Mein 2019

Am 7. Januar war 2019 für mich bereits gelaufen. Ab da ging es humpelnd, auf Krücken und mit Knieorthese durchs Jahr. Zwei Knie-Operationen, ein genähter Meniskus (dessen Naht übrigens nicht gehalten hat), eine Beckenkammentnahme (Knochenmaterial weggefräst und in die Bohrkanäle der alten Kreuzbandplastik eingesetzt), eine alte entfernte Kreuzbandplastik und eine neu eingsetzte. War alles halb so wild, beeinflusste mein Jahr aber doch stark, folgte auf die OPs jeweils eine längere Rehaphase mit Physiotherapie und viel Training zu Hause.

Und zu Hause war das Leitthema des Jahres, verzichtete ich doch aufgrund oben geschilderter Situation auf längere Reisen. 2017 war ich in Paris, 2018 in New York, 2019 nur auf dem Marburg Con und dem Bucon (die aber beide toll waren). Ansonsten habe ich vor allem viele Artikel und Newszusammenfassungen für Tor Online geschrieben, tolle Bücher gelesen, viele Serien geschaut (mit hochgelegtem Knie und einem Eisbeutel darauf). Im Kino war ich kein einziges Mal. Wandern auch nicht. Dafür aber viel Fahrradfahren.

Der Blog wurde ziemlich vernachlässigt, da alle schreibtechnische Energie in Tor Online floss. Nur 10 Beiträge. Ein Rekordtief, seit Translate Or Die 2011 an den Start ging. Nur eine einzige Buchbesprechung, zu The Borrowed von Chan Ho-Kei. Ein paar Kurzkritiken und drei Serienempfehlungen. Ein Artikel über meine sinkende Leselust (die sich übrigens behoben hat), über eine unveröffentlichte Übersetzung (die es wohl auch bleiben wird), ein Bericht über meinen Besuch bei den New York Yankees 2018 und ein Rückblick auf das komplette vergangene Jahrzehnt.

Meine Artikel auf Tor Online für das erste Halbjahr habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst, und hier ist der Rest:

Und bei Hundertvierzehn (dem literarischen Onlinemagazin des S. Fischer Verlags) erschien:

 

Mein(e) … des Jahres

Song: Solway Firth von Slipknot
Album: Lux Prima von Karen O und Danger Mouse
Buch: Beastie Boys Book von Adam Horowitz und Mike Diamond
Sachbuch: Midnight in Chernobyl von Adam Higginbotham
Roman: Die goldene Stadt von Sabrina Jansch
Film: Marriage Story
Cleverstes Drehbuch: On Cut Of The Dead (nicht von den ersten 30min abschrecken lassen, die erhalten am Ende eine geniale Auflösung)
Bestes Remake: Suspiria
Beste Doku: American Factory
Beste Mini-Serie: Chernobyl
Beste neue Serie: Euphoria
Beste alte Serie: Mindhunter und She’s Gotta Have It
am schnellsten weggebingte Serie: Line of Duty (Staffeln 1-4)
Beste Doku-Serie: Street Food Asia und Our Planet
Bestes Computerspiel des Jahres: Resident Evil 2 Remake (hab sonst nichts gezockt)
Bestes Hörspiel des Jahres: Die jutten Sitten
Bester Artikel des Jahres: A Battle for My Life von Emilia Clarke (im New Yorker)

Zu den Filmen sei noch gesagt, dass ich – anders als bei den Büchern – keine Liste darüber führe, was ich geschaut habe, weshalb die Filme vom Jahresende besser in Erinnerung sind, als die vom Jahresanfang. Da ich nicht im Kino war, kann ich nur gesehen haben, was schon im Heimkino erschienen ist.

Die Knieverletzung hat mich ein wenig aus meiner üblichen Routine gebracht, was durchaus eine interessante Abwechslung war. 2020 wird beruflich noch ein bisschen was anderes hinzukommen, und mal schauen, wie es weitergeht. Hätte nichts dagegen, mal wieder ein Buch zu übersetzen. Im Januar erscheint zumindest eine von mir übersetzte Kurzgeschichte in der phantastisch! Zur politischen Lage habe ich mich bereits im Dekadenrückblick geäußert.

Da ich ja in der Phantastik- bzw. Buchbranche arbeite, sei noch erwähnt, dass 2019 für ebenjene schon eine Art Krisenjahr war. Anfang des Jahres meldete der Buchgroßhändler KNV Insolvenz an, weshalb viele Verlage auf ihren Rechnungen sitzen blieben, was vor allem für Kleinverlage existenzbedrohend sein konnte. Dann kündigte die Post die Abschaffung der Buchsendung und eine Portoerhöhung an, und zu guter Letzt sortierte der andere Großhändler Libri Hunderttausende Buchtitel aus seinem System aus. Angeblich aus ökonomischen Gründen Titel, die sich nicht verkauft haben. Doch von Verlagen hört man, dass das oft völlig willkürlich ablief, ohne Vorankündigung. Teilweise Teil 4 oder so einer Serie, während alle anderen Teile im System blieben.

Und einige Phantastikverlage gingen infolge der Krise tatsächlich in die Insolvenz. Z. B. Feder & Schwert und Golkonda, andere Kleinverlage machten ganz dicht. Die Zahl der LeserInnen schrumpft, Netflix und Co. werden zur immer größeren Konkurrenz, und die Verlage sind ratlos, was noch funktioniert, weil es keine klar definierbaren Trends mehr gibt, wie einst die Völkerfantasy, Vampire oder Ähnliches. Und Riesenbestseller wie einst Harry Potter, Dan Brown oder Fifty Shades of Grey gibt es auch kaum noch.

