„Paris-Spaziergänge“ von Hella Broerken, der Besprechung zweiter Teil (Montmatre)

Fortsetzung meiner Buchbesprechung mit Praxistest (im ersten Teil ging es ins Quartier Latin, dort kann man auch grundlegendes über den Aufbau des Buches lesen).

An einem heißen Dienstagmorgenführte der Spaziergang  bei strahlendem Sonnenschein nach Montmatre, wo mich die Metro an der Station Blanche ausspuckte, mitten auf dem Boulevard de Clichy in Pigalle, neben dem Moulin Rouge.

Doch vom Rotlichtviertel aus ging es direkt den Berg hinauf über die Rue Lepic, die in schmalere und nicht so stark frequentierte Nebenstraßen führte. Biegt man dann rechts in die Rue des Abesses ab, stößt man bald auf einen kleinen, schicken Park – den Square Rictus, wo an einer Kachelwand in 250 Sprachen Je t’aime geschrieben steht. Weiter geht es in dem schmucken kleinen Park durch ein Hintertörchen hinauf in einen zweiten Park und dann direkt auf die erste Treppe, um La Butte zu besteigen.

Auf dem Weg zu Sacre Coeur bin ich von der angegebenen Route abgekommen, da die vielen kleinen verwinkelten Straßen mit den unzähligen Touristen, dem Anlieferverkehr und den Zeichnern recht unübersichtlich und stressig sind. Ich landete auf der Rue Novins, die ich eigentlich erst beim Abstieg passieren sollte, irgendwie bin ich wohl auf der falschen Seite am Dalí Museum vorbei. Egal, um die gewaltige Kathedrale Sacre Coeur herum, bin ich dann auf eigenen Faust umhergestiefelt, habe sie aus allen möglichen Winkeln fotografiert und versucht, den Touristenströmen auszuweichen. Die Aussicht von dort oben über Paris ist ganz wunderbar.

Beim Abstieg habe ich dann die obere Rue Lepic verpasst, bzw. die Abzweigung davon und stand plötzlich wieder unten in Pigalle. Da ich den Spaziergang aber komplett durchziehen wollte, musste ich in der Mittagshitze wieder den Berg hoch latschen, fand dann die richtige Abzweigung in die Rue Tourlaque und dort endlich das erste Café mit einem schattigen Plätzchen. Im quis parle? bestellte ich mir jetzt in kulinarischer Waghalsigkeit Entenbrust mit Kartoffelpüree und frittierten? Apfelstücken. Da ich die Karte nur teilweise lesen konnte, dachte ich, es wären normale Kartoffeln, aber der Püree mundete ganz vorzüglich. Dieses Café – in dem sich sonst vor allem Einheimische zu treffen schienen, die sich alle kannten und mich zu meiner exzellenten Menüwahl beglückwünschten – kann ich nur empfehlen.

Dann ging es weiter: das auf der Strecke liegende Museeum Montmatre und den Friedhof habe ich aber nicht besucht, nur den kleinen Weinberg fotografiert. Von Montmatre habe ich sicher nur einen Bruchteil gesehen, aber der hat mir richtig gut gefallen. Abseits der extrem stark befahrenen und lauten Straßen in der Innenstadt bieten die zum Teil mittelalterlich anmutenden Straßen und Gässchen, eine willkommene und ruhige Abwechslung. Am Ende des Spaziergangs ging es eine lange steinerne Wendeltreppe hinab zur Metro an der Station Lamarck-Cualaincourt.

Die Route und ihre Sehenswürdigkeiten sind in diesem Kapitel ganz hervorragend beschrieben, dass ich mich verlaufen habe, liegt eher daran, dass mein Stadtplan nicht den ganzen Teil von Montmatre abdeckt. Trotz der Hitze habe ich diesen Spaziergang durch teilweise mit Touristen vermintes Gebiet sehr genossen, vor allem dann, wenn ich abseits der ausgetretenen Pfade auf die kleinen, atmosphärischen Ecken des Viertels stieß, in denen das Stadtleben noch ungestört zu funktionieren scheint. Wo man sich auf den Bänken im Schatten der Bäume auf einen Plausch trifft, oder in de Cafés und Bistros, wo man sich kennt und schätzt.

