„Paint the Dog“ – Die neue Autobiografie von George W. Bush

Auf recht kuriosem Wege bin ich zu meinem neusten Übersetzungsauftrag gekommen. Das werde ich aber in einem Extraeintrag beschreiben. Zunächst nur soviel: Ich werde die, in einigen Monaten erscheinende, neue Autobiografie von George W. Bush a.k.a. »El Diabolo« (O-Ton Hugo Chavez) übersetzen. Nach „Decision Points“ ist dies der zweite Versuch von George W. sein Leben schriftlich niederzulegen.
Mit dem merkwürdigen Titel beweist der gute George W. tatsächlich doppeldeutigen Humor und Selbstironie. »Paint the Dog« ist einerseits eine Anspielung auf seine aktuelle Leidenschaft, das Malen von Hunden, aber auch auf die englische Redewendung und den gleichnamigen Film »Wag the Dog«. In dem es, um einen Präsidenten geht, der einen Krieg im Hollywoodstudio inszenieren lässt und von der eigenen Fehlbarkeit abzulenken.
»Wag the Dog« kann man als »Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt« übersetzen. »Paint the Dog«, würde ich als »Den Hund an die Wand malen« übersetzen, aber die PR-Abteilung des Verlags hat da sicher andere Vorstellungen.
Das Buch wird in der englischen Fassung 437 Seiten haben und bei AFD Publishing erscheinen. Eigentlich etwas dünn, für zwei Amtszeiten.

Empfehlenswerte TV-Serien: Black Books

Nach der Empfehlung der ziemlich aktuellen Serie „Braquo“, stelle ich heute eine meiner all-time faves vor:

Black Books ist eine urkomische britische Comedyserie über den Buchhändler Bernard und seinen Angestellten Manny. Bernard Black, der Inhaber des Buchladens, der heißt wie die Serie, liebt seine Bücher und hasst seine Kunden, denn die wollen ihm seine geliebten Bücher wegkaufen. Das kann Bernard natürlich nicht zulassen, weshalb er seine Kunden wie den letzten Dreck behandelt (eine Taktik, die leider auch einige deutsche BuchhändlerInnen im realen Leben anwenden – fragt mal in einer Buchhandlung für gehobene E-Literatur nach Horror oder Science Fiction). Außerdem hätte er für jedes verkaufte Buch mehr Arbeit mit seiner Steuererklärung. Und wenn es etwas gibt, das Bernard noch mehr hasst, als Bücher zu verkaufen, dann ist es, die Steuererklärung zu machen. In einer denkwürdigen Folge lässt er sich alle möglichen Ausweichstrategien einfallen, um nicht die Steuer machen zu müssen, unter anderem provoziert er eine Horde Skinheads vor seinem Laden, damit sie ihn verprügeln; was ihm immer noch lieber ist, als die Steuer.
Manny ist die gute Seele des Ladens, ein netter Kerl, der versucht Bernard mit den Verhaltensweisen der Zivilisation vertraut zu machen, dabei stets scheitert und unter seinen Launen zu leiden hat. Er kann keiner Fliege etwas zu Leide tun,  außer wenn die Temperatur im Sommer einen bestimmten Punkt überschreitet, dann wird er zum Tier und versetzt einen ganzen Straßenzug in ein endzeitmäßiges Schlachtfeld.
Und dann gibt es noch die Nachbarin, die einen kleinen Nippesladen führt und gerne für eine Flasche Wein rüberkommt.

Die beiden Hauptdarsteller Dylan Moran („A Film with Me in it“, „Notting Hill“) und Bill Bailey („Spaced“) sind in Großbritannien bekannte Komiker, die es in den 18 Folgen der drei Staffeln verstehen urkomische Situationskomik mit dem trockenen, schwarzen Humor der Briten zu verbinden. Der Buchladen als Handlungsort macht diese Serie für jeden Bücherwurm zum Pflichtprogramm. Die Serie lief von 2000 – 2004 auf Channel 4 und ist für 8 Pfund bei Amazon.co.uk erhältlich. In Deutschland ist die Serie bisher leider nicht erschienen. Der Wortwitz ist aber vermutlich nur schwer ins Deutsche zu tranportieren, was ein Grund sein könnte, warum hier inzwischen viele britische Krimiserien laufen, aber nur sehr wenige bis gar keine der tollen Comedyserien.

