„Sternenschiff“ von Rachel Bach

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Ein Liebesroman mit Action im Weltraum. So beschreibt die Autorin ihr Buch scherzhaft im Interview am Ende des Buches. Das trifft es ziemlich genau, und es macht erstaunlich viel Spaß. Die Einflüsse der Geschichte um die Söldnerin Devi aus dem Königreich Paradox, die auf dem berühmt-berüchtigten Schiff Glücklicher Naar anheuert, dessen Sicherheitsmitarbeiter eine geringe Lebensdauer haben soll, denen aber tolle Berufsaussichten winken, wenn sie überleben, sind recht deutlich zu erkennen. Zum Glück verwendet die Autorin dabei nicht so holprige Schachtelsätze, wie den vorangegangenen, sondern bedient sich einer einfachen, flotten Sprache, um diese an Warhammer 40K aber auch Military-SF á la Kris Longknife angelehnte Geschichte zu erzählen, in der es um einen zwielichtigen Kapitän mit einer sympathischen Besatzung geht, die aber voller Geheimnisse steckt.

Es wird gar nicht so viel gekämpft, wie man vielleicht vermutet, aber wenn, dann geht es richtig zur Sache und erinnert mit Devis mechanisch-elektronischer Kampfrüstung und ihrem glühenden Thermitschwert stark an japanische Videospiele wie Final Fantasy. Devi ist eine tolle Frauenfigur, gar nicht so die klischeehafte Söldnerin, sondern eher eine abgeklärte Kampfsau mit liebenswürdigen Zügen, einem Hang zur Romantik und einem Hitzkopf, der sie ständig in Schwierigkeiten bringt. Zum Beispiel, wenn sie sich in den mysteriösen Schiffskoch Rupert verliebt, der ihr gerade durch seine zurückhaltende und schüchterne Art den Kopf verdreht.

Die meiste Zeit spielt die Handlung auf dem kleinen Schiff, ab und zu geht es mal auf einen gefährlichen Planeten oder ein noch gefährlicheres gegnerisches Schiff, während sich die Besatzung auf für Devi unbekannter Mission befindet. Apropos Besatzung, die besteht nicht nur aus Menschen, sondern auch aus einem vogelartigen Navigator und einem echsenartigen Schiffsarzt, der einer Rasse angehört, die am liebsten Menschen schlachtet und verspeist (aber eigentlich ein netter Kerl ist).

Viel Tiefgang oder außergewöhnlichen Weltenbau bietet die Geschichte nicht, aber das muss sie auch nicht. Als locker flockige Popcornunterhaltung macht sie auf ihre oberflächliche aber durchaus sympathische Art viel Spaß. Das ist genau die richtige Abwechslung, wenn man zwischen sperrigen Autoren wie Neal Stephenson und Kim Stanley Robinson mal etwas Leichtes benötigt. Aber anders als viele andere einfach gehaltene Space-Action-Romane, gibt es in Bachs Sternenschiff dreidimensionale Figuren mit Herz und einem gut ausgearbeiteten Hintergrund, der über die üblichen Abziehbilder hinausgeht. Trotz des relativ hohen Anteils an Action und Söldnergerede dreht sich die Geschichte vor allem um ihre Handlungsfiguren, allen voran die Ich-Erzählerin Devi.

Ach ja, es handelt sich nicht um eine abgeschlossene Geschichte. Ein paar Geheimnisse werden gelüftet, aber vieles bleibt offen, und wird wohl erst in den beiden Fortsetzungen erklärt, die bisher aber nur auf Englisch erschienen sind. Vom langweiligen deutschen Titelbild und dem nichtssagenden und einfallslosen Titel Sternenschiff sollte man sich nicht abschrecken lassen. Im Original hat sich die Autorin mit Fortune’s Pawn, Honor’s Knight und Heaven’s Queen wohl von David Eddings inspirieren lassen, der in den fünf Titeln seiner Belgariad-Saga auch jeweils eine Schachfigur untergebracht hat. Die Übersetzung von Irene Holicki ließt sich ganz ordentlich, schwächt aber mit ihrer manchmal etwas biederen Wortwahl die rotzfrechen Formulierungen der Ich-Erzählerin im Original ein wenig ab.

Zu Beispiel wurde aus: Cotter leaned forward. »Where do you get off being such a bossy bitch?«

I looked him dead in the eyes. »I was born a bossy bitch, so you can either roll with it or get rolled over.«

»Cotter beugte sich vor. »Wo hast du eigentlich gelernt, so stur und zickig zu sein?