„Paris-Spaziergänge“ von Hella Broerken, der Besprechung erster Teil (Quartier Latin)

Letzte Woche habe ich Urlaub in Paris gemacht, und wie es sich für eine Leseratte gehört, habe ich mich natürlich mit Büchern darauf vorbereitet. Es war mein erster Besuch in der Stadt, einige Sehenswürdigkeiten waren mir natürlich ein Begriff, aber einen wirklichen Überblick hatte ich nicht. Was ich nicht machen wollte, war die einzelnen typischen Touristenattraktionen (Eiffelturm, Louvre, Notre Dame usw.) der Reihe nach abhaken, ohne vom Rest der Stadt etwas mitzubekommen.


Also habe ich mir dieses Buch mit empfohlenen Spaziergängen gekauft, da ich die Stadt weder vom Bus aus noch per Boot erkunden wollte, sondern zu Fuß, ganz gemütlich in meinem eigenen Tempo. Hella Broerken stellt neun verschiedene von ihr individuell nach ihrem Geschmack gestaltete Spaziergänge vor, die ich mir im Vorfeld alle durchgelesen habe. Für fünf Tage in Paris (von denen zwei größtenteils für An- und Abreise draufgehen) sind neun Spaziergänge natürlich zu viel. Also musste ich eine Auswahl treffen und habe mich einfach an die Reihenfolge im Buch gehalten, da mir die ersten drei auch sehr vielversprechend erschienen (die restlichen werde ich dann bei meinem nächsten Besuch nachholen).

Die Autorin machte in ihren Beschreibungen einen sympathischen Eindruck, deckt durchaus einige bekannte Sehenswürdigkeiten ab, hat aber auch Empfehlungen, die man in den üblichen Touristenführern eher nicht findet (wobei ich zum Vergleich nur den von Lonely Planet kenne). Jedenfalls haben mir ihre Schilderungen richtig Lust darauf gemacht, in ihre Fußstapfen zu treten.

Die Spaziergänge beginnen und enden immer an einer Metrostation, so dass man immer gut hin und auch wieder wegkommt. Zu Beginn jedes Kapitels (ein Kapitel pro Spaziergang) gibt es eine kleine Karte, auf der die Route (mit den Highlights der Strecke) eingezeichnet ist. Trotzdem sollte man noch einen richtigen Stadtplan mitnehmen, da nur die Straßen bezeichnet sind, die man entlanggeht. Hat man sich mal verlaufen (was mir mehrmals passiert ist) benötigt man eine Straßenkarte oder Googlemaps auf dem Smartphone (was ich aber aus Angst vor hohen Roaminggebühren nicht genutzt habe, da ich per Aldi-Auslandspaket nur eine geringe Datenmenge frei hatte).

Im Vorfeld habe ich mir im Fließtext alle Straßennamen, interessante Einrichtungen (Museen, Parks usw.) per Textmarker markiert, damit ich im Gehen nicht immer den ganzen Text lesen muss. Jedes Kapitel enthält auch einige Fotos und am Ende eine Informationstafel mit den Öffnungszeiten der im Spaziergang enthaltenen Einrichtungen.

Im Quartier Latin

Das Viertel liegt im Südosten der Stadt, direkt am linken Seineufer unterhalb der Île Saint-Louis, jener kleineren Insel direkt hinter der Île de la Cité (auf der die Kathedrale von Notre-Dame steht). Startpunkt ist die Metro-Station Sully Morland am rechten Seine-Ufer. Hier muss man darauf achten, welchen Ausgang man nimmt, sonst könnte es erst mal verwirrend werden, ich bin dann auch direkt auf der falschen Brücke gelandet und musste wieder zurückgehen, um die Pont de Sully zu betreten. Von dieser Seine-Brücke hat man einen guten Blick auf die Rückseite von Notre-Dame.

