London by Book (1): Roger Akroyd, King Solomon’s Carpet and Radio Girls

Da ich meine Reise nach London im Mai canceln musste, bin ich zumindest literarisch in die britische Hauptstadt gereist. Physisch war ich während eines Schüleraustauschs 1995 für einen Tag dort. Das Programm war eher Bescheiden, mit Besuchen am Buckingham Palace, in Westminster Abbey und bei Madame Tussauds (ultralangweilig, wie kann man sich nur für so alberne Wachsfiguren interessieren). Gelesen habe ich natürlich schon zahllose Bücher, die in London spielen, da es sich um die meist verschriebene Stadt der Welt handeln dürfte.

The Murder of Roger Ackroyd von Agatha Christie

Auf dem Weg dorthin habe ich aber vorher noch einen kleinen „Abstecher“ nach King’s Abott gemacht. Ein Dorf, das südlich von London liegt, wenn ich richtig aufgepasst habe. Aber auch nur auf der literarischen Landkarte, da es nur im Roman The Murder of Roger Ackroyd existiert, meinem tatsächlich ersten Roman von Agatha Christie. Und was für einer! Die Auflösung, so viel soll verraten sein, ist schon ein echter Knaller, und dürfte seinerzeit tatsächlich bahnbrechend gewesen sein. Mit diesem Roman ist Christie berühmt geworden, und es wundert mich, dass ich die Auflösung tatsächlich noch nicht kannte. Was daran liegen könnte, dass das Buch bisher nur zweimal verfilmt wurde. 1932 mit Basil Rathbone und 2000 mit David Suchet. Letzterer Film soll ganz furchtbar sein, wie mir mein Literaturanwalt des Vertrauens mitteilte.

Christies Stil kommt erstaunlich frisch und spritzig daher, der Aufbau zunächst ganz klassisch. Roger Ackroyd wurde ermordet, ein Haus voller Verwandter, Freunde und Angestellter liefert den illustren Kreis der Verdächtigen, und Hercule Poirot, der sich in King’s Abott eigentlich zur Ruhe setzen wollte, den exzentrischen Ermittler, der aus jedem die Wahrheit herauskitzelt, dabei aber nie seine guten Manieren vergisst. Unterstützt wird er vom Dorfarzt Shepard, der hier, ähnlich wie Doktor Watson bei Holmes, ein Journal über die Ermittlungen führt und Poirot auch meist begleitet.

Natürlich hat jeder der Verdächtigen ein mehr oder weniger düsteres Geheimnis zu verbergen, und nichts ist, wie es zunächst scheint. Trotz ihres Alters eine sehr erfrischende Lektüre. Wenn auch an einer Stelle eine antisemitische Äußerung des Erzählers negativ auffällt.

King Solomon’s Carpet von Barbara Vine

Nachdem der Mordfall gelöst war, ging es weiter nach London. Und womit bewegt man sich dort am besten fort? Mit der U-Bahn natürlich, umgangssprachlich die Tube.

Mit King Solomon’s Carpet ist ein legendärer Teppich König Salomons gemeint, der jene, die ihn betreten, an jeden gewünschten Ort bringen soll. In Barbara Vines (Ruth Rendells) Roman bezieht sich das auf die Londoner Metro, dem ältesten U-Bahn-System der Welt, an das sie eine Hommage geschrieben hat, in dem sie die Leben zahlreicher Menschen beschreibt, die von ihr auf die eine oder andere Weise beeinflusst werden.

Zwar geht es auch um eine Bombe und einen Anschlag, trotzdem ist das Buch weder Krimi noch Thriller. Es erzählt von den Menschen aus dem Umfeld des U-Bahn-Enthusiasten Jarvis, der um die ganze Welt reist, um sich die verschiedensten U-Bahnsysteme anzusehen. Er lebt in einer alten Schule, deren Zimmer er an eine illustre Gästeschar vermietet, die teils aus Verwandten besteht, teils aus Fremden. Alle haben sie einen Bezug zur U-Bahn, die jungen Musiker, die dort auftreten, der Schuljunge, der lieber schwänzt und auf U-Bahndächern surft. Und auch eine zwielichtige Gestalt mit dem Charme eines Verführers und unlauteren Absichten.

Ich muss gestehen, aufgrund des Titels dachte ich, dass es auch um einen Schatz gehen würde, den der U-Bahn-Fan Jarvis sucht. Da habe ich mich geirrt, es geht einzig um die Analogie zum Transportmittel, das einen überall hinbringen kann. Jarvis selbst ist zwar der Angelpunkt der Geschichte, taucht aber kaum auf, da er in der Weltgeschichte herumreist. Trotzdem eine tolle Hommage an Londons berühmtes Transportmittel, die aber ein wenig braucht, bis sie in die Gänge kommt.

Radio Girls von Sarah Jane Stratford

In Radio Girls erzählt Sarah Jane Stratford von den Anfangsjahren der BBC, die zunächst noch British Broadcasting Company hieß, bevor sie in Corporation umbenannt (und eine Körperschaft öffentlichen Rechts) wurde und in den ersten Jahren noch in Savoy Hill an der Strand ein Gebäude mit dem Institute of Electrical Engineers teilte. Im Fokus steht die historische Persönlichkeit der Hilda Matheson, die als Leiterin des politischen Talks-Programms von Anfang an für kontroverse und aufklärende Sendungen sorgte. Während des 1. Weltkriegs hatte Matheson, angeheuert von T. E. Lawrence (of Arabia), für den MI5 gearbeitet und selbst in Italien einen jungen Journalisten namens Benito Mussolini engagiert.

Erzählt wird die Geschichte aus Perspektive der fiktiven Sekretärin Maisie, die mit Hilda als Mentorin bis zur Produzentin aufsteigt. Geschildert wird eine von Männern dominierter Welt, in der sich Frauen jedes Fitzelchen Gleichberechtigung mit viel Mühe erkämpfen müssen. Ganz gleich ob es ums Berufsleben geht, oder das Wahlrecht. Als dieses für Frauen eingeführt wurde, durften nur jene wählen, die über dreißig waren, verheiratet oder Grundbesitz besaßen. Arbeiteten sie bei der BBC und heirateten, wurden ihnen aber wiederum gekündigt. Denn anständige Ehefrauen mussten sich natürlich ganz dem Wohl des werten Gatten verschreiben und durften nicht durch so etwas Anstößiges wie Berufstätigkeit davon abgelenkt werden.

Neben dem Gesellschaftsporträt der damaligen Zeit Ende der 1920er, das das Leben einer einfachen Angestellten ebenso umfasst wie die betuchteren Adelskreise, gibt es auch noch eine kleine Spionagegeschichte und Nazis, die versuchen, Einfluss auf die BBC zu nehmen, um die Briten auf ihre Seite zu ziehen.