Ich schaute ihm fest in die Augen. »Ich wurde stur und zickig geboren, also spiel mit, oder du wirst überrollt.«

Autorin Rachel Bach lebt übrigens in der Stadt Athens im US-Bundestaat Georgia, nicht in Athen, wie es im Buch in der Autorinnenbeschreibung steht. 😉

„God Stalk“ von P. C. Hodgell

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Es gab in der Fantasy eine Zeit, in der es vor allem um Fantasie ging, um das, was man in der Science Fiction als »Sense of Wonder« bezeichnet. Geschichten, in denen Heldinnen und Helden leichten Fußes in exotischen Welten von einem Abenteuer ins nächste stolperten und sie mit Witz und Einfallsreichtum meisterten. Welten, die von Monstern, Dämonen, dunklen Göttern und bösen Zauberern bevölkert waren; in denen überall Magie in der Luft lag; Welten, in denen noch nicht diese pseudorealistische Grim-and-Gritty- bzw. Grimdark-Ambivalenz herrschte, die schon fast depressiv und fatalistisch daherkommt, und deren Weltenbau wie eine Mischung aus Politikseminar und VWL-Vorlesung wirkt; in der Magie noch nicht mit komplexen wissenschaftlich anmutenden Systemen erklärt wurde, die man auch als Aufsatz im Nature Magazine veröffentlichen könnte. Es war die Zeit der guten alten Sword and Sorcery.

Als Conan geheimnisvolle Türme böser Zauberer erkletterte, um ihnen ihre wertvollsten Schätze zu klauen; als Fafhrd und der graue Mausling die Straßen und Bordelle Lankhmars unsicher machten; als der unsterbliche und verfluchte Kane das Spiegelbild des Winters seiner Seele erblickte; und als Elric mit seinem unheilvollen Schwert Sturmbringer im matten Licht des Mondes einen Gefährten nach dem anderen ins Verderben stürzte.

Ich habe gar nichts gegen die oben erwähnte politisch ambivalente Grim-and-Gritty-Fantasy mit komplexen Magiesystemen, ich lese Serien wie Das Lied von Eis und Feuer sehr gerne, aber ab und zu dürstet es mich nach leichtfüßigen Abenteuern, in denen einfach drauflosgezaubert wird. Da solche Fantasy immer schwieriger zu finden ist, bin ich für Tipps und Empfehlungen immer dankbar. Und eine der reichhaltigsten und kompetentesten Quellen ist Gerd Rottenecker alias Gero von der Bibliotheka Phantastika, der ein nahezu enzyklopädisches Wissen in Bezug auf die Fantasyliteratur und ihre unzähligen Autorinnen und Autoren besitzt. Und in der Geburtstagsreihe auf der BP stellt er immer wieder AutorInnen, die selbst mir, der ich dachte, ich würde mich im Genre einigermaßen auskennen, völlig unbekannt sind. Und unter diesen mir unbekannten AutorInnen befinden sich auch echte Perlen, wie zum Beispiel Patricia Christine Hodgell.

Geros Laudatio auf ihren Roman God Stalk und die dazugehörige Reihe hat mich so begeistert, dass ich ihn umgehend lesen musste, da Geros Beschreibung eines jener leichtfüßigen, klassischen Sword-and-Sorcery-Abenteuer versprach, die ich so händeringend suche.

Von daher soll es genügen, einfach nur ganz deutlich zu sagen, dass God Stalk einer der besten Sword-&-Sorcery-Romane ist, die jemals geschrieben wurden, und damit ein Lesetipp für alle, die Abenteuerliteratur in einem farbigen, überzeugend geschilderten Setting und eine sympathische, aber keineswegs eindimensionale Protagonistin – was heutzutage vermutlich beides als altmodisch gilt – zu schätzen wissen (und auf Englisch lesen).

Auf den Inhalt will ich hier gar nicht näher eingehen, lest Geros Artikel!, er hat das viel besser beschrieben, als ich es je könnte.

God Stalk ist tolle Abenteuerfantasy in bester Sword-and-Sorcery-Tradition, die aber weitaus komplexer, reichhaltiger und subtiler daherkommt, als man es dem Subgenre in der Regel zutraut. Ich hatte einfach großen Spaß daran, Jame auf ihren Streifzügen durch diese faszinierende Stadt zu begleiten, wo sie so manchen Freund findet, sich viele Feinde macht und den einen oder anderen Priester in den Wahnsinn treibt.

