Phantastikvorschau Herbst/Winter 2016/17 von Cross Cult – Klein aber fein!

Nachdem ich jetzt den aktuellen phantastischen Verlagsvorschauen der großen Publikumsverlage viel Aufmerksamkeit geschenkt habe, wird es Zeit, sich den kleineren Verlagen mit ihren ambitionierten Programmen zu widmen, die sich hinter den großen nicht zu verstecken brauchen. Darunter befindet sich auch – ursprünglich mal als Comicverlag gestartet – Cross Cult (hier kann man sich die Vorschauen als PDF runterladen).

Cross Cult ist natürlich immer noch ein Comicverlag und weiterhin die Heimat von Serien wie The Walking Dead, Sin City oder Saga (um mal drei zu nennen, die ich kenne). Wirklich wahrgenommen habe ich den Verlag aber erst, als dort die ersten Star-Trek-Romane erschienen sind. Die habe ich zwar nicht gelesen, aber es freute mich, dass die Star-Trek-Fans unter meinen Bekannten und Freunden wieder mit Nachschub versorgt wurden, nach dem die Franchiseromane bei Heyne aus dem Programm verschwunden waren. Seitdem sind noch einige Franchises wie z. B. Castle, Doctor Who oder James Bond dazugekommen (wobei man James Bond ja eigentlich nicht als Franchise bezeichnen kann, da die Romane von Ian Fleming die Vorlage für die Filme waren).

Den Franchiseromanen, die in diesem Fall vor allem auf TV-Serien basierten, folgten dann vor wenigen Jahren auch eigenständige SF-Titel wie z. B. die Serie Clone Rebellion von Steven L. Kent, die Spider-Wars-Trilogie von Adam Chistopher oder die Nordland-Trilogie von Stephen Baxter. Aber auch Titel von deutschsprachigen Autorinen wie die Serie Homo Sapiens 404 von Claudia Kern, oder der Kurzgeschichtenband Das Beste von Tad Williams (den ich nur empfehlen kann, auch wenn ich ihn noch nicht ganz durch habe).

Als ich im Sommerprogramm 2016 Meer der Dunkelheit (A Darkling Sea) von James L. Cambias entdeckte, wurde mir klar, dass man nach den im obigen Absatz erwähnten Serien von Kent und Christopher, die noch eher in die Richtung unterhaltsame Military-SF gehen, ambitioniertere Pläne für ein anspruchsvolleres Programm verfolgt. Und die jetzt online veröffentlichte Vorschau für das Herbst/Winter-Programm 2016/17 bestätigt diese Vermutung.

Denn hier finden sich so einige Titel, von denen ich mir schon vor einem Jahr erhofft hatte, dass sie einen deutschen Verlag finden würden. Und die meisten davon stammen auch noch von Frauen. 🙂

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Was für ein wundervolles Cover von Greg Ruth!

Das große Highlight des Programms ist für mich Lagune (Lagoon, Link zur Besprechung von Josefson folgen) von Nnedi Okorafor, einer Autorin, zu der ich in den letzten zwei Jahren schon öfters meine Hoffnung auf eine deutschsprachige Veröffentlichung geäußert hatte. Da ich das Buch bereits im März 2015 gelesen habe, kann ich auch schon aus erster Hand sagen, dass es sich dabei um einen aufregenden und ungewöhnlichen SF-Roman handelt. Die Kritik auf meinem Blog war damals aus Zeitgründen allerdings etwas knapp ausgefallen:

Alien landet in Afrika und sorgt für eine Menge Aufregung. Nicht der Action-B-Movie-Roman, den ich durch die Verweise auf District 9 erwartet habe. Vielmehr ein literarischer SF-Roman, der auch afrikanische Mythen mit einbringt. Sehr entspannt und unterhaltsam erzählt. Wird aber nicht einfach zu übersetzen sein, da es viele Dialoge in Pidgin-Englisch gibt.

Da bin ich gespannt, was aus den Dialogen gemacht wurde. Ich hoffe, sie wurden nicht einfach glattgebügelt, da sie für die Atmosphäre des Romans eine wichtige Rolle spielen. Ich persönlich hätte sie ja als „Unserdeutsch“ übersetzt. Aber mal abwarten, was sich die Übersetzerin hat einfallen lassen.

