Das grausame Spiel der Herbstes (Kurzgeschichte)

Am Montag in einer Woche ist Halloween. In der Zeit davor lese ich immer besonders gerne Horrorgeschichten. In diesem Jahr stelle ich zur Abwechslung mal eine kleine Halloween-Kurzgeschichte von mir hier auf den Blog. Das ist meine erste Kurzgeschichte, die ich vor vielen Jahren mal verfasst habe, und die seitdem im Giftschrank schlummert. Man sollte also nicht zu viel erwarten. Ich hatte sie damals als poetisch angehauchte Hommage an Ray Bradbury, Halloween und den Herbst allgemein gedacht. Ob mir das gelungen ist …?

Wie immer für Geschichten auf meinem Blog gilt: Sie ist nicht lektoriert. Es sind acht Normseiten, hier geht es zur PDF-Version (da sind die Absätze besser formatiert). Viel Spaß!

Das grausame Spiel des Herbstes

Die bunten Herbstblätter führten einen wilden Tanz auf, wirbelten um ihn herum, fuhren durch sein Haar und schienen ihm ins Ohr zu flüstern: »Schneller Tom, schneller. Geschwind wie der Wind.«
Und Tom gehorchte. Er trat in die Pedale, als sei der Teufel hinter ihm her. Wie eine Rakete raste er durch die bunte Allee, deren mächtige Bäume als stumme Wächter Geleit standen. Die alten knarzigen Gesichter, von der Zeit in sie hineingebrannt, konnte Tom nicht sehen. Er hatte einen Punkt erreicht, an dem seine Umgebung zu einem rasch zerlaufenden Gemälde verschwamm, dessen Farben mehr und mehr in Bewegung gerieten, je schneller er fuhr.
Wäre er langsamer gewesen, hätte er vielleicht gesehen, wie die alten Wächter mit ihrer harten Rinde missbilligend die gemeißelten Gesichter verzogen, düpiert von der Geschwindigkeit, die er ihnen entgegenwarf. Diese alten hartherzigen Wurzelmeister hassten die Geschwindigkeit, hassten die Bewegung, hassten alles, das schneller war als wachsendes Gras.
Es kam vor, dass die Jüngeren unter ihnen, die Dienste des Windes in Anspruch nahmen, in unheiliger Verbindung mit ihm, einen Ast auf die Straße schnellen ließen, der genau zwischen die Speichen eines vorwitzigen Radfahrers passte; diesen zu Fall brachte und für ein klagendes Gejammer in Rot sorgten.
Doch selbst für die Jüngsten unter den Rindenträgern war Tom zu schnell. Flink jagte er an ihnen vorbei, wie ein Eichhörnchen, das die letzte Nuss des Jahres entdeckt hatte.
»Noch schneller Tom«, riefen die Blätter in ihrer Euphorie. In diesem kurzen Moment, in dem sie von der Herrschaft ihrer hölzernen Meister befreit waren, genossen sie ihr Leben in vollen Zügen. Sie ließen sich vom Wind treiben, schlugen Purzelbäume, schwebten elegant durch die frische Herbstluft, bevor sie endgültig zu Boden fielen, sich dort zum Winterschlaf niederlegten und in ihrem Zerfall wieder zu den Wurzeln ihrer Meister zurückkehrten.
Tom lies sich von der Euphorie anstecken, fühlte sich leicht wie ein Blatt und verlor beinahe den Kontakt zur Erde. Er hatte das Gefühl jeden Moment abzuheben, um befreit von der Schwerkraft wie Ikarus der Sonne entgegen zu fliegen.
In anderen Spähren schwelgend sah er nicht das kleine schwarze Fellbündel, auf das er unaufhaltsam zuraste.
