Abgeliefert: „Dunkle Materie“ von Carolyn Ives Gilman

Letzten Montag habe ich die Übersetzung des Science-Fiction-Romans Dunkle Materie (Dark Orbit) bei Cross Cult abgeliefert. Soll im ausgezeichneten Herbstprogramm neben Linda Nagata, Nnedi Okorafor und Connie Willis erscheinen.

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Das Titelbild stammt von Martin Frei.

Dunkle Materie spielt in der fernen Zukunft der Zwanzig Planeten, in der die Menschen per Lichtstrahl von Welt zu Welt reisen. Doch während für die Reisenden nur wenige Sekunden vergehen, verstreicht für jedes Lichtjahr Distanz ein Jahr für den Rest der Menschheit.

For others, time passed. For a Waster, it was always just now. Fraglos eines der Highlights in „Dark Orbit“, dem jüngsten Roman Carolyn Ives Gilmans, ist das Anfangskapitel, in dem die US-Autorin die schönste Beschreibung eines nonlinearen Lebensstils seit Joe Haldemans „Der ewige Krieg“ abliefert.

(Schreibt Josefson in der SF & F Rundschau)

Zur Gemeinschaft dieser ausgegrenzten Reisenden, die sich in der ständig wandelnden normalen Welt stets fremd fühlen, gehört auch die Exoethnologin Saraswati Calicot, die eine einmalige Gelegenheit erhält, auf ein Erkundungsschiff zu reisen, das einen neuen Planeten entdeckt hat. Diese unbemannten Schiffe wurden vor Jahrhunderten von den Vorfahren der jetzigen Menschheit ausgeschickt, um die unermesslichen Weiten des Alls nach neuen Planeten und nach Leben zu durchsuchen. Per Lichtstrahltransmitter reist Sara auf das achtundfünfzig (Licht-)Jahre entfernte Erkundungsschiff Escher, das um den fremdartigen Regenbogenplaneten Iris kreist, der sich in einem Teil des Weltraums befindet, in dem Raum und Zeit nicht mehr den Gesetzen der Physik gehorchen zu scheinen und Dunkle Materie zu Anomalien im Gefüge des Universums führt.

lntellectually daring, brilliantly imagined, strongly felt. This one’s a winner.

Ursula K. Le Guin.

Von allen Romanen, die ich bisher übersetzt habe, hat mir dieser am meisten Spaß gemacht. Die Übersetzung ging mir daher auch leicht von der Hand und war erstaunlich schnell fertig. Das ist eine jener Geschichten, in der ich mich sofort heimisch gefühlt habe, in die ich intensiv eingetaucht bin. Eine komplexe und elegante Geschichte über zwei starke Frauen und die Grenzen unserer Wahrnehmung – mit viel »Sense of Wonder«.

Reizvoll ist in „Dark Orbit“ etwa die brisante Chemie zwischen Sara und dem Sicherheitschef der Expedition, Dagan Atlabatlow. Sie entstammt einer Kultur, in der man auf Autoritäten pfeift – er kommt von einem Planeten, auf dem man glaubt, dass die innigste Beziehung zwischen Jäger und (menschlicher) Beute besteht.

Josefson

Neben dem Sense of Wonder kommen auch das Innenleben der Figuren und ihre Beziehungen untereinander nicht zu kurz.

Und hier noch ein kleiner (unlektorierter und unkorrigierter) Auszug aus meiner Übersetzung):

