„No und ich“ von Delphine de Vigan

Mit dem Helfen ist das so eine Sache. Das findet auf die vielfältigsten Arten und aus den unterschiedlichsten Gründen statt. Und oft sind die Gründe, die dahinter stecken, gar nicht die, die man glaubt zu haben. Und häufig läuft es auch anders ab als erwartet. Dann steht man plötzlich ganz ernüchtert da, und fragt sich, ob man wirklich der andere Person helfen wollte, oder es eher für sich selbst tat? Wollte sich die andere Person helfen lassen? Konnte man ihr langfristig gesehen wirklich helfen?

Ganz ähnlich ergeht es Lou im Roman von Delphine de Vigan (Das Lächeln meiner Mutter), als sie die achtzehnjährige No am Bahnhof trifft, die auf der Straße lebt, all ihre Habseligkeiten in einem kaputten Rollkoffer aufbewahrt und starr vor Schmutz ist. Vorsichtig nimmt Lou mit der scheuen und misstrauischen No Kontakt auf, die sich letzten Endes darüber freut, dass einfach jemand mit ihr redet. Die hochbegabte Lou ist fasziniert, fragt sich, warum wir Menschen auf den Mond schicken können, aber No auf der Straße leben muss?, und möchte helfen. Und weil Lou erst Dreizehn ist, kann man ihre Naivität gut nachvollziehen, und ihre Entschlossenheit nur bewundern. Denn es gelingt ihr, No durch ihren Schutzwall hindurch zu erreichen (wenn auch nie ganz).

Das dem Helfenden auch geholfen wird ist gar nicht so überraschend, denn Geben und Nehmen sind nie Einbahnstraßen, und so gelingt es Lou durch ihre Hilfsaktion auch das durch einen Kindstot erstarrte Leben ihrer eigenen Eltern wieder mit Lebendigkeit und gelegentlicher Freude zu erfüllen.

Delphine de Vigane ist hier ein ganz wunderbarer Roman über eine Freundschaft und eine Familie gelungen, deren Schicksal sie mit viel Einfühlungsvermögen meisterhaft schildert. Als jemand, der in seinem früheren Berufsleben im Suchtbereich auch viel mit jungen Obdachlosen gearbeitet hat, bin ich beeindruckt von den Beschreibungen des Straßenlebens (»uff Platte« heißt das bei uns), die sehr authentisch wirken und keine falsche Romantik in Bezug auf junge rebellische Außreißer aufkommen lassen. Da ist die Autorin ganz schonungslos mit ihren Schilderungen der jungen Frau, die ohne Perspektive und Unterstützung völlig hilflos am System scheitert. Und sie ist auch schonungslos, was die Komplexität des Helfens angeht, indem sie zeigt, dass eine Wohnung und ein Job alleine oft nicht reichen, um einem Menschen zu helfen, der aus der Bahn geworfen wurde.

Mich hat das Buch tief berührt und bewegt, in dem wunderbar klaren und einfachen Stil der Übersetzung von Doris Heinemann.

„Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan

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Um zu verstehen, warum Bonjour tristesse nicht nur ein riesen Erfolg wurde, sondern auch ein Skandalroman, muss man es im Kontext der Zeit sehen, in der es erschienen ist. 1954, die Jahre zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder beziehungsweise der Entstehung der Konsumgesellschaft. Nach den entbehrlichen Kriegsjahren dürstete es die jungen und junggebliebenen Franzosen nach Unterhaltung, am linken Seine-Ufer entstanden die Cabarets, in denen Truppen wie die Frère Jaques auftraten und das Chanson mit Künstlern wie Barbara, George Brassen, Jacques Brels oder Léo Ferré seine Blütezeit erlebte, während am rechten Ufer die Touristenläden und Restaurants brummten und die Music-Halls gefüllt wurden. Es war die Zeit der wilden und freien Jugendkultur, bevor die Yéyé-Musik kam und alles kommerzialisiert wurde. Die junge Pariser genossen das Nachtleben und das Leben allgemein. Nachts ging man aus und im Sommer fuhr man in den großen Ferien ans Meer (wobei der Winter 54 zu einem der härtesten Winter in der Geschichte von Paris gilt, in dem viele Obdachlose erfroren sind).

