Was macht für mich einen guten Science-Fiction-Roman aus?

Ein befreundeter Science-Fiction-Autor fragte in kleinem Kreis, was für uns einen guten SF-Roman ausmache. Was es an Zutaten bräuchte, dass uns ein SF-Roman besonders ansprechen würde. Welche Erwartungen wir hätten. Meine Antwort ist etwas länger geworden, und so habe ich einen Blogeintrag daraus gemacht.

Ich glaube nicht, dass ich die Frage zur Zufriedenheit des Fragestellers beantworten kann. Mir kommt es in erster Linie nicht auf die inhaltlichen Elemente an, sondern vor allem darauf, wie die Geschichte erzählt wird. Und das kann ich am Besten nur anhand von Beispielen erklären. Indem ich darauf eingehe, was mir an meinen Lieblings-SF-Büchern so gefällt.

Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger

Zeitreisen sind eigentlich ein ausgelutschtes Thema, aber Niffenegger schafft es trotzdem, daraus eine originelle und bewegende Geschichte zu machen. Der Protagonist leidet an einem Gendefekt, der ihn vorübergehend und unangekündigt in der Zeit zurückreisen lässt, wo er immer wieder derselben Frau (zunächst ist sie noch ein Mädchen) begegnet, aber eben in unterschiedlichen Jahren und nicht in chronologischer Reihenfolge. Später heiraten sie und es kommt zu dramatischen Entwicklungen. Das alles wird unheimlich bewegend und anrührend geschildert. Und genau das, macht es für mich zu einem besonderen Buch, die Grundidee mit den Zeitsprüngen ist originell und ansprechend, die hat mich das Buch kaufen lassen, aber erobert hat es mit über Emotionen, die für mich auch maßgeblich über den Stil transportiert werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist Blumen für Algernorn von Daniel Keyes (Spoiler in diesem Absatz). Da geht es um einen Ich-Erzähler (Charly) von verminderter Intelligenz, was sich durch die vielen Rechtschreibfehler und die einfache Sprache zeigt. Der nimmt dann an einem Experiment teil, durch das seine Intelligenz immer weiter ansteigt, gleichzeitig werden seine Rechtschreibfehler weniger, die Sätze werden länger und komplexer, ebenso seine Gedanken. Der emotionale Dreh kommt, als sich bei der Maus (Algernorn), an der das Experiment zuerst getestet wurde, Anzeichen bemerkbar machen, dass die Intelligenz wieder zurückgeht. Wodurch Charly, inzwischen hochintelligent, weiß, dass er wieder »dümmer« wird, die Tragik dieses Prozesses kündigt sich durch seinen Schreibstil an.

Ein weiteres meiner Lieblingsbücher ist Bedenke Phlebas von Iain Banks, eine rasante und actionreiche Space Opera, deren Besonderheit im von Banks erschaffenen Kultur-Universum liegt, wo künstliche Intelligenzen im Prinzip alles übernommen haben und das Leben der Menschen und anderer Wesen sanft steuert (siehe diesen Artikel über den revolutionären Optimismus im Kultur-Universum). Dazu kommen einfach sympathische und coole Figuren sowie ein gewisser Sense of Wonder, der mir bei Weltraum SF wichtig ist. Ideen, die ich so woanders noch nicht gelesen habe. Was nicht heißt, dass sie neu sein müssen, da ich ja nicht alle existierenden SF-Geschichten gelesen habe. Aber sie sollten zumindest so selten sein, dass sie mir eben noch nicht in dieser Form begegnet sind.

In Robert Charles Wilsons Spin (hier meine Besprechung) beobachten drei Kinder ein faszinierendes und weltbewegendes Ereignis: eines Nachts verschwinden die Sterne. Das ist die Ausgangslage des Romans, doch erzählt wird die Geschichte über die massiven gesellschaftlichen Auswirkungen und Hintergründe dieses Ereignisses anhand der Biografie dieser drei Kinder. Wilson präsentiert die faszinierende Idee nicht mit dem Holzhammer, sonder bettet sie in eine bewegende Familiengeschichte ein. Und genau das macht den Roman für mich so besonders.

Aber gutes Buch heißt ja nicht gleichzeitig auch Lieblingsbuch. Es gibt auch Bücher, die ich für gut halte, obwohl sie mir persönlich aus unterschiedlichen Gründen nicht gefallen haben, oder die ich eben nur als gut bezeichne, ohne dass dabei meine Augen vor Begeisterung leuchten.

Ben Bovas Mars behandelt zum Beispiel auf faszinierende, realistische und nachvollziehbare Art den Versuch einer Marsbesiedelung. Das hat mich thematisch angesprochen, weil ich eben von der Raumfahrt und der dahintersteckenden Wissenschaft fasziniert bin. Stilistisch ist routiniert erzählt, hat mich aber jetzt keine Luftsprünge machen lassen. Dafür verleiht Bova aber seinen Figuren durch Flashbacks einiges an Persönlichkeit, die sie für mich interessant und lebendig machen.

Themen und Zutaten können ein Grund sein, warum ich mir ein Buch genauer ansehe, ein Grund, es mir zu kaufen. Aber um mich so richtig für sich gewinnen zu können, muss mir das Buch Figuren mit Tiefe bieten, muss originell und/oder mitreißend erzählt werden, muss Emotionen transportieren. Deshalb gefallen mir zum Beispiel Heftromane nicht, die oft (zumindest in den Beispielen, die ich gelesen habe) ganz auf die Handlung fixiert sind, in einem normierten Stil und Satzbau, ohne den Figuren Raum für Tiefe zu geben.

Ein aktuelles Beispiel ist Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (hier meine Besprechung). Das konnte mich total begeistern, obwohl es keine originelle Grundhandlung hat. Da fliegt ein Tunnelbauschiff von A nach B und erlebt unterwegs ein paar mehr oder weniger aufregende Abenteuer. Was das Buch für mich und auch für viele LeserInnen (hat sich bei Fischer Tor dank Mundpropaganda zu einem Longseller entwickelt) besonders macht, sind die liebenswürdigen Figuren und ihr durchaus konfliktreiches Miteinander. Chambers hat auf diesem Tunnelbauschiff einen grundsympathischen Mikrokosmos geschaffen, in dem ich einfach gerne Zeit verbringe. Das war zur Abwechslung mal Wohlfühl-SF.

Anspruchsvolle und intellektuell herausfordernde Science Fiction, wie sie zum Beispiel Neal Stephenson oder Dietmar Dath schreiben, in die sie viele mathematische, philosophische und physikalische Konzepte und Ideen packen, finde ich auch überaus faszinierend und lese sie gerne, aber bei meinen Lieblingsbüchern landen sie eher selten.

Das war jetzt sicher nicht das, was der Fragesteller hören wollte, aber anders kann ich die Frage, was für mich ein gutes SF-Buch ausmacht, nicht erklären. Für mich als Leser ist die Science-Fiction nur ein Genre von vielen. Ich lese auch gerne Fantasy, Thriller, historische Romane, Klassiker, allgemeine Belletristik und Sachbücher. Und was für mich das Wichtigste ist, ist der Stil des Autors, seine Erzählstimme, die Art, zu erzählen. Wenn mich das nicht anspricht, breche ich schnell ab. Ist das aber vorhanden, lese ich auch Bücher, die mich rein vom Thema her nicht interessiert hätten.

Ein großer Pluspunkt kann es auch sein, wenn ein Buch nicht meinen Erwartungen entspricht. Wenn es mich überrascht. Ist doch langweilig, wenn man immer nur das bekommt, was man erwartet. Ich will überrascht und aus den Socken gehauen werden.

Im Idealfall ist es ein abgeschlossener SF-Roman. Vor einiger Zeit habe ich mit erstaunen festgestellt, dass keine angefangene SF-Reihe oder Serie in meinem Bücherregal über Band 3 hinausgeht, weshalb ich sie inzwischen auch kaum noch anfange, wenn schon feststeht, dass es Fortsetzungen geben wird. Ich brauche Abwechslung. Deshalb lese ich auch selten zwei Bücher aus einem Genre hintereinander.

Manche Bücher haben aber auch einfach das Pech, dass ich sie zum falschen Zeitpunkt anfange und einfach nicht in der Stimmung bin, um mich auf sie einzulassen. Andersherum kann es auch passieren, dass mir ein Buch besser gefällt, weil ich gerade durch einen Film, einen Artikel oder sonst was auf ein bestimmtes Thema Lust bekommen habe. Passiert mir gelegentlich mit Archäologiethrillern oder Sachen Richtung Dan Brown oder anderen Abenteuergeschichten.