Mit einem verzweifelten Satz schaffte es Sir Francis, um Haaresbreite dem rotmetallenen Ungetüm zu entkommen. Der Kater machte einen Buckel, sträubte das Fell und fauchte in Toms Richtung. Der einäugige Pirat war ein reizbarer Geselle mit nachtragendem Gedächtnis, der den lieben langen Tag nichts anderes tat, als verstohlen durch die Stadt zu streifen, um mit seinen scharfen Krallen alte Rechnungen zu begleichen. Tom konnte sich auf einige schmerzhafte Kratzer gefasst machen.
Doch im Moment raste Tom unbekümmert weiter durch diesen magischen Tag. Die Dunkelheit erkämpfte sich langsam die Vorherrschaft, und lies die vielen ausgehöhlten Kürbisköpfe in ihrem irren Grinsen erleuchten. Halloween lag in der Luft, eine Armee von verrotteten Zombies, unheimlichen Geistern, hungrigen Vampiren, klotzköpfigen Trollen und vielen anderen Schrecken der Nacht bereitete sich auf die Schlacht vor.
Das alles kümmerte Tom nicht. Er machte sich nichts aus Süßigkeiten und dem anderen Zeugs, er wollte nur schneller werden. Er musste schneller werden. Heute würde er es schaffen. Er konnte es spüren, fühlte es in seinen Beinen, die sich wie unaufhaltsame Tretmaschinen in einem rasanten Rhythmus auf und ab bewegten.
Er jagte durch die altehrwürdigen Straßen von Lunaville, die sich auf diesen einen Tag mehr freuten, als auf alles andere. Mit seinen schmucken Giebelhäusern, den aus uraltem europäischen Stein erbauten gotischen Gebäuden, seinen verwinkelten Villen und schattigen Spukhäusern, wirkte die Stadt als sei sie nur für diesen einen Tag im Jahr erbaut worden. Reisende, die eine Nacht in der eigenwilligen Stadt in den Tiefen Neuenglands verbrachten, würden dem ohne zu murren zustimmen. Wer diese Nacht überlebte, konnte sich glücklich schätzen. Wenn der wahnsinnige Mond sein Licht über die Stadt warf, veränderte er die Bewohner, und das nicht zum Guten.
Das einzig Wahnsinnige an Tom war die Geschwindigkeit, mit der er die Bradburystreet hinunter heizte. Vorbei an dem riesigen Friedhof, den es stetig nach neuen Bewohnern dürstete. Wer in Lunaville geboren wurde, der wurde hier auch begraben. Meist früher als erwartet. Der Lost Souls Cemetary war eine Erfolgsgeschichte, die seit über dreihundert Jahren andauerte, und die erst enden würde, wenn er die gesamte Stadt aufgefressen hatte.
Als Tom den Friedhof, mit seinem gewaltigen schmiedeeisernen Tor voller tödlich scharfer Spitzen passierte, gab er nochmal extra Gas. Seit sein Großvater Abraham hier vor vier Jahren an einem stürmischen Herbstnachmittag beerdigt worden war, fürchtete er diesen Ort mehr als alles andere. Tom hatte damals etwas abseits der anderen Gäste gestanden, die eine schwarzgekleidete Masse bildeten, deren mickrige Regenschirme gegen den orkanartigen Sturm hilflos ankämpften. Es war der Wind, der Tom immer weiter nach hinten trieb, bis er über einen grauen Grabstein stolperte. Mit einem ekligen Platschen fiel er in den Matsch und starrte auf die Inschrift.