Hier ein Trailer, der den Humor der Serie ganz gut wiedergibt.


Krieg und Watschler

Zum Abschluss der Übersetzungswoche, hier ein Auszug aus meiner aktuellen Arbeit »Das Blut der Helden« von Joseph Nassise – ein Zombieroman, der im Ersten Weltkrieg spielt. Dabei handelt es sich nur um eine erste Rohfassung, an der sich noch einiges ändern kann. Teilweise finde ich meine Sätze noch etwas umständlich formuliert und nicht flüssig zu lesen.

Der erste Watschler tauchte jenseits des Stacheldrahts aus dem Nebel auf und watschelte in dem eigenartigen Gang auf sie zu, dem er seinen Namen verdankte. Hinter ihm folgte mindestens ein weiteres Dutzend, und Burke war sich sicher, dass dies nur die erste Welle sein konnte.

Einst waren sie Männer gewesen; das war einfach zu erkennen. Einige trugen immer noch die zerfledderten Überreste der deutschen Uniformen, die sie einmal als Lebende angezogen hatten. Fetzen aus grauem Stoff hingen an ihren ausgemergelten Körpern; andere waren nackt, unter ihrem verrottenden Fleisch lagen die Knochen teilweise frei. Die Kontrollgeräte, die sie trugen, stachen als einzige intakte Teile an ihnen heraus; dunkle Halsbänder, die ihre Nacken umschlossen und auf ihren linken Gesichtshälften zu einer Mischung aus Leder und elektronischen Komponenten übergingen, die sie vollständig bedeckten.

Watschler heißen im Original »shambler«. Auf den ersten Seiten wusste ich noch nicht, was damit gemeint war. Ich dachte, es sein eine dieser fortschrittlichen Maschinen, die es in diesem Alternativweltszenario gibt. Dann stellte sich heraus, dass damit die Zombies gemeint sind, und so genannt werden, weil sie eben watscheln (to shamble). Ich habe sie jetzt erst mal Watschler genannt. Vielleicht fällt mir noch was Besseres ein.
Der Zombiepurist weiß auch: Zombies don‘t run – Zombies rennen nicht. In der Regel schlurfen sie, und hier watscheln sie eben. Klassische Zombies sind es aber nicht, denn sie werden mit einem Leichengas (T-Gas) zum Unleben erweckt und durch ein Kontrollgerät gesteuert. Es gibt auch noch eine andere Art von Zombies, auf die ich jetzt aber nicht näher eingehe, da ich nicht zu viel verraten will.

Es macht auf jeden Fall Spaß, ein Buch aus dem (wenn auch etwas anders verlaufenden) Ersten Weltkrieg zu übersetzen. In die speziellen Begrifflichkeiten muss ich mich noch ein wenig einlesen, wobei sie sich auch in Grenzen halten.

Und hier das tolle Cover von Mark Freier:

das-blut-der-helden

Empfehlenswerte TV-Serien: Braquo

Dieser Blog heißt zwar im Untertitel »Mein Leben als Literaturübersetzer«, und bisher habe ich auch nur Literatur in Form von Romanen und Kurzgeschichten übersetzt, aber ich hätte auch nichts dagegen, Dialoge für Filme, Serien und Computerspiele zu übersetzen. Auch wenn ich gehört habe, dass da noch schlechter bezahlt werden soll.

Fernsehserien haben in den letzten zehn Jahren, seit den »Sopranos«, einen enormen Qualitätssprung gemacht und stehen dem Roman in Sachen Qualität, Kreativität, Komplexität usw. in nichts nach. Deshalb schaue ich inzwischen auch ziemlich viele tolle Serien. Einige davon möchte ich in diesem Blog empfehlen. Den Anfang macht die französische Serie

