Mein Oktober in Büchern, Serien und dem ganzen Rest

Der ganze Rest

Verglichen mit den Sommermonaten bin ich im Oktober für meine Verhältnisse erstaunlich viel unterwegs gewesen.

Den Anfang machte das Konzert von Nick Cave and the Bad Seeds in Frankfurt. Fan bin ich seit den 90ern, zwar kannte ich vorher schon The Birthday Party und das Video zu Nick the Stripper sowie einige frühere Stücke von Nick Cave, doch so richtig aufmerksam wurde ich auf den Australier erst durch sein Video zu As I sat sadly by her side. Seitdem habe ich mir jedes neue Album gekauft, und bis auf Dig Lazarus Dig gefallen sie mir auch alle.

Das Konzert war großartig, Cave sichtlich gut aufgelegt, suchte ständig den Kontakt zum Publikum, dass er in der Zugabe zu Stagger Lee sogar auf die Bühne holte (bestimmt 50 Leute). Der Sound war für meinen Geschmack einen Tick zu laut, vor allem das Schlagzeug, Cave aber richtig gut bei Stimme. Ich bin froh, dass ich mich nach 20 Jahren endlich aufraffen konnte, zu einem seiner Konzerte zu fahren. Nur schade, dass er nichts von meine beiden Lieblingsalben No more shall we part und Abattoir Blues gespielt hat. Mein Highlight war The Mercy Seat.

Den folgenden Freitag ging es von Montabaur aus per ICE flott zur Frankfurter Buchmesse, die ich erstmals seit 15 Jahren wieder besuchte. Am Fachbesuchertag war es doch deutlich angenehmer, was das Gedränge anging. Termine hatte ich nur ein paar mit einem Lektor und einigen ÜbersetzerkollegInnen. Zufällig kam ich an Volker Kutschers Buchvorstellung von Moabit vorbei, die ich mir dann als ehemaliger Bewohner des gleichnamigen Berliner Kiezes und Fan der Gereon-Rath-Romane spontan ansah. Bis dato war ich skeptisch, ob ich wirklich 18 Euro für nur 84 Seiten ausgeben möchte, doch das von Kat Menschik aufwendig gestaltete Heftlein im Stil alter Magazine wirkt wirklich schick.

Einen Tag später ging es mit der Fantasyguide.de-Gang bestehend aus Ralf Steinberg und Michael Schmidt (Holger M. Pohl stieß vor Ort dazu) zum BuchmesseConvent nach Dreieich-Sprendlingen, der bei mir seit 2006 jedes Jahr zum Pflichtprogramm gehört. 2006 bin ich – damals noch Student in Siegen – dort erstmals mit meinem Freund Mathias, noch niemanden aus der Phantastikszene kennend und deshalb viele Lesungen besuchend, hingefahren. Und nach vielen Jahren Abwesenheit war auch Mathias dieses Jahr wieder dabei, was mich ganz besonders gefreut hat. Insgesamt war es für mich auch der bisher beste Bucon, einfach, weil ich so viele Freunde und Bekannte wie noch nie getroffen habe, und mit fast allen auch anregende Gespräche führen konnte. Und genau deswegen fahre ich dort auch immer hin, um all jene zu treffen, mit denen ich sonst fast nur Kontakt über das Internet habe.

Den Freitag darauf stellten Claus-Dieter Schnug und Horst Bartels im Keramikmuseum Westerwald das Buch Hilgert – Nachrichten aus einem Westerwalddorf vor, das eine Art Nachfolgeband für die Dorfchronik von vor vier Jahren darstellt. Die Lesung war ziemlich voll, bestimmt 150 Leute, und auch sehr unterhaltsam und abwechslungsreich gestaltet, es wurden kuriose bis amüsante Zeitungsmeldungen vorgelesen, aber auch von eindrucksvolle Lebens- und Familiengeschichten berichtet.

Bücher

Adam Neville – The Ritual

In der ersten Hälfte ein packender Survivalthriller mit übernatürlichem Touch, der in der zweiten Hälfte leider in einer albernen, klischeehaften und total langweiligen Handlung um eine obskure Black-Metalband völlig in sich zusammenbricht. Diese gewagte 180-Grad-Wende hat für mich überhaupt nicht funktioniert.

William Blatty – The Exorcist

Die Buchvorlage zum berühmten Film von William Friedkin, der das Genre des Horrorfilms mit revolutionierte. William Blatty schrieb selbst das Drehbuch zum Film. Was ich besonders interessant finde, da es, obwohl sich der Film fast 1:1 an das Buch hält, einen entscheidenden Unterschied gibt: Im Film ist durch die Spezialeffekte ziemlich schnell klar, dass es sich um ein wirkliches übernatürliches Phänomen handelt, während das Buch da bis zum Schluss ambivalent bleibt und Raum für Zweifel lässt, die Zweifel die auch Pater Karras beschäftigen, zum einen an dem Dämon, aber auch an seinem eigenen Glauben.

