Serienempfehlungen: „Chernobyl“, „Our Planet“ und „Street Food Asia“

Chernobyl

Schaut man sich an, was Drehbuchautor Graig Mazin bisher für Filme geschrieben hat, könnte man nicht auf die Idee kommen, dass seine erste Serie ein Meisterwerk wird, das Seriengeschichte schreibt. Scary Movie 3 und 4, Hangover 2 und 3 deuten jedenfalls nicht daraufhin. Und doch ist es ihm mit Chernobyl gelungen. Von der ersten bis zur letzten Minute hat er zusammen mit Regisseur Johan Renck und seinem Team ein bedrückendes, apokalyptisches Endzeitszenario geschaffen, das schon längst stattgefunden hat. Die Schauspieler sind herausragend, allen voran Jared Harris, Stellan Skarsgård und Emily Watson. Die Ausstattung, die Sets vor Ort in Tschernobyl und der Stadt Prypjat stimmen bis ins kleinste Detail. Das Drehbuch besitzt kein Gramm fett, jede Szene und jeder Dialogzeile erfüllen einen Zweck, die Struktur sorgt für Spannung, die Handlung ist herzergreifend und geht an die Nieren. Eine nüchterne, sachliche und doch bewegende Schilderung der wahren Ereignisse im Jahr 1986. Für mich das Serienereignis des Jahres über einen Drachen, der ganz real ist und ganze Städte auslöschen kann, wenn wir unsere Kontrolle über ihn überschätzen. Hat fünf Teile und ist auf Sky zu sehen.

Our Planet

Sechsteilige britische Netflix-Dokumentation über Zustand und Zerfall unserer Erde. Was wir Menschen mit diesem Planeten anstellen, ist praktisch die Katastrophe von Tschernobyl in Zeitlupe über den gesamten Globus verteilt. Die Serie zeigt, welch drastischen Folgen unser Tun und der daraus folgende Kollaps der Biosphäre für die Tierwelt haben. Und wer glaubt, das beschränke sich nur auf ein paar Eisbären, denen die Schollen unter den Füßen wegschmelzen, der täuscht sich gewaltig und sollte sich dringend die Episode mit den Walrössern anschauen. Die Bilder sind wunderschön und doch tieftraurig. Ich empfehle die englische Fassung, in der David Attenborough als Erzähler fungiert, der für lange Zeit bei der BBC für diese wundervollen Naturdokus verantwortlich war, die uns aber auch eine heile Welt vorgegaukelt haben. Hier spricht er endlich unverblümt aus, welche Spuren das Anthropozän an Flora und Fauna hinterlassen hat.

Street Food Asia

Street Food Asia ist eine großartige Dokuserie auf Netflix, über mehrere Generationen von Street Vendors: Menschen, die alte Familienrezepte in ein erfolgreiches Geschäftsmodell und leckeres Essen verwandelt haben. Viele faszinierende Lebensgeschichten aus Ländern wie Japan, Thailand, Indonesien, Singapur, Vietnam oder Taiwan. Mein Favorit ist die Episode aus Thailand mit der Straßenköchin, die während der Arbeit aussieht wie aus einem Film von Hayao Miyazaki, seit Jahrzehnten ihr Ding durchzieht und ihre Rezepte so perfektioniert hat, dass sie sogar einen Michelin-Stern erhalten hat. Zeigt auch, wie wichtig in solchen Städten das Essen auf der Straße ist, wo viele keine Zeit zum Kochen haben, keine Küche oder nur wenig Geld. Ein faszinierender Mikrokosmos, der immer weiter verdrängt wird, ob durch Gentrifizierung oder Regierungen, die lieber leere, saubere und trostlose Straßen haben, wie in Thailand z. B.

Die fünf besten Serien, die ich zuletzt gesehen habe

1. Sorry For Your Loss

Habe ich ja hier im Blog schon ausführliche besprochen.

2. Haunting of Hill House.

Was Herr der Ringe für die Fantasy, ist Shirley Jacksons Roman Spuk in Hill House für den Haunted-House- bzw. Spukhaushorror: der Grundstein, der ein ganzes Subgenre definierte, die Messlatte, die fast niemand überwinden konnte (auch wenn es natürlich zuvor schon Spukhausgeschichten von Autoren wie M. R. James usw. gab, wie auch Fantasy vor Tolkien). Die Verfilmung Bis das Blut gefriert von 1964 wurde ebenfalls ein Klassiker des Gruselfilms. Die Neuverfilmung von 1999 ein alberner Reinfall.

Der Trailer der neuen Netflix-Serie schreckte mich ab, das schien gar nichts mit dem Buch zu tun zu haben, wirkte auch nicht gruselig. Folge 1 bestätigte den Eindruck noch, doch ab Folge 2 war ich von der Serie gefesselt. Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass es sich wirklich um eine Romanverfilmung handelt, und auch eine reinrassige Horrorserie darf man nicht erwarten, sondern ein komplexes, packendes Familiendrama auf zwei Zeitebenen mit ein paar Spukelementen.

