Der erste Tag auf der Lower East Side (New York 1 von X)

Die Lower East Side

New York riecht ganz eigen. Nach acht Stunden in einer fliegenden Sardinnenbüchse, sowie einer Stunde in einer heißen und verschwitzten Schlange an der Grenzkontrolle (eine gute Überbrückung der Wartezeit aufs Gepäck, nur leider ohne Toilette) und einer Taxifahrt mit einem redseligen und sympathischen Ägypter, steige ich aus auf den heißen Asphalt der Lower East Side und bemerke als Erstes diesen eigentümlichen Geruch, der mir in dieser Mischung noch nie begegnet ist (einzig São Paulo roch relativ ähnlich).

Sind dies die olfaktorischen Impressionen einer Stadt, die niemals schläft, oder einer Stadt, die niemals duscht? Nicht so unangenehm, wie die gelegentlichen unverkennbaren Ausdünstungen der Kanalisation, die hier und da einem gammligen Gespenst gleich durch die Luft wabern. Aber auch nicht so angenehm, wie Asphalt nach einem Sommerregen, oder die Gewürzabteilung eines Wochenmarkts in Chinatown.

The Big Apple, Melting Pot oder Salad Bowl, ehemals New Amsterdam und Manna-hata (wie es bei den Algonkin hieß), das Tor zur Welt, wo einst alle Einwanderer über Ellis Island eingeschleust wurden. „Concrete jungles where dreams are made of“. Aufgewachsen mit Serien wie Hill Street Blues und NYPD, mit Filmen wie Manhattan, Frühstück bei Tiffany’s, Mean Streats und In den Straßen von Brooklyn, träume ich schon von klein auf, einmal die große liberale Metropole zu besuchen, in der Hip-Hop und Punk erfunden wurden und Steve Buscemi in so manchem Schlamassel landete. Dreißig Jahre und einen Abschluss in Nordamerikastudien sollte es dauern, bis ich endlich das Land meiner Träume betrat.

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