Don Winslow – Corruption

Im Prinzip die (großartige) TV-Serie The Shield als Roman in New York statt Los Angeles von Don Winslow geschrieben. Beginnt auf den ersten 200 Seiten sehr langsam und detailverliebt, bekommt in der zweiten Hälfte aber eine gute Dynamik, wenn Winslow in Rückblenden schildert, wie die Hauptfigur immer wieder in kleinen Schritten die Grenzen der Legalität in einem kaputten System überschritt. Kein Pageturner, eher ein Slowburner, dem das gewisse Etwas, das ich leider nicht genau benennen kann, fehlt. Der Originaltitel „The Force“ stellt den Übersetzer übrigens vor erhebliche Probleme. Mit „Force“ ist hier eine schlagkräftige Eliteeinheit innerhalb der Polizei gemeint. Die kann man nicht als „die Macht“ übersetzen, was den Spruch der Einheit „may the Force be with you“ (natürlich ein Star Wars-Zitat) unübersetzbar macht. Da Übersetzer Chris Hirte „The Force“ im Deutschen beibehalten hat, heißt der Spruch jetzt „möge die Force mit dir sein“).

John Langan – The Fisherman

Habe ich ja schon besprochen.

Im Halloweenmonat Oktober lese ich traditionell gerne Horrorliteratur. Neben den oben aufgezählten Büchern stehen nebenher noch Kurzgeschichten von Robert W. Chambers, Thomas Ligotti und Robert Aickmann auf dem Programm.

Serien

Halt and Catch Fire

Diese großartige Serie über einige Computerspezialisten und ihre Beziehungen zueinander ging gerade mit der vierten Staffel und einem emotionalen Finale zu Ende. Über ein Jahrzehnt begleitet die Serie die Leben von Cameron, Donna, Joe, Gordon und John Bossworth, dem netten Onkel von nebenan. Die erste Staffel war gut, erzählte aber noch recht distanziert davon, wie die Gruppe im stockkonservativen Texas versuchte, einen tragbaren Computer zu entwerfen, im Wettrennen mit IBM. Ab der zweiten Staffel rückten Donna und Cameron mehr in den Fokus und die Serie wurde herausragend.

Babylon Berlin

Ich erwähnte weiter oben ja schon, dass ich die Romanvorlagen von Volker Kutscher sehr mag, die Serie kann ich nach vier Folgen aber noch nicht so richtig einschätzen. Ausstattung und Kulissen sind großartig, aber meine Lieblingsfigur Charly Ritter kommt mir in der Serie doch sehr fremd vor. Liv Lisa Fries spielt sie schon großartig, aber dass man sie in so ärmliche Verhältnisse verfrachtete hat, dass sie sogar als Prostituierte arbeiten muss, gefällt mir nicht so wirklich. Das hätte die Charly aus dem Buch nie gemacht. Normalerweise begrüße ich Abweichungen von der Buchvorlage, aber wenn es so gravierende Persönlichkeitsveränderungen sind, regt sich in mir Unbehagen.

Star Trek Discovery

1. Die Klingonen sehen scheiße aus und sprechen auch scheiße. 2. Ist mir das alles viel zu schlampig und plump geschrieben. 3. Erkenne ich da nur sehr wenig Star Trek. Für eine SF-Serie ist das ja ganz okay und sieht auch super aus, aber bei Star Trek erwarte ich mehr und was anderes. Mal abwarten, wie sich die Serie entwickelt, ist mir bisher noch zu sehr Abrams-Reboot und zu faul und nachlässig geschrieben (unbewachte, wichtige Außenposten; ungesicherte Transportshuttleflüge von hochrangigen Offizieren; Technik, die immer genau im richtigen Drehbuchmoment auf wundersame Weise funktioniert usw.) Habe ich schon erwähnt, dass ich Klingonen langweilig finde? Eine Prequelserie interessiert mich eigentlich auch nicht. Hätte viel lieber eine Fortsetzung nach Voyager gesehen. Hier muss man den Kanon so sehr zurechtbiegen und strapazieren, dass es gar nicht in ein einziges Universum passt, ohne in sich zusammenzufallen. Ich kann auch nicht erkennen, dass Stark Trek hier mit im neuen Serienjahrtausend angekommen sein soll, nur weil alles düsterer ist und hochrangige Offiziere schnell sterben. Dafür ist es einfach nicht gut genug geschrieben und noch Welten von der A-Liga der Serienlandschaft entfernt. Auch fehlt mir der Sense of Wonder der alten Serien.

The Expanse – 2. Staffel

Mit der ersten Staffel bin ich nicht so richtig warm geworden, doch die zweite hat mich gepackt. Die Drehbücher scheinen deutlich besser und stimmiger geworden zu sein, die Geschichte fügt sie gut zusammen und es entsteht tatsächlich Spannung. Auch die Figuren erscheinen mir inzwischen dreidimensionaler.

The Deuce

Atmosphärisch dichte Milieustudie der Prostituierten- und Pornoszene im New York der 1970er Jahre. Auf dem gewohnten David-Simon-Niveau.

Chesapeake Shores

Gnadenlos kitschige Familienserie, die mir trotzdem, oder gerade deswegen, richtig gut gefällt, auch wenn Staffel 2 deutlich schwächer ist. In der Postkartenidylle einer amerikanischen Ostküstenkleinstadt versuchen die fünf erwachsenen Kinder der O’Brian-Familie, ihr Leben in Ordnung zu bringen.

Hörspiel

Gruselkabinett 1: Carmilla, der Vampir nach Joseph Sheridan Le Fanu

Sehr stimmungsvoll inszenierte klassische Gruselgeschichte mit einem bissigen Vampir, allerdings auch sehr vorhersehbar. Was sicher daran liegt, dass diese Geschichte der Vampirklassiker schlechthin ist, der noch vor Bram Stokers Dracula entstand. Nach damaligen Maßstäben also alles andere als vorhersehbar. Mit erstklassigen SprecherInnen und guter Musik.