Besonders beeindruckt hat mich Folge 6. Toll, wie sicher und selbstbewusst Mike Flanagan in jeder Folge leicht den Stil wechselt, ohne den Grundtenor der Serie zu verlassen. Wie dynamisch, aber nie hektisch im Wackelkamerastil, sich die Kamera in leichten Kreisbewegungen um die Familienmitglieder dreht, wie bei einer Familienaufstellung, während rundherum das Treiben weitergeht wie bei Robert Altmann, ist schon der Hammer. Für mich die bisher die beste Horrorserie, die ich je gesehen habe. Gerade in den Folgen 5 und 6 kommen ein paar Sachen, die man so im Horrorbereich noch nicht gesehen hat (auch wenn sie neben dem Familiendrama nur eine kleine Rolle einnehmen). Mir gefällt, wie sich die Serie Zeit nimmt, die einzelnen Figuren vorzustellen, wie in jeder Folge eines der anderen Geschwister im Fokus steht, wie die beiden Zeitebenen miteinander verknüpft werden, und wie sich die Episoden narrativ ergänzen (bzgl. der jeweilige Version der Geschichte). Auch wenn es gegen Ende, vor allem in den Folgen 8 und 9 leichte Längen gibt. Das Ende regte viele auf, mir hat es gefallen.

3. The Sinner – Season 2

War anfangs skeptisch, ob man an die tolle erste Staffel nach dem Roman von Petra Hammesfahr ohne Jessica Biel und mit neuer Story ohne Vorlage würde anknüpfen können. Doch die Geschichte, um einen Jungen, der seine vermeintlichen Eltern während einer Reise zu den Niagarafällen vergiftet, ganz in der Nähe des Heimatortes von Detective Ambrose (Bill Pullman) – der dies für eine Reise in seine Vergangenheit nutzt -, weiß zu überzeugen. Ein kleiner Ort voller Geheimnisse, die mit der nahe gelegenen Kommune zu tun haben, hinter der man eine Sekte vermutet. Habe ich an zwei Tagen durchgesehen.

4. The Bodyguard

Britische Serie über einen Kriegsveteranen, der jetzt bei der Polizei als Personenschützer die Innenministerin beschützt, mit ihr eine Affäre anfängt und neben seinen privaten Problemen in einen Verschwörungsplot um Terrorismus und politische Intrigen verwickelt wird. Enthält zwar einige Ungereimtheiten, und braucht, trotz des packenden Auftakts mit der Selbstmordattentäterin, ein wenig, um in die Gänge zu kommen, entwickelt dann aber einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.

5. The Dragon Prince

Computeranimierte Fantasyserie, die zwar klassischen Fantasythemen behandelt, dies aber wunderbar leichtfüßig mit diversen Figuren und inkludierten Minderheiten, ohne dass es irgendwie aufdringlich oder belehrend wirkt, sondern einfach völlig natürlich. Dazu ein feiner Humor und ausgezeichnete Dialoge. So geht Fantasy im Jahr 2018.

„Sorry For Your Loss“ – Serientipp

Manche Serien kommen praktisch aus dem Nichts und hauen mich aus dem Stand so richtig aus den Socken. Dazu gehört auch Sorry For Your Loss, in der die Geschichte der jungen Leigh Shaw erzählt wird, die vor kurzem ihren Mann verloren hat und jetzt wieder bei ihrer Mutter lebt und in deren Fitnessstudio zusammen ihrer alkoholabhängigen Schwester arbeitet. Und genau darum geht es in der Serie: das Alltagsleben mit Trauer, Abhängigkeit, Depressionen und anderen Hindernissen, die einem das Leben in den Weg stellt. Sorry For Your Loss erzählt auf sehr einfühlsame Weise, voller Tragik, aber doch sehr leichtfüßig, was solche Problematiken und Schicksalschläge für das Leben bedeuten.

Die Serie geht sehr realistisch und offen mit dem Thema Trauer um, mit den teils widersprüchlichen Gefühlen, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen entstehen. Glaubt man den Kommentaren auf Facebook zu den einzelnen Folgen, finden sich viele Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben, in der Serie wieder. Der Fokus liegt auf Leigh, doch in Episode 2 wird z. B. rührend gezeigt, dass auch die erweiterte Verwandtschaft einen Freund verloren hat, sie ihre Trauer aber nur versteckt zeigt, um Leigh gegenüber gefestigt und unterstützend aufzutreten.

Elizabeth Olsen spielt Leigh sehr eindrucksvoll mit ihren unterschiedliche Formen und Phasen der Trauer, wie sie mit dem Verlust umgeht und was sie nach außen vorspielt, während sie eigentlich die ganze Zeit wütend ist. Ihre anfängliche Unfähigkeit, die gemeinsame Wohnung wieder zu betreten; wie sie dann versucht, den PIN-Code für sein Handy herauszufinden; und was die darauf gespeicherten Sprachnachrichten bei ihr auslösen.

Ein zweites großes Thema der Serie ist die Depression und der Umgang damit. Triggerwarnig: sie nimmt kein gutes Ende. Beeindruckend und realistisch ist die Schilderung der Unfähigkeit eines an Depression erkrankten Menschen, anderen begreiflich zu machen, wie es sich eine Depression anfühlt bzw. die Unmöglichkeit es zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn man es selbst nie erlebt hat.

Von der Erzählstruktur erinnert Sorry For Your Loss an This Is Us, wenn auch in einem kleineren Rahmen und mit zwei Zeitebenen, die klarer strukturiert sind und näher beieinander liegen, setzt aber auf ähnliche Offenbarungsmomente, in denen die Rädchen bzw. Plotlinien zusammenlaufen und sich ein logisches Ganzes ergibt.

