Interessante Bücher aus den aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik Frühjahr 2019

In der Vergangenheit habe ich hier auf dem Blog schon öfters die neuen Phantastikverlagsvorschauen vorgestellt, teilweise mit einem langen Blogeintrag pro Verlag. Das mache ich dieses Jahr mangels interessanter Titel nicht. Gleich vorweg: Mit „interessant“ meine ich vor allem Bücher, die für mich interessant sind.

Ich bin alle Verlagsvorschauen seit 2010 gründlich durchgegangen, habe teilweise sogar Statistiken darüber und über die Entwicklungen geführt: wie viele Erstausgaben, Neuübersetzungen und Neuauflagen älterer Titel erscheinen. Würde also behaupten, einen ganz guten Überblick über die Entwicklung der letzten Jahre zu haben. Und was ich da beobachte, gefällt mir als langjähriger und leidenschaftlicher Phantastikfan überhaupt nicht.

Man sollte das Ganze natürlich auch im Kontext der allgemeinen Entwicklung des Buchmarktes betrachten, und da sieht es trotz viel zu vieler Neuerscheinungen nicht allzu rosig aus. Auch bei den Krimi- und Thrillervorschauen der hier erwähnten Verlage finde ich nur noch wenig, was mich anspricht, auf den ersten Blick sieht alles irgendwie gleich oder zumindest sehr ähnlich aus. Nach Stangenware und Sachen, die irgendwelchen vermeintlichen Trends hinterherhecheln.

Kann natürlich auch sein, dass das einfach mein Problem ist und ich mich mit meinem Lesegeschmack verändert habe, aber Unterhaltungen mit Freunden und Kennern der Phantastik bestätigen diesen Eindruck. Manche Verlage, wie Blanvalet z. B. scheinen die Fantasy inzwischen ganz aufgegeben zu haben und bringen nur noch alte Sachen aus der Backlist (R. A. Salvatore, Raymond Feist, Terry Brooks, Christopher Paolini …). Und in mir beschleicht sich das Gefühl, dass wir hier gerade beobachten, wie der Fantasymarkt – wie wir ihn bisher kannten – zusammenbricht. So zumindest mein Eindruck.

Aber genug der Untergangsprophezeiungen und des Gemeckers. Schauen wir mal, was sich zwischen den ganzen alten Kamellen (die natürlich in eine gut gepflegte Backlist gehören, aber nicht als Spitzentitel in neue Programmvorschauen) an interessanten neuen Büchern so findet. In diesem Thread des Forums der Bibliotheka Phantastika findet man Links zu allen aktuellen Phantastikvorschauen. Mit Klick auf die Verlagsnamen gelangt ihr direkt zu den PDF-Vorschauen.

Weiterlesen

Ist der Markt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch?

… dass der Markt für „anspruchsvolle“ SF & Fantasy (was eben nicht automatisch mit „langweiliger“ oder „anstrengender“ SF & Fantasy gleichzusetzen ist) in Deutschland voll und ganz im Arsch ist, um es mal drastisch auszudrücken.

Das schrieb mir ein Freund – den ich für einen ausgezeichneten Kenner der Phantastik und des Buchmarkts in Deutschland halte -, per E-Mail in einer Unterhaltung über die aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik. Und nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, kann ich ihm nur zustimmen. Den großen Publikumsverlagen wird oft (auch von mir) vorgeworfen, sie würden zu wenig anspruchsvolle, originelle und oder besondere Phantastik abseits der Mainstreams veröffentlichen. Und wenn sie es dann mal tun, kauft es keiner.

Im folgenden Artikel werde ich zunächst definieren, was ich unter anspruchsvoller Phantastik verstehe. Ich werde einige Beispiele von gefloppten Titeln anführen und auch AutorInnen vorstellen, die leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, es aber eigentlich gehören. Des Weiteren werde ich versuchen, darauf einzugehen, warum solche Titel es so schwer haben und ob es dafür bei uns überhaupt noch eine Leserschaft gibt.

Was ist mit anspruchsvoller Phantastik gemeint?