Für den Rest des Jahres gehe ich jetzt ein wenig in den Winterschlaf. Sollte mich die Muse küssen und die Texte rauswollen, wird es natürlich Blogeinträge geben, ansonsten dann spätestens den Jahresrückblick zwischen den Feiertagen. Was es nicht geben wird, sind Artikel zu den Frühjahr/Sommerprogrammen der Phantastikverlage. Fischer Tor und Piper haben ihre schon raus. Dafür lese ich momentan einfach zu wenig Phantastik. Aus den letzten Programmen habe ich, bis auf ein paar Fischer-Tor-Titel, kein einziges Werk gelesen.

Ausblick auf die Zukunft

Fest gebucht ist bereits das dritte PAN-Branchentreffen in Köln vom 19. bis zum 21. April 2018.

Kurzkritiken September 2017

Im September habe ich ganze acht Bücher geschafft. Bereits besprochen sind davon:

Lian Hearne – Die Legend von Shikanoko (Herrscher der acht Insel)
Stephen Elliott – My Girlfriend comes to the City and beats me up
André Marx – Die ???: Geheimnis des Bauchredners
John Scalzi – Kollaps

Mein Reread von Philip K. Dicks Blade Runner wird demnächst irgendwann auf Tor Online erscheinen.

Ethan Cross – Spektrum (übersetzt von Reiner Schumacher)

Teils rasanter Popcorn-Actionthriller mit jeder Menge schönen Übermenschen-Genies-Actionhelden, die gegen ganz ganz böse Bösewichte kämpfen müssen. So plump, wie ich das hier beschreibe, so plump ist der Thriller auch, dem nach der Hälfte die Puste ausgeht und der die eigentlich interessante Prämisse in den Sand setzt. Aber mir hat er irgendwie trotzdem Spaß gemacht. Keine Ahnung warum.

Volker Kutscher – Lunapark

Im inzwischen sechsten Fall für Gereon Rath sind die Nazis endgültig an der Macht, die Schlägertrupps der SA gelten jetzt als unangreifbare Polizeieinheit, Charly Ritter versteht die Welt und Hitlerjunge Fritze nicht mehr und Gereon muss auf einem schmalen Grat balancieren, um nicht ins Visier der Nazis zu geraten, die er aber eigentlich gar nicht so schlimm findet. Der eigentliche Fall ist nicht wirklich der Rede wert und knüpft direkt an Märzgefallene an, aber die Stimmung, die Kutscher da beschreibt macht die fehlende Spannung wett. Ab 13. Oktober kommt übrigens die Serie zu den Büchern unter dem Titel Babylon Berlin auf Sky.

Sophie Mass, Audrey Diwan, Caroline de Maigret und Anne Berest- How to be a Parisian
(übersetzt von Carolin Müller)

Weiß gar nicht, was ich mir von diesem „Ratgeber“ erwartet habe, der sich eher als ironisch-spitzer Blick auf die Klischees, die man von der idealen Französin hat, entpuppt. Ist aber irgendwie ganz unterhaltsam geraten, wenn auch mit wenig Substanz. Gekauft habe ich ihn mir vor allem, weil Anne Berest daran mitgeschrieben hat, von der das großartige Buch Sagan, Paris 1954 stammt.

Im Oktober werde ich in Vorbereitung von Halloween ausschließlich Horrorbücher lesen (die kommen sonst das ganze Jahr über zu kurz). Das erste, The Ritual (Im tiefen Wald) von Adam Neville war schon mal ein Reinfall. Das zweite, The Exorcist von William Blatty ist großartig. Nächste Woche stehen dann John Langans The Fisherman auf dem Programm sowie einige Kurzgeschichten von Thomas Ligotti und der Rearead von It. Besprechungen folgen.

Kurzkritiken August 2017

Da es mir momentan an Muse für längere Kritiken mangelt, berichte ich von meiner jüngsten Lektüre nur in Kurzform. Zumindest zu Paris wird es aber noch irgendwann eine längere Besprechung geben.

Michael Chabon – Telegraph Avenue (engl. Version)

Ein Roman, dessen rasante und verspielte Sprache einen im wilden Jazzrhythmus so wirbelnd über die Seiten mitreißt, dass man die Zeit darüber ganz vergisst und plötzlich schon einige hundert Seiten dieses Werks über Musik, Blaxplotation, Hebammen, Kung-Fu und Familie hinter sich hat, ohne dass einem dabei die Puste ausgeht.

Thankmar von Münchhausen – Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800

Extrem aufwendig recherchierte, stilistisch brillante, thematisch breitgefächerte und pointiert formulierte Geschichte der Hauptstadt Frankreichs, die für die Geschichte der Republik eine viel wichtigere Rolle gespielt hat, als es in föderalistisch organisierten Ländern der Fall ist. Pflichtlektüre für alle, die sich für Paris interessieren

Abir Mukherjee – Ein Angesehener Mann

Spannender und exotischer Krimi über einen britischen Ermittler in Kalkutta nach dem 1. Weltkrieg, der sich äußerst kritisch mit der Kolonialgeschichte des Empires auseinandersetzt. Hätte ruhig noch etwas opulenter formuliert werden können, aber für einen Debütroman ein beachtliches Werk. Gut übersetzt von Jens Plassmann.