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Scheiß drauf, das bleibt jetzt so! Mein Rückblick auf das ausklingende Jahrzehnt

Das Ende eines Jahrzehnts gilt als Wegmarke, die Anlass bietet, einen Blick zurückzuwerfen, auf jene Dekade, die gerade verstrichen ist. Ein Blick zurück auf verpasste Chancen und genutzte Gelegenheiten, die größten Triumphe und bittersten Niederlagen, erreichte Ziele und verpasste Träume. Auf Entscheidungen und deren Folgen.

Mein vorletztes Jahrzehnt endete mit einer Entscheidung, die mein Leben bis heute maßgeblich beeinflussen sollte. Einer Entscheidung, die ich nie bereut habe und die auch zur Existenz dieses Blogs führte. Und jetzt sitze ich hier und blicke auf ein abwechslungsreiches und aufregendes Jahrzehnt zurück, das mir so einige großartige Möglichkeiten bot, die ich nicht alle zu nutzen wusste.

Ein Jahrzehnt, das mich erstmals nach Paris und New York brachte; in dem ich mein erstes Buch übersetzte, dem zwölf weitere folgen sollten; in dem ich meinen zweiten Uni-Abschluss machte; in dem ich aber auch wieder ins Elternhaus zurückzog und zeitweise in einen Beruf zurückkehrte, mit dem ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ein Jahrzehnt, in dem ich gelernt habe, dass ich kein guter Netzwerker bin, es aber irgendwie doch halbwegs auf die Reihe bekommen habe, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad; und in dem ich ein wenig den Anschluss an die digitale Gegenwart verloren habe, zumindest was die beruflichen Skills angeht, obwohl ich schon seit drei Jahren einen Teil meines Einkommens über das Internet verdiene. Was ich aber – und hier ist der erste gute Vorsatz fürs nächste Jahrzehnt – jetzt zu ändern gedenke.

Die Nullerjahre beendete ich als Optimist, meine persönliche Zukunft ebenso betreffend, wie jene der Menschheit. Das aktuelle Jahrzehnt beende ich als Zweifler. Daran zweifelnd, wie es bei mir weitergehen soll, und schwarzsehend, was die Zukunft der Menschheit angeht. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die 2010er-Jahre als das Jahrzehnt in die Geschichte eingehen wird, in dem die Demokratie nach ihrem kurzen Höhenflug, der nur drei Jahrzehnte anhalten sollte, in finstere Untiefen abstürzte. Die 2010er werden nicht nur das Jahrzehnt sein, an dem der Tipping Point verpasst wurde, an dem man die Folgen des Klimawandels zumindest noch hätte abschwächen können, sondern auch die Dekade der Rechtspopulisten und Autokraten.

Das letzte Jahrzehnt vor dem Zeitalter der Dystopie, in dem jene Szenarien Wirklichkeit werden, von denen ich sonst so gerne in Science-Fiction-Romanen gelesen habe, wissend, dass sie als Warnung vor einer Zukunft galten, die es uns noch gelingen würde zu verhindern. Ein Irrtum, wie sich mit Blick nach China, Russland, England, Amerika und auch in die direkte Nachbarschaft zeigt. Eine Regierungsbeteiligung der rechtsextremen AFD ist nur eine Frage der Zeit, und ich bin fest überzeugt, dass dieser Sündenfall schon in den nächsten Jahren eintreten wird, denn der Rechtsruck in unserer Gesellschaft hat nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien und im Journalismus längst stattgefunden und ist bereits tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert, auch wenn die Meisten noch die Augen davor verschließen, und so tun, als würde es sich nur um eine Randerscheinung handeln, die schnell vorübergeht. Aber darum soll es hier nicht gehen. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Da bin ich ganz pragmatisch. Vielleicht kann ich es mir auch erlauben, weil ich keine Kinder habe. Hier geht es um meinen persönlichen Rückblick auf das letzte Jahrzehnt, nicht um die Sorgen für das nächste.

Im Spätsommer 2009 entschied ich mich, nach Berlin zu ziehen, nachdem meine Bewerbung für ein Zweitstudium an der Freien Universität Berlin erfolgreich war. Es folgten ein sehr kurzfristig anberaumter Sprachtest und eine hektische Wohnungssuche, erschwert dadurch, dass ich mein zweites Jahr als Sozialpädagoge in einer psychosomatischen Suchtklinik beenden musste, und nicht mehr genügend Urlaub übrig hatte, um mehrere Wochen ausschließlich auf die Wohnungssuche verwenden zu können.

Im Januar 2010 saß ich als Erstsemester der Nord- und Lateinamerikastudien in meiner Wohnung in Berlin/Moabit und genoss es erstmals, ganz alleine zu wohnen. Zwar hatte ich in meinen sechs Jahren an der Uni Siegen ein Zimmer im Studentenwohnheim, aber von alleine wohnen kann da keine Rede sein. Für die die damalige Zeit und mich mit Anfang 20 war es genau das Richtige, so wie ein Jahrzehnt später eine ganz eigene Wohnung genau das Richtige war. Mit 30 ein neues Studium zu beginnen, umgeben von zehn Jahre jüngeren Studierenden war ein ganz eigenes Erlebnis, das zu einem komplett anderen – und viel fokussierterem Studium! – führte.

Es war aufregend, während der Amtszeit und Wiederwahl Barak Obamas US-amerikanische Geschichte, Politik, Soziologie und Kultur zu studieren. Noch interessanter wäre es nur während des Beginns der Ära Trump gewesen, denn die haben wir alle nicht kommen sehen, obwohl die Anzeichen dafür da waren. Vermutlich wollten wir sie nicht sehen, weil es so bequemer war und wir uns weiterhin nicht eingestehen mussten, kein Mittel gegen die Radikalisierung der Rechten und den Populismus zu haben, und das uns die Digitalisierung und das Internet über den Kopf wuchsen.