Manchmal möchte ich auch was lesen, was mich an die Leseerlebnisse der Kindheit erinnert, da spielt dann bei der Wertung auch ein gewisser Nostalgiefaktor eine Rolle, wenn es dem Buch gelingt, mich emotional in eine passende Stimmung zu bekommen. Was aber eher selten passiert. Wenn, lese ich lieber noch mal die Bücher von damals, die dann aber außer Konkurrenz laufen, weil ich bestimmte Erinnerungen mit ihrer Lektüre verknüpfe.

Ich würde mich aber auch nicht zum typischen SF-Leser zählen, der vor allem in diesem Genre liest. Wie viel SF ich lese, schwankt von Jahr zu Jahr, aber selten macht sie mehr als 20% der Bücher eines Jahres aus. In diesem Jahr waren bisher 7 von 60 Büchern Science Fiction.

Insofern kann ich keine klaren Zutatenwünsche für einen guten SF-Roman liefern, der meinen Ansprüchen genügt. Das ist jedes Mal eine neue, individuelle Entscheidung, die von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt.

„Klauen“ uns Netflix und Co. die Zeit zum Lesen?

„Uns allen brechen die Leser weg. Noch 2012 hat sich jeder Mensch hierzulande statistisch gesehen mindestens einmal pro Jahr ein Buch gekauft. Diese Reichweite hat sich praktisch halbiert“, sagt Piper-Verlagschefin Felicitas von Lovenberg gegenüber dem Buchreport.

Auch die Buchhandlung Otherland aus Berlin schreibt, dass sich Netflix, Amazon und Co. bemerkbar machen würden. Gemeint ist damit, dass Menschen, die bisher viel Zeit mit Lesen verbracht haben, immer mehr auf Serien aus Streamingangeboten umsteigen, bzw. größere Teile ihrer Freizeit dafür reservieren (sich also Marktanteile verschieben).

Serien hat es schon immer gegeben, auch Phantastikserien. Akte X war in den 90ern ebenso ein Straßenfeger wie Star Trek – Next Generation oder Babylon 5. Geändert hat sich die Fülle des Angebots und seine Verfügbarkeit. Was bei mir die Frage aufwirft, ob die steigende Zahl an Phantastikserien und vor allem auch an Serienadaptionen von Büchern nicht dafür sorgt, dass insgesamt weniger Phantastikbücher gelesen werden?

Phantastik ist jetzt Mainstream

Es gab schon immer erfolgreiche Phantastikfilme und Serien, doch dank der modernen Tricktechnik, die seit Ende des letzten Jahrtausends, seit der Matrix– und Herr der Ringe-Trilogie enorme Fortschritte gemacht hat und günstiger geworden ist, gibt es eine Flut an Phantastikserien und Filmen (mit und ohne Superhelden). Wer mal sehen möchte, was aktuell an phantastischen Serien läuft, sollte sich diese beiden Listen von Armin Rößler zu Superheldenserien und allgemeinen Phantastikserien ansehen. 90! aktuell laufende oder demnächst anlaufende Phantastikserien sind dort aufgezählt.

Allein an Serien! Dazu kommen noch die ganzen Filme von Marvel, DC, Star Wars, aus dem Harry Potter-Universum usw., dazu eine kleine Flut an Science-Fiction-Filmen (Alien:Covenant, Life, Arrival, Blade Runner 2049, Passengers – um mal ein paar aus diesem Jahr zu nennen), zahlreiche Jugendystopien und ihre Fortsetzungen. Man kann wahrlich sagen, dass die Phantastik im Mainstream angekommen ist und diesen aktuell sogar dominiert.

Doch führt der Erfolg dieser Filme und Serien auch dazu, dass Bücher aus diesen Genres (die ja oft die Vorlagen liefern) davon profitieren? So wie es einst der Fantasy im Fahrwasser der Herr der Ringe-Trilogie erging (Stichwort Völkerfantasy)?

Zum Erfolg von Game of Thrones und ob das Fantasygenre im Buchbereich davon profitieren würde, sagte Carsten Polzin von Pipers mal der Zeitschrift phantastisch! (habe jetzt nicht im Kopf, welche Ausgabe es war), dass davon vor allem einer profitieren würde, und zwar George R. R. Martin selbst. Einen Boom oder überhaupt ein gesteigertes Interesse für ähnliche Fantasybücher von anderen Autoren ist nicht zu erkennen. Dasselbe gilt für die Science Fiction. Nur weil das Genre an der Kinokasse brummt, heißt es nicht, dass auch die SF-Buchverkäufe steigen.

Aktuell wird über jeden neuen Trailer von Star Wars oder aus dem MCU und über jede neue Folge von Star Trek Discovery mehr diskutiert, als über die aktuell angesagtesten und aufregendsten Buchneuerscheinungen in den Genres Fantasy und Science Fiction. Selbst in Genreforen, in denen vor 10 Jahren hauptsächlich noch über Bücher diskutiert wurde.

Veränderte Sehgewohnheiten

Dank Tablets haben Netflix und Co. inzwischen auch das Bett (trotz Fernsehers im Schlafzimmer) und den Zug erobert, jene Domänen, die früher dem Buch vorbehalten waren. Denn früher gab es nicht diese Fülle an Phantastikserien, die jederzeit verfügbar waren. Star Trek Next Generation lief in der Woche um 15.00 Uhr im ZDF, Babylon 5 sonntags um 17.00 Uhr und Akte X anfangs am Freitagabend.

Heute sind die 90 Serien fast alle rund um die Uhr verfügbar. Und zwar deutlich günstiger, als wenn man alle auf DVD kaufen würde. Bei einem Netflixabo ist man ab 7.99 Euro dabei, bei Amazon Prime sogar für noch weniger im Monat. Hat man noch Sky dazu, hat man auch noch die Serien von HBO und Showtime dabei. Oft werden Staffeln am Stück veröffentlicht, was zum Bingewatching über das Wochenende einlädt.

Es erscheinen also immer mehr aufwendig produzierte und gut geschriebene Serien (auch wenn da natürlich viel Schrott oder Mittelmaß dabei ist), deren Ansehen viel Zeit erfordert. Zeit, die von der Lesezeit abgeht. Auf Twitter lese ich immer häufiger Kommentare wie: „Mit Erkältung im Bett, zum Glück gibt es Netflix“. „Ein Sonntagnachmittag mit Netflix, was gibt es Schöneres“. „Netflix hat mich in der Wartezeit auf dem Berliner Bürgeramt vor dem Wahnsinn bewahrt.“

Persönliche Erfahrungen

Ich lese nicht weniger. Allein in diesem Jahr habe ich schon 53 Bücher gelesen, obwohl ich Netflix, Amazon Prime und Sky abonniert habe. Aber während ich Serien wie Game of Thrones, The Expanse oder American Gods schaue, sinkt beim Lesen der Anteil an phantastischen Büchern. Was zum einen mit einem veränderten Themeninteresse bei mir liegen könnte, zum anderen aber auch, an einer gewissen Sättigung. Bei den drei obengenannten Serien frage ich mich zum Beispiel, ob ich die Buchvorlagen überhaupt lesen soll, wo ich doch schon die Serien gesehen habe.

Trend zu Buchadaption

Meinem Empfinden nach dominieren aktuell Phantastikfilme den Film- und Serienmarkt. Und die meisten dieser Filme scheinen auf Büchern, Comics oder Kurzgeschichten zu basieren:

Marvel, DC und fast alle Superheldenstoffe
Arrival
Annihilation
Game of Thrones
The Expanse
Altered Carbon
The Witcher
Shannara Chronicles
Nine Princes of Amber
Luna
Ready Player One

Um mal ein paar aktuelle und kommende Titel zu nennen.

Als kürzlich der Trailer zu Annihilation veröffentlicht wurde, verfolgte Jeff VanderMeer, der Autor der Vorlage, wie sein Buch bei Amazon kurzfristig bis auf den vierten Verkaufsplatz stieg. Jedes Buch, das verfilmt wird, wird von den Verlagen neu aufgelegt, weil es kurzfristig zu einem gesteigerten Interesse an der Vorlage sorgt.

