„Die ???: Das Geheimnis des Bauchredners“ von André Marx und „Signale aus dem Jenseits“

Eine Buch- und eine Hörspielbesprechung sowie ein Plädoyer dafür, die drei Detektive endlich erwachsen werden zu lassen.

Geheimnis des Bauchredners

Nach fast 200 Folgen ist es natürlich schwer, das Rad neu zu erfinden, was interessante Fälle und Ansätze für die Juniordetektive aus Rocky Beach angeht. Der eine Autor, dem dies gelegentlich mit Folgen wie Das Auge des Drachen oder Das versunkene Dorf gelingt, ist André Marx, der mich zuletzt mit Die Spur des Spielers aufgrund seines unverkennbaren und sicheren Stils überzeugen konnte. Die Folgen Der Geist des Goldgräbers und Das Kabinett des Zauberers zähle ich zu den eher schwachen Marx-Folgen, Insel des Vergessens zu den stärkeren und originelleren, Geheimnis des Bauchredners bewegt sich auch eher im guten Mittelfeld.

Es gibt ein Wiedersehen mit Patricia Osborn, der Tante von Allie Jamison aus Die singende Schlange („Purpur bietet Schutz, müsst ihr wissen“), Sunshine aus … und die feurige Flut und eine unheimliche Begegnung mit einer eigenwilligen Bauchrednerpuppe. Es spielt sich also fast alles um das neue Haus von Patricia ab, indem sie in einer New-Age-WG wohnt, bei Neumond Kräuter sammelt und Schutzrituale abhält – also alles eitel Sonnenschein, wäre da nicht die unheimliche Puppe.

Alles bekannt Themen bzw. Versatzstücke aus schon bekannten Folgen, die recht souverän aber auch ohne jegliche Überraschungen eingesetzt werden, sogar ein Zirkus spielt eine gewisse Rolle. Negativ anzumerken ist der inflationäre Einsatz von Peters Wunderdietrichset und, dass Bob mal wieder eins auf die Nuss bekommt, dies aber – vermutlich, weil er es schon gewohnt ist – inzwischen ohne Kopfschmerzen oder Haschimitenfürsten übersteht. Würde mich aber nicht wundern, wenn er mit 40 ähnliche Hirnschäden davonträgt wie Footballspieler oder Boxer.

Ich lese ja fast nur noch Marx-Folge unter den Neuerscheinungen (Sonnleitner wird ignoriert, bei allen anderen Autoren warte ich die Kritiken ab), und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht, allerdings hält sich die Begeisterung auch in Grenzen. Die Folge liest sich flott und unterhaltsam, bietet aber nicht mehr als durchschnittliche Kost an.

Vor einigen Jahren war ich noch Sammler, da habe ich mir alle neuen Folgen in Buch- und Hörspielform gekauft, bis die völlig an den Haaren herbeigezogenen Folgen von Marco Sonnleitner (Zwillinge der Finsternis!) überhandnahmen, der leider auch die Angewohnheit hat, die Kapitel an den spannendsten Stellen abzubrechen, um von den eigentlich aufregenden Ereignissen dann Justus auf langweilige Art im Rückblick berichten zu lassen. Mit der Zeit nahm aber auch die Qualität der anderen Folgen ab, was ich zum Teil auch dem Lektorat anlaste, das grobe Klöpse durchgehen lässt, nicht mehr auf Continuity und Stimmigkeit in Bezug auf ältere Folgen achtet und die Figuren völlig out-of-character handeln lässt.

Und auch bei den Hörspielfolgen verlor ich irgendwann die Lust, nachdem die Folgen immer länger (bis zu 80 Minuten) wurden, dabei aber lieblos im Dienst-nach-Vorschrift-Modus im anachronistischen Analogstudio mit Geräuschen und Raumklang wie vor 30 Jahren runtergenudelt werden.

P.S. wieso steht da eigentlich kein Artikel im Buchtitel? Meiner Meinung nach müsste es Das Geheimnis des Bauchredners“ heißen.

Signale aus dem Jenseits

Die aktuelle Folge Signale aus dem Jenseits habe ich mir dann doch gekauft, weil ich neugierig war, wie sich der neue Erzähler Axel Milberg macht. Gar nicht so schlecht, aber so richtig habe ich mich noch nicht an die hellere Stimme gewöhnt.