Doch viele Auswüchse wurden von der bürgerlichen Gesellschaft – der Bourgeoisie (vom rechten Seine-Ufer) – mit Skepsis und Verachtung betrachtet. Die jungen Leute verstießen gegen das Savoir-vivre, das gute Benehmen, lebten in ihren Augen zügellos und in Sünde. Man darf nicht vergessen, das Frankreich ein zutiefst katholisches Land ist. Da verwundert es nicht, dass der Erfolg von Bonjour tristesse, diesem lasterhaft Buch, geschrieben von „einem jungen Ding“, auch zum Skandal wurde.

Nach Jahren der Entbehrung in einem katholischen Pensionat genießt die junge Cécile, die gerade ihre Abschlussprüfung verhauen hat, das Partyleben mit ihrem 40-jährigen Vater, der ein echter Lebemann ist, und die Sommerferien mit seiner Tochter und seiner jungen Geliebten in einer Villa am Meer verbringt. Bis dann eine alte Freundin von Céciles verstorbener Mutter auftaucht, die sich langsam in das Leben der kleinen Familie einschleicht und immer mehr die Kontrolle übernimmt, was Cecile wiederum ihren Spaß nimmt. Also schmiedet sie einen Plan, der im Unheil enden wird.

1954 ist das Buch erschienen, doch sein Alter merkt man ihm nicht an. Es ist so lebendig und spritzig geschrieben, dass es mich auch mit meinen heutigen Lesegewohnheiten noch mitreißt. Als leidenschaftlicher Fan langer Sommerferien und eines lockeren, unverkrampften Lebensstils leide ich mit Cécile, die nicht nur ihr leichtes und spaßiges Leben davonschwimmen sieht, sondern auch die Liebe ihres Vaters, dessen für ihn untypisches Verhalten sie schon fast als Verrat versteht. Veränderungen machen Angst und schmerzen.

Der Übersetzung von Helga Treichl merkt man ihr Alter durchaus an, was Wortwahl und einige Begriffe und Satzkonstrukte angeht, doch das finde ich gut. Ich will nicht alles in einer modernen Einheitssprache neu übersetzt lesen.

Dazu empfehle ich noch Sagan, Paris 54 von Anne Berest.

„Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (übersetzt von Tobias Haberkorn)

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Ich muss gestehen, dass ich mit etwas falschen Vorstellungen an das Buch herangegangen bin, dachte ich doch, dass der Titel Rückkehr nach Reims wörtlich zu verstehen ist, und nicht metaphorisch. Ja, ich dachte tatsächlich, Didier Eribon würde über eine physische Reise zurück in seine Heimatstadt und zu seiner Familie berichten, der er 35 Jahre lang den Rücken zugekehrt hatte. Doch bei der Rückkehr handelt es sich viel mehr um eine gedankliche, selbstreflektierende Reise, bei der er sich auf analytische Weise mit Themen beschäftigt, die er für lange Zeit verdrängt hatte – durchaus auf persönliche Weise, aber immer mit dem scharfen Blick des Soziologen.

Die Rückkehr besteht viel mehr aus Telefonaten und ein paar Besuchen bei seiner Mutter; den Vater, den er 35 Jahre lang nicht gesehen hat, besucht er selbst im Angesicht dessen Todes nicht, und nimmt auch nicht an dessen Beerdigung teil; mit einem seiner Brüder tauscht er zumindest E-Mails aus.