Doch ich frage mich, ob wir inzwischen nicht den Punkt erreicht haben, an dem diese Flut an Phantastikserien den Buchvorlagen und allen anderen Büchern eher schadet?

Kein Problem der Phantastik allein

Amazon Prime und Netflix sind natürlich keine reinen Phantastikportale, auch Serien wie House of Cards, Orange is the New Black, Mozart in the Jungle, Designated Survivor usw. werden geschaut. Und die Buchverkäufe brechen ja insgesamt in allen Bereichen ein. Wenn auch verstärkt wohl auf dem Taschenbuchmarkt im Unterhaltungssegment.

Hinzu kommt, dass immer mehr Buchneuerscheinungen. Um die 90.000 sollen es pro Jahr ungefähr sein, plus die ganze Flut an Selfpublishern. Immer mehr Bücher für immer weniger Leser. Da wird es für die einzelnen Titel natürlich immer schwerer, schwarze Zahlen einzufahren (wobei das für Serien ebenfalls gilt, ich persönlich glaube ja, dass da bald eine Serienblase platzt und die Zahl der Neuproduktionen drastisch zurückgehen wird).

Meine These – die ich natürlich nicht beweisen kann – lautet also, dass die veränderten Sehgewohnheiten durch Streamingportale wie Netflix und Amazon Prime (wo es neben Serien ja auch Filme gibt) mit dafür sorgen, dass die Menschen weniger Lesen und die Zahlen der Buchkäufe zurückgehen, dass sich dies aber besonders auf die Phantastik auswirkt, weil gerade dieses Genre im Bereich der Serien und des Films einen nie dagewesenen Boom erlebt.

Es gibt natürlich nicht die eine Antwort auf die Frage, warum weniger gelesen wird. Da spielen auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und der technologische Fortschritt eine Rolle. Vielleicht wird ja auch gar nicht weniger gelesen? Sinkende Verkaufszahlen bei neuen Büchern bedeuten nicht zwangsläufig weniger Leser. Was man sich früher noch mühsam in einigen wenigen Antiquariaten gebraucht erstöbern musste, findet man heute mit einem Klick bei Rebuy oder Medimops. Über Facebook gibt es zahlreiche Büchertauschgruppen. Und immer mehr LeserInnen betreiben mehr oder weniger gelungene Blogs, um Rezensionsexemplare abzustauben. Dazu noch Dumpingpreise bei Selfpublishern aber auch bei Verlagen in Bezug auf E-Book-Aktionen und zahlreiche Gewinnspiele usw.

In den letzten Jahren hat sich über das Internet eine Kostenloskultur bzw. eine Billigpreiskultur in Bezug auf Bücher (aber auch andere Medien) entwickelt, die unter anderem auch zu Flatrateangeboten führen, die Autorinnen, Verlagen und Buchhändler aber wenig, bis nichts einbringen.

Kleine Randbeobachtung

Eine Gruppe, die als Leser wegfällt, scheinen ausgerechnet die Autoren selbst zu sein. Je länger ich in der Buchbranche und Szene tätig bin, desto mehr Autoren lerne ich kennen. Und eine erschreckend große Zahl von ihnen gibt zu, selbst kaum noch Zeit, Energie oder Lust zum Lesen zu haben (gerne aber Serien gucken und ins Kino gehen). Was ich sehr schade finde, dass ausgerechnet jene, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, ihr in der Freizeit nicht mehr nachgehen. Stephen King gibt an, im Jahr um die 80 Bücher zu lesen, aber er kann sich sich vermutlich auch Assistenten leisten, die sämtliche administrativen und häuslichen Tätigkeiten für ihn übernehmen, während der klassische Midlistautor, der mindestens zwei Bücher pro Jahr schreiben (oder übersetzen) muss, um über die Runden zu kommen, alles alleine meistert.

Wie seht ihr das? Lest ihr weniger, weil ihr inzwischen mehr Serien schaut?

Eine Ode an das Lesebändchen

Zwischen 50 bis 80 Bücher lese ich im Jahr. Taschenbücher, Trade Paperbacks, eBooks und auch gelegentlich Hardcover. Letzteres aber eher selten. Ich liebe Bücher, aber damit meine ich vor allem den Inhalt. Ich bin nicht wirklich bibliophil veranlagt und brauch keine besonders schön gestaltete Ausgabe im Regal, auch wenn ich diese durchaus zu schätzen weiß und mich freue, wenn es keinen hässlichen oder tristen Einheitsbrei auf dem Cover gibt.

Mit mehreren tausend Büchern in den Regalen wird bei mir der Platz langsam knapp, von der elenden Schlepperei bei Umzügen ganz zu schweigen. Weshalb ich versuche, verstärkt eBooks zu kaufen (was aber nicht so wirklich funktioniert, es werden trotzdem immer mehr gedruckte Bücher). Aber was Hardcover angeht: die liegen schwer in der Hand und nehmen viel Platz im Regal weg. Wenn ich die Möglichkeit habe, kaufe ich mir das Buch lieber in einer Taschenbuchausgabe, oder – bei einer Übersetzung aus dem Englischen – das eBook im Original. Außer bei meinen Lieblingsautoren (Stephen King z. B.) oder Büchern, die mich wirklich brennend interessieren.

Bei jenen Büchern, auf die ich neugierig bin, aber auch nicht so sehr, also jene, bei denen die Kaufentscheidung für das Hardcover auf der Kippe steht, kann das Lesebändchen durchaus den entscheidenden Ausschlag geben. Vielen Lesern mag dieser dünne Stoffstreifen nichts bedeuten, doch ich liebe ihn. Mit ihm ist ein Buch perfekt. Ohne, muss man externe Hilfsmittel heranziehen, die eigentlich nicht zum Buch gehören: also ein Lesezeichen. Oder man muss das Buch mittels Eselsohren verunstalten (was mir nicht einmal im Traum einfallen würde). Die dritte Möglichkeit ist, sich die Seitenzahl einfach zu merken. Habe ich mal eine Weile gemacht, bis das Buch dann ungeplant länger unangetastet liegen blieb und ich nicht mehr wusste, auf welcher Seite ich zuletzt gewesen bin.

Das Lesebändchen ist die eleganteste Lösung: Direkt am Buch befestigt, gleitet es sanft und kitzelnd durch die Hand, hängt geduldig und ohne zu ermüden als symbolischer Cliffhanger über dem Buchrücken, während man liest. Ist das Buch zugeklappt, späht es neckend und lockend zwischen den Seiten hervor, eine daran erinnernd, wo man zuletzt gewesen ist, welche Abenteuer dort zwischen den weißen Seiten mit den lustigen schwarzen Kringeln auf einen warten.

Von den Verlagsprofis würde ich gerne wissen, welche Gründe für oder gegen die Verwendung eines Lesebändchens sprechen? Welche Mehrkosten entstehen dadurch?

Trend zur Science Fiction? Ein kleines Zwischenfazit

Warnung! Der Text ist furztrocken, furchtbar lang und basiert auf unzuverlässigen Zahlen, mit denen ich einfach wild ins Blaue hinein spekuliere (aber es gibt viele bunte Bilder). 😉

Vor knapp zehn Monaten stellte ich die Frage, ob es einen Trend zur Science Fiction gibt? Dazu bin ich die Vorschauen für den Herbst/Winter 2016/17 der großen Phantastikverlage durchgegangen. Darunter auch die komplett neu gestarteten Programme von Knaur Fantasy und Fischer Tor (Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt?) . Eine kleine SF-Offensive bei Piper, mehr anspruchsvollere Titel beim Platzhirsch Heyne und wieder mehr eigenständige Titel (außerhalb der altbewährten Reihen) bei Bastei/Lübbe. Sowie einem anspruchsvollen SF-Programm bei Cross Cult.

Die damals vorgestellten Programme sind jetzt durch und die Titel alle erschienen, inzwischen erscheinen schon die ersten Titel aus den Früjahrs- und Sommerprogrammen (die ich hier aus Zeitmangel nicht vorgestellt habe). Nach einem halben Jahr bzw. anderthalb Programmen ist es noch zu früh, ein Fazit zu ziehen. Die Frage, ob der Trend zur Science Fiction auch bei den Lesern angekommen ist, lässt sich noch nicht so einfach beantworten.