Virgine Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Scharfsinniges Porträt eines Pariser Plattenverkäufers und seiner Freunde, die ihm unter die Arme greifen, als er seinen Laden schließen muss, aber nicht verhindern können, dass er immer weiter in die Obdachlosigkeit abrutscht. Weit weniger provokant als Despentes‘ Debüt Baise-moi, dafür viel intelligenter und cleverer inszeniert, mit eindrucksvollen Charakterstudien über das Wesen des aktuellen Frankreichs. Die sprachliche Klarheit der Übersetzung von Claudia Steinitz liest sich ganz wunderbar. Im Februar 2015 habe ich übrigens die ausgezeichnete Doku Mutantes: Punk Porn Feminism von Despentes besprochen (man muss etwas runterscrollen).

Philip Winkler – Hool

Nicht so clever und komplex, wie Clemens Meyers Als wir träumten, nicht so humorvoll wie Sven Regeners Neue Vahr Süd oder sprachlich so brillant wie Heinz Strunks Der goldene Handschuh, trotzdem ein sehr lesenswerter Roman über eine Hannoveraner Hooligan, dessen Freunde sich mit dem Erwachsenwerden weiterentwickeln, während er selbst in den Hooliganträumen seiner Jugendjahre hängen bleibt und die Welt nicht mehr versteht. Sprachlich interessant, weil der Ich-Erzähler auch außerhalb der wörtlichen Rede Umgangssprache verwendet. Vor allem die Charakterstudie von Heiko Kolbes Familie ist dem Autor gut gelungen, sowie die eindrücklichen Schilderungen eines Milieus, das den meisten Lesern des Buchs vermutlich völlig fremd sein wird.

Kurzkritiken Juni 2017

Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Übersetzt von Gabriela Zehnder

Sehr eigenwilliger und tiefgründiger, aber auch verspielter Roman um zwei einsame Menschen, die sich in ihre eigene Gedankenwelt flüchten, ihren Mitmenschen gegenüber aber trotzdem über eine erstaunliche Beobachtungsgabe verfügen. Die teilweise kurzen Kapitel, die immer wieder mal nur aus philosophischen Gedanken bestehen, sind sicher nicht jedermanns Sache. Habe ich sehr gerne gelesen, doch etwas erzählerische Wucht und Eleganz hat mir dabei gefehlt.

David Morrell – Der Opiummörder

übersetzt von Christine Gaspard

Historischer Roman, der auf die realen Ratcliffe-Highway-Morde anspielt und die Geschichte 40 Jahre später mit teils realen Figuren wie dem Opiumesser Thomas de Quincey, zu einem komplexen und kunstvollen Thriller in der vernebelten viktorianischen Ripper-Atmosphäre Londons weiterspinnt. Mein persönliches Highlight ist Emily – de Quinceys Tochter – die zeigt, wie man sich als Frau in einer Gesellschaft durchsetzt, die Frauen gerne unter einer dreißig Kilogramm schweren Schicht aus Reifröcken, Korsetts und Unterkleidern bändigt, damit sie den gesellschaftlichen Erwartungen an sie nicht davonlaufen können.

William Finnigan – Barbarian Days: A Surfing Life

Autobiografie eines Hardcoresurfers, der in der fürs Surfen wohl interessantesten Zeit aufwuchs, gerade als sich der Sport langsam durchsetzte, aber bevor er völlig kommerzialisiert wurde. Die langen Beschreibungen von unterschiedlichen Wellen, und wie der Autor sie geritten ist, sind für Nicht-Surfer stellenweise etwas zu ausführlich ausgefallen, aber dafür entschädigen seine eindrucksvollen Reisenbeschreibungen und die Porträts der Menschen, denen er unterwegs und beim Surfen begegnet. Kraftvoll geschrieben. Hat den Pulitzer Preis gewonnen, eine deutsche Übersetzung gibt es aber leider nicht.

James Lee Burke – Blut in den Bayous

übersetz von Alf Mayer

Band 2 der Reihe um Dave Robicheaux, den Alkoholiker mit Prinzipien, dessen Absturz aus dem Paradies weiter andauert. Und ein abgestürztes Flugzeug ist es auch, dass eine Spirale aus Gewalt im Leben des ehemaligen Polizisten in Gang setzt, der sich eigentlich mit einem Anglerladen und seiner frisch angetrauten Frau zur Ruhe setzen wollte. Ein kleines Meisterwerk, das weit über eine gewöhnliche Krimi- oder Thrillerhandlung hinausgeht. Wie Burke hier die Hitze und Landschaft Louisianas zu Leben erweckt, ist beeindruckend – und von Alf Mayer ausgezeichnet übersetzt. Die Figuren des Buches sind teils unvergesslich, allen voran natürlich der äußerst komplexe Dave Robicheaux selbst. Ein großes Lob an den Pendragon Verlag für die Neuauflage. Ich freue mich schon auf den nächsten Band.

Schon seit April habe ich keine Phantastik mehr gelesen, und irgendwie reizt sie mich auch aktuell nicht. Alle Bücher, auf die ich aktuell neugierig bin, bewegen sich außerhalb dieses Genres. Liegt vielleicht an der Jahreszeit, im Sommer bekomme höchstens mal Lust auf einen Horrorroman, die Lust auf Fantasy kommt meist erst im Herbst wieder.