In einer einzelnen Reihe schritten sie hinaus in die Prärie, mit Atlabatlow an der Spitze, der das Gras mit einem Wanderstock teilte, um Speerpflanzen und eine Art niedrigem Bodenkaktus mit metallischen Nadeln, die sie ebenfalls im Gras gefunden hatten, aufzuspüren. Bis auf ein paar gelegentliche Warnungen oder Aufschreie, wenn eine Nadelfliege jemandes Overall durchbohrte, gab es keine Unterhaltungen. Hinter sich konnte Sara hören, wie Mr. Gibb sich selbst Notizen diktierte. »Die Entdecker brechen auf, um einen jungfräulichen Planeten zu penetrieren und seine Geheimnisse freizulegen. Iris, in Geheimnisse verhüllt, und so weiter, und so weiter.«
Sie kamen nur langsam voran. Ihre Augen waren notwendigerweise auf den Boden vor sich gerichtet, und so hörten sie die Anomalie, bevor sie sie sahen.
Über dem Pfeifen des Windes auf dem Gras lag ein schwacher musikalischer Unterton, der an Windspiele erinnerte. Inzwischen konnten sie die Grenze des Gebiets deutlich vor sich sehen, und so hielten sie verblüfft an.
Sara konnte nicht im mindesten verstehen, was sie da sah. In einem Moment sah es wie die vertikale Oberfläche eines Sees aus; im nächsten wie eine Masse aus kantigen Spalten – Risse im Tag. Für einen Augenblick hatte sie das Gefühl, dass sie nach unten blickte, über den Rand des Abgrunds, und trat einen Schritt nach vorne, um den Fall zu stoppen, nur um herauszufinden, dass der Boden immer noch horizontal war, auch wenn sie desorientiert schwankte.
»Was zur Hölle?« keuchte sie.
Thora neben ihr starrte mit gebannter Faszination darauf. »Das ist etwas, zu dem unsere Sinne nicht entwickelt sind, es wahrzunehmen«, sagte sie.
Überraschenderweise war es Mr. Gibb, der rausfand, um was es sich handelte. »Oh, ich verstehe«, sagte er plötzlich. »Das ist ein Wald.«
»Was?« Sara konnte keinerlei organische Formen darin sehen – zumindest keine nach menschlichen Maßstäben.
»Die ganzen kleinen Reflexionen, das sind die Blätter«, erklärte er. »Die Stämme sind die vertikalen Oberflächen, wie facettierte Spiegel. Einige von ihnen besitzen diese reflektierenden Wedel und Bänder anstelle von Blättern. Deshalb ist es so schwierig, die Stämme zu sehen.«
Mit einiger geistiger Anstrengung gelang es Sara, zu sehen, was er meinte. Es war, als würde man auf ein visuelles Paradoxon blicken, als würde sie sich zwingen, die beiden Gesichter anstelle der Vase zu sehen.
»Das ist sehr clever«, sagte Thora leise, »und sehr falsch.«
Falsch oder nicht, die schimmernde Wand aus Reflexionen, die sich jetzt in eine Art kubistische Origamiszene auflöste, ergab zumindest einen bizarren Sinn. Die Musik kam aus dem Inneren.
»Windspielbäume«, sagte Sri Paul. Er hielt einen Taschenrecorder in der Hand und stellte ihn darauf ein, Choralgesänge abzuspielen. Als der erste Akkord des Glockenkonzerts erklang, wurde er umgehend von dem Wald zurückgeworfen. Es folgte ein Arpeggio, das im Bruchteil einer Sekunde später von den flüssigen Windspielen imitiert wurde. Paul hielt die Aufzeichnung an, und die Waldmusik kehrte zu den komplexeren Harmonien von vorher zurück. »Zeichne es auf und spiel es ab«, schlug Ming vor. Paul tat es, und die Musik der Bäume pfiff fröhlich zur Antwort.
»Du musst eine Art sympathischer Vibrationen ausgelöst haben«, sagte Touli.
»Spiegelbilder«, grübelte Thora mehr zu sich selbst.
Vorsichtig näherten sie sich dem Rand des Waldes. Kurz davor musste sich Sara erneut geistig anstrengen, um die Bäume zu sehen. Ihre Stämme sahen wie Klumpen aus transparentem Kristall aus, wie Kandiszucker am Stiel. Um sie herum hingen die »Blätter« – lange, baumelnde Dinger in Prismenform, so durchsichtig wie Glas, die klingelten, wenn sie sich, durch den Wind aufgewühlt, gegenseitig berührten.
Die Windspielblätter bildeten einen dicken Vorhang am Waldrand und reichten fast bis auf den Boden. Während sie sich drehten und wandelten, warfen sie Regenbogenschatten. Ein Spektrum jagte über Atlabatlows entschlossenes Gesicht, als er seinen Stock ausstreckte, um eines der größten Blätter zu berühren, das fast so groß wie er war. Doch statt die Oberfläche zu berühren, ging sein Stock durch das Blatt hindurch, sein Ende tauchte auf der anderen Seite wieder auf, um sechzig Grad von der Ausgangsposition abgewinkelt. Langsam zog er ihn wieder raus, sie versammelten sich alle darum, um ihn zu inspizieren. Er sah perfekt intakt und ganz unberührt aus.
»Es muss eine Art optischer Täuschung sein«, sagte Touli. Dann, bevor jemand reagieren konnte, trat er nach vorne, um das Blatt selbst zu berühren. Seine Hand fuhr durch die spiegelartige Oberfläche und trat auf der anderen Seite aus, in einem unmöglichen, gebrochenen Winkel verdreht. Es sah so schrecklich aus, dass mehrere Leute aufkeuchten. Aber er zog seinen intakten Arm wieder hervor, betrachtete ihn neugierig und wackelte mit den Fingern.
»Bitte seien Sie in Zukunft vorsichtiger«, sagte Atlabatlow mit ernster Stimme. »Wir haben keinen Arzt dabei.«
»Wie fühlt sich das an?«, fragte Thora eifrig.
»Als würde man eine Wasseroberfläche durchstoßen«, brummelte Touli nachdenklich. »Ich glaube nicht, dass es eine optische Täuschung ist.«
Das Windspielblatt hatte sich im Wind gedreht, und Atlabatlow benutzte jetzt seinen Stock, um es zurückzudrehen. In dem Augenblick, in dem der Stock das Blatt berührte, zerfiel er in zwei Teile, als wäre er sauber von einer lautlosen Kreissäge zerschnitten worden.