Aber warum hat Erebon seine Familie so konsequent verlassen, ohne einmal zurückzublicken? Liegt es daran, dass er als Homosexueller das homophobe Umfeld seiner Familie aus der Arbeiterklasse nicht ertragen hat? Hat er sich als angehender Intellektueller, der es als Erster und Einziger aus seiner Familie an die Uni geschafft hat, nicht wohl gefühlt, in einem Umfeld, in dem nur äußerst selten zu einem Buch gegriffen wird und es als selbstverständlich gilt, mit vierzehn die Schule zu verlassen? Wollte er einfach raus aus der Provinz, um endlich frei und offen leben zu können? Vermutlich ist es seine Mischung aus allem, wobei er seine Herkunft stets wie eine Last mit sich umhertrug, derer er sich schämte.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich seine Motivation nachvollziehen. Zwar bin ich nicht homosexuell, hatte eine tolle Kindheit und mag meine Familie, doch die Provinzialität des Dorflebens – wo kaum einer meiner Freunde und Bekannten nach der Schule auch nur ein Buch gelesen hat, wo ich der Erste und einzige in der Familie bin, der studiert hat (zumindest jener, die ich kennengelernt habe, einer, der früh weggezogen ist, hat Jura studiert und ist inzwischen Justizsenator), wo das Freizeitprogramm aus Kirmes, Karnevalssitzung und Dorfdisko besteht – hat auch in mir das Bedürfnis geweckt, in eine größere Stadt (sprich Berlin, bei Eribon Paris) zu ziehen, um an einem kulturellen Leben in einer ganz anderen Welt teilzunehmen, mich mit Gleichgesinnten zu treffen, die meine Interessen verstehen und teilen.

Doch die Härte und die Konsequenz, mit der er seine Familie meidet, konnte sich mir aus dem Text nicht so ganz erschließen. Hier und da gib es Andeutungen, aber ich vermute mal, dass Erebon noch so einiges verschweigt. Die Schilderung von Ereignissen und Episoden aus der Kindheit halten sich stark in Grenzen, anders, als zum Beispiel bei der von mir kürzlich gelesenen Autobiografie Bruce Springsteens, dem es besser gelingt, dem Leser ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie es war, in ärmlichen und schwierigen Familienverhältnissen aufzuwachsen. Auch an Elena Ferrantes Kindheitsschilderungen aus einem gewalttätigen, machohaften Umfeld im Nepael der 50er Jahre in Meine geniale Freundin musste ich denken.

Neben der persönlichen Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit liegt Erebons Schwerpunkt vielmehr auf der soziologischen Analyse der Klassenunterschiede und der Stellung der Familie in der Arbeiterschicht. Dabei setzt er voraus, dass seine Leser mit den Texten jener Autoren vertraut sind, auf die er sich ausführlich bezieht (vor allem Pierre Bourdieu, Gille Deleuze und Roland Barthes, aber auch Michel Foucault, bei dem er viele Gemeinsamkeiten sieht), allerdings hält sich die Verwendung von soziologischen Fachbegriffen noch in Grenzen, so dass man den Text auch ohne Vorkenntnisse lesen kann (ich hatte das Glück, besagte Autoren an der Uni gelesen zu haben, Bourdieu war für meine Diplomarbeit sogar sehr wichtig).

Im zweiten Teil seiner Analyse, jenem Teil, der wohl dafür sorgt, dass das Buch – das in Frankreich bereits 2009 erschienen ist – bei uns momentan in aller Munde ist, widmet sich Erebon der Frage, wie es kommen konnte, dass seine Familie aus dem klassischen Arbeitermilieu, die früher einmal die Kommunisten gewählt hat, plötzlich ihre Stimme für den Front National abgibt.

Dieser Teil fällt sehr stark und nachvollziehbar aus, wobei er auch nicht so wirklich Neues zu bieten hat. Wer mit solchen Milieus vertraut ist, weiß, wie die Leute ticken, und, dass es von der einstigen Arbeiterbewegung, der Nähe zum Kommunismus nicht weit bis zu Antisemitismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und anderen diskriminierenden Ansichten ist. Die Aufregung um das Buch wirkt ein wenig, als würden die Bewohner des Elfenbeinturms plötzlich ein Fernrohr erhalten, mit dem sie von der Turmspitze aus zum Fuße des Turms blicken und sehen könnten, was die kleinen, wie Ameisen wuselnden Menschen dort unten so treiben, statt, dass sie einfach mal die Treppe runter gehen und sich unters Volk mischen.

