Mein 2019

Am 7. Januar war 2019 für mich bereits gelaufen. Ab da ging es humpelnd, auf Krücken und mit Knieorthese durchs Jahr. Zwei Knie-Operationen, ein genähter Meniskus (dessen Naht übrigens nicht gehalten hat), eine Beckenkammentnahme (Knochenmaterial weggefräst und in die Bohrkanäle der alten Kreuzbandplastik eingesetzt), eine alte entfernte Kreuzbandplastik und eine neu eingsetzte. War alles halb so wild, beeinflusste mein Jahr aber doch stark, folgte auf die OPs jeweils eine längere Rehaphase mit Physiotherapie und viel Training zu Hause.

Und zu Hause war das Leitthema des Jahres, verzichtete ich doch aufgrund oben geschilderter Situation auf längere Reisen. 2017 war ich in Paris, 2018 in New York, 2019 nur auf dem Marburg Con und dem Bucon (die aber beide toll waren). Ansonsten habe ich vor allem viele Artikel und Newszusammenfassungen für Tor Online geschrieben, tolle Bücher gelesen, viele Serien geschaut (mit hochgelegtem Knie und einem Eisbeutel darauf). Im Kino war ich kein einziges Mal. Wandern auch nicht. Dafür aber viel Fahrradfahren.

Der Blog wurde ziemlich vernachlässigt, da alle schreibtechnische Energie in Tor Online floss. Nur 10 Beiträge. Ein Rekordtief, seit Translate Or Die 2011 an den Start ging. Nur eine einzige Buchbesprechung, zu The Borrowed von Chan Ho-Kei. Ein paar Kurzkritiken und drei Serienempfehlungen. Ein Artikel über meine sinkende Leselust (die sich übrigens behoben hat), über eine unveröffentlichte Übersetzung (die es wohl auch bleiben wird), ein Bericht über meinen Besuch bei den New York Yankees 2018 und ein Rückblick auf das komplette vergangene Jahrzehnt.

Meine Artikel auf Tor Online für das erste Halbjahr habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst, und hier ist der Rest:

Und bei Hundertvierzehn (dem literarischen Onlinemagazin des S. Fischer Verlags) erschien:

 

Mein(e) … des Jahres

Song: Solway Firth von Slipknot
Album: Lux Prima von Karen O und Danger Mouse
Buch: Beastie Boys Book von Adam Horowitz und Mike Diamond
Sachbuch: Midnight in Chernobyl von Adam Higginbotham
Roman: Die goldene Stadt von Sabrina Jansch
Film: Marriage Story
Cleverstes Drehbuch: On Cut Of The Dead (nicht von den ersten 30min abschrecken lassen, die erhalten am Ende eine geniale Auflösung)
Bestes Remake: Suspiria
Beste Doku: American Factory
Beste Mini-Serie: Chernobyl
Beste neue Serie: Euphoria
Beste alte Serie: Mindhunter und She’s Gotta Have It
am schnellsten weggebingte Serie: Line of Duty (Staffeln 1-4)
Beste Doku-Serie: Street Food Asia und Our Planet
Bestes Computerspiel des Jahres: Resident Evil 2 Remake (hab sonst nichts gezockt)
Bestes Hörspiel des Jahres: Die jutten Sitten
Bester Artikel des Jahres: A Battle for My Life von Emilia Clarke (im New Yorker)

Zu den Filmen sei noch gesagt, dass ich – anders als bei den Büchern – keine Liste darüber führe, was ich geschaut habe, weshalb die Filme vom Jahresende besser in Erinnerung sind, als die vom Jahresanfang. Da ich nicht im Kino war, kann ich nur gesehen haben, was schon im Heimkino erschienen ist.

Die Knieverletzung hat mich ein wenig aus meiner üblichen Routine gebracht, was durchaus eine interessante Abwechslung war. 2020 wird beruflich noch ein bisschen was anderes hinzukommen, und mal schauen, wie es weitergeht. Hätte nichts dagegen, mal wieder ein Buch zu übersetzen. Im Januar erscheint zumindest eine von mir übersetzte Kurzgeschichte in der phantastisch! Zur politischen Lage habe ich mich bereits im Dekadenrückblick geäußert.