Obwohl dieser Auftaktband der Serie noch recht episodenhaft daherkommt, ist ein roter Faden von Anfang an erkennbar. Geschickt mischt Hodgell leichtfüßige Abenteuer mit Tiefgang und einer Hintergrundgeschichte voller Mysterien und Geheimnissen. Dabei ist ihre Schreibe als äußerst schlank zu beschreiben, hält sie sich doch nie lange mit einer Szene auf. Selbst Kämpfe werden mit wenigen Zeilen abgehandelt. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass hier etwas fehlt.

Schade ist nur, dass dieses bereits 1982 auf Englisch veröffentlichte Buch bis heute nicht auf Deutsch erschienen ist.

Meine Lektüre Dezember 2015

Dezember
63. Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions
64. Molly Crabapple – Drawing Blood
65. Veit Etzold – Todesdeal
66. Donald Antrim – The Emerald Light in the Air
67. Peter Watts – Echopraxia
68. Jeffery Deaver – Die Giftmaler
69. Karin Slaughter – Cop Town

Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions

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Virtuos erzählte skurrile Geschichte, deren Inhalt sich nur schwerlich in Worte fassen lässt. Wer aber schon immer mal wissen wollte, wie Kurt Vonneguts Arschloch aussieht, der sollte sich diesen Meilenstein der amerikanischen Erzählkunst (mit einem echten Kilgore Trout) nicht entgehen lassen.

Molly Crabapple – Drawing Blood

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Sehr interessant Autobiografie der New Yorker Künstlerin. Besprechung folgt noch.

Donald Antrim – The Emerald Light in the Air

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Meisterhafte Kurzgeschichten über mehr oder weniger instabile Menschen mit kompliziertem Beziehungsstatus.

Peter Watts – Echopraxia

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Visionärer und herausragender SF-Roman über die Evolution der Menschheit, den menschlichen Geist, das Wesen Gottes und die Zukunft. Ich empfehle, vorher Blindflug zu lesen, welches im gleichen Universum spielt. Es gibt auch leichte Bezüge zur Handlung.

Jeffery Deaver – Die Giftmaler

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Der neueste Fall des im Rollstuhl sitzenden genialen Ermittlers, um einen Verrückten (?), der seine Opfer tötet, indem er sie mit Gift tätowiert. Eigentlich wie immer clever konstruiert, aber trotzdem wusste ich nach 100 Seiten schon, wie der Schlusstwist aussehen wird. Keinen Scheiß, ich bin nachts um 4.00 Uhr aufgewacht und mein erster Gedanke war: Zombiedroge – Uhrmacher – aha. Gehört aufgrund des Miteinanders der vertrauten Figuren aber trotzdem zu einem der besten Bücher der Reihe und macht schon neugierig auf den nächsten Band. Allerdings spielt Kommissar Zufall einmal zu oft eine entscheidende Rolle.

Karin Slaughter – Cop Town

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Atmosphärisch dichte und hervorragende Milieustudie über zwei junge Frauen, die sich ihm Jahr 1974 bei der Polizei von Atlanta durchzuschlagen, die zu einem großen Teil aus korrupten, sexistischen, gewalttätigen und primitiven Affen zu bestehen scheint. Der Thrillerhandlung ist auch recht spannend, aber der Roman überzeugt vor allem mit den eindrücklichen Schilderungen des harten Polizeialltags.

Veit Etzold – Todesdeal

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»Brandheißes Thema! Für mich der Politthriller des Jahres.« wird Andreas Eschbach auf der Rückseite zitiert.
Ob es der deutschsprachige Politthriller des Jahres ist, kann ich nicht beurteilen, da ich sonst keine gelesen habe. International geht der Titel natürlich an Don Winslows Das Kartell. Mit dem kann Etzold leider nicht mithalten, auch nicht mit Ellroy oder Schätzing (Breaking News!), dafür gibt es zu viele Mängel. Dabei geht es noch recht spannend los, Etzold beherzigt den Rat von Andreas Eschbach, mit dem besten Kapitel anzufangen. Das geht allerdings nur über vier Seiten, danach folgen erst einmal hundert Seiten Infodump, der fast ausschließlich aus hölzernen Dialogen besteht.