Ein spannendes und mitreißendes Buch, gut geschrieben und recherchiert.

Eigentlich wollte ich im Mai noch viel mehr Bücher lesen, die in London spielen, aber das hat natürlich nicht hingehauen. Auf der Leseliste stehen noch By Gaslight von Steven Price und The Night Circus von Elin Morgenstern. Eventuell noch Mother London von Michael Moorcock. Aber momentan brauche ich etwas Abwechslung. Weitere Teile der literarischen London-Reise folgen aber auf jeden Fall noch dieses Jahr.

Meine Lektüre Februar 2020

Laetitia Colombani – Der Zopf 8/10
Zoe Fishman – Die Frauen von Long Island 6/10
Lisa Taddeo – Three Women 8/10
T. S. Orgel – Das Haus der tausend Welten 7/10
Nick Hornby – High Fidelity 7/10 (Reread, bei Erstlesung vor 20 Jahren 9/10)
Yoko Ogawa – Das Geheimnis der Eulerschen Formel 9/10
Christian Baron – Ein Mann seiner Klasse 9/10

Meine Lesehighlights waren:

Christian Baron Ein Mann seiner Klasse: Bewegende Schilderung einer Kindheit in Armut in Kaiserslautern, mit gewalttätigen, saufendem Vater und einer früh verstorbenen Mutter, und wie schwierig sozialer Aufstieg in diesem Land ist.

und

Yoko Ogawa Das Geheimnis der Eulerschen Formel: Von einer jungen Japanerin und ihrem 10-jährigen, die einen älteren Mathematikprofessor betreuen, der alle 80 min. sein Gedächtnis verliert. Wunderbar verschrobene Geschichte über die Schönheit der Zahlen und die Poesie des Alltags.

Aus dem Japanischen übersetzt von Sabine Mangold.

Nur knapp dahinter:

Lisa Taddeo erzählt in Three Woman stilistisch herausragend die wahren Geschichten dreier Frauen mit all ihren Sehnsüchten, Verlangen und Hindernissen. Über Missbrauch, Liebe, Erwachsenwerden und die Frauenfeindlichkeit unserer Gesellschaft. Das Buch ist so gut geschrieben mit seinen scharfsinnigen Beobachtungen und feinfühligen Beschreibungen, da könnten sich auch viele RomanautorInnen eine Scheibe von abschneiden. Ist auch auf Deutsch erschienen.

Einen Reread gab es von Nick Hornbys High Fidelety, anlässslich der aktuellen Serienadaption mit Zoe Kravitz als Rob. Noch immer lesenswerte Geschichte eines misanthropischen Beziehungsnörglers und Plattennerds, der unter seinen ironischen Sprüchen und seiner notorischen Grantlerei verbirgt, wie schlecht es ihm eigentlich geht. Hat mir aber nicht mehr ganz so gut gefallen wie bei der Erstlesung vor 20 Jahren, da mir Robs Jammerlappigkeit gehörig auf die Nerven ging. (7/10, statt 9/10 damals)

In Zoe Fishmans Die Frauen von Long Island erbt eine junge, alleinerziehende Mutter ein Haus in den Hamptons inklusive der an Alzheimer erkrankten Bewohnerin. Spricht durchaus aus interessante Themen an und liest sich unterhaltsam, bleibt aber zu seicht, um über die gesamte Strecke zu überzeugen. Übersetzt von Annette Hahn.

Der Zopf von Laetitia Colombani (dt. Claudia Marquardt). Bewegende Geschichte dreier Frauen aus unterschiedlichen Welten, die lose miteinander verknüpft sind, aber zeigen, mit welchen Widerständen und Problemen sie sich ganz gleich vom sozialen Status herumschlagen müssen.

Haus der tausend Welten von T. S. Orgel.

Eine gelungene Mischung aus Gauner-Fantasy á la Locke Lamora und Abenteuer-Fantasy wie Fafhrd und der Graue Mausling, mit einer ausreichenden Prise Sens of Wonder und Spannung, ohne dabei die Figurenentwicklung zu vernachlässigen.

In der Bergstadt Atail, die von magischen Siegeln künstlich warm gehalten wird, gibt es das mythenumrankte Haus der aufgehenden Sonne. Ein riesiges Gasthaus, dessen oberen Stockwerke Magie und Schätze beherbergen soll, die aber seit Jahrhunderten niemand mehr betreten (und wenn, dann nicht wieder verlassen) hat. Doch eine Truppe von Straßengaunern, die kriminelle Wirtin des Hauses und ein paar andere geheimnisvolle Personen machen sich auf den gefährlichen Weg, die Geheimnisse des Hauses zu ergründen.

Zunächst einmal möchte ich festhalten, wie sehr ich abgeschlossene Einzelromane in der Fantasy schätze. Die Story hier ist perfekt dafür, auch wenn das Buch etwas zu lang geraten ist. Das hätte man auch gut auf unter 500 Seiten erzählen können. Trotzdem hatte ich meinen Spaß mit dem Roman. Die Figuren sind gut ausgearbeitet, die Locations werden sehr stimmungsvoll beschrieben und das Haus selbst hält genügend Sens of Wonder bereit, um meinen Abenteuergeist zu wecken.

Ein paar Kritikpunkte gibt es aber durchaus:

A) die Länge. Nach ca. 450 Seiten hätte die Geschichte für mich gut enden können. Hier und da wirkt sie für mich zu sehr in die Länge gezogen, als wolle oder müsse man (fürs Marketing) unbedingt einen dicken Fantasyschinken produzieren, obwohl die epische Länge für diese Art von Geschichte überhaupt nicht erforderlich ist.

B) Die Live-Die-Repeate-Sequenzen habe ich als dramaturgische Schummelei empfunden. Die im Finale auch noch verpufft, weil man sie vom ersten Moment ahnt und weiß, dass alles, was auf den folgenden Seiten passiert, wieder annulliert wird. Hat nicht ins Gesamtkonzept des Buchs gepasst. Zumindest für mich nicht.

