Reread: „Die Fernen Königreiche“ von Allan Cole und Chris Bunch

Das Buch versprüht Abenteuergeist und Sense of Wonder, wie sie mir bei neueren Fantasywerken schon seit vielen Jahren nicht mehr untergekommen sind. Schuld daran sind die reichhaltige Phantasie der Autoren und ihre Fähigkeit, sie so in Worte zu fassen, dass vor dem geistigen Auge des Lesers ein prächtiges Panorama entsteht, das einen förmlich mit hinein in das große Abenteuer zieht. Die Geschichte steckt voller Magie und Zauberei, auch wenn es stellenweise schon zu viel des Guten ist, denn gelegentlich kommt die Zauberei zu bequem und einfach daher, auch wenn sich die Autoren immer wieder kreative Zauber einfallen lassen.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Kaufmannssohn Amalric Antero – der sich zunächst einer verführerischen und zwielichtigen Kurtisane verfällt, die ihn an den Rand des finanziellen und moralischen Ruins treibt – und seines Freundes, des ehrgeizigen Hauptmann Janos Greycloak, der davon träumt, die legendären Fernen Königreiche zu entdecken und ihnen die Geheimnisse der Zauberei zu entreißen. Ihre Expedition führt sie durch eine Fülle an exotischen und gefährlichen Orten, die von Kannibalen, Sklavenhändlern, untoten und bösen Zauberern bevölkert sind.

Im ersten Teil folgt der Roman – nach dem etwas langatmigen Einstieg, der aber auch das Setting für die spätere Komplexität der Geschichte legt – einer klassischen Abenteuerreise, auf der die Gefährten viele Gefahren mit Witz und Entschlossenheit zu meistern haben, doch im zweiten Teil kommt es zu einem Bruch, der der Geschichte deutlich mehr an Tiefe verleiht. Da geht es um die Rechte von Frauen und Sklaven, soziale Gerechtigkeit ganz allgemein und eine unverhoffte Revolution gegen die traditionelle Autokratie der Geisterseher. Letztere sind im Prinzip die Zauberherrscher von Amalrics Heimatstadt Orissa.

Später geht es dann erneut auf Abenteuerreise, wobei die Geschichte dort dann ein wenig stärker in klassische Fantasybahnen gelenkt wird, die in den ersten beiden Dritteln des Buches geschickt umschifft wurden. Doch diese Wende erhält die Gesamtgeschichte auch deutlich mehr an Komplexität und wird zu einem stimmigen Ganzen abgerundet.

Die Fernen Königreiche gehört definitiv in die Reihe jener Fantasybücher aus den 80er und 90er Jahren, die es verdient hätten, wieder neu aufgelegt zu werden. Für mich ist es gut gealtert, und obwohl ich inzwischen unzählige Fantasybücher gelesen habe, und um 20 Jahre erfahrener bin, hat mich das Buch auch bei der Zweitlektüre wieder gepackt und staunend und mitfiebernd auf eine Abenteuerreise geschickt.

Gelesen habe ich es, wie bei der Erstlektüre über Ostern, und damals vor über 20 Jahren bin ich tief in diese Abenteuergeschichte, die ganz ohne Elfen, Orks und Zwerge auskommt, eingetaucht und habe sie gierig fast an einem Stück verschlungen. Damals trug ich auch noch nicht so viel Gepäck mit mir herum, die Zahl der zuvor gelesenen Fantasybücher befand sich noch im zweistelligen Bereich, weshalb diese Welt besonders exotisch und aufregend auf mich wirkte. Doch auch heute, mit an die 1.000 gelesenen Fantasybüchern, hat die Geschichte nichts von ihrer Kraft verloren und konnte mich erneut schwer begeistern. Dieses Mal las ich sie mit anderen Augen, hatte einen Blick für Tiefen, die mir damals entgangen sind, und habe ein anderes Buch gelesen, dass mir aber kein bisschen weniger gut gefallen hat.