Der Fall selbst beginnt recht vielversprechend, als Bob entdeckt, dass die Wahrsagerin aus dem Fernsehen, von der Tante Mathilda so schwärmt, niemand anderes ist, als seine ehemalige kriminelle Therapeutin Clarissa Franklin (Stimmen aus dem Nichts, Rufmord). Daraus hätte sich ein spannender Fall entwickeln können, der sich in Ansätzen auch zeigt, doch leider verliert er sich dann in einer konfusen Auflösung und einem völlig verzettelten und langweiligen Finale und einigen wenig nachvollziehbaren Handlungswendungen (im Sinne der Spannung). Judy Winter ist als Clarissa Franklin natürlich wieder ein Genuss, aber das alleine reicht einfach nicht für einen guten Fall und ein spannendes und gelungenes Hörspiel.

Die Geschichte strapaziert auch die sitcommäßige Zeitspalte, in der die drei Detektive ähnlich gefangen sind, wie die Simpsons, in der immer mehr Zeit vergeht, ohne dass sie altern, aufs äußerste. Heißt es doch, Franklin sei mehrere Jahre in der Psychiatrie gewesen. Wenn ich mich recht entsinne, fuhr Bob zu der Zeit ihrer Entlarvung bereits Auto, was man in den USA frühestens mit 15 machen kann, geht aber jetzt, Jahre später immer noch zur Schule, die man in den USA mit 16 abschließt.

Lasst die drei Fragezeichen erwachsen werden!

Klar, 200 Fälle, ohne dass sie merklich altern – abgesehen von dem Zeitsprung ins Führerschein- und Freundinnenalter -, das ist halt eine Serienlogik, die man eigentlich nicht hinterfragen darf, aber hier passt sie einfach hinten und vorne nicht mehr. Deshalb schließe ich mich der Forderung an, die drei Fragezeichen endlich erwachsen werden zu lassen. Das würde das verfügbare Themenspektrum deutlich erweitern und den Autoren ganz andere Möglichkeiten bieten, den Figuren und dem Konzept wieder etwas Neue abgewinnen zu können.

Ich weiß, Justus, Bob und Peter sind ein Dauerbrenner und Kult, und viele Kassettenkinder wie ich erhalten dadurch eine neue Dosis Nostalgie, die aber mit jedem neuen Schuss weniger Wirkung entfaltet und immer mehr zu negativen Trips führt, die mich zum Beispiel dazu bringen, mich langsam von dem Stoff zu entwöhnen, auch wenn ich gelegentlich Rückfälle habe oder auf jenen reinen Stoff meines Dealers des Vertrauens (André Marx) zurückgreife. Und ja, das jugendliche Publikum ist wohl als Käuferschicht für die Geldmaschine der drei Fragezeichen nicht zu unterschätzen. Doch für mich würde das eine Möglichkeit bieten, meinen geliebten Kindheitshelden weiterhin treu zu bleiben.

Wie wäre es mit einem gewagten Zeitsprung von zehn bis fünfzehn Jahren oder mehr, der die drei Freunde als Erwachsene zeigt?

„My Girlfriend Comes to the City and Beats Me Up“ von Stephen Elliott

Auf das Buch bin ich durch diese Liste mit 50 Incredibly Written Sex Scenes in Books gestoßen, auf der sich ansonsten AutorInnen wie Ellena Ferante, Ian McEwan, Haruke Murakami, Don DeLillo oder Joyce Carol Oates befinden. Und wie könnte ich einem solchen Buchtitel bei dem Cover widerstehen?

Doch anders, als das Titelbild vermuten lässt, handelt es sich nicht um Wichsgeschichten oder Erotika. In den elf autobiografischen Kurzgeschichten geht es vielmehr um die destruktiven Beziehungen, die Elliott immer wieder eingeht; die nicht wirklich erotischen Sexszenen, die dabei entstehen, verbindet er mit Erinnerungen an seine schlimme Kindheit, voller Misshandlungen, Missbrauch, Obdachlosigkeit und wechselnden Kinderheimen. Geprägt durch diese Erfahrungen sucht er in seinen Beziehungen eine Wiederholung dieser Muster, was zu wirklich ungesunden Beziehungen führt.

Aber mit jeder neuen Beziehung, mit jeder neuen Kurzgeschichte wird es etwas besser, bis er an seine Freundin Eden gerät, mit der er eine komplizierte polyamoröse aber durchaus harmonische Beziehung führt. Bis dahin erzählt er von einem Leben in einfachen Verhältnissen, vom Kontakt mit Menschen am Rande der Gesellschaft.