Braquo

Sie wird als französisches »The Wire« beworben, ähnelt aber mehr der Cop-Serie »The Shield«, kann diese an Qualität aber sogar noch übertreffen. Auch hier gibt es eine Art »Strike Team«, bestehend aus dem Kommandant Eddie, der jungen Koksnase Théo, dem Familienvater Walter und der Polizistin Roxane.
Die Serie ist düster, das Polizeirevier befindet sich in einer heruntergekommenen Fabrik und die Handlung ist hart und unbarmherzig. Direkt zu Beginn der ersten Folge bringt sich Max, das fünfte Mitglied der Polizeieinheit um, nachdem er selbst einen Häftling misshandelt hat und von der Dienstaufsicht zu unrecht der Korruption beschuldigt wird.
Das setzt eine ganze Reihe von Ereignissen in Gang, die dafür sorgen, dass sich die Polizeieinheit um Eddy immer tiefer in die Scheiße reitet. Geld und Waffen werden unterschlagen, ein prominenter Anwalt erpresst, ein krimineller Zeuge versehentlich erschossen und natürlich versuchen die vier Kollegen, alles zu vertuschen. Dabei kämpfen sie gleichzeitig gegen die Dienstaufsicht, die nicht minder rabiat vorgeht und die halbe Pariser Unterwelt.
Die PolizistInnen in der Serie sind alles harte Knochen, die bei der Bekämpfung der skrupellosen Verbrecher selbst die Grenzen zur Legalität überschreiten. Sie haben alle ihre privaten Probleme, leben in einer rauen Gesellschaft, haben aber irgendwie doch das Herz am rechten Fleck.

Die erste Staffel der Serie von Olivier Marschal (»Un Prophet«) besteht aus acht Folgen, von der jede einzelne ein kleines Highlight ist. In jeder Folge versuchen die vier Kollegen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, am Ende jeder Folge steckt er noch tiefer drin. Die Methoden werden immer verzweifelter und wahnsinniger, die Spannungsschraube und der Härte- und Actiongrad immer weiter angezogen. Dabei legt die Serie ein atemberaubendes Tempo vor, ohne auf die Entwicklung ihrer Figuren zu verzichten. Was sich bei »The Shield« über sieben Staffeln zieht, wird hier in acht Folgen knallhart durchgezogen. Dabei hält »Braquo« über alle acht Folgen das hohe Niveau, dass man schon aus dem Kino von französischen Actionthrillern kennt.
Doch die Serie besteht nicht aus reiner Action. In jeder Folge kommen neue Enthüllungen ans Licht und die Story wird immer komplexer. Was anfänglich nur nach ein paar kriminellen Handlungen von korrupten Polizisten aussieht, zieht bald seine Kreise bis in die höchsten polizeilichen und politischen Kreise.

»Braquo« zeigt, dass herausragende Serien nicht nur von amerikanischen Kabelsendern oder aus Skandinavien kommen müssen. Auf eine deutsche Serie dieser Klasse können wir wohl noch lange warten und dabei weiter Till Schweiger zusehen, wie er seine Tochter vor bösen Menschenfängern rettet.

Mann kann die Serie bei Amazon in England bestellen, Französisch mit englischen Untertiteln. Zwei Staffeln gibt es bereits, die dritte wird gerade gedreht. Von einer deutschen Veröffentlichung oder Ausstrahlung ist mir nichts bekannt.

„Captain Future 02 – Erde in Gefahr“ ist erschienen

Letzte Woche, pünktlich zur Leipziger Buchmesse, ist meine Neuübersetzung von »Captain Future 02 – Erde in Gefahr« von Edmond Hamilton im Golkonda Verlag erschienen: http://golkonda-verlag.de/cms/front_content.php?idart=366