Unter anspruchsvoller Phantastik verstehe ich Bücher, die komplex und herausfordernd geschrieben sind, die auf einer intellektuellen Ebene zum Denken anregen, die gesellschaftliche, moralische oder sonstige Gegebenheiten hinterfragen. Aber auch Bücher, die auf einer ästhetischen und stilistischen Ebene fordern und sich von der breiten Masse abheben, die Außergewöhnliches leisten, das man nicht alle Tage liest. Oder Romane, die einfach aus den üblichen Klischees ausbrechen, die nicht zum xten-Mal Tolkien oder Lovecraft nacheifern. Die nicht einfach die klassische Heldenreise oder Questenfantasy mit Orks, Elfen und Zwergen reproduzieren, oder in einem typischen Mittelalterszenario spielen. Das soll nicht heißen, dass ich andere Phantastik als anspruchslos oder in irgendeiner Form als minderwertig abtue. Sie hat einfach einen anderen Anspruch und ein anderes Zielpublikum. Und ich lese sie auch immer wieder gerne. Aber je mehr Phantastik ich in den letzten 25 Jahren gelesen habe, desto mehr sehne ich mich nach Originellem jenseits der üblichen Schemen.

Bücher von AutorInnen wie China Miéville, Neal Stephenson, Becky Chambers, Greg Egan, Seth Dickinson, Ursula K. Le Guin, Carolyn Ives Gilman, Hal Duncan, Mervyn Peake oder Gene Wolfe.

Warum hat sie es so schwer?

Weiterlesen

Mein Kommentar zu den anstehenden Kongresswahlen in den USA

Als Donald Trump vor zwei Jahren zum Entsetzen der vernünftig denkenden Welt und jener, die nicht jegliche Empathie und ihren Verstand verloren haben, gewählt wurde, saß der Schock tief. Doch man gab die Hoffnung nicht auf und setzte von nun an auf die Midterm-Wahlen, die Kongresswahlen von 2018. Hier war man sich sicher, dass man den Republikaner, die das Land und die Demokratie aus feigem Opportunismus verraten hatten, in einem Aufbäumen der liberalen und demokratischen Kräfte der USA ihre Mehrheiten deutlich würde abringen können (hier meine spontanen Gedanken direkt nach der Wahl 2016).

Jetzt, wenige Tage vor den Wahlen, sieht die Lage gar nicht mehr so rosig aus. Die Mehrheit der Republikaner im Senat scheint nicht gefährdet zu sein, im Repräsentantenhaus sieht es etwas besser aus, aber auch nicht so gut, wie man es sich erhofft hatte. Was man zunächst noch als das Rückzugsgefecht des alten, wütenden weißen Mannes angesehen hatte, scheint sich viel mehr zu einem globalen Trend zu entwickeln. Der Populismus befindet sich auf dem Vormarsch, die Demokratie steht unter Beschuss, nicht nur in den USA, auch in Brasilien, Polen, Ungarn, Österreich, Italien und vielen weiteren Ländern.

Und aus Deutschland sieht man dem ganzen fassungslos zu und fragt sich, ob die ganze Welt verrückt geworden ist. Trump lügt jeden Tag mehrfach, ob auf Twitter oder bei seinen Wahlkampfreden, ganz unverhohlen. Von seinem anfänglichen Team im Weißen Haus und im Kabinett sind die meisten (oft noch halbwegs gemäßigten Personen) längst wieder verschwunden. Trump hetzt weiter gegen Minderheiten und gegen die Medien und hat damit eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt, die vergangene Woche ihren Höhepunkt in einem tödlichen Terroranschlag eines rechten Extremisten und Trump-Fans auf eine Synagoge in Pittsburgh fand, bei dem elf Menschen starben. Ein anderer Amerikaner hatte Paketbomben an die Clintons, Obamas und weitere Feindbilder Trumps verschickt.

Die amerikanische Gesellschaft, die nie eine einheitliche homogene Gruppe war, spaltet sich immer weiter in jene, die noch an Demokratie, Wissenschaft und Vernunft glauben, und jene die hemmungslos ihrer rechten, populistischen Ideologie frönen, in der es keinen Platz für Mitgefühl, Anstand und Werte gibt. Zwei Jahre nach Trumps Wahl befindet sich die Linke bzw. der noch demokratisch denkende Teil der USA weitestgehend immer noch in einer Mischung aus Schockstarre und Verleugnung. Noch immer glaubt man, dass man dem rechten Mob, von dem inzwischen auch die Republikanische Partei durchsetzt ist, mit Anstand begegnen und ihm die Hand reichen müsse. Während die Gegenseite darüber nur verächtlich lacht und ihnen vor die Füße spukt.