Kurzkritiken: Cleave, Louis, Gregory, Thiemeyer und Kiernan

Liebe in diesen Zeiten (Everyone Brave is Forgiven) – Chris Cleave (Übersetzung Susanna Goga Klinkenberg)

Chris Cleave kann schreiben (und Susanna Goga-Klinkenberg übersetzen). Hier stimmt jedes Wort, jeder Satz ist unterhaltsam, jeder Dialog vom trockenen oder bissigen bis schwarzen britischen Humor geprägt. Jede einzelne Figur entwickelt schon nach wenigen Worten eine eigene Persönlichkeit. Und Cleave findet genau den richtigen Ton für und die richtige Balance zwischen Komödie, Romanze und den herzergreifend tragischen Schicksalen während des Zweiten Weltkriegs.

Im Prinzip geht es um eine Dreiecksgeschichte während des Zweiten Weltkriegs, in der wir die tragischen Schicksale der drei Protagonisten während des Blitz in London (als die Bomben fallen und alles in Schutt und Asche versinkt) und des Kriegseinsatzes in Frankreich und auf Malta verfolgen. Der Star des Buches ist sicher die unerschütterliche und unermüdliche junge Mary North, die sich für den Kriegseinsatz meldet, unfreiwillig Lehrerin wird, Spaß an der Sache findet und nach dem fast alle Kinder aus London evakuiert wurden, mit denen zurückbleibt, die keiner will, mit Behinderungen, Beeinträchtigungen, schwarzer Hautfarbe und anderen „Makeln“, die die armen Kleinen in der versnobten britischen Gesellschaft zu einem Club der Verlierer abstempeln.

Das Ende von Eddy (En finir avec Eddy Bellegueule) von Éduard Louis (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel)

Ähnlich wie Didier Eribon (dem das Buch auch gewidmet ist) in Rückkehr nach Reims, erzählt Édouard Louis von der schwierigen Kindheit eines homosexuellen Außenseiters in einfachen (sozial Schwachen) Verhältnissen auf dem Land in Frankreich. Obwohl viele Jahrzehnte zwischen Eribons und Louis‘ Kindheit liegen, scheint sich nicht viel verändert zu haben. Rassismus, Intoleranz, Gewalt, Hass auf die da oben, Städter, feine Pinkel und alle, die anders sind.

Ich bin zwar in auf einem Dorf aufgewachsen, aber die Lebensverhältnisse, die Louis hier schildert, keine Glühbirnen auf den Zimmern, kein Teppichboden, kaum Türen im Haus, dafür jede Menge Schimmel und Feuchtigkeit, sind ziemlich schockierend. So etwas hätte ich eher in den 50er Jahren vermutet. Dass so was vereinzelt noch vorkommt, klar, aber so massiv in so vielen Haushalten in einem Dorf … Dazu die alltägliche Gewalt, der Eddy an der Schule ausgesetzt ist, das konstante Mobbing der gesamten Dorfgemeinschaft (auch wenn es nicht immer böse gemeint ist) und sogar aus seiner Familie. Das alles schildert Louis beeindruckend und bewegend, in einer einfachen aber effektiven Sprache, ähnlich wie Eribon, nur ohne die soziologische Analyse und etwas unmittelbarer, weil er direkt aus der Kindheit erzählt.

Es gibt aber auch Widersprüche in der Geschichte. Auf der einen Seite heißt es, sie hätten kein Telefon zuhause, weshalb Eddy stundenlang in der Telefonzelle mit seiner Freundin telefoniert hätte, ein paar Seiten später ruft ihn dann seine Mutter abends zuhause an, um Bescheid zu geben, es würde etwas später werden.

Ein heftiges, brutales und schonungsloses Buch über einen Teil der Gesellschaft, der vermutlich so gut wie allen die zu dem Buch greifen oder meinen Blog lesen vollkommen fremd sein mag. Jenem Teil der Gesellschaft, der nach der Wahl Trumps in den USA und den aktuellen Erfolgen des Front National (zumindest in der Auslandspresse) wieder viel Aufmerksamkeit erhält, ohne das er aber wirklich verstanden wird.

Die Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel liest sich ausgezeichnet, vor allem auch in Bezug auf die Schimpfworte und Umgangssprache, da ich die Sprache gerade lerne, freut es mich auch, dass er einige interessante Begriffe auf Französisch erklärend im Text belassen hat.

After Party von Daryl Gregory (Übersetzung Frank Böhmert)

Neurochemikerin verlässt auf eigene Verantwortung die Psychiatrie, um herauszufinden, wer plötzlich wieder die Droge auf den Markt bringt, die sie überhaupt erst in die Geschlossene gebracht hat und an deren Herstellung sie mitgewirkt hat. Eine Droge, die dafür sorgt, dass einem Gott erscheint (bei jedem in einer anderen Manifestation) und nicht mehr verschwinden will. Daraus entwickelt sich dann eine Mischung aus Gangsterstory und Road-Movie, die mir für meinen Geschmack anfangs zu ziellos dahinplätschert. Erst gegen Ende, wenn die Storyfäden um die titelgebende Afterparty zusammenlaufen und sich die Geschichte als Krimi entpuppt, kommt sie so richtig in Fahrt. Schlecht fand ich das Buch nicht, aber meine hohen Erwartungen hat es auch nicht erfüllt. Dafür wird nicht genügend auf diese wirklich interessante Droge eingegangen, die zwar kein McGuffin ist, aber von der ich mir gewünscht hätte, dass der Autor etwas näher auf sie eingeht, bzw. sie zu einem zentraleren Bestandteil der Geschichte macht. Der letzte Teil des Buches mit dem Mädchen hat mir richtig gut gefallen. Auf den ganzen Gangsterkram hätte ich aber gut verzichten können. Da hat mir Harrison Squared von Gregory deutlich besser gefallen. Die Übersetzung von Frank Böhmer liest sich ganz ausgezeichnet mit prägnanten kurzen Sätzen, genau auf den Punkt geschrieben.