13 Bücher (sowie zahlreiche Kurzgeschichten und Fernsehdokumentationen) habe ich im vergangenen Jahrzehnt übersetzt, und nicht immer war „Scheiß drauf, das bleibt jetzt so!“ die richtige Entscheidung, auch wenn sie teilweise Umständen geschuldet war, auf die ich nur wenig Einfluss hatte – von wegen (oft künstlich und ohne Not herbeigeführter) Zeitdruck in der Branche. Und ganz ehrlich, manchmal habe ich mir auch gedacht: „Wenn ihr nur XY Euro für eine Übersetzung zahlt, dann bekommt ihr auch eine Übersetzung für XY Euro.“ Auch wenn mir mein beruflicher Stolz lautstark ins Gewissen geredet hat – hin und wieder erfolgreich.

Aber ich bin stolz auf meine Übersetzungen und halte manche davon für durchaus gelungen. Bücher zu übersetzen war sozusagen die realistischere Variante davon, die Leidenschaft für Bücher zum Beruf zu machen. An der unrealistischeren arbeite ich noch. Ich stecke immer noch mitten in der Überarbeitung der ersten Fassung meines ersten Romans. Die Illusion, damit Geld zu verdienen habe ich nicht (man beachte dazu Falko Löfflers wunderbar ehrlichen und toll geschriebenen Dekadenrückblick, der mich zu diesem hier inspirierte). Da ist das Übersetzen die realistischere Variante, wenn auch nicht mehr für lange. Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es noch Jahrzehnte dauern würde, bis wir Übersetzer von Computern ersetzt werden. Inzwischen bin ich überzeugt, dass die ersten Verlage schon daran arbeiten, Übersetzungen in Zukunft von Software wie DeepL machen und das Ergebnis nur noch von einem Lektorat überarbeiten zu lassen. Ganz gleich, ob die Programme schon so weit sind, oder das Ergebnis überhaupt halbwegs lesbar sein wird. Das ist die Illusion, die mir die professionelle Tätigkeit in der Branche ein wenig geraubt hat.

Ein Jahrzehnt, das ich mit Zweifeln beende, darüber, wie es beruflich weiter gehen soll. Aktuell arbeite ich sehr viel für das phantastische Onlinemagazin Tor Online von Fischer Tor (S. Fischer Verlag), verfasse zweimal wöchentlich eine Newszusammenfassung und schreibe Artikel zu Themen der Phantastik. Ab Januar wird noch ein weiterer Aufgabenbereich hinzukommen, was mir erstmal etwas mehr finanzielle Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mich weiter nach Möglichkeiten umsehen und mich auch weiterentwickeln, wenn ich in den nächsten Jahren wieder nach Berlin ziehen möchte. Und das möchte ich wirklich, da mir das Leben in dieser Stadt inzwischen sehr fehlt.

Ich kann sehr faul, aber auch sehr produktiv sein, wenn es um die Arbeit an eigenen fiktionalen Texten geht, aber mit dem zu Ende bringen hapert es häufig. „I bully myself ‚cause I make me do what I put my mind to“, rappt Eminem in Rap God. Das ist etwas, was ich besser trainieren muss. Mich selbst dazu antreiben, Dinge zu tun, die ich mir vorgenommen habe.

Die letzten Jahre in der Selbstständigkeit hat sich bei mir eine gewisse Routine eingeschlichen, die bequem ist, da sie mir immer wieder ausreichend Freizeit bescherte, was ich für den größten Luxus überhaupt halte, die mir aber irgendwie auch die Energie für gewisse Projekte stahl. Meine Knieverletzung Anfang 2019, mit zwei darauf folgenden Operationen und einer langwierigen Rehaphase, hat mich ein wenig aus dieser Routine geworfen, was ich trotz diverser Unannehmlichkeiten teilweise begrüßt habe. Zumindest was meinen Alltag betraf, ansonsten bin ich dadurch weniger verreist und unter Leute gekommen als normalerweise. Es hat mir aber auch gezeigt, wie gelassen und pragmatisch ich auf solche Unannehmlichkeiten und unbequeme Dinge reagieren kann, wenn ich sie schließlich angehe.

Es war ein lehrreiches Jahrzehnt, das mich in einige für mich ungewohnte Situationen gebracht hat. Allein in der Großstadt zu leben, in der Kinder- und Jugendhilfe zu arbeiten, im Kindergarten, dann den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und die Erkenntnis, dass dies das richtige Berufsmodell für mich ist. Im kommenden Jahrzehnt sollte ich mich auf diese Erkenntnisse und meine Stärken konzentrieren und diese besser und öfters nutzen. Und ich sollte wieder mehr Veränderungen in mein Leben lassen, denn durch diese bin ich in der Vergangenheit immer aufgeblüht. Obwohl ich den Gedanken an Veränderungen zunächst immer hasse.

Die Zehnerjahre waren auch eine Dekade des Bloggens. Translate or die ging 2011 an den Start. Ursprünglich als rein berufliche Internetpräsenz gedacht, wurde es mit der Zeit immer persönlicher und bot mir als introvertiertem und schüchternem Menschen die Möglichkeit, etwas mehr an die Öffentlichkeit zu gehen. 2019 ging die Zahl der Blogpost drastisch zurück, und irgendwie habe ich ein wenig die Lust daran verloren, aber schließen werde ich den Blog nicht. Vielleicht ist es nur eine Phase.