Sinkende Leselust durch eingefahrene Leseroutine und eine Pause von der Phantastik

Von den neun Büchern, die ich in der letzten Zeit gelesen:

Laird Barron – Occultation
William Wells – Sun Detective
Sven Regener – Wiener Strasse
Linus Geschke – Tannenstein
Sibylle Berg – GRM Brainfuck
Adam Horowitz und Mike Diamond – Beastie Boys Book

oder angefangen habe zu lesen:

Ada Palmer – Too Like The Lightning
Marlon James – Black Leopard, Red Wolf
Max Gladstone – Empress Of Forever

hat mich nur das Beastie Boys Book so richtig begeistern können – und zwar so, dass ich die 600 Seiten innerhalb weniger Tage verschlungen habe. Was mich zu der Erkenntnis brachte, dass ich mit einer Lektüreauswahl in einer Routine gelandet bin, die zu steigender Leseunlust führ. Zwar habe ich noch jeden Tag gelesen, aber deutlich weniger Seiten bei steigendem Serienkonsum.

Es sind alles keine schlechten Bücher. GRM Brainfuck z. B. hat mich über die ersten 400 Seiten ob seines herausragenden Stils und seines scharfsinnigen analytischen Blicks auf unsere Gesellschaft stark begeistert. Doch über die letzten 200 ermüdete mich das gleichbleibende Schwarz-in-schwarz-Zeichnen, und der zutiefst dystopische Charakter der Erzählung. Warum ich der Dystopien müde bin, habe ich kürzlich auf Tor Online in dem Artikel Schluss mit der Schwarzseherei! Warum Zukunft wieder ein positiv besetzter Begriff werden muss aufgeschrieben.

Auf Empress Of Forever hatte ich mich schon ein halbes Jahr lang gefreut, da ich Gladstones Craft-Sequence großartig und super originell finde. Doch der Funke wollte nicht so recht überspringen. Ich bin jetzt bei 80%, aber die rasante Space-Fantasy mit toll ausgearbeiteten Figuren ist mir irgendwie zu abstrakt geraten, was Weltenbau und teilweise auch den Ablauf mancher Szenen angeht.

Black Leopard Red Wolf von Booker-Prize-Gewinner Marlon James ist stilistisch wunderbar geraten, ein originelles Fantasyszenario mit starken afrikanischen Einflüssen abseits der üblichen eurozentrischen Mittelalterfantasyklischees. Und doch konnte es mich bisher nicht so recht packen, und ich hänge bei 10% (ca. Seite 100) fest.

Dass es selbst so herausragend geschriebenen Werken der Fantasy und Science Fiction nicht gelingt, mich zu begeistern, bringt mich zu dem Schluss, dass sich bei mir aktuell Ermüdungserscheinungen in Sachen Phantastik bemerkbar machen. Ich beschäftige mich beruflich so viel mit Phantastik, und das durchaus mit Begeisterung, dass ich privat jetzt mal etwas thematische Abwechslung brauche. Weshalb ich dem Genre für eine Weile in Sachen Literatur den Rücken kehren werde. Solche Phasen habe ich alle paar Jahre immer wieder mal. Die halten dann oft einige Monate an. Von den 22. Büchern, die ich dieses Jahr schon komplett gelesen habe, waren es nicht die 10 Phantastikbücher, die mich begeistern konnte, sondern Krimis (The Borrowed/Das Auge von Hongkong, wobei ich hier mit Sun Detective und Tannenstein zwei nicht so dolle erwischt habe)), historische Romane (Die goldene Stadt), zeitgenössische Belletristik (Das Leben des Vernon Subutex 2 und 3, hier konnte mich überraschenderweise Wiener Straße von einem meiner Lieblingsautoren überhaupt nicht begeistern) und Sachbücher (Wütendes Wetter).

Als Folge der Begeisterung für das Beastie Boys Book, werde ich mich jetzt erst mal verstärkt Sachbüchern widmen, vor allem mit (auto)biografischen Elementen. Ich liebe Bücher über Menschen, die Sachen machen, die ich mich nicht trauen würde. Aus der Band-Biografie habe ich drei Lesetipps mitgenommen:

Tania Aebi – Maiden Voyage
Luc Sante – Low Life: Lures and Snares of Old New York
Ada Calhoun – St. Marks Is Dead

Tania Aebi gehörte zum Freundeskreis der Beastie Boys in deren Jugendjahren. Als sie 18 war, stellte ihr Vater sie vor die Wahl, ihr entweder das College zu bezahlen, oder ein Segelboot. Wenn sie sich für das Segelboot entscheiden würde, müsste sie damit aber auch allein um die Welt segeln. Und ratet mal, was sie getan hat …

Die anderen beiden Bücher erzählen die Historie zweier Bezirke von New York, für die ich mich seit meinem Urlaub dort im letzten Jahr besonders interessiere, da mein Hotel auf der Lower Eastside lag, wo ich mich sehr wohl gefühlt habe. Beide AutorInnen haben ausgezeichnete Gastkapitel zum Beastie Boys Book beigetragen.

Wenn ich in meinen Lesegewohnheiten zu eingefahren bin, hilft es, diese ein wenig zu ändern, mich selbst mit der Lektüreauswahl zu überraschen, mich spontan für Bücher zu entscheiden, die mich jetzt gerade besonders ansprechen, und diese dann auch direkt zu lesen. Statt Monate im Voraus bestimmte Titel zu planen, nur weil sie gerade im Genre angesagt sind und ich auf dem neuesten Stand bleiben möchte. Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, keine neuen Bücher mehr zu kaufen, was ich auch ein Quartal lang durchgehalten habe. Aber nur Bücher zu lesen, die schon lange bei mir im Regal stehen, nimmt mir das Überraschungsmoment und verhindert, spontanen Leselaunen zu folgen und auch mal Bücher zu Themen zu lesen, die mich eigentlich nicht interessieren (da habe ich mir mal Stephen Frys Mythos: The Greek Myths Retold für die nähere Zukunft notiert)

Ob es was hilft, mein Leseverhalten zu ändern, zu anderer Lektüre zu greifen, als in den letzten Monaten und Jahren, wieder mehr zu lesen und weniger TV/Streamingserien zu schauen … wir werden sehen. Ich hoffe aber, dadurch wieder mehr Begeisterung beim Lesen zu haben, und nicht einfach nur routiniert was runterzulesen, was ganz okay ist, aber aktuell nicht zu meiner Lesestimmung passt. Manche Bücher liest man einfach zur falschen Zeit.

Wie sieht es bei euch aus? Kennt ihr sowas?

Ist der Markt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch?

… dass der Markt für „anspruchsvolle“ SF & Fantasy (was eben nicht automatisch mit „langweiliger“ oder „anstrengender“ SF & Fantasy gleichzusetzen ist) in Deutschland voll und ganz im Arsch ist, um es mal drastisch auszudrücken.