Aber es gibt zumindest erste Tendenzen. Hier und da kenne ich auch konkrete Verkaufszahlen, aber auf die werde ich nicht eingehen (so was ist vertraulich). Ich beziehe mich ausschließlich auf Informationen, die im Netz frei verfügbar sind – insbesondere auf das Feedback zu den einzelnen Büchern. Die Kritiken auf Amazon sind mit Vorsicht zu genießen, aber gewisse Tendenzen lassen sich in der Anzahl der Bewertungen durchaus ableiten. Dazu kommt noch das Feedback in Form von Rezensionen, in den Genreforen und der SF-Szene allgemein – was aber eine sehr subjektive Angelegenheit ist und von meinen privaten Surfgewohnheiten beeinflusst wird. Aber gehen wir die Verlage mal der Reihe nach durch.

Cross Cult

Cross Cult ist im Herbst 2016 mit einem sehr ambitionierten Programm gestartet, das mit der Duologie Dunkelheit und Licht von Connie Willis zwei echte Brocken enthält, dazu die Red-Trilogie von Linda Nagata, Das Ende des Regenbogens von Vernor Vinge, Dunkle Materie von Carolyn Ives Gilman und Die Welten der Skiir: Prinzipat von Dirk van den Boom. Dunkelheit hat immerhin sieben Rezensionen beim großen A erhalten, Licht nur noch zwei. Die Erfahrung sagt, dass es bei Fortsetzungen immer weniger werden, oft um ein Drittel oder gar die Hälfte weniger. Für den Aufwand, den die Übersetzerin mit diesen beiden Brocken hatte, sicher viel zu wenig. Auch wenn man für ein Buch, das sich nicht so gut verkauft, genauso bezahlt wird wie für einen Bestseller, finde ich es immer sehr schade, wenn ein Buch, mit dem man sich richtig viel Mühe gemacht hat, dann nur von wenigen gelesen wird. Wie es z. B. bei Dunkle Materie der Fall zu sein scheint, wenn man sich das Feedback im Netz ansieht. Nur zwei Amazonrezensionen und eine Handvoll Besprechungen auf Blogs und Reziportalen, die aber fast durchweg sehr positiv ausgefallen sind, was es um so bedauerlicher macht, zu sehen, wie vielen potentiellen Lesern so ein tolles Buch entgeht. Dasselbe gilt für Red von Linda Nagata, von dem der erste Band Morgengrauen nicht eine einzige Amazonrezension erhalten hat, was mich sehr überrascht, da ich dachte, ein solcher Near-Future-Actionthriller würde besonders gut ankommen (dafür wurde Helga Parmiter beim KLP für die beste Übersetzung nominiert). Auch Vernor Vinges Das Ende des Regenbogens hat nur vier Bewertungen erhalten. Da hat eventuell der inzwischen etwas verblasste Ruhm des Autors noch gezogen. Das einzige Buch aus dem Programm, das ein nennenswertes Feedback erhalten hat, ist Die Welten der Skiir: Prinzipat von Dirk van den Boom mit 14 Besprechungen. Lagune von Nnedi Okorafor hat immerhin noch acht erhalten und einiges an positivem Feedback aus der Szene (und eine KLP-Nominierung).

Ob der Verlag daraus schon Konsequenzen gezogen hat, vermag ich nicht zu sagen, doch im Sommerpogramm 2017 befinden sich schon deutlich weniger eigenständige Titel abseits der Franchiseromane. Einzig Christopher Goldens Snowblind, neben den schon früh angekündigten Büchern von Nnedi Okorafor und den Fortsetzungen von Linda Nagata. Dirk van den Boom hat folglich für eine zweite Trilogie bei Cross Cult unterschrieben. Daneben sei noch zu erwähnen, dass der Verlag erfolgreich die ersten deutschsprachigen Star Trek-Romane (von Bernd Perplies und Christian Humberg) auf den Markt gebracht hat (23 Amazonrezensionen und viel Aufmerksamkeit unter den Star-Trek-Fans).

Auf mögliche Gründe für das geringe Feedback werde ich ganz am Schluss des Beitrags eingehen. Es bleibt auch abzuwarten, wie die Programme für den Herbst/Winter 2017 aussehen werden.

Fischer Tor

Der vermeintliche? Gamechanger hat sich in der Szene innerhalb kürzester Zeit einen hervorragenden Ruf für außergewöhnliche Phantastik erworben und ging mit einem Programm an den Start, in dem die Science Fiction sogar überwog. Daneben etabliert sich der Verlag mit seinem Phantastikportal Tor Online auch als ernstzunehmende Konkurrenz zu Heyne (mit Die Zukunft). Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker kommt immerhin auf 73 Amazonrezensionen und viel positives Feedback aus der Szene (soweit ich das mitbekommen habe, plus eine KLP-Nominierung). Hat als Spitzentitel im Programm aber auch einiges an Marketing erhalten. Als veritablen Longseller hat sich Der lang Weg zu einem kleinen zornigen Planeten entpuppt, mit inzwischen 28 Amazonrezensionen, ein Titel, der sich meiner Meinung nach vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda und schwärmerische Rezensionen (wie die meine z. B. 😉 ) herumgesprochen hat (und gleich zweimal für den KLP nominiert ist). Die hat Kai Meyer nicht nötig, der bringt von Titeln wie Die Seiten der Welt schon eine gewaltige Fanbasis mit, von der ein Teil auch zu seiner Space Fantasy die Krone der Sterne gegriffen hat, mit immerhin 103 Amazonrezis und begeisterten SF-Fans, die sich über rasante SF im Stile der alten Space Operas von Edmond Hamiltion und Co. freuen. Venus siegt von Dietmar Dath hat nur drei Amanzonrezis, was aber auch nicht verwundert, handelt es sich doch um einen sehr sperrigen und anspruchsvollen Titel, der in abgespeckter Form auch schon mal erschienen war. Afterparty von Daryl Gregory (meine aktuelle Lektüre) kommt bisher leider nur auf vier Besprechungen, obwohl die bisheringen Rückmeldungen größtenteils postiv ausfielen. Und Freie Geister von Ursula K. Le Guin ist schon seit Jahrzehnten ein Klassiker der SF, der in den meisten SF-Regalen schon stehen dürfte (bei mir z. B. in der Originalfassung). Allein die Neuübersetzung konnte anscheinend nicht so viele Leser neugierig machen, weshalb es nur zwei Amazonrezis gibt und recht wenig Feedback im Netz.

Knaur Fantasy

Hier nimmt die Science Fiction nur einen kleinen Teil im von der Fantasy dominierten Programm ein. Aber immerhin drei von 18 Titel sind SF. Darunter Darwin City von Jason M. Hughes, der inzwischen immerhin auf zehn Amazonrezis kommt, in der Szene allerdings nur bedingt wahrgenommen wurde. Auch Mr. Sapien träumt vom Menschsein von Ariel S. Winter kommt auf zehn Kritiken und etwas mehr Resonanz aus der Szenen (die immerhin zu einer KLP-Nominierung für die beste Übersetzung durch Oliver Plaschka führte). Dark Side von Anthony O’Neill ist erst am 27. Februar erschienen, bringt es aber schon auf sechs Kritiken. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die SF in der ganzen (sehr lesenswerten) Fantasy von Knaur ein wenig untergeht. Zumindest die SF-Szene hat diesem Verlag (meiner Meinung nach) nicht wirklich auf dem Schirm. Zwei, drei Titel mehr pro Halbjahresprogramm könnten vielleicht für etwas mehr Sichtbarkeit sorgen (wobei aber auch das Risiko einer Übersättigung auf dem SF-Markt besteht, worauf ich in meinem Fazit noch eingehen werde).