Es war auch ein Jahrzehnt, in dem ich den Kontakt zu einigen alten Freunden verloren habe, die mir doch sehr fehlen. Aber Lebensmodelle und -läufe entwickeln sich irgendwann auseinander und es reicht wohl auf Dauer nicht, sich krampfhaft an den Erinnerungen an die schöne gemeinsame Zeit festzuhalten. Doch es war auch ein Jahrzehnt, in dem neue Freundschaften entstanden sind. Ein Jahrzehnt, in dem ich erstmals Trauzeuge war.

Nostalgie ist Gift und hält uns davon ab, unbeschwert in die Zukunft zu gehen. Deshalb schließe ich den Dekadenrückblick hiermit ab, hadere nicht länger mit falschen Entscheidungen, trauere keinen verpassten Gelegenheiten nach und klammere mich nicht an schöne Erinnerungen. Trotz aller Zweifel und Sorgen möchte ich lieber erhobenen Hauptes mit intaktem Knie und voller Tatendrang ins neue Jahrzehnt schreiten.

Interessante Bücher aus den aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik Frühjahr 2019

In der Vergangenheit habe ich hier auf dem Blog schon öfters die neuen Phantastikverlagsvorschauen vorgestellt, teilweise mit einem langen Blogeintrag pro Verlag. Das mache ich dieses Jahr mangels interessanter Titel nicht. Gleich vorweg: Mit „interessant“ meine ich vor allem Bücher, die für mich interessant sind.

Ich bin alle Verlagsvorschauen seit 2010 gründlich durchgegangen, habe teilweise sogar Statistiken darüber und über die Entwicklungen geführt: wie viele Erstausgaben, Neuübersetzungen und Neuauflagen älterer Titel erscheinen. Würde also behaupten, einen ganz guten Überblick über die Entwicklung der letzten Jahre zu haben. Und was ich da beobachte, gefällt mir als langjähriger und leidenschaftlicher Phantastikfan überhaupt nicht.

Man sollte das Ganze natürlich auch im Kontext der allgemeinen Entwicklung des Buchmarktes betrachten, und da sieht es trotz viel zu vieler Neuerscheinungen nicht allzu rosig aus. Auch bei den Krimi- und Thrillervorschauen der hier erwähnten Verlage finde ich nur noch wenig, was mich anspricht, auf den ersten Blick sieht alles irgendwie gleich oder zumindest sehr ähnlich aus. Nach Stangenware und Sachen, die irgendwelchen vermeintlichen Trends hinterherhecheln.

Kann natürlich auch sein, dass das einfach mein Problem ist und ich mich mit meinem Lesegeschmack verändert habe, aber Unterhaltungen mit Freunden und Kennern der Phantastik bestätigen diesen Eindruck. Manche Verlage, wie Blanvalet z. B. scheinen die Fantasy inzwischen ganz aufgegeben zu haben und bringen nur noch alte Sachen aus der Backlist (R. A. Salvatore, Raymond Feist, Terry Brooks, Christopher Paolini …). Und in mir beschleicht sich das Gefühl, dass wir hier gerade beobachten, wie der Fantasymarkt – wie wir ihn bisher kannten – zusammenbricht. So zumindest mein Eindruck.

Aber genug der Untergangsprophezeiungen und des Gemeckers. Schauen wir mal, was sich zwischen den ganzen alten Kamellen (die natürlich in eine gut gepflegte Backlist gehören, aber nicht als Spitzentitel in neue Programmvorschauen) an interessanten neuen Büchern so findet. In diesem Thread des Forums der Bibliotheka Phantastika findet man Links zu allen aktuellen Phantastikvorschauen. Mit Klick auf die Verlagsnamen gelangt ihr direkt zu den PDF-Vorschauen.

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Ist der Markt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch?

… dass der Markt für „anspruchsvolle“ SF & Fantasy (was eben nicht automatisch mit „langweiliger“ oder „anstrengender“ SF & Fantasy gleichzusetzen ist) in Deutschland voll und ganz im Arsch ist, um es mal drastisch auszudrücken.

Das schrieb mir ein Freund – den ich für einen ausgezeichneten Kenner der Phantastik und des Buchmarkts in Deutschland halte -, per E-Mail in einer Unterhaltung über die aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik. Und nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, kann ich ihm nur zustimmen. Den großen Publikumsverlagen wird oft (auch von mir) vorgeworfen, sie würden zu wenig anspruchsvolle, originelle und oder besondere Phantastik abseits der Mainstreams veröffentlichen. Und wenn sie es dann mal tun, kauft es keiner.

Im folgenden Artikel werde ich zunächst definieren, was ich unter anspruchsvoller Phantastik verstehe. Ich werde einige Beispiele von gefloppten Titeln anführen und auch AutorInnen vorstellen, die leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, es aber eigentlich gehören. Des Weiteren werde ich versuchen, darauf einzugehen, warum solche Titel es so schwer haben und ob es dafür bei uns überhaupt noch eine Leserschaft gibt.

Was ist mit anspruchsvoller Phantastik gemeint?

Unter anspruchsvoller Phantastik verstehe ich Bücher, die komplex und herausfordernd geschrieben sind, die auf einer intellektuellen Ebene zum Denken anregen, die gesellschaftliche, moralische oder sonstige Gegebenheiten hinterfragen. Aber auch Bücher, die auf einer ästhetischen und stilistischen Ebene fordern und sich von der breiten Masse abheben, die Außergewöhnliches leisten, das man nicht alle Tage liest. Oder Romane, die einfach aus den üblichen Klischees ausbrechen, die nicht zum xten-Mal Tolkien oder Lovecraft nacheifern. Die nicht einfach die klassische Heldenreise oder Questenfantasy mit Orks, Elfen und Zwergen reproduzieren, oder in einem typischen Mittelalterszenario spielen. Das soll nicht heißen, dass ich andere Phantastik als anspruchslos oder in irgendeiner Form als minderwertig abtue. Sie hat einfach einen anderen Anspruch und ein anderes Zielpublikum. Und ich lese sie auch immer wieder gerne. Aber je mehr Phantastik ich in den letzten 25 Jahren gelesen habe, desto mehr sehne ich mich nach Originellem jenseits der üblichen Schemen.