Das schrieb mir ein Freund – den ich für einen ausgezeichneten Kenner der Phantastik und des Buchmarkts in Deutschland halte -, per E-Mail in einer Unterhaltung über die aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik. Und nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, kann ich ihm nur zustimmen. Den großen Publikumsverlagen wird oft (auch von mir) vorgeworfen, sie würden zu wenig anspruchsvolle, originelle und oder besondere Phantastik abseits der Mainstreams veröffentlichen. Und wenn sie es dann mal tun, kauft es keiner.

Im folgenden Artikel werde ich zunächst definieren, was ich unter anspruchsvoller Phantastik verstehe. Ich werde einige Beispiele von gefloppten Titeln anführen und auch AutorInnen vorstellen, die leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, es aber eigentlich gehören. Des Weiteren werde ich versuchen, darauf einzugehen, warum solche Titel es so schwer haben und ob es dafür bei uns überhaupt noch eine Leserschaft gibt.

Was ist mit anspruchsvoller Phantastik gemeint?

Unter anspruchsvoller Phantastik verstehe ich Bücher, die komplex und herausfordernd geschrieben sind, die auf einer intellektuellen Ebene zum Denken anregen, die gesellschaftliche, moralische oder sonstige Gegebenheiten hinterfragen. Aber auch Bücher, die auf einer ästhetischen und stilistischen Ebene fordern und sich von der breiten Masse abheben, die Außergewöhnliches leisten, das man nicht alle Tage liest. Oder Romane, die einfach aus den üblichen Klischees ausbrechen, die nicht zum xten-Mal Tolkien oder Lovecraft nacheifern. Die nicht einfach die klassische Heldenreise oder Questenfantasy mit Orks, Elfen und Zwergen reproduzieren, oder in einem typischen Mittelalterszenario spielen. Das soll nicht heißen, dass ich andere Phantastik als anspruchslos oder in irgendeiner Form als minderwertig abtue. Sie hat einfach einen anderen Anspruch und ein anderes Zielpublikum. Und ich lese sie auch immer wieder gerne. Aber je mehr Phantastik ich in den letzten 25 Jahren gelesen habe, desto mehr sehne ich mich nach Originellem jenseits der üblichen Schemen.

Bücher von AutorInnen wie China Miéville, Neal Stephenson, Becky Chambers, Greg Egan, Seth Dickinson, Ursula K. Le Guin, Carolyn Ives Gilman, Hal Duncan, Mervyn Peake oder Gene Wolfe.

Warum hat sie es so schwer?

Weiterlesen

Es erscheinen zu viele Bücher!

Karla Paul veröffentlichte kürzlich ein Plädoyer für Minimalismus (bei dem ich einige Punkte durchaus kritisch sehe), unter anderem durch den Verzicht bzw. eine Reduktion beim Kauf von neuen Büchern. Der Standard hat passend dazu einen Artikel veröffentlicht, in dem die Frage gestellt wird, wer bei 200 Buchneuerscheinungen pro Tag das alles noch lesen solle. Die Zahl der Leser sei um 6. Millionen gesunken, der Umsatz bleibe dank der Vielleser noch gleich. Aus der Verlagsbranche höre ich immer öfters und stärker als zuvor, dass sie sich in der Krise befinde, bzw. es dem Buchmarkt nicht gut ginge.

Meine Meinung dazu: Wenn alle Verlage die Zahl der Titel in ihren Programmen kürzen würden (was für mich als Übersetzer natürlich erst mal schlecht wäre), sich stattdessen auf besondere, außergewöhnliche und nicht austauschbare Titel konzentrieren würden und einzelnen Titeln dabei mehr Zeit geben, dann könnten einzelne Bücher auch erfolgreicher sein und die (dann noch veröffentlichten) Autoren Honorare erhalten, von denen sie leben könnten. Sie hätten mehr Zeit zum Schreiben einzelner Romane und könnten dabei sorgfältiger vorgehen. Die Buchhändler und interessierten LeserInnen hätten eine Chance, sich einen Überblick über die Neuerscheinungen zu machen (wenn ich mit der letzten Verlagsvorschau durch bin, weiß ich schon nicht mehr, was in den ersten stand).

Stattdessen werden Unmengen an Titeln rausgehauen – eben 200 am Tag, wie im Artikel steht – die sich gegenseitig die Leser wegnehmen, so dass am Ende kaum einer davon schwarze Zahlen schreibt. Der Buchmarkt kannibalisiert sich selbst. Und die Antwort der Verlage ist es, immer mehr Bücher für immer weniger Leser zu veröffentlichen.

In der Phantastik scheint die Zahl der Titel in den letzten 2 Jahren wieder zurückgegangen zu sein. Fischer Tor und Knaur haben weniger als noch zum Programmstart. Heyne SF bringt fast 10 Titel weniger pro Halbjahresprogramm, bei den anderen habe ich jetzt nicht nachgezählt.

Zugegeben, vor ein paar Jahren habe ich mich noch beschwert, dass immer weniger Phantastik bei den Publikumsverlagen erscheint, inzwischen sehe ich das etwas differenzierter.

Im März dieses Jahres habe ich das Thema schon einmal unter dem Titel Erscheinen zu viele Bücher? etwas ausführlicher behandelt. Und die beiden Beiträge ganz vergessen, als ich obigen Text schrieb, der dann doch verblüffend dem Unterkapitel aus Sicht der Verlage ähnelt. Damals schrieb ich noch, ich wüsste nicht, ob wirklich zu viele Bücher erscheinen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, aus dem Fragezeichen wurde ein Ausrufezeichen. Vor allem wegen der sich immer schneller drehenden Spirale aus immer mehr Neuerscheinungen und immer kürzer werdenden Zeiträumen, in denen sie sich verkaufen/rechnen/beweisen müssen. Ich will auch kein Elektroauto fahren, das unter enormen Zeitdruck entwickelt wurde, von Mitarbeitern, die in der Fabrik schlafen, sich ausbeuten lassen bzw. ausgebeutete werden und dadurch einen extrem ungesunden Lebenswandel führen.

Anders als Karla Paul sehe ich das weniger unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit, sondern mehr als Notwendigkeit für ein gesundes Fortbestehen des Buchmarkts. Aber das ist kein Patentrezept, sondern nur meine Meinung.

Erscheinen zu viele Bücher? (Teil 2 von 2)

Hier geht es zum ersten Teil, der die Frage, ob zu viele Bücher erscheinen, aus Perspektive von Autorinnen und Verlagen behandelt. Im unten stehenden Beitrag versuche ich die Sicht des Buchandels, von Leserinnen, Blogerinnen/Rezensentinnen und Übersetzerinnen einzunehmen und blicke am Schluss noch mit einem Fazit auf die Gesamtlage und formuliere meine Theorie dazu.