Die Demokraten haben immer noch nicht erkannt, dass dem rechten Phänomen vereint und entschlossen entgegentreten müssen. Stattdessen zerstreiten sich die gemäßigten und die linken Flügel der Partei und sabotieren sich gegenseitig so sehr, dass die Republikaner gar nicht mehr viel für die Wahl tun müssen.

Doch es gibt auch einige Lichtblicke, die vielleicht nicht für diese Wahl, aber für die Zukunft Hoffnung bringen können, wie die junge New Yorker Kongresskandidatin Alexandria Ocasio Cortez oder der texanische Senatskandidat Beto O’Rourke, der Ted Cruz gefährlich werden könnte. Diese junge linke Protestbewegung innerhalb der Demokratischen Partei steckt noch in ihren Kinderschuhen und wird vom etablierten Parteiapparat behindert, wo es nur geht. Was für die USA fatale Folgen haben könnte, sollte sich die trumpsche Herrschaft nach den Midterms weiter festigen. Denn dann könnte seine Präsidentschaft endgültig zu irreparablen Schäden bei den demokratischen Institutionen der Vereinigten Staaten führen, von der Umwelt und den internationalen Beziehungen und den Lebensbedingungen der in den USA lebenden Minderheiten und Frauen (Stichwort: Abtreibung) ganz zu schweigen.

Noch haben die Demokraten keine Antwort auf den krawalligen Populismus Trumps gefunden, der nun auch bei den Kongresswahlen Einzug hält. Zu gehemmt und anständig, zu bieder und mit altbackenen Mitteln gehen sie in einen ungleichen Wahlkampf, der nicht zu gewinnen ist, wenn man an Zivilität und den alten Werten festhält, die man nur bewahren kann, wenn man diese Wahl gewinnt. Moderat sein, sich versöhnlich geben, das reicht inzwischen nicht mehr aus. Dann ist man zwar sich und seinen Werten treu geblieben, aber auch untergegangen. Auf die neue Welle des Populismus, dem kategorischen Leugnen von Fakten und den schamlosen Diffamierungen des Gegners muss man neue Antworten finden, neue Strategien entwickeln und sich, so schwer es auch fällt, dem Feind anpassen. Die moderaten Republikaner haben ihre konservativen Wert schon längst verraten, wer einst noch gegen Trump stand, küsst ihm jetzt die Füße oder hat sich aus der Politik zurückgezogen.

Ich hoffe übrigens sehr, dass ich mit diesem Text völlig falsch liege.

Nunca Mais! Meine Gedanken zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

2006 reiste ich im Rahmen meines Studiums für neun Wochen nach Brasilien, um dort ein Fotoprojekt mit Kindern in einer Favela durchzuführen. Vom ersten Abend an erlebte ich eine gastfreundliche, offene und vielfältige Gesellschaft. Zu unseren Gastgebern gehörten eine ehemalige Bildungsministerin, die uns in ihrer Penthousewohnung einquartierte; ein junger Computerexperte aus der unteren Mittelschicht, der uns in seinem winzigen Zweizimmerappartement aufnahm; eine Großfamilie, die gerade ihr eigenes Haus in einem Neubaugebiet gebaut hatte und uns für sechs Wochen praktisch adoptierte; und ganz einfache Menschen aus der Favela, die uns zu sich zum Essen eingeladen haben, mit denen wir zusammen gekocht, Fußball und Tischtennis gespielt, demonstriert und gelacht haben.

2006 befand sich Präsident Lula da Silva in seinem dritten Amtsjahr, die Wirtschaft boomte und Brasilien entwickelte sich zu einer prosperierenden Demokratie, in der auch Menschen aus ärmeren Schichten Aufstiegschancen hatten. Natürlich herrschte noch Gewalt, vor allem durch Drogenkriminalität, Korruption, Mauscheleien, Kinderprostitution und Diskriminierung der Armen und Schwarzen. Aber das Land befand sich auf dem richtigen Weg, Lula hatte es geschafft, dass nicht mehr nur die Reichen vom steigenden Wohlstand der Nation profitierten. Ich erlebte ein Land voller Lebensfreude, in dem Optimismus und Aufbruchstimmung herrschten. Ordem e Progesso – aber mit Samba im Blut.