Viel interessanter und eindrucksvoller ist Eribons persönliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bzw. dieser Entwicklung in der eigenen Familie, wie er und sein Bruder sich immer mehr auseinander leben, bis sie sich nichts mehr zu sagen haben, seine Reaktion auf die Vorwürfe der jüngeren Geschwister, er habe sie einfach im Stich gelassen, die in zum Nachdenken bringen, ob er deren Entwicklung hätte beeinflussen können, wer er mehr Vorbild gewesen wäre, und den Kontakt zu ihnen gepflegt hätte. Genau dieser Punkt, ist für mich der wichtigste Teil des Buchs: Da sollten wir uns alle die Frage stellen, was wir in unserem Umfeld, in unserer Familie tun könnten, um auf Menschen (ich denke da vor allem an junge), die sich von der politischen Mitte ab und radikaleren Parteien zuwenden, Einfluss zu nehmen. Nicht missionieren oder predigen, sondern Vorleben, den persönlichen Kontakt pflegen und diskutieren.

Kurzkritiken Januar 2017 – Teil 2

Liebe mit zwei Unbekannten von Antoine Laurain (übersetzt von Claudia Kalscheuer)

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Wenn ich fies wäre, würde ich schreiben, es gehe in dem Buch um einen eigentlich netten Buchhändler, der durch eine Reihe höflicher und engagierter Gesten in bester Absicht zum gruseligen Stalker wird. Aber so fies bin ich nicht. Stattdessen geht es um einen netten Pariser Buchhändler, der eine gestohlene Handtasche findet und sie der Besitzerin zurückbringen möchte, was sich aufgrund fehlender konkreter Hinweise zu einer netten kleinen Schnitzeljagd entwickelt, die in einer romantischen Liebesgeschichte á la Schlaflos in Seattle oder Serendipity gipfelt (ich liebe solche romantischen Schnulzen). Schön geschrieben, ohne allzu viel Tiefgang, aber auch nicht zu kitschig. Ein Gute-Laune-Buch.

Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau von Anne Berest (übersetzt von Gaby Wurster)

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Nachdem ich Berests Sagan – Paris 1954 mit großer Begeisterung gelesen habe, konnte ich es gar nicht erwarten, ihren neusten Roman zu lesen, der mich dann aber doch etwas zwiegespalten zurücklässt. Die titelgebende Emeliennen ist eine Pariser Fotografin, die sich, durch die Lebenskrise einer Nachbarin angeregt, auf die Suche nach der perfekten Frau macht. Dabei stellt sie sich allerdings als ziemlich unsympathische und unangenehme Person heraus (zumindest für mich), die rein egoistische Ziele verfolgt und sich nicht für die Nöte ihrer Mitmenschen interessiert. Dabei sind diese Mitmenschen, die Frauen, denen sie auf ihrer Suche begegnet, der Grund, warum mir das Buch doch ganz gut gefallen hat. Denn sie haben wirklich interessante Geschichten zu erzählen, die oft eine scharfsinnige Analyse der Rolle der Frau in der Gesellschaft liefern. So einen richtigen Plot gibt es nicht, viel mehr stolpert die Protagonistin von einer Episode zur nächsten. Auch wenn alles nicht so ganz stimmig zusammenpasst, und manchmal zu konstruiert wirkt, sind die einzelnen Episoden doch sehr lesenswert.

In der nächsten Buchbesprechung kehren wir dann nach Reims zurück, die ist etwas ausführlicher geworden und hat einen eigenen Eintrag verdient.

„Sagan, Paris 1954“ von Anne Berest

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Buch Nummer sieben meiner Frankreich-Reihe, und das vierte von einer Autorin. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, überhaupt zeitgenössische französische Autorinnen zu finden, jetzt im Bücherherbst purzeln sie reihenweise von den Bäumen. Dabei wollte ich im Halloween-Monat Oktober vor allem Horror lesen. Doch was soll ich machen, die französischen Autorinnen haben mir den Kopf verdreht.

