Was macht ein gutes Fantasycover aus? (Teil 1)

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Titelillustration von Marc Simonetti. Quelle: Penguin-Randomhouse

Im Forum der Bibliotheka Phantastika wird regelmäßig über neue Cover bzw. Titelbilder von (vor allem, aber nicht nur) Fantasybüchern diskutiert. Und als gero kürzlich Folgendes zu dem Cover von Michael J. Sullivan schrieb:

Ich persönlich finde das Cover großartig, und es ist für mich mal wieder ein Beweis, dass „gemalte“ Cover (egal, ob konventionell mit Öl- oder Acrylfarben oder am PC entstanden) diesen nachbearbeiteten Fotos, die momentan auch in der Fantasy ziemlich in sind, weit überlegen sind (sofern der Künstler was kann, schon klar ;)). Cover wie dieses gewähren mMn einen Blick in eine andere Welt, wohingegen sowas – das ist jetzt ein willkürlich gewähltes Beispiel, ich hätte auch ein Dutzend andere Bilder nehmen können – für mich den Eindruck vermittelt, da sind ein paar LARPer zum nächsten Auftritt unterwegs.

habe ich mich gefragt, was für mich ein gutes Cover ausmacht? Es heißt ja: don’t judge a book by it’s cover. Und da ist natürlich was dran. Ich kaufe mir kein Buch, nur weil es ein tolles Cover hat. Und ich lasse auch kein Buch liegen, weil mir da eine ästhetische Scheußlichkeit vom Buchdeckel ins Gesicht springt.

Aber wenn ich eine Buchhandlung gehe, in der mehrere hundert oder sogar über tausend Bücher in den Regalen stehen, dann kann ich mir nicht zu jedem einzelnen den Klappentext und die ersten Seiten durchlesen. Da muss ich eine Vorauswahl treffen. Ist mir der Name des Autors bekannt oder ich habe sogar ein paar Rezensionen zu dem Buch gelesen, werde ich natürlich dadurch schon beeinflusst. Aber bei mir völlig unbekannten Autoren und Bücher findet die erste Auswahl eben durch das Cover und den Buchtitel statt.

Um mir ins Auge zu fallen, sollte beides möglichst ansprechend gestaltet sein, um sich von der Masse der anderen Bücher, die mit den Füßen scharrend um meine Aufmerksamkeit buhlen. Da reicht es nicht, einfach den Arm zu heben und zu rufen: »Hier, nimm mich, nimm mich.« Gerade in der Fantasy muss mir das Cover nicht nur optisch gefallen. Es muss mich verführen, mir eine Geschichte versprechen. Und zwar nicht irgendeine, sondern eine voller Abenteuer, Mysterien, Dramen und Spannung.

Warum gerade in der Fantasy? Das hat sich wohl über die Jahrzehnte so entwickelt. In anderen Genres wie dem Krimi oder der allgemeinen Belletristik sind mir die Cover nicht so wichtig, dort haben sie auch oft wenig mit dem Inhalt zu tun. Aber in der Fantasy hat sich, wenn ich mich nicht täusche, vor allem ab den 70er Jahren durch Künstler wie Michael Whelan oder Frank Frazzetta eine Tradition der ansprechenden Bildgestaltung auf den Covern von Fantasybüchern entwickelt, die – zumindest im Idealfall – ein wenig von der Magie der von ihnen bebilderten Geschichte widerspiegeln.

Ich versuche, das Thema mal anhand von einigen älteren Beispielen aus meinen Bücherregalen zu erläutern, die ganz gut die Tradition der Fantasycover auf dem deutschen Buchmarkt wiederspiegeln. Wobei diese Betrachtung natürlich völlig subjektiv und von meiner eigenen Lesehistorie in den 90er Jahren stark beeinflusst ist.

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Das hier ist das erste Fantasybuch, das ich je gelesen habe. Nach langem Stöbern in einer Buchhandlung, dem Lesen vieler Klappentexte und dem Betrachten vieler Cover entschied ich mich für Der Lehrling der Magiers von Raymond Feist. Eine Entscheidung, die goldrichtig war. Denn damit begann eine Leidenschaft, die bis heute anhält.

Der Titel deutet ja schon darauf hin, dass es um einen Magierlehrling als Hauptfigur geht. Da liegt es nahe, dass es eben jener Junge ist, der hier über einem großen und geheimnisvoll wirkenden Buch brütet, während die brennenden Säbel drohend über seinem Kopf schweben. Das verheißt auf den ersten Blick Abenteuer und Magie. Und genau das bekommt man auch. Über den trantütigen Blick des jungen Mannes lässt sich allerdings streiten.

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Auch die Bilder von Teil 2 und 3 (die ebenfalls von Ferenc Regös stammen) passen zu den jeweiligen Geschichten und versprechen Abenteuer (junger? Mann mit Reisekleidung, Schwert und Bogen vor malerischer Flusslandschaft) und Spannung (düstere Gestalten in Kapuzenumhängen mit gefährlich langen Dolchen vor einer auf einem Berg thronenden Festung). Wobei mich die Dolche durch die unterschiedliche Griffhaltung etwas irritieren.

Das sind jetzt alles keine wirklich Meisterwerke der Titelbildgestaltung, aber sie liefern brauchbare Hinweise auf den Inhalt und wecken Neugierde. Vor allem, wenn man sie mit der völlig nichtssagenden und überhaupt nicht zum Inhalt passenden Covergestaltung der aktuellen Neuauflagen vergleicht, die für alle drei Bände ähnlich aussieht, nur mit anderen Farben und ein paar Abweichungen in Details.

Die Midkemia-Saga 1 von Raymond Feist

Die Midkemia-Saga 1 von Raymond Feist

Damals Mitte der 90er Jahre, als wir noch kein Internet hatten, und ich auch keine Ahnung von irgendwelchen Fantasymagazinen, waren Cover und Klappentext so ziemliche meine einzigen Entscheidungshilfen bei der Bücherauswahl.

Die kam dann auch bei einem meiner nächsten Fantasybücher zum Tragen. Den Sammelband mit 6 Romanen um Elric von Melnibone von Michael Moorcock. Bis heute eines meiner liebsten Bücher, dass ich, ähnlich wie jene von Feist, schon mehrfach gelesen habe.

