Buchempfehlung: Spin von Robert Charles Wilson

Keine Zeit zum bloggen, deshalb ne alte Rezi, die mal bei X-Zine.de erschienen ist:

Spin von Robert Charles Wilson

Robert Charles Wilson ist gut darin, Dinge verschwinden bzw. auftauchen zu lassen. In „Darwinia“ war es ganz Europa, das verschwand. In „Die Chronolithen“ tauchten riesige Monumente aus der Zukunft aus. In „Spin“, lässt er gar die Sterne verschwinden. Zumindest wirkt es so auf die ca. zwölfjährigen Freunde Tyler, Jason und Diane. Sie sitzen im Garten beobachten mit einem Teleskop den Himmel, und plötzlich sind die Sternen weg.
Das alles und das Leben der Drei erzählt Tyler aus seiner Perspektive im Jahr 4 x 10 hoch 9. Was den Leser erst einmal verwundern mag, scheinen die Kinder doch in unserer Gegenwart aufzuwachsen. Aber da es sich ja um einen Science Fiction Roman handelt ist es auch nicht so ungewöhnlich, und wird im Laufe der Geschichte aufgeklärt. Denn es sind nicht die Sterne, die verschwinden, sondern nur die Aussicht auf sie. Die Erde ist plötzlich von einem Energieschirm umgeben, der sie vom restlichen Universum abschirmt. Diese Tatsache sorgt natürlich für Beunruhigung unter den Menschen. Einige verfallen neuen Glaubensrichtungen und warten teilweise auf das Ende der Welt. Andere wollen das Phänomen wissenschaftlich untersuchen. Zu ihnen gehört auch Jason, Dianes Bruder und Tylers hochbegabter Freund, der eine Karriere als Wissenschaftler einschlägt und zusammen mit seinem Vater ein Unternehmen zur Erforschung des Spins leitet. Währenddessen wendet sich Diane immer mehr der Religion zu und entfernt sich immer weiter von ihren Freunden und ihrer Familie. Tyler wird Arzt, hält immer losen Kontakt zu Jason und landet am Ende auch in dessen Firma. Doch was ist der Spin, welche Auswirkungen hat er, welche Gefahren birgt er und vor allem wer hat in geschaffen?

Im Prinzip erzählt Wilson die Lebensgeschichte von Tyler, die eng mit Diane und Jason, und somit auch eng mit dem Spin verbunden ist. Das plötzliche Auftauchen eines solchen Phänomens lässt sich am besten mit Kinderaugen schildern. Kindliche Neugier, noch frei von Ängsten und religiösen Schlussfolgerungen.
Es ist die große Stärke des Romans, dass sich Wilson in erster Linie auf die Figuren konzentriert, dann erst auf das Phänomen und seine gesellschaftlichen Auswirkungen. Damit hebt er sich von den vielen Hard-SF Romane ab, die sich nur auf das wissenschaftliche konzentrieren. Er bindet den Leser mit in die Geschichte ein, und lässt in mit den Figuren Freud und Leid teilen. Er schafft sympathische Identifikationsfiguren, und erzählt eine packende Geschichte ohne dabei die Idee aus den Augen zu lassen.
Wilson lässt sich immer was Gutes als Aufmacher einfallen, und macht dann daraus eine spannende Geschichte mit guten Charakteren.

Die Geschichte zeigt auch, wie ein einzelnes Ereignis die ganze Menschheit aus der Bahn werfen kann. Apokalyptiker und andere religiöse „Gurus“ bekommen Hochkonjunktur. Die Zivilisation steht am Rande der Anarchie. Die Menschen leben als würde es kein Morgen geben. Das wird es vielleicht auch nicht. Aber ein paar wenige bleiben mit beiden Füßen in der Realität verankert. Unter ihnen Jason und Tyler, sie versuchen das Beste aus der Situation zu machen.
Das ganze Szenario zeigt wie sehr sich Menschen vor Veränderung fürchten, und in ihrer Furcht selber zu dem von ihnen befürchteten Untergang der Zivilisation beitragen.

In „Spin“ gibt es keine Raumschlachten, keine Kriege und sowieso wenig Action. Obwohl ein spektakuläres Ereignis eintritt, ist „Spin“ eher ein ruhiger Roman, der an den sogenannten „Sense of Wonder“ aus älteren Science Fiction Büchern erinnert. Für mich bisher der beste SF-Roman des Jahres.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s