Trend zur Science Fiction? Ein kleines Zwischenfazit

Warnung! Der Text ist furztrocken, furchtbar lang und basiert auf unzuverlässigen Zahlen, mit denen ich einfach wild ins Blaue hinein spekuliere (aber es gibt viele bunte Bilder). 😉

Vor knapp zehn Monaten stellte ich die Frage, ob es einen Trend zur Science Fiction gibt? Dazu bin ich die Vorschauen für den Herbst/Winter 2016/17 der großen Phantastikverlage durchgegangen. Darunter auch die komplett neu gestarteten Programme von Knaur Fantasy und Fischer Tor (Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt?) . Eine kleine SF-Offensive bei Piper, mehr anspruchsvollere Titel beim Platzhirsch Heyne und wieder mehr eigenständige Titel (außerhalb der altbewährten Reihen) bei Bastei/Lübbe. Sowie einem anspruchsvollen SF-Programm bei Cross Cult.

Die damals vorgestellten Programme sind jetzt durch und die Titel alle erschienen, inzwischen erscheinen schon die ersten Titel aus den Früjahrs- und Sommerprogrammen (die ich hier aus Zeitmangel nicht vorgestellt habe). Nach einem halben Jahr bzw. anderthalb Programmen ist es noch zu früh, ein Fazit zu ziehen. Die Frage, ob der Trend zur Science Fiction auch bei den Lesern angekommen ist, lässt sich noch nicht so einfach beantworten.

Aber es gibt zumindest erste Tendenzen. Hier und da kenne ich auch konkrete Verkaufszahlen, aber auf die werde ich nicht eingehen (so was ist vertraulich). Ich beziehe mich ausschließlich auf Informationen, die im Netz frei verfügbar sind – insbesondere auf das Feedback zu den einzelnen Büchern. Die Kritiken auf Amazon sind mit Vorsicht zu genießen, aber gewisse Tendenzen lassen sich in der Anzahl der Bewertungen durchaus ableiten. Dazu kommt noch das Feedback in Form von Rezensionen, in den Genreforen und der SF-Szene allgemein – was aber eine sehr subjektive Angelegenheit ist und von meinen privaten Surfgewohnheiten beeinflusst wird. Aber gehen wir die Verlage mal der Reihe nach durch.

Cross Cult

Cross Cult ist im Herbst 2016 mit einem sehr ambitionierten Programm gestartet, das mit der Duologie Dunkelheit und Licht von Connie Willis zwei echte Brocken enthält, dazu die Red-Trilogie von Linda Nagata, Das Ende des Regenbogens von Vernor Vinge, Dunkle Materie von Carolyn Ives Gilman und Die Welten der Skiir: Prinzipat von Dirk van den Boom. Dunkelheit hat immerhin sieben Rezensionen beim großen A erhalten, Licht nur noch zwei. Die Erfahrung sagt, dass es bei Fortsetzungen immer weniger werden, oft um ein Drittel oder gar die Hälfte weniger. Für den Aufwand, den die Übersetzerin mit diesen beiden Brocken hatte, sicher viel zu wenig. Auch wenn man für ein Buch, das sich nicht so gut verkauft, genauso bezahlt wird wie für einen Bestseller, finde ich es immer sehr schade, wenn ein Buch, mit dem man sich richtig viel Mühe gemacht hat, dann nur von wenigen gelesen wird. Wie es z. B. bei Dunkle Materie der Fall zu sein scheint, wenn man sich das Feedback im Netz ansieht. Nur zwei Amazonrezensionen und eine Handvoll Besprechungen auf Blogs und Reziportalen, die aber fast durchweg sehr positiv ausgefallen sind, was es um so bedauerlicher macht, zu sehen, wie vielen potentiellen Lesern so ein tolles Buch entgeht. Dasselbe gilt für Red von Linda Nagata, von dem der erste Band Morgengrauen nicht eine einzige Amazonrezension erhalten hat, was mich sehr überrascht, da ich dachte, ein solcher Near-Future-Actionthriller würde besonders gut ankommen (dafür wurde Helga Parmiter beim KLP für die beste Übersetzung nominiert). Auch Vernor Vinges Das Ende des Regenbogens hat nur vier Bewertungen erhalten. Da hat eventuell der inzwischen etwas verblasste Ruhm des Autors noch gezogen. Das einzige Buch aus dem Programm, das ein nennenswertes Feedback erhalten hat, ist Die Welten der Skiir: Prinzipat von Dirk van den Boom mit 14 Besprechungen. Lagune von Nnedi Okorafor hat immerhin noch acht erhalten und einiges an positivem Feedback aus der Szene (und eine KLP-Nominierung).

Ob der Verlag daraus schon Konsequenzen gezogen hat, vermag ich nicht zu sagen, doch im Sommerpogramm 2017 befinden sich schon deutlich weniger eigenständige Titel abseits der Franchiseromane. Einzig Christopher Goldens Snowblind, neben den schon früh angekündigten Büchern von Nnedi Okorafor und den Fortsetzungen von Linda Nagata. Dirk van den Boom hat folglich für eine zweite Trilogie bei Cross Cult unterschrieben. Daneben sei noch zu erwähnen, dass der Verlag erfolgreich die ersten deutschsprachigen Star Trek-Romane (von Bernd Perplies und Christian Humberg) auf den Markt gebracht hat (23 Amazonrezensionen und viel Aufmerksamkeit unter den Star-Trek-Fans).

Auf mögliche Gründe für das geringe Feedback werde ich ganz am Schluss des Beitrags eingehen. Es bleibt auch abzuwarten, wie die Programme für den Herbst/Winter 2017 aussehen werden.

Fischer Tor

Der vermeintliche? Gamechanger hat sich in der Szene innerhalb kürzester Zeit einen hervorragenden Ruf für außergewöhnliche Phantastik erworben und ging mit einem Programm an den Start, in dem die Science Fiction sogar überwog. Daneben etabliert sich der Verlag mit seinem Phantastikportal Tor Online auch als ernstzunehmende Konkurrenz zu Heyne (mit Die Zukunft). Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker kommt immerhin auf 73 Amazonrezensionen und viel positives Feedback aus der Szene (soweit ich das mitbekommen habe, plus eine KLP-Nominierung). Hat als Spitzentitel im Programm aber auch einiges an Marketing erhalten. Als veritablen Longseller hat sich Der lang Weg zu einem kleinen zornigen Planeten entpuppt, mit inzwischen 28 Amazonrezensionen, ein Titel, der sich meiner Meinung nach vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda und schwärmerische Rezensionen (wie die meine z. B. 😉 ) herumgesprochen hat (und gleich zweimal für den KLP nominiert ist). Die hat Kai Meyer nicht nötig, der bringt von Titeln wie Die Seiten der Welt schon eine gewaltige Fanbasis mit, von der ein Teil auch zu seiner Space Fantasy die Krone der Sterne gegriffen hat, mit immerhin 103 Amazonrezis und begeisterten SF-Fans, die sich über rasante SF im Stile der alten Space Operas von Edmond Hamiltion und Co. freuen. Venus siegt von Dietmar Dath hat nur drei Amanzonrezis, was aber auch nicht verwundert, handelt es sich doch um einen sehr sperrigen und anspruchsvollen Titel, der in abgespeckter Form auch schon mal erschienen war. Afterparty von Daryl Gregory (meine aktuelle Lektüre) kommt bisher leider nur auf vier Besprechungen, obwohl die bisheringen Rückmeldungen größtenteils postiv ausfielen. Und Freie Geister von Ursula K. Le Guin ist schon seit Jahrzehnten ein Klassiker der SF, der in den meisten SF-Regalen schon stehen dürfte (bei mir z. B. in der Originalfassung). Allein die Neuübersetzung konnte anscheinend nicht so viele Leser neugierig machen, weshalb es nur zwei Amazonrezis gibt und recht wenig Feedback im Netz.

Knaur Fantasy

Hier nimmt die Science Fiction nur einen kleinen Teil im von der Fantasy dominierten Programm ein. Aber immerhin drei von 18 Titel sind SF. Darunter Darwin City von Jason M. Hughes, der inzwischen immerhin auf zehn Amazonrezis kommt, in der Szene allerdings nur bedingt wahrgenommen wurde. Auch Mr. Sapien träumt vom Menschsein von Ariel S. Winter kommt auf zehn Kritiken und etwas mehr Resonanz aus der Szenen (die immerhin zu einer KLP-Nominierung für die beste Übersetzung durch Oliver Plaschka führte). Dark Side von Anthony O’Neill ist erst am 27. Februar erschienen, bringt es aber schon auf sechs Kritiken. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die SF in der ganzen (sehr lesenswerten) Fantasy von Knaur ein wenig untergeht. Zumindest die SF-Szene hat diesem Verlag (meiner Meinung nach) nicht wirklich auf dem Schirm. Zwei, drei Titel mehr pro Halbjahresprogramm könnten vielleicht für etwas mehr Sichtbarkeit sorgen (wobei aber auch das Risiko einer Übersättigung auf dem SF-Markt besteht, worauf ich in meinem Fazit noch eingehen werde).