Buchhandel

In den Buchhandel habe ich die wenigsten Einblicke, auch wenn ich mit ein paar Buchhändlern befreundet bin. Ich vermute, dass aus Sicht des Buchhandels zu viele Bücher erscheinen. Ganz einfach, weil es für sie immer schwieriger wird, einen Überblick über den Markt und die Neuerscheinungen zu behalten. Denn von den Buchhändlerinnen wird erwartet, dass sie mit den angebotenen Titeln vertraut sind, dass sie wissen, was alles neu erscheint. Eine Sisyphusarbeit.

Hinzu kommt noch, dass den Buchhandlungen immer wieder von Leserinnen vorgeworfen wird, den gesuchten Titel nicht vorrätig zu haben. In Diskussionen über den Buchhandel und seine Zukunft lese ich immer wieder, dass Leserinnen nicht mehr in die Buchhandlung gehen, weil sie dort das, was sie suchen, sowieso nicht finden. Geht mir übrigens auch oft so, aber ich finde auch gerne das, was ich nicht suche.

Weiterlesen

Erscheinen zu viele Bücher? (Teil 1 von 2)

Auf Facebook und Twitter schrieb Karla Paul kürzlich:

Heute die ersten Mails zu den Herbstvorschauen erhalten und weine jetzt inmitten der teils noch ungelesenen Frühjahrsstapel leise vor mich hin. 100.000 Neuerscheinungen jährlich (ungefähr, Selfpublishing unklar), 3 Monate Zeit zum Abverkauf, noch vor ET Abschreibungstitel (und die Autor_Innen wissen nichts davon), auch das gehört zum Buchmarkt. Puh. Ich freue mich für jeden, der heute eine Chance auf Veröffentlichung erhält, aber hunderttausend Titel jedes Jahr, das ist einfach viel zu viel. Diese Massen will doch eigentlich keiner, und dass dann ein Großteil sogar vernichtet werden muss, totaler Wahnsinn!

Leider kann ich nicht auf den Beitrag und die wirklich hochinteressante Diskussion darunter, an der sich viele Profis aus dem Buchbereich beteiligen, verlinken. Vieles, was ich hier aufführe, wird dort auch erwähnt. Da müsst ihr auf Facebook einfach bei Karla Paul vorbeischauen.

Ausgehend davon werde ich versuchen in diesem Beitrag der Frage: Erscheinen zu viele Bücher? aus verschiedenen Perspektiven nachzugehen. Aus Sicht der Leserin, der Autorin, der Übersetzerin, des Verlages und des Buchhandels. Da der Text ziemlich lang geworden ist, teile ich ihn in zwei Blogeinträge auf. Los geht es mit der Perspektive der Autorinnen und der Verlage. Ich benutze inzwischen übrigens nur noch die weibliche Form als die allgemeine Form für beide Geschlechter, wenn keine konkrete Person gemeint ist.

Weiterlesen

Was macht für mich einen guten Science-Fiction-Roman aus?

Ein befreundeter Science-Fiction-Autor fragte in kleinem Kreis, was für uns einen guten SF-Roman ausmache. Was es an Zutaten bräuchte, dass uns ein SF-Roman besonders ansprechen würde. Welche Erwartungen wir hätten. Meine Antwort ist etwas länger geworden, und so habe ich einen Blogeintrag daraus gemacht.

Ich glaube nicht, dass ich die Frage zur Zufriedenheit des Fragestellers beantworten kann. Mir kommt es in erster Linie nicht auf die inhaltlichen Elemente an, sondern vor allem darauf, wie die Geschichte erzählt wird. Und das kann ich am Besten nur anhand von Beispielen erklären. Indem ich darauf eingehe, was mir an meinen Lieblings-SF-Büchern so gefällt.

Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger

Zeitreisen sind eigentlich ein ausgelutschtes Thema, aber Niffenegger schafft es trotzdem, daraus eine originelle und bewegende Geschichte zu machen. Der Protagonist leidet an einem Gendefekt, der ihn vorübergehend und unangekündigt in der Zeit zurückreisen lässt, wo er immer wieder derselben Frau (zunächst ist sie noch ein Mädchen) begegnet, aber eben in unterschiedlichen Jahren und nicht in chronologischer Reihenfolge. Später heiraten sie und es kommt zu dramatischen Entwicklungen. Das alles wird unheimlich bewegend und anrührend geschildert. Und genau das, macht es für mich zu einem besonderen Buch, die Grundidee mit den Zeitsprüngen ist originell und ansprechend, die hat mich das Buch kaufen lassen, aber erobert hat es mit über Emotionen, die für mich auch maßgeblich über den Stil transportiert werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist Blumen für Algernorn von Daniel Keyes (Spoiler in diesem Absatz). Da geht es um einen Ich-Erzähler (Charly) von verminderter Intelligenz, was sich durch die vielen Rechtschreibfehler und die einfache Sprache zeigt. Der nimmt dann an einem Experiment teil, durch das seine Intelligenz immer weiter ansteigt, gleichzeitig werden seine Rechtschreibfehler weniger, die Sätze werden länger und komplexer, ebenso seine Gedanken. Der emotionale Dreh kommt, als sich bei der Maus (Algernorn), an der das Experiment zuerst getestet wurde, Anzeichen bemerkbar machen, dass die Intelligenz wieder zurückgeht. Wodurch Charly, inzwischen hochintelligent, weiß, dass er wieder »dümmer« wird, die Tragik dieses Prozesses kündigt sich durch seinen Schreibstil an.

Ein weiteres meiner Lieblingsbücher ist Bedenke Phlebas von Iain Banks, eine rasante und actionreiche Space Opera, deren Besonderheit im von Banks erschaffenen Kultur-Universum liegt, wo künstliche Intelligenzen im Prinzip alles übernommen haben und das Leben der Menschen und anderer Wesen sanft steuert (siehe diesen Artikel über den revolutionären Optimismus im Kultur-Universum). Dazu kommen einfach sympathische und coole Figuren sowie ein gewisser Sense of Wonder, der mir bei Weltraum SF wichtig ist. Ideen, die ich so woanders noch nicht gelesen habe. Was nicht heißt, dass sie neu sein müssen, da ich ja nicht alle existierenden SF-Geschichten gelesen habe. Aber sie sollten zumindest so selten sein, dass sie mir eben noch nicht in dieser Form begegnet sind.

In Robert Charles Wilsons Spin (hier meine Besprechung) beobachten drei Kinder ein faszinierendes und weltbewegendes Ereignis: eines Nachts verschwinden die Sterne. Das ist die Ausgangslage des Romans, doch erzählt wird die Geschichte über die massiven gesellschaftlichen Auswirkungen und Hintergründe dieses Ereignisses anhand der Biografie dieser drei Kinder. Wilson präsentiert die faszinierende Idee nicht mit dem Holzhammer, sonder bettet sie in eine bewegende Familiengeschichte ein. Und genau das macht den Roman für mich so besonders.

