Lesesplitter Mitte November

Ich klau mir mal diesen Titel und das Konzept ganz frech bei meinem Bloggerkollegen und Mitphantasten Oliver Naujoks und seinem sehr lesenswerten (wenn auch namenstechnisch etwas faulen) Blog Oliblog. 😉

Zuletzt fertiggelesen habe ich New Sol von Margarete Fortune, einem Science Fiction Roman, der bei Bastei Lübbe erschienen ist. Damit habe ich jetzt nach Heyne (Rachel Bach), Knaur (Julia Lange) und Fischer Tor (Becky Chambers), aus jedem aktuellen Phantastikprogramm der großen Publikumsverlage jeweils ein Buch von Autorinnen gelesen (siehe Wo sind die Frauen). Piper und Blanvalet haben da nichts im Angebot, was mich reizt. Wie auch, bei Piper gibt es bei 26 Titeln nur drei von Frauen, und die interessieren mich nicht (Romantasy usw). Ebenso wie die drei von 16 Titeln bei Blanvalet.

Was noch auf meiner Leseliste steht, sind Vektor von Jo Koren (Atlantis), Der Winterkaiser von Kathrine Addison (Fischer Tor) und Die Magier ihrer Majestät von Zen Cho (Knaur). Aber vermutlich werde ich nicht einmal die Hälfte davon schaffen, und wenn auch erst im nächsten Jahr. Wer meinen Blog und die vielen Besprechungen zu zeitgenössischen Büchern französischer Autorinnen gelesen hat, mag mitbekommen haben, dass mich die Phantastik aktuell nicht so anspricht und meine Interessen gerade woanders liegen.

p1010296

Nichtsdestotrotz habe ich kürzlich New Sol von Margarete Fortune gelesen, das mir mit freundlichen Grüßen der Übersetzerin Kerstin Fricke ins Haus flatterte. Mit seinen 360 Seiten und dem flüssigen Stil der Übersetzung ist das auch schnell gelesen. Es geht um Lia Johnson, die nach zwei Jahren in einem Kriegsgefangenenlager wieder freikommt und auf die Weltraumstation New Sol verfrachtet wird, wo sie feststellt, dass sie eine lebende Bombe ist und der Countdown unbarmherzig tickt.

Nach der Inhaltsangabe hatte ich mit einem rasanten und knallharten Thriller, so was wie 24 im All, gerechnet, nicht mit einem Jugendbuch, dass sich vor allem auf das Innenleben und die Beziehungen der erst 16-jährigen Protagonistin Lia konzentriert. Wobei das keine negative Überraschung war. Den Lias Suche nach Identität wird einfühlsam und keineswegs langweilig geschildert. Und am Ende gibt es noch einen netten Twist, der das Ganze wieder zum Verschwörungsthriller werden lässt. Mir hat das Buch Spaß gemacht.

Ebenfalls von Kerstin Fricke übersetzt wurde Frostflamme von Christopher Husberg, das ich nach 200 Seiten erst mal zur Seite gelegt habe. Das Buch ist durchaus gut geschrieben, mit interessanten Figuren und einer soliden Handlung, aber es hat dem Genre (zumindest bis Seite 200) absolut nichts Neues hinzuzufügen. Das habe ich alles schon x-mal gelesen, das Magiekonzept kann man durchaus als Faulheit bezeichnen (einfach Telepathie, Telekinese usw.), und die Welt bleibt mir insgesamt zu blass. Auch der religiöse Erzählstrang ist mir zu gewöhnlich. Das ist eher etwas für LeserInnen, die noch nicht viel Fantasy gelesen haben, oder gerne immer mehr vom Gleichen lesen.

