Meine Gedanken zur Fußball-WM 2014 in Brasilien

Als Erstes werde ich mein Verhältnis zum Fußball erklären, dann mein Verhältnis zu Brasilien und im letzten Teil dann schreiben, was ich von der WM und ihren Begleitumständen halte.

Der Fußball und ich

Fußball spiele ich schon mein ganzes Leben. Angefangen habe ich in der E-Jugend und habe mit größeren und kleineren Unterbrechungen bis vor ein paar aktiv im Verein gespielt. Hätte ich keine Knieprobleme, ich würde auch noch weiter spielen. Als Kind war ich Riesenfan von Bayern München (soviel zum Thema: Wir waren als Kinder schon scheiße), mit Fahnen, Trikots, Handtüchern und Wimpeln. Bin mit meinem Vater und anderen gelegentlich zu Spielen gefahren, und habe natürlich vor allem die Klebebildchen von Panini gesammelt. Sowohl von der Bundesliga als auch den Weltmeisterschaften. Wenn WM war, sind wir Hilgerter Rotzlöffel immer mit einem dicken Stapel doppelter Bilder, die von einem Gummi zusammengehalten wurden, in der Tasche rumgelaufen, und haben zu jeder Gelegenheit die Stapel der anderen mit gierigen Blicken durchforstet, in der Hoffnung eines der wenigen fehlenden und seltenen silbernen Bilder mit der Nationalflagge zu ergattern.

1998, nach der WM in Frankreich hab ich das Interesse an professionellem, kommerziellem Fußball schlagartig komplett verloren. Es war wie eine Erleuchtung, die mich traf, dass mich dieser Schwachsinn, der den Fan-Deppen nur das letzte Geld aus der Tasche ziehen soll, eigentlich gar nicht interessiert. Danach habe ich nur noch in meinem Team in der Kreisklasse gekickt und überhaupt nicht mehr Fußball im TV gesehen.

Irgendwann kam zumindest das Interesse an Weltmeisterschaften wieder zurück. Es hat doch seinen Reiz mit den verschiedenen Mannschaften im Turnier mitzufiebern. Das sind schon besondere vier Wochen im Sommer (zumindest in unserer nördlichen Hemisphäre). Wobei ich in den letzten Jahren immer mehr die Berichterstattung über die Fifa verfolge, bzgl. Korruption, Knebelverträge, Gigantismus usw., was mir den Spaß an diesem Turnier auch wieder halbwegs verdirbt (aber dazu später mehr).

Brasilien und ich

Wer diesem Blog schon etwas länger folgt, könnte mitbekommen haben, dass ich eine gewisse Vorliebe für das Land Brasilien hege. 2006 bin ich während meines Sozialpädagogikstudiums für neun Wochen dorthin geflogen, um in der Millionenstadt Campinas (wo die Portugiesen ihr WM-Lager haben) nahe São Paulo ein Praktikum zu absolvieren. Es wurde ein Fotoprojekt mit Jugendlichen in einer Favela. Genaueres kann man hier nachlesen: “Vom Wesen der einfachen Dinge“ Das Leben in der brasilianischen Favela Parque Oziel/Campinas aus der Perspektive von Kindern