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Hier war es die bleiche Gestalt, mit den dämonischen roten Augen, dem finsteren Blick, der martialischen, schwarzen Rüstung und dem verdammt großen Schwert, die mein Interesse weckte. Ach ja, und natürlich die Drachen. Auch hier passt das Bild zum Inhalt, zeigt es doch den tragischen Titel(anti-)helden Elric von Melnibone, unglücklicher Herrscher eines Volkes von dekadenten Drachenreitern. Ein Cover (von Rodney Matthews, das direkt auf den ersten Blick keine optimistische High Fantasy verspricht, sondern düstere, ambivalente Sword & Sorcery.

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Ähnliches gilt auch für die beiden Kane-Titelillustrationen von Frank Frazetta, mit seinen muskolösen Barbaren, die allerdings nicht so ganz mit der Titelfigur korrespondieren.

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An den Titelzeichnungen zu Die vergessenen Reiche (Forgotten Realms) von Larry Elmore erkennt der erfahrene Fantasyleser sofort, dass es sich um Rollenspielfantasy handelt (also Fantasy, die auf Pen-&-Paper-Rollenspielen wie Dungeons and Dragons basieren), sieht man doch hier die einzelnen Teilnehmer der Heldengruppe abgebildet. In diesem Fall der Barbar Wulfgar, der Dunkelelf Drizzt, der Zwerg Bruenor und der Halbing Regis. Man ahnt sofort, dass diese Truppe gemeinsam Abenteuer in unwirtlichen, von schneebedeckten und zerklüfteten Gegenden erleben werden. Oder besser gesagt, dass man diese Abenteuer als Leser gemeinsam mit den Helden erleben wird.

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Ähnlich sieht es bei den Titelbildern der Drachenlanze aus, wobei man hier die Zeichnungen von Larry Elmore leider durch die wappenförmige Gestaltung des Covers viel zu sehr einschränkt und abschneidet; was man wohl getan hat, um ein wiedererkennbares Design der Serie zu schaffen. Auch hier werden Teile der Heldengruppe abgebildet.

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Auf den Titelbilllustrationen von Geoff Taylor zu David Eddings weitaus familienfreundlicheren High-Fantasy-Saga sieht man zwar auch Mitglieder der Heldengruppe, aber deutlich weniger martialisch dargestellt, mit einem Schwerpunkt auf den fantastischen Landschaften, in die er Leser bei der Lektüre abtauchen darf.

Solche Landschaftsillustrationen sind mir persönlich (neben opulenten Städten) die liebsten Fantasycover, da nichts so sehr Abenteuer verspricht, wie exotische, atemberaubende Landschaften. Die verhältnismäßig geringe Größe der Figuren vor diesen gewaltigen Landschaften verdeutlicht die Herausforderung, die diese Landschaft in ihrer Unermesslichkeit und mit all ihren Gefahren für die Protagonisten auf ihrer Heldenreise darstellen.

Eigentlich sollte das hier nur ein kurzer Beitrag darüber werden, was mir an Fantasycovern gefällt, und was nicht. Doch ich merke gerade, dass es da doch einiges zu sagen bzw. schreiben gibt, und ich, wenn ich meine Vorlieben erläutere, auch ein wenig auf die Genrehistorie auf dem deutschen Buchmarkt eingehen muss, so weit ich sie erlebt habe (also ab Mitte der 90er Jahre ungefähr). Und da ein einzelner Blogeintrag nicht zu lange werden sollte, wird es noch mehrere Teile zu dem Thema geben. Hier schließe ich jetzt erst mal mit einigen der ersten Cover ab, die mich geprägt haben, bevor es dann im nächsten Teil zu einigen Büchern geht, die ich mir gekauft habe (und die mir sehr gefallen haben), obwohl ich ihre Cover nicht so toll fand.

Zu den hier gezeigten Cover sei noch gesagt, dass ich sie jetzt nicht alle so gut fand, dass ich sie mir als Poster an die Wand hängen würde, aber jedes einzelne von ihnen hat etwas in mir angesprochen. Mit den Jahren hat sich mein Geschmack auch ein wenig verändert.

Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt? Die Programme von Fischer/Tor und Knaur Fantasy

Science-Fiction und Fantasy: Ein Buchmarkt im Wandel lautete die Überschrift eines Artikels, den ich für die Zeitschrift phantastisch! (Nr. 55) im Jahr 2014 verfasst hatte. Darin ging es um den empirischen Nachweis des damals im Fandom (und auch bei mir) verankerten Gefühls, dass die Zahl der phantastischen Neuübersetzungen kontinuierlich zurückgeht. Dazu bin ich sämtliche Verlagsvorschauen der vier phantastischen Platzhirsche Heyne, Piper, Blanvalet und Bastei/Lübbe von 2010 bis 2015 durchgegangen. Und tatsächlich, die Neuübersetzungen waren in diesem Zeitraum um 39 Prozent zurückgegangen.

Das war natürlich ein sehr eingeschränkter Blick auf den Buchmarkt, berücksichtigte er doch weder umtriebige Kleinverlage wie z. B. Atlantis, Golkonda oder Festa, noch die allgemeinen Reihen größerer Publikumsverlage wie z. B. Kiepenheuer und Witsch (Drohnenland) oder Knaus (Der goldene Schwarm). Trotzdem wirkte es, als befände sich das Genre der Phantastik und die Science Fiction im Besonderen (40% Rückgang), nach dem Boom der Völkerphantasie zu Beginn des neuen Jahrtausends, auf dem Rückmarsch (auch die Zahl der deutschsprachigen Neuerscheinungen stagnierte).

Als dieser Artikel im Sommer 2014 erschien, wusste ich noch nicht, was mir Hannes Riffel im September desselbigen Jahres auf einem Übersetzerworkshop erzählen würde. Nämlich, dass er für einen großen Verlag ein neues Phantastikprogramm aufbauen würde. Über die nächsten Monate erfuhr ich immer weitere Titel und die Zahl von 26 Veröffentlichungen pro Jahr, die unter dem Namen Fischer/Tor erscheinen sollten, und mir wurde klar, dass hier wirklich Bewegung ins Genre kommen könnte. Ein Eindruck, der verstärkt wurde, als ich las, dass die Literaturagentin Natalja Schmidt ihre Agentur Schriftart auflösen und ähnlich wie Hannes Riffel bei Fischer nun bei Droemer/Knaur ein neues Phantastikprogramm aufbauen würde.