Verschiedenes zum Übersetzen

Auf der Seite Schwarz auf Weiß berichtet die Übersetzerin Gabriele Haefs (Percy Jackson) über ihre Abenteuer beim Übersetzen. In Teil 4 erzählt sie auf sehr amüsante Weise von ihren Kontakten zu ambitionierten Nachwuchsübersetzerinnen und Übersetzern und deren Kampf gegen die Realität.

Ich bin selbst mal einer dieser Nachwuchsübersetzer gewesen, die bei einem erfahrenen Kollegen um Rat gebeten haben, wie der Berufseinstieg am besten gelingen könne. Wer diesen Blog hier schon länger verfolgt, weiß vielleicht, dass in meinem Fall das bedauernswerte Opfer meiner naiven Anfrage Frank Böhmert war, der darauf hin auf seinem Blog den Beitrag Literaturübersetzer werden – aber wie? verfasste, mit dem für mich alles begann. Zu sehr kann ich Frank aber damals (2009) nicht genervt haben, da wir heute noch Freunde sind und er mir schon mal Unterschlupf gewährt, wenn ich in Berlin bin.

Sechs Jahre sind nach dieser ersten Anfrage und meinen ersten Überlegungen Übersetzer zu werden vergangen, bis es dann so weit war, dass ich den Beruf erstmals tatsächlich hauptberuflich ausgeübt habe. Was vor einem Jahr war. Dazwischen lagen noch 4 Jahre Studium und einige Tätigkeiten als Sozialpädagoge, wobei ich währenddessen immer schon nebenberuflich übersetzt habe. Es ist also machbar, kann aber bisweilen ein langer Weg sein.

Die aktuellste von mir erschienene Übersetzung ist Die Maschine erwacht von Adam Christopher bei Cross Cult. Das Wichtigste, was ich nach Abgabe der Übersetzung bekomme, ist natürlich das Honorar, aber ich freue mich auch sehr über Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern. Es ist doch ein befriedigendes Gefühl, zu sehen, dass das, was man übersetzt hat, auch auf Gefallen stößt und dass man einigen Menschen damit ein paar schöne Lesestunden verschafft hat. Mit Ausnahme der beiden Bücher von Edward Lee ist das Feedback der Leserschaft zu den von mir übersetzten Büchern aber recht überschaubar, weshalb ich mich über jede noch so kleine Besprechung freue.

Wie auch schon zu Das Blut der Helden und den beiden Captain Future-Romanen, gibt es zu Die Maschine erwacht bisher recht wenige Bewertungen, aber auch hier fallen sie größtenteils positiv aus.

Auf Amazon.de schreibt Kaiz74:

Ein solides und komplexes SF-Machwerk, gespickt mit Verschwörungen und vielen verschachtelten Geheimnissen.

Auch das 2. Buch der Reihe kann grundsätzlich überzeugen.

Auf Splashbooks hat Götz Piesbergen eine etwas ausführlichere Besprechung verfasst:

Was Adam Christopher auf jeden Fall gelingt, ist eine gelungene Atmosphäre zu erzeugen. Innerhalb weniger Seiten weiß man, wo und wann man sich befindet. Und die Erde hat hier einen ähnlichen Charme, wie das Sonnensystem mit der unheimlichen Sonne des ersten Teils.