Heyne

Der Platzhirsch hat, wie von mir beschrieben, ein starkes Herbstprogramm vorgelegt. Die größte Aufmerksamkeit (inklusive Spiegelonlinebesprechung) erregte Die drei Sonnen von Cixin Liu, das schon allein deswegen für Aufregung sorgte, weil es aus China stammt und in den USA ein Bestseller war (den sogar Obama während seiner Amtszeit gelesen hat). Dafür sind die 66 Kundenrezensionen schon fast etwas mager, aber es handelt sich teilweise eben auch um wirklich harte Hard-SF mit viel wissenschaftlichem Fachsprech. Mit 43 Kritiken ebenfalls relativ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, hat Giants – Sie sind erwacht, ein Briefroman! Von Silvain Neuvel, bzw. einem Roman in Form von Gesprächsprotokollen. So was muss man sich erst mal trauen (was aber natürlich nicht bei jedem Leser ankam, aber, wie der Liu, für den KLP nominiert wurde und auch alte SF-Hasen begeistern konnte). Auch der Hard-SF-Roman Aurora von Kim Stanley Robinson kam aufgrund seiner pessimistischen Sicht auf die Besiedelung des Weltraums nur durchwachsen an und erhielt zehn Besprechungen (löste in den USA aber immerhin einige kontroverse Diskussionen aus). Mit Moonatics ist ein recht ungewöhnlicher SF-Roman aus deutscher Feder erschienen, der es auf 19 Kritiken bringt, Luna von Ian McDonald leider nur auf vier (auf diesem wunderbaren Autor scheint in Deutschland ein Fluch zu liegen). Auf die restlichen Titel gehe ich jetzt nicht alle ein, insgesamt scheint mir das Programm von Heyne ähnlich zu laufen wie in den Jahren davor. Ohne größere Ausschläge nach oben oder unten, ein Erfolg in den Dimensionen von Pierce Browns Red Rising (92 Besprechungen) oder Andy Weirs Der Marsianer (757!) ist allerdings nicht dabei.

Piper

Blue Screen von Dan Wells hat immerhin 56 Kritiken. Vor seinem SF-Debüt hat sich der Autor bereits mit den Thrillern um Ich bin kein Serienkiller eine Fanbasis erschrieben, da wurden sicher einige mitgenommen. Auffällig ist aber auch, dass SF-Titel von Non-SF-Autoren zwar mehr Kritiken bekommen, als SF-Bücher von unbekannten Autoren, aber noch lange nicht so viele wie mit ihren Non-SF-Titeln. Vor dem Genre scheint immer noch eine gewisse Scheu zu bestehen, oder Desinteresse. Andreas Brandhorsts Omni hat 30 Besprechungen erhalten, was für einen deutschen SF-Roman ganz ordentlich ist. Auch in der Szene stößt das Buch, wie schon Das Schiff auf eine sehr hohe und positive Resonanz und ist auch für alle wichtigen Genrepreise nominiert. Brandhorst hat sich über die Jahre eine feste Fanbasis erschrieben. Bei Jasper T. Scotts Dark Space-Serie sind die Kritiken für den zweiten Band von zwölf auf eine gefallen, was neben dem üblichen Fortsetzungsschwund sicher auch an den durchwachsenen Bewertungen liegt. Die Maschine (Teil eins der Spin-Trilogie, nicht zu verwechseln mit der Spin-Trilogie von Robert Charles Wilson) von Andrew Bannister kommt zwar auf 21 Kundenrezensionen, die allerdings überwiegend nur mittelmäßig ausfallen.

Bastei/Lübbe

Den Perry Rhodan-Gastroman Die falsche Welt von Andreas Eschbach und Verena Themsen lasse ich mal außer Konkurrenz laufen, da ich keine Ahnung habe, wie es sonst bei PR-Romanen aussieht (viel Feedback gibt es allerdings nicht, und vor allem wenig positives). New Sol von Margarete Fortune hat leider nur drei Kritiken erhalten; ein Roman, der mir gut gefallen hat, aber eventuell falsche Erwartungen weckt – ich zumindest dachte, es wäre ein rasanter Thriller im Stile der Serie 24 (nur im Weltraum), und kein Coming-of-Age-Drama, was mich allerdings nicht groß gestört hat. Paul Tassis Auftakt zur Earthbound-Serie ist mit fünf Besprechungen auch nicht unbedingt euphorisch empfangen worden.

Blanvalet

Der Star Wars-Roman Schülerin der dunklen Seite kommt auch nur auf sechs Kundenkritiken; das Franchise alleine und der aktuelle Star Wars-Boom im Kino scheinen auch nicht unbedingt viele Leser zu ziehen. Die Secrets-Reihe von Heather Anastasiu (Jugenddystopie) hat nach 21 Besprechungen von Band 1 auch einen erheblichen Einbruch erlitten, wenn ich das richtig sehe, sind die Bände 2 und 3 aber auch nur als E-Book erschienen, obwohl in der Vorschau damals noch als Taschenbuch für Dezember 2016 angekündigt wurden. Ich habe in der Vergangenheit schon erlebt, dass Blanvalet angekündigte Titel wieder aus dem Programm kickt, wenn nicht genügend Vorbestellungen aus dem Buchhandel eingehen (wenn ich mich recht entsinne). Auch beim vorzeitigen Abbrechen von Fantasyreihen ist man ganz vorne mit dabei. Ähnlich scheint man mit Ninurta – Die Unendliche von Lori M. Lee zu verfahren. Band 1 ist noch als Taschenbuch erschienen (immerhin 33 Besprechungen), Band 2, der laut Ankündigung schon längst hätte erschienen sein sollen, ist jetzt nur noch als E-Book für Juni 2017 angekündigt. Im Prinzip kann man Blanvalet in Bezug auf Science Fiction abschreiben.

Nur auf die großen Genrepublikumsverlage zu schauen ist natürlich ein sehr eingeschränkter Blick. Science Fiction ist natürlich schon längst im Mainstream angekommen. Für den Kurd Laßwitzpreis ist zum Beispiel Christopher Eckers Der Bahnhof von Plön nominiert, das im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist (nur vier Kritiken). Marc Elsbergs Helix läuft in der Thrillersparte von Blanvalet (stolze 153), ebenso wie Thomas Thiemeyers Babylon bei Knaur (58). Thea Dorns Die Unglückseligen erschien bei Knaus als allgemeine Belletristik (trotz Besprechung im TV nur 43 Amazonrezis für das zugegeben etwas sperrige Werk), Thomas von Steinaeckers Die Verteidigung des Paradieses bei S. Fischer in der allgemeinen Reihe (nur neun Kritiken). Alles außer irdisch von Horst Evers bei Rowohlt (43 Kritiken) Ich könnte noch massig weitere Beispiele aufführen, gemein ist ihnen vor allem eins: sie werden von den Verlagen meist nicht als Science Fiction deklariert, sondern als Thriller oder allgemeine Belletristik, denn das Label SF galt lange als Ladenhüter und trotz der jüngsten SF-Offensive hat sich daran wohl noch nicht so viel geändert. Und in der SF-Szene, dem SF-Fandom werden solche Titel nur vereinzelt wahrgenommen, meist mit Verzögerung, wenn sie für Preise nominiert sind oder ein genretechnischer Grenzgänger unter den Fans eine begeisterte Besprechung verfasst hat.

Und neben den ganzen Publikumsverlagen gibt es natürlich auch noch die Kleinverlage, die gerade in der SF sehr umtriebig sind und jene Lücken füllen, die von den großen Verlagen in den letzten Jahren hinterlassen wurden. Man muss nur mal einen Blick auf die KLP-Nominierten in der Kategorie bester deutschsprachiger Roman werfen, um eine Who-is-Who-Liste der deutschsprachigen SF-Kleinverlage zu erhalten (wobei man hier von der Resonanz im Netz nicht auf die gleiche Weise auf die Verkäufe extrapolieren kann, wie bei den großen Verlagen, da es an Vertriebsstrukturen mangelt und ein Gros der Verkäufe über das Internet und vor allem Amazon abläuft). Begedia ist mit Mathias Falkes Sternentor (zwei Kritiken) und Im Nebel kein Wort von Frank Hebben (drei) gleich zweimal vertreten, Atlantis mit Vektor von Jo Koren (vier), Wurdack mit Das Universum nach Landau (hier hätte ich gerne das tolle Cover abgebildet, aber Wurdack ist der einzige Verlag, der keinen Coverdownload ermöglicht) von Karsten Kruschel (vier Rezis) und Ein Neuer Himmel für Kana von Karla Schmidt (zwei).