Anne Berest ist bei uns vor allem als Co-Autorin des Ratgebers How to be a Parisian bekannt, schreibt aber auch Romane. Jetzt im Herbst erscheint Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau auf Deutsch, wodurch ich auch auf sie aufmerksam geworden bin (das Buch kommt demnächst dran).

Sagan, Paris 1954 ist leider nicht auf Deutsch erschienen, weshalb ich auf die englische Übersetzung von Heather Loyd zurückgreifen musste, die sich stilistisch ganz großartig liest. Und was für ein Buch! Nur 170 Seiten, aber davon jede ein Genuss. Dabei ist gar nicht so einfach zu erklären, um was für eine Art von Buch es sich handelt. Dennis Westhoff, der Sohn der berühmten französischen Autorin Françoise Sagan hatte Berest darum gebeten, ein Buch über seine Mutter zum 60. Jubiläum ihres enorm erfolgreichen Debütroman Bonjour Tristesse zu schreiben.

Herausgekommen ist eine Mischung zwischen Roman, Autobiografie und fiktionalisierter Biografie. Berest beschreibt die wenigen Monate vor und nach der Veröffentlichung des Buchs im Jahr 1954, was Sagan so getrieben hat, mit ihren Freunden, wie sie ihr Manuskript bei drei Verlagen persönlich vorbeibringt und an der Rezeption abgibt, wie sie daraufhin überraschenderweise telefonisch Rückmeldung erhält, und was für ein »Wahnsinn« sich danach entfaltet.

But she heaved a sigh: so that was what sucess meant, a long series of obligations.

Doch mittels Forshadowing lässt Berest auch den unbedarften Leser (also mich) wissen, wie es in den folgenden Jahren mit François Sagan weiterging, die im Jahre 1954 ja erst 18 Jahre alt war. Und auch sich selbst und ihr Leben bringt die Autorin mit ein, denn Westhoff hatte darum gebeten, dass sie auch darüber schreiben möge, was die Arbeit an diesem Buch mit ihr macht. Das ähnelt Delphine Vigans Vorgehensweise in Das Lächeln meiner Mutter, auch wenn Berest keinen persönlicheren Bezug zu Sagan hat, als den einer Leserin.

Um noch mal auf den fiktionalisierten Teil zurückzukommen, sie hat schon viel recherchiert, alle Biografien gelesen, Sagans Sohn Fragen geschickt und sich mit ihrer besten Freundin getroffen, aber manches schildert sie so, wie es sich zugetragen haben könnte. Wie zum Beispiel die Szene, in der François Sagan dem Radioaufruf von Abbé Pierre folgt, den erfrierenden Obdachlosen im Land zu helfen, die Opfer der extremen Kältewelle wurden. Wobei sie Sachen, die wirklich passiert sind, auch mit Endnoten (also Fußnoten, nur am Ende des Buchs) belegt.

Kürzlich habe ich hier ja Marguerite Duras Der Liebhaber besprochen, und spannenderweise kommt in dem Buch auch diese Autorin vor, die ihr Debüt schon ein Jahr 1953 zuvor veröffentlicht hat, Sagans Erfolg aber erst dreißig Jahre später gleichkommt. Sie beide gehörten viele Jahre dem gleichen Freundeskreis an.

Es wird gar nicht so viel in Sagan, Paris 1954 erzählt, aber das so wunderbar, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte. Ich bin schon sehr auf die Romane von Anne Berest gespannt.

Mir war gar nicht bewusst, was für ein Erfolg und was für ein Skandal das Buch Bonjour Tristesse in Frankreich seinerzeit gewesen ist, und ich bin erstaunt welche Hochachtung Anne Berest diesem Buch, der Geschichte darum und der französischen Literatur insgesamt entgegenbringt. Kann ich mir in Deutschland so nicht vorstellen. Es zeigt, dass die Literatur mit ihren vielen wichtigen Preisen in Frankreichnoch mal einen anderen Stellenwert hat als bei uns.