Aber gutes Buch heißt ja nicht gleichzeitig auch Lieblingsbuch. Es gibt auch Bücher, die ich für gut halte, obwohl sie mir persönlich aus unterschiedlichen Gründen nicht gefallen haben, oder die ich eben nur als gut bezeichne, ohne dass dabei meine Augen vor Begeisterung leuchten.

Ben Bovas Mars behandelt zum Beispiel auf faszinierende, realistische und nachvollziehbare Art den Versuch einer Marsbesiedelung. Das hat mich thematisch angesprochen, weil ich eben von der Raumfahrt und der dahintersteckenden Wissenschaft fasziniert bin. Stilistisch ist routiniert erzählt, hat mich aber jetzt keine Luftsprünge machen lassen. Dafür verleiht Bova aber seinen Figuren durch Flashbacks einiges an Persönlichkeit, die sie für mich interessant und lebendig machen.

Themen und Zutaten können ein Grund sein, warum ich mir ein Buch genauer ansehe, ein Grund, es mir zu kaufen. Aber um mich so richtig für sich gewinnen zu können, muss mir das Buch Figuren mit Tiefe bieten, muss originell und/oder mitreißend erzählt werden, muss Emotionen transportieren. Deshalb gefallen mir zum Beispiel Heftromane nicht, die oft (zumindest in den Beispielen, die ich gelesen habe) ganz auf die Handlung fixiert sind, in einem normierten Stil und Satzbau, ohne den Figuren Raum für Tiefe zu geben.

Ein aktuelles Beispiel ist Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (hier meine Besprechung). Das konnte mich total begeistern, obwohl es keine originelle Grundhandlung hat. Da fliegt ein Tunnelbauschiff von A nach B und erlebt unterwegs ein paar mehr oder weniger aufregende Abenteuer. Was das Buch für mich und auch für viele LeserInnen (hat sich bei Fischer Tor dank Mundpropaganda zu einem Longseller entwickelt) besonders macht, sind die liebenswürdigen Figuren und ihr durchaus konfliktreiches Miteinander. Chambers hat auf diesem Tunnelbauschiff einen grundsympathischen Mikrokosmos geschaffen, in dem ich einfach gerne Zeit verbringe. Das war zur Abwechslung mal Wohlfühl-SF.

Anspruchsvolle und intellektuell herausfordernde Science Fiction, wie sie zum Beispiel Neal Stephenson oder Dietmar Dath schreiben, in die sie viele mathematische, philosophische und physikalische Konzepte und Ideen packen, finde ich auch überaus faszinierend und lese sie gerne, aber bei meinen Lieblingsbüchern landen sie eher selten.

Das war jetzt sicher nicht das, was der Fragesteller hören wollte, aber anders kann ich die Frage, was für mich ein gutes SF-Buch ausmacht, nicht erklären. Für mich als Leser ist die Science-Fiction nur ein Genre von vielen. Ich lese auch gerne Fantasy, Thriller, historische Romane, Klassiker, allgemeine Belletristik und Sachbücher. Und was für mich das Wichtigste ist, ist der Stil des Autors, seine Erzählstimme, die Art, zu erzählen. Wenn mich das nicht anspricht, breche ich schnell ab. Ist das aber vorhanden, lese ich auch Bücher, die mich rein vom Thema her nicht interessiert hätten.

Ein großer Pluspunkt kann es auch sein, wenn ein Buch nicht meinen Erwartungen entspricht. Wenn es mich überrascht. Ist doch langweilig, wenn man immer nur das bekommt, was man erwartet. Ich will überrascht und aus den Socken gehauen werden.

Im Idealfall ist es ein abgeschlossener SF-Roman. Vor einiger Zeit habe ich mit erstaunen festgestellt, dass keine angefangene SF-Reihe oder Serie in meinem Bücherregal über Band 3 hinausgeht, weshalb ich sie inzwischen auch kaum noch anfange, wenn schon feststeht, dass es Fortsetzungen geben wird. Ich brauche Abwechslung. Deshalb lese ich auch selten zwei Bücher aus einem Genre hintereinander.

Manche Bücher haben aber auch einfach das Pech, dass ich sie zum falschen Zeitpunkt anfange und einfach nicht in der Stimmung bin, um mich auf sie einzulassen. Andersherum kann es auch passieren, dass mir ein Buch besser gefällt, weil ich gerade durch einen Film, einen Artikel oder sonst was auf ein bestimmtes Thema Lust bekommen habe. Passiert mir gelegentlich mit Archäologiethrillern oder Sachen Richtung Dan Brown oder anderen Abenteuergeschichten.

Manchmal möchte ich auch was lesen, was mich an die Leseerlebnisse der Kindheit erinnert, da spielt dann bei der Wertung auch ein gewisser Nostalgiefaktor eine Rolle, wenn es dem Buch gelingt, mich emotional in eine passende Stimmung zu bekommen. Was aber eher selten passiert. Wenn, lese ich lieber noch mal die Bücher von damals, die dann aber außer Konkurrenz laufen, weil ich bestimmte Erinnerungen mit ihrer Lektüre verknüpfe.

Ich würde mich aber auch nicht zum typischen SF-Leser zählen, der vor allem in diesem Genre liest. Wie viel SF ich lese, schwankt von Jahr zu Jahr, aber selten macht sie mehr als 20% der Bücher eines Jahres aus. In diesem Jahr waren bisher 7 von 60 Büchern Science Fiction.

Insofern kann ich keine klaren Zutatenwünsche für einen guten SF-Roman liefern, der meinen Ansprüchen genügt. Das ist jedes Mal eine neue, individuelle Entscheidung, die von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt.

„Klauen“ uns Netflix und Co. die Zeit zum Lesen?

„Uns allen brechen die Leser weg. Noch 2012 hat sich jeder Mensch hierzulande statistisch gesehen mindestens einmal pro Jahr ein Buch gekauft. Diese Reichweite hat sich praktisch halbiert“, sagt Piper-Verlagschefin Felicitas von Lovenberg gegenüber dem Buchreport.

Auch die Buchhandlung Otherland aus Berlin schreibt, dass sich Netflix, Amazon und Co. bemerkbar machen würden. Gemeint ist damit, dass Menschen, die bisher viel Zeit mit Lesen verbracht haben, immer mehr auf Serien aus Streamingangeboten umsteigen, bzw. größere Teile ihrer Freizeit dafür reservieren (sich also Marktanteile verschieben).

