Verlag das Beben – Gründungsparty + Lesungen (ein Bericht)

Die Berliner Szene der Phantastikautoren/Lektoren/Übersetzer/Buchhändler/Fans ist gut vernetzt. Man kennt sich, man trifft sich, man liest sich und man arbeitet zusammen. Einige aus dieser Szene haben sich jetzt zusammengetan und den Verlag Das Beben gegründet. Jakob Schmidt (Übersetzer/Otherlandianer), Simon Weinert (Übersetzer/Otherlandianer), Karla Schmidt (Autorin), Markolf Hoffmann (Autor) und Jasper Nicoleisen haben gemeinsam einen E-Book-Verlag gegründet, der sich auf abgründige, kreative, anspruchsvolle Novellen konzentriert.

Am 1. September wurde diese Verlagsgründung im Laidak gefeiert. Neben einem veganen Büffet gab es auch ein literarisches Menü in Form von drei Lesungen. Da ich Jakob durch den SF-Treff, das Otherland und andere Gelegenheiten kenne, habe ich einen meiner letzten Tage in Berlin dazu genutzt, eines der vielen tollen kulturellen Angebote der Stadt zu nutzen. Bei meiner Ankunft in der Kneipe Laidak, wo mich Kollege Frank Böhmert mit einem Buchgeschenk standesgemäß begrüßte, musste ich zu meinem Entsetzen festestellen, dass sich dieses Etablissement in Neukölln befand. NEUKÖLLN!!!! Alter!!!!! Den Killling Fields von Berlin. Da bin ich dem Tod nochmal knapp von der Schippe gesprungen.

Das Lokal war gut gefüllt, und unter die Gäste hatten sich auch einige Berliner AutorInnen wie Tobias Meißner, Siegfried Langer und Jenny Mai Nuyen gemischt. Man kennt sich halt in Berlin. Der Abend wurde vom Journalisten Sebastian Feldmeier locker flockig moderiert. Zunächst wurden die Fünf Vorstandsvorsitzenden des neuen Verlagsimperiums vorgestellt bzw. mussten Rechenschaft vor dem Aufsichtsrat (also den potenziellen Lesern) ablegen. Über die Unternehmensphilosophie (Geld verdienen?) war man sich noch uneins, nicht aber, bei der Meinung über die bisherigen Novellen. Denn veröffentlicht wird nur, was allen Fünfen gefällt. Es gibt also wie im UN-Sicherheitsrat ein Vetorecht.
Die elektronischen Bücher kann man direkt auf der Homepage des Verlags kaufen, in allen gängigen E-Book-Formaten zahlbar per Paypal oder Kreditkarte. Man kann sie aber auch per Downloadcodekarte kaufen (ich vermute mal im Otherland oder bei solchen Lesungen).

Aber warum nur als E-Book (wo zwei der Vorstände doch ihr Brot teilweise als Buchhändler verdienen) und warum ausgerechnet und ausschließlich Novellen?

E-Books haben keine Lagerkosten, sind günstiger zu produzieren und man kann die Autoren besser an den Einnahmen (in diesem Fall 50% des Verkaufspreises) beteiligen.

Die Novellenform ist praktisch das Alleinstellungsmerkmal des Verlags. Dicke Schinken verkauft jeder andere Verlag, aber die Kurzform der Novelle mit 70-150 Seiten geht dabei leicht unter bzw. hat nur minimale Veröffentlichungschancen. Dabei ist diese Form Ideal um eine Geschichte, die für eine Kurzgeschichte zu lang ist, schön prägnant, ganz ohne unnötige Auswalzungen, auf den Punkt zu schreiben.

Nach Präsentation dieser Formalitäten ging es dann sofort mit den Lesungen los:
Eva Strasser las sehr unterhaltsame und witzige Passagen aus „Mary“ vor. Eine Novelle, in der es um Mary, Isa und David (Isas Freund) geht. Isa ist vom Lande nach Berlin gezogen, um als Künstlerin ihre Kreativität zu entfalten. Mary sucht den Kontakt zu Isa, mit der sie in der Schule befreundet war. Wovon Isa aber nichts weiß. Was David wiederum lustig findet, und Mary in ihr Leben hereinlässt. Daraus soll sich dann eine unheilvolle Geschichte mit bösem Ausgang entwickeln.
Der vorgelesene Auszug (aus den drei Ich-Perspektiven der Protagonisten) hatte eine tolle Dynamik, war sehr witzig und enthielt kluge Beobachtungen über das Leben junger Berliner. Mich hat er so begeistert, dass ich mir diese Novelle auf jeden Fall kaufen werde.