Ein weiteres Highlight ist die durchgehend ausgezeichnete Darstellerriege. Allen voran natürlich Elizabeth Olsen, die Leigh mit einer herzzerreißenden Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke spielt und eine Figur voller faszinierender Facetten erschafft, nicht frei von Fehlern, und deshalb so viel nahbahrer. Kelly-Marie (Loan) Tran spielt ihre Schwester, die in der ersten Folge noch wie ein Funny Sidekick wirkt, schnell aber auch Tiefe erhält, die sie oft unter einem verschmitzten Lächeln und einem trockenen Humor versteckt, die in den entscheidenden Momenten aber durchschimmert. Leigh verstorbener Ehemann Matt wird in den Rückblenden Mamoudou Athie gespielt, sehr ruhig und zurückgenommen, mit Humor und innerer Zerrissenheit aufgrund seiner Erkrankung. Sein Bruder Danny, wird von Jovan Adepo gespielt, kommt zunächst noch tough und unnahbar daher, als jemand, der die Frau seines Bruders nicht leiden kann, ein Eindruck, der wie so viele erste Eindrücke in dieser Serie, täuscht.

Hinzu kommen viele kleine Details, die zeigen, wie viele Gedanken sich die Serienmacher gemacht haben. Während der Flitterwochen liest Leigh z. B. Lauren Goffs Fates und Furies, ein Roman, in dem es um eine ähnliche Thematik geht und das als böses Omen dient. Viele Andeutungen werden geschickt gesetzt und erst mit der Zeit realisiert man, was da wirklich vor sich geht, dann setzt die Erkenntnis aber um so wuchtiger ein.

Ursprünglich wurde die Serie von Kit Steinkellner für den PayTV-Kanal Showtime entwickelt, landete dann aber bei Facebook Watch, die dieses Jahr ins Seriengeschäft eingestiegen sind. Leider ging Sorry For Your Loss dort, trotz hervorragender Kritiken, ziemlich unter. Es war vermutlich keine gute Idee, jede Woche eine Doppelfolge zu veröffentlichen. Ich habe die Serie jetzt innerhalb von zwei Tagen durchgesehen, weil ich einfach nicht aufhören konnte. Hätte ich immer eine Woche auf neue Folgen warten müssen, wäre das Seherlebnis vermutlich nicht so intensiv und mitreißend gewesen.

Sorry For Your Loss ist genau die Art von Serie, wie ich sie am meisten liebe. Mit echten Menschen und Problemen aus dem wahren Leben, ohne irgendwelchen übernatürlichen Firlefanz, ohne Psychopathen, Serienkiller, Gangster usw. Eine Familiengeschichte wie Parenthood, This Is Us, SMILF oder Six Feet Under, und eine Liebes- und Beziehungsgeschichte wie in Love – und zwar verdammt gut geschrieben.

Eine deutsche Fassung scheint es nicht zu geben, auch keine Untertitel.

English Summary: An extremely well written show about grief and depression, and how to cope with it, but still funny and empowering.

Was für mich starke Frauen in Film, Serie und Literatur ausmacht

Im Zuge des Weltfrauentages kam in meiner Twittertimeline die Frage auf, was starke Frauenfiguren in Literatur, Film und Serie ausmachen, aber auch einiger Unmut über die Formulierung »starke Frauenfiguren«, denn man würde ja auch nicht von »starken Männerfiguren« schreiben.

An Letzterem ist sicher was dran, wer würde in einer Rezension von Stirb Langsam John Mclane als starke Männerfigur bezeichnen. Das ist eher der archaische Standard, den man nicht betonen muss, weil er als Selbstverständlichkeit gilt. Besonders betont werden eher komplex und ambivalent angelegte Männer, wie z. B. Tony Soprano, Don Draper oder Walter White (auf die ich später noch einmal zurückkommen werde).

Das aktuelle Paradebeispiel im öffentlichen Diskurs für eine starke Frau und Feminismus auf der Leinwand ist wohl Wonder Woman, die im gleichnamigen Film so wunderbar von Gal Gadot verkörpert wird. Aber ist sie das wirklich?

Diana ist eine Amazone, ein Übermensch, eine Halbgöttin, die Kugeln mit ihren Armschienen abwehrt, ein magisches Lasso schwingt und es am Ende des Films sogar mit Kriegsgott Ares aufnimmt. Nicht unbedingt repräsentativ für die Frauen in unserer Gesellschaft.

Eine starke Frau ist sie vielmehr im Kontext des Superheldenkosmos neben Superman, Batman oder Captain America, geschaffen in den 1940ern vom Psychologen und Feministen William Marsden und seiner Frau Elizabeth, eben als Gegenentwurf zum Übermenschen Superman. Eine Frau, die sich in einer Jahrtausende alten Männerprofession, dem Heldentum, durchsetzt.

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„She’s Gotta Have It“, die Netflixserie von Spike Lee

Eine Frau, drei Männer. Nola Darling, schwarze Künstlerin aus Brooklyn. Ein Freak? Abnormal? Nein, nur mit Spaß am Leben. Eine selbstbewusste Frau, die macht, worauf sie Lust hat. Elegant, intelligent, talentiert, graziös, stolz. Von einer mitreißenden Fröhlichkeit; einer Lebhaftigkeit, die ansteckend wirkt.

Ständig am Kämpfen, in Brooklyn, im Herzen der afroamerikanischen Kultur, gegen Gentrifizierung, Frauenfeindlichkeit und Rassismus. Gegen das System und manchmal sich selbst. Umgeben von Lebenskünstlern, deren Gesellschaft den Alltag zum Abenteuer macht.