Serien hat es schon immer gegeben, auch Phantastikserien. Akte X war in den 90ern ebenso ein Straßenfeger wie Star Trek – Next Generation oder Babylon 5. Geändert hat sich die Fülle des Angebots und seine Verfügbarkeit. Was bei mir die Frage aufwirft, ob die steigende Zahl an Phantastikserien und vor allem auch an Serienadaptionen von Büchern nicht dafür sorgt, dass insgesamt weniger Phantastikbücher gelesen werden?

Phantastik ist jetzt Mainstream

Es gab schon immer erfolgreiche Phantastikfilme und Serien, doch dank der modernen Tricktechnik, die seit Ende des letzten Jahrtausends, seit der Matrix– und Herr der Ringe-Trilogie enorme Fortschritte gemacht hat und günstiger geworden ist, gibt es eine Flut an Phantastikserien und Filmen (mit und ohne Superhelden). Wer mal sehen möchte, was aktuell an phantastischen Serien läuft, sollte sich diese beiden Listen von Armin Rößler zu Superheldenserien und allgemeinen Phantastikserien ansehen. 90! aktuell laufende oder demnächst anlaufende Phantastikserien sind dort aufgezählt.

Allein an Serien! Dazu kommen noch die ganzen Filme von Marvel, DC, Star Wars, aus dem Harry Potter-Universum usw., dazu eine kleine Flut an Science-Fiction-Filmen (Alien:Covenant, Life, Arrival, Blade Runner 2049, Passengers – um mal ein paar aus diesem Jahr zu nennen), zahlreiche Jugendystopien und ihre Fortsetzungen. Man kann wahrlich sagen, dass die Phantastik im Mainstream angekommen ist und diesen aktuell sogar dominiert.

Doch führt der Erfolg dieser Filme und Serien auch dazu, dass Bücher aus diesen Genres (die ja oft die Vorlagen liefern) davon profitieren? So wie es einst der Fantasy im Fahrwasser der Herr der Ringe-Trilogie erging (Stichwort Völkerfantasy)?

Zum Erfolg von Game of Thrones und ob das Fantasygenre im Buchbereich davon profitieren würde, sagte Carsten Polzin von Pipers mal der Zeitschrift phantastisch! (habe jetzt nicht im Kopf, welche Ausgabe es war), dass davon vor allem einer profitieren würde, und zwar George R. R. Martin selbst. Einen Boom oder überhaupt ein gesteigertes Interesse für ähnliche Fantasybücher von anderen Autoren ist nicht zu erkennen. Dasselbe gilt für die Science Fiction. Nur weil das Genre an der Kinokasse brummt, heißt es nicht, dass auch die SF-Buchverkäufe steigen.

Aktuell wird über jeden neuen Trailer von Star Wars oder aus dem MCU und über jede neue Folge von Star Trek Discovery mehr diskutiert, als über die aktuell angesagtesten und aufregendsten Buchneuerscheinungen in den Genres Fantasy und Science Fiction. Selbst in Genreforen, in denen vor 10 Jahren hauptsächlich noch über Bücher diskutiert wurde.

Veränderte Sehgewohnheiten

Dank Tablets haben Netflix und Co. inzwischen auch das Bett (trotz Fernsehers im Schlafzimmer) und den Zug erobert, jene Domänen, die früher dem Buch vorbehalten waren. Denn früher gab es nicht diese Fülle an Phantastikserien, die jederzeit verfügbar waren. Star Trek Next Generation lief in der Woche um 15.00 Uhr im ZDF, Babylon 5 sonntags um 17.00 Uhr und Akte X anfangs am Freitagabend.

Heute sind die 90 Serien fast alle rund um die Uhr verfügbar. Und zwar deutlich günstiger, als wenn man alle auf DVD kaufen würde. Bei einem Netflixabo ist man ab 7.99 Euro dabei, bei Amazon Prime sogar für noch weniger im Monat. Hat man noch Sky dazu, hat man auch noch die Serien von HBO und Showtime dabei. Oft werden Staffeln am Stück veröffentlicht, was zum Bingewatching über das Wochenende einlädt.

Es erscheinen also immer mehr aufwendig produzierte und gut geschriebene Serien (auch wenn da natürlich viel Schrott oder Mittelmaß dabei ist), deren Ansehen viel Zeit erfordert. Zeit, die von der Lesezeit abgeht. Auf Twitter lese ich immer häufiger Kommentare wie: „Mit Erkältung im Bett, zum Glück gibt es Netflix“. „Ein Sonntagnachmittag mit Netflix, was gibt es Schöneres“. „Netflix hat mich in der Wartezeit auf dem Berliner Bürgeramt vor dem Wahnsinn bewahrt.“

Persönliche Erfahrungen

Ich lese nicht weniger. Allein in diesem Jahr habe ich schon 53 Bücher gelesen, obwohl ich Netflix, Amazon Prime und Sky abonniert habe. Aber während ich Serien wie Game of Thrones, The Expanse oder American Gods schaue, sinkt beim Lesen der Anteil an phantastischen Büchern. Was zum einen mit einem veränderten Themeninteresse bei mir liegen könnte, zum anderen aber auch, an einer gewissen Sättigung. Bei den drei obengenannten Serien frage ich mich zum Beispiel, ob ich die Buchvorlagen überhaupt lesen soll, wo ich doch schon die Serien gesehen habe.

Trend zu Buchadaption

Meinem Empfinden nach dominieren aktuell Phantastikfilme den Film- und Serienmarkt. Und die meisten dieser Filme scheinen auf Büchern, Comics oder Kurzgeschichten zu basieren:

Marvel, DC und fast alle Superheldenstoffe
Arrival
Annihilation
Game of Thrones
The Expanse
Altered Carbon
The Witcher
Shannara Chronicles
Nine Princes of Amber
Luna
Ready Player One

Um mal ein paar aktuelle und kommende Titel zu nennen.

Als kürzlich der Trailer zu Annihilation veröffentlicht wurde, verfolgte Jeff VanderMeer, der Autor der Vorlage, wie sein Buch bei Amazon kurzfristig bis auf den vierten Verkaufsplatz stieg. Jedes Buch, das verfilmt wird, wird von den Verlagen neu aufgelegt, weil es kurzfristig zu einem gesteigerten Interesse an der Vorlage sorgt.

Doch ich frage mich, ob wir inzwischen nicht den Punkt erreicht haben, an dem diese Flut an Phantastikserien den Buchvorlagen und allen anderen Büchern eher schadet?

