel Raum eingeräumt wird, und die oft in einzelnen Folgen ausführlich erzählt werden. Dadurch gibt es keine klassische lineare Erzählstruktur, die durch kurze Flashbacks ergänzt wird, sondern immer wieder Einzelfolgen, die auf ihre ganz eigene Weise erzählt werden und dadurch für viel stilistische Abwechslung sorgen (anders als das monotone Dracula).

Eva Green ist eine Wucht. In der ersten Folge wirkt sie noch sehr stoisch und zeigt kaum eine Regung auf ihrem Gesicht, aber schon in der zweiten Folge, lässt sie während einer Séance so richtig die Sau raus, und zeigt, was für eine wandlungsfähige Schauspielerin sie ist. Eine Leistung, die im weiteren Verlauf der Serie sogar noch gesteigert wird. Auch Josh Hartnett liefert als geheimnisvoller amerikanischer Revolverheld eine gute Vorstellung.

Penny Dreadful ist gruselig, unheimlich, brutal, traurig, poetisch und vieles mehr. Hier werden nicht einfach klassische Schauergeschichten mit den Mitteln des modernen Fernsehens erzählt. Da steckt viel mehr drin.  Es werden unterschiedliche historische und literarische Themen kunstvoll zu einer eleganten und schaurigen Mischung verwoben.

Die Serie verdient es viel genauer analysiert zu werden (was ich vor Start der zweiten Staffel tun werde), aber in diesem Beitrag hier möchte ich ganz spoilerfrei auf sie hinweisen.

Bei Showtime gibt es eine interaktive Karte, auf der man die Schauplätze der Serie besuchen kann. Aber vorsicht, hier werden die Namen der Figuren gespoilert.

Und hier noch ein spoilerfreier Trailer, der einen guten Eindruck von der Serie vermittelt:

 

Serienneustarts Herbst 2013 – Teil 1: die Sitcoms

In den USA hat die neue TV-Saison begonnen und viele neue Serien sind an den Start gegangen. Ich habe es auf mich genommen, mir einige der Pilotfolgen anzusehen und werde ich zu jeder von ihnen ein paar Sätze schreiben.

Ich fange mit den Sitcoms an. Vielleicht liegt es ja an mir, aber bis auf „Raising Hope“ und „Community“ habe ich in den letzten vier Jahren keine neue Sitcom gesehen, die mich ähnlich begeistern konnte, wie einst „Eine schrecklich nette Familie“, „Two and Half Men“, (zumindest zu Beginn), „The Big Bang Theory“, „How I Met Your Mother“ oder „King of Queens“. Ich habe den Eindruck, dass die große Sitcomzeit endgültig (oder zumindest vorerst) vorbei ist.

Mom – Pilotfolge: eine neue Sitcom von Chucke Lorre. Der Pilot kann einen uninspirierten Cameo von Alan Harper aufweisen, ist ansonsten aber einfach nur nervig. Hier geht es um eine alleinerziehende Alkoholikerin, die als Kellnerin arbeitet und nahe am Wasser gebaut ist. Lahme Gags und flache Figuren. Hat mich nicht einmal zum Lachen gebracht. Werde ich nicht wieder einschalten.

 

Trophy Wife – Pilotfolge: diese Familiensitcom, in der es um die titelgebende Trophäenfrau geht, die sich mit den Ex-Frauen ihres Mannes, die auch die Mütter seiner Kinder sind, rumschlagen muss, ist einfach nicht mein Fall. Schlecht gemacht ist sie aber nicht. Trotzdem habe ich nach zehn Minuten wieder abgeschaltet.

 

The Michael J. Fox Show – Pilotfolge: toll, dass Fox wieder im TV zu sehen ist. Hier wird seine Parkinson-Erkrankung offensiv thematisiert und muss für viele Gags herhalten. Die sind zumindest teilweise ganz witzig, reichen aber nicht an seinen Auftritt in „Curb your Enthusiasm“ heran. Der Pilot war durchwachsen, die Krankheit wurde zu offensichtlich bzw. zu häufig thematisiert. Ich hoffe, das ändert sich noch. Michael J. Fox offensiver und humorvoller Umgang mit der Krankheit ist bewundernswert, trägt aber auf Dauer keine ganze Serie. Mal schauen, wie es weitergeht.