»Tom Frost
Geliebter Sohn
und leidenschaftlicher Radfahrer.
1955 – 1967«

Vor Entsetzen hätte er sich fast in die Hose gepinkelt. Im gleichen Moment sprang ihn ein schwarzes Monster an. Mit einem fiesen Fauchen landete es auf seinem Schoß. Jetzt pinkelte er sich tatsächlich in die Hose, sprang erschreckt auf und stieß den alten Kater von sich. Dann rannte er in panischer Angst zurück zu seinen Eltern.
Den Friedhof hatte er nie wieder betreten und stets einen großen Bogen darum gemacht. Doch er war so riesig, dass man an ihm einfach nicht vorbeikam. Er war das Herz der Stadt, die sich um ihn herum ausbreitete.
Deshalb trat Tom nun besonders schnell in die Pedale, als könne er seinem Schicksal dadurch entkommen. Seine Eltern hatten ihn nicht gefragt, warum er bei Großvaters Beerdigung so verschreckt war. Sie dachten, es wäre die Trauer, und Tom hatte nie mit jemandem über diesen Vorfall gesprochen.
In Lunaville sprach man nicht über den Tod, denn er war allgegenwärtig. Besucher beschrieben die Stimmung in der Stadt als morbide und verließen sie eilig mit bleichen Gesichtern und einem unguten Gefühl in der Magengegend.
Toms Magen war an die Geschwindigkeit gewöhnt. Er seufzte erleichtert auf, als er den Friedhof hinter sich gelassen hatte, obwohl er immer noch spürte, wie er nach ihm rief.
Direkt hinter dem Friedhof kam Tom in den ältesten Teil der Stadt. Die Häuser waren noch älter und boshafter, die Schatten bedrohlich düster, die Bäume strahlten puren Hass aus und die Bewohner bekam man bei Tageslicht nicht zu sehen.
Tom wusste, dass er durch diesen Teil fahren musste, wenn er es rechtzeitig schaffen wollte, aber am liebsten wäre er auf der Stelle umgekehrt. Da war ihm sogar der alte Friedhof mit seinen unruhigen Bewohnern lieber.
Die Sonne verschwand gerade am Horizont, die Straße wurde enger und die Häuser rückten zu bedrohlichen Schemen über ihm zusammen, als wollten sie sich jeden Moment auf ihn stürzen, um ihn mit ihren, von rostigen Nägeln gespickten, Holzzähnen zu zerfetzen.
Hier gab es keine erleuchteten Kürbisse und selbst die wagemutigsten kleinen Gespenster trauten sich nicht hierher. Hier gab es für alle nur Saures. Als hätte die Hölle vor langer Zeit einen Außenposten errichtet, der langsam zerfiel.
Nebel kroch herauf und schränkte Toms Sicht ein. Hunderte dünne, nasse Tentakel griffen nach ihm, tasteten sich an seiner Kleidung entlang und schlüpften durch die Ritzen, um auf seiner empfindlichen Haut einen eiskalten Schrecken zu verbreiten. Tom schüttelte sich, kam fast aus dem Tritt, konnte sich aber wieder fangen.
Hatte er vor kurzem noch geschwitzt, schien der salzige Schweiß nun zu gefrieren. So kalt durfte es hier eigentlich nicht sein, doch die Thermik in Lunaville hatte ihre eigenen Gesetze.
Was als gut gelauntes Radrennen durch die malerische Kulisse eines farbenfrohen Herbstes begann, hatte sich zu einer undurchsichtigen Hetzjagd durch eine Alptraumlandschaft entwickelt.
Der Nebel wurde immer dichter und wandelte sich von einem klaren Weiß in ein düster schimmerndes Grau. Die Häuser und Bäume verschwanden hinter dieser undurchdringlichen Mauer. Tom konnte nur noch die Straße direkt vor sich sehen. Er fuhr fast blind und seine Augen begannen, ihm Streiche zu spielen. Zumindest hoffte er das.