Meine Ausgabe ist von 1994 (2005 gab es nochmal Doppelbände bei Blanvalet), in der guten Übersetzung von Jörg Ingwersen, erschienen bei Goldmann (die damals noch ein aufregendes Fantasyprogramm hatten), mit einem opulenten Cover, das einen förmlich auf diese Abenteuerreise lockt. Das Original erschien 1993, verfasst vom Autorenduo Allan Cole und Chris Bunch (Die Sten-Chroniken), die noch zwei weitere Bücher in dieser Welt geschrieben haben. In Band 2, Das Reich der Kriegerinnen geht es um Amalrics Schwester, die auch in Die Fernen Königkreiche eine kleine Rolle spielt. Und in Das Reich der Finsternis bricht Almaric Antero fünfzig Jahre nach den Ereignissen von Band 1 wieder zu einem Abenteuer auf. Der vierte Band der Reihe, Die Rückkehr der Kriegerin, in dem wieder Almarics Schwester Rali die Hauptrolle spielt, wurde von Allan Cole alleine verfasst, da sich die beiden Autoren/Schwager zerstritten hatten. Leider merkt man das diesem Band an, der die Qualität der drei Vorgänger nicht halten kann. Chris Bunch verstarb 2005.

Aktuell wird wieder einiges an Fantasy aus den vergangenen Jahrzehnten neu aufgelegt (Shannara, Amber, Midkemia, Gemell usw.), und meiner bescheidenen Meinung nach (auch wenn ich mich wiederhole), ist es an der Zeit, auch diese abgeschlossenen Einzelbände der vierteiligen Reihe in einer ansprechenden Neuauflage herauszubringen. Denn, wie ich oben schon erwähnte, solche Abenteuerfantasy abseits der üblichen Genreklischees, ohne Grim-and-Gritty-Einschlag, ohne allzu komplizierte politische Ränke und Intrigen, aber dafür mit ganz viel Sense of Wonder und einer gewissen Leichtigkeit, findet man heute nur noch selten.

Und hier noch ein Link zum Vertiefen: In einem Beitrag zu dessen 70. Geburtstag geht Gero auf der Bibliotheka Phantastika etwas näher auf das Werk von Allan Cole ein.

Gero schreibt unter anderem:

The Far Kingdoms ist vor allem in Anbetracht seines Erscheinungsjahrs ein ungewöhnliches Buch, dessen Vorbilder viel mehr beim klassischen Abenteuerroman oder Filmen wie The 7th Voyage of Sinbad zu finden sein dürften, als bei der klassischen High Fantasy à la Tolkien. Von daher wirkt der Roman ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, auch wenn er als Fantasy-Abenteuerroman hervorragend funktioniert. Und da Cole/Bunch klug genug sind, die Veränderungen zu zeigen, die ihre Reisen und Erlebnisse bei Amalric Antero und Janos Greycloak bewirken, ist The Far Kingdoms sogar noch ein bisschen mehr als einfach nur ein Abenteuerroman.

Weitere Rereads:

Der Drachenbeintrohn von Tad Williams

Helle Barden von Terry Pratchett

Mond über Manhattan von Paul Auster

Reread: Mond über Manhattan von Paul Auster

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Vorher:

Ich muss so 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, als ich Mond über Manhattan das erste Mal las. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ausschließlich Stephen King und Fantasyliteratur gelesen, mit der Begründung, dass unsere Welt ja so schon langweilig genug sei, da müsse ich nicht auch noch Bücher lesen, die in ihr spielen. Das änderte sich erst, nachdem ich den Film Smoke mit Harvey Keitel und William Hurt gesehen habe, den ich ganz wunderbar fand. In der Hörzu hatte ich gelesen, dass das Drehbuch von dem Schriftsteller Paul Auster stammt, und da dachte ich mir, wenn er so ein tolles Drehbuch schreiben kann, dann könnte seine Romane doch auch was taugen.

Nach längerem Stöbern in der Bouvier Buchhandlung in Koblenz entschied ich mich für dieses Buch, von dem ich heute nur noch in Erinnerung habe, dass es irgendwie um einen jungen Studenten geht, der in einem Zimmer über einem Chinarestaurant lebt. Mehr könnte ich zur Handlung nicht sagen, ich glaube, er liest gerne Bücher, hat einen komischen Onkel? und verliert ein wenig den Bezug zur Realität. Aber da bin ich mir nicht mehr sicher. Bin gespannt, was beim Reread herauskommen wird.