Der Sportplatz von Parque Oziel in Campinas, Brasilien im Jahr 2006

Am Sonntag hat Brasilien einen zukünftigen Diktator gewählt, der aus seinem Faschismus keinen Hehl macht, gegen Minderheiten hetzt, die Natur ausbeuten möchte, indigene Völker vertreiben, einen radikalen Marktliberalismus predigt und von der Militärdiktatur und ihren Folterern schwärmt, die seiner Meinung nach mehr Menschen hätte töten sollen, und nicht nur foltern.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Wirtschaft kriselt schon seit Jahren in Brasilien, Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff fehlte das Charisma ihres Vorgängers und sie wurde von einer korrupten Elite aus dem Amt geputscht, die Korruption nahm überhand, die Mittelschicht stürzte wirtschaftlich wieder ab und den Armen fehlt der gemäßigte Hoffnungsträger. Schon 2006 hatten die Pfingstkirchen, die eine gefährliche Lücke geschlossen haben – die nach dem Abzug der Franziskaner- und Benediktinerorden durch den Vatikan klaffte -, einen enormen Einfluss in den Favelas, und die unterstützen jetzt den Faschisten Jair Bolsonaro, der keiner der korrupten großen Parteien angehört und somit zur populistischen Protestfigur wie Donald Trump wurde.

Die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, in Ungarn und Polen sind autokratische Regierungen an der Macht, in Italien und Österreich sitzten Rechtsradikale im Kabinett, Russland, Türkei, Kambodscha, Nicaragua und Venezuela sind wieder in die Diktatur abgeglitten, auf den Philippinen hetzt Präsident Duterte Todesschwadron auf Drogenabhänge. Totalitäre Herrscher wie Putin oder Mohammed bin Salman lassen ganz offen Kritiker in anderen Ländern von Killerkommandos ermorden, ohne dass es für sie wirkliche Konsequenzen hat.

Fällt Brasilien, sehe ich ganz Lateinamerika auf der Kippe stehen. Dann könnten wir endgültig in die düsteren Zeiten der Militärdiktaturen abgleiten, die den Kontinent über Jahrzehnte blutig beherrschten. Und ich mache mir große Sorgen um meine brasilianischen Freunde.

Die Folgen für Brasilien

Schon vor der Wahl stürmte die Militärpolizei Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen und beschlagnahmte Material über die Militärdiktatur. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten und Jahren folgen dürfte. Leider ist es Brasilien nie gelungen, die sogenannten »Bleiernen Jahre«, die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufzuarbeiten – sowohl gesellschaftlich als auch juristisch. Letzteres wurde durch ein Amnestiegesetz von 1979 verhindert, das also noch während der Diktatur entstanden ist. Und auch gesellschaftlich lief es eher schleppend voran. Unter der glücklosen Präsidentin Dilma Rousseff, die selbst während der Diktatur gefoltert worden war, wurden zwar Wahrheitskommissionen eingerichtet, mit deren Ergebnis die Opfer von damals aber sehr unzufrieden waren und sie eher als Farce betrachten.

Und jetzt ist ein Präsident gewählt worden, der Carlos Alberto Brilhante Ustra, den ehemaligen Leiter des gefürchtetsten Folterzentrums verherrlicht. Der sich stolz als homophob bezeichnet, den Regenwald rücksichtslos abholzen, und damit die noch verbliebenen indigenen Völker vertreiben und ausrotten möchte, die man schon während der Militärdiktatur in Straflager gesteckt hatte und die auch in demokratischen Zeiten ermordet werden.

Schon während des Wahlkampfes stiegen die Gewalttaten gegen homo- und transsexuelle Menschen an, aber auch gegen öffentlich agierende Anhänger und Wahlkämpfer des anderen Präsidentschaftskandidaten Haddad. Aus unserer deutschen Geschichte wissen wir, dass die Diktatur, auch wenn sie demokratisch initiiert wurde, mit Gewalt auf den Straßen beginnt. Zunächst noch eine brutale, gesetzlose Schlägertruppe, wurde die SA Himmlers nach der Wahl durch das neu Regime legitimiert. Übergriffe und Gewalt, die vom Staat und seinen Organen ausgeht, werden der nächste Schritt sein.

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren fühlen sich Angehörige von Minderheiten wieder unsicher und fremd im eigenen Land. Und da es Brasilien Bedrohungen von außen mangelt, werden sie vermutlich auch nach Ende des Wahlkampfes dem neuen Präsidenten weiterhin Zielscheibe dienen, so wie es Trump in den USA vorgemacht hat. Mit Lügen, die während des Wahlkampfes massiv über WhatsApp verbreitet wurden. Das Internet und die sozialen Medien entwickeln sich immer stärker zum Wegbereiter antidemokratischer Kräfte.