Die Story erinnert an einen SciFi-Krimi, was im vollkommenen Kontrast zum SciFi-Mystery-Grusel des Vorgängerbandes steht. Und auch von der Tonart her nicht passt.

Da hat er nicht ganz unrecht. Lesern, denen Band 1 vor allem wegen der Gruselatmosphäre gefallen hat, und die jetzt Ähnliches in Band zwei erwarten, könnten enttäuscht werden. Andererseits wiederholt sich Christopher nicht, sondern hat sich was Neues einfallen lassen, um dieses Universum um weitere interessante Aspekte zu erweitern. Dadurch ist auf jeden Fall für Abwechslung in der Reihe gesorgt.

Ulrich Blumenbach über das Übersetzen und Nachwuchsförderung

Der Traum von ewiger »Pralinen-Prosa« – Auf dem Blog Intellectures.de gibt es ein sehr interessantes Interview mit dem renommierten Übersetzer Ulrich Blumenbach – der z. B. Infinite Jest (Unendlicher Spaß) von David Foster Wallace übersetzt hat -, das jeder lesen sollte, der sich halbwegs für die Tätigkeit des Literaturübersetzens interessiert. Vor allem geht es um sein aktuelles Mammutprojekt Witz von Joshua Cohen, das ein gewaltiger Brocken sein muss. Solche Projekte, wie auch das jüngst von Moshe Kahn übersetzte Horcynus Orca, sind eigentlich nur zu stemmen, wenn es eine Förderung für die Übersetzerin oder den Übersetzer gibt, oder im Nachhinein einen dotierten Preis. Die Verlage, die solche Bücher veröffentlichen, zahlen wohl nicht genug, um den enormen zeitlichen Aufwand, den solche fast unübersetzbaren Bücher benötigen, ausreichend zu vergüten.

Besonders bewundere ich Ulrich Blumenbach für seine Nachwuchsförderung, so holt er immer wieder jüngere Kolleginnen für Projekte an Bord, um diese zu fördern, damit sie bei den Verlagen einen Fuß in die Tür bekommen. Das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen.

In einer Kolumne zur Nachwuchsförderung habe ich beschrieben, dass mir immer wieder das Argument begegnet ist, dass dem von mir empfohlenen Nachwuchs die Erfahrung der Übersetzung anspruchsvoller Werke fehle. Da kann ich nur sagen: wenn sie nie die Chance bekommen, ein anständiges Werk zu übersetzen, dann können sie auch nicht besser werden. Lektoren und erfahrene Übersetzer müssen meines Erachtens gemeinsam Entwicklungschancen für die nächste Generation der Übersetzenden entwickeln und ihnen das Handwerkszeug beibringen.

Lektoren gehen eher auf Nummer Sicher und wählen die 50-jährigen, erfahrenen Übersetzer, statt ihrerseits konsequent eine Nachwuchsförderung zu betreiben. Nach uns, den aktuellen Fünfzigern, klafft aber eine riesige Lücke, und absehbar laufen wir einer Katastrophe entgegen, denn mit siebzig Jahren werden auch wir den Staffelstab weitergeben wollen. Und wenn dann kein Nachwuchs da ist, dann stehen die deutsche Literaturszene und die deutschsprachigen Verlage dumm da. Das zu verhindern, ist Aufgabe von Übersetzern und Verlagen, auch wenn Übersetzer dabei in die schizophrene Lage geraten, möglicherweise an ihren eigenen Stühlen zu sägen.

Ich weiß ja inzwischen aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, bei Verlagen an Aufträge zu kommen, bzw. überhaupt einmal wahrgenommen zu werden. Ohne Kontakte und Beziehungen läuft da so gut wie nichts. Und das gilt auch für Bereiche, in denen es nicht um so anspruchsvolle Literatur geht, wie Blumenbach sie übersetzt. Ich habe zumindest meine Aufträge für die TV-Dokus für N24 durch einen befreundeten Übersetzer erhalten, der mir diesen Kontakt vermittelt hat. Dafür bin ich ihm immer noch unendlich dankbar, denn ohne die finanzielle Unterstützung durch diese Aufträge, hätte ich die Übersetzerei vermutlich schon längst aus finanziellen Gründen an den Nagel gehangen.

 

Nachtrag: Die im Zitat oben verlinkte Kolumne von Blumenbach ist auch sehr lesenwert. Sie zeigt, dass alles seine Vor- und Nachteile haben kann.