Hat man das andere Ufer erreicht, erhebt sich vor einem direkt das modern gestaltet Gebäude des Institut du Monde Arabe, in dem ich eine ganz interessante Ausstellung zur Geschichte der arabischen Welt besucht habe (da kommt man mit dem Museumspass rein, dessen 62 Euro für vier Tage sich durchaus lohnen, wenn man einige Museen auf dem Programm hat). Danach geht es dann am Ufer den Quai Saint Bernard entlang, an dem einige Skulpturen ausgestellt sind. Hier lässt sich – wie in eigentlich jedem Park von Paris – auch bei heißem Wetter noch ein freies schattiges Plätzchen zum Hinsetzen finden. Ich war in der Mittagszeit dort, als viele Franzosen ihre Mittagspause in der strahlenden Sonne genossen. Am Ende des Quais geht es dann über die Straße in den Jardin des Plantes, einem großen, grünen Park, in dem sich die Galerie d’Anatomie befindet (in der Dinosaurierskelette ausgestellt werden) und das Naturkundemuseum. Dummerweise hatte ich nicht auf die Angaben der Öffnungszeiten am Ende dieses Kapitels geachtet und stand an diesem Dienstag bei beiden Museen vor verschlossener Tür. Egal, weiter ging es zur Moschee des Viertels (die man für 3 Euro besichtigen kann), die ich mir aber nur von außen angesehen habe.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich Hunger und stürzte mich in das Gewirr aus kleinen Straßen und Boulevards des Quartier Latin, bis ich schließlich in der Rue Censier in einem Restaurant landete, wo ich kulinarischer Hasenfuß mir erstmal ganz unfranzösisch einen Burger bestellte (der dann noch nicht mal wirklich gut war). Genügend Mut mich auf die französische Küche einzulassen, sollte ich erst am nächsten Tag zeigen.

Ich weiß ja nicht, ob es an dem enttäuschend Essen lag, jedenfalls gelang es mir dann trotz Straßenkarte nicht, die Rue Mouffetard zu finden, die mich zum Pantheon führen sollte. Irgendwie bin ich in einer Parallelstraße gelandet, und als ich das Pantheon dann schon in Sichtweite hatte, wollte ich nicht mehr zurücklaufen. Die Ruhmeshalle, in der einige französische Berühmtheiten wie Victor Hugo, Émile Zola und Alexandre Dumas bestattet liegen, bietet sowohl von außen als auch von innen einen imposanten Anblick. An einem so hochsommerlichen Tag mit strahlenden Sonnenschein empfiehlt sich nach einem schweißtreibenden Spaziergang auch ein Besuch der angenehm kühlen Krypta. Vom Pantheon geht es dann noch weiter zum Schlusspunkt dieses Spaziergangs: den riesigen Jardin de Luxembourg, wo es auch zahlreiche Bänke und Stühle im Schatten gibt.

Mir hat dieser erste Spaziergang nach dem Buch von Hella Broerken ausgezeichnet gefallen, auch wenn ich mich unterwegs verlaufen und die Rue Mouffetard verpasst habe. Nicht schlimm, denn anders als die Autorin bin ich nicht so ein Ladenbummler, der sich für putzige kleine Geschäfte und deren Waren interessiert. Alles, was keine Buchhandlung ist, erhält von mir nur eingeschränkt Beachtung. Dass man sich auf diesen Spaziergängen schon mal verlaufen kann, liegt vor allem an den riesigen Straßenkreuzungen, an denen mehr als vier Straßen zusammenlaufen, da wird es dann unübersichtlich. Ist aber nicht schlimm, denn auch abseits der geplanten Wege kann man auf interessante Sachen stoßen.

Für diesen ersten Spaziergang wählte ich übrigens – aufgrund des heißen Wetters – das falsche Schuhwerk. Jene Sandalen, die jahrelang bei mir auf dem Speicher standen, weil sie mir zu unbequem waren, sorgten dann für einige Blasen an meinen Füßen, die mich aber nicht daran hinderten, nach dem Spaziergang noch vom Jardin de Luxembourg zur Kathedrale von Notre Dame zu latschen.

Untergekommen bin ich übrigens im putzigen Hotel Chopin in der Passage Jouffroy, die Teil des neunten Spaziergangs ist, der durch einige dieser Einkaufspassagen aus dem 19. Jahrhundert führt. Das ist zentral gelegen, direkt vor der Metrostation Grand Boulevard am Boulevard Montmatre, in Fußnähe zum Louvre und dem Seineufer. Ein etwas in die Jahre gekommenes Hotel mit Charme und Katze, relativ günstig, für meinen Geschmack aber mit etwas zu hellhörigen Wänden, dafür aber ruhig gelegen und sauber.

Im zweiten Teil der Besprechung wird es dann nach Montmatre und ins Marais gehen.