Nachher:

Zu meinem Erstaunen muss feststellen, dass ich mich nur noch an das erste Kapitel – das die ersten hundert Seiten umfasst – erinnert habe. Die ganze Geschichte mit dem alten Effing: wie M.S. Fogg im vorliest, ihn in der Gegend rumfährt und sich von ihm beschimpfen lässt, war mir völlig entfallen. Auch die Geschichte in der Geschichte, mit dem malenden Einsiedler und die ganzen familiären Verzwickungen.

Aber das hat die erneute Lektüre nur um so spannender gemacht. Obwohl ich das erste Kapitel für das Stärkste halte. Wie Auster hier Foggs Abstieg in die Verwahrlosung beschreibt, reißt mich als Leser richtig mit. Ich hatte auch falsch in Erinnerung, dass die Geschichte in den 80ern spielt, nicht Ende der 60er, wie es tatsächlich der Fall ist.

Gegen Ende gibt es ein paar Längen, wenn dann plötzlich noch andere Personen auftauchen und deren Leben auch noch breit ausgewalzt wird. Da entsteht ein wenig der Eindruck, als hätte Auster versucht, zu viel auf zu engem Raum unterzubringen. Was dem Roman aber nicht wirklich schadet, da er ein begnadeter Autor ist, dem es gelingt originelle Figuren zu erschaffen (als unvergesslich würde ich sie nicht bezeichnen, denn immerhin hatte ich sie vergessen 😉 ). Stellenweise wirken die familiären Verwicklungen etwas unglaubwürdig wenn nicht gar phantastisch, aber hey, wenn das Leben verrücktesten Geschichten schreibt, dann kann ihm Paul Auster ruhig nacheifern.

Ach, mehr fällt mir zu meinem Reread ehrlich gesagt nicht ein. Dafür gibt es in den nächsten Tagen eine Besprechung von Hotel Honululu.

Bücher mehrmals lesen?

Mir begegnen (im Netz wie auch im ganz richtigen wirklichen Leben) immer wieder Menschen, die sagen, dass sie ein Buch nur einmal lesen. Und zwar konsequent. Meist mit der Begründung, dass es noch so viele Bücher zu lesen gäbe, und man keine Zeit damit verschwenden wolle, eines zweimal zu lesen.

Naja, selbst wenn man sich daran hält, ist das doch eine Sisyphusarbeit, da man es nie schaffen wird, alle interessanten Bücher zu lesen und auf ewig seiner Leseliste nachhecheln wird. Ich habe es inzwischen selbst in den Genres, in denen ich möglichst belesen sein möchte, aufgegeben, alle interessanten und tollen Bücher lesen zu wollen.

Ich lese nur noch, worauf ich gerade Lust habe. Und gelegentlich habe ich Lust, ein Buch zu lesen, dass ich schon einmal gelesen habe. Wie aktuell z. B. Frank Herberts Der Wüstenplanet in der Neuübersetzung von Jakob Schmidt. Das habe ich in der alten Übersetzung von Ronald M.Hahn vor ungefähr 20 Jahren gelesen, seitdem nicht mehr.

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Jeder von uns liest Bücher mit unterschiedlichem Gepäck. Damit meine ich Wissen, Erfahrungen, bereits Gelesenes usw., alles Faktoren, die unser Leseerlebnis beeinflussen. Bei meiner Erstlektüre von Der Wüstenplanet, war ich 16 Jahre alt, hatte bis dato vielleicht 100 Bücher gelesen, keines davon Science Fiction. Ich bin also relativ unbedarft und mit viel Raum für den berühmten Sense of Wonder an die Lektüre herangegangen, was meine Meinung und mein Leseerlebnis natürlich massiv beeinflusst hat.

Jetzt, 20 Jahre später habe ich tausende von Büchern gelesen – hunderte SF-Werke darunter -, ich kenne so viele Ideen, Geschichten, Handlungsschemata usw. Die Chance, den Sense of Wonder in einem neuen Buch zu erleben, ist deutlich gesunken. Ich bin nicht mehr so leicht zu beeindrucken, dafür muss sich die Autorin schon ordentlich was einfallen lassen. Trotzdem habe ich nach wie vor viel Spaß mit neuen Büchern, und von den 69 Werken, die ich letztes Jahr gelesen habe, haben mir fast alle gut gefallen.