Er glaubte, im Nebel Gesichter zu erkennen. Hässlich verzerrte Fratzen, die wabernd auf ihn zuglitten; die Augen vor Schreck geweitet, den Mund zu einem ewig lautlosen Todesschrei aufgerissen – Gesichter des Todes.
Doch Tom ließ sich nicht beirren, er wurde noch schneller, schoss mit waghalsiger Geschwindigkeit in dieses graue Nichts hinein. Er kannte die Strecke; kannte sie so gut, dass er sie mit geschlossenen Augen fahren könnte.
Plötzlich klatschte ihm etwas hart ins Gesicht, holte ihn fast vom Rad. Er kam ins Schlingern, hielt aber das Gleichgewicht. Dann schon wieder – Klatsch. Er schmeckte Blut auf seiner Zunge. Spuckte ein Blatt aus. Die Bäume versuchten, ihn mit ihren Ästen zu erwischen. Er beugte den Oberkörper dicht über die Lenkstange und fuhr weiter. Nichts konnte ihn aufhalten. Er glaubte das Echo der wirbelnden Blätter zu hören: »Schneller Tom. Schneller.«
Die Gesichter verschwanden, aber kurz bevor er aus dem Nebel schoss, sah er ganz nahe ein einzelnes, boshaft starrendes Auge aufleuchten, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Darin hatte er den Tod erkennen können.
Tom spürte einen kleinen Schlag am Fahrrad. Ein Schlagloch vermutlich. Er schwankte kurz, behielt aber das Gleichgewicht.
Dann war der Nebel fort. Vor sich sah er die steil abfallende Mainstreet, die auch jetzt noch stark belebt war. Er hatte keine Zeit zu zögern, jetzt oder nie. Der letzte Teil des Weges war erreicht.
Wie wahnsinnig trat er in die Pedale, schrie dabei aus vollem Halse und raste der Kreuzung am Fuße der Straße entgegen. Der Fahrtwind zerrte an ihm, verschluckte seinen Schrei und brachte ihn ins Wanken. Aber Tom fuhr weiter. Er würde es schaffen. Dabei grinste er wild, als er sich auf den letzten Metern der belebten Kreuzung näherte.
Als er sie erreicht hatte, schloss er die Augen und ließ sich treiben.
Fast hätte er es geschafft. Er war so gut wie drüber, als er plötzlich einen starken Schmerz in der Schulter spürte. Etwas hatte ihn von hinten angesprungen, vom Gepäckträger aus; trieb scharfe Krallen in sein junges Fleisch. Ein bösartiges Fauchen ertönte direkt neben seinem Ohr. Er schüttelte sich, warf das schwarze Etwas von sich herunter.
Das alles dauerte nur wenige Sekunden, aber es brachte ihn von seinem angepeilten Kurs ab. Es war nur eine kleine Kurskorrektur, doch sie reichte, damit ihn der weiße Milchlaster von Ed Hayes am Hinterrad erwischte. Das Fahrrad wurde augenblicklich zur Seite weggerissen. Tom flog mit dem Kopf voran gegen den parkenden Buick von Pater William Butler. Mit einem hässlichen Klatschen, das der gerade aussteigende Geistliche den Rest seines Lebens nicht vergessen würde, prallte Toms Kopf auf den Kofferraumdeckel und zerbarst. Tom war sofort tot.
Er stand neben sich, sah seine Leiche und schluchzte. Leichtfüßig trippelte Sir Francis zu dem leblosen Körper, steckte die Zunge in die sich ausbreitende Blutlache, fuhr sich dann genüsslich über die Lippen und blickte mit einem boshaften Grinsen zu Toms Geist hinauf.
Tom bebte vor Zorn und Verzweiflung. Er hatte es schon wieder nicht geschafft. Genau wie in den letzten Jahren, hatte ihn dieser Tod auf vier Beinen an Halloween zur Strecke gebracht; hatte dafür gesorgt, dass sich dieses grausame Spiel auch im nächsten Jahr wiederholen würde.