P. S. Meinen Hinflug nach Paris hätte ich fast verpasst, weil ich auf der Anfahrt zum Frankfurter Flughafen am Wiesbadener Kreuz zwei Stunden in einem 20 Kilometer langen Stau gestanden habe (Montagsmorgens ist keine gute Zeit, um über die Autobahn nach Frankfurt zu fahren). Landet man auf dem Roissy (dem Flughafen Charles de Gaulle), sollte man sich vorher einen Plan ansehen, denn der Flughafen ist riesig und leicht verwirrend, ich bin in Terminal 2g angekommen, das Abseits von allem anderen liegt, und hatte erst mal keine Ahnung, wie ich zu meinem Bus komme. Ich dachte, es gäbe nur einen Terminal 2 und nicht sieben. Für die Fahrt in die Stadt sollte man auch noch mal eine Stunde plus einplanen, je nachdem wo man hinmuss.

Ist man eine Woche in Paris, lohnt sich die Wochenkarte Navigo Decouverte. Dafür holt man sich in einer Metrostation oder am Flughafen (wenn man es findet) einen Bon am Automaten, für den man dann am Informationsschalter den Navigo Pass ausgestellt bekommt (für den man ein Passfoto benötigt), den man dann wiederum am Automaten mit Geld auflädt. Im Navigo ist ein RFID-Chip, mit dem man dann am Drehkreuz zur Metro über einen Scanner fährt und dann eintreten kann.

„No und ich“ von Delphine de Vigan

Mit dem Helfen ist das so eine Sache. Das findet auf die vielfältigsten Arten und aus den unterschiedlichsten Gründen statt. Und oft sind die Gründe, die dahinter stecken, gar nicht die, die man glaubt zu haben. Und häufig läuft es auch anders ab als erwartet. Dann steht man plötzlich ganz ernüchtert da, und fragt sich, ob man wirklich der andere Person helfen wollte, oder es eher für sich selbst tat? Wollte sich die andere Person helfen lassen? Konnte man ihr langfristig gesehen wirklich helfen?

Ganz ähnlich ergeht es Lou im Roman von Delphine de Vigan (Das Lächeln meiner Mutter), als sie die achtzehnjährige No am Bahnhof trifft, die auf der Straße lebt, all ihre Habseligkeiten in einem kaputten Rollkoffer aufbewahrt und starr vor Schmutz ist. Vorsichtig nimmt Lou mit der scheuen und misstrauischen No Kontakt auf, die sich letzten Endes darüber freut, dass einfach jemand mit ihr redet. Die hochbegabte Lou ist fasziniert, fragt sich, warum wir Menschen auf den Mond schicken können, aber No auf der Straße leben muss?, und möchte helfen. Und weil Lou erst Dreizehn ist, kann man ihre Naivität gut nachvollziehen, und ihre Entschlossenheit nur bewundern. Denn es gelingt ihr, No durch ihren Schutzwall hindurch zu erreichen (wenn auch nie ganz).

Das dem Helfenden auch geholfen wird ist gar nicht so überraschend, denn Geben und Nehmen sind nie Einbahnstraßen, und so gelingt es Lou durch ihre Hilfsaktion auch das durch einen Kindstot erstarrte Leben ihrer eigenen Eltern wieder mit Lebendigkeit und gelegentlicher Freude zu erfüllen.

Delphine de Vigane ist hier ein ganz wunderbarer Roman über eine Freundschaft und eine Familie gelungen, deren Schicksal sie mit viel Einfühlungsvermögen meisterhaft schildert. Als jemand, der in seinem früheren Berufsleben im Suchtbereich auch viel mit jungen Obdachlosen gearbeitet hat, bin ich beeindruckt von den Beschreibungen des Straßenlebens (»uff Platte« heißt das bei uns), die sehr authentisch wirken und keine falsche Romantik in Bezug auf junge rebellische Außreißer aufkommen lassen. Da ist die Autorin ganz schonungslos mit ihren Schilderungen der jungen Frau, die ohne Perspektive und Unterstützung völlig hilflos am System scheitert. Und sie ist auch schonungslos, was die Komplexität des Helfens angeht, indem sie zeigt, dass eine Wohnung und ein Job alleine oft nicht reichen, um einem Menschen zu helfen, der aus der Bahn geworfen wurde.

Mich hat das Buch tief berührt und bewegt, in dem wunderbar klaren und einfachen Stil der Übersetzung von Doris Heinemann.

„Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan

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Um zu verstehen, warum Bonjour tristesse nicht nur ein riesen Erfolg wurde, sondern auch ein Skandalroman, muss man es im Kontext der Zeit sehen, in der es erschienen ist. 1954, die Jahre zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder beziehungsweise der Entstehung der Konsumgesellschaft. Nach den entbehrlichen Kriegsjahren dürstete es die jungen und junggebliebenen Franzosen nach Unterhaltung, am linken Seine-Ufer entstanden die Cabarets, in denen Truppen wie die Frère Jaques auftraten und das Chanson mit Künstlern wie Barbara, George Brassen, Jacques Brels oder Léo Ferré seine Blütezeit erlebte, während am rechten Ufer die Touristenläden und Restaurants brummten und die Music-Halls gefüllt wurden. Es war die Zeit der wilden und freien Jugendkultur, bevor die Yéyé-Musik kam und alles kommerzialisiert wurde. Die junge Pariser genossen das Nachtleben und das Leben allgemein. Nachts ging man aus und im Sommer fuhr man in den großen Ferien ans Meer (wobei der Winter 54 zu einem der härtesten Winter in der Geschichte von Paris gilt, in dem viele Obdachlose erfroren sind).

Doch viele Auswüchse wurden von der bürgerlichen Gesellschaft – der Bourgeoisie (vom rechten Seine-Ufer) – mit Skepsis und Verachtung betrachtet. Die jungen Leute verstießen gegen das Savoir-vivre, das gute Benehmen, lebten in ihren Augen zügellos und in Sünde. Man darf nicht vergessen, das Frankreich ein zutiefst katholisches Land ist. Da verwundert es nicht, dass der Erfolg von Bonjour tristesse, diesem lasterhaft Buch, geschrieben von „einem jungen Ding“, auch zum Skandal wurde.

Nach Jahren der Entbehrung in einem katholischen Pensionat genießt die junge Cécile, die gerade ihre Abschlussprüfung verhauen hat, das Partyleben mit ihrem 40-jährigen Vater, der ein echter Lebemann ist, und die Sommerferien mit seiner Tochter und seiner jungen Geliebten in einer Villa am Meer verbringt. Bis dann eine alte Freundin von Céciles verstorbener Mutter auftaucht, die sich langsam in das Leben der kleinen Familie einschleicht und immer mehr die Kontrolle übernimmt, was Cecile wiederum ihren Spaß nimmt. Also schmiedet sie einen Plan, der im Unheil enden wird.

1954 ist das Buch erschienen, doch sein Alter merkt man ihm nicht an. Es ist so lebendig und spritzig geschrieben, dass es mich auch mit meinen heutigen Lesegewohnheiten noch mitreißt. Als leidenschaftlicher Fan langer Sommerferien und eines lockeren, unverkrampften Lebensstils leide ich mit Cécile, die nicht nur ihr leichtes und spaßiges Leben davonschwimmen sieht, sondern auch die Liebe ihres Vaters, dessen für ihn untypisches Verhalten sie schon fast als Verrat versteht. Veränderungen machen Angst und schmerzen.

Der Übersetzung von Helga Treichl merkt man ihr Alter durchaus an, was Wortwahl und einige Begriffe und Satzkonstrukte angeht, doch das finde ich gut. Ich will nicht alles in einer modernen Einheitssprache neu übersetzt lesen.

Dazu empfehle ich noch Sagan, Paris 54 von Anne Berest.

„Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (übersetzt von Tobias Haberkorn)

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Ich muss gestehen, dass ich mit etwas falschen Vorstellungen an das Buch herangegangen bin, dachte ich doch, dass der Titel Rückkehr nach Reims wörtlich zu verstehen ist, und nicht metaphorisch. Ja, ich dachte tatsächlich, Didier Eribon würde über eine physische Reise zurück in seine Heimatstadt und zu seiner Familie berichten, der er 35 Jahre lang den Rücken zugekehrt hatte. Doch bei der Rückkehr handelt es sich viel mehr um eine gedankliche, selbstreflektierende Reise, bei der er sich auf analytische Weise mit Themen beschäftigt, die er für lange Zeit verdrängt hatte – durchaus auf persönliche Weise, aber immer mit dem scharfen Blick des Soziologen.

Die Rückkehr besteht viel mehr aus Telefonaten und ein paar Besuchen bei seiner Mutter; den Vater, den er 35 Jahre lang nicht gesehen hat, besucht er selbst im Angesicht dessen Todes nicht, und nimmt auch nicht an dessen Beerdigung teil; mit einem seiner Brüder tauscht er zumindest E-Mails aus.