Zwei große Publikumsverlage, die mit kompetenter Personalkraft und den nötigen Finanzen und Strukturen im Hintergrund neue Phantastikprogramme mit deutschsprachigen und internationalen Titeln aus den Bereichen Fantasy, Science Fiction und Horror aufbauen. Das machte uns im Fandom richtig neugierig und ließ uns spekulieren, welch belebende Wirkung dies auf die anderen größeren Genreverlage und das Genre insgesamt haben könnte. Schaut man sich die Herbstprogramme von Heyne und Piper an, scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen. Wie es sich aber auf die Leser und Käufer auswirkt, wird das kommende Jahr zeigen müssen. Denn mehr Phantastikveröffentlichungen bedeuten ja nicht unbedingt, dass auch mehr gekauft und gelesen wird.

An fehlendem Anspruch und mangelnder Qualität wird es allerdings weder bei Knaur noch bei Fischer/Tor scheitern, wie ein erster Blick in die Programme zeigt. Doch wie bereits in meinem Blogartikel Phantastikvorschauen Herbst/Winter 2016: Wo sind die Frauen? und der Ergänzung: Wo sind die Frauen? – Einige Ergänzungen zum Beitrag vom 26.4. angedeutet, möchte ich mich auf die Autorinnen in den kommenden Programmen konzentrieren, was aber nicht heißt, dass ich die Männer ganz ignorieren werde.

Fischer/Tor

Von den zwölf Neuerscheinungen im Herbst/Winterprogramm 2016/17 von Fischer/Tor stammen nur drei Titel von Autorinnen. Aber die haben es in sich.

Da wäre z. B. Der zeitlose Klassiker The Dispossessed von Ursula K. Le Guin, der hier in der Neuübersetzung von Karen Nölle unter dem Titel Freie Geister (in Anlehnung an die Anspielung auf Dostojewski im Original) erscheinen wird. Le Guin ist (bis auf die Novelle Verlorene Paradiese bei Atlantis) in den letzten Jahren leider völlig aus den Programmen deutschsprachiger Verlage verschwunden, was meiner Meinung nach eine wahre Schande ist. Ich hoffe, dass diese Neuerscheinung zum einen den Namen Le Guin den (auch jüngeren) deutschsprachigen Leserinnen und Lesern wieder näher bringen wird, und, dass vielleicht einige ihrer unübersetzten Werke ihren Weg nach Deutschland finden werden. Demnächst wird auch eine Dokumentation über das Leben von Ursula K. Le Guin erscheinen (die ich per Kickstarter unterstützt habe). Vor seinem Erscheinen im Januar 2017 werde ich dem Roman (der englischsprachigen Fassung) noch einen ausführlichen Blogeintrag widmen.

Der zweite interessante Titel von einer Autorin ist Der Winterkaiser (im Weiteren verlinke ich hier auf Amazon.de, weil es dort schon Inhaltsangaben zu den Büchern gibt) von Katherine Addison (ist ein Pseudonym), der unter dem Titel The Goblin Emperor in der englischsprachigen Phantastikszene für Furore sorgte. Ein abgeschlossener Einzelroman, der seine ganz eigenen Wege abseits der üblichen Fantasyklischees geht. Ich habe ihn allerdings noch nicht gelesen.

Ebenso wenig wie Becky Chambers Science-Fiction-Abenteuer Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planten (the long way to a small angry planet), dessen Kritiken mich aber furchtbar neugierig auf diesen Roman machen, der es gerade auf die Nominierungsliste für den Arthur C. Clarke Award geschafft hat.

Nur drei Autorinnen im Programm, aber so ganz unterschlägt Fischer/Tor die Frauen doch nicht, stammen doch bis auf das – ebenfalls von mir mit Spannung erwartete und von Frank Böhmert übersetzte – Afterparty alle Übersetzungen von Frauen. 😉

Und neben den schon erwähnten Titeln freue ich mich vor allem auf das von Birgit Pfaffinger und Ulrike Brauns übersetzte Im Schatten des Himmels von Guy Gavriel Kay, der ebenfalls seit einigen Jahren aus den deutschsprachigen Programmen verschwunden ist, und den SF-Roman Die Krone der Sterne von Kai Meyer.

Krimis aus Südafrika liegen schon seit Roger Smith im Trend, und jetzt, seit dem Erfolg von Lauren Beukes (Moxyland), auch Science Fiction. Und da ich mich seit Oktober letzten Jahres besonders für Südafrika interessiere, bin ich auch sehr auf Charlie Hunmans in Kapstadt spielenden Roman Apocalypse Now Now gespannt.

Die Programmvorschauen Herbst/Winter 16/17  von Fischer sind aktuell immer noch nicht online. Bisher gibt es nur den 300-seitigen Programmreader für den Buchhandel. Ab Juli soll unter der Adresse Tor-online.de eine Webseite nach dem Vorbild von Tor.com online gehen. Auf Twitter und Facebook sind sie auch schon vertreten.

Man darf jedenfalls gespannt sein. Bisher hatte der Fischer Verlag ja noch nie ein wirkliches Phantastikprogramm, sondern höchstens vereinzelte Titel im Programm, wie z. B. die Drachenbeinthron-Saga von Tad Williams. Man möge mich korrigieren, falls ich mich hier irre. Es überwiegt übrigens die Science Fiction mit neun von zwölf Titeln! Wobei man auch hier nicht auf Massenmarkttaugliche Titel wie z. B. Der Groll der Zwerge von Bernd Frenz verzichtet.

Knaur

Anders als bei Fischer gibt es bei Knaur eine langjährige Tradition mit Fantasy im Programm mit der Reihe Excalibur – Fantasy bei Knaur. So stehen bei mir im Regal z. B. Die Chroniken des Thomas Covenant von Stephen Donaldson, Das Buch der Fey von Kristine Kathryn Rusch und die Kaltfeuer-Reihe von C. S. Friedman – alles Fantasy mit originellen Ansätzen abseits der üblichen Genreklischees. Nach dem Weggang von Timothy Sonderhüsken vor einigen Jahren ist das Programm aber so ziemlich eingeschlafen.

Und jetzt der Neustart mit einem neuen Team unter Natalja Schmidt, mit 18 Titeln in der Programmvorschau. Ein ambitioniertes Programm mit deutschen und internationalen Autorinnen und Autoren, in dem die Fantasy zwar gegenüber der Science Fiction überwiegt, aber mit AutorInnen wie Zen Cho und Ken Liu sehr originell daherkommt.