Es war mit die schönste und aufregendste Zeit meines bisherigen Lebens. Wir (Leah, Thomas und ich) sind dort superfreundlich in Gastfamilien aufgenommen worden, haben viele Freunde gefunden und viel über das Land und seine Probleme gelernt. Betreut wurden wie von der ehemaligen Bildungsministerin von Campinas und ihrem Mann (einem bekannten Sprachwissenschaftler), die in einer Penthouse-Wohnung leben, die die gesamte Etage des Hochhauses einnimmt. In den drei Nächten, die ich dort verbracht habe, konnte ich nachts vom Fenster aus den Drogenhändlern bei ihrer Arbeit im Park vor der Haustür zusehen. Einen Großteil der Zeit habe ich in einer Gastfamilie aus der unteren Mittelschicht gelebt, die zwar ein eigenes Haus hatten, aber bei ihren Ausgaben immer genau nachrechnen mussten, ob sie es sich auch leisten können. Zwei Wochen haben wir auch in São Paulo bei unserem Freund Badah gewohnt, einem junge Brasilianer mit einer gewaltigen Comicsammlung, die viel zu groß für die sehr beengte Wohnung war. Und wir sind natürlich mit unserem Projekt in der Favela gewesen, haben dort gearbeitet, Fußball und Ping Pong gespielt, viel gelacht und auch bei den Leuten zu Hause gegessen. Wir haben also aus erster Hand mitbekommen, in welch ärmlichen Verhältnissen diese gastfreundlichen Menschen leben.

Hier ein paar Bilder:

Und hier ein Bild des Fußballplatzes auf dem wir trotz seiner Unebenheiten und der Abwässer, die sich in der hinteren Ecke in einem sumpfigen Bereich sammelten, jede Menge Spaß hatten.

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Leider habe ich es seit 2006 nicht mehr nach Brasilien geschafft, habe aber dank Facebook immer noch Kontakt zu meinen Freunden von damals und von mehreren auch schon Besuch hier in Deutschland erhalten.

Die WM der Fifa, die Proteste des Volkes und die Probleme des Landes

In den zahlreichen Berichten über die Proteste in Brasilien heißt es immer, das sei die neu erwachte Mittelschicht, die dank des durch Lula ermöglichten Wohlstands (also einem Leben über der Armutsgrenze) nun plötzlich die Ungerechtigkeiten im Land entdecken würden und es sich auch leisten könnte, demonstrieren zu gehen.

Blödsinn. Auch die Menschen in den Favelas, die in Armut oder ärmlichen Verhältnissen leben sind sich dieser Ungerechtigkeiten bewusst und bereit etwas dagegen zu unternehmen. Die Favela Parque Oziel, in der ich 2006 mein Projekt durchgeführt habe, ist eine sogenannte ocupação, also okkupiertes Land; brachliegendes Land, das sieben Großgrundbesitzern gehörte, und von den Bewohnern besetzt wurde. Aus der Not heraus sind sie aktiv geworden – viele von ihnen auch aktiv in der Landlosenbewegung – und haben etwas gegen ihre Obdachlosigkeit getan. Häuser errichtet, eine Kirche, ein Jugendzentrum, für eine Schule gekämpft, für Stromversorgung und auch für Wasser.

 

Eines Morgens, als wir wieder für unser Projekt in die Favela kamen, gab es eine Gemeindeversammlung, weil kein Wasser aus den Leitungen kam. Man entschied sich spontan für einen Protestzug durch die Gemeinde, bis zu angrenzenden Autobahn – die als Hauptstrecke von Campinas nach São Paulo die wichtigste Verkehrsader der Region ist – um der Stadtverwaltung zu drohen, diese dichtzumachen, wenn nicht innerhalb von zwei Stunden etwas bezüglich der Wasserversorgung geschehe. Kurz darauf kamen die ersten Laster mit Frischwasser.

Das ist natürlich nur ein lokal begrenzter Protest gewesen. Verändert hat sich inzwischen wohl die Intensität der Proteste sowie die Teilnehmerzahl. Ob das ein neu erweckter Gemeinschaftssinn in der brasilianischen Gesellschaft ist, vermag ich aus der Distanz nicht zu beurteilen. Gut möglich.