Bücher von AutorInnen wie China Miéville, Neal Stephenson, Becky Chambers, Greg Egan, Seth Dickinson, Ursula K. Le Guin, Carolyn Ives Gilman, Hal Duncan, Mervyn Peake oder Gene Wolfe.

Warum hat sie es so schwer?

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Mein Kommentar zu den anstehenden Kongresswahlen in den USA

Als Donald Trump vor zwei Jahren zum Entsetzen der vernünftig denkenden Welt und jener, die nicht jegliche Empathie und ihren Verstand verloren haben, gewählt wurde, saß der Schock tief. Doch man gab die Hoffnung nicht auf und setzte von nun an auf die Midterm-Wahlen, die Kongresswahlen von 2018. Hier war man sich sicher, dass man den Republikaner, die das Land und die Demokratie aus feigem Opportunismus verraten hatten, in einem Aufbäumen der liberalen und demokratischen Kräfte der USA ihre Mehrheiten deutlich würde abringen können (hier meine spontanen Gedanken direkt nach der Wahl 2016).

Jetzt, wenige Tage vor den Wahlen, sieht die Lage gar nicht mehr so rosig aus. Die Mehrheit der Republikaner im Senat scheint nicht gefährdet zu sein, im Repräsentantenhaus sieht es etwas besser aus, aber auch nicht so gut, wie man es sich erhofft hatte. Was man zunächst noch als das Rückzugsgefecht des alten, wütenden weißen Mannes angesehen hatte, scheint sich viel mehr zu einem globalen Trend zu entwickeln. Der Populismus befindet sich auf dem Vormarsch, die Demokratie steht unter Beschuss, nicht nur in den USA, auch in Brasilien, Polen, Ungarn, Österreich, Italien und vielen weiteren Ländern.

Und aus Deutschland sieht man dem ganzen fassungslos zu und fragt sich, ob die ganze Welt verrückt geworden ist. Trump lügt jeden Tag mehrfach, ob auf Twitter oder bei seinen Wahlkampfreden, ganz unverhohlen. Von seinem anfänglichen Team im Weißen Haus und im Kabinett sind die meisten (oft noch halbwegs gemäßigten Personen) längst wieder verschwunden. Trump hetzt weiter gegen Minderheiten und gegen die Medien und hat damit eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt, die vergangene Woche ihren Höhepunkt in einem tödlichen Terroranschlag eines rechten Extremisten und Trump-Fans auf eine Synagoge in Pittsburgh fand, bei dem elf Menschen starben. Ein anderer Amerikaner hatte Paketbomben an die Clintons, Obamas und weitere Feindbilder Trumps verschickt.

Die amerikanische Gesellschaft, die nie eine einheitliche homogene Gruppe war, spaltet sich immer weiter in jene, die noch an Demokratie, Wissenschaft und Vernunft glauben, und jene die hemmungslos ihrer rechten, populistischen Ideologie frönen, in der es keinen Platz für Mitgefühl, Anstand und Werte gibt. Zwei Jahre nach Trumps Wahl befindet sich die Linke bzw. der noch demokratisch denkende Teil der USA weitestgehend immer noch in einer Mischung aus Schockstarre und Verleugnung. Noch immer glaubt man, dass man dem rechten Mob, von dem inzwischen auch die Republikanische Partei durchsetzt ist, mit Anstand begegnen und ihm die Hand reichen müsse. Während die Gegenseite darüber nur verächtlich lacht und ihnen vor die Füße spukt.

Die Demokraten haben immer noch nicht erkannt, dass dem rechten Phänomen vereint und entschlossen entgegentreten müssen. Stattdessen zerstreiten sich die gemäßigten und die linken Flügel der Partei und sabotieren sich gegenseitig so sehr, dass die Republikaner gar nicht mehr viel für die Wahl tun müssen.

Doch es gibt auch einige Lichtblicke, die vielleicht nicht für diese Wahl, aber für die Zukunft Hoffnung bringen können, wie die junge New Yorker Kongresskandidatin Alexandria Ocasio Cortez oder der texanische Senatskandidat Beto O’Rourke, der Ted Cruz gefährlich werden könnte. Diese junge linke Protestbewegung innerhalb der Demokratischen Partei steckt noch in ihren Kinderschuhen und wird vom etablierten Parteiapparat behindert, wo es nur geht. Was für die USA fatale Folgen haben könnte, sollte sich die trumpsche Herrschaft nach den Midterms weiter festigen. Denn dann könnte seine Präsidentschaft endgültig zu irreparablen Schäden bei den demokratischen Institutionen der Vereinigten Staaten führen, von der Umwelt und den internationalen Beziehungen und den Lebensbedingungen der in den USA lebenden Minderheiten und Frauen (Stichwort: Abtreibung) ganz zu schweigen.

Noch haben die Demokraten keine Antwort auf den krawalligen Populismus Trumps gefunden, der nun auch bei den Kongresswahlen Einzug hält. Zu gehemmt und anständig, zu bieder und mit altbackenen Mitteln gehen sie in einen ungleichen Wahlkampf, der nicht zu gewinnen ist, wenn man an Zivilität und den alten Werten festhält, die man nur bewahren kann, wenn man diese Wahl gewinnt. Moderat sein, sich versöhnlich geben, das reicht inzwischen nicht mehr aus. Dann ist man zwar sich und seinen Werten treu geblieben, aber auch untergegangen. Auf die neue Welle des Populismus, dem kategorischen Leugnen von Fakten und den schamlosen Diffamierungen des Gegners muss man neue Antworten finden, neue Strategien entwickeln und sich, so schwer es auch fällt, dem Feind anpassen. Die moderaten Republikaner haben ihre konservativen Wert schon längst verraten, wer einst noch gegen Trump stand, küsst ihm jetzt die Füße oder hat sich aus der Politik zurückgezogen.