Meine Lektüre Dezember 2015

Dezember
63. Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions
64. Molly Crabapple – Drawing Blood
65. Veit Etzold – Todesdeal
66. Donald Antrim – The Emerald Light in the Air
67. Peter Watts – Echopraxia
68. Jeffery Deaver – Die Giftmaler
69. Karin Slaughter – Cop Town

Kurt Vonnegut – Breakfast of Champions

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Virtuos erzählte skurrile Geschichte, deren Inhalt sich nur schwerlich in Worte fassen lässt. Wer aber schon immer mal wissen wollte, wie Kurt Vonneguts Arschloch aussieht, der sollte sich diesen Meilenstein der amerikanischen Erzählkunst (mit einem echten Kilgore Trout) nicht entgehen lassen.

Molly Crabapple – Drawing Blood

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Sehr interessant Autobiografie der New Yorker Künstlerin. Besprechung folgt noch.

Donald Antrim – The Emerald Light in the Air

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Meisterhafte Kurzgeschichten über mehr oder weniger instabile Menschen mit kompliziertem Beziehungsstatus.

Peter Watts – Echopraxia

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Visionärer und herausragender SF-Roman über die Evolution der Menschheit, den menschlichen Geist, das Wesen Gottes und die Zukunft. Ich empfehle, vorher Blindflug zu lesen, welches im gleichen Universum spielt. Es gibt auch leichte Bezüge zur Handlung.

Jeffery Deaver – Die Giftmaler

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Der neueste Fall des im Rollstuhl sitzenden genialen Ermittlers, um einen Verrückten (?), der seine Opfer tötet, indem er sie mit Gift tätowiert. Eigentlich wie immer clever konstruiert, aber trotzdem wusste ich nach 100 Seiten schon, wie der Schlusstwist aussehen wird. Keinen Scheiß, ich bin nachts um 4.00 Uhr aufgewacht und mein erster Gedanke war: Zombiedroge – Uhrmacher – aha. Gehört aufgrund des Miteinanders der vertrauten Figuren aber trotzdem zu einem der besten Bücher der Reihe und macht schon neugierig auf den nächsten Band. Allerdings spielt Kommissar Zufall einmal zu oft eine entscheidende Rolle.

Karin Slaughter – Cop Town

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Atmosphärisch dichte und hervorragende Milieustudie über zwei junge Frauen, die sich ihm Jahr 1974 bei der Polizei von Atlanta durchzuschlagen, die zu einem großen Teil aus korrupten, sexistischen, gewalttätigen und primitiven Affen zu bestehen scheint. Der Thrillerhandlung ist auch recht spannend, aber der Roman überzeugt vor allem mit den eindrücklichen Schilderungen des harten Polizeialltags.

Veit Etzold – Todesdeal

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»Brandheißes Thema! Für mich der Politthriller des Jahres.« wird Andreas Eschbach auf der Rückseite zitiert.
Ob es der deutschsprachige Politthriller des Jahres ist, kann ich nicht beurteilen, da ich sonst keine gelesen habe. International geht der Titel natürlich an Don Winslows Das Kartell. Mit dem kann Etzold leider nicht mithalten, auch nicht mit Ellroy oder Schätzing (Breaking News!), dafür gibt es zu viele Mängel. Dabei geht es noch recht spannend los, Etzold beherzigt den Rat von Andreas Eschbach, mit dem besten Kapitel anzufangen. Das geht allerdings nur über vier Seiten, danach folgen erst einmal hundert Seiten Infodump, der fast ausschließlich aus hölzernen Dialogen besteht.

Das Thema ist brisant, aus Etzold Vita schließe ich auch, dass er sich aus erster Hand mit der Materie auskenne, da er sowohl als Unternehmensberater für eine Bergbaugesellschaft gearbeitet hat, als auch für das Auswertige Amt, und auch international viel rumgekommen zu sein scheint. Doch nach den ersten hundert Seiten wird es nicht viel besser, obwohl es bald in den Kongo und nach Ruanda geht. Dort gelingt es dem Autor durchaus, stimmungsvolle Landschaftsbilder und kurze Einblicke in das Leben der Menschen dort zu liefern, aber die bleiben viel zu kurz, da der Roman insgesamt zu 80 Prozent aus Dialogen besteht, in denen Menschen in Toppositionen mit Topausbildung sich so naiv und unwissend anstellen, was die Lagen in Ruanda, im Kongo und den Genozid von 1994 angeht, dass sie als Figuren unglaubwürdig werden. Mir ist klar, das Etzold auf diese Weise versucht, die Situation und die Hintergründe einem völlig unwissenden Leser zu vermitteln, aber das kommt viel zu oberlehrerhaft rüber, als wären die Dialoge für ein Lehrvideo eines lokalen Berufsverbandes inszeniert worden. Die zahlreichen und sich ständig wiederholenden Plattitüden und Zitate von Stalin, Lenin usw. sind auch nicht gerade hilfreich und nerven irgendwann. Einige der Figuren reden fast nur in solchen Plattitüden.