Das Thema ist brisant, aus Etzold Vita schließe ich auch, dass er sich aus erster Hand mit der Materie auskenne, da er sowohl als Unternehmensberater für eine Bergbaugesellschaft gearbeitet hat, als auch für das Auswertige Amt, und auch international viel rumgekommen zu sein scheint. Doch nach den ersten hundert Seiten wird es nicht viel besser, obwohl es bald in den Kongo und nach Ruanda geht. Dort gelingt es dem Autor durchaus, stimmungsvolle Landschaftsbilder und kurze Einblicke in das Leben der Menschen dort zu liefern, aber die bleiben viel zu kurz, da der Roman insgesamt zu 80 Prozent aus Dialogen besteht, in denen Menschen in Toppositionen mit Topausbildung sich so naiv und unwissend anstellen, was die Lagen in Ruanda, im Kongo und den Genozid von 1994 angeht, dass sie als Figuren unglaubwürdig werden. Mir ist klar, das Etzold auf diese Weise versucht, die Situation und die Hintergründe einem völlig unwissenden Leser zu vermitteln, aber das kommt viel zu oberlehrerhaft rüber, als wären die Dialoge für ein Lehrvideo eines lokalen Berufsverbandes inszeniert worden. Die zahlreichen und sich ständig wiederholenden Plattitüden und Zitate von Stalin, Lenin usw. sind auch nicht gerade hilfreich und nerven irgendwann. Einige der Figuren reden fast nur in solchen Plattitüden.

Vielleicht war ich ja auch gelangweilt, weil ich alles, was hier vermittelt wird, schon aus Spiegel-Artikeln und Dokumentationen kannte, aber ein wenig Spannung und Handlung jenseits der oben genannten Dialoge kommen erst auf den letzten hundert Seiten auf. Es gibt unzählige Handlungsfiguren, zwischen denen der Autor ständig hin und herspringt, viele Kapitel haben nur eineinhalb Seiten, das Buch auf 460 Seiten 108! Kapitel. Dadurch wirkt es trotz der statischen Dialoginszenierung unnötig hektisch.

Was gefällt, ist, wie der Autor die moralische Verlogenheit der sogenannten westlichen Länder, allen voran Europa und Deutschland aufzeigt, die immer gerne anderen Moralpredigten halten, im Hinterzimmer aber schmutzige Deals um Waffen, Coltan, Öl usw. abschließen.

Was den Schreibstil angeht, da zitiere ich einfach mal die ersten drei Sätze:

Martin rannte.
Hinter ihm fauchten Schüsse. Pfeilschnelle Projektile, die rechts und links von ihm zischend durch das Unterholz des Regenwaldes peitschten.

Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie Schüsse fauchen, auch wenn sie dann mit nur lahmer Pfeilgeschwindigkeit (sollten Schüsse aus automatischen Gewehren nicht viel schneller sein) zischend an ihm vorbeipeitschen. Aber ich will jetzt nicht kleinlich werden, das Buch ist zumindest lesbar, sonst hätte ich nicht bis zum Schluss durchgehalten. Für den nächsten Politthriller von Veit Etzold wünsche ich mir aber weniger Dialoge, diese dann etwas dynamischer inszeniert, mehr Action, mehr Landschaftsbeschreibungen und weniger Erklärbär.

„Dog Eat Dog“ by Niq Mhlongo

P1000622Hier geht es zur deutschen Fassung der Rezension.

Beware! English is not my first language! 😉

Dog Eat Dog by Niq Mhlongo is a novel about change. It was first published in 2004, but the events take place in 1994 in South Africa during the days of the first free election that was won by the ANC with President Nelson Mandela as a result. Main character and first-person narrator is the young student Dingz, who grew up in one of the townships of Soweto (Johannesburg).

Mhlongo does not really use a dramaturgy, there is no common theme in a classical structure – he delivers episodic insights into the everyday life of the young man, his friends, but also into the society of South Africa. It mostly reminded me on the German novel Als wir träumten by Clemens Meyer, which tells the stories of several young people in Eastern Germany before and after the German reunification in 1990. Like Meyer Mhlongo describes in flashbacks episodes from the old system, for example how young South Africans had to suffer the harassment by the apartheid regime’s police forces.

But in this story protagonist Dingz (I think his Christian name is Peter) does not come along as an appealing figure. At least not according to German beliefs and standards.