Ich hoffe übrigens sehr, dass ich mit diesem Text völlig falsch liege.

Nunca Mais! Meine Gedanken zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

2006 reiste ich im Rahmen meines Studiums für neun Wochen nach Brasilien, um dort ein Fotoprojekt mit Kindern in einer Favela durchzuführen. Vom ersten Abend an erlebte ich eine gastfreundliche, offene und vielfältige Gesellschaft. Zu unseren Gastgebern gehörten eine ehemalige Bildungsministerin, die uns in ihrer Penthousewohnung einquartierte; ein junger Computerexperte aus der unteren Mittelschicht, der uns in seinem winzigen Zweizimmerappartement aufnahm; eine Großfamilie, die gerade ihr eigenes Haus in einem Neubaugebiet gebaut hatte und uns für sechs Wochen praktisch adoptierte; und ganz einfache Menschen aus der Favela, die uns zu sich zum Essen eingeladen haben, mit denen wir zusammen gekocht, Fußball und Tischtennis gespielt, demonstriert und gelacht haben.

2006 befand sich Präsident Lula da Silva in seinem dritten Amtsjahr, die Wirtschaft boomte und Brasilien entwickelte sich zu einer prosperierenden Demokratie, in der auch Menschen aus ärmeren Schichten Aufstiegschancen hatten. Natürlich herrschte noch Gewalt, vor allem durch Drogenkriminalität, Korruption, Mauscheleien, Kinderprostitution und Diskriminierung der Armen und Schwarzen. Aber das Land befand sich auf dem richtigen Weg, Lula hatte es geschafft, dass nicht mehr nur die Reichen vom steigenden Wohlstand der Nation profitierten. Ich erlebte ein Land voller Lebensfreude, in dem Optimismus und Aufbruchstimmung herrschten. Ordem e Progesso – aber mit Samba im Blut.

Der Sportplatz von Parque Oziel in Campinas, Brasilien im Jahr 2006

Am Sonntag hat Brasilien einen zukünftigen Diktator gewählt, der aus seinem Faschismus keinen Hehl macht, gegen Minderheiten hetzt, die Natur ausbeuten möchte, indigene Völker vertreiben, einen radikalen Marktliberalismus predigt und von der Militärdiktatur und ihren Folterern schwärmt, die seiner Meinung nach mehr Menschen hätte töten sollen, und nicht nur foltern.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Wirtschaft kriselt schon seit Jahren in Brasilien, Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff fehlte das Charisma ihres Vorgängers und sie wurde von einer korrupten Elite aus dem Amt geputscht, die Korruption nahm überhand, die Mittelschicht stürzte wirtschaftlich wieder ab und den Armen fehlt der gemäßigte Hoffnungsträger. Schon 2006 hatten die Pfingstkirchen, die eine gefährliche Lücke geschlossen haben – die nach dem Abzug der Franziskaner- und Benediktinerorden durch den Vatikan klaffte -, einen enormen Einfluss in den Favelas, und die unterstützen jetzt den Faschisten Jair Bolsonaro, der keiner der korrupten großen Parteien angehört und somit zur populistischen Protestfigur wie Donald Trump wurde.

Die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, in Ungarn und Polen sind autokratische Regierungen an der Macht, in Italien und Österreich sitzten Rechtsradikale im Kabinett, Russland, Türkei, Kambodscha, Nicaragua und Venezuela sind wieder in die Diktatur abgeglitten, auf den Philippinen hetzt Präsident Duterte Todesschwadron auf Drogenabhänge. Totalitäre Herrscher wie Putin oder Mohammed bin Salman lassen ganz offen Kritiker in anderen Ländern von Killerkommandos ermorden, ohne dass es für sie wirkliche Konsequenzen hat.

Fällt Brasilien, sehe ich ganz Lateinamerika auf der Kippe stehen. Dann könnten wir endgültig in die düsteren Zeiten der Militärdiktaturen abgleiten, die den Kontinent über Jahrzehnte blutig beherrschten. Und ich mache mir große Sorgen um meine brasilianischen Freunde.

Die Folgen für Brasilien

Schon vor der Wahl stürmte die Militärpolizei Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen und beschlagnahmte Material über die Militärdiktatur. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten und Jahren folgen dürfte. Leider ist es Brasilien nie gelungen, die sogenannten »Bleiernen Jahre«, die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufzuarbeiten – sowohl gesellschaftlich als auch juristisch. Letzteres wurde durch ein Amnestiegesetz von 1979 verhindert, das also noch während der Diktatur entstanden ist. Und auch gesellschaftlich lief es eher schleppend voran. Unter der glücklosen Präsidentin Dilma Rousseff, die selbst während der Diktatur gefoltert worden war, wurden zwar Wahrheitskommissionen eingerichtet, mit deren Ergebnis die Opfer von damals aber sehr unzufrieden waren und sie eher als Farce betrachten.

Und jetzt ist ein Präsident gewählt worden, der Carlos Alberto Brilhante Ustra, den ehemaligen Leiter des gefürchtetsten Folterzentrums verherrlicht. Der sich stolz als homophob bezeichnet, den Regenwald rücksichtslos abholzen, und damit die noch verbliebenen indigenen Völker vertreiben und ausrotten möchte, die man schon während der Militärdiktatur in Straflager gesteckt hatte und die auch in demokratischen Zeiten ermordet werden.