Bei einer so niedrigen Anzahl an Besprechungen deutschsprachiger AutorInnen muss man auch vorsichtig sein, da könnten schon mal Verwandte und Freunde was schreiben, um das Buch zu pushen (was ich hier aber natürlich niemandem unterstelle). Große Verlage benötigen auch ganz andere Verkaufszahlen als die kleinen (die sich darüber aber sicher auch freuen würden). Ich sag mal, ein Titel bei Heyne sollte schon mehr als 5.000 Exemplare verkaufen, damit man dort in Erwägung zieht, weitere Werke von dem Autor zu übersetzen. Im Schnitt verkaufen sich bei SF-Werken, nach dem was ich so gehört habe, zwischen 2.000 bis 7.000 Exemplare. Kleinverlage können froh sein, wenn sie überhaupt mal die Tausender-Marke knacken. Einer der wenigen deutschsprachigen Kleinverlagsautoren, die das schaffen, ist z. B. Dirk van den Boom, der inzwischen aber auch schon 100 Bücher geschrieben hat und seit mehr als 20. Jahren daran arbeitet, sich eine Stammkäuferschaft aufzubauen.

Daneben gibt es auch immer mehr Verlage, die man (zumindest ich) bisher nicht auf dem Schirm hatte, die aber inzwischen auch Science-Fiction übersetzen: Z. B. der Mantikore Verlag (Joe Haldeman, Robert Heinlein oder Harry Harrison), Papierverzierer (Adam Christopher) oder Arctis (Madeline Ashby).

Einen wirklichen Boom hat die Fokussierung auf Science Fiction nicht ausgelöst (höchsten einen van den Boom), dafür fehlt bisher einfach der eine große Titel, der ein massiver Bestseller wird. Den hat eventuell der Selfpublisher Phillip P. Peterson mit Transport gelandet, das auf Sage und Schreibe 1.062 Amazonrezensionen kommt, dafür allerdings im Buchhandel nicht stattfindet. Mit Paradox hat er den Storryteller Award von Amazon 2015 gewonnen und wurde daraufhin bei Bastei/Lübbe veröffentlicht.

Wie schon erwähnt, wirklich aussagekräftig ist dieses Zählen von Kundenrenzensionen bei Amazon nicht, aber aus meiner Erfahrung ist die Tendenz, die sie andeuten, durchaus nicht ganz verkehrt. Interessant wäre es sicher, diese Zahlen jetzt mit denen der Fantasytitel in den obigen Programmen zu vergleichen, aber das ist mir ehrlich gesagt zu viel Arbeit.

In den letzten Jahren waren in der SF-Leserschaft (auch bei mir) immer wieder Klagen zu hören, es würde immer weniger Science Fiction bei den klassischen SF-Verlagen erscheinen, und auch immer weniger anspruchsvolle SF. Viele interessante englischsprachige Titel blieben unübersetzt. Das hat sich mit dem Herbst/Winterprogramm 2016/17 teilweise geändert. Ich zumindest komme schon allein bei den SF-Übersetzungen nicht mit dem Lesen hinterher (und ich lese auch noch viele andere Genres). Durch die SF-Offensive der Verlage wird die SF-Leserschaft nicht unbedingt größer. Sicher, Autoren wie Kai Meyer oder Dan Wells könnte vereinzelt ein paar LeserInnen mitbringen, aber ob die im Genre auch hängen bleiben und andere AutorInnen ausprobieren, ist eine andere Frage. Eher erscheinen jetzt mehr Titel für die gleiche Anzahl der Leser wie bisher, wodurch Bücher, die Erfolg verdient hätten, auf der Strecke bleiben. Es bleibt zu hoffen, dass sich dadurch kein Jo-Jo-Effekt entwickelt, der dafür sorgt, dass die Programme noch stärker zusammengekürzt werden als vor der SF-Offensive. Vielleicht wird es ja auch noch den einen großen Titel geben, der einen SF-Boom auslösen wird, der über die Grenzen der bisherigen Genreleserschafft hinausgeht. Aber das ist bisher noch Wunschdenken und steht in den Sternen. Ich bin jeden Falls sehr auf die kommenden Programmvorschauen für den Herbst/Winter 2017/18 gespannt und werde darüber berichten.

P.S. Golkonda habe ich in diesem Artikel mal außen vor gelassen, da es in den letzten Monat sehr ruhig um den Verlag geworden ist, was sich durch den kürzlich verkündeten Verkauf an den Europa Verlag aber ab Herbst wieder ändern wird.

Lesesplitter und Stand der Dinge Ende Februar 2017

Lesesplitter

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Am Wochenende habe ich Die Krone der Sterne von Kai Meyer beendet, ein Buch, dem ich als Captain-Future-Übersetzer schon deswegen nicht widerstehen konnte, weil es unter anderem Edmond Hamilton gewidmet ist, einem der Urväter der flotten Space Opera. Und genauso flott kommt das Buch auch daher, das die junge (aber erwachsene) Ineza auf der Flucht vor dem Hexenorden begleitet, der sie zur Braut der Gottkaiserin mache möchte (was kein ersterbenswertes Ziel ist). Im Prinzip besteht das Buch auch aus einer einzigen Flucht, was auf Dauer Gefahr läuft, etwas zu repetitiv zu werden, da die einzelnen Kapitel und Szenen im Prinzip immer Variationen des gleichen Themas sind: Gefangennahme, Schießerei, Flucht, Streiterei untereinander, Verrat, Gefangennahme … Dafür, dass es einem dabei aber nicht langweilig wird, sorgt der geschickt eingeflochtene Weltenbau, der mich an eine Mischung aus Dune (in der Lynchversion) und Riddick erinnert. Ein flottes, unterhaltsames Weltraumabenteuer mit starken Frauenfiguren, das sich nicht um Physik schert; gute Unterhaltung für zwischendurch. Und, liebe SF-Verlage, so gestaltet man ein Science-Fiction-Buch, das auch LeserInnen ansprechen soll, die nicht so genreaffin sind und sich nicht mit dem generischen Raumschiff im All zufriedengeben. Neben der wunderschönen Umschlaggestaltung gibt es auch noch zahlreiche Illustrationen von Jens Maria Weber, die das Buch wie ein Vorspann einleiten. Meine Mutter liest das Buch übrigens gerade auch mit großer Begeisterung, dabei liest sie Science Fiction sonst nur, wenn ich sie übersetzt habe.

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Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass Philip Pullman eine neue Trilogie in der Welt von His Dark Materials plant, was mir Lust darauf gemacht hat, Der Goldene Kompass noch einmal zu lesen. Zuletzt hatte ich das Buch im Sommer 2001 gelesen, in jenen endlos trägen Wochen zwischen meinem Fachabitur und dem Beginn des Physikstudiums, auf das ich mich eigentlich hätte vorbereiten sollen – tja, so bin ich dann auch am Ende Übersetzer geworden, und nicht Physiker. 😉 Jedenfalls gefällt mir das Buch beim Reread noch genauso gut wie beim ersten Mal. Pullman hat da eine ganz wunderbar eigene Welt erschaffen, die knapp neben der unsrigen liegt, und versteht es, sie mit Anspruch unterhaltsam in eine spannende Geschichte einzubinden.

Stand der Dinge – Reise-Mäurer

Vor zwei Wochen bin ich in Berlin gewesen, in den Verlagsräumlichkeiten von Fischer Tor (sehr schick), um mich dort in das Typo 3 von tor-online.de einarbeiten zu lassen. Über den Grund habe ich ja in meinem letzten Blogeintrag berichtet. Das war nur ein kurzer Blitzbesuch, der mir gerade mal Zeit ließ, mich mit einem guten alten Studienfreund zu treffen, einen SF-Stammtisch in kleinem Kreise abzuhalten und einen Blitzbesuch im Otherland zu machen. Dienstag ging mein Flug nach Berlin, am Donnerstag dann der Rückflug, womit ich echt Glück hatte, da das Bodenpersonal von Tegel am Mittwoch dazwischen gestreikt hat.

Die nächste Reise geht dann am Freitag den 24. März zur Leipziger Buchmesse. Eigentlich wollte ich ja diese Jahr nicht, aber irgendwie habe ich den Messebesuch in den letzten Jahren doch lieb gewonnen, und es ist eine tolle Gelegenheit, viele Bekannte und Freunde zu treffen, die ich sonst kaum sehe (auch wenn ein Tag eigentlich zu knapp dafür ist).

