Nunca Mais! Meine Gedanken zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

2006 reiste ich im Rahmen meines Studiums für neun Wochen nach Brasilien, um dort ein Fotoprojekt mit Kindern in einer Favela durchzuführen. Vom ersten Abend an erlebte ich eine gastfreundliche, offene und vielfältige Gesellschaft. Zu unseren Gastgebern gehörten eine ehemalige Bildungsministerin, die uns in ihrer Penthousewohnung einquartierte; ein junger Computerexperte aus der unteren Mittelschicht, der uns in seinem winzigen Zweizimmerappartement aufnahm; eine Großfamilie, die gerade ihr eigenes Haus in einem Neubaugebiet gebaut hatte und uns für sechs Wochen praktisch adoptierte; und ganz einfache Menschen aus der Favela, die uns zu sich zum Essen eingeladen haben, mit denen wir zusammen gekocht, Fußball und Tischtennis gespielt, demonstriert und gelacht haben.

2006 befand sich Präsident Lula da Silva in seinem dritten Amtsjahr, die Wirtschaft boomte und Brasilien entwickelte sich zu einer prosperierenden Demokratie, in der auch Menschen aus ärmeren Schichten Aufstiegschancen hatten. Natürlich herrschte noch Gewalt, vor allem durch Drogenkriminalität, Korruption, Mauscheleien, Kinderprostitution und Diskriminierung der Armen und Schwarzen. Aber das Land befand sich auf dem richtigen Weg, Lula hatte es geschafft, dass nicht mehr nur die Reichen vom steigenden Wohlstand der Nation profitierten. Ich erlebte ein Land voller Lebensfreude, in dem Optimismus und Aufbruchstimmung herrschten. Ordem e Progesso – aber mit Samba im Blut.

Der Sportplatz von Parque Oziel in Campinas, Brasilien im Jahr 2006

Am Sonntag hat Brasilien einen zukünftigen Diktator gewählt, der aus seinem Faschismus keinen Hehl macht, gegen Minderheiten hetzt, die Natur ausbeuten möchte, indigene Völker vertreiben, einen radikalen Marktliberalismus predigt und von der Militärdiktatur und ihren Folterern schwärmt, die seiner Meinung nach mehr Menschen hätte töten sollen, und nicht nur foltern.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Wirtschaft kriselt schon seit Jahren in Brasilien, Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff fehlte das Charisma ihres Vorgängers und sie wurde von einer korrupten Elite aus dem Amt geputscht, die Korruption nahm überhand, die Mittelschicht stürzte wirtschaftlich wieder ab und den Armen fehlt der gemäßigte Hoffnungsträger. Schon 2006 hatten die Pfingstkirchen, die eine gefährliche Lücke geschlossen haben – die nach dem Abzug der Franziskaner- und Benediktinerorden durch den Vatikan klaffte -, einen enormen Einfluss in den Favelas, und die unterstützen jetzt den Faschisten Jair Bolsonaro, der keiner der korrupten großen Parteien angehört und somit zur populistischen Protestfigur wie Donald Trump wurde.

Die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, in Ungarn und Polen sind autokratische Regierungen an der Macht, in Italien und Österreich sitzten Rechtsradikale im Kabinett, Russland, Türkei, Kambodscha, Nicaragua und Venezuela sind wieder in die Diktatur abgeglitten, auf den Philippinen hetzt Präsident Duterte Todesschwadron auf Drogenabhänge. Totalitäre Herrscher wie Putin oder Mohammed bin Salman lassen ganz offen Kritiker in anderen Ländern von Killerkommandos ermorden, ohne dass es für sie wirkliche Konsequenzen hat.

Fällt Brasilien, sehe ich ganz Lateinamerika auf der Kippe stehen. Dann könnten wir endgültig in die düsteren Zeiten der Militärdiktaturen abgleiten, die den Kontinent über Jahrzehnte blutig beherrschten. Und ich mache mir große Sorgen um meine brasilianischen Freunde.

Die Folgen für Brasilien

Schon vor der Wahl stürmte die Militärpolizei Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen und beschlagnahmte Material über die Militärdiktatur. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten und Jahren folgen dürfte. Leider ist es Brasilien nie gelungen, die sogenannten »Bleiernen Jahre«, die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufzuarbeiten – sowohl gesellschaftlich als auch juristisch. Letzteres wurde durch ein Amnestiegesetz von 1979 verhindert, das also noch während der Diktatur entstanden ist. Und auch gesellschaftlich lief es eher schleppend voran. Unter der glücklosen Präsidentin Dilma Rousseff, die selbst während der Diktatur gefoltert worden war, wurden zwar Wahrheitskommissionen eingerichtet, mit deren Ergebnis die Opfer von damals aber sehr unzufrieden waren und sie eher als Farce betrachten.