Schon während des Wahlkampfes stiegen die Gewalttaten gegen homo- und transsexuelle Menschen an, aber auch gegen öffentlich agierende Anhänger und Wahlkämpfer des anderen Präsidentschaftskandidaten Haddad. Aus unserer deutschen Geschichte wissen wir, dass die Diktatur, auch wenn sie demokratisch initiiert wurde, mit Gewalt auf den Straßen beginnt. Zunächst noch eine brutale, gesetzlose Schlägertruppe, wurde die SA Himmlers nach der Wahl durch das neu Regime legitimiert. Übergriffe und Gewalt, die vom Staat und seinen Organen ausgeht, werden der nächste Schritt sein.

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren fühlen sich Angehörige von Minderheiten wieder unsicher und fremd im eigenen Land. Und da es Brasilien Bedrohungen von außen mangelt, werden sie vermutlich auch nach Ende des Wahlkampfes dem neuen Präsidenten weiterhin Zielscheibe dienen, so wie es Trump in den USA vorgemacht hat. Mit Lügen, die während des Wahlkampfes massiv über WhatsApp verbreitet wurden. Das Internet und die sozialen Medien entwickeln sich immer stärker zum Wegbereiter antidemokratischer Kräfte.

Hätte Lula zur Wahl gestanden, wäre es vermutlich anders ausgegangen. Ob etwas an den Korruptionsvorwürfen dran ist, wegen denen er jetzt im Gefängnis sitzt, mag ich nicht zu beurteilen. Verhindert hat seine Kandidatur der Richter Sergio Moro, der gut mit Bolsonora befreundet ist und von ihm zum Dank jetzt als Justizminister ernannt werden soll.

Traurige Tropen.

Es erscheinen zu viele Bücher!

Karla Paul veröffentlichte kürzlich ein Plädoyer für Minimalismus (bei dem ich einige Punkte durchaus kritisch sehe), unter anderem durch den Verzicht bzw. eine Reduktion beim Kauf von neuen Büchern. Der Standard hat passend dazu einen Artikel veröffentlicht, in dem die Frage gestellt wird, wer bei 200 Buchneuerscheinungen pro Tag das alles noch lesen solle. Die Zahl der Leser sei um 6. Millionen gesunken, der Umsatz bleibe dank der Vielleser noch gleich. Aus der Verlagsbranche höre ich immer öfters und stärker als zuvor, dass sie sich in der Krise befinde, bzw. es dem Buchmarkt nicht gut ginge.

Meine Meinung dazu: Wenn alle Verlage die Zahl der Titel in ihren Programmen kürzen würden (was für mich als Übersetzer natürlich erst mal schlecht wäre), sich stattdessen auf besondere, außergewöhnliche und nicht austauschbare Titel konzentrieren würden und einzelnen Titeln dabei mehr Zeit geben, dann könnten einzelne Bücher auch erfolgreicher sein und die (dann noch veröffentlichten) Autoren Honorare erhalten, von denen sie leben könnten. Sie hätten mehr Zeit zum Schreiben einzelner Romane und könnten dabei sorgfältiger vorgehen. Die Buchhändler und interessierten LeserInnen hätten eine Chance, sich einen Überblick über die Neuerscheinungen zu machen (wenn ich mit der letzten Verlagsvorschau durch bin, weiß ich schon nicht mehr, was in den ersten stand).

Stattdessen werden Unmengen an Titeln rausgehauen – eben 200 am Tag, wie im Artikel steht – die sich gegenseitig die Leser wegnehmen, so dass am Ende kaum einer davon schwarze Zahlen schreibt. Der Buchmarkt kannibalisiert sich selbst. Und die Antwort der Verlage ist es, immer mehr Bücher für immer weniger Leser zu veröffentlichen.

In der Phantastik scheint die Zahl der Titel in den letzten 2 Jahren wieder zurückgegangen zu sein. Fischer Tor und Knaur haben weniger als noch zum Programmstart. Heyne SF bringt fast 10 Titel weniger pro Halbjahresprogramm, bei den anderen habe ich jetzt nicht nachgezählt.

Zugegeben, vor ein paar Jahren habe ich mich noch beschwert, dass immer weniger Phantastik bei den Publikumsverlagen erscheint, inzwischen sehe ich das etwas differenzierter.

Im März dieses Jahres habe ich das Thema schon einmal unter dem Titel Erscheinen zu viele Bücher? etwas ausführlicher behandelt. Und die beiden Beiträge ganz vergessen, als ich obigen Text schrieb, der dann doch verblüffend dem Unterkapitel aus Sicht der Verlage ähnelt. Damals schrieb ich noch, ich wüsste nicht, ob wirklich zu viele Bücher erscheinen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, aus dem Fragezeichen wurde ein Ausrufezeichen. Vor allem wegen der sich immer schneller drehenden Spirale aus immer mehr Neuerscheinungen und immer kürzer werdenden Zeiträumen, in denen sie sich verkaufen/rechnen/beweisen müssen. Ich will auch kein Elektroauto fahren, das unter enormen Zeitdruck entwickelt wurde, von Mitarbeitern, die in der Fabrik schlafen, sich ausbeuten lassen bzw. ausgebeutete werden und dadurch einen extrem ungesunden Lebenswandel führen.

Anders als Karla Paul sehe ich das weniger unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit, sondern mehr als Notwendigkeit für ein gesundes Fortbestehen des Buchmarkts. Aber das ist kein Patentrezept, sondern nur meine Meinung.