Die Brasilianer protestieren nicht gegen die Fußball-WM bzw. den Fußball, sondern gegen die massive Geldverschwendung (10 Milliarden Dollar) für gigantische Stadien, die nach den paar Spielen kein Mensch mehr braucht; gegen Korruption, gegen die sozialen Ungerechtigkeiten, die hohen Buspreise, die marode Gesundheitsversorgung und schlechte Ausstattung in den Schulen. Alles Sachen, für die man 10 Milliarden Dollar gut gebrauchen könnte. Aus dem versprochenen Ausbau der Infrastruktur zur WM ist nichts geworden. Die lokale Wirtschaft wird auch nicht angekurbelt. Stattdessen werden die kleinen Straßenhändler aus den Zonen um die WM-Stadien von den Fifa-Nazis vertrieben, die sicherstellen wollen, dass nur die ausländischen Sponsoren von der WM-Sause profitieren. Die Fifa selbst erwartet einen Gewinn von 3 bis 4 Milliarden Dollar, aus den 10 Milliarden, die von den brasilianischen Steuerzahlern investiert wurden.

Wohnhäuser, Gemeindezentren und Schulen wurden abgerissen, damit die von der Fifa geforderten Parkplätze um die Stadien gebaut werden konnten. Das Herz des brasilianischen Fußballs, das Maracana-Stadion (in Rio), das ein einzigartiges Bauwerk war, hat man zu einem austauschbaren, seelenlosen Fifa-Tempel umgebaut. Hier konnten sich früher selbst die ärmsten Brasilianerinnen für wenige Centavos eine Eintrittskarte leisten. Das war wirklich ein Stadion des Volkes. Jetzt gibt es nur noch VIP-Logen und teure Sitzplätze, die sich die Mehrheit der Brasilianer nicht leisten können (geschweige denn das Busticket zum Stadion).

Dass die Fifa durch und durch korrupt ist, und sich alle vier Jahre auf Kosten der Gastgeberländer bereichert steht außer Frage. Der eigentliche Skandal ist, dass die Politik der einzelnen Länder diese Ausbeutung auch noch mitmacht und praktisch das eigene Volk an geldgierige Funktionäre und multinationale Konzerne verkauft. Wie können die Brasilianer noch fröhlich die WM feiern, wenn sie wissen, dass ihnen dafür ein Vermögen aus der Tasche gezogen wurde, mit dem man viele gravierende Probleme hätte beheben können?

Ich finde es gut, dass in den deutschen Medien so ausführlich über diese Problematiken und deren Hintergründe berichtet wird. Gerade auch in ARD und ZDF, die ja die WM-Spiel übertragen werden. Auch über den DFB wird kritisch berichtet, dem die ganzen Hotels in Brasilien nicht fein genug waren, und der sich ganz in kolonialistischer Tradition gleich ein eigenes Hotel mit Fußballplatz mitten in ein Naturschutzgebiet gebaut hat. Ich weiß aber auch, dass das alles vergessen sein wird, sobald das erste Spiel angepfiffen wird. Dann wird die WM auch bei den zuvor kritischsten Berichterstattern zu dem kommerziellen Wohlfühl-Entertainmentevent, das es ist. Dann werden die Kameras nur noch auf den schönen Schein draufhalten.
Wie einfach es ist, die grausame Realität durch das Opium fürs Volk Fußball zu vernebeln, zeigte letzte Woche die eindrucksvolle und bedrückende Dokumentation Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth Käsemann (hier geht es zur Doku). Die junge deutsche Frau wurde 1977 von argentinischen Militärjunta entführt und gefoltert, während die deutsche Regierung und der DFB der Diktatur mit einem Freundschaftsspiel in den Arsch krochen und nichts für ihre Freilassung taten, obwohl sie wussten, dass sie einem Folterzentrum gefangen gehalten wurde. Am 24. Mai wurde Elisabeth Käsemann von einem Erschießungskommando hingerichtet. Deutschland gewann am 5. Juli 3:1 gegen Argentinien.

Werde ich die WM boykottieren? Nein, was würde das bringen? Da ich kein Quotenmessgerät im Wohnzimmer stehen habe, bekommt kein Schwein mit, ob ich mir die Spiele hier anschaue oder nicht. Da mache ich lieber etwas, dass auch andere erreichen kann. Wie z. B. diesen Blogeintrag schreiben.