Hätte Lula zur Wahl gestanden, wäre es vermutlich anders ausgegangen. Ob etwas an den Korruptionsvorwürfen dran ist, wegen denen er jetzt im Gefängnis sitzt, mag ich nicht zu beurteilen. Verhindert hat seine Kandidatur der Richter Sergio Moro, der gut mit Bolsonora befreundet ist und von ihm zum Dank jetzt als Justizminister ernannt werden soll.

Traurige Tropen.

Es erscheinen zu viele Bücher!

Karla Paul veröffentlichte kürzlich ein Plädoyer für Minimalismus (bei dem ich einige Punkte durchaus kritisch sehe), unter anderem durch den Verzicht bzw. eine Reduktion beim Kauf von neuen Büchern. Der Standard hat passend dazu einen Artikel veröffentlicht, in dem die Frage gestellt wird, wer bei 200 Buchneuerscheinungen pro Tag das alles noch lesen solle. Die Zahl der Leser sei um 6. Millionen gesunken, der Umsatz bleibe dank der Vielleser noch gleich. Aus der Verlagsbranche höre ich immer öfters und stärker als zuvor, dass sie sich in der Krise befinde, bzw. es dem Buchmarkt nicht gut ginge.

Meine Meinung dazu: Wenn alle Verlage die Zahl der Titel in ihren Programmen kürzen würden (was für mich als Übersetzer natürlich erst mal schlecht wäre), sich stattdessen auf besondere, außergewöhnliche und nicht austauschbare Titel konzentrieren würden und einzelnen Titeln dabei mehr Zeit geben, dann könnten einzelne Bücher auch erfolgreicher sein und die (dann noch veröffentlichten) Autoren Honorare erhalten, von denen sie leben könnten. Sie hätten mehr Zeit zum Schreiben einzelner Romane und könnten dabei sorgfältiger vorgehen. Die Buchhändler und interessierten LeserInnen hätten eine Chance, sich einen Überblick über die Neuerscheinungen zu machen (wenn ich mit der letzten Verlagsvorschau durch bin, weiß ich schon nicht mehr, was in den ersten stand).

Stattdessen werden Unmengen an Titeln rausgehauen – eben 200 am Tag, wie im Artikel steht – die sich gegenseitig die Leser wegnehmen, so dass am Ende kaum einer davon schwarze Zahlen schreibt. Der Buchmarkt kannibalisiert sich selbst. Und die Antwort der Verlage ist es, immer mehr Bücher für immer weniger Leser zu veröffentlichen.

In der Phantastik scheint die Zahl der Titel in den letzten 2 Jahren wieder zurückgegangen zu sein. Fischer Tor und Knaur haben weniger als noch zum Programmstart. Heyne SF bringt fast 10 Titel weniger pro Halbjahresprogramm, bei den anderen habe ich jetzt nicht nachgezählt.

Zugegeben, vor ein paar Jahren habe ich mich noch beschwert, dass immer weniger Phantastik bei den Publikumsverlagen erscheint, inzwischen sehe ich das etwas differenzierter.

Im März dieses Jahres habe ich das Thema schon einmal unter dem Titel Erscheinen zu viele Bücher? etwas ausführlicher behandelt. Und die beiden Beiträge ganz vergessen, als ich obigen Text schrieb, der dann doch verblüffend dem Unterkapitel aus Sicht der Verlage ähnelt. Damals schrieb ich noch, ich wüsste nicht, ob wirklich zu viele Bücher erscheinen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, aus dem Fragezeichen wurde ein Ausrufezeichen. Vor allem wegen der sich immer schneller drehenden Spirale aus immer mehr Neuerscheinungen und immer kürzer werdenden Zeiträumen, in denen sie sich verkaufen/rechnen/beweisen müssen. Ich will auch kein Elektroauto fahren, das unter enormen Zeitdruck entwickelt wurde, von Mitarbeitern, die in der Fabrik schlafen, sich ausbeuten lassen bzw. ausgebeutete werden und dadurch einen extrem ungesunden Lebenswandel führen.

Anders als Karla Paul sehe ich das weniger unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit, sondern mehr als Notwendigkeit für ein gesundes Fortbestehen des Buchmarkts. Aber das ist kein Patentrezept, sondern nur meine Meinung.

Last Chance To Read – Ein kurzer Streifzug durch 6 Jahre Translate Or Die

Bevor man sein Comeback planen kann, muss man erst mal eine Abschiedstournee mit den alten Hits machen. Hier ein paar ausgewählte Blogbeiträge mit Hintergrundinfos, die es nur noch bis Donnerstag zum Lesen gibt:

Im November 2011 ging Translate Or Die an den Start, eigentlich als meine berufliche Präsentationsseite als Übersetzer. Damals studierte ich noch Amerikanistik an der Freien Universität in Berlin (hier mehr zum Studium) und betrieb meine Bestrebungen Übersetzer zu werden zunächst nebenbei.

Sexismus, Diskriminierung und Captain Future – Zu meinen ersten Übersetzungen gehörte Captain Future im Golkonda Verlag. Das war vermutlich der für mich beruflich wichtigste Kontakt, denn Hannes Riffel hatte damals schon einen exzellenten Ruf in der Branche und war anfangs für mich eine Art Mentor. Damals lebte ich noch in Berlin und bin zur Besprechung der Übersetzungen direkt bei ihm zu Hause vorbei. Und auch heute arbeite ich noch für ihn bei Tor Online. Den Golkonda Verlag hat er allerdings letztes Jahr verkauft, und die neuen Besitzer haben wohl ihre eigenen Übersetzer mitgebracht, weshalb meine letzte Captain Future-Übersetzung im März erschienen ist. Mit allen zukünftigen werde ich vermutlich nichts mehr zu tun haben.

Weiterlesen

So long, and thanks for all the fish!

Am 24. Mai schließt Translate or Die seine Pforten – vermutlich nur vorübergehend. Den Grund habe ich ja schon an dieser Stelle erklärt. Ich würde nicht sagen, dass ich mich der DSGVO-Hysterie angeschlossen habe, momenta habe ich einfach nur keine Lust, mich aktiv damit zu beschäftigen. Vielleicht sieht es nach meinem New-York-Urlaub im Juni anders aus. Bis dahin werde ich aber zu Genüge mit anderen Dingen sein, die bei mir aktuell eine höhere Priorität besitzen.

Translate Or Die entstand ursprünglich als meine Internetpräsenz als Übersetzer, hat sich mit der Zeit aber zu einem eher privaten Blog entwickelt, auf dem ich Bücher und Serien bespreche und Artikel zu allen möglichen Themen schreibe, auf die ich gerade Lust habe. Am Anfang meiner Karriere hat der Blog durchaus dazu beigetragen, dass ich Aufträge erhalten habe, in letzter Zeit ist diese Außenwirkung aber deutlich zurückgegangen. Insofern werde ich es beruflich wohl verschmerzen können, eine Weile ohne den Blog auszukommen.

Richtig schade finde ich es nur für euch LeserInnen, die ihr hier regelmäßig vorbeigeschaut habt, weil ihr euch für meine Beiträge interessiert habt (danke dafür!). Unter den 100 Follower befinden sich eindeutig nicht nur Leute und Bots, die mir aus Werbezwecken folgen. Dauerhaft wird er Blog auf keinen Fall aus dem Netz verschwinden, das wäre mit den über 500 Beiträgen, von denen auch viele alte noch durch Google Zugriffe erhalten, viel zu schade.

Ich bin gespannt, wie es mir die nächsten Monate ohne den Blog ergehen wird, der die letzten fünf Jahre fester Bestandteil meines Lebens gewesen ist. In der Zeit will ich auch meine Internetpräsenz generell stark zurückfahren (auf Facebook, Twitter und in diversen Foren), um ich voll und ganz auf ein bestimmtes Projekt zu konzentrieren. Das Internet ist schon ein enormer Zeitfresser und verlockt zum Prokrastinieren. So ganz werde ich aber nicht darauf verzichten können, da ich ja zweimal die Woche die SFF-News auf Tor Online verfasse, für die ich im Netz unterwegs sein muss. Und gelegentlich wird es auch Buchbesprechungen von mir auf Fantasyguide.de geben. Demnächst z. B. zu Autonom von Annalee Newitz.

Also, so long, and thanks for all the fish!

Die phantastischen Netzstreifzüge …

… gab es zuletzt vor mehr als einem Jahr am 6. Februar 2016, danach ist die Rubrik, die es seit der Nummer 1 am 18.02.2014 auf 46 ½ Ausgaben brachte, eingeschlafen, weil mir einfach die Zeit dafür gefehlt hat und ich auch Lust auf andere Arten von Blogeinträgen hatte. In der Rubrik habe ich regelmäßig (aber ohne festen Rhythmus) auf interessante Artikel zu phantastischen Themen verlinkt und sie meist auch noch ein wenig persönlich kommentiert.

Die Rubrik wird erst mal eingeschlafen bleiben, aber dafür gibt es jetzt auf Tor Online drei Mal in der Woche (montags, mittwochs und freitags) die von mir erstellten SFF News – also Neuigkeiten aus den Themenfeldern Science Fiction und Fantasy (aber auch sonstige Phantastik) in Buch, Film und dem ganzen Rest. Drei bis sechs News pro Ausgabe, darunter Trailer und Neuigkeiten zu Filmen und Serien, aber auch immer wieder Themen, die man auf den anderen phantastischen Newsseiten nicht so häufig findet. Wie z. B. der Hinweis auf die SF-Retrospektive der Berlinale in der ersten Ausgabe oder die Eröffnung eines Instituts für Science Fiction und Fantasy an der Anglia Ruskin University in Nummer 2.

Mal sehen, wie die Sache angenommen wird. Wir versuchen durchaus, die Nachrichten relativ tagesaktuell zu bringen, aber es geht nicht darum, schneller als die anderen zu sein. Es soll eine kompakte Übersicht über aktuell für Phantasten und Geeks interessante Neuigkeiten sein.

 

Lesung von Bernhard Hennen in Hilgert

Am Donnerstag den 3. November findet bei mir hier im Dorf eine Lesung mit Bernhard Hennen statt. »Hier im Dorf« ist das kleine Örtchen Hilgert im Westerwald, das zur Verbandsgemeine Höhr-Grenzhausen gehört und ganz in der Nähe von Koblenz und dem ICE-Bahnhof Montabaur auf halber Strecke zwischen Köln und Frankfurt liegt.

Als ich vor drei Jahren aus Berlin zurück in die Heimat zog, freute ich mich auf die idyllische Ruhe, die nahe Natur und die vertraute Umgebung. Doch ich wusste bereits, dass mir das kulturelle Leben in Berlin fehlen wird, denn für Phantasten gibt es in der Bundeshauptstadt dank der besten Buchhandlung dieser und aller anderer Welten – dem Otherland – zahlreiche Lesungen und anderweitige Veranstaltungen und eine relativ gut vernetzte Phantastikszene.

Ich gebe es zu, im Vergleich dazu empfinde ich den Westerwald als kulturelles Brachland, eine Ödnis mit nur wenigen gelegentlichen Lichtblicken. Um so mehr freut es mich, dass sich doch tatsächlich mal ein Fantasyautor in unseren bescheidenen Weiler verirren wird. Bernhard Hennen ist vor allem für seine Elfen-Romane bekannt. Zugegeben, um den ersten Band der Reihe Die Elfen habe ich aufgrund des damals tobenden Völkerfantasyhypes einen großen Bogen gemacht (Die Zwerge von Heitz hatte ich abgebrochen und erst mal keine Lust mehr auf dieses lokal auf Deutschland beschränkte Genrephänomen der Völkerfantasy).

p1010293

Bis ich auf dem Buchmessecon in Dreieich eine Lesung von Bernhard Hennen besuchte, auf der er trotz starker Erkältung und fast verlorener Stimme so sympathisch und unterhaltsam rüberkam, dass ich dem Buch doch eine Chance gab. Und was soll ich sagen, ich fand Die Elfen, die Hennen zusammen mit James Sullivan geschrieben hat, großartig. Gar nicht so eine Klischeefantasy, wie ich sie erwartet hatte, sondern sprachlich ausgezeichnet geschriebene tragische und epische Fantasy, die einen Zeitraum von 1.000 Jahren umfasst, mit denkwürdigen Figuren, die vom Autor keine Gnade erhalten.

In diesem Jahr ist mir Bernhard Hennen schon öfters über den Weg gelaufen (auf dem Branchentreffen des PAN-Autorennetzswerks, dem galaktischen Forum der Verlage Fischer/Tor und Knaur, sowie dem Buchmesseconvent), trotzdem werde ich es mir natürlich nicht entgehen lassen, wenn einer von Deutschlands bekanntesten und erfolgreichsten Fantasyautoren im neu eröffneten Bürgerhaus in meinem Dorf Hilgert liest, wo sich jetzt auch die tolle Gemeindebücherei befindet, die mich schon seit Jahrzehnten mit großartigem Lesestoff versorgt.

P. S. Es sollen noch Karten erhältlich sein.

p1010294

Wo man mich trifft: Bucon 2016

Zugegeben, ich bin etwas reisefaul. Wenn ich erst mal unterwegs bin, finde ich es super und freue mich, aufgebrochen zu sein, doch oft mangelt es mir an der Motivation, den Arsch hochzubekommen. Dementsprechend besuche ich, obwohl ich ja seit Jahren im Phantastikfandom unterwegs bin, relativ wenige Cons, weder Dortcon, Elstercon oder was weiß ich. Die große Ausnahme bildet der Bucon, den ich seit über zehn Jahren ohne Unterbrechung durchgehend besucht habe.

Das hat einen einfach Grund: Nirgendwo sonst treffe ich so viele meiner Freund und Bekannten aus dem Phantastikfandom auf einem Haufen (und er liegt mit einer Fahrtstunde auch relativ nah an meinem Heimatort). Dementsprechend wenig besuche ich die Programmpunkte der Veranstaltung, da jede dort verbrachte Stunde, eine ist, in der ich kein spannendes Gespräch führen kann. Allerdings sind Lesungen auch nicht so mein Fall.

Für Freundinnen der phantastischen Literatur, insbesondere der Fantasy, die ihre Lieblingsautorinnen und Autoren gerne live erleben, bietet das Programm des Buchmesse Convent allerdings ein reichhaltiges Angebot, dass mit seinen inzwischen sieben Programmschienen (einst war es mal nur drei) und über 50 Programmpunkten (aus Lesungen, Vorträgen und ähnlichem) schon an eine Reizüberflutung grenzt. Neben bekannten Autoren wie Markus Heitz, Bernhard, Hennen, Kai Meyer uvm. haben auch relativ unbekannte AutorInnen die Chance sich in Dreieich einem Publikum zu präsentieren. Das reicht von AutorInnen wie Ivo Pala, Ju Honisch und Julia Lange (Irrlichtfeuer hier kürzlich besprochen),die im neuen Programm von Knaur Fantasy erscheinen, bis zu jenen, die in Kleinverlagen wie Amrun, Verlag Torsten Low oder dem Verlag ohneohren veröffentlicht werden. Für deutschsprachige FantasyautorInnen ist der Bucon schon fast eine unverzichtbare Veranstaltung geworden. Von einem kleinen Treffen mit weniger als 100 Besuchern hat er sich inzwischen schon fast zum Mekka der deutschsprachigen Fantasy mit vielen hundert Teilnehmern gemausert.

Hier geht es zur kompletten Programmübersicht.

Was: Buchmesse Convent (kurz Bucon) 2016

Wann: Samstag den 22. Oktober 2016

Wo: Bürgerhaus Dreieich-Sprendlingen (nicht weit von Frankfurt, wer eh auf der Messe ist, kann auch einen Abstecher hierher wagen.)

Auf die parallel stattfindende Frankfurter Buchmesse werde ich nicht fahren, dafür fehlt mir leider die Zeit. Wer aber aufs GaFo geht, könnte mich dort antreffen.

Und wer mich bisher nur virtuell kennt, aber gerne mal live erleben möchte, der darf mich gerne auf dem Bucon ansprechen. Ich bin recht schüchtern und zurückhaltend, freue mich aber immer über neue Bekanntschaften bzw. darüber, Menschen, die ich bisher nur als Avatar mit Nickname kenne, auch im richtigen Leben kennenzulernen. So in etwa dürfte ich am Samstag aussehen (sollten nicht noch irgendwelche unvorgesehene Ereignisse eintreten, die mir Flügel oder Hörner wachsen lassen):

Hier wohnt der sich in ungewohnt freier Wildbahn befindende Übersetzer andächtig der Verleihung des Deutschen Phantastik Preises (DPP) bei.

Hier wohnt der sich in ungewohnt freier Wildbahn befindende Übersetzer andächtig der Verleihung des Deutschen Phantastik Preises (DPP) bei. Der in diesem Jahr Gerüchten zufolge von einem gewissen Dirk van den Boom im Hawaiihemd moderiert werden soll.