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Aber wie ist das mit Büchern, die man schon einmal gelesen hat? Meine absoluten Lieblingsbücher (z. B. Sommer der Nacht von Dan Simmons, Es von Stephen King oder Elric von Melniboné von Michael Moorcock) habe ich schon mehr als zweimal gelesen. Deren Inhalt kenne ich jetzt nicht ganz auswendig, aber doch gut genug, um nicht mehr überrascht zu werden. Da spielt bei der erneuten Lektüre auf jeden Fall ein Nostalgiebonus eine Rolle. Meine Erinnerungen an die Zeit, als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, was für ein wundervolles Abenteuer es damals war, mit welcher Begeisterung ich es verschlungen habe. Die erneute Lektüre ist dabei also auch ein Versuch, das damalige Lesegefühl zu wiederholen, was bei den wirklich besonderen und mir besonders kostbaren Büchern auch immer wieder gelingt.

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Bei Büchern, deren Lektüre 15 Jahre und mehr zurückliegt, sieht die Sache etwas anders aus. Wenn ich mit dem zweiten Lesen beginne, bin ich immer wieder überrascht, wie viel von dem Buch ich vergessen und wie viel ich falsch in Erinnerung habe. In diesem Fall besitze ich also nur noch eine vage Erinnerung an ein positives Leseerlebnis und nur noch grobe Kenntnisse über die Grundhandlung. Die Zweitlektüre gleicht einem Wiederentdecken, aber eben mit dem weiter oben erwähnten neuen Gepäck. Inzwischen bin ich viel gebildeter (oder bilde mir das zumindest ein) und verstehe viele Anspielungen, Verweise und Metaphern, die mir einst entgangen sind; sehe neue Ebenen und lese dadurch ein ganz anderes Buch, wie der jugendliche Markus. Die Worte mögen die gleichen sein, wie damals, aber das Buch hat sich in meinen Augen verändert. Dadurch entsteht ein eindeutiger Mehrwert durch die erneute Lektüre.

Der Reread kann aber auch in die Hose gehen. Bei manchen Büchern merke ich jetzt, wie schlecht sie eigentlich geschrieben (oder übersetzt?) sind. Als Teenager besaß ich kein großes Gespür für guten Stil, plausible Handlung, eine originelle Erzählstimme usw., da hat mir auch das literarische Äquivalent eines Chuck-Norris-Films gefallen. Teilweise wird die Erinnerung an die damalige Lektüre durch den Nostalgiebonus verklärt, und während der Zweitlektüre frage ich mich, wieso mir das damals so gut gefallen hat. So ging es mir zum Beispiel mit dem ersten Band der Drachenlanze von Margarete Weis und Tracy Hickman, der mir inzwischen doch zu plump geschrieben ist, auch wenn ich verstehen kann, warum ich die Figuren der Heldengruppe (Fizban, Raistlin und Co.) damals mochte.

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Meistens macht mir der Reread aber großen Spaß. Zwei Fälle habe ich vor nicht all zu langer Zeit dokumentiert und die Bücher genau unter den oben erwähnten Aspekten besprochen. Helle Barden, mein erster Scheibenweltroman von Terry Pratchett und Der Drachenbeinthron von Tad Williams (als Vorbereitung auf die angekündigten Fortsetzungen). Auch mit Stephen Kings Shining hatte ich viel Spaß, ähnlich wie bei Der Wüstenplanet bin ich erstaunt, wie viel der Erinnerung von den Bildern der Filme überlagert wurde. Da ich als Jugendlicher vor allem Fantasy und Stephen King gelesen habe, sind es auch vor allem phantastische Werke, die ich erneut lese.