In der dritten Maiwoche werde ich für eine Woche nach Paris reisen (falls mich Präsidentin Le Pen dann noch reinlässt), einfach, um mir die Stadt mal anzusehen, in der ich noch nie war. Das wird meine erste Urlaubsreise seit über zehn Jahren sein.

Wo ich dieses Jahr nicht hinfahren werde, ist der Marburg Con, den ich in den letzten drei Jahren besucht habe. Passt zeitlich einfach nicht, außerdem ist mein Stammreisebegleiter abgesprungen. Und so ganz alleine mag ich auch nicht fahren.

Ebenfalls ausfallen lasse ich dieses Jahr das Pan-Branchentreffen in Berlin. Zwar fand ich das Treffen im letzten Jahr großartig, aber da ich dieses Jahr Urlaub machen möchte, muss ich ein paar Prioritäten setzen (und das bisherige Programm finde ich auch nicht so interessant für mich ). Auch nicht besuchen werde ich die großen Cons des Jahres, wie den Eurocon in Dortmund, den Worldcon in Helsinki und den Dirkcon (anlässlich des 50 Geburtstages des Tentakelmeisters) in Dirktropolis. Dafür ist der Bucon aber wieder fest gesetzt, den ich seit über 10 Jahren immer besuche.

Eventuell werde ich im Sommer auch noch eine oder zwei Wochen in Berlin verbringen, um mir etwas mehr Zeit für meine ehemalige Heimat zu nehmen. Das wird aber vermutlich nicht in die Zeit des Fantasy Filmfests fallen, das in diesem Jahr leider erste Ende September stattfindet. Für mich gehört das FFF einfach in den Hochsommer. Und mit der Streckung auf zwölf Tage und den Wegfall der Parallelvorstellung kann ich mich auch nicht so recht anfreunden.

Meine Lieblingsrezensenten im Netz (Teil 1)

Als Nachtrag zu meinem Beitrag Wie ich Bücher bespreche möchte ich jetzt ein paar Rezensenten vorstellen, deren Besprechungen ich sehr schätze. Ich schrieb:

Damals sah ich Rezensionen vor allem als Hilfe bei Kauf- und Leseentscheidungen; ich wollte Lesern helfen, die überlegen, ob sie das Buch kaufen sollen oder nicht, und bei der Internetrecherche auf meine Besprechung gestoßen sind. Darauf habe ich inzwischen aber auch keine Lust mehr.

Das gilt für meine eigenen Rezensionen, als Leser lese ich Buchbesprechungen aber immer noch vor allem als Kauf- und Leseanregung. Aber nicht nur. Da ich nicht alle Bücher lesen kann, finde ich es auch interessant, mich einfach zu informieren, was es sonst noch an Büchern gibt. Außerdem lese ich Rezensionen gerne nach Lektüre des Buchs, um zu sehen, wie andere das Buch empfunden haben.

fantasyguide-de

Ralf Steinberg Mastermind vom Fantasyguide (und passionierter Elfenskeptiker) fährt bei seinen Besprechungen oft zweigleisig. Auf dem Phantastikportal Fantasyguide.de versucht er, die Bücher ausgewogener zu besprechen, mit einem objektiven Ansatz, während er gleichzeitig auf seinem eigenen Blog noch mal persönlicher auf die Bücher eingeht und seinen Geschmack mehr einbringt. Hier als Beispiel seine Besprechungen zu Kim Stanley Robinsons Aurora, dass ich auch kürzlich gelesen habe:

Hier auf dem Fantasyguide:

Diese Mischform aus Roman und Essaysammlung ist eine Besonderheit Robinsons, auf die man sich einlassen muss, wenn man Spaß bei der Lektüre haben will.

Und hier auf dem persönlichen Blog:

Klingt erstmal alles auch ganz toll und überlegenswert, aber KSR hat mich über weite Strecken des Romans einfach nur gelangweilt mit endlosen Betrachtungen der Schiffs-KI, physikalischen Erklärungen und technischen Details.

Ralf hat, wie ich, einen sehr breiten Lesegeschmack und bespricht neben Phantastik auch immer wieder gerne Klassiker  oder Biografien. Hier eine Übersicht über seine Besprechungen 2016.

Obwohl ich inzwischen wohl höchstens noch zu 40% Phantastik im Jahr lese, liegt der Anteil der Phantastik bei Buchbesprechungen, die ich lese, geschätzt bei 70%. Um das Feuilleton mache ich in der Regel einen großen Bogen (außer wenn ich konkret auf interessante Besprechungen hingewiesen werde). Und irgendwie bewege ich mich im Internet und in den sozialen Netzwerken vor allem auf phantastischen Pfaden. Doch Buchbesprechungen, die meinen Ansprüchen genügen bzw. meinen Geschmack treffen, werden immer seltener. Es gibt kaum noch Rezensionsportale und Magazine, die regelmäßig qualitativ hochwertige Buchbesprechungen bringen, was vermutlich daran liegt, dass man für Phantastikbesprechungen in der Regel nicht bezahlt wird. Phantastikportale wie Fantasyguide.de oder Phantastik-News.de sind Hobbyprojekte, die keine Honorare zahlen können. Und Zeitungen und Magazine, die Honorare zahlen, bringen nur sehr selten Phantastikbesprechungen (Ausnahmen sind eventuell die phantastisch! und die Geek). Eine der wenigen Ausnahmen ist der Onlineauftritt der österreichischen Zeitung Der Standard, auf dem Josefson einmal im Monat die SF und F Rundschau mit jeweils ca. zwölf Besprechungen pro Ausgabe veröffentlicht.

Josefson hat sich in den letzten Jahren einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet, und gilt weithin als der renommierteste und beliebteste Phantastikrezensent. Manchmal wird mir in seinen Kritiken zu sehr auf den Inhalt eingegangen, und gelegentlich wird mir aus dem Text nicht ganz ersichtlich, ob ihm das Buch gefallen hat oder nicht, aber aktuell gibt es keinen Rezensenten, auf dessen neue Besprechungen ich mich mehr freue. Was unter anderem auch daran liegt, dass er immer wieder englischsprachige Kuriositäten und Perlen im Programm hat, die mir bis dato völlig unbekannt waren. So landeten z. B. Age of Zeus von James Lovegrove, das sprachlich herausragende Mechanique: A Tale of the Circus Tresaulti von Genevieve Valentine erst dank Josefson in meinem Regal.

Er hat auch keinerlei Berührungsängste, was abseitige Texte wie z. B. Bizzaro Fiction angeht, oder einfach Popcornliteratur, die er zwischen Hard SF und anspruchsvolleren Werken platziert. Nur ganz dicke Bücher und Mehrteiler sind nicht so sein Ding.

Frank Böhmert ist Übersetzerkollege und Berliner SF-Freund, der mich schon seit Anfang meiner Übersetzerkarriere begleitet. Auf seinem Blog bespricht er immer wieder mal seine Lektüre, die sich nicht an aktuellen Moden und Neuerscheinungen orientiert, sondern an dem, was er so beim Flanieren über die Berliner Boulevards in die Finger bekommt, oder was ihm Freunde im Netz empfehlen. Dabei richtet er sich nach einem interessanten Schema und strukturiert seine Besprechungen nach Fragen wie „Was hat gefallen“, „Was hat nicht so gefallen“ usw. Habe ich auch mal versucht zu übernehmen, war aber nicht mein Ding.

In letzter Zeit lese ich auch gerne die Besprechungen zu abseitigen Literatur von Frank Duwald auf Dandelion sowie seine Gastreihe über Liebesreigen der Literatur bei Sätze und Schätze.

Lesesplitter und Stand der Dinge Februar 2017

Eigentlich wollte ich nur ein paar Bücher lesen, doch dann geschah etwas Unglaubliches:

1. Bruce Springsteen – Born to Run
2. Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten
3. Anne Berrest – Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau
4. Didier Erebon – Rückkehr nach Reims
5. Oliver Plaschka – Marco Polo: Bis ans Ende der Welt
6. Ben Aaranovitch – Der böse Ort
7. Nathan Hill – Geister

Ich habe noch mehr Bücher gelesen. 😉

Sieben Bücher, drei davon mit jeweils über 800 Seiten. Mein bester Lesemonat seit langem, wobei ich Born to Run zu 90% noch im Dezember gelesen habe. Trotzdem macht sich doch deutlich bemerkbar, dass ich momentan mehr Zeit habe. Im zweiten Halbjahr 2016 steckte ich mit beiden Ohren tief in zwei Übersetzungsprojekten (eines mit 800 Normseiten), so dass mir nicht so viel Zeit zum Lesen blieb. Nach Abgabe von Die Neunte Stadt hatte ich eigentlich vier Wochen Weihnachtsurlaub geplant, doch dann kam am 23.12 noch eine Druckfahne zur Korrektur rein, die mich bis in den Januar beschäftigt hat, gefolgt vom Lektorat der großen Übersetzung und einigen anderen Kleinigkeiten. Die vier Wochen Urlaub am Stück haben also nicht so ganz funktioniert (aber immerhin ein wenig; 2016 hatte ich gar keinen Urlaub). Und wirklich Urlaub war es auch nicht, da ich die Zeit genutzt habe, an einem eigenen Projekt weiterzuschreiben.