Auch bei Amos Oz‘ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis befinde ich mich gerade auf Seite 200. Ist durchaus gut geschrieben, mit sehr viel interessanten Informationen zur Gründung Israels und dem intellektuellen Israel zu dieser Zeit, dazu viel Familiengeschichte aus Europa, aber teilweise feuert der Autor maschinengewehrmäßig mit Namen, die mir völlig unbekannt sind, nur so um sich. Wer in Israel aufgewachsen oder mit der Geschichte des Landes besser vertraut ist als ich, wird sicher viele der Autoren, Gelehrten, Politiker usw. erkennen, mir ist das aber zu viel Namedropping. Auch folgt die autobiografische Erzählung keiner Struktur, sondern springt willkürlich von durch die Zeiten und Orte, von Person zu Person, wobei sich vieles wiederholt. Das Buch werde ich definitiv weiterlesen, aber sicher nicht am Stück.

p1010295

Unterbrochen habe ich die Lektüre aktuell für den eher locker flockig geschriebenen Urban Fantasy Roman Apocalypse Now Now von Charlie Human, der in Kapstadt Südafrika spielt. Ich habe ja vor ziemlich genau einem Jahr damit angefangen, mich verstärkt für Südafrika und vor allem dessen Literatur zu interessieren (siehe Rezis zu Niq Mlongo u. Lauren Beukes), aber auch für die Musik (Die Antwoord). Da kommt dieser vor popkulturellen Anspielung nur so strotzende Roman gerade recht.

Inzwischen habe ich ihn beendet (schreibe schon seit einer Woche an diesem Beitrag, irgendwie ist ja jetzt auch schon fast Ende November), mal sehen, ob Zeit und Energie noch für ein Rezi reichen. Aktuell lese ich Can’t Stop, Won’t Stop – A History of the Hip Hip Generation von Jeff Chang, das inzwischen als Standardwerk über die Geschichte des Hip Hops gilt. Das Buch ist nicht nur ausgezeichnet recherchiert, sondern auch richtig gut geschrieben sowohl von der inhaltlichen Struktur her als auch vom Stil. Rezi folg dann gen Weihnachten.

Und das hier ist der Grund, warum mir gerade so wenig Zeit und/oder Energie für Buchbesprechungen und andere Blogbeiträge bleibt:

Die Neunte Stadt von J Patrick Black

Die Neunte Stadt von J Patrick Black

Über 700 Normseiten, drei Monate Zeit, auf dem Endspurt noch eine heftige Erkältung, da muss der Blog etwas warten. Jetzt gerade habe ich auch nur Zeit, weil ich mein Tagespensum schon erledigt habe. Ich werde noch ausführlicher darüber berichten, hier gibt es erste Infos.

Die englischsprachige Ausgabe hat durchaus schon begeisterte Leserinnen gefunden:

 

„Meine geniale Freundin“ von Ellena Ferrante

p1010298

Das Hypebuch der Saison. Ist mir aber egal, wenn mich ein Buch interessiert lese ich es, und wenn es mir gefällt, dann empfehle ich es weiter, Hype hin oder her. Wenn mich ein Buch jenseits des Hypes anspricht, dann hat das vor allem inhaltliche Gründe. Ich liebe Coming-of-Age-Geschichten, die man in der deutschen Literaturkritik als Entwicklungsroman bezeichnet, und in den Folgebänden geht es sich auch über das Coming of Age hinaus, aber meine geniale Freundin erzählt seine Geschichte vor allem durch Kinderaugen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich mal in Brasilien ein Fotoprojekt mit Jugendlichen in einer Favela durchgeführt habe. Wir haben damals Einwegkameras an Jugendliche verteilt, weil ich überzeugt war, dass wir aus deren Perspektive den ehrlichsten und authentischsten Blick auf das Leben in der Favela bekommen würden, denn durch die Augen von Kindern schimmert eine Wahrhaftigkeit, die wir Erwachsene im Laufe der Jahre verloren haben. In meiner Diplomarbeit habe ich diese These bestätigt.

Durch diese Kinderaugen erleben wir also nicht nur Abenteuer, Streiche, Spiele und Zankereien auf dem Schulhof, sondern auch einen Einblick in das Leben der Gemeinschaft, wie er intimer nicht sein könnte. Es gibt eine Simpsons-Folge, in der die Kinder von Springfield den Aufstand gegen zu strenge Regeln proben, indem sie über einen Piratensender intime und peinliche Details aus dem Leben ihrer Eltern verraten. »Wir kennen all eure Geheimnisse«.