Heyne

Der Platzhirsch hat, wie von mir beschrieben, ein starkes Herbstprogramm vorgelegt. Die größte Aufmerksamkeit (inklusive Spiegelonlinebesprechung) erregte Die drei Sonnen von Cixin Liu, das schon allein deswegen für Aufregung sorgte, weil es aus China stammt und in den USA ein Bestseller war (den sogar Obama während seiner Amtszeit gelesen hat). Dafür sind die 66 Kundenrezensionen schon fast etwas mager, aber es handelt sich teilweise eben auch um wirklich harte Hard-SF mit viel wissenschaftlichem Fachsprech. Mit 43 Kritiken ebenfalls relativ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, hat Giants – Sie sind erwacht, ein Briefroman! Von Silvain Neuvel, bzw. einem Roman in Form von Gesprächsprotokollen. So was muss man sich erst mal trauen (was aber natürlich nicht bei jedem Leser ankam, aber, wie der Liu, für den KLP nominiert wurde und auch alte SF-Hasen begeistern konnte). Auch der Hard-SF-Roman Aurora von Kim Stanley Robinson kam aufgrund seiner pessimistischen Sicht auf die Besiedelung des Weltraums nur durchwachsen an und erhielt zehn Besprechungen (löste in den USA aber immerhin einige kontroverse Diskussionen aus). Mit Moonatics ist ein recht ungewöhnlicher SF-Roman aus deutscher Feder erschienen, der es auf 19 Kritiken bringt, Luna von Ian McDonald leider nur auf vier (auf diesem wunderbaren Autor scheint in Deutschland ein Fluch zu liegen). Auf die restlichen Titel gehe ich jetzt nicht alle ein, insgesamt scheint mir das Programm von Heyne ähnlich zu laufen wie in den Jahren davor. Ohne größere Ausschläge nach oben oder unten, ein Erfolg in den Dimensionen von Pierce Browns Red Rising (92 Besprechungen) oder Andy Weirs Der Marsianer (757!) ist allerdings nicht dabei.

Piper

Blue Screen von Dan Wells hat immerhin 56 Kritiken. Vor seinem SF-Debüt hat sich der Autor bereits mit den Thrillern um Ich bin kein Serienkiller eine Fanbasis erschrieben, da wurden sicher einige mitgenommen. Auffällig ist aber auch, dass SF-Titel von Non-SF-Autoren zwar mehr Kritiken bekommen, als SF-Bücher von unbekannten Autoren, aber noch lange nicht so viele wie mit ihren Non-SF-Titeln. Vor dem Genre scheint immer noch eine gewisse Scheu zu bestehen, oder Desinteresse. Andreas Brandhorsts Omni hat 30 Besprechungen erhalten, was für einen deutschen SF-Roman ganz ordentlich ist. Auch in der Szene stößt das Buch, wie schon Das Schiff auf eine sehr hohe und positive Resonanz und ist auch für alle wichtigen Genrepreise nominiert. Brandhorst hat sich über die Jahre eine feste Fanbasis erschrieben. Bei Jasper T. Scotts Dark Space-Serie sind die Kritiken für den zweiten Band von zwölf auf eine gefallen, was neben dem üblichen Fortsetzungsschwund sicher auch an den durchwachsenen Bewertungen liegt. Die Maschine (Teil eins der Spin-Trilogie, nicht zu verwechseln mit der Spin-Trilogie von Robert Charles Wilson) von Andrew Bannister kommt zwar auf 21 Kundenrezensionen, die allerdings überwiegend nur mittelmäßig ausfallen.

Bastei/Lübbe

Den Perry Rhodan-Gastroman Die falsche Welt von Andreas Eschbach und Verena Themsen lasse ich mal außer Konkurrenz laufen, da ich keine Ahnung habe, wie es sonst bei PR-Romanen aussieht (viel Feedback gibt es allerdings nicht, und vor allem wenig positives). New Sol von Margarete Fortune hat leider nur drei Kritiken erhalten; ein Roman, der mir gut gefallen hat, aber eventuell falsche Erwartungen weckt – ich zumindest dachte, es wäre ein rasanter Thriller im Stile der Serie 24 (nur im Weltraum), und kein Coming-of-Age-Drama, was mich allerdings nicht groß gestört hat. Paul Tassis Auftakt zur Earthbound-Serie ist mit fünf Besprechungen auch nicht unbedingt euphorisch empfangen worden.

Blanvalet

Der Star Wars-Roman Schülerin der dunklen Seite kommt auch nur auf sechs Kundenkritiken; das Franchise alleine und der aktuelle Star Wars-Boom im Kino scheinen auch nicht unbedingt viele Leser zu ziehen. Die Secrets-Reihe von Heather Anastasiu (Jugenddystopie) hat nach 21 Besprechungen von Band 1 auch einen erheblichen Einbruch erlitten, wenn ich das richtig sehe, sind die Bände 2 und 3 aber auch nur als E-Book erschienen, obwohl in der Vorschau damals noch als Taschenbuch für Dezember 2016 angekündigt wurden. Ich habe in der Vergangenheit schon erlebt, dass Blanvalet angekündigte Titel wieder aus dem Programm kickt, wenn nicht genügend Vorbestellungen aus dem Buchhandel eingehen (wenn ich mich recht entsinne). Auch beim vorzeitigen Abbrechen von Fantasyreihen ist man ganz vorne mit dabei. Ähnlich scheint man mit Ninurta – Die Unendliche von Lori M. Lee zu verfahren. Band 1 ist noch als Taschenbuch erschienen (immerhin 33 Besprechungen), Band 2, der laut Ankündigung schon längst hätte erschienen sein sollen, ist jetzt nur noch als E-Book für Juni 2017 angekündigt. Im Prinzip kann man Blanvalet in Bezug auf Science Fiction abschreiben.

Nur auf die großen Genrepublikumsverlage zu schauen ist natürlich ein sehr eingeschränkter Blick. Science Fiction ist natürlich schon längst im Mainstream angekommen. Für den Kurd Laßwitzpreis ist zum Beispiel Christopher Eckers Der Bahnhof von Plön nominiert, das im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist (nur vier Kritiken). Marc Elsbergs Helix läuft in der Thrillersparte von Blanvalet (stolze 153), ebenso wie Thomas Thiemeyers Babylon bei Knaur (58). Thea Dorns Die Unglückseligen erschien bei Knaus als allgemeine Belletristik (trotz Besprechung im TV nur 43 Amazonrezis für das zugegeben etwas sperrige Werk), Thomas von Steinaeckers Die Verteidigung des Paradieses bei S. Fischer in der allgemeinen Reihe (nur neun Kritiken). Alles außer irdisch von Horst Evers bei Rowohlt (43 Kritiken) Ich könnte noch massig weitere Beispiele aufführen, gemein ist ihnen vor allem eins: sie werden von den Verlagen meist nicht als Science Fiction deklariert, sondern als Thriller oder allgemeine Belletristik, denn das Label SF galt lange als Ladenhüter und trotz der jüngsten SF-Offensive hat sich daran wohl noch nicht so viel geändert. Und in der SF-Szene, dem SF-Fandom werden solche Titel nur vereinzelt wahrgenommen, meist mit Verzögerung, wenn sie für Preise nominiert sind oder ein genretechnischer Grenzgänger unter den Fans eine begeisterte Besprechung verfasst hat.

Und neben den ganzen Publikumsverlagen gibt es natürlich auch noch die Kleinverlage, die gerade in der SF sehr umtriebig sind und jene Lücken füllen, die von den großen Verlagen in den letzten Jahren hinterlassen wurden. Man muss nur mal einen Blick auf die KLP-Nominierten in der Kategorie bester deutschsprachiger Roman werfen, um eine Who-is-Who-Liste der deutschsprachigen SF-Kleinverlage zu erhalten (wobei man hier von der Resonanz im Netz nicht auf die gleiche Weise auf die Verkäufe extrapolieren kann, wie bei den großen Verlagen, da es an Vertriebsstrukturen mangelt und ein Gros der Verkäufe über das Internet und vor allem Amazon abläuft). Begedia ist mit Mathias Falkes Sternentor (zwei Kritiken) und Im Nebel kein Wort von Frank Hebben (drei) gleich zweimal vertreten, Atlantis mit Vektor von Jo Koren (vier), Wurdack mit Das Universum nach Landau (hier hätte ich gerne das tolle Cover abgebildet, aber Wurdack ist der einzige Verlag, der keinen Coverdownload ermöglicht) von Karsten Kruschel (vier Rezis) und Ein Neuer Himmel für Kana von Karla Schmidt (zwei).

Bei einer so niedrigen Anzahl an Besprechungen deutschsprachiger AutorInnen muss man auch vorsichtig sein, da könnten schon mal Verwandte und Freunde was schreiben, um das Buch zu pushen (was ich hier aber natürlich niemandem unterstelle). Große Verlage benötigen auch ganz andere Verkaufszahlen als die kleinen (die sich darüber aber sicher auch freuen würden). Ich sag mal, ein Titel bei Heyne sollte schon mehr als 5.000 Exemplare verkaufen, damit man dort in Erwägung zieht, weitere Werke von dem Autor zu übersetzen. Im Schnitt verkaufen sich bei SF-Werken, nach dem was ich so gehört habe, zwischen 2.000 bis 7.000 Exemplare. Kleinverlage können froh sein, wenn sie überhaupt mal die Tausender-Marke knacken. Einer der wenigen deutschsprachigen Kleinverlagsautoren, die das schaffen, ist z. B. Dirk van den Boom, der inzwischen aber auch schon 100 Bücher geschrieben hat und seit mehr als 20. Jahren daran arbeitet, sich eine Stammkäuferschaft aufzubauen.