Zen Chos Die Magier seiner Majestät sorgte im letzten Jahr für Aufsehen auf dem englischsprachigen Buchmarkt. Die Inhaltsbeschreibung erinnert schon sehr stark an Susanna Clarkes Jonathan Strange & Mr Norrell, aber die vielen positiven Kritiken machen mich trotzdem sehr neugierig auf diese historische Fantasy im England des 19. Jahrhunderts.

Mit Irrlichtfeuer von Julia Lange gibt es auch ein Fantasydebüt einer jungen deutschen Autorin, die sich hier einen ganz interessanten Weltenbau um das magische Irrlicht-Gas ausgedacht hat.

Cover und Titel von Ju Honischs Seelenspalter sehen zwar stark nach der üblich generischen Kapuzenheini-Assassinen-Fantasy aus, die es in den letzten Jahren reichlich aus deutscher Feder gab, aber bei der Frankfurter Autorin, die unter anderem Das Obsidianherz bei Feder & Schwert veröffentlicht hat, gehe ich mal davon aus, dass mehr dahintersteckt.

Die in bestem Buchhandels-PR-Sprech unter dem Titel „Women’s Fantasy“ firmierenden Bücher Das vierte Siegel von Liane Sons (ist wohl schon recht erfolgreich als E-Book gelaufen) und Talvars Schuld von Valerie Colberg sprechen mich jetzt auf den ersten Blick nicht so wirklich an, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, wenn die ersten Kritiken erschienen sind.

Das wahre Juwel des Programms ist für mich aber Ken Lius Das Schwert von Dara (The Grace of Kings), zu dessen Originalausgabe ich im letzten Jahr Folgendes schrieb: Phantastische Silk-Punk-Fantasy in einem vom historischen China inspirierten Szenario, das aber durchaus auch westliche Einflüsse (wie die griechische Tragödie) beimischt. Bisher die aufregendste Fantasyneuerscheinung des Jahres

Und während Fischer/Tor mit Kai Meyer einen großen deutschen Namen im Programm hat, ist des bei Knaur Markus Heitz mit Wédora. Wobei Heitz nach einigen Leseversuchen jetzt nicht so ganz mein Fall ist (auf seine Lesungen gehe ich aber immer gerne). Viel neugieriger bin ich da auf Schwarzer Horizont von Ivo Pala, dessen düsteres Szenario zur Neuauflage von David Gemmels Die Legende zu passen scheint.

Unter den drei SF-Romanen erregt Ariel S. Winters Mr. Sapien träumt vom Menschsein (Barrren Cove), in dem es über einen lebensmüden Roboter geht, der sich einigen existenzialistischen Fragen stellt. Übrigens von Oliver Plaschka übersetzt.

Das auf dem Mond spielende Dark Side von Anthony O’Neill wurde mir vom Übersetzer Gerd Rottenecker empfohlen. Und das von Simone Heller übersetzte Darwin City von Jason M. Hough scheint mir auch ein recht interessantes Zukunftsszenario zu bieten.

Knaur Fantasy & Science Fiction ist übrigens auf Facebook schon sehr aktiv und stellt dort regelmäßig Bücher und AutorInnen vor.

Das waren jetzt nicht alle Titel aus den beiden Programmen, sondern nur jene, die mich auf den ersten Blick ansprechen. Ich muss aber gestehen, ich hatte bei der Durchsicht der beiden Programme mehr Freude als es in den letzten Jahren zum Beispiel beim immer generischer und mutloser wirkenden Programm von Blanvalet der Fall war. Da sind eine Menge Titel dabei, die ich lesen werde. Und über jene von Autorinnen werde ich in diesem Jahr auch hier auf dem Blog besprechen.

In den nächsten Wochen werde ich  noch die Programmvorschauen der anderen großen Verlage vorstellen (die SF bei Heyne sieht sehr vielversprechend aus), danach aber auch einen Blick auf die deutschsprachigen Kleinverlage werfen. Vor allem Cross Cult geht im Herbst mit einem ambitionierten und ausgezeichneten SF-Programm an den Start.

P.S. Mit Bildern bzw. den Covern der erwähnten Titel wäre dieser Artikel natürlich noch ansprechender ausgefallen, aber das ist mir rechtlich zu heikel.

P.P.S. Nicht wundern, warum ich bei manchen Büchern ÜbersetzerInnen erwähnt habe, und bei anderen nicht. Das sind eben jene, die ich persönlich kenne.

Wie lange dürfen Fantasyserien und Reihen sein?

Drüben beim Fantasyguide stellt Otherland-Buchhändlerin Charleen die auf Fantasy bezogene Frage: Wie lange sollte eine Reihe eigentlich sein? Wann sind euch Reihen zu lang? Hat sich das bei euch mit dem Älterwerden geändert? Sieht es bei Science Fiction Fans anders aus? Ist die Treue bei den Fans da größer?

Was mich zu einer etwas längeren Antwort angeregt hat:

Man sollte auch nochmal zwischen einer Reihe und einer Serie unterscheiden. Das »Rad der Zeit« ist (ebenso wie »Das Lied von Eis und Feuer«) eine Fantasyserie, mit einer fortlaufenden Handlung (wenn auch mit mehreren Handlungsbögen) vom ersten bis zum letzten Band.

Dann gibt es Fantasyreihen, wie z. B. Die »Midkemia-Saga« von Raymond Feist, die immer in derselben Welt spielen, auch wiederkehrende Figuren haben (wie z. B. den Magier Pug), innerhalb der Reihe aber abgeschlossene Zyklen besitzen (wie z. B. den »Spaltkrieg-Zyklus« oder »Die Schlangenkrieg-Saga«).

Angefangen habe ich viele Serien (»Rad der Zeit«, »Götterkriege« bzw. »Das Geheimnis von Askir«, »Das Schwert der Wahrheit« von Terry Goodkind uvm.), zu Ende gelesen aber keine davon. Vor 20 Jahren als Jugendlicher konnte ich von bestimmten Autoren gar nicht genug bekommen, da habe ich von Reihen und Serien ein Buch nach dem anderen verschlungen. Mit der Zeit habe ich aber immer mehr Lust auf Abwechslung bekommen und lese inzwischen meist nicht einmal zwei Bücher aus demselben Genre hintereinander. Dementsprechend habe ich an den Serien die Lust verloren. Zumal sie irgendwann meist einen Punkt erreichen, an dem die Qualität nachlässt, die Handlung auf der Stelle tritt und man merkt, dass man hier möglichst lange die Geldkuh melken möchte (siehe Richard Schwartz, da bin ich nach Band 10 ausgestiegen).