An eigenen Texten zu schreiben (zumindest was diesen Roman angeht) funktioniert für mich nicht so, wie zu übersetzen. Da kann ich mich nicht vor den Schreibtisch hocken und sechs bis acht Stunden (mit kleinen Pausen natürlich) am Stück loslegen (bzw. erst wenn es an die Ausarbeitung der Ideen und Szenen geht). Die guten Ideen kommen nicht per Knopfdruck, sondern vor allem, wenn ich mich mit etwas anderem beschäftige. Und die größte Inspiration liefern mir (neben Filmen und Dokumentationen) eben Bücher. Es kann passieren, dass ich mir es gerade erste mit einem Buch gemütlich gemacht habe, und mir nach drei Seiten ein toller Einfall kommt, der mir dann drei gute Seiten oder so verschafft. Für solche Inspiration braucht man aber auch die richtigen Bücher, und da war der Januar ein guter Monat.

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Die Titel 1 bis 4 in der Liste oben habe ich ja schon hier, hier und hier besprochen. Zu Oliver Plaschkas Marco Polo will ich noch eine ausführliche Rezension schreiben, aber bisher ist mir nichts Vernünftiges eingefallen. Es handelt sich um einen ausgezeichneten historischen Abenteuerroman über einen der größten Abenteuerer der Geschichte, der trotz seiner 800 Seiten durch seine clevere Erzählstruktur mit der Geschichte in der Geschichte und einem unverlässlichen? Erzähler, sowie dem Spiel mit Wahrheit und Identität, eine Dynamik besitzt, die dafür sorgt, dass es in dem stilistischklaren und eleganten Roman an keiner Stelle Längen gibt. Absolute Empfehlung für geistige Weltenbummler!

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Der böse Ort von Ben Aaranovitch ist der vierte Teil in der Serie um den magisch begabten Police Constable Peter Grant, der sich in dieser Episode mit den Folgen zauberhafter Architektur und dem großen bösen Widersacher auseinandersetzen muss, wobei die Geschichte in diesen Büchern eher nebensächlich ist, da der große Reiz vor allem in dem freundschaftlichen Geplänkel zwischen PC Grant und seinen KollegInnen liegt, sowie dem scharfsinnigen und humorvollen Blick des Autors auf das moderne London.

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Geister von Nathan Hill ist ein komplexes Familiendrama und Psychogramm, das geschickt die 68er-Proteste in Chicago mit der Gegenwart von 2011 und den Occupyprotesten verbindet. Stilistisch teilweise recht experimentell, mit sehr, sehr viel Liebe zum Detail und zahlreichen hervorragend herausgearbeiteten Figuren. Toll geschrieben, aber teilweise etwas zu altbacken („Burschenschaftler“ für „sorority members“, „das UCLA“) und holprig übersetzt und lektoriert (ich vermute mal, dass es am Zeitdruck lag, damit habe ich auch so meine Erfahrungen). An drei Stellen heißt es, „sie zogen Fahnen Schwinglend durch die Straßen“. Da der Name Schwingle im Buch auftaucht, vermute ich hier mal ein Malheur mit der Ersetzen-Funktion. 🙂 Trotzdem ein ganz großer Roman über Einwanderung, Familie, Protestbewegungen, das College und die perverse Logik der Medien.

Wie man sieht lese ich momentan sehr wenig auf Englisch, und ich versuche auch, vor allem sprachlich und stilistisch gut geschriebene und übersetzte Werke zu lesen, da ich hoffe, dass sich diese positiv auf meinen eigenen Stil auswirken wird, bzw. mir sprachliche Inspiration verleiht. Liest man zu viel auf Englisch, könnte man sich (gerade beim Übersetzen) unbewusst englische Satzstrukturen angewöhnen bzw. sich nicht ausreichend von ihr lösen.

Meine aktuelle Lektüre ist aber trotzdem auf Englisch, weil ich da auch nicht aus der Übung kommen möchte, und mich das von Stephen King jüngst auf Twitter empfohlene Darktown von Thomas Mullen auf den ersten Blick fasziniert hat. In dem historischen Krimi geht es um eine der ersten schwarzen Polizeieinheiten in den USA, die 1948 in Atlanta Georgia mit acht Officers/Wachtmeistern gegründet wurde. Die durften allerdings nur zu Fuß im Schwarzenviertel der Stadt patrouillieren (immerhin mit Schusswaffen) und bei Vorfällen mit Weißen mussten sie weiße Kollegen hinzuziehen. Die ersten 13% haben ich gestern Abend begeistert verschlungen.

Daneben lese ich noch meinen ersten Manga von Jiro Taniguchi.

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In der zweiten Jahreshälfte 2016 habe ich versucht, verstärkt Bücher von Frauen zu lesen, was auch halbwegs gut funktioniert hat, aber auf meiner aktuellen Leseliste dominieren wieder eindeutig die Männer. Was vor vermutlich daran liegt, dass ich meine Lektüre hauptsächlich themenorientiert aussuche, und irgendwie sind es meist Bücher von Männern, die mich ansprechen. Den Aaranovitch und den Hill habe ich gelesen, weil ich zum ersten Mal seit Monaten wieder unsere Gemeindebücherei besucht habe, und das die einzigen beiden Bücher waren, die mich interessiert haben. Trotzdem stehen auch einige Frauen auf meiner Leseliste. Vor allem von Delphine de Vigan will ich demnächst noch mehr lesen.

Ausblick:

Nachdem ich 2016 gar keinen Urlaub gemacht habe, hatte ich für 2017 eigentlich eine dreiwöchige Reise in die USA im September geplant (unter der Prämisse, dass ihr wisst schon wer nicht Präsident wird), aber aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen ist mir das zu riskant. Momentan lässt sich nicht kalkulieren, ob ich dann überhaupt ins Land kommen würde (oder wieder raus), oder ob es sich bis September zu einer Autokratie/Diktatur entwickelt (momentan halte ich alles für möglich). Außerdem hoffe ich, dass viele Menschen aus Protest ihre Reise in die USA absagen (wie z. B. die Autoren Matt Haig und Kai Meyer), und sich dies empfindlich auf den Tourismus auswirken wird (was zu noch mehr innerpolitischem Druck führen könnte) – viel mehr kann unsereiner hier in Europa ja nicht tun, was Amerika angeht.

Stattdessen möchte ich im Mai eine Woche nach Paris reisen, da ich gerade einen Französischkurs an der Volkshochschule mache und es zu meinem Schreibprojekt passt. Eventuell werde ich mir dann im September noch mehr von diesem schönen Land ansehen (vorausgesetzt, dass Le Pen nicht die Präsidentschaftswahl gewinnt, was aktuell leider gar nicht so unrealistisch ist, da die Konservativen ja anscheinend nicht in der Lage sind, ihre Amtsprivilegien nicht für ihren eigenen Vorteil zu missbrauchen, und die Sozialisten nach der Nullnummer lieber auf einen unrealistischen Träumer setzen, der für die politische Mitte zu radikal ist).

Was Übersetzungen angeht, kann ich für 2017 noch nichts ankündigen (ich habe also noch Kapazitäten frei 😉 ), außer dass im April die von mir übersetzen Bücher The Ark und Die Neunte Stadt erscheinen werden. Ganz untätig bin ich aber nicht, nächste Woche geht es für ein paar Tage nach Berlin, wo ich in eine kleine geekige Nebentätigkeit eingearbeitet werde.

Ansonsten werde ich diesen Blog eventuell ein wenig vernachlässigen, um mich mehr auf mein Schreibprojekt zu konzentrieren.

P.S. Ach ja, kennt jemand ein gutes Buch über die Geschichte von Paris. So in der Art wie Peter Akroyds London – Die Biographie? Oder generell gute Sachbücher über Paris (Geschichte, Kultur usw.)? Über Empfehlungen wäre ich sehr dankbar (am besten auf Deutsch oder Englisch, mein Französisch ist dafür noch lange nicht gut genug).

Und zum allgemeinen Stand der Dinge und zur Aufheiterung überlass ich jetzt das Wort Kate Tempest:

Warum ich Bücher lese

Warum ich Bücher lese?