CF_02-Erde_in_Gefahr_150

»Doktor Zarro ruft die Völker des Sonnensystems«, krächzte er mit rauer, tiefer Stimme. »Völker der neun Welten, ich überbringe euch die Warnung vor einer furchtbaren Gefahr – eine Gefahr, die eure stümperhaften, dummen Wissenschaftler bisher noch nicht einmal entdeckt haben. Ein riesiger dunkler Stern rast aus dem grenzenlosen Abgrund des Weltalls auf unser Sonnensystem zu! Diese gigantische tote Sonne kommt aus Richtung der Konstellation Sagittarius – ihre exakte Position ist Rektaszension 17 Stunden und 41 Minuten, Deklination minus 27 Grad, 48 Minuten. Sie kommt geradewegs auf uns zu und wird unser System bei ihrer derzeitigen Geschwindigkeit in wenigen Wochen erreichen. Dieses heranstürmende Ungeheuer wird unser System zerstören – sofern es nicht umgelenkt wird.«
Doktor Zarros heisere Stimme wurde tiefer, bis sie einem hallenden Donnern glich.
»Ich kann diesen heranstürmenden dunklen Stern umlenken,
wenn man mir rechtzeitig die Macht dazu gibt!«, rief er. »Ich allein! Ich bin Herr über Kräfte, die euren ignoranten Wissenschaftlern unbekannt sind, da ich ursprünglich überhaupt nicht aus diesemSystem stamme. Wer oder was ich bin, ist in dieser Notlage nicht von Bedeutung. Ich werde eine Legion von Männern bilden, die an mich glauben und mir helfen werden, diese Gefahr abzuwenden – eine Legion der Verdammten! Aber um die Kräfte vorzubereiten, die diese heranstürmende Gefahr Umlenken können, muss ich die vollständige Befehlsgewalt über alle Ressourcen dieses Systems haben. Wenn diese schreckliche Bedrohung abgewendet werden soll, müssen ich und meine Legion vorübergehend die Alleinherrschaft über dieses System erhalten.«

Doktor Zarro will also die Macht und es gibt im gesamten Sonnensystem nur eine Person, die ihn aufhalten kann: Captain Future!

Im Laufe des Romans geht es darum, wie der Zauberer der Wissenschaften, der unerbittliche Feind alles Bösen, versucht, die teuflischen Pläne des bösartigen Ränkeschmieds zu durchkreuzen – unterstütz vom großmäuligen, gestaltwandelnden Androiden Otho, dem unglaublich starken Roboter Grag, der so gerne ein Mensch wäre, dem scharfsinnig Gehirn Simon und dem metallliebenden Mondwelpen Eek, der schon mal gerne einen Metallträger des tränenförmigen Schiffes Komet anknabbert, mit dem die Futuremen mit wahnsinniger Geschwindigkeit durchs All düsen.

Hier gibt es eine längere Leseprobe: http://golkonda-verlag.de/cms/upload/bilder/CaptainFuture02_Leseprobe.pdf

Tja, da ich es versäumt habe, dem Verlag rechtzeitig mitzuteilen, dass ich mich erst im April wieder in der Hauptstadt aufhalte, werden die Belegexemplare jetzt im interplanetarischen Hochsicherheitstresor der terranischen Filiale von Getränke Lehmann in einem Raumzeitvakuum gelagert, bis ich sie in drei Wochen endlich abholen und bewundern kann.
Also Leute, kooft noch schnell bei Lehmann und vor allem bei Golkonda, bevor unsere irdische Existenz von einem dunklen Stern oder einem schwarzen Loch endgültig und unwiederbringlich verschlungen wird. In irgendeinem Teilchenbeschleuniger oder Hobbykeller wird bestimmt gerade am Weltuntergang gebastelt.

Sexismus, Diskriminierung und Captain Future

In den letzten Wochen gab es ja heftige Debatten über Sexismus und Diskriminierung. Zum einen im Zuge der Brüderle-Geschichte, zum anderen bzgl. der nachträglichen Abänderung bzw. Zensur von rassistischen Wörtern und Begriffen in Literaturklassikern (siehe »Pipi Langstrumpf« und »Die kleine Hexe«). Darauf möchte ich hier aber nicht weiter eingehen.
Mir geht es darum, dass man auch als Übersetzer mit der Problematik konfrontiert werden kann, und wie man dann damit umgeht. Was tun, wenn der zu übersetzende Text Sexismus, Rassismus oder andere Diskreminierungen enthält?

Ich werde das beispielhaft an meiner Übersetzung von »Captain Future – Erde in Gefahr« von Edmond Hamilton erläutern.
Vorweg: Ich halte das Buch weder für sexistisch noch für rassistisch, aber es stammt aus den 40er Jahren und enthält einige klischeehafte Stereotype, die nicht mehr zeitgemäß sind (und es eigentlich auch nie waren).