Ich freue mich immer, wenn ich interessante, abgeschlossene Einzelromane in der Fantasy entdecke. Tor.com bringt aktuell einige tolle Titel mit teils weniger als 200 Seiten raus (z. B. »Sorcerer of the Wildeeps«, von Kai Ashante Wilson), die eine erfrischende Abwechslung im Genre sind.

Ansonsten finde ich drei bis fünf Bände für eine Fantasyserie in Ordnung. Bei Übersetzungen ins Deutsche bin ich da allerdings vorsichtig geworden, da diese ja häufig nach zwei oder drei Bänden eingestellt werden (wie z. B. bei Daniel Hanovers »Dolch und Münze« oder Ken Scholes ). Das mag aus wirtschaftlichen Gründen nachvollziehbar sein, schafft aber kein Vertrauen beim Leser und verärgert mich als Käufer. Viele warten inzwischen ab, ob die Serie auch komplett erscheint, was natürlich ein Teufelkreis ist, weil dadurch potentielle Käufer erstmal verloren gehen, und die Chancen steigen, dass die Serie eingestellt wird.

In der Science Fiction bin ich eher Fan abgeschlossener Bücher. Der Blick auf in mein Bücherregal ist da eindeutig. Obwohl ruhig mehrere Bücher im gleichen Universum spielen dürfen (wie z. B. »Upflift« von David Brin, »Die Spin-Trilogie« von Robert Charles Wilson« oder die »Kultur«-Romane von Ian Banks).

Und hier ein Blick auf mein Fantasyregal mit vielen angefangenen Reihen und Serien:

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Epische Fantasy von Frauen (3): The Riddle-Master of Hed von Patricia A. McKillip

Vor einem Jahr hatte ich angekündigt, mich in den nächsten Monaten verstärkt mit epischer Fantasy von Frauen zu beschäftigen. Das hat jetzt doch etwas länger als geplant gedauert. Dabei hatte ich es zwischenzeitlich durchaus mit Fantasyautorinnen wie Kate Elliot und Janny Wurts versucht, aber obwohl die Bücher, die ich angefangen haben, gar nicht schlecht sind, war ich einfach nicht in der Stimmung dafür. Manchmal gibt es die richtigen Bücher zur falschen Zeit. Da ist es dann am Besten, sie zur Seite zu legen, bis es passt. Beim Riddle-Master of Hed hat es gepasst.

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Bereits 1976 erschienen, verwendet McKillip zwar durchaus typische Plotelemente der klassischen epischen Fantasy, weiß sie aber zu einer interessanten und nicht so ganz genretypischen Mischung zu präsentieren. Es geht um eine alte Prophezeiung, in der ein einfacher Bauernjunge (Okay, er ist der Herrscher von Hed, aber da es sich nur um einen klitzekleinen Agrarstaat/Insel handelt und er selbst in relativ einfachen Verhältnissen aufwächst, geht Morgan durchaus als einer durch) jene Prophezeiung erfüllen muss, um die Welt zu retten oder so ähnlich. Ganz klar ist es nicht, worum es darin geht.

Wobei diese klassischen Plotelemente 1976 vermutlich noch gar nicht so klassisch waren. Mit Lloyd Alexanders Taran gab es zwar schon 1964 einen Schweinehirten, der zu Größerem bestimmt war (auch wenn damit eigentlich das von ihm zu hütende Orakelschwein gemeint ist), aber bis auf den einfachen Hobbit, der allein das Böse bezwingen konnte, war die Fantasyliteratur dieser Zeit vor allem durch große Helden wie Conan, Kane und Elric bestimmt. Der Trend zur epischen Fantasy mit dem Helden aus einfachen Verhältnissen setzte erst in den 80er Jahren mit Dave Eddings und Raymond Feist ein. McKillips Riddle-Master of Hed kann als durchaus als Vorläufer dieser Werke gesehen werden. Allerdings hebt er sich  selbst aus heutiger Rückschau von den ihm folgenden Werken ab.

Ganz so episch ist der erste Band der Trilogie gar nicht. Es handelt sich vor allem um einen Reiseroman. Morgans Reise beginnt der kleinen Insel Hed und führt ihn dann aufgrund eine Verkettung unglücklicher Umstände (man könnte auch von Attentaten sprechen) durch das ganze Reich (von dem Hed nur ein winziger Teil ist). Um herauszufinden, was es mit der Prophezeiung, dem Stern auf seinem Gesicht und der magischen Harfe, die er unterwegs erhält, auf sich hat, muss er zum High One (so was wie ein Gott, ganz kapiert hab ich es nicht) hoch in den Norden reisen, wobei er interessante und gefährliche Begegnungen macht.

Krieg liegt zwar in der Luft, Morgan kommt aber nicht direkt damit in Berührung, ihm machen nur einzelne Attentäter das Leben schwer. Doch der Riddelmaster of Hed ist kein großer Krieger, sondern, wie der Titel schon sagt, ein Rätselmeister. Und in einer Welt, die voller Rätsel steckt, ist das eine mächtige Gabe. Hier gibt es keinen harten Realismus und brutale Gewalt, wobei McKillips Figurenzeichnung alles andere als schwarz-weiß ist. Es treten viele undurchsichtige Gestalten auf, die es Morgan schwierig machen, jemandem zu vertrauen. Aber es sind auch liebenswürdige und vor allem faszinierende Personen darunter.

Ich kann The Riddle-Master of Hed nur empfehlen. Etwas altmodische aber sympathische Fantasy, die es versteht, ihre Leser mit relativ einfacher Magie zu verzaubern und vor allem sprachlich schön geschrieben ist. Ich würde das Buch stilistisch und inhaltlich als verträumt bezeichnen.

In meiner Omnibusausgabe von Ace sind alle drei Bände in einem enthalten (wobei inzwischen wohl noch ein vierter dazu gekommen ist). Gelesen habe ich bisher aber nur den ersten. Auf Deutsch ist die ursprüngliche Trilogie in den 80er Jahren bei Goldmann erschienen, in den 90ern gab es noch eine Neuauflage, inzwischen sind die Titel aber schon lange vergriffen. Band 1 heißt auf Deutsch Die Schule der Rätselmeister

Weltenbau vs. Erzählkunst in der Fantasy

Folgender Text ist nur ein kurzes Brainstorming zum Thema, eine Niederschrift der Gedanken, die mir nach Lektüre des Interviews mit Michael Moorcock durch den Kopf gingen. Wenn es die Zeit erlaubt (kann man da irgendwo einen Antrag stellen?), dann werde ich das Thema demnächst noch ausführlicher ausarbeiten und konkreter auf Beispiele eingehen.