BDSM spielt bei seiner Entwicklung eine wichtige Rolle, bietet es ihm doch die Möglichkeit, die Traumata seiner Kindheit nachzuerleben. Was zunächst aber zu unsafen und destruktiven Praktiken führ, bis er die geeignete Partnerin findet, die dafür sorgt, dass es bei ihm eine kathartische Wirkung entfaltet und er den Sex schließlich auch genießen kann.

Raymond Carver oder Charles Bukowski nur mit etwas mehr Sex. Faszinierendes Psychogramm eines Mannes, der nach schlimmer Kindheit seinen holprigen Weg ins Leben und zur Liebe findet, wenn auch etwas anders, als es sich der klassische Spießbürger vorstellt. Wobei Elliott vieles nur am Rande erwähnt, wie z. B. seine Drogensucht oder seine College-Abschlüsse, durchaus aber auf diverse Jobs eingeht. Hätte ruhig etwas ausführlicher werden können, ist trotzdem aber sehr lesenwert.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Meine Freundin kommt in die Stadt im Arche Verlag erschienen, in den USA bei Cleis Press. Bekannt wurde Elliott (zumindest in den USA) durch das Buch Happy Baby, das ähnliche Themen behandelt. 2012 führte er beim Film About Cherry Regie.

„Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Inseln)“ von Lian Hearn

Aktuell mangelt es mir immer noch ein wenig an Muse für eine längere Rezension, deshalb hier ausnahmsweise die offizielle Inhaltsangabe des Verlags (Fischer/Sauerländer):

Shikanoko ist eigentlich nur der Sohn eines einfachen Vasallen. Doch als er von einem Magier eine übernatürliche Maske vermacht bekommt, wird aus ihm das Kind des Hirsches, und er verfügt fortan über magische Fähigkeiten und besonderes Kampfgeschick. Als der alte Kaiser stirbt, gerät Shikanoko in die Fänge des Fürstabts, der alles daransetzt, die höchste Macht im Land – den Lotusthron – an sich zu reißen. Shikanoko muss fliehen und entkommt dabei mehr als einmal nur knapp dem Tod. Doch er muss unbedingt Aki finden, die Herbstprinzessin, die er liebt, und die ein großes Geheimnis verbirgt. Denn in ihrer Obhut befindet sich niemand anderes als der rechtmäßige Nachfolger für den legendären Lotusthron.

Lian Hearns Fantasyroman spielt in einer fiktiven Welt, die dem feudalen Japan des Mittelalters nachempfunden ist und steckt wie viele Sagen und Epen dieser Zeit voller Magie und übernatürlicher Wesen (wie z. B. zwei äußerst gefährliche aber auch sehr unterhaltsame Schutzgeister). Es gibt Hexer, mächtige magische Priester, Seelen von Toten, die die Welt nicht verlassen wollen, Dämonen und Zaubersprüche und Banne.

Es ist eine Welt voller Magie und Wunder, aber auch eine äußerst brutale und teils herzlose Welt, in der Frauen und Kinder in Massen ermordet und vergewaltigt werden; in der Augen ausgestochen, Menschen gefoltert und ihnen die Zung herausgeschnitten wird, wenn sie etwas Kritisches gegenüber der Regierung sagen. Eine Welt, in der die Götter den Menschen für ihre Missetaten zürnen.

All das wird aus der Perspektive mehrerer POV-Charakteren erzählt, also nicht nur aus Sicht Shikanokos, sondern auch der Herbstprinzessin Aki, der kleinen Hina, dem neiderfüllten Bruder Masachika, der boshaften Tama und einigen anderen. Hearn erzählt das alles genau auf den Punkt geschrieben, ohne irgendwelche Längen, mit ständigen überraschenden Wendungen. Nie verweilt die Geschichte lange an einer Stelle, immer sind alle unterwegs, unternehmen etwas oder geraten in die Fänge des Schicksals.

Ein sehr unterhaltsam und spannend geschriebener Fantasyroman in japanisch beeinflusstem Setting, allerdings auch sehr brutal, nicht unbedingt die übliche Jugendbuchkost, relativ komplex, mit vielen Namen, Bündnissen und Verstrickungen. Ob die Welt etwas mit der von Hearns erfolgreicher Reihe Der Clan der Otori zu tun hat, kann ich nicht sagen, da ich diese nicht gelesen habe. Die Übersetzung von Sibylle Schmidt liest sich ausgezeichnet.