Last Chance To Read – Ein kurzer Streifzug durch 6 Jahre Translate Or Die

Bevor man sein Comeback planen kann, muss man erst mal eine Abschiedstournee mit den alten Hits machen. Hier ein paar ausgewählte Blogbeiträge mit Hintergrundinfos, die es nur noch bis Donnerstag zum Lesen gibt:

Im November 2011 ging Translate Or Die an den Start, eigentlich als meine berufliche Präsentationsseite als Übersetzer. Damals studierte ich noch Amerikanistik an der Freien Universität in Berlin (hier mehr zum Studium) und betrieb meine Bestrebungen Übersetzer zu werden zunächst nebenbei.

Sexismus, Diskriminierung und Captain Future – Zu meinen ersten Übersetzungen gehörte Captain Future im Golkonda Verlag. Das war vermutlich der für mich beruflich wichtigste Kontakt, denn Hannes Riffel hatte damals schon einen exzellenten Ruf in der Branche und war anfangs für mich eine Art Mentor. Damals lebte ich noch in Berlin und bin zur Besprechung der Übersetzungen direkt bei ihm zu Hause vorbei. Und auch heute arbeite ich noch für ihn bei Tor Online. Den Golkonda Verlag hat er allerdings letztes Jahr verkauft, und die neuen Besitzer haben wohl ihre eigenen Übersetzer mitgebracht, weshalb meine letzte Captain Future-Übersetzung im März erschienen ist. Mit allen zukünftigen werde ich vermutlich nichts mehr zu tun haben.

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So long, and thanks for all the fish!

Am 24. Mai schließt Translate or Die seine Pforten – vermutlich nur vorübergehend. Den Grund habe ich ja schon an dieser Stelle erklärt. Ich würde nicht sagen, dass ich mich der DSGVO-Hysterie angeschlossen habe, momenta habe ich einfach nur keine Lust, mich aktiv damit zu beschäftigen. Vielleicht sieht es nach meinem New-York-Urlaub im Juni anders aus. Bis dahin werde ich aber zu Genüge mit anderen Dingen sein, die bei mir aktuell eine höhere Priorität besitzen.

Translate Or Die entstand ursprünglich als meine Internetpräsenz als Übersetzer, hat sich mit der Zeit aber zu einem eher privaten Blog entwickelt, auf dem ich Bücher und Serien bespreche und Artikel zu allen möglichen Themen schreibe, auf die ich gerade Lust habe. Am Anfang meiner Karriere hat der Blog durchaus dazu beigetragen, dass ich Aufträge erhalten habe, in letzter Zeit ist diese Außenwirkung aber deutlich zurückgegangen. Insofern werde ich es beruflich wohl verschmerzen können, eine Weile ohne den Blog auszukommen.

Richtig schade finde ich es nur für euch LeserInnen, die ihr hier regelmäßig vorbeigeschaut habt, weil ihr euch für meine Beiträge interessiert habt (danke dafür!). Unter den 100 Follower befinden sich eindeutig nicht nur Leute und Bots, die mir aus Werbezwecken folgen. Dauerhaft wird er Blog auf keinen Fall aus dem Netz verschwinden, das wäre mit den über 500 Beiträgen, von denen auch viele alte noch durch Google Zugriffe erhalten, viel zu schade.

Ich bin gespannt, wie es mir die nächsten Monate ohne den Blog ergehen wird, der die letzten fünf Jahre fester Bestandteil meines Lebens gewesen ist. In der Zeit will ich auch meine Internetpräsenz generell stark zurückfahren (auf Facebook, Twitter und in diversen Foren), um ich voll und ganz auf ein bestimmtes Projekt zu konzentrieren. Das Internet ist schon ein enormer Zeitfresser und verlockt zum Prokrastinieren. So ganz werde ich aber nicht darauf verzichten können, da ich ja zweimal die Woche die SFF-News auf Tor Online verfasse, für die ich im Netz unterwegs sein muss. Und gelegentlich wird es auch Buchbesprechungen von mir auf Fantasyguide.de geben. Demnächst z. B. zu Autonom von Annalee Newitz.

Also, so long, and thanks for all the fish!

Die phantastischen Netzstreifzüge …

… gab es zuletzt vor mehr als einem Jahr am 6. Februar 2016, danach ist die Rubrik, die es seit der Nummer 1 am 18.02.2014 auf 46 ½ Ausgaben brachte, eingeschlafen, weil mir einfach die Zeit dafür gefehlt hat und ich auch Lust auf andere Arten von Blogeinträgen hatte. In der Rubrik habe ich regelmäßig (aber ohne festen Rhythmus) auf interessante Artikel zu phantastischen Themen verlinkt und sie meist auch noch ein wenig persönlich kommentiert.

Die Rubrik wird erst mal eingeschlafen bleiben, aber dafür gibt es jetzt auf Tor Online drei Mal in der Woche (montags, mittwochs und freitags) die von mir erstellten SFF News – also Neuigkeiten aus den Themenfeldern Science Fiction und Fantasy (aber auch sonstige Phantastik) in Buch, Film und dem ganzen Rest. Drei bis sechs News pro Ausgabe, darunter Trailer und Neuigkeiten zu Filmen und Serien, aber auch immer wieder Themen, die man auf den anderen phantastischen Newsseiten nicht so häufig findet. Wie z. B. der Hinweis auf die SF-Retrospektive der Berlinale in der ersten Ausgabe oder die Eröffnung eines Instituts für Science Fiction und Fantasy an der Anglia Ruskin University in Nummer 2.

Mal sehen, wie die Sache angenommen wird. Wir versuchen durchaus, die Nachrichten relativ tagesaktuell zu bringen, aber es geht nicht darum, schneller als die anderen zu sein. Es soll eine kompakte Übersicht über aktuell für Phantasten und Geeks interessante Neuigkeiten sein.