„Living in this South Africa of ours, you have to master the art of lying to survive“, explains Dingz.

And lies from the beginning, about the application for a scholarship; he lies to come up with an excuse for missing an exam, cause he partied to much; but also when he get caught by the police drinking in public, or to his girlfriend.
In a corrupted system that has pervaded the society of the country on all levels, only those who adapt to this system of lies and corruption can receive justice. The honest ones will bite the dust. And if such a system of lies has turned to be common, the lie becomes habit and will be used in a knee-jerked reaction even when not necessary. For Dingz gets himself in trouble a few times by unnecessary lies, lest the readers asks himself how Dingz could be so stupid. But on the other side he is a teenager, who are known for occasionally irrational behavior .

Dingz explains his selfishness with the following quote:

The overwhelming pressure of the environment in which we live makes people pursue their own pleasure at whatever cost.

Over decades the black majority – that does not form a homogenous group, but is a mixture of different cultures with a huge variety of languages – has been brutally oppressed by a white minority. And now after the end of apartheid and the rogue regime understandable expectations grow, for being the ones in charge and the right to enjoy live, and for a right to own the future.

The tragedy of all that lies in the fact that the socially difficult situation has not changed for most of the people. Dingz and his family still lives in one of the townships of Soweto, and now studying at a former strict white college, seems more like a fig leaf that the white upper class put as a veil over the flaw of discrimination. Cause Dingz does not have the money to pay for the college and a scholarship can only be reached by lying.

Life in Soweto, as Mhlongo describes it, contains a lot of vitality and improvements, but also a lot of violence. Even a simple ride in a mini-bus can turn out into a dangerous affair, with the bus driver as an regular source of danger. In decades of suppression a terrible potential for violence has swelled under the surface that can explode anytime in short but brutal acts of violence.

Dingz and his friends seem to have arranged themselves with this lurking violence, by developing exit strategies that unfortunately do not work all the time. Despite all this potential mayhem, they do go out regularly, they drink a lot, and they talk a lot about women and sex as well as about the country’s political and social situation. Partly those conversations appear to be a little to academically, as if the author tried to put a lot of information in it, but due to a (often vulgar) humor, he is able to keep them entertaining.

For someone who is very interested in the English language in all its varieties, this novel is with all the South African slang, the Afrikaans expressions as well as many words from languages like Zulu, Siswati, or Sotho and slang from Soweto, this novel is a treasure chest.

Many readers need a main character to identify with or with whom they can at least sympathize . I am none of these. Dingz does a lot stuff I do not like, that makes him seem unsympathetic. But many of his decisions are shaped by the environment (coming from a poor background, apartheid-regime, police-harassment, racism, institutionalized discrimination and so on). He is an ambivalent protagonist, who gives the reader an insight into South Africa shortly after the end of apartheid. It is not a thrilling but fascinating and entertaining novel by a young South African writer.

Dog Eat Dog von Niq Mhlongo

P1000622Click here for the English version of this review (or learn German, which is a language hard to learn, I have to admit, even for native speakers 😉 ).

Den Roman Dog Eat Dog von Niq Mhlongo kann man durchaus als Wenderoman lesen. Veröffentlicht wurde er erst 2004, spielt aber im Jahr 1994 in den Tagen um die ersten freien Parlamentswahlen nach Ende der Apartheid, aus denen der ANC als Wahlsieger und Nelson Mandela als Präsident hervorgingen. Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Dingz, ein junger Student, der aus einem der Townships Sowetos (Johannesburg) stammt (Townships sind während der Apartheid entstandene Wohnsiedlungen für die schwarze Bevölkerung, in denen meist Armut herrscht, nicht 1:1 vergleichbar mit Slums und Favelas).

Dabei orientiert sich Mhlongo jetzt nicht an einer wirklichen Dramaturgie, er folgt keinem narrativen roten Faden mit klassischem Aufbau, viel mehr gibt er episodenhafte Einblicke in den Alltag des jungen Mannes, seiner Freunde aber auch in das Leben der südafrikanischen Gesellschaft. Am ehesten erinnert mich diese Struktur an Clemens Meyers Wenderoman Als wir träumten, der ähnlich aufgebaut ist, wenn auch mit größerem Figurenarsenal und über einen längeren Zeitraum spielend. Wie Meyer liefert auch Mhlongo Rückblicke in die Jugendzeit des Protagonisten und gibt Einblicke in die Schikane, der die armen, schwarzen Südafrikaner unter der Polizei des Apartheidregimes ausgesetzt waren.