Die Frage lässt sich einfach und kompliziert beantworten. Die einfach Antwort besteht aus zwei Gründen:

1. Um vor der Welt zu flüchten (Eskapismus)

2. Um die Welt zu verstehen.

Es gibt Studien, denen zufolge Menschen, die Bücher lesen, empathiefähiger sein sollen, was bedeutet, dass es ihnen leichter fällt, sich in die Perspektive von anderen Menschen zu versetzen, ihre Beweggründe eher nachvollziehen zu können. Wenn man zum Beispiel einen Roman liest, begibt man sich in die Welt der Hauptfigur(en) und sieht diese Welt durch deren Augen. Eine Welt, die (ganz gleich ob Krimi, Fantasy oder Romance) auf der unseren basiert, denn in dieser lebt und schreibt die Autorin.

Literatur kann einem dabei helfen, sich mit Erfahrungen auseinanderzusetzen, die man im richtigen Leben vielleicht lieber nicht machen möchte: Tod, Trauer, Lebensgefahr, Abenteuer uvm. Kinder, die mit Gruselliteratur aufwachsen, sollen besser dazu in der Lage sein, im richtigen Leben, mit solchen Erfahrungen umzugehen. Zudem kann zum Beispiel Spannungs- oder Horrorliteratur eine kathartische Wirkung auf den Rezipienten haben.

Ich habe ja mal zwei Horrorromane von Edward Lee für die Extrem-Reihe des Festa Verlags übersetzt. Extrem bedeutet dort auch wirklich EXTREM. Und gerade diese extreme, brutale, eklige Literatur erfreut sich bei jungen Frauen größter Beliebtheit. Ich vermute, es hat damit etwas zu tun, dass diese Leserinnen ihre Grenzen austesten möchten. Und genau dafür ist Literatur auch da.

Bis zu meinem zwölften Lebensjahr habe ich ausschließlich Jugendbücher wie Die Drei Fragezeichen, TKKG, Die Pizzabande oder Burg Schreckenstein gelesen. Schon damals hat mich vor allem das Abenteuer gereizt, die Suche nach dem Verborgenen, das Aufdecken von Geheimnissen.

Die beiden TKKG-Bücher habe ich als recht rassistisch in Erinnerung.

Die beiden TKKG-Bücher habe ich als recht rassistisch in Erinnerung.

Bis meine Mutter mir eines Tages Stark – The Dark Half von Stephen King mitbrachte und meinte, das würde gerade viele lesen. Ich war zunächst skeptisch, doch als alter Horrorfilmfan (und das war ich mit zwölf Jahren schon) gab ich dem Buch eine Chance und war sofort begeistert, als die erste Leiche auftaucht, der man den Penis abgeschnitten und an die Wand genagelt hatte. Es mag sich blöd anhören, aber es sind genau solche (für Kinder eigentlich) verbotenen Sachen, die Kinder und Jugendliche neugierig machen und begeistern. Wer weiß, wo ich heute wäre, wenn mir meine Mutter damals nicht dieses Buch mitgebracht hätte (von dessen brutalem Inhalt sie sicher nichts geahnt hat).

Einiger meiner ersten Bücher vom King ("Stark" war nur ausgeliehen), der bis heute mein Lieblingsautor ist.

Einige meiner ersten Bücher vom King („Stark“ war nur ausgeliehen), der bis heute mein Lieblingsautor ist.

Fortan habe ich mehrere Jahre ausschließlich Stephen King gelesen, nein, was schreib ich, ich habe ihn förmlich verschlungen. Für die Erkenntnis, dass es noch andere Autoren gab, die mir gefallen könnten, reichte mein damaliger Erfahrungshorizont noch nicht aus. Es dauerte drei weitere Jahre und die Lektüre von Kings Fantasyroman Die Augen des Drachen, bis ich auf die Idee kam, dass mir eventuell auch Fantasyromane von anderen Autoren gefallen könnten.

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Da es damals Mitte der 90er noch kein Internet bei uns gab, mussten mich meine Eltern in die nächste Stadt fahren, wo ich stundenlang im, seinerzeit noch gut sortierten, Fantasyregal der örtlichen Buchhandlung stöberte, und bald ein paar neue Lieblingsautoren, wie Raymond Feist und Michael Moorcock gefunden hatte. Das führte zu einer Phase, in der ich einige Jahre ausschließlich Fantasyliteratur las. Hat man mich damals gefragt, warum?, lautete die Antwort, unsere Welt sei schon langweilig genug, da müsse ich nicht noch über sie lesen. Das war also reiner Eskapismus.

Einige meiner ersten Fantasybücher (inzwischen schon mehrfach gelesen).

Einige meiner ersten Fantasybücher (inzwischen schon mehrfach gelesen).

Damals ging ich noch auf die Realschule, war ein schlechter Schüler ohne Orientierung, der null Bock auf Schule und eine Lehre hatte, der nicht wusste, was er einmal werden wollte oder sollte. Was zu schlechten Noten und einem schlechten Schulabschluss führte. Danach verbrachte ich dann drei Jahre! 🙂 auf der zweijährigen Handelsschule (mit Abschluss als staatlich geprüfter kaufmännischer Assistent im Bereich Datenverarbeitung), einfach, weil ich nicht wusste, was ich machen soll.

Die ersten Science-Fiction-Bücher, die ich gelesen habe.

Die ersten Science-Fiction-Bücher, die ich gelesen habe.

Gleichzeitig hat sich der Horrorfilmfan Markus in dieser Zeit auch zu einem kleinen Cineasten entwickelt, der sich gerne Filme von Woody Allen, Martin Scorsese oder Jim Jarmusch angesehen hat. Durch den Film Smoke mit Harvey Keitel und Willam Hurt kam ich auf die Idee, es mal mit den Romanen des Drehbuchautors Paul Auster zu versuchen. Dank des großartigen der Mond über Manhattan (hier kürzlich im Reread besprochen) schaffte ich als Teenager den Sprung zur allgemeinen Belletristik, was mir ganz neue Lesewelten öffnete.

Einige meiner ersten Bücher außerhalb der Phantastik (wobei "Dixie Chicken" von Gott erzählt wird ;) )

Einige meiner ersten Bücher außerhalb der Phantastik (wobei „Dixie Chicken“ von Gott erzählt wird 😉 )

Das war die Phase, in der es mir nicht mehr so stark um Eskapismus ging, sondern darum, eine tolle Geschichte zu lesen. Es folgten Bücher von Nick Hornby, Umberto Eco, Milan Kundera, Sten Nadolny uvm. Durch den Film Sieben, kam ich auf die Idee, Das verlorene Paradies von John Milton und Der Antichrist von Friedrich Nietzsche zu lesen. Durch Jim Jarmuschs Dead Man kam ich zu William Blake. Da muss ich so um die 18 gewesen sein, ging immer noch auf die Handelsschule und war als Schüler schlechter, als je zuvor, weil ich im Unterricht lieber heimlich Klassiker der Weltliteratur las (na ja, und weil wir damals gerne die Schule geschwänzt haben, um in der Kneipe nebenan Billard und Dart zu spielen).

Bücher, die ich oft während des Unterrichts gelesen habe.

Bücher, die ich oft während des Unterrichts gelesen habe.

Jedenfalls merkte ich in dieser Phase, dass Literatur weitaus mehr sein konnte, als ich bis dato dachte, und entdeckte ganz neue Interessen in mir. Die Literatur öffnete mir neue Welten und Möglichkeiten. Nach der Handelsschule absolvierte ich erst einmal meinen Zivildienst (in einem Krankenhaus). Während dieser Zeit, als ich eines Abends den Film Good Will Hunting sah, kam mir die Idee, dass ich, wo ich doch so gerne lese, was daraus machen könnte, zum Beispiel in dem ich studieren gehe.

Was ich dann auch tat, zweimal sogar (in Siegen und Berlin). Über die Jahre hat sich mein Lesegeschmack durchaus verändert, aber nicht im Sinne von verschoben, sondern vielmehr erweitert. Hatte ich früher Jahre, in denen ich keine Fantasy gelesen habe, dafür nur Science Fiction und Thriller, oder Phasen, in denen viel Sachbücher – wie z. B. Kip Tip Thornes Gekrümmter Raum und verborgene Zeit, Bertrand Russels Die Philosophie ds Abendlandes oder Alexander von Humboldts Kosmos – dran waren, bin ich heute eine Mischung aus all meinen Lesephasen und Geschmäcken. Selten lese ich zwei Bücher aus einem Genre hintereinander, ich liebe die Abwechslung, liebe es, Neues zu entdecken.