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Demnächst ist aber mein erstes unphantastisches Buch an der Reihe: Mond über Manhattan von Paul Auster. Bis zu diesem Buch dachte ich, dass Bücher, die in unserer Welt spielen nur langweilig sein können. Damals habe ich vermutlich vor allem aus eskapistischen Gründen gelesen, aber das ist ein anderes Thema. Ich bin schon sehr gespannt, wie mir der Auster dieses Mal gefallen wird. Kürzlich habe ich mir nach 20 Jahren wieder den Film Smoke (mit Harvey Keitel und William Hurt) angesehen, dessen Drehbuch von Paul Auster stammt, und der mich auf diesen Autor aufmerksam gemacht hat.

Wie sieht es bei euch aus? Lest ihr Bücher mehrmals?

Reread: Terry Pratchett – Helle Barden

Mein zweiter Trip „back down on memory lane“, nach dem letztjährigen Reread von Tad Williams‘ Der Drachenbeinthron. Demnächst werden noch weitere folgen, da ich momentan große Lust habe, die prägendsten Bücher meiner Adoleszenz wieder zu lesen. Diesen Artikel gibt es auch wieder auf dem Fantasyguide, wo Ralf – anders als ich hier – so fleißig war, die erwähnten Autoren und Bücher zu verlinken. Es lohnt sich also, den Artikel dort zu lesen, wenn man noch etwas Hintergrundinformationen sammeln möchte, ohne selbst groß zu googlen.

Nach einer mehrjährigen Einstiegsphase in die wunderbare Welt der Bücher mit Stephen King entdeckte ich als Teenager Mitte der 90er die Fantasyliteratur für mich. Mit allem, was damals die Fantasyregale (man beachte den Plural, damals gab es tatsächlich noch mehrere, und die waren von der Science Fiction getrennt) bevölkerte: Raymond Feist, Terry Goodkind, Michael Moorcock, ein gewisser Prof. Tolkien, E. R. Eddison, Michael Scott Rohan (kennt den noch jemand?), R. A. Salvatore, Dave Eddings, Robert Jordan, George R. R. Martin, Margarete Weis und Tracy Hickman uvm. Oft standen sogar sämtliche Bände einer Reihe im Buchladen, was bei Robert Jordan schon einiges heißen will. Und damals wie heute gab es einen Autor, der die Regale besonders dominierte, was unter anderem auch an der tollen Covergestaltung von Josh Kirby lag: Terry Pratchett.

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Sein erster Scheibenweltroman (Die Farben der Magie) erschien in England bereits 1983, in der BRD musste man sich noch bis 1989 gedulden. Doch schon wenige Jahre später war er eine feste Größe in der Fantasy und ist (anders als manch anderer Autor in der obigen Liste) auch heute nicht aus den Regalen der Buchhandlungen wegzudenken.

Ich muss so um die 15, 16 Jahre alt gewesen sein, als ich beim Stöbern in der Montanus-Buchhandlung auf Helle Barden stieß (16 DM für ein Paperback!). Diese Buchhandlung (die es schon lange nicht mehr gibt), war über Jahre meiner erste Anlaufstelle für Fantasyromane. Feist, Moorcock, Goodkind und Tolkien habe ich auf jeden Fall vor Pratchett schon gelesen, weshalb die Parodie auf die Fantasyliteratur nicht ganz an mir vorüberging.

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Vermutlich bin ich auch wegen des tollen Covers von Josh (nicht zu verwechseln mit Jack) Kirby auf das Buch aufmerksam geworden, das mich mit seinem (Stefan Pannor möge mir verzeihen) comichaften Stil angesprochen hat. Man sieht darauf die wichtigsten Mitglieder der (Nacht-)Wache: Korporal Karrrotte, Angua, Detritus, Knuddel (schnief), Feldwebel Colon, der Hund Gaspode und meine absolute Scheibenweltlieblingsfigur Nobby Nobbs (ich träume schon seit Jahren davon, dass er seinen eigenen Roman erhält, so was wie I, Nobby oder The Secret Life of Nobby Nobs).

Damals hatte ich nicht darauf geachtet, der wievielte Band in der Reihe Helle Barden war (der fünzehnte), der Klappentext sagte mir zu, also habe ich es gekauft. Es war ein Samstag, denn ich bin immer Samstag mit meinen Eltern nach Koblenz in den Löhr-Center gefahren, wo ich stundenlang in der Buchhandlung gestöbert habe, während meine Eltern stinklangweiligen Einkäufen in irgendwelchen Klammmotteläden nachgingen. Kurze Zeit später lag ich gemütlich in meinem Bett und lachte mich bereits auf Seite 1 über Karrottes Brief an seine Eltern kaputt, und war im Nu Terry-Pratchett-Fan.