Das Übersetzen von Hochliteratur wird etwas besser bezahlt als das von Unterhaltungsliteratur, kostet aber sehr viel mehr Zeit. Man kann sich in die Armut hochübersetzen, wie Kollege Bernhard Robben mal sagte.

Empfehlenswerte Übersetzerinnen und Übersetzer

An dieser Stelle möchte ich mal einige meiner Kolleginnen und Kollegen empfehlen, die ich sehr schätze. Dafür müssen sie drei Kriterien erfüllen. Ich muss sie persönlich kennen. Ich muss etwas von ihnen gelesen haben. Und sie müssen irgendwie im Internet präsent sein.

Frank Böhmert – Mit Frank fing alles an. Er war maßgeblich mit daran beteiligt, dass ich heute als Übersetzer tätig bin. Dabei hatte ich ihn schon lange, bevor ich ihn im Internet oder gar persönlich kennengelernt habe, bereits im Regal stehen. Die fünf Bücher von Salvatore (siehe Foto) habe ich bereits als Jugendlicher gelesen, und die Hobbit-Hommage mit den drei Bänden um die Drachenwelt hat mir damals sehr gut gefallen. Auch Franks Übersetzung zur Romanvorlage des großartigen Spike-Lee-Films 25 Stunden mit Edward Norton las ich, bevor ich Frank kennengelernt habe. David Benioff ist inzwischen übrigens Showrunner von Games of Thrones. Den ersten näheren Kontakt mit Frank hatte ich, als er für die Übersetzung von Phillip K. Dicks Die Lincoln Maschine fragte, ob jemand im SF-Forum die deutsche Ausgabe von Peter Pan zur Hand habe. Ich hatte. Es ging um den Namen des Hundes, ich half ihm weiter und bekam später zum Dank ein Belegexemplar zugeschickt.

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An Franks Übersetzungen schätze ich vor allem, dass es ihm stets gelingt, einen lässigen, authentischen Tonfall zu erzeugen, der dafür sorgt, dass die Dialoge zu keinem Zeitpunkt gestelzt oder eben übersetzt wirken. Ganz gleich ob Jugendbuch oder Krimikost der alten Schule (wie bei Robert B. Parker). Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch keinen einzigen der neuen Tiptree-Bände gelesen habe. Eine Bildungslücke, die ich gedenke, bald zu füllen. Auf seinem Blog berichtet er unter anderem auch über seine Übersetzungen und hat erst jüngst ein höchst amüsantes Übersetzungsgewinnspiel veranstaltet.

Mein erster Klient des Tages – und der Woche, um ehrlich zu sein – kam am Dienstag nach Thanksgiving in mein Büro und setzte sich in einen der Stühle für meine Klienten. Er war mittelgroß und schlank und trug einen braunen Tweedanzug, eine blaue Fliege mit Paisly-Muster und eine zufriedene Miene.
»Sie sind Spenser«, sagter er.
»Ja, bin ich.«
»Ich bin Dr. Ashton Prince.«
»Wie nett.«
»Verzeihung?«
»Was kann ich für Sie tun, Dr. Prince.«
»Ich sehe mich mit einer höchst diffizilen Angelegenheit konfrontiert.«

(Erste Sätze aus Trügerisches Bild von Robert B. Parker, erschienen im Pendragon Verlag.)

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Gerd Rottenecker – Gerd kenne ich schon seit vielen Jahren durch das Forum der Bibliotheka Phantastika, wo er unter dem Namen Gero unterwegs ist. Es hat aber eine Weile gedauert, bis ich erfahren habe, dass er Übersetzer ist, und, dass ich Übersetzungen von ihm im Regal stehen habe. Unter dem Pseudonym Tim Straetmann übersetzt er Das Spiel der Götter von Steven Erikson. Bis Der Tag des Sehers habe ich die Reihe auf Deutsch gelesen, bin dann aber aus Platz- und Kostengründen auf die englische Fassung umgestiegen. Da krebse ich jetzt aber schon seit einer Ewigkeit in House of Chains rum. Danach werde ich wieder auf die deutsche Fassung umsteigen, obwohl ich Englisch eigentlich fließend lese. Was an seiner Arbeit so besonders ist, zeigt mein Bericht über einen Übersetzungsworkshop, den ich mit Gerd zusammen in Straelen besucht habe. Am ehesten würde ich seine Arbeit am Spiel der Götter mit jener von Ulrich Blumenbach an David Foster Wallaces Unendlicher Spaß vergleichen. Nur, dass Gerd keine Stipendien für seine Übersetzungsleistung bekommt. Denn es handelt sich ja um Fantasy, und das kann keine große Literatur sein.