Vielleicht war ich ja auch gelangweilt, weil ich alles, was hier vermittelt wird, schon aus Spiegel-Artikeln und Dokumentationen kannte, aber ein wenig Spannung und Handlung jenseits der oben genannten Dialoge kommen erst auf den letzten hundert Seiten auf. Es gibt unzählige Handlungsfiguren, zwischen denen der Autor ständig hin und herspringt, viele Kapitel haben nur eineinhalb Seiten, das Buch auf 460 Seiten 108! Kapitel. Dadurch wirkt es trotz der statischen Dialoginszenierung unnötig hektisch.

Was gefällt, ist, wie der Autor die moralische Verlogenheit der sogenannten westlichen Länder, allen voran Europa und Deutschland aufzeigt, die immer gerne anderen Moralpredigten halten, im Hinterzimmer aber schmutzige Deals um Waffen, Coltan, Öl usw. abschließen.

Was den Schreibstil angeht, da zitiere ich einfach mal die ersten drei Sätze:

Martin rannte.
Hinter ihm fauchten Schüsse. Pfeilschnelle Projektile, die rechts und links von ihm zischend durch das Unterholz des Regenwaldes peitschten.

Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie Schüsse fauchen, auch wenn sie dann mit nur lahmer Pfeilgeschwindigkeit (sollten Schüsse aus automatischen Gewehren nicht viel schneller sein) zischend an ihm vorbeipeitschen. Aber ich will jetzt nicht kleinlich werden, das Buch ist zumindest lesbar, sonst hätte ich nicht bis zum Schluss durchgehalten. Für den nächsten Politthriller von Veit Etzold wünsche ich mir aber weniger Dialoge, diese dann etwas dynamischer inszeniert, mehr Action, mehr Landschaftsbeschreibungen und weniger Erklärbär.

Die Legende von Eden und andere Visionen – Hrsg. von Helmuth W. Mommers

Da mir momentan die Zeit für ausführliche und sorgfältig redigierte Blogeinträge fehlt, hier mal eine alte Buchbesprechung aus dem Jahr 2005. Passt auch gerade zu meiner aktuellen Beschäftigung mit Kurzgeschichten. Im Thread „Empfehlenswerte Kurzgeschichten“ auf SF-Fan.de stelle ich regelmäßig einzelne Kurzgeschichten vor. Hatte ganz vergessen, dass ich den Band besprochen habe.

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Seine erste Vision hatte Helmuth W. Mommers 2004 – nichts Geringeres, als die besten deutschen Science-Fiction-Kurzgeschichten des Jahres in einem Band herauszubringen. Und so erschien „Der Atem Gottes und andere Visionen 2004“. Sechs der Geschichten wurden für den Kurd Laßwitz Preis nominiert und fünf für den Deutschen Science Fiction Preis, den Karl Michael Armer dann für sich verbuchen konnte. Nun sind wir im Jahr 2005 angekommen, und es wird Zeit für neue Visionen. Mit „Die Legende von Eden und andere Visionen“ ist der zweite Teil der Anthologienreihe erschienen, und wieder haben zahlreiche deutsche Autoren ihre Visionen in Kurzgeschichtenform gebracht, um dem Leser einige vergnügliche, aber teilweise auch schockierende Lesestunden zu verschaffen.