The Crazy Ones – Pilotfolge: Robin Williams in einer Serie von David E. Kelley! Warum ist vorher noch niemand auf diese Idee gekommen. Williams ist einfach perfekt für die extrovertiert-genial-verrückten Figuren von Kelley. Hier geht es um einen alternden Werbeprofi, dessen Ruhm am Verblassen ist, und der mit Hilfe seiner Tochter (Sarah Michelle Geller) versucht, die Firma zu retten.
Die zweitbeste neue Sitcom, die ich bisher gesehen habe, aber schade, dass es nur ein Zwanzigminüter ist, in diesem kurzen Format können sich die intelligenten und cleveren Drehbücher aus der Kelley-Schmiede nicht so richtig entfalten. Die Sendung lohnt sich aber allein schon wegen Robin Williams.

 

Brooklyn-Nine-Nine – Pilotfolge: Zur Abwechslung mal eine Copcomedy, ein Format, dass ich seit „Sledge Hammer“ nicht mehr gesehen habe. Und gar nicht so unwitzig, wenn auch teilweise etwas zu albern. Auch zündet nicht jeder Gag, aber die Serie hat definitiv Potential.

 

Back in the Game – Pilotfolge: Die beste der neuen Sitcoms, mit schwarzem, politisch unkorrektem Humor, James Caan als altem Stinkstiefel, einer alleinerziehenden Mutter, die einst eine hervorragende Baseballspielerin am College war, und jetzt das Team ihres völlig untalentierten Sohnes trainiert. Die Serie hat Charme, und wirkt nicht so gekünstelt, konstruiert und gewollt wie die meisten anderen Sitcoms.

Alle neuen Sitcoms habe ich nicht gesehen, das sind einfach zu viele und darauf habe ich auch gar keine Lust. Dads von Seth McFarlan soll auch ziemlich unlustig sein, Welcome to the Family wurde von NBC schon wieder eingestellt. The Goldbergs will ich mir noch ansehen.

Im zweiten Teil wird es um die neuen Dramaserien der Networks gehen, darunter Sleepy Hollow, Marvel’s Agents of the S.H.I.E.L.D, Blacklist und Hostages.

Hannibal – Die Serie

Das aktuelle und alles beherrschende Thema im Bereich TV-Serien lautet Breaking Bad keine Zeitung, kein Wochenmagazin, keine Internetseite, die momentan nicht über Walt White und sein Alter Ego Heisenberg berichtet. Auch ich verfolge aktuelle die letzten Folgen der vermutlich wirklich besten Serie aller Zeiten auf iTunes. Ich bin von Anfang an dabei, seit die erste Staffel anlief, und ja, auch für mich ist die finale Staffel das Fernsehereignis des Jahres. Deshalb verzichte ich momentan darauf, hier darüber zu schreiben. Im aktuellen Spiegel gibt es einen hervorragenden Artikel, der beschreibt, was die Serie so außergewöhnlich und einzigartig macht.

Aber es gibt auch eine Zeit nach Breaking Bad, nächste Woche Sonntag endet dieses Meisterwerk der Erzählkunst. Zeit, sich neue Serien zu suchen. Erstaunlicherweise hat ein Networksender (ausgerechnet der Gurkengarant NBC) eine interessante Serie im Angebot: Hannibal

Hannibal3© 2012 NBC Universal Media, LLC

Ich habe bereits im April über die Serie berichtet. Inzwischen habe ich die komplette erste Staffel gesehen, die ab dem 10. Oktober auch auf Sat 1 (garantiert gekürzt) anlaufen wird. Bin mal gespannt, wie lange sie durchhalten. Alternativ kann man sie sich aber auch schon auf Maxdom anschauen.

Hannibal basiert auf den Romanen von Thomas Harris und erzählt die Vorgeschichte zum ersten Band „Roter Drache“. Im Fokus stehen der FBI Agent Will Graham und der Psychiater Hannibal Lecter.