Und jetzt ist ein Präsident gewählt worden, der Carlos Alberto Brilhante Ustra, den ehemaligen Leiter des gefürchtetsten Folterzentrums verherrlicht. Der sich stolz als homophob bezeichnet, den Regenwald rücksichtslos abholzen, und damit die noch verbliebenen indigenen Völker vertreiben und ausrotten möchte, die man schon während der Militärdiktatur in Straflager gesteckt hatte und die auch in demokratischen Zeiten ermordet werden.

Schon während des Wahlkampfes stiegen die Gewalttaten gegen homo- und transsexuelle Menschen an, aber auch gegen öffentlich agierende Anhänger und Wahlkämpfer des anderen Präsidentschaftskandidaten Haddad. Aus unserer deutschen Geschichte wissen wir, dass die Diktatur, auch wenn sie demokratisch initiiert wurde, mit Gewalt auf den Straßen beginnt. Zunächst noch eine brutale, gesetzlose Schlägertruppe, wurde die SA Himmlers nach der Wahl durch das neu Regime legitimiert. Übergriffe und Gewalt, die vom Staat und seinen Organen ausgeht, werden der nächste Schritt sein.

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren fühlen sich Angehörige von Minderheiten wieder unsicher und fremd im eigenen Land. Und da es Brasilien Bedrohungen von außen mangelt, werden sie vermutlich auch nach Ende des Wahlkampfes dem neuen Präsidenten weiterhin Zielscheibe dienen, so wie es Trump in den USA vorgemacht hat. Mit Lügen, die während des Wahlkampfes massiv über WhatsApp verbreitet wurden. Das Internet und die sozialen Medien entwickeln sich immer stärker zum Wegbereiter antidemokratischer Kräfte.

Hätte Lula zur Wahl gestanden, wäre es vermutlich anders ausgegangen. Ob etwas an den Korruptionsvorwürfen dran ist, wegen denen er jetzt im Gefängnis sitzt, mag ich nicht zu beurteilen. Verhindert hat seine Kandidatur der Richter Sergio Moro, der gut mit Bolsonora befreundet ist und von ihm zum Dank jetzt als Justizminister ernannt werden soll.

Traurige Tropen.

„Der Kanon mechanischer Seelen“ von Michael Marrak

Michael Marrak ist ein Wandler, der seine Leser mit Worten beseelt, Portale in ihrem Verstand öffnet und ganze Welten durch den Orb aus dem Chronoversum in ihre Köpfe hineintransportiert. Das Buch verschlingt einen, lässt dem Geist Füße wachsen, mit denen er staunend durch eine Welt zu allen Zeiten wandelt, während das Licht längst verloschener Sterne auf einen hinabscheint und in einer melancholischen Zeitendämmerung von der Vergänglichkeit des Seins kündet. Wie Schäume, die in Wogen durch Sphären tosen, bis der Zeitenbrand sie hinwegnegiert hat, dem Sensenmann gleich, der mit scharfer Klinge in knochigen Fingern Seelen sammelt und im undurchdringlichen Schwarz seiner eigenen Existenz verschwinden lässt.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Ninive begegnen, einer jung wirkenden Frau, die seit Äonen einsam durch eine postapokalyptische Landschaft voller mechanischer und elektronischer Fauna wandelt und aus Langeweile Uhren, Lampen und Öfen beseelt, die ihr dann vorlaut und vergesslich Gesellschaft leisten.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Aris begegnen, einem jung wirkenden Wandler auf wichtiger Mission, entsand vom Dynamo-Rat, die undurchdringliche Bannmauer zu durchdringen, mit Kompass, Karte und einem durch eine uralte Bibliothek gestählten Verstand bewaffnet.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird dem Tod begegnen, und ihn mit einem Lächeln begrüßen – wenn auch auf sicherem Abstand, um nicht dem Zeitbrand anheimzufallen -, ihm einen Eimer Kalk zum netten Nachmittagsplausch anbietend.

Wer auf dieses Abenteuer eingelassen wurde – denn Widerstand ist zwecklos, wenn das Schicksals-Ganglion die Fäden in der Hand hält -, wird am Ende der Zeit tanzen, auf den zermahlenen Knochen einer untergegangenen Zivilisation, in einer Ära, die wir erst noch träumen müssen.