Protagonist Dingz (ich glaube, sein christlicher Name lautet Peter) ist dabei aber nicht unbedingt ein Sympathieträger. Zumindest nicht nach den üblichen deutschen Vorstellungen und Maßstäben

Living in this South Africa of ours, you have to smaster the art of lying to survive, erklärt Dingz. (Wer in unserem heutigen Südafrika lebt, muss die Kunst des Lügens meistern, um zu überleben.)

Und genau das tut er auch von Seite eins an. Er lügt, wenn es um einen Antrag auf Stipendium geht; wenn er eine Ausrede braucht, um nicht an der Prüfung teilzunehmen, für die er nicht gelernt hat, weil er lieber Party gemacht hat; aber auch wenn ihn die Polizei beim Trinken in der Öffentlichkeit erwischt oder gegenüber seiner Freundin.

In einem korrupten System, das die Gesellschaft des Landes auf allen Ebenen durchdringt, erhält nur derjenige sein Recht, der sich dem System aus Lügen und Korruption anpasst. Der Ehrliche bleibt als der Dumme auf der Strecke. Und wenn sich ein solches Lügensystem einmal eingebürgert hat, wird die Lüge so zur Gewohnheit, dass sie auch dann reflexhaft eingesetzt wird, wenn sie gar nicht notwendig ist, oder wenn sie sogar schadet. Denn manchmal bringt sich Dingz durch unnötige Lügereien dermaßen in Schwierigkeiten, dass man sich als Leser fragt, wie er nur so dämlich sein kann. Aber er ist noch ein Teenager, und die verhalten sich ja gerne besonders irrational.

Dingz Egoismus wird durch folgendes Zitat erklärt:

The overwhelming pressure of the environment in which we live makes people pursue their own pleasure at whatever cost. (Der überwältigende Druck durch das Umfeld, in dem wir leben, lässt die Menschen nach ihrem eigenen Vergnügen streben – koste es, was es wolle.)

Über Jahrzehnte ist die schwarze Mehrheit – die keineswegs eine homogene Gruppe darstellt, sondern aus vielfältigen Kulturen mit zahlreichen unterschiedlichen Sprachen besteht – von einer weißen Minderheit brutal unterdrückt worden. Und jetzt, nach Ende der Apartheid und dem Unrechtsregime setzt sich die durchaus verständliche Erwartungshaltung durch, dass die einst Unterdrückten jetzt am Drücker seien und die Zukunft unter allen Umständen ihnen gehöre.

Die Tragik liegt darin, dass sich die prekäre soziale Lage für viele in der Bevölkerung nicht verändert hat. Dingz und seine Familie leben immer noch einer der Townships Sowetos, und dass er jetzt an einer ehemals rein weißen Universität studieren darf, wirkt eher wie ein Feigenblatt, dass sich die weiße Oberschicht über den Makel der Diskriminierung legt. Denn Dingz fehlen die Mittel, um sich das Studium finanzieren zu können, und ein Stipendium kann er sich eben nur durch Lügen ergaunern (wenn überhaupt).

Das Leben in Soweto, das Mhlongo schildert, steckt zwar voller Lebensfreude und Verbesserungen, enthält aber auch viel Gewalt im Alltag. Allein eine Fahrt im Minibus kann sich schnell zu einer gefährlichen Angelegenheit entwickeln, bei der die Bedrohung nicht selten vom Busfahrer selbst ausgeht. In den Jahrzehnten der Unterdrückung scheint sich ein furchtbares Gewaltpotenzial unter der Oberfläche angesammelt zu haben, das jederzeit überall in kurzen aber brutalen Gewaltschüben ausbrechen kann.

Dingz und seine Freunde scheinen sich damit zumindest halbwegs arrangiert zu haben, indem sie Strategien entwickeln, um solchen Gewaltpotenzialen auszuweichen, was aber nicht immer möglich ist. Trotz allem gehen sie regelmäßig aus, trinken viel und führen Gespräche über Gott und die Welt. Und auch, wenn es häufig um Frauen und Sex geht, unterhalten sie sich ebenso oft über die aktuelle politische und soziale Situation im Land. Teilweise wirken diese Gespräche schon zu akademisch, und man merkt, dass der Autor hier noch einiges an Informationen reinpacken wollte, aber es gelingt ihm immer wieder, diese Diskurse durch (einen teils recht vulgären) Humor aufzulockern.