Graham besitzt eine besondere Gabe, er kann sich an Tatorten in die Gedankenwelt von Mördern hineinversetzen und erlebt die Tat aus deren Perspektive, was von der Serie in beeindruckend schaurig-schönen Bildern präsentiert wird. Für Graham wird es aber immer schwieriger, aus diesen abgründigen Gedankenwelten zurückzukehren. Sein Chef Jack Crawford (Lawrence Fishburne) macht sich Sorgen, will aber auch nicht auf seinen besten Mann verzichten, deshalb zieht er den renommierten Psychiater Dr. Hannibal Lecter zu Rate. Der ist fasziniert von Graham und beginnt eine eingenartige Beziehung zu ihm, die aus einer Mischung von Freundschaft und perfid-perverser Manipulation besteht.

Diese Beziehung ist das Hauptthema der Serie. Zwar gibt es gelegentlich auch den Serienkiller der Woche, um Crawfords Beziehungprobleme, die FBI-Psychologin Dr. Alana Bloom und die Tochter eines Serienkillers, aber im Mittelpunkt steht die intensive Beziehung zwischen Graham und Lecter.

Hannibal2© 2012 NBC Universal Media, LLC

Wer hier actionreiche Spannung wie bei Criminal Minds erwartet, ist an der falschen Adresse. Hannibal ist weniger Thriller denn vielmehr Psychodrama. Obwohl die Grausamkeiten, die hier teilweise präsentiert werden, ihresgleichen suchen, steht  das Seelenleben der Figuren im Vordergrund. Und das ist düster. So wie die ganze Serie extrem düster ist. Diese Finsternis wird dabei in wunderschönen eleganten Bildern präsentiert, die mehr Kunstwerken gleichen und weniger den runtergekurbelten Network-Procedurals, die man sonst auf NBC findet. Hinzu kommt ein ausgefeiltes und atmosphärisch dichtes Sounddesign.

Der Humor der Serie ist sehr makaber, bösartig und subtil, er setzt bei den Zuschauern das (mit Sicherheit vorhandene) Wissen um Hannibal Lecter und seine kulinarischen Gewohnheiten voraus, die in der Serie mit der Eleganz eines Fünf-Sterne-Kochs inszeniert werden.

Apropos Hannibal, der hier von Mads Mikkelson gespielte Hannibal ist ganz anders, als die ikonische Interpretation von Anthony Hopkins. Wo bei Hopkins jederzeit die körperliche Aggressivität eines Raubtieres präsent ist, kommt Mikkelson sehr viel zurückhaltender daher. Seine Darstellung ist deutlich reduzierter und unscheinbarer. Was aber auch zur Serie passt, schließlich weiß bei Hopkins Hannibal jeder, mit wem er es zutun hat, während er in der Serie noch größtenteils im Verborgenen agiert. Mikkelsons Hannibal weiß durchaus zu gefallen, aber die Bedrohlichkeit von Hopkins fehlt ein wenig. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, Mikkelson sei ein Paradeabsolvent der Steven Seagal Schauspielschule, aber seine Mimik ist teilweise etwas zu reduziert, um dem Intellekt Hannibals gerecht zu werden.

Serienkillerserien sind momentan groß in Mode, in meinem oben verlinkten Artikel gehe ich näher auf dieses Phänomen ein. In Hannibal wird der Serienkiller, also Hannibal Lecter, anders als in Dexter oder auch in den Filmen, nicht zum Helden stilisiert. Er handelt von Anfang an amoralisch, grausam und stets zu seinem eigenen Nutzen und Vergnügen. Er tötet und manipuliert aus reiner Neugierde. Auch wenn er eine faszinierende Persönlichkeit ist, besteht kein Zweifel daran, dass er der Bösewicht der Serie ist. Die Perfidität, mit der er Will Graham im Verlauf der Serie manipuliert, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Der einzige Ausgleich zu dieser Kaltblütigkeit entsteht, wenn er seinerseits zu Therapiesitzungen mit der von Gillian Anderson gespielten Therapeutin Dr. Du Maurier geht. Sie ahnt, was unter seiner Oberfläche lauert, was hinter seinem Bestreben nach Freundschaft wirklich steckt.

Hannibal ist ein schaurig schönes Gemälde aus Mord, Verderben, Abgründigkeit und Kontrollverlust. Eine der Serienüberraschungen des Jahres, elegant gefilmt, psychologisch tiefgründig, dabei stets abgründig und bedrohlich.