Weltenbau hat in der Fantasyliteratur eine lange Tradition, die vor allem auf die Werke von J. R. R. Tolkien zurückgeht, der sozusagen die Mutter allen Weltenbaus erschaffen hat, mit eigener Sprache, Genealogie, Mythen, Historien usw. Das Niveau und die Ausführlichkeit Tolkiens hat nie wieder jemand erreicht, aber inzwischen hat es sich eingebürgert, dass zu jedem Fantasyroman auch ein entsprechender Weltenbau gehört.

Weltenbau heißt, dass man neben der Geschichte die man erzählt, eine voll (oder halbwegs) funktionsfähige und bezugsfertige Welt erschafft, in der viele Alltäglichkeiten bis ins kleinste Detail erklärt werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Magie. Zu einem modernen Fantasyroman gehört ein schlüssiges Magiesystem, das teilweise mit wissenschaftlicher Akkuratesse beschrieben wird.

Aber wenn Magie zur Wissenschaft wird, geht der Zauber verloren. Es gibt durchaus interessante Magiesysteme, wie z. B. die Einnahme von bestimmten Metallen, die in Brandon Sandersons Mistborn zu speziellen Fähigkeiten führen; es gibt Systeme mit Edelsteinen (R. A. Salvatores The Demon Wars Saga), mit Zaubersprüchen wie bei Harry Potter, mit Formeln, Schriftrollen, ätherischen Elementen, die nur von Begabten erkannt und verwendet werden können usw.

All das nimmt im heutigen Fantasyroman viel Platz ein und für zwangsläufig auch zu viel Infodump. Bis zu einem gewissen Grad, kann das durchaus Spaß machen, aber mir fehlen die Geschichten, in denen einfach drauflos gezaubert wird. Warum können sie zaubern? Na, weil sie Magier sind. Das kann der Geschichte und dem Erzählfluss durchaus zuträglich sein.

Zum Weltenbau gehört aber mehr, als nur Magie. Es wird eben eine ganze Welt (oder mehrere) erschaffen, mit Regierungssystem, Verwaltung, verschiedenen Rassen und Völkern, Mythologien, Traditionen, Sprachen usw. Alles schön und gut, ich lese ja auch gerne Steven Erikson und George R. R. Martin, die den Weltenbau mit am fleißigsten betreiben, aber für eine gute Geschichte ist das nicht immer notwendig.

In Diskussion über dieses Thema führe ich seit Jahren immer die gute alte Sword and Sorcery aus dem letzten Jahrhundert an, und vor allem Michael Moorcocks Bücher um den ewigen Helden. In den Geschichten um Elric beschreibt er zwar durchaus, wie diese Magie wirkt, in dem er Naturgeister oder Götter anruft, aber ein schlüssiges Magiesystem wird nicht ausführlich erklärt. In der Dezemberausgabe des Locus (die Michael Moorcock anlässlich seines 75. Geburtstages und dem Erscheinen seines neuen Buches gewidmet ist) äußert er sich zum Thema Weltenbau wie folgt:

I think the notion of worldbuilding is a failure of literary sophistication. … I only invent what’s necessary to explain the mood of a character. I haven’t thougth about an imaginary world’s social security system; I don’t know the gross national product of Melniboné. If worldbuilding is a sophisticated working-out of how a world interacts in and of itself, I don’t really have any of that. … The world unfolds in front of the character as the story develops. If the story doesn’t need it, it’s not there.

I’ve fougt against this kind of anti-romantic rationalization most of my career. … I’m trying to tell a good story without you having to believe it as »reality.«

Quelle: Locus, Dezember 2014, Issue 647

Hier eine grobe Stehgreifübersetzung von mir:

Ich glaube, die Idee des Weltenbaus ist ein Mangel an literarischer Finesse. …  Um die Stimmung der Figur zu erklären, erfinde ich nur, was nötig ist. Ich habe mir keine Gedanken über das Sozialsystem einer imaginären Welt gemacht; ich kenne das Bruttosozialprodukt von Melniboné nicht. Wenn Weltenbau einen ausgeklügelten Ausbau dessen bedeutet, wie eine Welt an und für sich funktioniert, dann gibt es so etwas bei mir nicht. … Die Welt entfaltet sich vor der Figur, während sich die Geschichte entwickelt. Wenn die Geschichte es nicht benötigt, dann ist es auch nicht da.

Ich habe den größten Teil meiner Karriere gegen diese Art von antiromantischer Rationalisierung gekämpft. … Ich versuche eine gute Geschichte zu erzählen, ohne den Anspruch, dass man sie als „Realität“ empfindet.

 

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William Gibson hat sich in einem Interview kürzlich ähnlich geäußert (weiß leider nicht mehr wo), als er beschrieb, wie ihn zwei Leute besucht haben, die aus Neuromancer ein Rollenspiel machen wollten. Sie hätten ihn nach vielen Details zu der Welt gefragt, wie z. B. was man im Sprawl essen würde, und er antwortete einfach, dass er es nicht wisse. Für seine Geschichte waren solche Sachen nicht wichtig.

In der Fantasy und auch in der SF geht es in erster Linie darum, eine gute Geschichte zu erzählen (zumindest für mich als Leser). Wobei ich nicht so weit wie Moorcock gehen würde. Weltenbau ist halt ein anderer Ansatz, der durchaus auch mit hoher Erzählkunst einhergehen kann. Die Welt von Steven Erikson im Spiel der Götter (Malazan Book of the Fallen) ist extrem ausführlich ausgebaut, aber all dieser Weltenbau findet häufig in Form von tollen Erzählungen statt. Seine reichhaltige Welt voller Mythen und Legenden wird nicht durch Infodump erzählt, sondern indem der die Welt geheimnisvoll macht. Jede Ruine, jeder verdorrte Baum, jeder Stein birgt ein Geheimnis, eine Geschichte, einen Mythos oder Macht.