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Im persönlichen Kontakt bin ich schon immer ein eher introvertierter, zurückhaltender Mensch gewesen, und ein Stubenhocker. Große Abenteuer habe ich nur in Form von Büchern erlebt, träume dabei aber auch immer, selbst die Welt zu bereisen. Doch vom Traum bis zur Umsetzung ist es (zumindest bei mir) ein langer Weg, auf dem mir immer wieder andere Ausreden (und manchmal auch gute Gründe) einfallen. Nur einmal viel mir keine Ausrede mehr ein, da bin ich dann während meines ersten Studiums für neun Wochen nach Brasilien und habe dort ein Fotoprojekt mit Jugendlichen in einer Favela durchgezogen (wenn ich erstmal unterwegs bin, habe ich dabei einen Riesenspaß und alle Bedenken über Risiken und Unannehmlichkeiten sind verflogen, aber sobald ich zurück bin, schleichen sich diese mit der Zeit wieder ein und halten mich davon ab, wieder zu verreisen).

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Seitdem war mein größtes Abenteuer, zwecks Zweitstudium nach Berlin gezogen zu sein; das geplante Auslandsjahr an einer amerikanischen Uni musste ich aufgrund mangelnder finanzieller Mittel sausen lassen. Also habe ich mir Amerika weiter erlesen. So wie ich es auch mit anderen Ländern mache, die mich interessieren (z. B. gerade Frankreich, Japan, Südafrika uvm.). Einerseits erschließen Bücher aus anderen Ländern und Kulturen einem die Welt (man kann ja auch nicht alles bereisen), andererseits sind sie doch die bequeme Lösung. Lesen könnte man ja auch unterwegs. Auf meiner bisher einzigen Urlaubsreise als Erwachsener (zehn Tage Rucksackurlaub in Schottland), habe ich es in einer Jugendherberge am Loch Lomont geschafft, das dort deponierte Kon-Tiki von Thor Heyerdahl zu lesen. In Brasilien habe ich Paulo Lins’ Die Stadt Gottes, Thomas Pynchons Die Enden der Parabel und noch einige andere Bücher geschafft. Lange Flüge oder Bahn- und Busfahrten eignen sich hervorragend zum Lesen (solange einem dabei nicht schlecht wird).

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Stichwort Schullektüre

Ich würde mal sagen, ich kann  froh sein, dass ich heute trotz! der Schullektüre meine Leidenschaft für Bücher nicht verloren habe. Vielen aus meinem damaligen Freundeskreis ging es anders, die hat der Deutschunterricht und die Art, wie dort Bücher besprochen wurden, so fürs Leben geprägt, dass sie zwanzig Jahre lang kein Buch mehr angefasst haben. Während ich mich für die Schule durch Hans Falladas Kleiner Mann – was nun oder Dürrematts Max Frischs Bidermann und die Brandstifter gequält habe, las ich nebenher mit großem Vergnügen Henry Millers Im Wendekreis des Krebses und Thomas Manns Der Zauberberg.

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Bücher können einem die Welt und andere Kulturen erschließen oder zumindest näher bringen, sie bieten Wissen und nehmen die Angst vor dem Fremden (wenn sie nicht gerade aus dem Kopp Verlag stammen 😉 ).

Ich sehe auch keinen Unterschied zwischen dem, was als E-Literatur und Trivialliteratur bezeichnet wird. Aus allem kann man etwas lernen, etwas für sich beziehen, jedes Buch sagt etwas über die Kultur aus, in der es entstanden ist. Der japanische Kulturwissenschaftler, der sich mit dem Phänomen der Heftromanserien wie Perry Rhodan oder John Sinclair beschäftigt (die zugegeben, nicht ganz mein Fall sind), kann dabei eine Menge über das Nachkriegsdeutschland lernen.

Ich habe auch die ersten drei Silberbände gelesen, die waren aber nur eine Leihgabe.

Ich habe auch die ersten drei Silberbände gelesen, die waren aber nur eine Leihgabe.

Stichwort Literaturverfilmungen

Roland Emmerich meinte kürzlich in einem Interview, Bücher sollten nicht verfilmt werden, die Leute sollen lieber die Bücher lesen. Sehe ich anders. Nicht jedes tolle Buch braucht eine Verfilmung, oft reichen sie nicht an Original heran, oder machen einem die Fantasie kaputt, die man während des Lesens im Kopf entwickelt hat. Aber Verfilmungen richten auch die Aufmerksamkeit auf die Bücher, die verfilmt wurden. Durch Apocalypse Now kam ich bereits als Jugendlicher zu Herz der Finsternis von Joseph Conrad, und auch viele andere tolle Bücher habe ich erst durch die Verfilmungen entdeckt.

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Stichwort Fremdsprache

In meinen Jugendjahren habe ich auch schon damit, angefangen Bücher auf Englisch zu lesen. Das erste war Catcher in the Rye von J. D. Salinger. Das war relativ kurz, und ich hatte es schon auf Deutsch gelesen, wodurch ich glaubte, besser mit dem englischen Text zurechtzukommen. Schon damals ist mir aufgefallen, wie sehr sich Original und Übersetzung unterscheiden können, denn ich merkte schnell, dass die englische Fassung deutlich vulgärer war, als die Übersetzung von Heinrich Böll. In den weiteren Jahren konnte ich durch meine Englischkenntnisse auch Bücher lesen, die nicht auf Deutsch erhältlich waren. Ich bin auch davon überzeugt, dass sich meine Englischkenntnisse durch diese Lektüre erheblich verbessert haben und dazu beigetragen hat, dass ich jetzt als Übersetzer arbeite.

Einige der ersten Bücher, die ich in der jeweiligen Fremdsprache gelesenhabe. Der "Asterix" habe ich gerade erst gekauft, da ich momentan einen Französischkurs an der Volkshochschule besuche. Meine Portugiesischkenntnisse sind inzwischen leider wieder stark eingerostet.

Einige der ersten Bücher, die ich in der jeweiligen Fremdsprache gelesen habe. Den „Asterix“ habe ich gerade erst gekauft, da ich momentan einen Französischkurs an der Volkshochschule besuche. Meine Portugiesischkenntnisse sind inzwischen leider wieder stark eingerostet.

Lesen ist für mich auch Entspannung. Wenn ich nach einem harten Arbeitstag aus der Suchtklinik nach Hause gekommen bin, habe ich abgeschaltet und neue Energie getankt, indem ich ganz in Dan Simmons Terror oder Mark Z. Danielwskis House of Leaves abgetaucht bin. Das hat bei mir die Batterien für den nächsten Arbeitstag aufgeladen. Und jetzt, wo Bücher meine Arbeit sind (genauer gesagt das Übersetzen von Büchern), kann ich auch nach zehn Stunden Textarbeit nicht darauf verzichten, abends noch ein wenig zu lesen. Das ist für mich wie Nahrung. Bücher liefern mir Rüstzeug und Inspiration für die Arbeit, wobei der Anteil an einfacher Unterhaltungsliteratur mit mittemäßigem bis schlechtem Stil stark zurückgegangen ist (ich denke da, z. B. an Bücher von Dan Brown, James Rollins, Matthew Reilly oder Steve Berry), da ich Angst habe, das könnte meinen eigenen Stil negativ beeinflussen (ganz weg lasse ich sie aber nicht). Inspiration suche ich mir lieber bei herausragender Literatur.

Bei einer exotischen Abenteuergeschichte sehe ich über schlechten oder generischen Stil gerne mal hinweg, was aber auch seine Grenzen hat. Die hier abgebildeten Autoren wissen, wie man eine spannende Geschichte inszeniert.

Bei einer exotischen Abenteuergeschichte sehe ich über schlechten oder generischen Stil gerne mal hinweg, was aber auch seine Grenzen hat. Die hier abgebildeten Autoren wissen, wie man eine spannende Geschichte inszeniert.

Lesen ist für mich mehr als nur ein Hobby. Das ist eine Leidenschaft, die mich von meiner Kindheit an geprägt hat, und die bis heute mein Leben bestimmt. Immerhin verdiene ich inzwischen meinen Lebensunterhalt damit, Bücher zu lesen (und dann zu übersetzen).

Beim Lesen bin ich aber auch immer wieder auf der Suche nach diesem Gefühl von damals, als ich noch nicht viele Bücher gelesen habe und die Lektüre für mich ein unglaubliches Erlebnis war. Diesen Sense of Wonder, der sich heute, nach vielen Tausend Büchern, nur noch schwer einstellen will. Diese Erfahrung, ganz in einem Buch zu versinken, es in einem Stück zu verschlingen, den ganzen Tag oder das ganze Wochenende nur darin zu lesen, und ganz in dem Abenteuer aufzugehen.

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Dabei bin ich übrigens in keiner Weise bibliophil veranlagt. Mir kommt es vor allem auf den Inhalt an, nicht so sehr auf die Verpackung. Gegen ein schön gestaltetes Buch habe ich natürlich nichts einzuwenden, und das ein oder andere hat sich auch in meine Regale verirrt, aber ich lese auch gerne E-Books (nicht nur aus Platzgründen).