Aber warum hat Erebon seine Familie so konsequent verlassen, ohne einmal zurückzublicken? Liegt es daran, dass er als Homosexueller das homophobe Umfeld seiner Familie aus der Arbeiterklasse nicht ertragen hat? Hat er sich als angehender Intellektueller, der es als Erster und Einziger aus seiner Familie an die Uni geschafft hat, nicht wohl gefühlt, in einem Umfeld, in dem nur äußerst selten zu einem Buch gegriffen wird und es als selbstverständlich gilt, mit vierzehn die Schule zu verlassen? Wollte er einfach raus aus der Provinz, um endlich frei und offen leben zu können? Vermutlich ist es seine Mischung aus allem, wobei er seine Herkunft stets wie eine Last mit sich umhertrug, derer er sich schämte.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich seine Motivation nachvollziehen. Zwar bin ich nicht homosexuell, hatte eine tolle Kindheit und mag meine Familie, doch die Provinzialität des Dorflebens – wo kaum einer meiner Freunde und Bekannten nach der Schule auch nur ein Buch gelesen hat, wo ich der Erste und einzige in der Familie bin, der studiert hat (zumindest jener, die ich kennengelernt habe, einer, der früh weggezogen ist, hat Jura studiert und ist inzwischen Justizsenator), wo das Freizeitprogramm aus Kirmes, Karnevalssitzung und Dorfdisko besteht – hat auch in mir das Bedürfnis geweckt, in eine größere Stadt (sprich Berlin, bei Eribon Paris) zu ziehen, um an einem kulturellen Leben in einer ganz anderen Welt teilzunehmen, mich mit Gleichgesinnten zu treffen, die meine Interessen verstehen und teilen.

Doch die Härte und die Konsequenz, mit der er seine Familie meidet, konnte sich mir aus dem Text nicht so ganz erschließen. Hier und da gib es Andeutungen, aber ich vermute mal, dass Erebon noch so einiges verschweigt. Die Schilderung von Ereignissen und Episoden aus der Kindheit halten sich stark in Grenzen, anders, als zum Beispiel bei der von mir kürzlich gelesenen Autobiografie Bruce Springsteens, dem es besser gelingt, dem Leser ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie es war, in ärmlichen und schwierigen Familienverhältnissen aufzuwachsen. Auch an Elena Ferrantes Kindheitsschilderungen aus einem gewalttätigen, machohaften Umfeld im Nepael der 50er Jahre in Meine geniale Freundin musste ich denken.

Neben der persönlichen Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit liegt Erebons Schwerpunkt vielmehr auf der soziologischen Analyse der Klassenunterschiede und der Stellung der Familie in der Arbeiterschicht. Dabei setzt er voraus, dass seine Leser mit den Texten jener Autoren vertraut sind, auf die er sich ausführlich bezieht (vor allem Pierre Bourdieu, Gille Deleuze und Roland Barthes, aber auch Michel Foucault, bei dem er viele Gemeinsamkeiten sieht), allerdings hält sich die Verwendung von soziologischen Fachbegriffen noch in Grenzen, so dass man den Text auch ohne Vorkenntnisse lesen kann (ich hatte das Glück, besagte Autoren an der Uni gelesen zu haben, Bourdieu war für meine Diplomarbeit sogar sehr wichtig).

Im zweiten Teil seiner Analyse, jenem Teil, der wohl dafür sorgt, dass das Buch – das in Frankreich bereits 2009 erschienen ist – bei uns momentan in aller Munde ist, widmet sich Erebon der Frage, wie es kommen konnte, dass seine Familie aus dem klassischen Arbeitermilieu, die früher einmal die Kommunisten gewählt hat, plötzlich ihre Stimme für den Front National abgibt.

Dieser Teil fällt sehr stark und nachvollziehbar aus, wobei er auch nicht so wirklich Neues zu bieten hat. Wer mit solchen Milieus vertraut ist, weiß, wie die Leute ticken, und, dass es von der einstigen Arbeiterbewegung, der Nähe zum Kommunismus nicht weit bis zu Antisemitismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und anderen diskriminierenden Ansichten ist. Die Aufregung um das Buch wirkt ein wenig, als würden die Bewohner des Elfenbeinturms plötzlich ein Fernrohr erhalten, mit dem sie von der Turmspitze aus zum Fuße des Turms blicken und sehen könnten, was die kleinen, wie Ameisen wuselnden Menschen dort unten so treiben, statt, dass sie einfach mal die Treppe runter gehen und sich unters Volk mischen.