Babylon von Thomas Thiemeyer

Seit Medusa 2004 erschien, bin ich Thomas Thiemeyer in seinen Einzelromanen aber auch bei seiner Reihe um die Archäologin Hannah Peters treu geblieben, auch wenn mir der Band 3 Valhalla nicht so gut gefallen hat, da dort viel zu viel Wert auf die rasante aber auch oberflächliche Action gelegt und die wirklich interessante Hintergrundgeschichte völlig vernachlässigt wurde. Aber Babylon dürfte mein Abschiedsband gewesen sein. Auch dieses Buch beginnt als rasanter Actionroman, in den Thiemeyer mit dem Handlungsort Syrien und in Form eines IS-Schergen noch eine politische Komponente einbaut, doch leider bleibt diese auf dem Niveau eines amerikanischen B-Actionmovies. Und im letzten Drittel dreht die Geschichte dann vollends Richtung Erich von Dänniken ab. Und das Ende sorgt dafür, dass alles, was vorher passiert ist, im Prinzip für die Katz war, und dass es mir als Leser völlig egal ist, was mit den Figuren passiert. Die ersten beiden Drittel des Buchs habe ich immerhin noch flott weggelesen, ohne mich zu langweilen, doch als es dann Richtung Präastronautik und Esoterik ging, musste ich mich regelrecht durch das Buch quälen. Da hat jeder Satz wehgetan. Wobei ich es gar nicht prinzipiell ablehne, wenn ein Abenteuerthriller völlig ganz phantastisch wird (wie z. B. Korona), aber das hier ist einfach nur inkohärenter Murks.

Agents of Dreamland von Caitlan R. Kiernan

Eine Tor.com-Novelle, die im englischsprachigen Raum viel Lob erhalten hat. Von der Form her ist das Buch auch ganz wunderbar geschrieben und konstruiert, sprachlich auf höchstem Niveau, allein die Akte-X-artige Geschichte, mit Lovecrafteinflüssen konnte mich nicht so richtig packen. Ob es an der unkonventionellen Erzählstruktur lag? Ich weiß es nicht. Auch wenn es nicht schlecht zu lesen war.

Kurzkritiken: Film

Hier mal ein paar Kurzkritiken zu Filmen, die ich in den letzten Monaten gesehen habe. Im Schnitt sehe ich mir vielleicht zwei Filme pro Woche an, ins Kino gehe ich nur sehr selten, weil hier bei mir in der Nähe kaum Film in der Originalfassung laufen. Am liebsten schaue ich mir kleine, ruhige Filmperlen mit berührenden Geschichten und große Dramen an (also alles, was inzwischen kaum noch im Kino läuft). Gelegentlich auch mal prollige Blockbuster und Actionfilme (wobei mir der ganze schematische Superheldenkram langsam zum Hals raushängt, genauso wie Star Wars und alle anderen Franchisesachen; aber wenn sie auf Sky laufen, sehe ich sie mir manchmal an.

Brooklyn – kein Film hat mich in den letzten Monaten so berührt und beeindruckt, wie dieses sanfte Einwanderer/Familiendrama aus der Feder von Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín. Trotz eines Todesfalls erzählt der Film so wunderbar unaufgeregt von der jungen Irin Eilis Lacey (gespielt von der fantastischen Saoirse Ronan), die in den 1950ern in die USA einwandert, um dort ihr Glück zu versuchen, dass es eine helle Freude ist. Solche Filme werden in den heutigen Bombast-Blockbuster-Comic-Superhelden-Sci-Fic-Monsterflic-Kinozeiten kaum noch gedreht.

Das brandneue Testament (Le tout nouveau Testament) – respektloser und urkomischer Film von Jaco Van Dormael (Nobody) über den in Brüssel vor sich hinlebenden, misanthropischen Gott, dessen einzige Freude es ist, den Menschen mit kleinen Gemeinheiten den Alltag zu vermasseln; und seine Tochter, die davon genug hat, ausbüchst und ihre eigenen zwölf Apostel sucht, die alle ihre ganz eigenen berührenden Geschichten zu erzählen haben. Der Film ist noch besser, als der Trailer vermuten lässt.

Toni Erdmann – die ersten 15 Minuten dachte ich, Helge Schneider für Arme (und Beine), aber dann wurde es richtig gut. Ein sehr skurriler und tragikkomischer Film mit einer wunderbaren Darstellung von Sandra Hüller und Peter Simonischek. Das wird Jack Nicholson im völlig überflüssigen Remake mit seiner Grinsenummer nie so gut hinbekommen.

Me, Earl und the Dying Girl – meisterhafter Jugendfilm, der sich vor den besten Werken John Hughes‘ nicht verstecken muss. Tieftraurig, sehr berührend, aber auch unglaublich komisch. Grandios erzählt.