Daneben gibt es auch immer mehr Verlage, die man (zumindest ich) bisher nicht auf dem Schirm hatte, die aber inzwischen auch Science-Fiction übersetzen: Z. B. der Mantikore Verlag (Joe Haldeman, Robert Heinlein oder Harry Harrison), Papierverzierer (Adam Christopher) oder Arctis (Madeline Ashby).

Einen wirklichen Boom hat die Fokussierung auf Science Fiction nicht ausgelöst (höchsten einen van den Boom), dafür fehlt bisher einfach der eine große Titel, der ein massiver Bestseller wird. Den hat eventuell der Selfpublisher Phillip P. Peterson mit Transport gelandet, das auf Sage und Schreibe 1.062 Amazonrezensionen kommt, dafür allerdings im Buchhandel nicht stattfindet. Mit Paradox hat er den Storryteller Award von Amazon 2015 gewonnen und wurde daraufhin bei Bastei/Lübbe veröffentlicht.

Wie schon erwähnt, wirklich aussagekräftig ist dieses Zählen von Kundenrenzensionen bei Amazon nicht, aber aus meiner Erfahrung ist die Tendenz, die sie andeuten, durchaus nicht ganz verkehrt. Interessant wäre es sicher, diese Zahlen jetzt mit denen der Fantasytitel in den obigen Programmen zu vergleichen, aber das ist mir ehrlich gesagt zu viel Arbeit.

In den letzten Jahren waren in der SF-Leserschaft (auch bei mir) immer wieder Klagen zu hören, es würde immer weniger Science Fiction bei den klassischen SF-Verlagen erscheinen, und auch immer weniger anspruchsvolle SF. Viele interessante englischsprachige Titel blieben unübersetzt. Das hat sich mit dem Herbst/Winterprogramm 2016/17 teilweise geändert. Ich zumindest komme schon allein bei den SF-Übersetzungen nicht mit dem Lesen hinterher (und ich lese auch noch viele andere Genres). Durch die SF-Offensive der Verlage wird die SF-Leserschaft nicht unbedingt größer. Sicher, Autoren wie Kai Meyer oder Dan Wells könnte vereinzelt ein paar LeserInnen mitbringen, aber ob die im Genre auch hängen bleiben und andere AutorInnen ausprobieren, ist eine andere Frage. Eher erscheinen jetzt mehr Titel für die gleiche Anzahl der Leser wie bisher, wodurch Bücher, die Erfolg verdient hätten, auf der Strecke bleiben. Es bleibt zu hoffen, dass sich dadurch kein Jo-Jo-Effekt entwickelt, der dafür sorgt, dass die Programme noch stärker zusammengekürzt werden als vor der SF-Offensive. Vielleicht wird es ja auch noch den einen großen Titel geben, der einen SF-Boom auslösen wird, der über die Grenzen der bisherigen Genreleserschafft hinausgeht. Aber das ist bisher noch Wunschdenken und steht in den Sternen. Ich bin jeden Falls sehr auf die kommenden Programmvorschauen für den Herbst/Winter 2017/18 gespannt und werde darüber berichten.

P.S. Golkonda habe ich in diesem Artikel mal außen vor gelassen, da es in den letzten Monat sehr ruhig um den Verlag geworden ist, was sich durch den kürzlich verkündeten Verkauf an den Europa Verlag aber ab Herbst wieder ändern wird.

Lesesplitter und Stand der Dinge Ende Februar 2017

Lesesplitter

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Am Wochenende habe ich Die Krone der Sterne von Kai Meyer beendet, ein Buch, dem ich als Captain-Future-Übersetzer schon deswegen nicht widerstehen konnte, weil es unter anderem Edmond Hamilton gewidmet ist, einem der Urväter der flotten Space Opera. Und genauso flott kommt das Buch auch daher, das die junge (aber erwachsene) Ineza auf der Flucht vor dem Hexenorden begleitet, der sie zur Braut der Gottkaiserin mache möchte (was kein ersterbenswertes Ziel ist). Im Prinzip besteht das Buch auch aus einer einzigen Flucht, was auf Dauer Gefahr läuft, etwas zu repetitiv zu werden, da die einzelnen Kapitel und Szenen im Prinzip immer Variationen des gleichen Themas sind: Gefangennahme, Schießerei, Flucht, Streiterei untereinander, Verrat, Gefangennahme … Dafür, dass es einem dabei aber nicht langweilig wird, sorgt der geschickt eingeflochtene Weltenbau, der mich an eine Mischung aus Dune (in der Lynchversion) und Riddick erinnert. Ein flottes, unterhaltsames Weltraumabenteuer mit starken Frauenfiguren, das sich nicht um Physik schert; gute Unterhaltung für zwischendurch. Und, liebe SF-Verlage, so gestaltet man ein Science-Fiction-Buch, das auch LeserInnen ansprechen soll, die nicht so genreaffin sind und sich nicht mit dem generischen Raumschiff im All zufriedengeben. Neben der wunderschönen Umschlaggestaltung gibt es auch noch zahlreiche Illustrationen von Jens Maria Weber, die das Buch wie ein Vorspann einleiten. Meine Mutter liest das Buch übrigens gerade auch mit großer Begeisterung, dabei liest sie Science Fiction sonst nur, wenn ich sie übersetzt habe.

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Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass Philip Pullman eine neue Trilogie in der Welt von His Dark Materials plant, was mir Lust darauf gemacht hat, Der Goldene Kompass noch einmal zu lesen. Zuletzt hatte ich das Buch im Sommer 2001 gelesen, in jenen endlos trägen Wochen zwischen meinem Fachabitur und dem Beginn des Physikstudiums, auf das ich mich eigentlich hätte vorbereiten sollen – tja, so bin ich dann auch am Ende Übersetzer geworden, und nicht Physiker. 😉 Jedenfalls gefällt mir das Buch beim Reread noch genauso gut wie beim ersten Mal. Pullman hat da eine ganz wunderbar eigene Welt erschaffen, die knapp neben der unsrigen liegt, und versteht es, sie mit Anspruch unterhaltsam in eine spannende Geschichte einzubinden.

Stand der Dinge – Reise-Mäurer

Vor zwei Wochen bin ich in Berlin gewesen, in den Verlagsräumlichkeiten von Fischer Tor (sehr schick), um mich dort in das Typo 3 von tor-online.de einarbeiten zu lassen. Über den Grund habe ich ja in meinem letzten Blogeintrag berichtet. Das war nur ein kurzer Blitzbesuch, der mir gerade mal Zeit ließ, mich mit einem guten alten Studienfreund zu treffen, einen SF-Stammtisch in kleinem Kreise abzuhalten und einen Blitzbesuch im Otherland zu machen. Dienstag ging mein Flug nach Berlin, am Donnerstag dann der Rückflug, womit ich echt Glück hatte, da das Bodenpersonal von Tegel am Mittwoch dazwischen gestreikt hat.

Die nächste Reise geht dann am Freitag den 24. März zur Leipziger Buchmesse. Eigentlich wollte ich ja diese Jahr nicht, aber irgendwie habe ich den Messebesuch in den letzten Jahren doch lieb gewonnen, und es ist eine tolle Gelegenheit, viele Bekannte und Freunde zu treffen, die ich sonst kaum sehe (auch wenn ein Tag eigentlich zu knapp dafür ist).

In der dritten Maiwoche werde ich für eine Woche nach Paris reisen (falls mich Präsidentin Le Pen dann noch reinlässt), einfach, um mir die Stadt mal anzusehen, in der ich noch nie war. Das wird meine erste Urlaubsreise seit über zehn Jahren sein.

Wo ich dieses Jahr nicht hinfahren werde, ist der Marburg Con, den ich in den letzten drei Jahren besucht habe. Passt zeitlich einfach nicht, außerdem ist mein Stammreisebegleiter abgesprungen. Und so ganz alleine mag ich auch nicht fahren.