Sagan, Paris 1954 ist ein Buch darüber, wie François Sagan gewesen ist, wie sie gewesen sein könnte, und, was sie anderen – insbesondere der Autorin – bedeutet. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es heißt, Schriftstellerin zu sein, Berests Brief an den jungen Mann gegen Endes des Buches ist brillant und ergreifend, und so ist Sagan, Paris 1954 vor allem ein sehr persönliches Buch über Anne Berest.

Ob das alles stimmt, was sie da über sich schreibt, ist wieder eine andere Sache, vielleicht ist es ja auch eine fiktionalisierte Autobiografie, aber das spielt keine Rolle. Ob Wahrheit oder nicht, es ist eine verdammt gute Geschichte, ein verdammt gutes Buch, und darauf kommt es mir als Leser an.

„Der Liebhaber“ von Marguerite Duras

p1010266

Entgegen der Ankündigung im letzten Blogeintrag habe ich es jetzt doch gelesen, einfach, weil ich meine Frankreichreihe weiter durchziehen möchte und es sprachlich so toll geschrieben ist.

Erzählt wird die Lebensgeschichte einer Französin, die vor dem Krieg in Indochina aufwächst und später nach Frankreich zieht. Sie tritt dabei als gealterte Ich-Erzählerin auf, die vor allem über diese Jugendjahre berichtet, insbesondere über ihr 15. Lebensjahr, in dem sie einen doppelt so alten Chinesen kennenlernt, mit dem sie ihre erste Liebe erlebt. Daneben geht es viel um ihre dysfunktionale Familie mit der wohl psychisch kranken Mutter, dem soziopathischen großen Bruder und dem kleinen Bruder, über den sich gar nicht viel sagen lässt.

Das alles wird aber nicht chronologisch in Form einer klassischen Erzählung erzählt, vielmehr ist es ein Schwelgen in Erinnerungen mit vielen assoziativen Sprüngen durch  Zeit und Raum. Was mir den Einstieg auch ein wenig schwer gemacht hat, da ich erst null Überblick darüber hatte, wer jetzt was wo und wie ist. Mit der Zeit habe ich dann aber einen Rhythmus gefunden und so langsam fügten sich die Puzzleteile zu einem Bild zusammen; wenn auch nicht alle Puzzleteile perfekt passen und das Gesamtbild ein wenig verschwommen ist. Aber so ist das nun Mal mit Erinnerungen.

Die erste Liebe, das liest sich jetzt so romantisch, ist es aber nicht. Viel mehr schwingt dieser Beziehung von Anfang an etwas Falsche, etwas Schmutziges mit. Illegal war sie auch damals schon in diesem Land. Und auch nicht gerne gesehen. Deswegen habe ich während der Lektüre auch ständig ein Unbehagen verspürt, das ich nicht so recht in Wort fassen kann. Dass ich das Buch komplett gelesen habe, liegt vor allem an der tollen Sprache in der Übersetzung von Ilma Rakusa.

 

„Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan

p1010265

Rien ne s’oppose à la nuit heißt das Buch im Original, was so viel wie Nichts widersteht der Nacht heißt. Ein Titel, der viel besser passt, könnte man doch bei Das Lächeln meiner Mutter glauben, dass es sich um eine Liebeserklärung an die Mutter handelt. Doch hinter diesem Lächeln (das sie nicht oft zeigt), verbergen sich tiefe Abgründe. Die Abgründe der Familie.

Auf den ersten Blick wirken sie wie eine Vorzeigefamilie mit zahlreichen Kindern. Doch der ebenso scharfsinnige wie scharfzüngige Vater der Mutter, mit seinem einladenden und jovialen Auftreten kann auch ganz anders, was nicht wenige seiner Kinder zerstört oder zumindest für das weitere Leben aus der Bahn wirft. Ich will hier nicht zu viel über Lebensgeschichte der Mutter, ihrer beiden Töchter, ihrer Eltern und der zahlreichen Geschwister verraten. Die Mutter ist Lucile, und zu Beginn des Buches findet die Autorin sie tot in ihrer Wohnung. Davon ausgehend versucht sie das Leben ihrer Mutter zu rekonstruieren, in der Hoffnung, zu verstehen, wie Lucile werden konnte, wie sie war, und warum sie schlussendlich den Freitod wählte.