Zwei Tage, eine Nacht (Deux jours, une nuit) – kleiner aber feiner Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne über eine junge Mutter (großartig gespielt von Marion Cotillard), die eben zwei Tage und eine Nacht Zeit hat, ihre Kollegen davon zu überzeugen, auf einen Bonus zu verzichten, damit sie ihre Stelle behalten kann.

Frühstück bei Monsieur Henri (L‘ étudiante et Monsieur Henri) – eine dieser typischen französischen Wohlfühlkomödien, die einfach gute Laune verbreiten, aber verschroben genug sind, um nicht zu kitschig zu werden. Mit einer tollen jungen Hauptdarstellerin (Noémie Schmidt) und einem glänzend aufgelegten Claude Brasseur.

Before We Go – recht einfallloser Abklatsch von Before Sunrise, der nur durch den Charme der Hauptdarstellerin gerettet wird, aber eigentlich recht unmotiviert vor sich hinplätschert. Habe ich aber trotzdem ganz gerne gesehen, da ich für solche kitschigen Romanzen recht anfällig bin.

Kong: Skull Island: unterhaltsamer Monsterabenteuerbombastblockbuster ;), der aber richtig Spaß macht. Ich liebe solche Geschichten über noch unentdeckte Regionen, wie in Arthur Conan Doyles Die verlorene Welt, wo sich eine ganz eigene gefährliche Fauna entwickelt hat. Dabei konnte mich King Kong bisher wenig begeistern.

Ghost in the Shell – habe ich erstmals 1996 im Alter von 16 Jahren gesehen. Ein paar Jahre zuvor hatte mich Akira förmlich umgehauen und zum lebenslangen Animefan gemacht. Doch Ghost in the Shell fand ich damals langweilig. Allerdings traue ich meinem 16-jährigen Ich in Geschmacksfragen nur bedingt, gehörten doch damals Filme wie Urutsokidoji 1 u. 2 oder Fist of the North Star zu meinen Lieblingsanimes (heute kann ich sie mir nicht mehr ansehen). Die Neusichtung des Kultklassikers von 1996 zeigt, dass ich mit meinem Misstrauen gegenüber meines jugendlichen Urteilsvermögen richtig lag, damals wusste ich die ruhige aber atmosphärisch dichte Inszenierung, die wunderbaren Bilder und die philosophischen Betrachtungen einfach nicht zu schätzen.

Garden of Words – wunderbarer, kurzer Film von Makoto Shinkai (The Place Promised In Our Early Days) über eine Schüler und eine junge Frau, die eine zarte Freundschaft entwickeln, weil sie sich immer wenn es regenet in einer Pagode im Park treffen.

Southpaw – ganz nette Boxergeschichte, mit tragischen Wendungen und zwei guten Hauptdarstellern, durchaus mit den üblichen Klischees, dafür aber mit spektakulär inszenierten Kämpfen.

Bone Tomahawk – knallharter Horrorwestern, der trotzdem recht langsam inszeniert ist, hätte ruhig 20 Minuten kürzer sein können, ist aber trotzdem sehenswert – Kurt Russel in Topform.

Carol – Beziehungs- und Familiendrama nach einem autobiografischen Roman von Patricia Highsmith, den sie seinerzeit aufgrund der lesbischen Thematik unter Pseudonym veröffentlicht hatte. Mit zwei ganz wunderbaren Hauptdarstellerinnen.

Kill Your Friends – nicht so clever, wie er gerne wäre, und viel zu zahm inszeniert, um wirklich so zynisch und böse zu sein, wie er tut. Durchaus sehenswert, mit tollem Soundtrack, aber das gewisse Etwas fehlt. Nach dem Roman von John Niven, in der Musikbranche der 80er Jahre. Cooler Auftritt von Moritz Bleibtreu.

Mistress America – ein typischer Baumbach/Gerwig-Film, mit der bezaubernden Lola Kirke (aus Mozart in the Jungle), witzig, leicht tragisch, leicht schräg, aber doch ganz harmlos.

Lights Out – Effektiver Grusler, der das Beste aus der Thematik rausholt und mit seiner kurzen Laufzeit wunderbar kompakt daherkommt.

Green Room – Punkband landet in Nazikaschemme, sieht, was sie nicht sehen soll und muss bald um ihr Leben kämpfen. Mit Patrick Stewart als Obernazi, eigentlich ganz stimmungsvoll, mir persönlich aber etwas zu statisch inszeniert.

Backtrack – Atmosphärisch dichter und psychologisch ausgefeilter ruhiger australischer Grusler mit Adrian Brody. Hat mir gut gefallen.

The Dressmaker – dachte, es würde sich um ein ruhiges Familiendrama mit Homecoming handeln, stattdessen bekam ich eine bitterböse und tiefschwarze Satire mit Kate Winslet und viel skurrilen Figuren.

Don’t Breath – spannender Einbruch-geht-schief-mit-böser-Überraschung-Thriller mit einem sehr präsenten Stephen Lang und ein paar netten Twists. Handwerklich hervorragend inszeniert.

Dope – ausgezeichnete Mischung aus Gangsterthriller und Coming-of-Age-Drama.

Burnt – ganz nettes Drama mit Bradley Cooper als Ex-Junkie-Sternekoch, der einen Neuanfang versucht, dabei aber so kotzbrockig rüberkommt, dass ich so meine Schwierigkeiten mit dem Film hatte.