Aber es gibt auch die andere Variante. Da wird eine Pen-and-Paper-Rollenspiel gleich ein komplexes Regelsystem erschaffen, das mit der Dynamik eines Handbuchs erklärt wird, während man zwischen den Zeilen die Würfel förmlich fallen hört. Wenn eine Geschichte nur funktioniert und verständlich ist, wenn man die Karte genau studiert, das 50-seitige Personenverzeichnis auswendig kennt und den ebenso langen Glossar mit Fachbegriffen, Fremdworten usw. studiert hat, dann sollte man sich als Autor bzw. Erzähler überlegen, ob man die Geschichte nicht auch anders erzählen könnte. Denn jeder Blick weg vom Text in den Anhang oder auf die Karte hemmt den Lesefluss. Jeder trockene Infodumpabschnitt raubt der Geschichte ihre Dynamik. Ich sehe es da ein wenig wie bei wissenschaftlichen Arbeiten an der Uni. Wenn die Info in eine Fußnote kommt und nicht in den Text passt, ist sie dann wirklich notwendig?

Im echten Leben bin ich Atheist und halte Glauben für Aberglauben. Ich denke rational, sympathisiere mit der Wissenschaft (aber auch ein klein wenig mit dem fliegenden Spaghettimonster 😉 ) und habe mit Esoterik und übernatürlichen Phänomen überhaupt nichts am Hut. Ich lese auch furchtbar gerne Hard-SF mit ausufernden technischen Erklärung über die Beschaffenheit des Universum und die futuristischen Technologien der Geschichte. Aber wenn ich Fantasy lese, dann will ich verzaubert werden (nicht immer, aber immer noch gerne).

Im Fantasyforum der Bibliotheka Phantastika habe ich dazu einen Thread aufgemacht, für den Fall, dass Interesse an einer Diskussion besteht. Einfach hier klicken.

Reread: Tad Williams – Der Drachenbeinthron

Diesen Beitrag gibt es auch auf Fantasyguide.de. Dort hat sich mein Chefredakteur Ralf die Mühe gemacht, all die AutorInnen, die ich nennen mit Links zu Rezensionen und Autorenseiten zu verlinken. Wer also mehr darüber wissen möchte, sollte den Artikel auf dem Fantasyguide lesen. (Ist übrigens spoilerfrei bzw. verrät nicht mehr als der Klappentext).)

Als ich dieses Buch zum ersten Mal Mitte/Ende der 90er Jahre las, war mir gar nicht bewusst, dass es bereits 1989 erstmals erschienen ist. Im Rückblick stellt das einen interessanten Zeitpunkt dar. Man könnte von einem Wendepunkt in der Fantasyliteratur sprechen. Die 70er und 80er Jahre sowie die erste Hälfte der 90er waren durch jene Fantasy geprägt, in denen ein einfacher Bauern/Küchen-oder-sonstwas-Junge verborgene Kräfte entdeckt und damit die Welt vor dem Bösen rettet. Dazu begibt er sich unter Anleitung eines älteren, weisen Mentors (oft mit magischen Fähigkeiten), der mehr ist, als er auf den ersten Blick zu sein scheint, auf eine Reise (Quest) um einen magischen Gegenstand zu finden, der ihm beim Kampf gegen den Oberbösewicht helfen soll. Unterwegs trifft er dann noch unterschiedliche Gefährten, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die somit eine bunte Heldengruppe bilden.

Die bekanntesten Autoren dieser Schiene sind David Eddings (Belgariad-Saga), Raymond Feist (Midkemia-Saga), Robert Jordan (Das Rad der Zeit) und Terry Brooks (Shannara). Alle von Tolkien beeinflusst – mal mehr, mal weniger. Dabei bewegen sie sich häufig in leicht romantisierten Fantasywelten, die noch weit von den brutalen und zynischen Grim-and-Gritty-Werken entfernt sind, wie sie heute gerne gelesen werden (George Martin, Joe Abercrombie, Mark Lawrence). Wobei es das bei Autoren wie Michael Moorcock(Elric, Corum), Fritz Leiber(Fafhrd und der graue Mausling) und Karl Edward Wagner (Kane) in gewissem Maße auch schon gab und vor allem bei Stephen Donaldsons Chroniken von Thomas Covenant, mit seinem ambivalenten Antihelden. Aber die Bauernjungenfantasy weist auch deutliche Märcheneinflüsse auf und geizt in der Regel nicht mit Magie und magischen Wesen. Politische Intrigen finden durchaus statt, halten sich aber in Grenzen und besitzen meist nur eine überschaubare Komplexität.

Die übliche Fantasyrichtung wurde deutlich vom Rollenspiel beeinflusst (das wiederum von den Fantasywerken Tolkien und Robert E. Howards beeinflusst wurde). Die Werke von R. A. Salvatore (Die Saga vom Dunkelelfen), Ed Greenwood (Elminster) und Margaret Weis und Tracey Hickman (Die Drachenlanze) spielen häufig in Welten, die auf Rollenspielen wie Dungeons and Dragons basieren. Es gibt ein festes Regelwerk für Magie, von Tolkien beeinflusste Rassen wie Zwerge, Orks und Elfen, und meist eine Heldengruppe, die aus Vertretern der unterschiedlichen Rassen mit speziellen Fähigkeiten besteht.

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Standing on the shoulders of giants

Und hier kommt jetzt Tad Williams mit einem Küchenjungen als Helden … Moment mal, hatte ich nicht weiter oben etwas von Wendepunkt in der Fantasy geschrieben? Ja, Williams bedient sich durchaus klassischer Elemente. Simon Mondkalb ist ein einfacher Küchenjunge auf dem Hochhorst, der Burg des Königs. Der einzige Drache, gegen den er kämpft, ist die Küchenchefin Rachel. Simon ist ein Waisenjunge, der sich orientierungslos durch den Alltag träumt, bis der Hofgelehrte Doktor Morgenes auf ihn aufmerksam wird und ihn als Lehrling zu sich nimmt. So weit so bekannt, die Prämisse kennt man auch schon von Raymond Feists Midkemia Saga. Nur dass Magie in Osten Ard, der Welt in der Simon lebt, nicht so offensichtlich ist und direkt beim Namen genannt wird. Morgenes ist vor allem Arzt und Schriftgelehrter, der Simon mit allerlei langweiligem Zeugs traktiert, wie z. B. lesen lernen.