Es sind die Kinder, die man nicht beachtet, die ungestört an der Wand zum Elternbett lauschen können, die von ihren Freunden viel erzählt bekommen. Und so bietet die Perspektive der Protagonistin Elena einen Blick auf das Zusammenleben in dem kleinen Stadtteil Neapels, den ein Erwachsener nicht liefern könnte. Die Kinder erfahren so vieles Geheimnisse, und darunter auch schreckliche, die sie fürs Leben zeichnen.

Die Kindheit sollte ein Ort der Geborgenheit sein, die uns vor den Grausamkeiten der Welt schützt, doch Elena wächst an einem Ort der Gewalt aus, wo sich die Kinder mit Steinen bewerfen, wo die Freundin von ihrem Vater aus dem Fenster geschmissen, die Mutter verprügelt wird. Wo sich zwei eifersüchtige Rivalinnen im Streit um einen Mann bis aufs Blut bekriegen. Wo das Messer schnell gezückt und der Abzug schnell gedrückt ist.

Insgesamt werden vier Teile erscheinen, alle drei Fortsetzungen sind für 2017 angekündigt. Dieser Band dreht sich vor allem um die Jugendzeit von Elena und ihrer Freundin. Wie die beiden zusammen aufwachsen, sich ihre Wege aber teilweise wieder trennen, weil nicht alle Eltern es gerne sehen, wenn ihre Kinder eine höhere Schulbildung erlangen, als sie selbst.

Sprachlich ist das Ganze in der Übersetzung von Karin Krieger recht nüchtern und pragmatisch geschrieben, ohne große Poesie, sich dabei aber auf die Figuren und ihre Geschichte konzentrierend, ohne viele Spielereien.

Es geht vor allem um die Freundschaft zwischen Elena und Lila, die nicht immer harmonisch abläuft und von Neid geprägt ist. Wie unter den Erwachsenen ist auch das Sozialleben unter den Kindern und Jugendlichen ein Hauen und Stechen. Und genau diese ambivalenten Schilderungen der Jugendfreundschaft ist die große Stärke des Romans, die bar jeder Sozialromantik keinen idealisierten, sondern vermutlich einen sehr realistischen Blick auf die Kindheit zurück wirft.

An der Stelle muss ich die Besprechung jetzt mal ganz untypisch unwirsch abbrechen, da meine Lektüre inzwischen einige Wochen zurückliegt, ich aber nicht zum Weiterschreiben gekommen bin, weil ich selbst gerade eine 700-Seiten-Übersetzung in recht sportlicher Zeit stemme. Um das Buch jetzt noch angemessen vertieft zu besprechen, habe ich inzwischen zu viel Distanz zum Buch bekommen, die Namen müsste ich schon nachschlagen. Und zu diesem Buch gibt es sicher genügend ausführliche Rezensionen, die man leicht googeln kann.

Meine geniale Freundin ist kein Buch, das mich begeistert und mitgerissen hat, das ich aber trotzdem gerne gelesen habe, vor allem wegen der plastischen Schilderungen der Kindheit im Neapel der 50er Jahre, der präzisen Beschreibungen des Stadtteilkosmoses und einer Generation, in der nicht alle Eltern möchten, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollen als sie selbst.

Ein paar spontane Gedanken zur Wahl

Überrascht bin ich nicht, schockiert aber trotzdem. Wer jetzt glaubt, dass es vielleicht doch nicht so schlimm werden wird, weil der Präsident ja weniger Macht besitzt, als allgemein angenommen wird – Obama hat ja auch vieles nicht durchsetzen können -, der sollte sich vor Augen halten, dass die Republikaner zum ersten Mal seit 1929 (glaube ich) in allen Häusern (Kongress, Senat und dem Weißen Haus) die Mehrheit haben (damals folgte die Große Depression). Während Obama konsequent von den republikanischen Mehrheiten blockiert worden ist, gibt es jetzt niemanden, der Trump blockieren kann. Und anders als Obama wird Trump sicher nicht darauf aus sein, den Konsens zu suchen, um die Nation nicht weiter zu spalten.