Gerd hat jetzt keine persönliche Internetseite oder einen Blog, aber er ist einer der beiden verbliebenen Betreiber der Bibliotheka Phantastika, wo er regelmäßig interessante Autorinnen vorstellt, aber auch offen über seine Übersetzungsarbeit berichtet. Auch über die nicht so schönen Aspekte. Gerd ist ein alter Hase in der Branche und war schon Herausgeber bei Knaur Fantasy und Programmberater bei Blanvalet. Ich habe gerade festgestellt, dass ich mit dem Feist (siehe Foto) sogar eine Übersetzung von ihm im Regal stehen habe, von der ich gar nichts wusste, einfach, weil ich die drei Teile der Nebenreihe zur Midkemiasaga noch nicht gelesen habe.

Die Rostflecken auf der schwarzen, vernarbten Oberfläche von Mocks Wetterfahne sahen aus wie aufgemalte Seen aus Blut. Ein Jahrhundert alt, hockte sie auf der Spitze einer alten Pike, die ganz am äußeren oberen Ende der Festungsmauer angebracht worden war. Monströs und missgestaltet wie sie war – kalt in die Form eines geflügelten Dämons gehämmert, dessen Zähne in einem boshaften Grinsen gebleckt waren -, wurde sie von jedem Windstoß hin und her geschüttelt und quietschte protestierend.

(Erster Absatz aus Die Gärten des Mondes von Steven Erikson.)

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Simone Heller – ist die zweite verbliebene Betreiberin der Bibliotheka Phantastika. Es hat bei mir auch eine Weile gedauert, bis ich rausbekommen habe, dass Mistkaeferl als Übersetzerin tätig ist. Und auch in diesem Fall entdeckte ich, dass sie mit Sündenfall von Ken Scholes bereits in meinem Regal steht. Und wie Gerd treffe ich sie inzwischen regelmäßig bei verschiedenen Veranstaltungen wie dem Bucon oder der Leipziger Buchmesse.

Ihre gelingt es, eher ungewöhnlicher Fantasy abseits der üblichen Klischees und Handlungsmuster eine adäquate deutsche Stimme in einem eleganten Stil zu verleihen. Ihr sehr schöne und übersichtlich gestaltete Homepage liefert einen guten Überblick über ihre Dienstleistungen und ihre bisherigen Arbeiten. Der dazugehörige Blog ist leider vor einigen Monaten etwas eingeschlafen. Sie ist auch als Lektorin tätig und hat z. B. das vielbeachtete In einer anderen Welt von Jo Walton in der Übersetzung von Hannes Riffel lektoriert.

Der Abtrünnige drückte sich in die Schatten des Felsens und betete, ohne sich an eine bestimmte Gottheit zu wenden, dass die Kreaturen, die unter ihm auf Maultieren durch den Pass ritten, nicht aufsehen würden. Seine Hände schmerzten, seine Bein- und Rückenmuskeln zitterten vor Erschöpfung. Im kalten, staubgeschwängerten Wind flatterte der dünne Stoff seiner Zeremonienroben. Er riskierte einen Blick hinab auf den Pfad.

(Erster Absatz aus Das Drachenschwert von Daniel Hannover).

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Jochen Schwarzer – Ohne Jochen Schwarzer würde es diesen Blog vermutlich nicht geben. Denn Translate or Die ging am 12. November 2011 mit dem Eintrag Wie ich Literaturübersetzer werde oder grandios scheitere online. Am selben Tag hatte ich zuvor ein Berufseinsteigerseminar für Literaturübersetzer am Literarischen Collouqium Berlin besucht, das von Jochen Schwarzer geleitet wurde. Wir stellten fest, dass wir mit Frank Böhmert einen gemeinsamen Freund haben, und der brachte Jochen dann auch einige Monate später erstmals mit zu unserem SF-Stammtisch. Seitdem stehen wir in Kontakt, und erst letzten Mittwoch haben wir uns in Berlin wieder zum Stammtisch getroffen.