Zunächst eine kleine Begriffsdefinition:

Sexismus sind für mich Benachteiligungen, Belästigungen usw. gegenüber Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Ebenso wie die Zuschreibung von stereotypen Geschlechterklischees (z. B. dass alle Blondinen blöd seien oder Frauen nicht einparken könnten).

Diskriminierung (darunter fällt auch der Sexismus), ist die Benachteiligung einer bestimmten Person oder einer Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft oder anderer Merkmale. Darunter fällt auch die Zuschreibung bestimmter stereotyper Eigenschaften (z. B. dass alle Griechen faule Säcke seien oder alle Polen Diebe).

Rassismus ist eine Form der Diskriminierung gegenüber Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder anderer äußerlichen Merkmalen.

Kommen wir jetzt zu Captain Future. Die Buchreihe entstand in den in den 1940er Jahren in den USA. Das Land war noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, es herrschte eine offizielle Diskriminierung gegenüber Afro-Amerikanern, auch die Frauen waren weit von Gleichberechtigung entfernt und es existierte bereits Angst vor dem Kommunismus (»Red Scare«: vor allem von 1919-1921 und 1947-1957). Gleichzeitig waren die USA noch nicht die heutige Weltmacht. Es gab zwar einige Kolonien, aber kein Vergleich zu den europäischen Ländern. Die Wirtschaft hatte sich nach der Weltwirtschaftskrise von 1928-1930 im Zuge der Sozialreformen des New Deal erholt. Das ist die Zeit, in der Captain Future entstand.

Nun schreiben wir das Jahr 2013. Es hat sich viel geändert. Frauenbewegung, Gleichberechtigung, Antidiskreminierungsgesetze usw. Es ist ein ganz anderes Bewusstsein im Umgang mit Frauen, Minderheiten und allen anderen Gruppen, die diskreminiert wurden, entstanden. Leider nur bis zu einem gewissen Grad, aber es hat sich doch viel getan.

Und mit diesem neuen Bewusstsein übersetze ich nun als weißer, männlicher Deutscher im Alter von 33 Jahren einen Roman aus der oben beschriebenen Zeit. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Denn zum einen möchte ich Atmosphäre und Authentizität des Originals beibehalten, zum anderen aber keinen Text erstellen, der sexistisch und diskriminierend ist.

Captain Future ist ganz klar ein Kind seiner Zeit. Die Welt bzw. die neun Welten werden hauptsächlich von älteren, weißen Männern beherrscht

Wenn man sich mit den Themen Rassismus und Diskriminierung beschäftigt, sollte man sich immer vor Augen halten, dass die Welt über Jahrhunderte von älteren weißen Männern beherrscht wurde. Sicher es gab Ausnahmen wie Queen Victoria oder Alexander der Große (der war ziemlich jung), aber das waren und sind leider heute noch Ausnahmen. Die europäische Kolonialgeschichte wirkt bis in die Gegenwart. So gehe ich z. B. regelmäßig in der Einkaufsgenossenschaft der deutschen Kolonialwarenhändler (EDEKA) einkaufen.

James Carthew, der Präsident des Systems, hat ergrauendes Haar. Ezra Gurney, der beste Polizist der Planetenpolizei ist ein alter Veteran mit weißem Haar. Und auch die ganzen Wirtschaftsmagnaten sind vornehmlich ältere, weiße Männer von der Erde.

Die Erde scheint geeint zu sein, wirkt aber sehr amerikanisch. Jeder Planet des Systems hat seine eigenen Rassen bzw. Völker, und die werden auch durchaus mit positiven Eigenschaften dargestellt, aber am Ende haben immer die Erdenmänner das sagen (»they call the shots«). Die Einheimischen der anderen Planeten werden oft so dargestellt, wie die Einheimischen der westlichen Kolonien. Teilweise werden sie von den Erdenmänner als »Teufel« bezeichnet, beleidigt und diskreminiert, teilweise als edle Wilde dargestellt und zum Teil auch als sehr fortschrittlich (wobei die meist auf einige wenige Bereiche beschränkt ist, und sie in anderen Bereichen wieder als ziemlich naiv dargestellt werden).