Es ist die präzise Sprachgewalt, die überbordende Fabulierkunst Michael Marraks, die uns keine Wahl lässt, als uns kopfüber in eine Welt voller einzigartiger Ideen zu stürzen, bis unsere Synapsen im Hirn vor Freude tanzen ob des bunten Spektakels, das sie endlich wieder einmal fordert, und jenem Zwecke zuführt, für den sie einst von der Evolution geschaffen wurden.

Mit staunenden Augen begleiten wir die Äonenkinder Ninive und Aris, ihren beseelten Hausrat wie den Ofen Guss, die Stehlampe Glogger und die Lampe Luxa, den Monozyklopen Sloterdyke und weitere Wundergestalen am Ende aller Tage auf einer abenteuerlichen Reise, an deren Ziel es die verbliebene Welt zu retten gilt. Neben dem grenzenlosen Ideenreichtum, den Michael Marrak mit unvergleichlicher Fabulierkunst präsentiert, hebt sich der Roman auch sonst von bekannten und eingefahrenen Erzählmustern ab. Es gibt keinen Bösewicht, keine Antagonisten, bis auf ein paar kleine Gastauftritte nicht einmal Figuren, die wirklich unsympathisch rüberkommen. Unsere HeldInnen müssen Probleme lösen, nicht Schurken besiegen.

16 Jahre ist es her, seit ich Lord Gamma von Michael Marrak gelesen habe. 16 Jahre, in denen ich stets diesen arschcoolen Roman nannte, wenn es um die Frage ging, was mein liebster deutschsprachiger Science-Fiction-Roman sei. 16 Jahre, in denen ich dieses Buch als meinen liebsten SF-Roman nannte, auch wenn ich gar nicht danach gefragt wurde. Jetzt hat es Konkurrenz bekommen. Lord Gamma las ich im Sommer 2002, als ich während der Semesterferien in einem Lager für Apothekenbedarf arbeitete. Eine eintönige Arbeit, die um sechs in der Früh begann und sich anfühlte, als würde man mit einem entseelten Rollator eine öde Wüstenstraße entlangzockeln und Müll vom Aspahlt aufklauben, während der Wind einem den Sand in die Augen trieb, immer und immer wieder, unter gleißender Sonne, jeden Tag aufs Neue. Und dann hatte ich Mittagspause oder Feierabend, öffnete den grünen Buchdeckel und saß plötzlich in einem Pontiac ohne Motor, der eine endlose Straße entlangrollte, während aus den Boxen Radio Gamma tönte und ich mich von einem Abenteuer ins nächste stürzte und geklonte Varianten meiner Freundin aus grotesken Bunkern rettete und dann erschoss.

Wie konnte dieser Roman nie ins Englische übersetzt werden? Wie kommt es, dass er nur noch antiquarisch erhältlich ist? Ist den die ganze Welt verrückt geworden? Erkennt denn die Bücherwelt nicht, was für einen großartigen Phantasten und Schriftsteller sie an Michael Marrak hat?

Marrak selbst gibt Stanislaw Lems Robotermärchen als Einfluss an, die Filme von Hayao Miyazaki und Michael Moorcocks Am Ende der Zeit. Aufgrund seiner Sprachgewalt musste ich aber auch an Thomas Zieglers Sardor denken.

Auf der Chuck-Norris-Skala von eins bis unendlich gebe ich dem Roman unendlich Minus eins, um für kommende Werke noch Spielraum nach oben zu haben. Gegen Ende wurde er mir einen Tick zu lang und zu technisch.

Das Buch ist im umtriebigen und engagierten Kleinverlag Amrun erschienen. Zwar kostet das eBook nur 6.99 Euro, trotzdem lohnt es sich, das Hardcover für 24.90 Euro zu kaufen, enthält es doch zahlreiche Illustrationen und die schöne Umschlaggestaltung von Meister Marrak persönlich und liegt beim Lesen einfach gut in der Hand.

Wer mehr über die Entstehung des Romans erfahren möchte, der aus mehreren Novellen hervorgegangen ist, und eine Zweitmeinung einholen will, sollte diese tolle Besprechung von Ralf Steinberg lesen.

P. S. ich habe diese Besprechung noch gar nicht geschrieben, wenn ihr sie schon lesen könnt, ist das Zeitengefüge aus den Fugen geraten … da hilft jetzt nur noch treten – einmal kräftig gegen das Multiversum.

P.P.S bei dem Namen Sloterdyke musste ich erst ganz uncharmant an eine schlotternde Lesbe denken, bevor mir der philosophierende Schnauzbart in den Unsinn kam, der sich geistig durch ähnliche Sphären bewegt wie unser Monozyklop auch in physischer Form.

Der Kanon marrakscher Seelen (unvollständig)