Seine Übersetzungen von Patrick Rothfuss kenne ich nicht, da ich die englischen Ausgaben schon lange vor Erscheinen der deutschen Fassungen gelesen habe. Was ich von ihm aber gelesen habe (natürlich wieder, bevor ich ihn kennengelernt habe 😉 ), ist Null von Adam Fawler, Das schwarze Herz von John Conolly, Die Mission und Das Spiel des Löwen von Nelson De Mille, Duddits von Stephen King, und Die Wette von Hely und Chandrasekaran. Er ist nicht umsonst DER deutsche Rothfuss-Übersetzer und verleiht dieser anspruchsvollen, poetischen Fantasy eine literarische deutsche Stimme. Seine Homepage ist dezent und beschränkt sich auf die wichtigsten Eckpunkte seines beruflichen Schaffens. Interessant ist der Hinweis auf an ihn zurückgefallene Übersetzungsrechte an vergriffenen Büchern, die man bei ihm für Neuausgaben erwerben kann. Das habe ich sonst noch auf keiner Übersetzerseite gesehen.

Als Auri aufwachte, wusste sie, dass sie noch sieben Tage hatte.
Ja, sie war sich da ziemlich sicher. Am siebten Tag würde er sie besuchen kommen.
Eine lange Zeit. Lange, wenn man wartete. Aber gar nicht so lange bei all dem, was noch zu tun war. Nicht, wenn sie gewissenhaft zu Werke ging. Nicht, wenn sie bereit sein wollte.
Als sie die Augen aufschlug, sah Auri den Hauch eines schummrigen Lichtscheins. Das war eine Seltenheit, denn sie befand sich in Mantel, ihrem allerprivatesten Ort. Dann war es also ein weißer Tag. Ein tiefer Tag. Ein Findetag. Sie lächelte, und Aufregung perlte in ihrer Brust.

(Die ersten Sätze aus Die Musik der Stille von Patrick Rothfuss.)

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Heide Franck – kenne ich aus dem Umfeld des Golkonda Verlags und dem Berliner Übersetzerstammtisch. Bei Golkonda ist sie inzwischen für die Pressearbeit zuständig, aber auch als Übersetzerin tätig. Ihre Übersetzung von Ein feiner dunkler Riss von Joe R. Lansdale hat mich schwer beeindruckt. Mit ihrer präzisen Übersetzung des im Stil einer plaudernden Jugenderinnerung gehaltenen Textes gelingt es ihr hervorragend, die schwüle Südstaatenatmosphäre dieses Coming-of-Age-Romans in den von Rassismus geprägten 50er Jahren der USA herüberzubringen.

Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin gilt Heide auch als unfehlbare Korrekturleserin, der kein Fehler entgeht. Ihre Homepage ist ähnlich schlicht und professionell gehalten, wie die von Jochen.

Mein Name ist Stanley Mitchel Junior, und ich schreibe hier auf, woran ich mich erinnere.
Die ganze Geschichte hat sich in einer Stadt namens Dewmont zugetragen. Es ist eine wahre Geschichte, die sich innerhalb einer kurzen Zeitspanne abspielte, und ich habe sie selbst erlebt.
Dewmont wurde nach einem der ersten Siedler benannt, der Hamm Dewmont hieß. Viel mehr weiß man nicht von ihm. Er ist hier aufgetaucht, hat dem Ort seinen Namen gegeben und ist dann spurlos verschwunden.
In den ersten Jahren war Dewmont eine trostlose Ansammlung von Holzhütten, die sich am Ufer des Sabine River im tiefsten Herzen von Texas festgesetzt hatten – eine Gegend voll weißem Sand und rotem Lehm, gewaltigen Kiefern und schlangenverseuchten Sümpfen.

(Die ersten Sätze aus Ein feiner dunkler Riss von Joe R. Landsale)

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Nachtrag:

molosovsky – Fast hätte ich molo vergessen, der den ersten Kurzgeschichtenband mit stilistisch sehr unterschiedlichen und sprachlich teils komplizierten Geschichten so wunderbar ins Deutsche übertragen hat. Molo ist der Einzige in dieser Liste, der nicht hauptberuflich als Übersetzer tätig ist. Er macht es aus reinem Spaß an der Sprache. Aktuell lektoriert er die eine Delany-Übersetzung. Auf seinem Blog ist leider etwas ruhiger geworden, dafür ist er fleißig auf Twitter unterwegs. Ich kenne ihn aus verschiedenen Internetforen und habe ihn, wie alle hier in dieser Liste, inzwischen zu mehreren Anlässen schon persönlich getroffen.