»Wir beschäftigen einen behaarten Teufel namens Tharb als Führer, wenn draußen auf den Eisfeldern etwas zu erledigen haben.« Meint Ezra Gurney auf Seite 84.

Die Bösewichte sind zumeist aber auch Erdenmänner.
Der größte Hecht von allen, der Zauberer aller Wissenschaften, Captain Future wird als junger Mann beschrieben. Er entspricht dem klassischen Bild des Helden. Er ist verbissen, unbarmherzig, trägt einen Hass auf all diejenigen ins sich, die unschuldige Menschen ausbeuten wollen, hat aber auch viel Humor.

Das Problem des Menschseins behandelt Hamilton durchaus differenziert und reflektiert, vor allem in den Streitereien zwischen dem Roboter Grag und dem Androiden Otho, darüber, wer von ihnen menschlicher sei.

Kommen wir aber endlich zum Sexismus. Die Welt des Captain Future wird von Männern geprägt, aber es gibt auch eine Frau, die eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielt: Joan Randall, Topagentin des Geheimdienstes und erste Vorsitzende des Captain Future Fanclubs.

Sie ist eine berufstätige Frau und sehr fähige Agentin. Sie handelt eigenständig, geht Spuren nach, macht wichtige Fortschritte bei den Ermittlungen und begibt sich in gefährliche Situationen. Dabei endet sie allerdings immer gefesselt als »damsel in distress«, also als hübsche Frau in Not und muss von Captain Future gerettet werden.

Er hörte, wie Joan und Kansu Kane, die ebenso wie er mit Seilschlangen gefesseltwaren, sich ganz in seiner Nähe vergeblich auf dem Boden wanden. (Hamilton, 41)

Man muss Hamilton zugutehalten, dass Captain Future selbst noch häufiger dämlich in Fallen tappt und gefesselt in der Hand des Feindes landet.

»Der berühmte Captain Future hat sich also entschieden, der Legion der Verdammten eine Falle zu stellen?«, knurrte er. »Und dann ist er in seine eigene Falle gegangen!« (Hamilton, 40)

Anders als Joan schafft er es aber immer selbst, sich zu befreien. Joan bleibt dann nicht anderes übrig, als ihm ihre unerschütterliche Bewunderung entgegenzubringen. Sie lässt auch keine Gelegenheit aus, allen mitzuteilen, was für ein toller Hengst dieser Future ist.

Joan lächelte Curt unsicher an. Sie hatte unerschütterliches Vertrauen in ihn, wie Curt nur zu gut wusste. (Hamilton, 56)

Hamiltons Frauenbild ist antquiert, entspricht aber dem damaligen Zeitgeist. Joan wird meist als »girl« bezeichnet, also als »Mädchen« oder »Mädel«. In der deutschen Übersetzung haben wir daraus aber »junge Frau« gemacht, weil alles andere heute einfach nicht mehr passt. Außer wenn die Bösewichte Joan anreden. In ihrer Funktion als Schurken dürfen sie solch diskreminierende Bezeichnungen wie »Mädchen« für eine erwachsene Frau benutzen.

Roj kicherte sichtlich begeistert. »Ja, ja, Doktor – er wird in der Halle großes Vergnügen finden, ebenso wie das Mädchen und der Venusianer.« (Hamilton, 42)

Ich möchte den Text nicht wörtlich übersetzen, sondern die Wirkung des Textes auf den Leser. Und auf den Leser der 1940er Jahre hatte das Wort Mädchen in diesem Kontext eine andere Wirkung, als auf den Leser des Jahres 2013. Da muss ich einen passenderen Begriff finden.

An der inhaltlichen Stellung der Frau in der Geschichte kann man als Übersetzer aber nichts ändern. Das muss so bleiben. Da kann man dem Leser auch genügend Kompetenz zutrauen, dass er dies als Zeichen der damaligen Zeit sieht. Oder, frei nach Norbert Elias, damals hat sich die Gesellschaft noch auf einem anderen Stand im Prozess der Zivilisation befunden. Und diesen kann man nicht mit heutigen Moralmaßstäben undifferenziert bewerten.