Da ich ja in der Phantastik- bzw. Buchbranche arbeite, sei noch erwähnt, dass 2019 für ebenjene schon eine Art Krisenjahr war. Anfang des Jahres meldete der Buchgroßhändler KNV Insolvenz an, weshalb viele Verlage auf ihren Rechnungen sitzen blieben, was vor allem für Kleinverlage existenzbedrohend sein konnte. Dann kündigte die Post die Abschaffung der Buchsendung und eine Portoerhöhung an, und zu guter Letzt sortierte der andere Großhändler Libri Hunderttausende Buchtitel aus seinem System aus. Angeblich aus ökonomischen Gründen Titel, die sich nicht verkauft haben. Doch von Verlagen hört man, dass das oft völlig willkürlich ablief, ohne Vorankündigung. Teilweise Teil 4 oder so einer Serie, während alle anderen Teile im System blieben.

Und einige Phantastikverlage gingen infolge der Krise tatsächlich in die Insolvenz. Z. B. Feder & Schwert und Golkonda, andere Kleinverlage machten ganz dicht. Die Zahl der LeserInnen schrumpft, Netflix und Co. werden zur immer größeren Konkurrenz, und die Verlage sind ratlos, was noch funktioniert, weil es keine klar definierbaren Trends mehr gibt, wie einst die Völkerfantasy, Vampire oder Ähnliches. Und Riesenbestseller wie einst Harry Potter, Dan Brown oder Fifty Shades of Grey gibt es auch kaum noch.

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Scheiß drauf, das bleibt jetzt so! Mein Rückblick auf das ausklingende Jahrzehnt

Das Ende eines Jahrzehnts gilt als Wegmarke, die Anlass bietet, einen Blick zurückzuwerfen, auf jene Dekade, die gerade verstrichen ist. Ein Blick zurück auf verpasste Chancen und genutzte Gelegenheiten, die größten Triumphe und bittersten Niederlagen, erreichte Ziele und verpasste Träume. Auf Entscheidungen und deren Folgen.

Mein vorletztes Jahrzehnt endete mit einer Entscheidung, die mein Leben bis heute maßgeblich beeinflussen sollte. Einer Entscheidung, die ich nie bereut habe und die auch zur Existenz dieses Blogs führte. Und jetzt sitze ich hier und blicke auf ein abwechslungsreiches und aufregendes Jahrzehnt zurück, das mir so einige großartige Möglichkeiten bot, die ich nicht alle zu nutzen wusste.

Ein Jahrzehnt, das mich erstmals nach Paris und New York brachte; in dem ich mein erstes Buch übersetzte, dem zwölf weitere folgen sollten; in dem ich meinen zweiten Uni-Abschluss machte; in dem ich aber auch wieder ins Elternhaus zurückzog und zeitweise in einen Beruf zurückkehrte, mit dem ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ein Jahrzehnt, in dem ich gelernt habe, dass ich kein guter Netzwerker bin, es aber irgendwie doch halbwegs auf die Reihe bekommen habe, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad; und in dem ich ein wenig den Anschluss an die digitale Gegenwart verloren habe, zumindest was die beruflichen Skills angeht, obwohl ich schon seit drei Jahren einen Teil meines Einkommens über das Internet verdiene. Was ich aber – und hier ist der erste gute Vorsatz fürs nächste Jahrzehnt – jetzt zu ändern gedenke.

Die Nullerjahre beendete ich als Optimist, meine persönliche Zukunft ebenso betreffend, wie jene der Menschheit. Das aktuelle Jahrzehnt beende ich als Zweifler. Daran zweifelnd, wie es bei mir weitergehen soll, und schwarzsehend, was die Zukunft der Menschheit angeht. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die 2010er-Jahre als das Jahrzehnt in die Geschichte eingehen wird, in dem die Demokratie nach ihrem kurzen Höhenflug, der nur drei Jahrzehnte anhalten sollte, in finstere Untiefen abstürzte. Die 2010er werden nicht nur das Jahrzehnt sein, an dem der Tipping Point verpasst wurde, an dem man die Folgen des Klimawandels zumindest noch hätte abschwächen können, sondern auch die Dekade der Rechtspopulisten und Autokraten.

Das letzte Jahrzehnt vor dem Zeitalter der Dystopie, in dem jene Szenarien Wirklichkeit werden, von denen ich sonst so gerne in Science-Fiction-Romanen gelesen habe, wissend, dass sie als Warnung vor einer Zukunft galten, die es uns noch gelingen würde zu verhindern. Ein Irrtum, wie sich mit Blick nach China, Russland, England, Amerika und auch in die direkte Nachbarschaft zeigt. Eine Regierungsbeteiligung der rechtsextremen AFD ist nur eine Frage der Zeit, und ich bin fest überzeugt, dass dieser Sündenfall schon in den nächsten Jahren eintreten wird, denn der Rechtsruck in unserer Gesellschaft hat nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien und im Journalismus längst stattgefunden und ist bereits tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert, auch wenn die Meisten noch die Augen davor verschließen, und so tun, als würde es sich nur um eine Randerscheinung handeln, die schnell vorübergeht. Aber darum soll es hier nicht gehen. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Da bin ich ganz pragmatisch. Vielleicht kann ich es mir auch erlauben, weil ich keine Kinder habe. Hier geht es um meinen persönlichen Rückblick auf das letzte Jahrzehnt, nicht um die Sorgen für das nächste.