Ebenfalls ausfallen lasse ich dieses Jahr das Pan-Branchentreffen in Berlin. Zwar fand ich das Treffen im letzten Jahr großartig, aber da ich dieses Jahr Urlaub machen möchte, muss ich ein paar Prioritäten setzen (und das bisherige Programm finde ich auch nicht so interessant für mich ). Auch nicht besuchen werde ich die großen Cons des Jahres, wie den Eurocon in Dortmund, den Worldcon in Helsinki und den Dirkcon (anlässlich des 50 Geburtstages des Tentakelmeisters) in Dirktropolis. Dafür ist der Bucon aber wieder fest gesetzt, den ich seit über 10 Jahren immer besuche.

Eventuell werde ich im Sommer auch noch eine oder zwei Wochen in Berlin verbringen, um mir etwas mehr Zeit für meine ehemalige Heimat zu nehmen. Das wird aber vermutlich nicht in die Zeit des Fantasy Filmfests fallen, das in diesem Jahr leider erste Ende September stattfindet. Für mich gehört das FFF einfach in den Hochsommer. Und mit der Streckung auf zwölf Tage und den Wegfall der Parallelvorstellung kann ich mich auch nicht so recht anfreunden.

Meine Lieblingsrezensenten im Netz (Teil 1)

Als Nachtrag zu meinem Beitrag Wie ich Bücher bespreche möchte ich jetzt ein paar Rezensenten vorstellen, deren Besprechungen ich sehr schätze. Ich schrieb:

Damals sah ich Rezensionen vor allem als Hilfe bei Kauf- und Leseentscheidungen; ich wollte Lesern helfen, die überlegen, ob sie das Buch kaufen sollen oder nicht, und bei der Internetrecherche auf meine Besprechung gestoßen sind. Darauf habe ich inzwischen aber auch keine Lust mehr.

Das gilt für meine eigenen Rezensionen, als Leser lese ich Buchbesprechungen aber immer noch vor allem als Kauf- und Leseanregung. Aber nicht nur. Da ich nicht alle Bücher lesen kann, finde ich es auch interessant, mich einfach zu informieren, was es sonst noch an Büchern gibt. Außerdem lese ich Rezensionen gerne nach Lektüre des Buchs, um zu sehen, wie andere das Buch empfunden haben.

fantasyguide-de

Ralf Steinberg Mastermind vom Fantasyguide (und passionierter Elfenskeptiker) fährt bei seinen Besprechungen oft zweigleisig. Auf dem Phantastikportal Fantasyguide.de versucht er, die Bücher ausgewogener zu besprechen, mit einem objektiven Ansatz, während er gleichzeitig auf seinem eigenen Blog noch mal persönlicher auf die Bücher eingeht und seinen Geschmack mehr einbringt. Hier als Beispiel seine Besprechungen zu Kim Stanley Robinsons Aurora, dass ich auch kürzlich gelesen habe:

Hier auf dem Fantasyguide:

Diese Mischform aus Roman und Essaysammlung ist eine Besonderheit Robinsons, auf die man sich einlassen muss, wenn man Spaß bei der Lektüre haben will.

Und hier auf dem persönlichen Blog:

Klingt erstmal alles auch ganz toll und überlegenswert, aber KSR hat mich über weite Strecken des Romans einfach nur gelangweilt mit endlosen Betrachtungen der Schiffs-KI, physikalischen Erklärungen und technischen Details.

Ralf hat, wie ich, einen sehr breiten Lesegeschmack und bespricht neben Phantastik auch immer wieder gerne Klassiker  oder Biografien. Hier eine Übersicht über seine Besprechungen 2016.

Obwohl ich inzwischen wohl höchstens noch zu 40% Phantastik im Jahr lese, liegt der Anteil der Phantastik bei Buchbesprechungen, die ich lese, geschätzt bei 70%. Um das Feuilleton mache ich in der Regel einen großen Bogen (außer wenn ich konkret auf interessante Besprechungen hingewiesen werde). Und irgendwie bewege ich mich im Internet und in den sozialen Netzwerken vor allem auf phantastischen Pfaden. Doch Buchbesprechungen, die meinen Ansprüchen genügen bzw. meinen Geschmack treffen, werden immer seltener. Es gibt kaum noch Rezensionsportale und Magazine, die regelmäßig qualitativ hochwertige Buchbesprechungen bringen, was vermutlich daran liegt, dass man für Phantastikbesprechungen in der Regel nicht bezahlt wird. Phantastikportale wie Fantasyguide.de oder Phantastik-News.de sind Hobbyprojekte, die keine Honorare zahlen können. Und Zeitungen und Magazine, die Honorare zahlen, bringen nur sehr selten Phantastikbesprechungen (Ausnahmen sind eventuell die phantastisch! und die Geek). Eine der wenigen Ausnahmen ist der Onlineauftritt der österreichischen Zeitung Der Standard, auf dem Josefson einmal im Monat die SF und F Rundschau mit jeweils ca. zwölf Besprechungen pro Ausgabe veröffentlicht.

Josefson hat sich in den letzten Jahren einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet, und gilt weithin als der renommierteste und beliebteste Phantastikrezensent. Manchmal wird mir in seinen Kritiken zu sehr auf den Inhalt eingegangen, und gelegentlich wird mir aus dem Text nicht ganz ersichtlich, ob ihm das Buch gefallen hat oder nicht, aber aktuell gibt es keinen Rezensenten, auf dessen neue Besprechungen ich mich mehr freue. Was unter anderem auch daran liegt, dass er immer wieder englischsprachige Kuriositäten und Perlen im Programm hat, die mir bis dato völlig unbekannt waren. So landeten z. B. Age of Zeus von James Lovegrove, das sprachlich herausragende Mechanique: A Tale of the Circus Tresaulti von Genevieve Valentine erst dank Josefson in meinem Regal.

Er hat auch keinerlei Berührungsängste, was abseitige Texte wie z. B. Bizzaro Fiction angeht, oder einfach Popcornliteratur, die er zwischen Hard SF und anspruchsvolleren Werken platziert. Nur ganz dicke Bücher und Mehrteiler sind nicht so sein Ding.

Frank Böhmert ist Übersetzerkollege und Berliner SF-Freund, der mich schon seit Anfang meiner Übersetzerkarriere begleitet. Auf seinem Blog bespricht er immer wieder mal seine Lektüre, die sich nicht an aktuellen Moden und Neuerscheinungen orientiert, sondern an dem, was er so beim Flanieren über die Berliner Boulevards in die Finger bekommt, oder was ihm Freunde im Netz empfehlen. Dabei richtet er sich nach einem interessanten Schema und strukturiert seine Besprechungen nach Fragen wie „Was hat gefallen“, „Was hat nicht so gefallen“ usw. Habe ich auch mal versucht zu übernehmen, war aber nicht mein Ding.

In letzter Zeit lese ich auch gerne die Besprechungen zu abseitigen Literatur von Frank Duwald auf Dandelion sowie seine Gastreihe über Liebesreigen der Literatur bei Sätze und Schätze.

Lesesplitter und Stand der Dinge Februar 2017

Eigentlich wollte ich nur ein paar Bücher lesen, doch dann geschah etwas Unglaubliches:

1. Bruce Springsteen – Born to Run
2. Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten
3. Anne Berrest – Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau
4. Didier Erebon – Rückkehr nach Reims
5. Oliver Plaschka – Marco Polo: Bis ans Ende der Welt
6. Ben Aaranovitch – Der böse Ort
7. Nathan Hill – Geister

Ich habe noch mehr Bücher gelesen. 😉

Sieben Bücher, drei davon mit jeweils über 800 Seiten. Mein bester Lesemonat seit langem, wobei ich Born to Run zu 90% noch im Dezember gelesen habe. Trotzdem macht sich doch deutlich bemerkbar, dass ich momentan mehr Zeit habe. Im zweiten Halbjahr 2016 steckte ich mit beiden Ohren tief in zwei Übersetzungsprojekten (eines mit 800 Normseiten), so dass mir nicht so viel Zeit zum Lesen blieb. Nach Abgabe von Die Neunte Stadt hatte ich eigentlich vier Wochen Weihnachtsurlaub geplant, doch dann kam am 23.12 noch eine Druckfahne zur Korrektur rein, die mich bis in den Januar beschäftigt hat, gefolgt vom Lektorat der großen Übersetzung und einigen anderen Kleinigkeiten. Die vier Wochen Urlaub am Stück haben also nicht so ganz funktioniert (aber immerhin ein wenig; 2016 hatte ich gar keinen Urlaub). Und wirklich Urlaub war es auch nicht, da ich die Zeit genutzt habe, an einem eigenen Projekt weiterzuschreiben.