Den Auftakt macht Reiner Erler – als Regisseur bekannt durch Filme wie „Die Delegation“ oder „Fleisch“ – mit einer Geschichte, die den wenig wohlklingenden Namen „An e-Star ist born“ hat. Hier schildert er seine Vision davon, wie Hollywoodregisseure in Zukunft mit ihren zickigen Stars verfahren könnten, indem sie sich mit Hilfe von Computern von den Starallüren unabhängig machen. Keine neue Idee, aber trotzdem nett erzählt, wenn auch nicht allzu spannend. Viel interessanter als die Idee des e-Stars sind die Konfrontationen zwischen dem Regisseur und seinem Produzenten – also typischer Hollywoodalltag.

Etwas heftiger geht es dann in Torsten Küpers „Spiegelbild des Teufels“ weiter. Eine Geschichte, in der nichts ist, wie es scheint, und die vom Missbrauch des Klonens durch böse Schurken erzählt. Lässt die Geschichte den Leser anfangs noch im Dunkeln, gewinnt sie doch mit jeder Einzelheit, die preisgegeben wird, schnell an Fahrt, und kann am Ende mit mehr als einer überraschenden Wendung aufwarten.

Nach dieser verzwickten Story bietet die sehr kurze Erzählung „Neulich im Garten Eden“ von Ernst Vlcek eine amüsante Erholung. In ironischem Ton erzählt er die Geschichte von Adam und Eva aus einer gänzlich neuen und interessanten Perspektive, durch die wir erfahren, wer im Garten Eden eigentlich aufräumt und den Rasen mäht.

Sehr kafkaesk geht es dafür in „Die fehlende Stunde“ von Tobias Bachmann zu. Eine Geschichte, die von ihrem Konzept her stark an Philip K. Dick und seine Stories erinnert. Ein Mann fährt mit der U-Bahn und stellt danach fest, dass ihm eine Stunde seiner Zeit fehlt. Auf zwei unterschiedlichen Ebenen, die trotzdem zusammenhängen, erzählt der Autor eine Geschichte, deren Ende zwar nicht wirklich originell ist, die aber aufgrund ihrer verschachtelten Erzählweise durchaus interessant ist.

Was wäre, wenn Deutschland vor der Machtergreifung der Nazis einen kleinen Teil von Amerika besitzen würde? Adolf Hitler würde sich dorthin auf Wahlkampftournee begeben. Begleiten würde ihn dabei ein junger Mann, der bis dato noch überzeugter Nazi ist. Dass dies aber nicht so bleiben würde, kann sich der Leser dann denken. Leider ist diese „Bekehrung“ auch der größte Schwachpunkt in der Geschichte, da sie einfach nicht glaubwürdig geschildert wird. So bleibt die Story „Hitler auf Wahlkampf in Amerika“ von Oliver Henkel weit hinter ihren Möglichkeiten zurück und zählt für mich mit zu den schwächeren Geschichten dieser Anthologie.

Sehr comichaft geht es danach in „Ausgleichende Gerechtigkeit“ von Frank Borsch weiter. Der Comicübersetzer erzählt von einer Welt, in der Fahrraddiebe durch rigorose Vergeltungsmaßnahmen bestraft werden, die von einer Art „Justice League“ vollstreckt werden – und zwar nach dem Motto „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Ein kurzweiliges Gedankenspiel über den Wert von Gerechtigkeit.

Der Inhalt von Thomas Thiemeyers „Materia Prima“ ist schnell erzählt: Ein Mann geht zum Psychiater, weil er glaubt, dass er von Außerirdischen entführt wurde. Leider gelingt es der Geschichte nicht, über die gängigen Klischees hinauszugehen. So bleibt eine langweilige Erzählung ohne wirklich interessante Ideen.

Ganz und gar nicht langweilig geht es in der herrlich sinnfreien Geschichte „Cosmo Pollite und der Zwischenfall im InterStellar Express“ von Andreas Winterer zu. Es ist eine lupenreine, an Satire grenzende Ballergeschichte, die an Bord eines Passagierraumschiffes spielt. In bester „Stirb Langsam«-Manier kommt es zum actionreichen Gefecht zwischen einer Horde revolutionärer Roboter und einem Gelegenheitsphilosophen, der Unterstützung von einer Art Sandwolke erhält.