Mit vier Autorinnen (Radha Blank, Lynn Nottage, Eisa Davis und Joie Lee) an Bord hat Spike Lee eine moderne und vielschichtige Version seines gleichnamigen Films von 1986 – der so kontrovers endete – als Serie für Netflix geschaffen. Experimentell, ohne starren Konventionen zu folgen, teils so spielerisch frei, wie es zuletzt nur Aziz Ansaris Master of None gelungen ist. Eine Liebeserklärung an Brooklyn und die afroamerikanische Kultur, mit ganz fantastischer Musik, Songs, die Lee komplett laufen lässt und am Ende das Plattencover dazu einblendet. So wie er seine Darstellerinnen auch regelmäßig die vierte Wand durchbrechen lässt, ohne dass es aufgesetzt oder effekthascherisch wirkt. Viel mehr eine Ebene der Selbstreflexion, die dem Ganzen mehr Tiefe verleiht.

An den Film erinnere ich mir nur noch vage, wollte den Seriengenuss nicht dadurch beeinflussen lassen, mir ihn vorher erneut anzusehen. Deshalb kann ich nicht sagen, wie sehr sich die beiden Versionen voneinander unterscheiden. Die Serie scheint mir trotz aller politischen Töne (der Kritik am Klown with da nuclear codes), der Verzweiflung über den Ausgang der Präsidentschaftswahl mit dem Liar in Chief als Sieger, optimistischere Töne anzuschlagen.

She’s gotta Have It feiert Unterschiede und Differenzen, Vielfältigkeit, gleichgeschlechtliche Beziehungen, freie Liebe, ein freies Leben, mit viel Humor, teils stark satirisch, manchmal slapstickhaft, aber immer auch mit einem ernsten Unterton, nie ins Lächerliche abgleitend. Sehr schön auch das Intro zu melancholischer Klaviermusik, das jedes Mal andere Fotos von Menschen aus Brooklyn zeigt. Das sorgt direkt für die richtige Atmosphäre

Die drei Männer (Mars, Greer und Overstreet) wirken zunächst wie Karikaturen, unterschiedliche Aspekte bestimmter Eigenschaften, erhalten im Verlauf aber mehr Persönlichkeit.

Die Schauspielerinnen sind fantastisch, allen voran DeWanda Wise als Nola Darling, mit ihrer bezaubernden und facettenreichen Stimme und dem subtilen Mienenspiel, das am Ende von Folge 9 seinen Höhepunkt erlang, als man Nola über mehrere Minuten nur ins Gesicht sieht, während sie sich auf einem Stuhl im Kreis dreht, während Faithful von Meshell Ndegeocello läuft und Nola … ach, ich will hier nicht zu viel verraten.

Für mich eine der besten Serien des Jahres, weitaus weniger mit erhobenem Zeigefinger und verbissen als (das trotzdem gute) Dear White People. Wer sich für afroamerikanische Kultur interessiert, kommt an She’s Gotta Have It nicht vorbei. Spike Lee in Höchstform, aber mit viel weiblicher Unterstützung.

Song zur Serie:

P.S. und endlich mal eine Netflix-Serie, die nicht so prüde daherkommt. 😉

Mein Oktober in Büchern, Serien und dem ganzen Rest

Der ganze Rest

Verglichen mit den Sommermonaten bin ich im Oktober für meine Verhältnisse erstaunlich viel unterwegs gewesen.

Den Anfang machte das Konzert von Nick Cave and the Bad Seeds in Frankfurt. Fan bin ich seit den 90ern, zwar kannte ich vorher schon The Birthday Party und das Video zu Nick the Stripper sowie einige frühere Stücke von Nick Cave, doch so richtig aufmerksam wurde ich auf den Australier erst durch sein Video zu As I sat sadly by her side. Seitdem habe ich mir jedes neue Album gekauft, und bis auf Dig Lazarus Dig gefallen sie mir auch alle.

Das Konzert war großartig, Cave sichtlich gut aufgelegt, suchte ständig den Kontakt zum Publikum, dass er in der Zugabe zu Stagger Lee sogar auf die Bühne holte (bestimmt 50 Leute). Der Sound war für meinen Geschmack einen Tick zu laut, vor allem das Schlagzeug, Cave aber richtig gut bei Stimme. Ich bin froh, dass ich mich nach 20 Jahren endlich aufraffen konnte, zu einem seiner Konzerte zu fahren. Nur schade, dass er nichts von meine beiden Lieblingsalben No more shall we part und Abattoir Blues gespielt hat. Mein Highlight war The Mercy Seat.

Den folgenden Freitag ging es von Montabaur aus per ICE flott zur Frankfurter Buchmesse, die ich erstmals seit 15 Jahren wieder besuchte. Am Fachbesuchertag war es doch deutlich angenehmer, was das Gedränge anging. Termine hatte ich nur ein paar mit einem Lektor und einigen ÜbersetzerkollegInnen. Zufällig kam ich an Volker Kutschers Buchvorstellung von Moabit vorbei, die ich mir dann als ehemaliger Bewohner des gleichnamigen Berliner Kiezes und Fan der Gereon-Rath-Romane spontan ansah. Bis dato war ich skeptisch, ob ich wirklich 18 Euro für nur 84 Seiten ausgeben möchte, doch das von Kat Menschik aufwendig gestaltete Heftlein im Stil alter Magazine wirkt wirklich schick.