Die Scheibenweltromane kann man in verschiedene Kategorien einteilen. Ich kopier hier einfach mal die Auflistung aus der Wikipedia: Zauberer-Geschichten, Hexen-Geschichten, Tod-Geschichten, Stadtwache-Geschichten, Ankh-Morpork-Geschichten
und Sonstige Romane.

Helle Barden ist nach Wachen! Wachen! Der zweite Band der Stadtwache-Geschichten, von denen es inzwischen neun Stück gibt (wobei Mitglieder der Wache durchaus auch in anderen Romanen vorkommen). Jeder Band erzählt zwar eine abgeschlossene Geschichte, aber es lohnt sich trotzdem, sie in chronologischer Reihenfolge zu lesen, da sich sowohl die Stadtwache als auch die Wächter selbst weiterentwickeln. Allen voran Hauptmann Mumm, der einen rasanten gesellschaftlichen Aufstieg hinlegt (sehr zu seinem eigenen Missfallen).

Mir war das damals alles nicht bewusst, damals gab es auch erst drei Stadtwacheromane (Höhle Köpfe ist der dritte im Bund). Für mich war es der Einstieg in die Scheibenwelt. Denn es war etwas, das mir bis damals noch nie zuvor begegnet war: humorvolle Fantasy (Robert Asprin kannte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht). Ich habe mich während der Lektüre des Romans vor Lachen gerkringelt, und auch bei meinem kürzlichen Reread musste ich wieder kräftig lachen. Wenn auch teilweise an anderen Stellen. Im Alter von 35 Jahren lese ich den Roman als ein anderer, als mit 15 Jahren, und somit lese ich auch einen anderen Roman. Und genau das ist für mich ein perfekter Reread, wenn sich die Nostalgie der Erstlektüre mit einer neuen (positiven) Leseerfahrung vermischt, die dafür sorgt, dass die Zweitlektüre nicht langweilig wird.

Meinem 15-jährigen Ich war damals nicht bewusst, dass es neben den ganzen lustigen Szenen (frei nach Norbert Elias) um nicht weniger als den Prozess der Zivilisation geht, für den die Stadtwache stellvertretend steht. So wie aus dem faulen, korrupten und wenig kompetenten Haufen eine fähige Einsatztruppe wird, die gut organisiert für Ordnung in der Stadt sorgt, so modernisiert sich unter der führenden Hand Lord Vetinaris ganz Ankh-Morpok. Eine Entwicklung, die in fast jedem Scheibenweltroman deutlich wird, aber vor allem an den neueren Romanen um Feucht von Lipwig zu erkennen ist. Damit macht Pratchett etwas Ähnliches, wie Samuel R. Delany in seinen Nimmerya-Geschichten: Er beschreibt die Entstehung und Entwicklung der Zivilisation.

Aber wie schon erwähnt, ist mir das damals gar nicht bewusst gewesen. Ich habe mich vor allem an den lustigen und ironischen Beschreibungen und Szenen erfreut. Wenn zum Beispiel Treibe-micht-selbst-in-den-Ruin-Schnapper von einem wütenden Mob dazu gezwungen wird, seine eigenen Würstchen zu essen, und, obwohl er schon grün angelaufen ist und kurz vor der Übergabe des verdauten Materials steht, immer noch darauf beharrt, dass seine Würstchen gut schmecken. Oder die verschiedenen Arten, in Ankh-Morpork Selbstmord zu begehen.

Bei meinem Reread ist mir aufgefallen, was für wundervolle Figuren Pratchett erschaffen hat. Allein schon Karrotte, den jeder mag, den jeder kennt und dessen Anweisungen man befolgt, nicht weil sie vernünftig klingen, sondern weil sie von Korporal Karrrotte kommen. Ich bin seiner Magie genauso erlegen, wie alle anderen Bewohner Ankh-Morpoks.