Mit Dunkelheit (Blackout) und Licht (All Clear) von Connie Willis erscheinen endlich zwei Alternativwelt/Zeitreise-Romane, die im Original bei Erscheinen für einiges an Aufsehen gesorgt haben, und mit denen sie bei den wichtigsten SF-Preisen des Jahres (Hugo, Nebula und Locus Awards) abräumte. Ist mir unverständlich, warum dieser Doppelroman erst 6 Jahre nach erscheinen auch in Deutschland auf den Markt kommt. Aber um so schöner, dass sich Cross Cult seiner angenommen hat.

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Military-SF ist nicht unbedingt mein liebstes Subgenre, aber ich bin ihm auch nicht gänzlich abgeneigt, da es auch immer wieder ausgezeichnete Romane jenseits der üblichen Klischees und Vorurteile (militaristisch usw.) hervorbringt. Glaubt man Josefson (siehe seine Besprechung in der SF und F Rundschau) und den Kritiken in englischsprachigen Genremagazinen wie Locus, dann ist der hawaiianischen Autorin Linda Nagata mit ihrer Serie The Red etwas ganz besonders gelungen.

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Mein Favorit im Programm ist natürlich Dunkle Materie (Dark Orbit) von Carolyn Ives Gilman, da ich es übersetzt habe. Aber ganz unabhängig davon halte ich es für eines der besten SF-Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

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So viele Autorinnen in einem so relativ kleinen Programm (im Vergleich zu den großen Publikumsverlagen), aber keine Sorge, es sind auch ein paar Autoren dabei. Über einen davon freue ich mich besonders, denn es ist schon fast 10 Jahre her, dass etwas von Altmeister Vernor Vinge auf Deutsch erschienen ist. Und wie bei Connie Willis zeigt sich, dass der Gewinn des Hugo-Awards keine rasche Übersetzung garantiert. Doch jetzt ist es endlich so weit, dass der bereits 2007 im Original erschienene Roman Rainbows End auf Deutsch als Das Ende des Regenbogens veröffentlicht wird.

Cover zu Band 1, der im September erscheinen soll.

Cover zu Band 1, der im September erscheinen soll.

Doch trotz so vieler Übersetzungen kommen auch die deutschsprachigen SF-Autoren nicht zu kurz. Mit Die Welten der Skir erscheint eine neue Space Opera von Dirk van den Boom, den man bisher vor allem aus seinen bei Atlantis erschienenen Tentakel- und Kaiserkrieger-Romanen kennt, aber auch als Mastermind hinter der bei Wurdack erschienenen Reihe Die Neunte Expansion. Und expandieren tut nun auch der Vielschreiber Diboo zu einem weiteren Verlag, womit er inzwischen ziemlich breit aufgestellt ist und der Weltherrschaft nichts mehr im Wege stehen dürfte.

Mit W. C. Bauers gibt es doch tatsächlich auch einen Autor im Programm, der mir so gar nichts sagt. Sieht nach Military/Söldner-SF aus.

Neben den bisher genannten eingenständigen SF-Romanen erscheinen aber auch noch einige Star-Trek-Romane so wie Bücher aus den Serienwelten von Doctor Who und der gerade eingestellten Krimiserie Castle. Ich bin mal gespannt, wie es mit Star Trek weitergehen wird, da ja ab nächstem Jahre eine neue TV-Serie ansteht, bei der es sich den Gerüchten zufolge um eine Anthologieserie mit abgeschlossenen Staffeln handeln soll. Ich hoffe, dass sie besser wird, als die seelenlosen Krach-Bumm-Actionfilme von J. J. Abrams.

Durch die Starts der neuen Programme der Verlage Knaur und Fischer/Tor sowie der SF-mäßigen Aufrüstung bei Piper und Bastei/Lübbe wird es für das ambitionierte SF-Programm von Cross Cult sicher starke Konkurrenz geben, aber bei den qualitativ herausragenden Titeln mache ich mir da keine Sorgen. Cross Cult hat sich inzwischen einen guten Ruf in der SF-Szene erarbeitet und durch das kleinere und konzentriertere Programm könnte auch mehr Aufmerksamkeit für die einzelnen Titel abfallen.

Ein Gedanke zu “Phantastikvorschau Herbst/Winter 2016/17 von Cross Cult – Klein aber fein!

  1. Der Vinge ist ein Pflichtkauf für mich.

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