Einen Tag später ging es mit der Fantasyguide.de-Gang bestehend aus Ralf Steinberg und Michael Schmidt (Holger M. Pohl stieß vor Ort dazu) zum BuchmesseConvent nach Dreieich-Sprendlingen, der bei mir seit 2006 jedes Jahr zum Pflichtprogramm gehört. 2006 bin ich – damals noch Student in Siegen – dort erstmals mit meinem Freund Mathias, noch niemanden aus der Phantastikszene kennend und deshalb viele Lesungen besuchend, hingefahren. Und nach vielen Jahren Abwesenheit war auch Mathias dieses Jahr wieder dabei, was mich ganz besonders gefreut hat. Insgesamt war es für mich auch der bisher beste Bucon, einfach, weil ich so viele Freunde und Bekannte wie noch nie getroffen habe, und mit fast allen auch anregende Gespräche führen konnte. Und genau deswegen fahre ich dort auch immer hin, um all jene zu treffen, mit denen ich sonst fast nur Kontakt über das Internet habe.

Den Freitag darauf stellten Claus-Dieter Schnug und Horst Bartels im Keramikmuseum Westerwald das Buch Hilgert – Nachrichten aus einem Westerwalddorf vor, das eine Art Nachfolgeband für die Dorfchronik von vor vier Jahren darstellt. Die Lesung war ziemlich voll, bestimmt 150 Leute, und auch sehr unterhaltsam und abwechslungsreich gestaltet, es wurden kuriose bis amüsante Zeitungsmeldungen vorgelesen, aber auch von eindrucksvolle Lebens- und Familiengeschichten berichtet.

Bücher

Adam Neville – The Ritual

In der ersten Hälfte ein packender Survivalthriller mit übernatürlichem Touch, der in der zweiten Hälfte leider in einer albernen, klischeehaften und total langweiligen Handlung um eine obskure Black-Metalband völlig in sich zusammenbricht. Diese gewagte 180-Grad-Wende hat für mich überhaupt nicht funktioniert.

William Blatty – The Exorcist

Die Buchvorlage zum berühmten Film von William Friedkin, der das Genre des Horrorfilms mit revolutionierte. William Blatty schrieb selbst das Drehbuch zum Film. Was ich besonders interessant finde, da es, obwohl sich der Film fast 1:1 an das Buch hält, einen entscheidenden Unterschied gibt: Im Film ist durch die Spezialeffekte ziemlich schnell klar, dass es sich um ein wirkliches übernatürliches Phänomen handelt, während das Buch da bis zum Schluss ambivalent bleibt und Raum für Zweifel lässt, die Zweifel die auch Pater Karras beschäftigen, zum einen an dem Dämon, aber auch an seinem eigenen Glauben.

Don Winslow – Corruption

Im Prinzip die (großartige) TV-Serie The Shield als Roman in New York statt Los Angeles von Don Winslow geschrieben. Beginnt auf den ersten 200 Seiten sehr langsam und detailverliebt, bekommt in der zweiten Hälfte aber eine gute Dynamik, wenn Winslow in Rückblenden schildert, wie die Hauptfigur immer wieder in kleinen Schritten die Grenzen der Legalität in einem kaputten System überschritt. Kein Pageturner, eher ein Slowburner, dem das gewisse Etwas, das ich leider nicht genau benennen kann, fehlt. Der Originaltitel „The Force“ stellt den Übersetzer übrigens vor erhebliche Probleme. Mit „Force“ ist hier eine schlagkräftige Eliteeinheit innerhalb der Polizei gemeint. Die kann man nicht als „die Macht“ übersetzen, was den Spruch der Einheit „may the Force be with you“ (natürlich ein Star Wars-Zitat) unübersetzbar macht. Da Übersetzer Chris Hirte „The Force“ im Deutschen beibehalten hat, heißt der Spruch jetzt „möge die Force mit dir sein“).

John Langan – The Fisherman

Habe ich ja schon besprochen.

Im Halloweenmonat Oktober lese ich traditionell gerne Horrorliteratur. Neben den oben aufgezählten Büchern stehen nebenher noch Kurzgeschichten von Robert W. Chambers, Thomas Ligotti und Robert Aickmann auf dem Programm.

Serien

Halt and Catch Fire

Diese großartige Serie über einige Computerspezialisten und ihre Beziehungen zueinander ging gerade mit der vierten Staffel und einem emotionalen Finale zu Ende. Über ein Jahrzehnt begleitet die Serie die Leben von Cameron, Donna, Joe, Gordon und John Bossworth, dem netten Onkel von nebenan. Die erste Staffel war gut, erzählte aber noch recht distanziert davon, wie die Gruppe im stockkonservativen Texas versuchte, einen tragbaren Computer zu entwerfen, im Wettrennen mit IBM. Ab der zweiten Staffel rückten Donna und Cameron mehr in den Fokus und die Serie wurde herausragend.

Babylon Berlin

Ich erwähnte weiter oben ja schon, dass ich die Romanvorlagen von Volker Kutscher sehr mag, die Serie kann ich nach vier Folgen aber noch nicht so richtig einschätzen. Ausstattung und Kulissen sind großartig, aber meine Lieblingsfigur Charly Ritter kommt mir in der Serie doch sehr fremd vor. Liv Lisa Fries spielt sie schon großartig, aber dass man sie in so ärmliche Verhältnisse verfrachtete hat, dass sie sogar als Prostituierte arbeiten muss, gefällt mir nicht so wirklich. Das hätte die Charly aus dem Buch nie gemacht. Normalerweise begrüße ich Abweichungen von der Buchvorlage, aber wenn es so gravierende Persönlichkeitsveränderungen sind, regt sich in mir Unbehagen.