Was Williams Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt von seinen Vorgängern unterscheidet, ist der Detailreichtum, mit dem er das Leben auf der Burg ausführlichst über mehrere Hundert Seiten beschreibt. Da fühlte ich mich teilweise schon an Mervyn Peaks Gormenghast erinnert. Wobei es zwischendurch durchaus auch schon um Politik ging. Vor allem um den steinalten König, der schließlich stirbt, und dessen Platz auf dem Thron sein Erstgeborener Elias einnimmt. Ein einst starker und selbstbewusster Krieger, der nun unter dem unheilvollen Einfluss des zwielichtigen Priesters Pyrates steht, der sich mit dunklen Mächten eingelassen hat.

Und hier geht es jetzt (nach etwa 250 richtig los): Simon muss alleine aus der Burg fliehen, findet erste Verbündete und begibt sich auf eine Queste. Währenddessen steigert Williams aber auch den Anteil an den politischen Geschehnissen. Immer öfters wechselt die Handlung von der Hauptfigur Simon zu einem der unzähligen Adligen, die sich mit dem repressiv werdenden König und dessen Schergen rumschlagen müssen, bis schließlich alle Anzeichen auf Krieg stehen.

Und genau diese Mischung macht den Unterschied. Hofintrigen, Diplomatie, große Schlachten usw. gab es auch in der Fantasy der 70er und 80er Jahre, aber nicht in diesem Ausmaß und mit dieser Detailtreue auf solch komplexe Weise miteinander verwoben, wie es danach erst wieder George R. R. Martin gelingen wird. Wobei Williams auf dessen Grad an Brutalität und Zynismus verzichtet. Vom Tonfall und der Stimmung her, ist er das deutlich näher an Eddings. Martin nannte Tad Williams übrigens auch als einen seiner Einflüsse für Das Lied von Eis und Feuer.

Obwohl Williams mit viel Aufwand und Können seine eigene Welt erschafft, ihr eine eigene Historie und eine eigene Mythologie verleiht, löst er sich nicht ganz von Tolkien. Die langlebigen schönen Sithi sind eindeutig mit Elben/Elfen verwandt. Die Trolle erinnern zumindest ein wenig an die Hobbits, auch wenn sie mit dem Eifer von Zwergen kämpfen. Der Sturmkönig Ineluki erinnert stark an Sauron, der einst in einem gut aussehenden Körper auf Erden wandelte und im zweiten Zeitalter den »Ring sie alle zu beherrschen« schmiedete; Ineluki erschuf ein Schwert, seine rote Hand, die aus fünf Getreuen besteht, erinnert an die Nazgûl, die Ringgeister. Aber Williams gelingt es, diese Ähnlichkeiten auf Oberflächlichkeiten zu beschränken bzw. sie so zu verfremden und mit anderem Material (germanische Mythologie, japanische Sprache usw.) anzureichern, dass es kaum auffällt.

Ich habe Der Drachenbeinthron vor ca. 15 Jahren das erste Mal gelesen. Dass er nicht zu meinen absoluten Lieblingsbüchern avanciert ist, die ich alle paar Jahre wieder lese, lag vermutlich an unglücklichem Timing, aber Feist, Tolkien, Moorcock, Salvatore und Goodkind fielen mir einfach früher in die Finger. Damals hatten mich Bücher auch um so mehr fasziniert, je mehr Magie sie enthielten. Und ähnlich wie bei Martin, wurde die hier im ersten Band nur sehr spärlich eingesetzt. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch als sehr gut in Erinnerung.

Mit Rereads ist das so eine Sache. Häufig spielt ein gewisser Nostalgiebonus eine Rolle, da man sich an die behüteten, sorgenfreien Tage seiner Kindheit bzw. Jugendzeit erinnert, in der man die Bücher zum ersten Mal las. Man ist also emotional mit dem Buch verbunden und liest es eventuell durch die rosarote Nostalgiebrille. Was ich nicht unbedingt als schlecht empfinde. Ist doch schön, wenn ein Buch ein Stück Kindheitsatmosphäre zurückbringt. Es ist aber auch riskantes Unterfangen, da man (zumindest ich) in der Kindheit und Jugendzeit als relativ unerfahrener Leser sehr viel unbefangener und unkritischer gelesen hat. Was bedeuten kann, dass man beim Reread feststellt, dass man das Buch inzwischen total furchtbar findet, was die positive Erinnerung ein wenig trüben kann (ging mir bei der Drachenlanze so).

Bei den meisten Büchern, die ich noch einmal lese, stelle ich aber fest, dass sie mir noch genauso gut gefallen wie damals. Das ist auch bei Der Drachenbeinthron der Fall. Da ich mich nur noch an einzelne Schlüsselszenen und wage Handlungsverläufe erinnern konnte, ist die Lektüre auch zu (fast) keinem Zeitpunkt langweilig gewesen. Und sobald mir ein Name bekannt vorkam (wie z. B. Camaris, von dem ich noch weiß, dass er eine wichtige Rolle spielen wird) habe ich mich über die zurückkehrende Erinnerung gefreut. Ich hatte also immer noch einen Riesenspaß, mit Simon durch die Wildnis zu fliehen und allerlei schreckliche Abenteuer zu erleben. Die Szenenwechsel zu Protagonisten, die nur ein oder zwei Mal überhaupt im Buch vorkommen, empfand ich allerdings als etwas langweilig, aber diese Kapitel waren zum Glück immer recht kurz gehalten. Das ist eventuell auch dem Charakter des Auftaktbandes zu dieser vierbändigen Serie geschuldet, der vor allem als Prolog für die eigentliche Geschichte dient.

Der Drachenbeinthron ist gut gealtert und macht auch noch 25 Jahre nach Ersterscheinung viel Spaß und kann locker mit aktueller Fantasy mithalten. Ich würde sogar so weit gehen, dass es heutzutage nur wenige Werke gibt, die es schaffen an Williams Werk heranzukommen.

Ich habe übrigens die alte Ausgabe von Fischer gelesen, in der Übersetzung von Verena C. Harksen. Eine andere gibt es auch nicht, aber zumindest eine von Andy Hanemann überarbeitete Fassung, die vor einigen Jahren bei Klett/Cotta erschienen ist. Obwohl mir die ursprüngliche Fassung der Übersetzung ganz gut gefällt, kann ich mir gut vorstellen, was da zum Teil vielleicht überarbeitet wurde, da sie sich stellenweise doch etwas holprig liest – nicht im Sinne von schlecht, sondern eher als Geschmacksfrage, vor allem was den Stil angeht.

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