Lo and Behold – herausragende Doku von Werner Herzog über die Entstehung und Entwicklung des Internets – denn Herzog stellt immer die richtigen Fragen, die man in keiner anderen Doku hört.

The Nice Guys – arschcooler Retrothriller von Shane Black, in dem die junge Hauptdarstellerin Angourie Rice Russel Crow und Ryan Gosling locker die Show stiehlt.

The Neon Demon – unglaublich stylisch inszenierter Albtraum in der Modelszene von L.A. mit der für Nicolas Winding Refn typischen Brutalität. War mir aber zu glatt und zynisch.

Baskin – knallhart und sehr stilsicher inszenierter türkischer Horrorfilm.

Der kleine Nick (Le Petit Nicolas) – wunderbare Umsetzung des berühmten Kinderbuchs, mit ganz tollen jungen Darstellern und einigen sehr witzigen Episoden.

Stuck in Love – sehr unterhaltsam inszenierter Beziehungsfilm aus der klassischen amerikanischen Mittelschicht, mit ausgezeichneten Darstellern, Figuren mit Tiefe und einer anrührenden Geschichte

Infinitely Polar Bear – sehr intensiv gefilmtes Beziehungsdrama um einen Vater mit bi-polarer Persönlichkeitsstörung, mit einem herausragenden Mark Ruffalo. Wunderbare kleine Filmperle.

Anomalisa – schwermütiger Animationsfilm von Charlie Kaufmann, schon fast frustrierend melancholisch inszeniert, aber sehr sehenswert.

X-Men: Apocalypse – hat ein paar nette Momente ist aber ansonsten das übliche Guter-Magneto-Böser-Magneto-Spiel, nur viel plumper inszeniert als in den letzten beiden Filmen.

Batman vs. Superman – der hat keine netten Momente. Trotz des scheinheiligen Deckmantels der kritischen Reflexion über die Zerstörungsorgie in Man of Steel, geht es dem Film dann doch nur darum, eine noch apokalyptischere Zerstörungsorgie abzufeiern. Schlecht geschrieben, aalglatt wie Supermans Frisur, völlig humorlos und ohne Seele.

Captain America: Civil War – tut ähnlich wie Batman vs. Superman so, als würde er kritisch über die Zerstörungsorgien in Avengers 2 reflektieren, am Ende geht es aber doch nur um weitere Kloppereien – dieses Mal halt zwischen den Avengers. Ist aber viel humorvoller und stimmiger inszeniert als das DC-Pendant. Hat mich aber trotzdem gelangweilt, da alle Marvel-Filme im Prinzip nach dem gleichen Schema ablaufen.

World of Warcraft – ziemlicher Murks. Ich bin zwar großer Fantasyfan, und teilweise sieht der Film auch ganz schick aus, aber die Story ist zusammengepanschter Klischeepunsch. Keine Ahnung, ob der Leuten besser gefällt, die das Onlinerollenspiel zocken?

Kurzkritiken Januar 2017 – Teil 2

Liebe mit zwei Unbekannten von Antoine Laurain (übersetzt von Claudia Kalscheuer)

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Wenn ich fies wäre, würde ich schreiben, es gehe in dem Buch um einen eigentlich netten Buchhändler, der durch eine Reihe höflicher und engagierter Gesten in bester Absicht zum gruseligen Stalker wird. Aber so fies bin ich nicht. Stattdessen geht es um einen netten Pariser Buchhändler, der eine gestohlene Handtasche findet und sie der Besitzerin zurückbringen möchte, was sich aufgrund fehlender konkreter Hinweise zu einer netten kleinen Schnitzeljagd entwickelt, die in einer romantischen Liebesgeschichte á la Schlaflos in Seattle oder Serendipity gipfelt (ich liebe solche romantischen Schnulzen). Schön geschrieben, ohne allzu viel Tiefgang, aber auch nicht zu kitschig. Ein Gute-Laune-Buch.

Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau von Anne Berest (übersetzt von Gaby Wurster)

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Nachdem ich Berests Sagan – Paris 1954 mit großer Begeisterung gelesen habe, konnte ich es gar nicht erwarten, ihren neusten Roman zu lesen, der mich dann aber doch etwas zwiegespalten zurücklässt. Die titelgebende Emeliennen ist eine Pariser Fotografin, die sich, durch die Lebenskrise einer Nachbarin angeregt, auf die Suche nach der perfekten Frau macht. Dabei stellt sie sich allerdings als ziemlich unsympathische und unangenehme Person heraus (zumindest für mich), die rein egoistische Ziele verfolgt und sich nicht für die Nöte ihrer Mitmenschen interessiert. Dabei sind diese Mitmenschen, die Frauen, denen sie auf ihrer Suche begegnet, der Grund, warum mir das Buch doch ganz gut gefallen hat. Denn sie haben wirklich interessante Geschichten zu erzählen, die oft eine scharfsinnige Analyse der Rolle der Frau in der Gesellschaft liefern. So einen richtigen Plot gibt es nicht, viel mehr stolpert die Protagonistin von einer Episode zur nächsten. Auch wenn alles nicht so ganz stimmig zusammenpasst, und manchmal zu konstruiert wirkt, sind die einzelnen Episoden doch sehr lesenswert.

In der nächsten Buchbesprechung kehren wir dann nach Reims zurück, die ist etwas ausführlicher geworden und hat einen eigenen Eintrag verdient.