Für jemanden wie mich, der sich sehr für die englische Sprache und all ihre Ausprägungen interessiert, ist der Roman sprachlich besonders faszinierend, da Mhlongo in südafrikanischem Englisch schreibt, das viele Begriffe aus dem Afrikaans und anderen südafrikanischen Sprachen wie Zulu, Siswati oder Sotho ebenso enthält, wie in Soweto gebräuchliche Slangausdrücke.

Viele Leser brauchen eine Hauptfigur, mit der sie sich identifizieren oder der sie zumindest Sympathien entgegenbringen können. Dazu gehöre ich nicht. Dingz mach vieles, das mir nicht gefällt, das ihn eher unsympathisch wirken lässt, das sich aber durch das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist (arme Verhältnisse, Apartheidsregime, Polizeischikane, Rassismus, institutionalisierte Diskriminierung usw.), erklären lässt. Er ist eine ambivalente Hauptfigur, die dem Leser einen interessanten Einblick in das Südafrika kurz nach Ende der Apartheid liefert. Kein spannender, aber ein faszinierender und unterhaltsamer Roman eines jungen südafrikanischen Autors.

Auf Deutsch scheint von Niq Mhlongo bisher nur der Roman Way Back Home erschienen zu sein. Und ich stelle gerade fest, dass ich seine Lesereise durch Deutschland um einen Monat verpasst habe.

Ausführliche Besprechung zu „The Weave“ von Nancy Jane Moore

In meiner Kurzkritik vom September 2015 schrieb ich:

Gut geschriebener Erstkontaktroman über eine wissenschaftlich/militärische Expedition, die auf einem fernen Planeten auf ein Volk stößt, das ausschließlich telephatisch in Bildern kommuniziert, was zu einigen Verständigungsproblemen führt. Ganz zu schweigen davon, dass das Militär den mit angeblich primitiven Wilden besiedelten Planeten in bester kolonialer Tradition ausbeuten möchte, was dazu führt, dass es in der insgesamt eher ruhigen Handlung noch so richtig kracht. Hat mir sehr gut gefallen. Ein wenig musste ich an etwas ältere SF wie Poul Andersons Planetenwanderer denken, aber auf dem neuesten Stand der Technik. Ich hoffe sehr, dass der Roman einen deutschen Verlag finden wird.

Auf der Homepage der besten Buchhandlung der Welt (innnn Berlin) – dem Otherland – kann man jetzt eine etwas ausführlichere Besprechung von mir lesen. Ein Besuch auf dieser Seite lohnt sich sowieso, da dort regelmäßig interessante Titel von Experten und Liebhabern der Phantastik besprochen werden. Auch den Newsletter, der schon fast den Charakter eines monatlichen Phantastikmagazins hat, kann ich nur empfehlen. Man kann im Otherland übrigens auch auf dem Postweg bestellen. 😉

 

Riffel/Mamzcak (Hrsg.) – Das Science Fiction Jahr 2015

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Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nie auch nur einen Blick in das SF-Jahr geworfen habe, als es noch bei Heyne erschienen ist. Der Wechsel zu Golkonda erschien mir der richtige Zeitpunkt für einen Einstieg, und es hat sich gelohnt, die über 600 Seiten habe ich an fünf Tagen weggelesen. Es war kein einziger Artikel dabei, den ich uninteressant fand. Nur über die Hörspielsektion habe ich mich ein wenig geärgert, da die kommerziellen Hörspiele dort mit einem knappen Artikel abgehandelt wurden (wenn auch mit positivem Tenor), während die Radioproduktionen ausführliche Besprechungen erhalten haben (wenn auch mit deftigen Spoilern – wer sich das empfehlenswerte Hörspiel The Cruise anhören möchte – das es hier (nur für begrenzt Zeit) kostenlos zum Download gibt -, der sollte die Rezension meiden, da dort das Ende, also die Auflösung des Rätsels, komplett gespoilert wird).

Die zahlreichen Nachrufe zum traurigen Anlass des Todes von Wolfgang Jeschke haben mich tief beeindruckt und die Legende Wolfgang Jeschke nur noch größer werden lassen. Solch menschlich liebenswerten aber doch hoch professionellen Persönlichkeiten sind in der Verlagsbranche in Zeiten, in den das Controlling und die Marketingabteilungen regieren, vermutlich selten geworden.