Star Trek Discovery

1. Die Klingonen sehen scheiße aus und sprechen auch scheiße. 2. Ist mir das alles viel zu schlampig und plump geschrieben. 3. Erkenne ich da nur sehr wenig Star Trek. Für eine SF-Serie ist das ja ganz okay und sieht auch super aus, aber bei Star Trek erwarte ich mehr und was anderes. Mal abwarten, wie sich die Serie entwickelt, ist mir bisher noch zu sehr Abrams-Reboot und zu faul und nachlässig geschrieben (unbewachte, wichtige Außenposten; ungesicherte Transportshuttleflüge von hochrangigen Offizieren; Technik, die immer genau im richtigen Drehbuchmoment auf wundersame Weise funktioniert usw.) Habe ich schon erwähnt, dass ich Klingonen langweilig finde? Eine Prequelserie interessiert mich eigentlich auch nicht. Hätte viel lieber eine Fortsetzung nach Voyager gesehen. Hier muss man den Kanon so sehr zurechtbiegen und strapazieren, dass es gar nicht in ein einziges Universum passt, ohne in sich zusammenzufallen. Ich kann auch nicht erkennen, dass Stark Trek hier mit im neuen Serienjahrtausend angekommen sein soll, nur weil alles düsterer ist und hochrangige Offiziere schnell sterben. Dafür ist es einfach nicht gut genug geschrieben und noch Welten von der A-Liga der Serienlandschaft entfernt. Auch fehlt mir der Sense of Wonder der alten Serien.

The Expanse – 2. Staffel

Mit der ersten Staffel bin ich nicht so richtig warm geworden, doch die zweite hat mich gepackt. Die Drehbücher scheinen deutlich besser und stimmiger geworden zu sein, die Geschichte fügt sie gut zusammen und es entsteht tatsächlich Spannung. Auch die Figuren erscheinen mir inzwischen dreidimensionaler.

The Deuce

Atmosphärisch dichte Milieustudie der Prostituierten- und Pornoszene im New York der 1970er Jahre. Auf dem gewohnten David-Simon-Niveau.

Chesapeake Shores

Gnadenlos kitschige Familienserie, die mir trotzdem, oder gerade deswegen, richtig gut gefällt, auch wenn Staffel 2 deutlich schwächer ist. In der Postkartenidylle einer amerikanischen Ostküstenkleinstadt versuchen die fünf erwachsenen Kinder der O’Brian-Familie, ihr Leben in Ordnung zu bringen.

Hörspiel

Gruselkabinett 1: Carmilla, der Vampir nach Joseph Sheridan Le Fanu

Sehr stimmungsvoll inszenierte klassische Gruselgeschichte mit einem bissigen Vampir, allerdings auch sehr vorhersehbar. Was sicher daran liegt, dass diese Geschichte der Vampirklassiker schlechthin ist, der noch vor Bram Stokers Dracula entstand. Nach damaligen Maßstäben also alles andere als vorhersehbar. Mit erstklassigen SprecherInnen und guter Musik.

Für den Rest des Jahres gehe ich jetzt ein wenig in den Winterschlaf. Sollte mich die Muse küssen und die Texte rauswollen, wird es natürlich Blogeinträge geben, ansonsten dann spätestens den Jahresrückblick zwischen den Feiertagen. Was es nicht geben wird, sind Artikel zu den Frühjahr/Sommerprogrammen der Phantastikverlage. Fischer Tor und Piper haben ihre schon raus. Dafür lese ich momentan einfach zu wenig Phantastik. Aus den letzten Programmen habe ich, bis auf ein paar Fischer-Tor-Titel, kein einziges Werk gelesen.

Ausblick auf die Zukunft

Fest gebucht ist bereits das dritte PAN-Branchentreffen in Köln vom 19. bis zum 21. April 2018.

Serienempfehlungen abseits der üblichen Verdächtigen 2

Teil 1 gibt es hier.

You Me Her

Tolle Beziehungskomödie, über eine Dreiecksbeziehung eines Ehepaars mit einer Studentin, die sich ihr Studium als Escortgirl finanziert. Durch die fehlenden Beschränkungen des Networkfernsehens hätte ich fast geschrieben, dann aber gesehen, dass die Serie vom Sender Audience Television ist, trotzdem geht die Serie ganz unverkrampft mit Sexualität und alternativen Beziehungsmodellen um. Gegen Ende droht der Albernheitsfaktor durch die spionierende Nachbarin, die unsere Protagonisten für die Wiedergeburt der Klopeks zu halten scheint, etwas überhandzunehmen, aber zum Glück bekommt die Serie genau im richtigen Moment wieder die Kurve zur durchaus ernsten Thematik, die aber unterhaltsam präsentiert wird. Das Highlight der Serie sind die beiden bezaubernden und strahlenden Hauptdarstellerinnen Priscilla Faia und Rachel Blanchard. Der Balanceakt zwischen ernsthaftem Beziehungsdrama und Romcom gelingt ganz hervorrragend. Mir hat die Serie richtig Spaß gemacht.

Fleabag

Britische Comedyserie von Phoebe Waller-Bridge, die aber deutlich zynischer und abgründiger daherkommt als You Me Her. Eher so was wie ein britisches, weibliche Louie in böse. Irgendwie fällt es mir schwer, den Inhalt angemessen wiederzugeben. Einfach selber ansehen.

Les Grandes Grandes Vacances (Die langen großen Ferien)

Ist eine tolle französische Zeichentrickserie über eine Kindheit in der Normandie während des Zweiten Weltkriegs, mit einem Hauch Ghibli, den Freuden der Kindheit, aber auch der bedrohlichen Atmosphäre, die der Krieg mit sich bringt. Bisher habe ich nur die erste Folge gesehen (wohl zwei Episoden zu einer zusammengefasst), bin aber hellauf begeistert.