Das ist für die Autorin eine schmerzhafte Angelegenheit, und diesen Schmerz überträgt sie durch ihren brillanten und schnörkellosen Stil – der sich in der deutschen Übersetzung von Doris Heinemann großartig liest – mit seiner Poesie der Abgründe direkt auf die Leserin. Das ist kein Buch, das Spaß macht und gute Laune hinterlässt.

Die bisherigen drei Absätze der Besprechung schrieb ich, bevor ich die letzten 90 Seiten des Buchs gelesen habe. Ich wollte meine Gedanken bis dahin schon einmal zu Papier bringen. Doch im letzten Teil wird das Buch deutlich versöhnlicher.

Vigan erzählt die Geschichte ihrer Mutter nicht einfach chronologisch in der dritten Person; immer wieder tritt sie praktisch aus der Gegenwart ins Bild und schildert ihre schmerzhafte und umfangreiche Recherchearbeit an dem Buch. Schildert, was sie dabei empfindet, wie schwer das Wissen auf ihr lastet, mit dem Buch ihre Tanten und andere Verwandte zu verletzen, sie es aber doch schreiben muss.

Das könnte bei mancher Leserin durchaus dazu führen, dass sie aus dem Lesefluss und der Geschichte gerissen wird, aber es verleiht der Geschichte deutlich mehr Tiefe, ja gar eine emotionale Wucht, die mit einer Erzählung in Romanform nicht möglich gewesen wäre. Das Buch kommt übrigens auch gänzlich ohne Dialoge aus, nur hier und das werden Aussagen zitiert, ansonsten wird alles indirekt geschildert.

Einerseits ist die Autorin schonungslos offen, was ihre Gefühle und auch was die Biografie der Familie ihrer Mutter angeht, trotzdem geht sie sehr gewählt bei dem vor, was sie preisgibt. Man erfährt relativ wenig über ihr eigenes Liebesleben (der Vater meiner Kinder), die Kinder selbst (wurden von Lucile gehütet) und sie betont auch selbst, dass es Dinge gibt, über die sie bewusst nicht schreibt. Als jemand, der in einer psychosomatischen Klinik gearbeitet hat, kann ich nur bestätigen, wie eindrucksvoll und realistisch die de Vigan die bipolare Störung und die heftigen Psychosen ihrer Mutter schildert – und deren Auswirkungen auf die Kinder.

Es ist nicht alles Schatten in dieser Geschichte, immer wieder beschreibt die Autorin auch Phasen unbetrübter Kindheitserlebnisse, wodurch die negativen Aspekte im Leben dieser großen Familie aber nur noch stärker hervortreten. Immer wieder dachte ich, dass könnte doch so eine tolle und glückliche Familie sein, wenn nicht …

Ob wirklich alles autobiografisch in diesem Buch ist, ob die Geschichte so stattgefunden hat, oder ob einige Lücken auch durch die Interpretation der Autorin gefüllt werden (die offen darauf hinweist, was sie recherchieren konnte, und was nicht), spielt für mich keine Rolle. Das Lächeln meiner Mutter ist eine gute, bewegende und mitreißende Geschichte, die unter die Haut geht. Nach der Lektüre muss man erst mal kräftig durchatmen. Aber es wird definitiv nicht mein letzte Buch von Delphine de Vigan sein.

Eigentlich wollte ich danach direkt mit Marguerite Duras‘ Der Liebhaber weitermachen, aber nach den ersten 20 Seiten scheint mir das Buch doch thematisch zu nah an diesem hier dran zu sein. Da brauche ich jetzt erst mal was Leichteres.