Rassismus ist ein großes Thema in Helle Barden. Vetinari zwingt die Wache, erstmals Nicht-Menschen aufzunehmen. Und die Zwerge, Trolle und später auch Vampire, sind, sobald sie die Uniform tragen, keine Zwerge, Trolle und Vampire mehr, sondern Wächter. Es geht um Vorurteile, und wie man diesen ohne erhobenen Zeigefinger begegnen kann, aber auch um Vorurteile bzw. Klischees, die durchaus zutreffen können (und dafür sorgen, dass man vorsichtig ist, was dem eigenen Überleben durchaus zuträglich sein kann).

Aber worum dreht sich nun der Plot? Zivilisation zeichnet sich unter anderem durch einen steigenden Grad an Organisation aus. Man organisiert sich in Vereinen, Verbänden und in einem dem Mittelalter nicht fernen Szenario beruflich in Gilden. In Ankh-Morpork gibt es für alles eine Gilde. Eine Hundegilde, eine für Narren, eine für Alchemisten, eine für Diebe und eine für Assassine. Denn morden darf man in der Stadt nur als Mitglied der Assassinengilde, wenn man dafür bezahlt wird und am Opfer eine Mitteilung hinterlässt. Ordnung muss sein. Besagter Assassinengilde wird ein gfährlicher Gegenstand geklaut, und eine Reihe von unautorisierten Morden beginnt, während ein umnachteter Geist sich die Monarchie zurückwünscht (aktuell regiert ja der Patrizier Vetinari). Für die Nachtwache unter der Führung von Mumm, der sich eigentlich um seine Hochzeit mit Lady Käsedick kümmern sollte, steht ein harter Brocken an Ermittlungsarbeit bevor, für die sie eben die Stadtwache erst einmal gegen viele Widerstände reformieren müssen.

Reareads sind so eine Sache, manche Bücher sind nicht gut gealtert und die erneute Lektüre kann dazu führen, dass die schöne Erinnerung an das Buch durch Enttäuschung und Verwunderung darüber ersetzt werden kann, warum man einen solchen Mist einmal gemocht hat. Bei anderen Büchern bestätigt sich die gute Erinnerung. Und einige Bücher schneiden bei der wiederholten Lektüre sogar noch besser ab als früher, weil man durch 20 oder so zusätzliche Jahre mehr Erfahrung viel mehr von den ganzen Anspielungen und der Tiefe des Romans versteht. So geht es mir mit Helle Barden. Ich habe bisher erst 24 von 40 Scheibenweltromanen gelesen und dieser Romane ist für mich nach wie vor ein Highlight.

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Ich habe nicht alle 24 Titel im Regal stehen. Einige hatte ich mir von einem Freund ausgeliehen.

 

An dieser Stelle möchte ich auch noch die Übersetzung von Andreas Brandhorst loben, die sich ganz wunderbar liest, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie nahe sie dem Original kommt. Aber gerade solche Eigenheiten, wie dass sich die Leute auf der Scheibenwelt alle duzen, auch wenn es dann heißt: »du, Lord Vetinari«, haben mit ihrem eigenen Charme dazu beigetragen, dass ich diese Welt so liebe. Inzwischen gibt es eine Neuübersetzung von Men at Arms durch Gerald Jung. Ich habe mich ein paar Mal mit ihm über die Neuübersetzungen unterhalte, und bin überzeugt, dass er mit seinem Ansatz der Tiefe des Originals sogar näher kommt als Brandhorst, aber ich bin eben mit Brandhorst aufgewachsen und sozialisiert worden. Deshalb heißt es für mich: Brandhorst oder Original. Das Titelbild der Neuübersetzung wage ich gar nicht hier zu posten (folgen Sie diesem Link auf eigene Gfahr), das ist ebenso scheußlich, wie die Bilder aller anderen Neuübersetzungen und konterkariert den postulierten Anspruch des Verlags, Terry Pratchett aus der Fantasyschublade (böse Zungen behaupten, da ein »aus der Schmuddelecke Fantasy«, zwischen den Zeilen zu lesen) zu holen, um ihn auch auf dem deutschen Markt auf die literarischen Höhen zu holen, die er verdient habe. Tja, Mission failed. Andererseits hat Pratchett das doch auch gar nicht nötig.