Hooten and the Lady

Britische Abenteuerserie im Stil von Relic Hunter oder The Librarians, gefällt mir aber deutlich besser als die beiden genannten Serien. Die Pilotfolge ist etwas wirr geraten, danach fängt sich die Serie aber, allerdings darf man nicht zu sehr über Logik und ähnliche Spaßbremsen nachdenken.

Serienempfehlungen abseits der üblichen Verdächtigen

Midnight Diner: Tokio Stories (Netflix)

Kleine aber feine Serie über einen Mitternachtsimbiss in der japanischen Hauptstadt, mit Geschichten, die ans Herz gehen. Basiert auf dem gleichnamigen Film, den ich aber nicht gesehen habe. Es sind schöne kleine Geschichten über einfache Menschen, manchmal etwas skurril, aber immer sehr herzlich. Dazu wird in jeder Folge ein leckeres japanisches Gericht gekocht. Für mich die Serienüberraschung des Jahres. Eine Serie, in der ich mich von der ersten Folge an wohlgefühlt habe.

Good Girls Revolt (Amazon Prime)

Basiert auf dem gleichnamigen Buch, das die Geschichte eine Gruppe von Frauen erzählt, die in den 70er Jahren bei der Zeitung Newsweek (News of the Week in der Serie) als Rechercheurinnen gearbeitet haben und vor Gericht gingen, um auch als Reporterinnen arbeiten zu dürfen, bzw. Anerkennung und eine faire Bezahlung für ihre Arbeit zu bekommen.

Teilweise wird das Thema vielleicht ein wenig zu sehr mit dem Holzhammer präsentiert, aber das machen die tollen Frauenfiguren wett, die mit jeder Folge besser und vielschichtiger werden. Eine erstklassiges Period Piece, praktisch ein Gegenentwurf zu Mad Men. Wurde von Amazon leider nach der ersten Staffel eingestellt.

Atlanta (Fox Serie, Sky Go)

Sozialdrama mit viel schrägem Humor, der aber gar nicht auf Lacher aus ist. Es geht um junge Schwarze aus sozial schwachen Verhältnissen, die ums tägliche Überleben kämpfen müssen, dabei aber nicht das Träumen vergessen und ambitionierte Ziele verfolgen. Von und mit Donald Glover, der die Serie in einem wirklich ungewöhnlichen Format inszeniert, das sich nur schwer einordnen lässt. Hat eine ganz eigene Atmosphäre und Stimmung.

Narcos (Netflix)

Zwei hervorragend gefilmte und erzählte Staffeln über den Aufstieg und Fall von Pablo Escobar, mit einem überragenden Wagner Moura in der Hauptrolle. Sehr mutig von Netflix, die Serie größtenteils auf Spanisch mit Untertiteln zu zeigen (ohne Synchro für den spanischen Teil). Die große Kunst der Serie ist es, Escobar einerseits als größenwahnsinnigen, grausamen Menschen darzustellen, andererseits als ganz normalen Familienvater mit durchaus sympathischen Zügen, was uns als Zuschauer hinterfragen lässt, wie leicht wir uns durch eine clevere Inszenierung verführen lassen, in fiktiven Formaten mit Verbrecher und Mörder mitzufiebern.

Mozart in the Jungle (Amazon Prime)

Bei Amazon Prime ging gerade die dritte Staffel der genialen und sehr witzigen Serie über ein Orchester aus New York online. Mit viel guter Musik und tollen Figuren. Der Serie sollte man auch eine Chance geben, wenn man nicht viel für Klassik übrig hat.

Bloodline (Netflix)

Die Hölle sind die anderen, und oft sind die anderen die Familie. Langsam inszeniertes Familiendrama vor traumhafter Kulisse, das mit seinen familiären Abgründen trotzdem einen packenden Sog entwickelt. In der zweiten Staffel droht die Serie mit ihren Handlungssträngen ein wenig in soapige Gefilde abzudriften, bekommt aber noch gerade so die Kurve. Die kommende dritte Staffel wird die Letzte sein. Die Serie ist vielen zu langatmig inszeniert, für mich aber die bisher beste Serie von Netflix.

Read Oaks (Amazon Prime)

Ich habe erst zwei Folgen gesehen, in denen es um einen jungen Studenten geht, der sich in den 80er Jahren ein wenig Geld als Tennislehrer in einem Country Club dazuverdient. Aber die sind eine tolle Hommage an die Filme von John Hughes. Gute Darsteller, super Ausstattung und trifft genau den richtigen Ton, ohne dabei so albern zu werden, wie Wet Hot American Summer.

Halt and Catch Fire (Amazon Prime)

Über Computerpioniere in den 80er Jahren. In den Staffeln zwei und drei verschiebt sich der Fokus immer mehr auf die beiden weiblichen Hauptfiguren, die sich in einer reinen Männerdomäne durchschlagen. Eine meiner absoluten Lieblingsserien. Kommt ganz ohne Gewalt, Kriminalität oder überzogene Handlungsstränge aus. Hier geht es vor allem um die Figuren und die Spannungen und Dynamiken untereinander. So was wie Silicon Valley in ernst.