Mary-Farbe
Nach einer Pause ging es mit „krankem Scheiß“ weiter. Georg Kammerer (seines Zeichen „Großer Vorsitzender des Neuköllner Ortsverbandes der Partei DIE PARTEI“.) freute sich darüber, dass er wieder im Laidak lesen konnte, wo man ihm zuvor nach zwei Auftritten als Stand-Up Comedian Hausverbot erteilt hatte. Er würdigte diese Geste, indem er die Betreiber des Laidaks in seiner Novelle als „PC-Faschisten bezeichnet“ was während der Lesung im Laidak für einen guten Lacher sorgte. Seine Novelle „Alles Kaputtschlagen“ ist eine ziemlich abgedrehte, zynische Geschichte, in der es um Entschen-und-Bärchen-Sex, atheistische Selbstmordattentäter, Ctulhu, Nazigruppenvergewaltigungen und Zombies geht.
Die Lesung war sehr witzig, ich bin mir aber nicht sicher, ob was ich davon halten soll. Werde mir dieses Buch wohl eher nicht zulegen.

Alles_kaputtschlagen-Farbe

Zum Abschluss las noch der Schauspieler Frank Dukowski aus seiner Novelle „Vor dem Pilzgericht“ die irgendwas mit dem menschlichen Blitzableiter Roy C. Sullivan zu tun haben soll, dessen Hauptfigur aber ein Pilzsammler ist, der im Wald ständig Mädchenleichen findet und so selbst ins Visier der Ermittler gerät.
Hier ist der Ton sehr viel ernster als bei den beiden vorigen Lesungen. Lacher gab es keine, dafür eine bedrückend dichte Atmosphäre, die in präziser Spache geschildert wird. Nicht ganz mein Fall, aber doch beeindruckend.

Vor_dem_Pilzgericht-Farbe

Für mich war die Party nach der letzten Lesung vorbei und ich kämpfte mich durchs buschkowskikose Ghetto zurück zur U-Bahn und in die Zivilisation, fort von Psychotanten, Zombies und Pilzsammlern.

Ein gelungener Abend und ein toller Start für einen Verlag, dem ich für die Zukunft alles Gute wünsche.

P.S. Fotos habe ich leider keine, da ich – wie immer – meinen Fotoapparat vergessen habe (und ein Handy trage ich in der Regel nicht bei mir).

P.P.S. die tolle Cover stammen von Lisa Naujack

9 Gedanken zu “Verlag das Beben – Gründungsparty + Lesungen (ein Bericht)

  1. Ja, die Cover sind klasse! Und ich habe mir den wuchtigen Pilzgerichtsreporter zugelegt – werde berichten …

  2. Vielen Dank für die nette Würdigung. Eine kleine Richtigstellung ist mir allerdings wichtig: so gerne ich mich mit persönlichem „Hausverbot“ brüsten würde – das Laidak wollte lediglich unserer Comedyshow kein Forum mehr bieten, was mir Anlass genug für die genannten Spitzen war, aber letztlich eine voll und ganz legitime Entscheidung der Betreiber.

  3. Ja, das habe ich etwas übertrieben formuliert. Als Hausverbot ist es auch nicht rübergekommen. Die längere Erklärung mit der E-Mail war mir aber zu kompliziert, um sie zu formulieren.

  4. PC-Faschisten? Die Laidak-Betreiber? Das ist das erste wirklich Lustige, was ich von Herrn Kammerer gehört habe. Vielleicht wird aus ihm eines Tages doch noch ein Comedian.

    • Er hat es auch als PC ausgesprochen und nicht als PeeZee, weshalb ich mich zunächst gefragte habe, was denn Computerfachisten sind
      Ich fand seinen Auftritt aber insgesamt auch sehr lustig, und kannte ihn vorher auch gar nicht.

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