Viel interessanter und eindrucksvoller ist Eribons persönliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bzw. dieser Entwicklung in der eigenen Familie, wie er und sein Bruder sich immer mehr auseinander leben, bis sie sich nichts mehr zu sagen haben, seine Reaktion auf die Vorwürfe der jüngeren Geschwister, er habe sie einfach im Stich gelassen, die in zum Nachdenken bringen, ob er deren Entwicklung hätte beeinflussen können, wer er mehr Vorbild gewesen wäre, und den Kontakt zu ihnen gepflegt hätte. Genau dieser Punkt, ist für mich der wichtigste Teil des Buchs: Da sollten wir uns alle die Frage stellen, was wir in unserem Umfeld, in unserer Familie tun könnten, um auf Menschen (ich denke da vor allem an junge), die sich von der politischen Mitte ab und radikaleren Parteien zuwenden, Einfluss zu nehmen. Nicht missionieren oder predigen, sondern Vorleben, den persönlichen Kontakt pflegen und diskutieren.

Kurzkritiken Januar 2017 – Teil 2

Liebe mit zwei Unbekannten von Antoine Laurain (übersetzt von Claudia Kalscheuer)

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Wenn ich fies wäre, würde ich schreiben, es gehe in dem Buch um einen eigentlich netten Buchhändler, der durch eine Reihe höflicher und engagierter Gesten in bester Absicht zum gruseligen Stalker wird. Aber so fies bin ich nicht. Stattdessen geht es um einen netten Pariser Buchhändler, der eine gestohlene Handtasche findet und sie der Besitzerin zurückbringen möchte, was sich aufgrund fehlender konkreter Hinweise zu einer netten kleinen Schnitzeljagd entwickelt, die in einer romantischen Liebesgeschichte á la Schlaflos in Seattle oder Serendipity gipfelt (ich liebe solche romantischen Schnulzen). Schön geschrieben, ohne allzu viel Tiefgang, aber auch nicht zu kitschig. Ein Gute-Laune-Buch.

Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau von Anne Berest (übersetzt von Gaby Wurster)

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Nachdem ich Berests Sagan – Paris 1954 mit großer Begeisterung gelesen habe, konnte ich es gar nicht erwarten, ihren neusten Roman zu lesen, der mich dann aber doch etwas zwiegespalten zurücklässt. Die titelgebende Emeliennen ist eine Pariser Fotografin, die sich, durch die Lebenskrise einer Nachbarin angeregt, auf die Suche nach der perfekten Frau macht. Dabei stellt sie sich allerdings als ziemlich unsympathische und unangenehme Person heraus (zumindest für mich), die rein egoistische Ziele verfolgt und sich nicht für die Nöte ihrer Mitmenschen interessiert. Dabei sind diese Mitmenschen, die Frauen, denen sie auf ihrer Suche begegnet, der Grund, warum mir das Buch doch ganz gut gefallen hat. Denn sie haben wirklich interessante Geschichten zu erzählen, die oft eine scharfsinnige Analyse der Rolle der Frau in der Gesellschaft liefern. So einen richtigen Plot gibt es nicht, viel mehr stolpert die Protagonistin von einer Episode zur nächsten. Auch wenn alles nicht so ganz stimmig zusammenpasst, und manchmal zu konstruiert wirkt, sind die einzelnen Episoden doch sehr lesenswert.

In der nächsten Buchbesprechung kehren wir dann nach Reims zurück, die ist etwas ausführlicher geworden und hat einen eigenen Eintrag verdient.

„Sagan, Paris 1954“ von Anne Berest

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Buch Nummer sieben meiner Frankreich-Reihe, und das vierte von einer Autorin. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, überhaupt zeitgenössische französische Autorinnen zu finden, jetzt im Bücherherbst purzeln sie reihenweise von den Bäumen. Dabei wollte ich im Halloween-Monat Oktober vor allem Horror lesen. Doch was soll ich machen, die französischen Autorinnen haben mir den Kopf verdreht.

Anne Berest ist bei uns vor allem als Co-Autorin des Ratgebers How to be a Parisian bekannt, schreibt aber auch Romane. Jetzt im Herbst erscheint Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau auf Deutsch, wodurch ich auch auf sie aufmerksam geworden bin (das Buch kommt demnächst dran).