Ansonsten hat mich vor allem Dietmar Daths Artikel über die höchst anspruchsvolle und den Leser herausfordernde Orthogonal-Trilogie von Greg Egan neugierig auf die Lektüre der Selbigen gemacht. Die Buch- und Filmbesprechungen lesen sich alle interessant, sollen aber teilweise Zweitverwertungen von schon anderswo erschienenen Texten sein. Da lobe ich mir die Beiträge zu den Computerspielen, die mit den üblichen Rezensionsstrukturen brechen und Neuerscheinungen sind.

Zukunftsforscher und SF-Autor Karl-Heinz Steinmüller (Andymon) liefert wie immer einen unterhaltsamen und geistreichen Ausblick in mögliche Zukünfte.

Ken Liu gibt uns einen sehr interessanten Einblick in die chinesische SF-Literatur – da habe ich mir einige Autorinnen und Autoren notiert.

Simon Spiegel setzt sich ausführlich mit den Schwarzen und logischen Löchern in Christoper Nolan Interstellar auseinander, und auch wenn ich ihm hier nicht zustimmen kann – für mich einer der besten SF-Filme aller Zeiten, eine echtes Kinoerlebnis, in dem die Liebe als physikalische Kraft für mich als alten Romantiker kein Problem darstellt -, lohnt sich die Lektüre.

Christian Endres widmet sich dem Phänomen Guardians of the Galaxy, und damit dem wohl spaßigsten SF-Film der letzten Jahre.

Das von Hannes Riffel und Sascha Mamczak SF-Jahr 2015 von Golkonda ist ein hervorragendes Werk Sekundärliteratur, das einen guten Überblick zur Science Fiction des Jahres 2014 liefert und jedem zu empfehlen ist, der sich auch nur halbwegs für das Genre interessiert. Als Captain-Future-Übersetzer hat es mich natürlich besonders gefreut, dass auch ein fachkundiger Artikel von Hardy Kettlitz über die Anfänge der Space Opera enthalten ist. 😉

Michael K. Iwoleit liefert einen ausführlichen und kenntnisreichen Überblick über die deutschsprachigen SF-Kurzgeschichten des Jahres. Der Überblick zu den deutschsprachigen SF-Büchern von Udo Klotz ist mir aber etwas zu knapp ausgefallen. Von den dort erwähnten Romanen erhielt einzig Feldeváye von Dietmar Dath eine ausführliche Besprechung im Rezensionsteil. Bis auf zwei ältere Werke in Neuauflage (Stimmen der Nacht von Thomas Ziegler und Der grüne Komet von Herbert W. Franke) wurden ausschließlich Übersetzungen besprochen. Nicht einmal Tom Hillenbrands Drohnenland, das im vergangenen Jahr wohl die meiste Aufmerksamkeit in der SF-Szene erhalten hat, wird ausführlich besprochen. Ich bin ja selbst jemand, der nur wenig deutschsprachige SF liest, aber im deutschsprachigen Science Fiction Jahr erwarte ich dann doch eine ausführliche Besprechung des SF-Romans, der im Jahr 2014 auch über die Genre- und Fandomsgrenzen hinweg Wellen geschlagen hat (wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie das im SF-Jahr besprochene Der Circle von Dave Eggers) und den Kurd Laßwitz Preis als bester SF-Roman des Jahres erhalten hat.

So, jetzt ist doch noch etwas Kritik in diese eigentlich nur als Kurzkritik geplante Besprechung gelangt, was den Spaß und Erkenntnisgewinn aber nicht mindert, den ich mit dem SF-Jahr 2015 hatte. Das sind nur ein paar Wünsche, die ich für die nächsten Augaben hätte. Die obigen Gedanken sind mir auch erst jetzt während des Verfassens dieser Zeilen gekommen.

Ich habe jetzt nicht alle Beiträge des Buchs erwähnt, sondern vor allem jene, die mir am besten im Gedächtnis geblieben sind. Die nächste Ausgabe werde ich mir auf jeden Fall wieder zulegen. Für den relativ hohen Preis von 30 Euro habe ich definitiv ein interessantes und packendes Leseerlebnis erhalten. Und mit der tollen Gestaltung von s.BENeš macht sich dieser Ziegelstein auch gut im Regal. 😉

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