Im Spätsommer 2009 entschied ich mich, nach Berlin zu ziehen, nachdem meine Bewerbung für ein Zweitstudium an der Freien Universität Berlin erfolgreich war. Es folgten ein sehr kurzfristig anberaumter Sprachtest und eine hektische Wohnungssuche, erschwert dadurch, dass ich mein zweites Jahr als Sozialpädagoge in einer psychosomatischen Suchtklinik beenden musste, und nicht mehr genügend Urlaub übrig hatte, um mehrere Wochen ausschließlich auf die Wohnungssuche verwenden zu können.

Im Januar 2010 saß ich als Erstsemester der Nord- und Lateinamerikastudien in meiner Wohnung in Berlin/Moabit und genoss es erstmals, ganz alleine zu wohnen. Zwar hatte ich in meinen sechs Jahren an der Uni Siegen ein Zimmer im Studentenwohnheim, aber von alleine wohnen kann da keine Rede sein. Für die die damalige Zeit und mich mit Anfang 20 war es genau das Richtige, so wie ein Jahrzehnt später eine ganz eigene Wohnung genau das Richtige war. Mit 30 ein neues Studium zu beginnen, umgeben von zehn Jahre jüngeren Studierenden war ein ganz eigenes Erlebnis, das zu einem komplett anderen – und viel fokussierterem Studium! – führte.

Es war aufregend, während der Amtszeit und Wiederwahl Barak Obamas US-amerikanische Geschichte, Politik, Soziologie und Kultur zu studieren. Noch interessanter wäre es nur während des Beginns der Ära Trump gewesen, denn die haben wir alle nicht kommen sehen, obwohl die Anzeichen dafür da waren. Vermutlich wollten wir sie nicht sehen, weil es so bequemer war und wir uns weiterhin nicht eingestehen mussten, kein Mittel gegen die Radikalisierung der Rechten und den Populismus zu haben, und das uns die Digitalisierung und das Internet über den Kopf wuchsen.

13 Bücher (sowie zahlreiche Kurzgeschichten und Fernsehdokumentationen) habe ich im vergangenen Jahrzehnt übersetzt, und nicht immer war „Scheiß drauf, das bleibt jetzt so!“ die richtige Entscheidung, auch wenn sie teilweise Umständen geschuldet war, auf die ich nur wenig Einfluss hatte – von wegen (oft künstlich und ohne Not herbeigeführter) Zeitdruck in der Branche. Und ganz ehrlich, manchmal habe ich mir auch gedacht: „Wenn ihr nur XY Euro für eine Übersetzung zahlt, dann bekommt ihr auch eine Übersetzung für XY Euro.“ Auch wenn mir mein beruflicher Stolz lautstark ins Gewissen geredet hat – hin und wieder erfolgreich.

Aber ich bin stolz auf meine Übersetzungen und halte manche davon für durchaus gelungen. Bücher zu übersetzen war sozusagen die realistischere Variante davon, die Leidenschaft für Bücher zum Beruf zu machen. An der unrealistischeren arbeite ich noch. Ich stecke immer noch mitten in der Überarbeitung der ersten Fassung meines ersten Romans. Die Illusion, damit Geld zu verdienen habe ich nicht (man beachte dazu Falko Löfflers wunderbar ehrlichen und toll geschriebenen Dekadenrückblick, der mich zu diesem hier inspirierte). Da ist das Übersetzen die realistischere Variante, wenn auch nicht mehr für lange. Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es noch Jahrzehnte dauern würde, bis wir Übersetzer von Computern ersetzt werden. Inzwischen bin ich überzeugt, dass die ersten Verlage schon daran arbeiten, Übersetzungen in Zukunft von Software wie DeepL machen und das Ergebnis nur noch von einem Lektorat überarbeiten zu lassen. Ganz gleich, ob die Programme schon so weit sind, oder das Ergebnis überhaupt halbwegs lesbar sein wird. Das ist die Illusion, die mir die professionelle Tätigkeit in der Branche ein wenig geraubt hat.