An eigenen Texten zu schreiben (zumindest was diesen Roman angeht) funktioniert für mich nicht so, wie zu übersetzen. Da kann ich mich nicht vor den Schreibtisch hocken und sechs bis acht Stunden (mit kleinen Pausen natürlich) am Stück loslegen (bzw. erst wenn es an die Ausarbeitung der Ideen und Szenen geht). Die guten Ideen kommen nicht per Knopfdruck, sondern vor allem, wenn ich mich mit etwas anderem beschäftige. Und die größte Inspiration liefern mir (neben Filmen und Dokumentationen) eben Bücher. Es kann passieren, dass ich mir es gerade erste mit einem Buch gemütlich gemacht habe, und mir nach drei Seiten ein toller Einfall kommt, der mir dann drei gute Seiten oder so verschafft. Für solche Inspiration braucht man aber auch die richtigen Bücher, und da war der Januar ein guter Monat.

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Die Titel 1 bis 4 in der Liste oben habe ich ja schon hier, hier und hier besprochen. Zu Oliver Plaschkas Marco Polo will ich noch eine ausführliche Rezension schreiben, aber bisher ist mir nichts Vernünftiges eingefallen. Es handelt sich um einen ausgezeichneten historischen Abenteuerroman über einen der größten Abenteuerer der Geschichte, der trotz seiner 800 Seiten durch seine clevere Erzählstruktur mit der Geschichte in der Geschichte und einem unverlässlichen? Erzähler, sowie dem Spiel mit Wahrheit und Identität, eine Dynamik besitzt, die dafür sorgt, dass es in dem stilistischklaren und eleganten Roman an keiner Stelle Längen gibt. Absolute Empfehlung für geistige Weltenbummler!

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Der böse Ort von Ben Aaranovitch ist der vierte Teil in der Serie um den magisch begabten Police Constable Peter Grant, der sich in dieser Episode mit den Folgen zauberhafter Architektur und dem großen bösen Widersacher auseinandersetzen muss, wobei die Geschichte in diesen Büchern eher nebensächlich ist, da der große Reiz vor allem in dem freundschaftlichen Geplänkel zwischen PC Grant und seinen KollegInnen liegt, sowie dem scharfsinnigen und humorvollen Blick des Autors auf das moderne London.

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Geister von Nathan Hill ist ein komplexes Familiendrama und Psychogramm, das geschickt die 68er-Proteste in Chicago mit der Gegenwart von 2011 und den Occupyprotesten verbindet. Stilistisch teilweise recht experimentell, mit sehr, sehr viel Liebe zum Detail und zahlreichen hervorragend herausgearbeiteten Figuren. Toll geschrieben, aber teilweise etwas zu altbacken („Burschenschaftler“ für „sorority members“, „das UCLA“) und holprig übersetzt und lektoriert (ich vermute mal, dass es am Zeitdruck lag, damit habe ich auch so meine Erfahrungen). An drei Stellen heißt es, „sie zogen Fahnen Schwinglend durch die Straßen“. Da der Name Schwingle im Buch auftaucht, vermute ich hier mal ein Malheur mit der Ersetzen-Funktion. 🙂 Trotzdem ein ganz großer Roman über Einwanderung, Familie, Protestbewegungen, das College und die perverse Logik der Medien.

Wie man sieht lese ich momentan sehr wenig auf Englisch, und ich versuche auch, vor allem sprachlich und stilistisch gut geschriebene und übersetzte Werke zu lesen, da ich hoffe, dass sich diese positiv auf meinen eigenen Stil auswirken wird, bzw. mir sprachliche Inspiration verleiht. Liest man zu viel auf Englisch, könnte man sich (gerade beim Übersetzen) unbewusst englische Satzstrukturen angewöhnen bzw. sich nicht ausreichend von ihr lösen.

Meine aktuelle Lektüre ist aber trotzdem auf Englisch, weil ich da auch nicht aus der Übung kommen möchte, und mich das von Stephen King jüngst auf Twitter empfohlene Darktown von Thomas Mullen auf den ersten Blick fasziniert hat. In dem historischen Krimi geht es um eine der ersten schwarzen Polizeieinheiten in den USA, die 1948 in Atlanta Georgia mit acht Officers/Wachtmeistern gegründet wurde. Die durften allerdings nur zu Fuß im Schwarzenviertel der Stadt patrouillieren (immerhin mit Schusswaffen) und bei Vorfällen mit Weißen mussten sie weiße Kollegen hinzuziehen. Die ersten 13% haben ich gestern Abend begeistert verschlungen.

Daneben lese ich noch meinen ersten Manga von Jiro Taniguchi.

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In der zweiten Jahreshälfte 2016 habe ich versucht, verstärkt Bücher von Frauen zu lesen, was auch halbwegs gut funktioniert hat, aber auf meiner aktuellen Leseliste dominieren wieder eindeutig die Männer. Was vor vermutlich daran liegt, dass ich meine Lektüre hauptsächlich themenorientiert aussuche, und irgendwie sind es meist Bücher von Männern, die mich ansprechen. Den Aaranovitch und den Hill habe ich gelesen, weil ich zum ersten Mal seit Monaten wieder unsere Gemeindebücherei besucht habe, und das die einzigen beiden Bücher waren, die mich interessiert haben. Trotzdem stehen auch einige Frauen auf meiner Leseliste. Vor allem von Delphine de Vigan will ich demnächst noch mehr lesen.

Ausblick:

Nachdem ich 2016 gar keinen Urlaub gemacht habe, hatte ich für 2017 eigentlich eine dreiwöchige Reise in die USA im September geplant (unter der Prämisse, dass ihr wisst schon wer nicht Präsident wird), aber aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen ist mir das zu riskant. Momentan lässt sich nicht kalkulieren, ob ich dann überhaupt ins Land kommen würde (oder wieder raus), oder ob es sich bis September zu einer Autokratie/Diktatur entwickelt (momentan halte ich alles für möglich). Außerdem hoffe ich, dass viele Menschen aus Protest ihre Reise in die USA absagen (wie z. B. die Autoren Matt Haig und Kai Meyer), und sich dies empfindlich auf den Tourismus auswirken wird (was zu noch mehr innerpolitischem Druck führen könnte) – viel mehr kann unsereiner hier in Europa ja nicht tun, was Amerika angeht.

Stattdessen möchte ich im Mai eine Woche nach Paris reisen, da ich gerade einen Französischkurs an der Volkshochschule mache und es zu meinem Schreibprojekt passt. Eventuell werde ich mir dann im September noch mehr von diesem schönen Land ansehen (vorausgesetzt, dass Le Pen nicht die Präsidentschaftswahl gewinnt, was aktuell leider gar nicht so unrealistisch ist, da die Konservativen ja anscheinend nicht in der Lage sind, ihre Amtsprivilegien nicht für ihren eigenen Vorteil zu missbrauchen, und die Sozialisten nach der Nullnummer lieber auf einen unrealistischen Träumer setzen, der für die politische Mitte zu radikal ist).

Was Übersetzungen angeht, kann ich für 2017 noch nichts ankündigen (ich habe also noch Kapazitäten frei 😉 ), außer dass im April die von mir übersetzen Bücher The Ark und Die Neunte Stadt erscheinen werden. Ganz untätig bin ich aber nicht, nächste Woche geht es für ein paar Tage nach Berlin, wo ich in eine kleine geekige Nebentätigkeit eingearbeitet werde.

Ansonsten werde ich diesen Blog eventuell ein wenig vernachlässigen, um mich mehr auf mein Schreibprojekt zu konzentrieren.

P.S. Ach ja, kennt jemand ein gutes Buch über die Geschichte von Paris. So in der Art wie Peter Akroyds London – Die Biographie? Oder generell gute Sachbücher über Paris (Geschichte, Kultur usw.)? Über Empfehlungen wäre ich sehr dankbar (am besten auf Deutsch oder Englisch, mein Französisch ist dafür noch lange nicht gut genug).

Und zum allgemeinen Stand der Dinge und zur Aufheiterung überlass ich jetzt das Wort Kate Tempest: