Kurzkritiken Juni 2017

Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Übersetzt von Gabriela Zehnder

Sehr eigenwilliger und tiefgründiger, aber auch verspielter Roman um zwei einsame Menschen, die sich in ihre eigene Gedankenwelt flüchten, ihren Mitmenschen gegenüber aber trotzdem über eine erstaunliche Beobachtungsgabe verfügen. Die teilweise kurzen Kapitel, die immer wieder mal nur aus philosophischen Gedanken bestehen, sind sicher nicht jedermanns Sache. Habe ich sehr gerne gelesen, doch etwas erzählerische Wucht und Eleganz hat mir dabei gefehlt.

David Morrell – Der Opiummörder

übersetzt von Christine Gaspard

Historischer Roman, der auf die realen Ratcliffe-Highway-Morde anspielt und die Geschichte 40 Jahre später mit teils realen Figuren wie dem Opiumesser Thomas de Quincey, zu einem komplexen und kunstvollen Thriller in der vernebelten viktorianischen Ripper-Atmosphäre Londons weiterspinnt. Mein persönliches Highlight ist Emily – de Quinceys Tochter – die zeigt, wie man sich als Frau in einer Gesellschaft durchsetzt, die Frauen gerne unter einer dreißig Kilogramm schweren Schicht aus Reifröcken, Korsetts und Unterkleidern bändigt, damit sie den gesellschaftlichen Erwartungen an sie nicht davonlaufen können.

William Finnigan – Barbarian Days: A Surfing Life

Autobiografie eines Hardcoresurfers, der in der fürs Surfen wohl interessantesten Zeit aufwuchs, gerade als sich der Sport langsam durchsetzte, aber bevor er völlig kommerzialisiert wurde. Die langen Beschreibungen von unterschiedlichen Wellen, und wie der Autor sie geritten ist, sind für Nicht-Surfer stellenweise etwas zu ausführlich ausgefallen, aber dafür entschädigen seine eindrucksvollen Reisenbeschreibungen und die Porträts der Menschen, denen er unterwegs und beim Surfen begegnet. Kraftvoll geschrieben. Hat den Pulitzer Preis gewonnen, eine deutsche Übersetzung gibt es aber leider nicht.

James Lee Burke – Blut in den Bayous

übersetz von Alf Mayer

Band 2 der Reihe um Dave Robicheaux, den Alkoholiker mit Prinzipien, dessen Absturz aus dem Paradies weiter andauert. Und ein abgestürztes Flugzeug ist es auch, dass eine Spirale aus Gewalt im Leben des ehemaligen Polizisten in Gang setzt, der sich eigentlich mit einem Anglerladen und seiner frisch angetrauten Frau zur Ruhe setzen wollte. Ein kleines Meisterwerk, das weit über eine gewöhnliche Krimi- oder Thrillerhandlung hinausgeht. Wie Burke hier die Hitze und Landschaft Louisianas zu Leben erweckt, ist beeindruckend – und von Alf Mayer ausgezeichnet übersetzt. Die Figuren des Buches sind teils unvergesslich, allen voran natürlich der äußerst komplexe Dave Robicheaux selbst. Ein großes Lob an den Pendragon Verlag für die Neuauflage. Ich freue mich schon auf den nächsten Band.

Schon seit April habe ich keine Phantastik mehr gelesen, und irgendwie reizt sie mich auch aktuell nicht. Alle Bücher, auf die ich aktuell neugierig bin, bewegen sich außerhalb dieses Genres. Liegt vielleicht an der Jahreszeit, im Sommer bekomme höchstens mal Lust auf einen Horrorroman, die Lust auf Fantasy kommt meist erst im Herbst wieder.

Kurzkritiken: Cleave, Louis, Gregory, Thiemeyer und Kiernan

Liebe in diesen Zeiten (Everyone Brave is Forgiven) – Chris Cleave (Übersetzung Susanna Goga Klinkenberg)

Chris Cleave kann schreiben (und Susanna Goga-Klinkenberg übersetzen). Hier stimmt jedes Wort, jeder Satz ist unterhaltsam, jeder Dialog vom trockenen oder bissigen bis schwarzen britischen Humor geprägt. Jede einzelne Figur entwickelt schon nach wenigen Worten eine eigene Persönlichkeit. Und Cleave findet genau den richtigen Ton für und die richtige Balance zwischen Komödie, Romanze und den herzergreifend tragischen Schicksalen während des Zweiten Weltkriegs.

Im Prinzip geht es um eine Dreiecksgeschichte während des Zweiten Weltkriegs, in der wir die tragischen Schicksale der drei Protagonisten während des Blitz in London (als die Bomben fallen und alles in Schutt und Asche versinkt) und des Kriegseinsatzes in Frankreich und auf Malta verfolgen. Der Star des Buches ist sicher die unerschütterliche und unermüdliche junge Mary North, die sich für den Kriegseinsatz meldet, unfreiwillig Lehrerin wird, Spaß an der Sache findet und nach dem fast alle Kinder aus London evakuiert wurden, mit denen zurückbleibt, die keiner will, mit Behinderungen, Beeinträchtigungen, schwarzer Hautfarbe und anderen „Makeln“, die die armen Kleinen in der versnobten britischen Gesellschaft zu einem Club der Verlierer abstempeln.

Das Ende von Eddy (En finir avec Eddy Bellegueule) von Éduard Louis (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel)

Ähnlich wie Didier Eribon (dem das Buch auch gewidmet ist) in Rückkehr nach Reims, erzählt Édouard Louis von der schwierigen Kindheit eines homosexuellen Außenseiters in einfachen (sozial Schwachen) Verhältnissen auf dem Land in Frankreich. Obwohl viele Jahrzehnte zwischen Eribons und Louis‘ Kindheit liegen, scheint sich nicht viel verändert zu haben. Rassismus, Intoleranz, Gewalt, Hass auf die da oben, Städter, feine Pinkel und alle, die anders sind.

Ich bin zwar in auf einem Dorf aufgewachsen, aber die Lebensverhältnisse, die Louis hier schildert, keine Glühbirnen auf den Zimmern, kein Teppichboden, kaum Türen im Haus, dafür jede Menge Schimmel und Feuchtigkeit, sind ziemlich schockierend. So etwas hätte ich eher in den 50er Jahren vermutet. Dass so was vereinzelt noch vorkommt, klar, aber so massiv in so vielen Haushalten in einem Dorf … Dazu die alltägliche Gewalt, der Eddy an der Schule ausgesetzt ist, das konstante Mobbing der gesamten Dorfgemeinschaft (auch wenn es nicht immer böse gemeint ist) und sogar aus seiner Familie. Das alles schildert Louis beeindruckend und bewegend, in einer einfachen aber effektiven Sprache, ähnlich wie Eribon, nur ohne die soziologische Analyse und etwas unmittelbarer, weil er direkt aus der Kindheit erzählt.

Es gibt aber auch Widersprüche in der Geschichte. Auf der einen Seite heißt es, sie hätten kein Telefon zuhause, weshalb Eddy stundenlang in der Telefonzelle mit seiner Freundin telefoniert hätte, ein paar Seiten später ruft ihn dann seine Mutter abends zuhause an, um Bescheid zu geben, es würde etwas später werden.

Ein heftiges, brutales und schonungsloses Buch über einen Teil der Gesellschaft, der vermutlich so gut wie allen die zu dem Buch greifen oder meinen Blog lesen vollkommen fremd sein mag. Jenem Teil der Gesellschaft, der nach der Wahl Trumps in den USA und den aktuellen Erfolgen des Front National (zumindest in der Auslandspresse) wieder viel Aufmerksamkeit erhält, ohne das er aber wirklich verstanden wird.

Die Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel liest sich ausgezeichnet, vor allem auch in Bezug auf die Schimpfworte und Umgangssprache, da ich die Sprache gerade lerne, freut es mich auch, dass er einige interessante Begriffe auf Französisch erklärend im Text belassen hat.

After Party von Daryl Gregory (Übersetzung Frank Böhmert)

Neurochemikerin verlässt auf eigene Verantwortung die Psychiatrie, um herauszufinden, wer plötzlich wieder die Droge auf den Markt bringt, die sie überhaupt erst in die Geschlossene gebracht hat und an deren Herstellung sie mitgewirkt hat. Eine Droge, die dafür sorgt, dass einem Gott erscheint (bei jedem in einer anderen Manifestation) und nicht mehr verschwinden will. Daraus entwickelt sich dann eine Mischung aus Gangsterstory und Road-Movie, die mir für meinen Geschmack anfangs zu ziellos dahinplätschert. Erst gegen Ende, wenn die Storyfäden um die titelgebende Afterparty zusammenlaufen und sich die Geschichte als Krimi entpuppt, kommt sie so richtig in Fahrt. Schlecht fand ich das Buch nicht, aber meine hohen Erwartungen hat es auch nicht erfüllt. Dafür wird nicht genügend auf diese wirklich interessante Droge eingegangen, die zwar kein McGuffin ist, aber von der ich mir gewünscht hätte, dass der Autor etwas näher auf sie eingeht, bzw. sie zu einem zentraleren Bestandteil der Geschichte macht. Der letzte Teil des Buches mit dem Mädchen hat mir richtig gut gefallen. Auf den ganzen Gangsterkram hätte ich aber gut verzichten können. Da hat mir Harrison Squared von Gregory deutlich besser gefallen. Die Übersetzung von Frank Böhmer liest sich ganz ausgezeichnet mit prägnanten kurzen Sätzen, genau auf den Punkt geschrieben.

Babylon von Thomas Thiemeyer

Seit Medusa 2004 erschien, bin ich Thomas Thiemeyer in seinen Einzelromanen aber auch bei seiner Reihe um die Archäologin Hannah Peters treu geblieben, auch wenn mir der Band 3 Valhalla nicht so gut gefallen hat, da dort viel zu viel Wert auf die rasante aber auch oberflächliche Action gelegt und die wirklich interessante Hintergrundgeschichte völlig vernachlässigt wurde. Aber Babylon dürfte mein Abschiedsband gewesen sein. Auch dieses Buch beginnt als rasanter Actionroman, in den Thiemeyer mit dem Handlungsort Syrien und in Form eines IS-Schergen noch eine politische Komponente einbaut, doch leider bleibt diese auf dem Niveau eines amerikanischen B-Actionmovies. Und im letzten Drittel dreht die Geschichte dann vollends Richtung Erich von Dänniken ab. Und das Ende sorgt dafür, dass alles, was vorher passiert ist, im Prinzip für die Katz war, und dass es mir als Leser völlig egal ist, was mit den Figuren passiert. Die ersten beiden Drittel des Buchs habe ich immerhin noch flott weggelesen, ohne mich zu langweilen, doch als es dann Richtung Präastronautik und Esoterik ging, musste ich mich regelrecht durch das Buch quälen. Da hat jeder Satz wehgetan. Wobei ich es gar nicht prinzipiell ablehne, wenn ein Abenteuerthriller völlig ganz phantastisch wird (wie z. B. Korona), aber das hier ist einfach nur inkohärenter Murks.

Agents of Dreamland von Caitlan R. Kiernan

Eine Tor.com-Novelle, die im englischsprachigen Raum viel Lob erhalten hat. Von der Form her ist das Buch auch ganz wunderbar geschrieben und konstruiert, sprachlich auf höchstem Niveau, allein die Akte-X-artige Geschichte, mit Lovecrafteinflüssen konnte mich nicht so richtig packen. Ob es an der unkonventionellen Erzählstruktur lag? Ich weiß es nicht. Auch wenn es nicht schlecht zu lesen war.

Kurzkritiken: Film

Hier mal ein paar Kurzkritiken zu Filmen, die ich in den letzten Monaten gesehen habe. Im Schnitt sehe ich mir vielleicht zwei Filme pro Woche an, ins Kino gehe ich nur sehr selten, weil hier bei mir in der Nähe kaum Film in der Originalfassung laufen. Am liebsten schaue ich mir kleine, ruhige Filmperlen mit berührenden Geschichten und große Dramen an (also alles, was inzwischen kaum noch im Kino läuft). Gelegentlich auch mal prollige Blockbuster und Actionfilme (wobei mir der ganze schematische Superheldenkram langsam zum Hals raushängt, genauso wie Star Wars und alle anderen Franchisesachen; aber wenn sie auf Sky laufen, sehe ich sie mir manchmal an.

Brooklyn – kein Film hat mich in den letzten Monaten so berührt und beeindruckt, wie dieses sanfte Einwanderer/Familiendrama aus der Feder von Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín. Trotz eines Todesfalls erzählt der Film so wunderbar unaufgeregt von der jungen Irin Eilis Lacey (gespielt von der fantastischen Saoirse Ronan), die in den 1950ern in die USA einwandert, um dort ihr Glück zu versuchen, dass es eine helle Freude ist. Solche Filme werden in den heutigen Bombast-Blockbuster-Comic-Superhelden-Sci-Fic-Monsterflic-Kinozeiten kaum noch gedreht.

Das brandneue Testament (Le tout nouveau Testament) – respektloser und urkomischer Film von Jaco Van Dormael (Nobody) über den in Brüssel vor sich hinlebenden, misanthropischen Gott, dessen einzige Freude es ist, den Menschen mit kleinen Gemeinheiten den Alltag zu vermasseln; und seine Tochter, die davon genug hat, ausbüchst und ihre eigenen zwölf Apostel sucht, die alle ihre ganz eigenen berührenden Geschichten zu erzählen haben. Der Film ist noch besser, als der Trailer vermuten lässt.

Toni Erdmann – die ersten 15 Minuten dachte ich, Helge Schneider für Arme (und Beine), aber dann wurde es richtig gut. Ein sehr skurriler und tragikkomischer Film mit einer wunderbaren Darstellung von Sandra Hüller und Peter Simonischek. Das wird Jack Nicholson im völlig überflüssigen Remake mit seiner Grinsenummer nie so gut hinbekommen.

Me, Earl und the Dying Girl – meisterhafter Jugendfilm, der sich vor den besten Werken John Hughes‘ nicht verstecken muss. Tieftraurig, sehr berührend, aber auch unglaublich komisch. Grandios erzählt.

Zwei Tage, eine Nacht (Deux jours, une nuit) – kleiner aber feiner Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne über eine junge Mutter (großartig gespielt von Marion Cotillard), die eben zwei Tage und eine Nacht Zeit hat, ihre Kollegen davon zu überzeugen, auf einen Bonus zu verzichten, damit sie ihre Stelle behalten kann.

Frühstück bei Monsieur Henri (L‘ étudiante et Monsieur Henri) – eine dieser typischen französischen Wohlfühlkomödien, die einfach gute Laune verbreiten, aber verschroben genug sind, um nicht zu kitschig zu werden. Mit einer tollen jungen Hauptdarstellerin (Noémie Schmidt) und einem glänzend aufgelegten Claude Brasseur.

Before We Go – recht einfallloser Abklatsch von Before Sunrise, der nur durch den Charme der Hauptdarstellerin gerettet wird, aber eigentlich recht unmotiviert vor sich hinplätschert. Habe ich aber trotzdem ganz gerne gesehen, da ich für solche kitschigen Romanzen recht anfällig bin.

Kong: Skull Island: unterhaltsamer Monsterabenteuerbombastblockbuster ;), der aber richtig Spaß macht. Ich liebe solche Geschichten über noch unentdeckte Regionen, wie in Arthur Conan Doyles Die verlorene Welt, wo sich eine ganz eigene gefährliche Fauna entwickelt hat. Dabei konnte mich King Kong bisher wenig begeistern.

Ghost in the Shell – habe ich erstmals 1996 im Alter von 16 Jahren gesehen. Ein paar Jahre zuvor hatte mich Akira förmlich umgehauen und zum lebenslangen Animefan gemacht. Doch Ghost in the Shell fand ich damals langweilig. Allerdings traue ich meinem 16-jährigen Ich in Geschmacksfragen nur bedingt, gehörten doch damals Filme wie Urutsokidoji 1 u. 2 oder Fist of the North Star zu meinen Lieblingsanimes (heute kann ich sie mir nicht mehr ansehen). Die Neusichtung des Kultklassikers von 1996 zeigt, dass ich mit meinem Misstrauen gegenüber meines jugendlichen Urteilsvermögen richtig lag, damals wusste ich die ruhige aber atmosphärisch dichte Inszenierung, die wunderbaren Bilder und die philosophischen Betrachtungen einfach nicht zu schätzen.

Garden of Words – wunderbarer, kurzer Film von Makoto Shinkai (The Place Promised In Our Early Days) über eine Schüler und eine junge Frau, die eine zarte Freundschaft entwickeln, weil sie sich immer wenn es regenet in einer Pagode im Park treffen.

Southpaw – ganz nette Boxergeschichte, mit tragischen Wendungen und zwei guten Hauptdarstellern, durchaus mit den üblichen Klischees, dafür aber mit spektakulär inszenierten Kämpfen.

Bone Tomahawk – knallharter Horrorwestern, der trotzdem recht langsam inszeniert ist, hätte ruhig 20 Minuten kürzer sein können, ist aber trotzdem sehenswert – Kurt Russel in Topform.

Carol – Beziehungs- und Familiendrama nach einem autobiografischen Roman von Patricia Highsmith, den sie seinerzeit aufgrund der lesbischen Thematik unter Pseudonym veröffentlicht hatte. Mit zwei ganz wunderbaren Hauptdarstellerinnen.

Kill Your Friends – nicht so clever, wie er gerne wäre, und viel zu zahm inszeniert, um wirklich so zynisch und böse zu sein, wie er tut. Durchaus sehenswert, mit tollem Soundtrack, aber das gewisse Etwas fehlt. Nach dem Roman von John Niven, in der Musikbranche der 80er Jahre. Cooler Auftritt von Moritz Bleibtreu.

Mistress America – ein typischer Baumbach/Gerwig-Film, mit der bezaubernden Lola Kirke (aus Mozart in the Jungle), witzig, leicht tragisch, leicht schräg, aber doch ganz harmlos.

Lights Out – Effektiver Grusler, der das Beste aus der Thematik rausholt und mit seiner kurzen Laufzeit wunderbar kompakt daherkommt.

Green Room – Punkband landet in Nazikaschemme, sieht, was sie nicht sehen soll und muss bald um ihr Leben kämpfen. Mit Patrick Stewart als Obernazi, eigentlich ganz stimmungsvoll, mir persönlich aber etwas zu statisch inszeniert.

Backtrack – Atmosphärisch dichter und psychologisch ausgefeilter ruhiger australischer Grusler mit Adrian Brody. Hat mir gut gefallen.

The Dressmaker – dachte, es würde sich um ein ruhiges Familiendrama mit Homecoming handeln, stattdessen bekam ich eine bitterböse und tiefschwarze Satire mit Kate Winslet und viel skurrilen Figuren.

Don’t Breath – spannender Einbruch-geht-schief-mit-böser-Überraschung-Thriller mit einem sehr präsenten Stephen Lang und ein paar netten Twists. Handwerklich hervorragend inszeniert.

Dope – ausgezeichnete Mischung aus Gangsterthriller und Coming-of-Age-Drama.

Burnt – ganz nettes Drama mit Bradley Cooper als Ex-Junkie-Sternekoch, der einen Neuanfang versucht, dabei aber so kotzbrockig rüberkommt, dass ich so meine Schwierigkeiten mit dem Film hatte.

Lo and Behold – herausragende Doku von Werner Herzog über die Entstehung und Entwicklung des Internets – denn Herzog stellt immer die richtigen Fragen, die man in keiner anderen Doku hört.

The Nice Guys – arschcooler Retrothriller von Shane Black, in dem die junge Hauptdarstellerin Angourie Rice Russel Crow und Ryan Gosling locker die Show stiehlt.

The Neon Demon – unglaublich stylisch inszenierter Albtraum in der Modelszene von L.A. mit der für Nicolas Winding Refn typischen Brutalität. War mir aber zu glatt und zynisch.

Baskin – knallhart und sehr stilsicher inszenierter türkischer Horrorfilm.

Der kleine Nick (Le Petit Nicolas) – wunderbare Umsetzung des berühmten Kinderbuchs, mit ganz tollen jungen Darstellern und einigen sehr witzigen Episoden.

Stuck in Love – sehr unterhaltsam inszenierter Beziehungsfilm aus der klassischen amerikanischen Mittelschicht, mit ausgezeichneten Darstellern, Figuren mit Tiefe und einer anrührenden Geschichte

Infinitely Polar Bear – sehr intensiv gefilmtes Beziehungsdrama um einen Vater mit bi-polarer Persönlichkeitsstörung, mit einem herausragenden Mark Ruffalo. Wunderbare kleine Filmperle.

Anomalisa – schwermütiger Animationsfilm von Charlie Kaufmann, schon fast frustrierend melancholisch inszeniert, aber sehr sehenswert.

X-Men: Apocalypse – hat ein paar nette Momente ist aber ansonsten das übliche Guter-Magneto-Böser-Magneto-Spiel, nur viel plumper inszeniert als in den letzten beiden Filmen.

Batman vs. Superman – der hat keine netten Momente. Trotz des scheinheiligen Deckmantels der kritischen Reflexion über die Zerstörungsorgie in Man of Steel, geht es dem Film dann doch nur darum, eine noch apokalyptischere Zerstörungsorgie abzufeiern. Schlecht geschrieben, aalglatt wie Supermans Frisur, völlig humorlos und ohne Seele.

Captain America: Civil War – tut ähnlich wie Batman vs. Superman so, als würde er kritisch über die Zerstörungsorgien in Avengers 2 reflektieren, am Ende geht es aber doch nur um weitere Kloppereien – dieses Mal halt zwischen den Avengers. Ist aber viel humorvoller und stimmiger inszeniert als das DC-Pendant. Hat mich aber trotzdem gelangweilt, da alle Marvel-Filme im Prinzip nach dem gleichen Schema ablaufen.

World of Warcraft – ziemlicher Murks. Ich bin zwar großer Fantasyfan, und teilweise sieht der Film auch ganz schick aus, aber die Story ist zusammengepanschter Klischeepunsch. Keine Ahnung, ob der Leuten besser gefällt, die das Onlinerollenspiel zocken?

Kurzkritiken Januar 2017 – Teil 2

Liebe mit zwei Unbekannten von Antoine Laurain (übersetzt von Claudia Kalscheuer)

p1010319

Wenn ich fies wäre, würde ich schreiben, es gehe in dem Buch um einen eigentlich netten Buchhändler, der durch eine Reihe höflicher und engagierter Gesten in bester Absicht zum gruseligen Stalker wird. Aber so fies bin ich nicht. Stattdessen geht es um einen netten Pariser Buchhändler, der eine gestohlene Handtasche findet und sie der Besitzerin zurückbringen möchte, was sich aufgrund fehlender konkreter Hinweise zu einer netten kleinen Schnitzeljagd entwickelt, die in einer romantischen Liebesgeschichte á la Schlaflos in Seattle oder Serendipity gipfelt (ich liebe solche romantischen Schnulzen). Schön geschrieben, ohne allzu viel Tiefgang, aber auch nicht zu kitschig. Ein Gute-Laune-Buch.

Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau von Anne Berest (übersetzt von Gaby Wurster)

p1010320

Nachdem ich Berests Sagan – Paris 1954 mit großer Begeisterung gelesen habe, konnte ich es gar nicht erwarten, ihren neusten Roman zu lesen, der mich dann aber doch etwas zwiegespalten zurücklässt. Die titelgebende Emeliennen ist eine Pariser Fotografin, die sich, durch die Lebenskrise einer Nachbarin angeregt, auf die Suche nach der perfekten Frau macht. Dabei stellt sie sich allerdings als ziemlich unsympathische und unangenehme Person heraus (zumindest für mich), die rein egoistische Ziele verfolgt und sich nicht für die Nöte ihrer Mitmenschen interessiert. Dabei sind diese Mitmenschen, die Frauen, denen sie auf ihrer Suche begegnet, der Grund, warum mir das Buch doch ganz gut gefallen hat. Denn sie haben wirklich interessante Geschichten zu erzählen, die oft eine scharfsinnige Analyse der Rolle der Frau in der Gesellschaft liefern. So einen richtigen Plot gibt es nicht, viel mehr stolpert die Protagonistin von einer Episode zur nächsten. Auch wenn alles nicht so ganz stimmig zusammenpasst, und manchmal zu konstruiert wirkt, sind die einzelnen Episoden doch sehr lesenswert.

In der nächsten Buchbesprechung kehren wir dann nach Reims zurück, die ist etwas ausführlicher geworden und hat einen eigenen Eintrag verdient.

Kurzkritiken Januar 2017

Für ausführliche Buchbesprechungen fehlen mir momentan Lust und Muse.

Apocalypse Now Now von Charlie Human (übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann)

p1010324

Unterhaltsame Urban Fantasy in Südafrika, mit einem durchtriebenen jugendlichen Pornodealer als Ich-Erzähler, deren eher konventionelle Handlung mit abgedrehten Einfällen und afrikanischen Mythen gewürzt ist. Ein Pageturner war es für mich nicht, hat aber durchaus Spaß gemacht.

Aurora von Kim Stanley Robinson (übersetzt von Jakob Schmidt)

p1010321

SF-Roman über ein Generationenraumschiff, das sich nach einigen Generationen jetzt dem zu kolonisierenden Planeten nähert, was aber alles nicht so abläuft, wie man sich das vorgestellt hat. Interessanter Ansatz, was die distanzierte Erzählerin angeht; Robinsons pessimistischer Blick auf die Besiedelung des Alls sorgte für einigen Diskussionsstoff in der SF-Szene, ich fand diese kritische Auseinandersetzung sehr gut, auch wenn die Geschichte einige Längen hat. Toll übersetzt von Jakob Schmidt

Neonregen von James Lee Burke (übersetzt von Hans H. Harbort)

p1010322

Nachdem ich im letzten Jahr Burkes Meisterwerk Sturm über New Orleans gelesen habe (Band 16 der Robicheaux-Reihe), bin ich froh, dass der Pendragon Verlag damit begonnen hat, auch die ersten Bände der Reihe neu aufzulegen. Den Auftakt macht Neonregen, in dem wir einen noch relativ junge Dave Robicheaux kennenlernen, den Querulant und begabten Ermittler in den Reihen der örtlichen Polizei, der aufgrund der im Buch geschilderten Ereignisse, in denen er als bärbeißiger Sturkopf so ziemlich jeden gegen sich aufbringt, nach einer langen trockenen Phase wieder in die Alkoholsucht abstürzt. Burke versteht es meisterhaft, eine rustikale Krimihandlung um das lokale organisierte Verbrechen mit brisanten politischen Themen zu kombinieren. Wird garantiert nicht mein letzter Roman von ihm bleiben.

Labyrinth – Douglas Preston u. Lincoln Child (übersetzt von Michael Benthack)

p1010323

Der anfängliche Zauber ist schon lange verflogen, doch nach den teilweise recht absurden Bänden, weiß Teil 14 wieder mit einer relativ bodenständigen Handlung zu überzeugen. Na ja, irgendwann wird es schon wieder recht abgedreht, aber das Buch ist spannend, und Constance bekommt dieses Mal sogar Gelegenheit für eine Actioneinlagen.

Born to Run – Bruce Springsteen (übersetzt von Teja Schwaner, Alexander Wagner, Urban Hofstetter u. Daniel Müller)

p1010314

Die Autobiografie des Boss, deren große Stärke neben der durchaus kritischen, sehr offenen aber auch selbstbewussten Selbstreflexion vor allem die Schilderungen seiner Kindheit in Freehold (New Jersey) sind. Wie er die Zeit beschreibt, in der er aufwächst, die ärmlichen Verhältnisse, das arschkalte Haus, das harte Umfeld, der unberechenbare Vater, aber auch die liebevolle und lebensfrohe Mutter, ist ganz große Literatur. Obwohl er auch ausführliche von seiner Depression berichtet, steckt in diesem Buch viel Humor, der mich mehrmals herzhaft zum Lachen brachte.

In den nächsten Kurzkritiken wird es dann dreimal nach Frankreich gehen.

3 Kurzkritiken: Guez, Houellebecq, Guenassia

Paris, die Nacht von Jérémie Guez

P1010253

Kraftvoller Roman über einen jungen Pariser aus schwierigen Verhältnissen, der mit seinen Kumpels das große Ding drehen möchte, sich dabei mit den Falschen anlegt und in einem Strudel aus Gewalt und Drogen versinkt.

Stellenweise schon etwas zu spärlich beschrieben, wenn sich der Student z. B. nach der ersten Dosis Heroin übergibt, möchte ich schon wissen, ob er auf den Teppich kotzt, oder es bis zum Waschbecken schafft. Ansonsten aber sehr lesenswerter und schonungsloser Blick auf die eher unschönen Seiten der französischen Hauptstadt.

Im Nachwort gibt es noch einen sehr interessanten Essay von Thekla Dannenberg über die Entwicklung des französischen Kriminalromans. Auch wenn ich Paris, die Nacht dort nicht einordnen würde.

P.S. von der Länge her eher eine Novelle

Elementarteilchen von Michel Houellebecq

P1010252

Sehr gut gefällt mir, wie Houellebecq naturwissenschaftliche und soziologische Theorien und Erkenntnisse in die Handlung mit einflechtet. Auf den ersten 100 Seiten liest sich das in Kombination mit den Jungendbiografien der beiden Hauptfiguren sehr gut, aber so ab Seite 150 ging mir der ewig lüstern-frustrierte Bruno mit seinen pädophilen Neigungen und seiner Frauenverachtung nur noch auf den Sack (um mich mal seiner Sprache anzupassen). Auf den letzten 100 Seiten wird es dann wieder besser, wenn die beiden Protagonisten ernsthafte Beziehungen eingehen, ein wenig Menschlichkeit an den Tag legen und es etwas dramatischer und trauriger wird. Die bewusst plump und leidenschaftslos geschilderten expliziten Sexszenen haben mich ebenso wenig gestört wie die Distanziertheit des Erzählers.

Ein insgesamt sehr interessant konzipierter Abgesang auf den modernen westlichen, zivilisationsmüden Mann, mit einigen langweiligen und nervigen Passagen, der sich durch seinen philosophischen Überbau aber deutlich aus der Masse hervorhebt. Ein Buch über Menschen, mit denen man im echten Leben keine Zeit verbringen möchte.

Etwas verwundert bin ich allerdings darüber, dass sich hier in der dritten Auflage von 2015 immer noch die alte deutsche Rechtschreibung (und vereinzelte Tippfehler) finden. Eine bewusste Entscheidung des Verlags? Oder war man nur zu faul, sie anzupassen? Die „Optimisten“ sind übrigens auch (2012!) in alter deutscher Rechtschreibung erschienen.

Der Club der unverbesserlichen Optimisten von Jean-Michel Guenassia

P1010251

Was für ein großartiger Roman. Ich-Erzähler Michel erlebt zu Beginn der 60er Jahre in Paris nicht nur große Freundschaften, die erste Liebe, familiäre Tragödien und das Erwachsenwerden, nein, er freundet sich in seiner Stammkneipe, wo er der King am Kickertisch ist, auch mit dem Club der unverbesserlichen Optimisten an. Dabei handelt es sich vor allem um Flüchtlinge aus den Ostblockstaaten, die einst als Piloten und Ärzte arbeiteten, sich jetzt aber als Taxifahrer durchschlagen müssen, und ihre Freizeit beim gemeinsamen Schachspiel verbringen, sich aber auch gegenseitig unter die Arme greifen. Darüber hinaus schauen auch schon mal Jean-Paul Satre oder Joseph Kessel im Club vorbei.

Obwohl das Buch fast 700 Seiten hat, ist es unglaublich, was Guenassia hier alles thematisch unterbringt, ohne das es fehl am Platze oder zu aufgebläht wirkt. Und das alles verbindet er zu einer kunstvollen, dramatischen und tragischen Erzählung, die trotz all der Schattenseiten unheimlich viel Spaß macht. Ein sehr gelungener und großer Roman, wie man ihn nicht alle Tage liest. Genau solche Bücher liebe ich, und verschlinge sie mit großer Leidenschaft. Übersetzt von Eva Moldenhauer.

Hätte eigentlich eine viel ausführlichere Besprechung verdient, aber ich bleibe meiner Linie treu, in diesem Jahr nur Bücher von Frauen ausgiebig zu rezensieren. Gerade lese ich Das Lächeln meiner Mutter von Delphine de Vigane, das nach 60 Seiten auch schon begeistert. Rezi folgt.

Meine Lektüre März 2016

13. Paul Auster – Mond über Manhattan
14. Alex Marshall – A Crown for Cold Silver
15. James Tiptree Jr. – Doktor Ain
16. Will Adams – Das Gottesgrab

Paul Auster – Mond über Manhattan (Reread)

P1000744

Siehe hier.

Alex Marshall – A Crown for Cold Silver

P1000779

Sprachlich ausgezeichnet geschriebener Fantasyroman, der immer wieder mit den Genreerwartungen spielt und sie gegen die Wand fährt. Die alternde Heldin erinnert ein wenig an Gemmels Druss (wenn auch nicht ganz so alt). Hat mir gut gefallen, aber etwas hat gefehlt, um mich vollends zu begeistern. Leider kann ich nicht genau benennen, was, aber es ist wohl vor allem eine Geschmacksfrage. Trotzdem eine volle Leseempfehlung für diesen originellen Fantasyroman, in dem Marshall völlig beiläufig eine Welt beschreibt, in der Männer und Frauen vollkommen gleichberechtigt sind und auch wie selbstverständlich das eigene Geschlecht ehelichen.

James Tiptree Jr. – Doktor Ain

P1000768

Die frühen Science-Fiction-Kurzgeschichten von Tiptree, die schon einmal andeuten, wohin die Reise noch gehen wird. Herrlich durchgeknallter Humor und teils radikale Ideen, die man vor allem im Kontext ihrer Zeit sehen sollte. Es sind auch ein paar Geschichten dabei, die mir überhaupt nicht gefallen haben, aber bei einer solchen Kurzgeschichtensammlung kann nicht jeder Schuss ein Treffer sein. Doktor Ain ist chronologisch gesehen, der erste Teil der wunderbar aufgemachten und hervorragend übersetzten Gesamtausgabe des Septime Verlags. Ich bin etwas spät dran, werde die Reihe aber auf jeden Fall weiterlesen.

Will Adams – Das Gottesgrab

P1000767

Eigentlich sind solche Archäologiethriller á la Steve Berry und Dan Brown genau mein Ding, und das Gottesgrab enthält auch alle notwendigen Zutaten, mit seiner in Ägypten spielenden Handlung, in der nach dem Grab von Alexander dem Großen gesucht wird, aber irgendwie stimmt die Mischung nicht. Erfrischenderweise ist der Held Daniel Knox kein Superagent wie man ihn z. B. bei Berry oder Clive Cussler hat, aber er kann noch so häufig auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen werden, teils mit harten Waffen, es hat keine Auswirkungen. Kurz darauf scherzt er wieder rum, als wäre nichts gewesen. Es gibt auch zu viele POV-Figuren, die zu viel Platz bzw. Zeit erhalten, was von den beiden im Klappentext erwähnten Hauptfiguren ablenkt und dem Leser nicht erlaubt, sich mit ihnen zu identifizieren und/oder mit ihnen mitzufiebern. Sie sind nur zwei unter vielen. Richtig Spannung wollte bei mir auch nicht aufkommen. Adams streut zwar immer wieder historische Texte und archäologische Fakten mit ein, aber die bleiben nur Staffage, anders als bei Dan Brown kann man hier nicht wirklich mitfiebern. Statt einer packenden Schnitzeljagd fahre die Figuren hier von A nach B und wieder zurück nach A, lesen mal was, schauen sich ein paar Artefakte an, bekommen eins über die Rübe gezogen und schon geht es weiter. Dabei bietet die Geschichte Alexander des Großen und den Verbindungen von Makedonien nach Ägypten eigentlich spannenden Geschichtsstoff. Aber diese ganze Geschichte mit den bösen Unternehmern, die das alles für den makedonischen Freiheitskampf tun, wirkt zu konstruiert und aufgesetzt. Die ultrakurzen Kapitel, die teilweise nur über eine halbe Seite gehen, bis schon hektisch zur nächsten Figur geschnitten wird, tragen ihr übriges zur inkonsistenten und holprigen Handlung bei. Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, da ich mir hier Abenteuer á la Indiana Jones erhofft hatte, aber erhalten habe ich nur halbgares, holpriges Stückwerk, das eher an die Serie Relic Hunter erinnert.