Ein Jahrzehnt, das ich mit Zweifeln beende, darüber, wie es beruflich weiter gehen soll. Aktuell arbeite ich sehr viel für das phantastische Onlinemagazin Tor Online von Fischer Tor (S. Fischer Verlag), verfasse zweimal wöchentlich eine Newszusammenfassung und schreibe Artikel zu Themen der Phantastik. Ab Januar wird noch ein weiterer Aufgabenbereich hinzukommen, was mir erstmal etwas mehr finanzielle Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mich weiter nach Möglichkeiten umsehen und mich auch weiterentwickeln, wenn ich in den nächsten Jahren wieder nach Berlin ziehen möchte. Und das möchte ich wirklich, da mir das Leben in dieser Stadt inzwischen sehr fehlt.

Ich kann sehr faul, aber auch sehr produktiv sein, wenn es um die Arbeit an eigenen fiktionalen Texten geht, aber mit dem zu Ende bringen hapert es häufig. „I bully myself ‚cause I make me do what I put my mind to“, rappt Eminem in Rap God. Das ist etwas, was ich besser trainieren muss. Mich selbst dazu antreiben, Dinge zu tun, die ich mir vorgenommen habe.

Die letzten Jahre in der Selbstständigkeit hat sich bei mir eine gewisse Routine eingeschlichen, die bequem ist, da sie mir immer wieder ausreichend Freizeit bescherte, was ich für den größten Luxus überhaupt halte, die mir aber irgendwie auch die Energie für gewisse Projekte stahl. Meine Knieverletzung Anfang 2019, mit zwei darauf folgenden Operationen und einer langwierigen Rehaphase, hat mich ein wenig aus dieser Routine geworfen, was ich trotz diverser Unannehmlichkeiten teilweise begrüßt habe. Zumindest was meinen Alltag betraf, ansonsten bin ich dadurch weniger verreist und unter Leute gekommen als normalerweise. Es hat mir aber auch gezeigt, wie gelassen und pragmatisch ich auf solche Unannehmlichkeiten und unbequeme Dinge reagieren kann, wenn ich sie schließlich angehe.

Es war ein lehrreiches Jahrzehnt, das mich in einige für mich ungewohnte Situationen gebracht hat. Allein in der Großstadt zu leben, in der Kinder- und Jugendhilfe zu arbeiten, im Kindergarten, dann den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und die Erkenntnis, dass dies das richtige Berufsmodell für mich ist. Im kommenden Jahrzehnt sollte ich mich auf diese Erkenntnisse und meine Stärken konzentrieren und diese besser und öfters nutzen. Und ich sollte wieder mehr Veränderungen in mein Leben lassen, denn durch diese bin ich in der Vergangenheit immer aufgeblüht. Obwohl ich den Gedanken an Veränderungen zunächst immer hasse.

Die Zehnerjahre waren auch eine Dekade des Bloggens. Translate or die ging 2011 an den Start. Ursprünglich als rein berufliche Internetpräsenz gedacht, wurde es mit der Zeit immer persönlicher und bot mir als introvertiertem und schüchternem Menschen die Möglichkeit, etwas mehr an die Öffentlichkeit zu gehen. 2019 ging die Zahl der Blogpost drastisch zurück, und irgendwie habe ich ein wenig die Lust daran verloren, aber schließen werde ich den Blog nicht. Vielleicht ist es nur eine Phase.

Es war auch ein Jahrzehnt, in dem ich den Kontakt zu einigen alten Freunden verloren habe, die mir doch sehr fehlen. Aber Lebensmodelle und -läufe entwickeln sich irgendwann auseinander und es reicht wohl auf Dauer nicht, sich krampfhaft an den Erinnerungen an die schöne gemeinsame Zeit festzuhalten. Doch es war auch ein Jahrzehnt, in dem neue Freundschaften entstanden sind. Ein Jahrzehnt, in dem ich erstmals Trauzeuge war.

Nostalgie ist Gift und hält uns davon ab, unbeschwert in die Zukunft zu gehen. Deshalb schließe ich den Dekadenrückblick hiermit ab, hadere nicht länger mit falschen Entscheidungen, trauere keinen verpassten Gelegenheiten nach und klammere mich nicht an schöne Erinnerungen. Trotz aller Zweifel und Sorgen möchte ich lieber erhobenen Hauptes mit intaktem Knie und voller Tatendrang ins neue Jahrzehnt schreiten.