Sagan, Paris 1954 ist leider nicht auf Deutsch erschienen, weshalb ich auf die englische Übersetzung von Heather Loyd zurückgreifen musste, die sich stilistisch ganz großartig liest. Und was für ein Buch! Nur 170 Seiten, aber davon jede ein Genuss. Dabei ist gar nicht so einfach zu erklären, um was für eine Art von Buch es sich handelt. Dennis Westhoff, der Sohn der berühmten französischen Autorin Françoise Sagan hatte Berest darum gebeten, ein Buch über seine Mutter zum 60. Jubiläum ihres enorm erfolgreichen Debütroman Bonjour Tristesse zu schreiben.

Herausgekommen ist eine Mischung zwischen Roman, Autobiografie und fiktionalisierter Biografie. Berest beschreibt die wenigen Monate vor und nach der Veröffentlichung des Buchs im Jahr 1954, was Sagan so getrieben hat, mit ihren Freunden, wie sie ihr Manuskript bei drei Verlagen persönlich vorbeibringt und an der Rezeption abgibt, wie sie daraufhin überraschenderweise telefonisch Rückmeldung erhält, und was für ein »Wahnsinn« sich danach entfaltet.

But she heaved a sigh: so that was what sucess meant, a long series of obligations.

Doch mittels Forshadowing lässt Berest auch den unbedarften Leser (also mich) wissen, wie es in den folgenden Jahren mit François Sagan weiterging, die im Jahre 1954 ja erst 18 Jahre alt war. Und auch sich selbst und ihr Leben bringt die Autorin mit ein, denn Westhoff hatte darum gebeten, dass sie auch darüber schreiben möge, was die Arbeit an diesem Buch mit ihr macht. Das ähnelt Delphine Vigans Vorgehensweise in Das Lächeln meiner Mutter, auch wenn Berest keinen persönlicheren Bezug zu Sagan hat, als den einer Leserin.

Um noch mal auf den fiktionalisierten Teil zurückzukommen, sie hat schon viel recherchiert, alle Biografien gelesen, Sagans Sohn Fragen geschickt und sich mit ihrer besten Freundin getroffen, aber manches schildert sie so, wie es sich zugetragen haben könnte. Wie zum Beispiel die Szene, in der François Sagan dem Radioaufruf von Abbé Pierre folgt, den erfrierenden Obdachlosen im Land zu helfen, die Opfer der extremen Kältewelle wurden. Wobei sie Sachen, die wirklich passiert sind, auch mit Endnoten (also Fußnoten, nur am Ende des Buchs) belegt.

Kürzlich habe ich hier ja Marguerite Duras Der Liebhaber besprochen, und spannenderweise kommt in dem Buch auch diese Autorin vor, die ihr Debüt schon ein Jahr 1953 zuvor veröffentlicht hat, Sagans Erfolg aber erst dreißig Jahre später gleichkommt. Sie beide gehörten viele Jahre dem gleichen Freundeskreis an.

Es wird gar nicht so viel in Sagan, Paris 1954 erzählt, aber das so wunderbar, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte. Ich bin schon sehr auf die Romane von Anne Berest gespannt.

Mir war gar nicht bewusst, was für ein Erfolg und was für ein Skandal das Buch Bonjour Tristesse in Frankreich seinerzeit gewesen ist, und ich bin erstaunt welche Hochachtung Anne Berest diesem Buch, der Geschichte darum und der französischen Literatur insgesamt entgegenbringt. Kann ich mir in Deutschland so nicht vorstellen. Es zeigt, dass die Literatur mit ihren vielen wichtigen Preisen in Frankreichnoch mal einen anderen Stellenwert hat als bei uns.

Sagan, Paris 1954 ist ein Buch darüber, wie François Sagan gewesen ist, wie sie gewesen sein könnte, und, was sie anderen – insbesondere der Autorin – bedeutet. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es heißt, Schriftstellerin zu sein, Berests Brief an den jungen Mann gegen Endes des Buches ist brillant und ergreifend, und so ist Sagan, Paris 1954 vor allem ein sehr persönliches Buch über Anne Berest.

Ob das alles stimmt, was sie da über sich schreibt, ist wieder eine andere Sache, vielleicht ist es ja auch eine fiktionalisierte Autobiografie, aber das spielt keine Rolle. Ob Wahrheit oder nicht, es ist eine verdammt gute Geschichte, ein verdammt gutes Buch, und darauf kommt es mir als Leser an.