Kein Problem der Phantastik allein

Amazon Prime und Netflix sind natürlich keine reinen Phantastikportale, auch Serien wie House of Cards, Orange is the New Black, Mozart in the Jungle, Designated Survivor usw. werden geschaut. Und die Buchverkäufe brechen ja insgesamt in allen Bereichen ein. Wenn auch verstärkt wohl auf dem Taschenbuchmarkt im Unterhaltungssegment.

Hinzu kommt, dass immer mehr Buchneuerscheinungen. Um die 90.000 sollen es pro Jahr ungefähr sein, plus die ganze Flut an Selfpublishern. Immer mehr Bücher für immer weniger Leser. Da wird es für die einzelnen Titel natürlich immer schwerer, schwarze Zahlen einzufahren (wobei das für Serien ebenfalls gilt, ich persönlich glaube ja, dass da bald eine Serienblase platzt und die Zahl der Neuproduktionen drastisch zurückgehen wird).

Meine These – die ich natürlich nicht beweisen kann – lautet also, dass die veränderten Sehgewohnheiten durch Streamingportale wie Netflix und Amazon Prime (wo es neben Serien ja auch Filme gibt) mit dafür sorgen, dass die Menschen weniger Lesen und die Zahlen der Buchkäufe zurückgehen, dass sich dies aber besonders auf die Phantastik auswirkt, weil gerade dieses Genre im Bereich der Serien und des Films einen nie dagewesenen Boom erlebt.

Es gibt natürlich nicht die eine Antwort auf die Frage, warum weniger gelesen wird. Da spielen auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und der technologische Fortschritt eine Rolle. Vielleicht wird ja auch gar nicht weniger gelesen? Sinkende Verkaufszahlen bei neuen Büchern bedeuten nicht zwangsläufig weniger Leser. Was man sich früher noch mühsam in einigen wenigen Antiquariaten gebraucht erstöbern musste, findet man heute mit einem Klick bei Rebuy oder Medimops. Über Facebook gibt es zahlreiche Büchertauschgruppen. Und immer mehr LeserInnen betreiben mehr oder weniger gelungene Blogs, um Rezensionsexemplare abzustauben. Dazu noch Dumpingpreise bei Selfpublishern aber auch bei Verlagen in Bezug auf E-Book-Aktionen und zahlreiche Gewinnspiele usw.

In den letzten Jahren hat sich über das Internet eine Kostenloskultur bzw. eine Billigpreiskultur in Bezug auf Bücher (aber auch andere Medien) entwickelt, die unter anderem auch zu Flatrateangeboten führen, die Autorinnen, Verlagen und Buchhändler aber wenig, bis nichts einbringen.

Kleine Randbeobachtung

Eine Gruppe, die als Leser wegfällt, scheinen ausgerechnet die Autoren selbst zu sein. Je länger ich in der Buchbranche und Szene tätig bin, desto mehr Autoren lerne ich kennen. Und eine erschreckend große Zahl von ihnen gibt zu, selbst kaum noch Zeit, Energie oder Lust zum Lesen zu haben (gerne aber Serien gucken und ins Kino gehen). Was ich sehr schade finde, dass ausgerechnet jene, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, ihr in der Freizeit nicht mehr nachgehen. Stephen King gibt an, im Jahr um die 80 Bücher zu lesen, aber er kann sich sich vermutlich auch Assistenten leisten, die sämtliche administrativen und häuslichen Tätigkeiten für ihn übernehmen, während der klassische Midlistautor, der mindestens zwei Bücher pro Jahr schreiben (oder übersetzen) muss, um über die Runden zu kommen, alles alleine meistert.

Wie seht ihr das? Lest ihr weniger, weil ihr inzwischen mehr Serien schaut?

Eine Ode an das Lesebändchen

Zwischen 50 bis 80 Bücher lese ich im Jahr. Taschenbücher, Trade Paperbacks, eBooks und auch gelegentlich Hardcover. Letzteres aber eher selten. Ich liebe Bücher, aber damit meine ich vor allem den Inhalt. Ich bin nicht wirklich bibliophil veranlagt und brauch keine besonders schön gestaltete Ausgabe im Regal, auch wenn ich diese durchaus zu schätzen weiß und mich freue, wenn es keinen hässlichen oder tristen Einheitsbrei auf dem Cover gibt.

Mit mehreren tausend Büchern in den Regalen wird bei mir der Platz langsam knapp, von der elenden Schlepperei bei Umzügen ganz zu schweigen. Weshalb ich versuche, verstärkt eBooks zu kaufen (was aber nicht so wirklich funktioniert, es werden trotzdem immer mehr gedruckte Bücher). Aber was Hardcover angeht: die liegen schwer in der Hand und nehmen viel Platz im Regal weg. Wenn ich die Möglichkeit habe, kaufe ich mir das Buch lieber in einer Taschenbuchausgabe, oder – bei einer Übersetzung aus dem Englischen – das eBook im Original. Außer bei meinen Lieblingsautoren (Stephen King z. B.) oder Büchern, die mich wirklich brennend interessieren.

Bei jenen Büchern, auf die ich neugierig bin, aber auch nicht so sehr, also jene, bei denen die Kaufentscheidung für das Hardcover auf der Kippe steht, kann das Lesebändchen durchaus den entscheidenden Ausschlag geben. Vielen Lesern mag dieser dünne Stoffstreifen nichts bedeuten, doch ich liebe ihn. Mit ihm ist ein Buch perfekt. Ohne, muss man externe Hilfsmittel heranziehen, die eigentlich nicht zum Buch gehören: also ein Lesezeichen. Oder man muss das Buch mittels Eselsohren verunstalten (was mir nicht einmal im Traum einfallen würde). Die dritte Möglichkeit ist, sich die Seitenzahl einfach zu merken. Habe ich mal eine Weile gemacht, bis das Buch dann ungeplant länger unangetastet liegen blieb und ich nicht mehr wusste, auf welcher Seite ich zuletzt gewesen bin.

Das Lesebändchen ist die eleganteste Lösung: Direkt am Buch befestigt, gleitet es sanft und kitzelnd durch die Hand, hängt geduldig und ohne zu ermüden als symbolischer Cliffhanger über dem Buchrücken, während man liest. Ist das Buch zugeklappt, späht es neckend und lockend zwischen den Seiten hervor, eine daran erinnernd, wo man zuletzt gewesen ist, welche Abenteuer dort zwischen den weißen Seiten mit den lustigen schwarzen Kringeln auf einen warten.

Von den Verlagsprofis würde ich gerne wissen, welche Gründe für oder gegen die Verwendung eines Lesebändchens sprechen? Welche Mehrkosten entstehen dadurch?