„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers

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Im Zuge der Verleihung der Nebula Awards, die in diesem Jahr fast ausschließlich Frauen verliehen wurden, diskutierte man im englischsprachigen Fandom darüber, dass es doch aktuell plötzlich so viele Frauen gebe, die tolle Science Fiction schreiben würden. Was sicherlich auch der Fall ist, nur mit dem plötzlich stimmt das nicht so ganz. Es gab schon immer Autorinnen, die tolle SF geschrieben haben (Leigh Brackett, Ursula K. Le Guin, Octavia Butler, C. J. Cherry, Joanna Russ, Nancy Kress, James Triptree jr. …).

Die Meisten von ihnen sind auch von den 70ern bis in die 90er hinein auf Deutsch erschienen. Nur ist das teilweise in Vergessenheit geraten. In den letzten zehn Jahren hatte ich auch den Eindruck, dass sich deutsche Verlage mit Science Fiction von Frauen eher schwertun (mal abgesehen davon, dass SF generell lange als Kassengift galt). Im Zuge der aktuellen SF-Offensive (Trend zur Science Fiction?) schaffen es anscheinend wieder mehr SF-Autorinnen auf den deutschen Buchmarkt (wenn auch noch nicht alle, von denen ich es mir wünschen würde), aber in den aktuellen Herbstprogrammen der Phantastikverlage finden sich so einige Perlen.

Dazu gehört auch The Long Way to a Small Angry Planet von Becky Chambers, das unter dem Titel Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten gerade bei Fischer/Tor in der gelungenen Übersetzung von Karin Will erschienen ist.

So viel Spaß hat mir schon lange kein SF-Buch mehr gemacht (von mir selbst zuletzt übersetzte Titel mal ausgenommen). Hier gibt es keine großen Zivilisationskriege, keine hochgerüsteten Söldnertruppen, keinen dystopischen Blick in eine nahe Zukunft, keine Wissenschaftler auf einer Hard-SF-Mission, keine Killer, keine Intrigen usw. – nein, hier geht es um die multiethnische Besatzung eines Raumschiffs, das Tunnel baut. Tunnel durch das Universum, Wurmlöchern nicht ganz unähnlich.

Die Wayfarer ist ein solches Tunnelbauschiff mit einer kauzigen und liebenswürdigen Besatzung, was die junge Marsianerin Rosmary, die gerade auf dem Schiff angeheuert hat, aber erst noch rausfinden muss. Da wäre Captain Ashby, der gerne mal ein Auge zudrückt, wenn seine Besatzungsmitglieder die Regeln mal wieder recht kreativ interpretieren. Oder seine Pilotin Sissix, vom echsenartigen Volk der Andrassik, das interessante familiäre Verhältnisse pflegt und seine Zuneigung gerne durch zärtliche Berührungen ausdrückt. Herz und Seele des Raumschiffs ist der sechsbeinige Dr. Koch (im Original Dr. Chef), der Arzt und Koch zugleich ist, und für jede Gemütslage das richtige Gewürz parat hält. Für die ausgelassene Stimmung sorgen die menschlichen Mechaniker Jenks – der eine innige Beziehung zur Schiffs-KI führt – und die junge und freche Kizzy – ein weiblicher McGyver im Weltraum. Dafür, dass die Crew auch immer den richtigen Weg findet, sorgen die Navigatoren Ohan, die aus einem Volk stammen, das auch die Welt hinter dem sichtbaren Weltraum sehen kann (wie es dazu kam, ist auch eine interessante und herzzerreißende Geschichte) und irgendwie mehr als nur eine Person sind. Und selbst das Quotenarschloch an Bord hat seine Daseinsberichtigung: Artis Corbin war zweierlei: ein begabter Algaeist und ein komplettes Arschloch (S. 11).

Ich habe mich an Bord der Wayfarer unter dieser sympathischen Besatzung sofort wohl gefühlt. Jeder trägt sein Päckchen mit sich rum, hat seine Eigenheiten, ist aber auch ein herzliches Mitglied der Familie. Im Prinzip begleiten wir die Crew dabei, wie sie von ihrem letzten Einsatzort zu einem neuen fliegt, der allerdings im Zentrum der Galaxis bei einem Volk liegt, das bisher vor allem durch sein kriegerisches und isolatorisches Verhalten aufgefallen ist. Unterwegs gibt es aber so einige Abenteuer zu erleben. Die Grundstimmung der Geschichte ist eine Wohlfühlatmosphäre, aber genau an den richtigen Stellen, fügt die Autorinnen dann kleine Abenteuer ein, während denen man mehr über die einzelnen Besatzungsmitglieder erfährt, und durch die das Band zwischen ihnen immer stärker geschmiedet wird.

Daneben gibt es aber auch einen faszinierenden Weltenbau und interessante Konzepte, was das Sozialleben und das Verhalten der einzelnen Völker angeht. Becky Chambers setzt weniger auf Action, Spannung und große Effekte, sondern mehr auf den guten alten Sense of Wonder, liebenswürdige Figuren, exotische Welten und Wesen, die kleinen Probleme des Alltags im Weltraum und vor allem auf viel Herz. Das ist intelligente, unterhaltsame Wohlfühl-SF, die zu keinem Zeitpunkt langweilig wirkt, aber auch nie kitschig oder naiv. Mit dieser Besatzung würde ich jederzeit gerne durchs All düsen.

Update 12.20 Uhr:

Unterschreibe das! Einzige Einschränkung: Es geht für praktisch alle Figuren auch ans Eingemachte. Wie es sich gehört, auch bei Optimisten.

Diese Ergänzung äußerte Frank Böhmert auf Twitter.

4 Gedanken zu “„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers

  1. Das Buch möchte ich auch noch lesen! Danke für die ausführliche Rezi!

  2. Hört sich gut an; kommt gleich mal auf die Wunschliste. Danke für den Tipp!

  3. Oh, noch ein Grund, es auf der Wunschliste hochzusetzen. 🙂
    PS: Thema „früher und heute“: jep. Hoffentlich hält jedoch der Trend an, dass die Autorinnen ihren echten, ganzen Namen draufschreiben können und trotzdem Leser finden. 😉

  4. Ich danke auch schon mal für den Tipp, wenn ich auch noch nicht ganz durch bin …

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