Aber nicht nur Frauen werden in der Welt von Captain Future diskriminierend behandelt bzw. bezeichnet. Wenn es um die Schurken geht, werden diesen aufgrund ihrer Schurkigkeit bestimmte stereotype physische Merkmale zugeschrieben. Die Verbrecher sind also hässliche Zwerge oder missgestaltete Riesen. Hier werden die Charaktereigenschaften über das Äußere definiert. Jemand der klein und hässlich ist, kann ja nur ein bösartiger Zwerg sein.

Curt stürzte nach vorne und feuerte seine Strahlenpistole ab. Aber einer der Legionäre, ein zwergenhafter Erdenmensch mit einem gemeinen Gesicht, hatte eine Handvoll sich windender Kreaturen hervorgezogen und warf sie nach Captain Future. (Hamilton, 36)

Der Zwerg der Legion kam herüber und blickte unheilvoll auf Curt hinab. Er war ein Erdenmensch mit einem zerfurchten, abscheulichen Gesicht und bösartigen schwarzen Augen, der die besten Jahre bereits hinter sich hatte. (Hamilton, 40)

Diese Zuschreibung negativer Eigenschaften aufgrund von bestimmten äußeren Merkmalen liegt vor allem am heteronormativen Charakter der US-amerikanischen Gesellschaft (wobei fast alle Gesellschaften einen solchen Charakter haben). Es gibt bestimmte Vorstellungen davon, was als »normal« gilt. Alles, was von dieser gesellschaftlichen Norm abweicht, wird als negativ angesehen.

Auch in dieser Hinsicht hat sich inzwischen viel (aber noch nicht alles) getan. Als Übersetzer kann ich da nichts machen. Auch da muss ich auf die Kompetenz des Lesers vertrauen. Wenn man allerdings denkt, dass dies ausschließlich ein »Zeichen der damaligen Zeit« ist, der täuscht sich. Auch in aktuellen Büchern lassen sich Beispiele für die Definition des Charakters über das Äußere finden. Kürzlich habe ich »Percy Jackson – Diebe im Olymp« gelesen. Auch dort wird eine Mehrzahl (nicht alle) der Fieslinge über ihre hässliches Äußeres definiert. Hinzu kommt, dass die Charaktereigenschaften der Figuren über ihre soziale Herkunft definiert werden. Die Kinder von Ares sind natürlich alle kriegerisch usw. So, wie die Kinder von Akademikern studieren gehen und die von Arbeitern auf den Bau oder in den Einzelhandel. Soziale Determination, und das von einem Autor, der Lehrer war.

Bei Captain Future weiß der Leser in der Regel aber, was in erwartet. Das ist Pulp-Literatur aus den 40er Jahren. Da gibt es keine ausgefeilten Figuren mit psychologischem Tiefgang (wobei es das in den späteren Geschichten durchaus gibt), sondern stereotype Menschenbilder, also einfache Figuren die Abenteuer erleben.

Als Übersetzer versuche ich, dem gerecht zu werden. Ich versuche das Flair des Originals beizubehalten, passe die Sprache aber zumindest teilweise einer zeitgemäßeren Ausdrucksweise an, die auf den heutigen Leser so wirkt, wie das Original auf den damaligen Leser.

Wie oben schon erwähnt, sehe ich »Captain Future« nicht als sexistischen oder diskriminierenden Text, wenn er auch einige Elemente enthält, die unter diese Kategorien fallen. In einem solchen Fall habe ich es als Übersetzer leicht. Der Text ist zwar etwas antiquiert, aber harmlos. Wie sieht es aber aus, wenn man einen wirklich sexistischen Text vorliegen hat?

Es ist schwierig, diese Frage hypothetisch zu beantworten. Ich würde es wohl ablehnen, einen solchen Text zu übersetzen. Kürzlich ist meine Übersetzung von Edward Lees »Das Schwein« erschienen. Ein Text, der sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hat, extreme sexuelle Gewalt gegen Frauen enthält, aber trotzdem erstaunlich viele positive Kritiken von Frauen erhält. Warum ich mich entschieden habe, dieses Buch zu übersetzen, werde ich in einem separaten Blogeintrag erklären.