Serien, die ich in den letzten Monaten gesehen habe

House of Cards Season 1 & 2

Sehr intelligentes Intrigenspiel im politischen Haifischbecken Washingtons. Hauptfigur Frank Underwood (man beachte die Initialen F. U.) ist Mehrheitsführer der Demokraten im Kongress, strebt nach höheren Würden und geht dafür über Leichen. Dabei ist er aber kein stereotyper Bösewicht, sondern ein ambivalenter und vielschichtiger Charakter, der durchaus auch seine sympathischen Momente hat. Ähnliches gilt auch für seine Frau Claire, mit der er eine interessante Beziehung führt, die so gar nicht ins klassische Bild des redlichen Politikers passt. Cleveres und zynisches Politdrama mit ausgezeichneten Darstellern und hintersinnigen Dialogen. Game of Thrones in Washington, auch hier haben die Macher keine Angst vor schockierenden Wendungen. (Das britische Original habe ich übrigens noch nicht gesehen.)

Fargo Season 1

Für mich die beste neue Serie 2014. Hält sich nur vage an die Filmvorlage der Coen-Brothers, und kreiert stattdessen seine eigene kultige Atmosphäre, die unter anderem von den großartigen Darstellern getragen wird – allen voran Billy Bob Thornton als lakonischer Killer Lorne Malvo, der einem teilweise das Blut in den Adern gefrieren lässt und für einige denkwürdige Zitate sorgt. Seine Interaktionen mit Martin Freeman und Colin Hanks sind echte Highlights. Tiefschwarzer Humor, schrullige Figuren und eine tolle Atmosphäre.

True Detective Season 1

Düsteres Krimidrama mit schwül-bedrückender Südstaatenatmosphäre, das von Robetr W. Chambers »The Yellow King« beeinflusst in die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz hinabsteigt. Die Handlung schreitet in gemächlichem Tempo voran, entwickelt aber eine unwiderstehlichen Sog. Aber über diese Serie wurde im letzten Jahr schon genügend geschrieben.

Freaks and Geeks Season 1 and only

Seit dem Erfolg von The Wonder Years (Wunderbare Jahre) haben sich immer wieder Serien daran versucht, eine Coming-of-Age-Geschichte in einer vergangenen Ära zu erzählen, aber keine davon kam auch nur ansatzweise an die Qualität des Vorbildes heran. Freaks and Geeks schafft es. Während The Wonder Years von der Stimmung in den 60er Jahren erzählt, sind es bei Freaks and Geeks die 80er Jahre. Die Handlung setzt kurz nach dem Tod von John Bonham, dem Schlagzeuger von Led Zeppelin ein, und erzählt von den Leiden der jungen Amerikaner in Zeiten des Kalten Krieges.

Californication Season 7

Ein würdiger Abschluss dieser herrlichen Serie um Schwerenöter Hank Moody, der die Frauen einfach zu sehr liebt, um seiner Familie gerecht zu werden. Nach den beiden schwächeren Vorgängerstaffeln gelingt es der Serie, hier noch einmal an alte Qualitäten anzuknüpfen (und es gibt die stets bezaubernde Heather Graham). Hank und Karen sind für mich das TV-Traumpaar schlechthin. Der Humor ist teilweise sehr derb und sexbezogen, aber Hanks unwiderstehlicher Charme macht das wieder wett. Eine der besten Familienserien aller Zeiten – denn darum geht es neben all dem Sex, den Drogen und den Ferkeleien wirklich.

Sons of Anarchy Seaons 6

In der vorletzten Staffel machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Vieles wiederholt sich, die Luft ist raus, aber gegen Ende der Staffel wird es nochmal heftig und emotional. Das macht Lust auf die letzte Staffel einer insgesamt grandiosen Serie über Biker, Gewalt, Liebe und Familie.

Marco Polo Season 1

Imposant ausgestattetes historisches Drama über Marco Polos Zeit am Hofe Kublai Khans. Versucht an Game of Thrones heranzureichen, und überzeugt auch mit toller Optik und eindrucksvoller Wuxia-Kampfchoreografie, kann das große Vorbild aber dank mittelmäßiger Dialoge nicht erreichen. Trotzdem sehenswert.

How I Met Your Mother Season 9

Für mich das perfekte und erwartete Ende einer außergewöhnlichen und originellen Sitcom. Das Problem ist nicht das Ende, sondern die Handlung der achten und neunten Staffel, die bei vielen Zuschauern andere Erwartungen aufgebaut haben. Ein Hochzeitswochenende über eine ganze Staffel zu strecken ist schon ein gewagtes Unterfangen, aber mir hat es gefallen.

Den Trailer solltet Ihr euch unbeding ansehen 🙂 :

From Dusk Till Dawn

Müder, einfallsloser Abklatsch von Robert Rodriguez‘ eigenem Film. Mir scheint, dass er einfach eine zugkräftige Marke für seinen eigenen TV-Sender El Ray gebraucht hat. Kann man sich sparen. Ein Beispiel dafür, wie man einen Film nicht als Serie umsetzen sollte.

Orphan Black Season 2

Fand ich nicht mehr ganz so spannend wie die erste Staffel. Ist aber immer noch eine tolle Serie auf hohem Niveau, die vor allem gegen Ende der Staffel wieder an Fahrt gewinnt. Tatiana Maslany ist in ihren vielen Rollen immer noch sensationell.

Louie Season 1

Ist ein wenig wie Seinfeld, nur in böse. Und zwar in ganz Böse. Politisch absolut unkorrekt und jenseits von Gut und Böse, mit tiefschwarzem Humor, der stellenweise sehr derb ist, aber nie platt oder dumm. Sehr hintersinnige und schonungslose Alltagsbetrachtungen eines getrennt lebenden Familienvaters, der sein Geld als Stand-up Comedian verdient.