Ist aber auch kein Grund in Panik auszubrechen, ich vermute, dass Trump nicht ganz so dumm ist, wie er sich im Wahlkampf gegeben hat, und vieles vor allem sagte, um gewählt zu werden, weil er gemerkt, hat, dass ihm das ganze gehässige Gequatsche Stimmen einbringt. Andererseits ist er aber auch ein frauenfeindlicher, rassistischer, extrem narzisstischer und charakterloser Mensch ohne jegliche Moral. Man sollte durchaus damit rechnen, dass jetzt alles möglich ist. Für die Minderheiten in den USA brechen jedenfalls harte Zeiten an. Ich habe immer davon geträumt, mal in den USA zu wohnen, bin jetzt aber doch froh, dass ich diesen Traum noch nicht in die Tat umgesetzt hat. Die nächsten vier Jahre werden auf jeden Fall interessant und nervenaufreibend werden. Man sollte sich schon mit kleinen Lichtblicken zufriedengeben. Insofern werde ich schon froh sein, wenn Trump nicht den Dritten Weltkrieg vom Zaun bricht.

Die ganze Zeit hieß es, dass Clinton sich keinen besseren Gegner hätte wünschen können, damit sie ins Weiße Haus einziehen kann, dabei war es genau umgekehrt. Sie und die demokratische Partei hätten wissen müssen, dass sie nicht mehr die starke Kandidatin von vor 2008 ist, die nur knapp gegen Obama bei den Vorwahlen verloren hat. Der Hass auf Washington, die Politik und das Establishment ist in großen Teilen der USA so groß, dass die Menschen blind gegenüber jeglichen Fakten und jegliche Vernunft sind, und lieber dem populistischen Plärrer folgen, von dem sie sich lieber anlügen lassen. Vermutlich wäre Bernie Sanders die bessere Wahl für die Demokraten (und für die USA) gewesen.

Auch die Medien und die Satire haben ihren Teil zu Trumps Sieg beigetragen. Die Medien, indem sie ihm von Anfang an eine Plattform geboten haben, die größer war, als die für alle anderen möglichen Kandidaten (und indem sie alle möglichen Kleinigkeiten bezüglich Clinton enorm aufgeblasen haben). Die Satire, indem sie Trump von Anfang an als Witzfigur abgestempelt hat, die man nicht ernst nehmen kann, was meiner Meinung nach, die Fronten noch verhärtet hat, denn als Witzfigur konnte er sich ja sowieso alles erlauben. Das Hauptproblem ist nicht, dass er Ziel von Satire wurde, sondern, mit welcher Vehemenz und Verachtung es geschah, nicht der Verachtung ihm gegenüber, sondern der gegenüber seinen potentiellen Wählern.

Ich schätze, der Wahlsieg wird den populistischen Bewegungen in Europa weiteren Auftrieb geben. Dabei denke ich vor allem an die anstehenden Wahlen in Frankreich und Marine Le Pen. Bleibt zu hoffen, dass Präsident Donald Trump nicht irgendwann dem Bundeskanzler Bernd Höcke zu seiner Wahl gratulieren wird. Claus Strunz sagte im Sat1 Morgenmagazin, unsere Politiker sollten sich jetzt drauf besinnen, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen: »Das Leben der Menschen besser zu machen, und nicht nur ihr eigenes«, damit Populisten wie Trump kein weiterer Nährboden gegeben wird. Erst mal wird es schlimmer werden, ob es danach aber wieder besser wird, steht wohl in den Sternen.

Nach dem anfänglichen Schock ob der Wahl Trumps sollte man nicht den Kopf hängen lassen, sondern weiter erhobenen Hauptes gegen Intoleranz, Hass, Rassismus, Diskriminierung und für die Demokratie kämpfen. Jeder mit seinen Mitteln.