Tja, also all das, was ich hier geschrieben habe, wäre ein Erklärungsansatz für die Frage: Warum ich gerne Bücher lese? Der andere wäre: Einfach, weil es mir Spaß macht. 🙂

Und wie sieht es bei euch aus? Warum lest ihr gerne Bücher?

Wie ich Bücher bespreche

Nach meinem Beitrag zu Rückkehr nach Reims kam mir die Idee, darüber nachzudenken, wie ich Bücher eigentlich bespreche? Nach welchen Kriterien richte ich mich? Welchen Zweck soll die Rezension erfüllen?

Nichts langweilt mich mehr, als eine Buchbesprechung, in der über eine halbe Seite fast das ganze Buch nacherzählt wird, mit nur einem kurzen Fazit und nur einer kurzen persönlichen Meinung zum Buch. Auch die Standardbesprechungen nach Schema F (kurze Inhaltsangabe, etwas auf die Figuren und das Setting eingehen, das Cover, eigene Meinung und dann das Fazit) öden mich an. Die habe ich früher selbst geschrieben, als ich noch regelmäßig Rezensionsexemplare besprach, und mir zu manchen Büchern nix Gescheites einfiel, ich sie aber besprechen musste. Mach ich heute nach Möglichkeit nicht mehr (was mir aber auch nicht immer gelingt).

Damals sah ich Rezensionen vor allem als Hilfe bei Kauf- und Leseentscheidungen; ich wollte Lesern helfen, die überlegen, ob sie das Buch kaufen sollen oder nicht, und bei der Internetrecherche auf meine Besprechung gestoßen sind. Darauf habe ich inzwischen aber auch keine Lust mehr.

Heute versuche ich zwei Arten von Besprechungen zu schreiben (die erste ist mir die liebste, wenn mir dafür aber nichts einfällt, schreibe ich die zweite.

  1. Am liebsten sind mir Rezensionen, die selbst unterhaltsam, kreativ und ungewöhnlich geschrieben sind, die den Leser von Anfang bis Ende fesseln (und nicht nur, bis er die Sternebewertung entdeckt).
  2. Wenn mir nix Kreatives einfällt, schreibe ich einfach, was mir zu dem Buch einfällt, ganz frei von Kriterien und Struktur. Ich möchte einfach versuchen, den Eindruck zu vermitteln, den das Buch bei mir hinterlassen hat, ohne jetzt alle Aspekte abzudecken – einfach nur meine subjektiven Endrücke, frei von der Leber, was bei mir hängen geblieben ist.

Und wenn mir die Zeit fehlt, dann fasse ich schon mal mehrere Bücher in einen Eintrag zusammen und widme jedem Titel nur ein paar wenige Sätze (oder gar nur einen Satz).

Inzwischen nenne ich auch immer die ÜbersetzerInnen direkt neben den AutorInnen. Als im letzten Jahr der Man Booker Preis an die koreanische Autorin Han Kang für The Vegetarian verliehen wurde, teilte sie sich den Preis (und das Preisgeld) mit ihrer englischen Übersetzerin, denn ohne Deborah Smith hätte sie diesen Preis nicht erhalten. Ich finde es schade, wenn die ÜbersetzerInnen bei Buchbesprechungen oder literarischen Quartetts so ganz unter den Tisch fallen, und es immer heißt, der Autor nutze eine so tolle Sprache, er hätte einen fantastischen Stil. Doch der muss auch erst mal ins Deutsche übertragen werden, und das ist gar nicht so einfach.

Viele Übersetzer bleiben lieber im Hintergrund, sind zufrieden, wenn man beim Lesen nicht merkt, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Im Prinzip wäre mir diese bescheidene Einstellung sympathisch, wenn ich nicht überzeugt davon wäre, dass sie mit dazu beiträgt, dass die Übersetzerhonorare seit über 10 Jahren konstant (zu) niedrig bleiben (siehe auch Zahl der Literaturübersetzer konstant, Einkommenssituation bleibt schlecht).

Ob ein Text wirklich gut übersetzt wurde, kann man ohne Vergleich mit dem Original (und gewisse Fachkenntnisse) meist nicht feststellen, aber ob sich der Text gut liest, ob einem der Stil gefallen hat, durchaus. Und wenn man das in der Besprechung erwähnt, kann man doch auch den Namen der Übersetzerin erwähnen. Stephen King schreibt seine Bücher nicht auf deutsch. 😉

Im Laufe der letzten Jahre sind mir solche Besprechungen nicht immer gelungen (eher viel zu selten), weil ich den Anspruch hatte, jedes Buch zu besprechen, dass ich lese. Bei 50 bis 70 Bücher im Jahr wird es dann schwierig, diesen Anspruch zu halten. Weshalb ich im letzten Jahr damit aufgehört habe, über jedes von mir gelesene Buch zu berichten.

Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich in der Regel vorzeitig ab. Warum meine Zeit mit etwas verschwenden, das mir nicht gefällt? Dabei müssen die Bücher gar nicht mal schlecht geschrieben sein, es reicht schon, wenn sie meinen Geschmack nicht treffen oder ich gerade nicht in der richtigen Stimmung bin (wobei letztere Lektüre eher unterbrochen statt abgebrochen wird). Diese Bücher bespreche ich nicht, weshalb es bei mir auf dem Blog fast nur positive Besprechungen gibt. Hin und wieder aber auch welche von Bücher, die ich mittelmäßig fand, aber nicht so schlecht, dass ich sie abbreche. Manchmal bin ich einfach neugierig, was der Autor noch daraus macht, wie es weitergeht bzw. wie es endet.

Hier ein paar Beispiele dafür, was ich mir unter einer kreativen Besprechung vorstelle:

Blindflug von Peter Watts

Der Nomadengott von Gerd Scherm

Die Stadt der Regenfresser von Thomas Thiemeyer

Der Palast des Poseidon von Thomas Thiemeyer

Licht und Schatten – Quartett vs. Quarktett

Gestern habe ich mir das Lesenswert Quartett und das Literarische Quartett angesehen. Zwei Sendungen, in den jeweils vier Menschen über Bücher diskutieren. Die eine total verkrampft und verfahren, ohne wirklichen Erkenntnisgewinn und einem Autor als Gast, der eine völlige Fehlbesetzung war; die andere das gewohnt unterhaltsame und Lust auf Bücher machende Lesenswert Quartett mit Felicitas von Lovenberg, Denis Scheck, Ijoma Mangold und Insa Wilke als Gast. Hier erlebt man ein eingespieltes Team von Büchernarren, die sich gegenseitig schätzen und respektieren, auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind.

Im Literarischen Quartett muss man drei Menschen zusehen, die sich anscheinend nicht leiden können, keinerlei Respekt vor der Meinung des anderen haben und nicht in der Lage sind, mal eine angeregte und anregende Diskussion über das zu führen, was angeblich ihre Leidenschaft ist. Weidermann wirkt noch immer so nervös wie in der ersten Sendung und ist dem durchaus unterhaltsamen Ekel Maxim Biller zu keiner Zeit rhetorisch gewachsen. Westermanns Beiträge bestehen meist darin, das Gesicht bei Billers Spitzen angewidert zu verziehen. Der tritt stets unglaublich arrogant auf, ist aber auch der einzige unterhaltsame Diskutant in der Sendung, dem es gelingt, seine Begeisterung für ein Buch auch verbal zu formulieren und auf mich als Zuschauer zu übertragen. Der bräuchte jemanden wie Scheck als schlagfertigen Gegenpol.

Was auch auffällt, im Literarische Quartett sprechen sie oft von brillanter Sprache, erwähnen aber, anders als das Lesenswert Quartett, fast nie die ÜbersetzerInnen. Hat Glavnici den Burnside, dessen großartige Sprache er so lobt, jetzt im Original gelesen oder in der Übersetzung von Bernard Robben?

Das Literarische Quartett anzusehen,  ist wie eine Deutschstunde, in der man eine Dreiviertelstunde lang das Referat eines unvorbereiten Schülers ertragen muss, über ein Buch , das er nie gelesen hat, und nur aus einem dürftigen Wikipediaeintrag oder (wenn man Glück hat!) aus der Verfilmung kennt.

Bücher, an denen mein Interesse geweckt wurde:

Ismail Kadare – Die Dämmerung der Steppengötter
John Burnside – Wie alle anderen
Colm Tóibín – Nora Webster

Und Meine geniale Freundin lese ich gerade.

P.S. Marc Reichwein (von Welt.de) hat beim Ansehen des Literarischen Quartetts offenbar ähnlich empfunden: „Eine Katastrophe, dass wir hier reden müssen.“