„Planck Zeit“ von Michael K. Iwoleit fordert den Denkapparat des Lesesr schon um einiges mehr. In einer komplizierten Geschichte voll von theoretischer Physik beschreibt der Autor, wie ein Wissenschaftler mittels Mathematik das Ende der Welt, wie sie uns bekannt ist, voraussagt. Das ist zwar sehr anstrengend zu lesen, lohnt sich aber wegen der interessanten Auflösung.

Eine ähnlich anspruchsvolle Geschichte lässt der Titel „2 hoch 64“ von Marcus Hammerschmitt vermuten. Doch der Eindruck täuscht. Erzählt wird die Geschichte eines Insektensammlers, der es mit durchaus wehrhaften Insekten zu tun bekommt, die nicht länger gewillt sind, als Teil der menschlichen Sammelwut zu enden. Leider ist Story sehr kurz und wenig ausgearbeitet, so dass der erwartete „Aha-Effekt“ am Ende ausbleibt.

Die wohl provokanteste Geschichte der Anthologie liefert Andreas Gruber mit „Weit und Raus“. Hier geht es um eine Fernsehshow, die die primitivsten Gelüste des menschlichen Wesens anspricht: die Lust am Leid anderer. Die Kandidaten dieser Show sind so verzweifelt, dass sie für ein bisschen Geld bereit sind, ihr Letztes zu geben. Dabei wird auch nicht vor lebenswichtigen Körperteilen halt gemacht. Eine Fernsehshow, in der sämtliche moralischen und ethischen Vorstellungen gebrochen werden, indem der Mensch bis zum Letzten ausgebeutet wird. Eine Sendung, die sicher auch in unserer heutigen Zeit ihre Zuschauer finden würde. Aufgrund des provokanten Themas und der geschickten Inszenierung ist „Weit und Raus“ für mich die beste Geschichte dieser Anthologie.

Ziemlich verwirrend geht es in der Zeitreisegeschichte „Schätze der Zukunft“ weiter, in der die möglichen negativen Auswirkungen von Zeitreisen behandelt werden. Verwirrend ist die Story vor allem wegen der ständig wechselnden Protagonisten, die dafür sorgten, dass ich nicht wirklich verstand, worum es eigentlich geht. Hier wurde einfach Zuviel, in einen zu kurzen Text gepackt.

Zu guter Letzt kommt noch die titelgebende Geschichte „Die Legende von Eden“ von Frank W. Haubold. Hier werden zwei Sträflinge auf eine aussichtslose und gefährliche Mission geschickt, dabei aber über die wahren Hintergründe im Dunkeln gelassen. Während der Mission kommt es zu einer Begegnung der dritten Art, die das komplette Weltbild der beiden Sträflinge auf den Kopf stellt. Bis hier hin liest sich Story sehr kurzweilig und kann eine überraschende Wendung aufweisen. Was danach kommt, erinnert aber eher an ein Exposé zu einem Roman, der noch geschrieben werden muss – und meiner Meinung auch noch geschrieben werden sollte.

Zum Schluss möchte ich noch das tolle Titelbild von Thomas Thiemeyer loben, das die Anthologie zu einem richtigen „Eyecatcher“ macht.
„Die Legende von Eden und andere Visionen“ ist eine alles in allem gelungene Sammlung von deutschen Kurzgeschichten, die fast durchgehend ein hohes Niveau halten können, wobei die einzelnen Stärken und Schwächen der Geschichten hauptsächlich im Auge des Betrachters (also des Lesers) liegen. Denn handwerklich sind alle Geschichten einwandfrei und brauchen einen internationalen Vergleich nicht zu scheuen.
Es bleibt zu hoffen, dass es auch im nächsten Jahr weitere Visionen geben wird, denn gute deutsche Anthologien sind sehr selten.

Nach Band 4 wurde die Reihe leider wieder eingestellt und hat seitdem keinen adäquaten Ersatz erhalten.