Läge der Turm der Länge nach auf der Ebene von Shinar, würde man zu Fuß von einem Ende zum anderen zwei Tagesreisen benötigen. Doch da der Turm aufrecht steht, dauert es einen ganzen Monat, um von seinem Sockel bis zur Spitze emporzusteigen – wenn man denn nichts tragen musste. Aber nur wenige Menschen besteigen den Turm mit leeren Händen; das Tempo der meisten wird von Karren mit Steinen bestimmt, die sie hinter sich herziehen. Vier Monate vergehen zwischen dem Tag, an dem die Ziegel auf die Karren verladen werden, um ein Teil des Turms zu werden.

(Erster Absatz aus Der Turmbau zu Babel von Ted Chiang)

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Literaturübersetzerinnen auf der Leipziger Buchmesse + Linktipps

Mein letzter Blogeintrag vor der Leipziger Buchmesse. Morgen geht es nach Berlin, am Donnerstag dann auf die Messe.

Dort wird es auch Veranstaltungen zum Thema Übersetzen geben. Hier geht es zum Programm des Übersetzerzentrums Leipzig 2015.

Besonders interessant finde ich den Programmpunkt:

Traumberuf Literaturübersetzer?
Podiumsgäste: Eva Bonné,
Thomas Brovot und Katrin Harlaß;
Moderation: Roland Hoffmann

Katrin Harlaß kenne ich noch vom Berliner Übersetzerstammtisch und kann bestätigen, dass sie sich in der Branche gut auskennt. Leider werde ich es nicht zu diesem am Freitag den 12.03 um 14.00 Uhr stattfindenden Veranstaltung schaffen, da ich nur den Donnerstag auf der Messe sein werde. Aber für Leute, die an dem Beruf interessiert sind, lohnt sich ein Besuch bestimmt.

Dort wird auch am 12.03 das neu erschienene Handbuch Literarisches Übersetzen vorgestellt. Was ich aber vermutlich nicht schaffen werde, da ein Freund von mir um 13.30 auf der Leseinsel Fantasy seinen ersten Fantasyroman vorstellen wird.

Am Samstag den 14 März wird es (auf der Buchmesse natürlich) eine Veranstaltung unter dem Titel 100 Jahre James Tiptree Jr. geben, an der neben der Tiptree-Biografin Julie Phillps auch die ÜbersetzerInnen Elvira Bittner und Frank Böhmert (mein Gastgeber in Berlin ab morgen) teilnehmen. Man kann also davon ausgehen, dass es auch um das Übersetzen von Tiptree gehen wird.

Translation matters: The unsung heroes of world literature – Auf der Homepage der BBC gibt es einen interessanten Artikel über Edith Grossman und die Frage, warum Literaturübersetzungen von Bedeutung sind. Es gibt anscheinend tatsächlich Menschen, die Übersetzungen als ein Vergehen an dem Originalwerk sehen. Grossman ist übrigens schon seit 1969 als Übersetzerin tätig, damals hat sie ihren ersten Asterix-Band ins Englische übersetzt.

Horcynus Orca

Aus dem aktuellen Spiegel (S. 127): »Als einen würdigen Vertreter dieser Zunft [Verleger] darf man sich den Mailänder Arnoldo Modadori vorstellen, der 1961 die Druckfahnen des Romans »I fatti della fera« seinem Autor Stefano D’Arrigo für eine vierwöchige Korrektur zustellte und sie 13 Jahre später zurückbekam.«

Da soll sich nochmal einer über George Martin beschweren. Jetzt ist auch die deutsche Übersetzung, an der Mosche Kahn 8 Jahre gesessen hat, bei Fischer erschienen. Horcynus Orca heißt das Buch hat 1472 Seiten, kostet 58 Euro und gilt als Meisterwerk. Ist mir dann aber doch zu teuer. Wem das auch zu teuer ist, der kann auch auf die deutlich günstigere E-Book-Fassung zugreifen, die kostet 57,99 Euro.

Mara Giese hat das Buch auf ihrem Blog mit dem sympathischen Namen Buzzaldrins Bücher besprochen, bzw. versucht dieses Ungetüm von einem Roman zu bezwingen. Wer unter dem Blogeintrag einen Kommentar hinterlässt, kann das Buch in einer Verlosung gewinnen. Der Übersetzer meldet sich dort übrigens auch mit einem interessanten Kommentar zu Wort.

Link zu sehr interessantem Lektorinneninterview zum Thema Übersetzungen

„Der Text gehört dem Übersetzer, und ich tue weh.“ – Auf Relue-online.de – eine Rezensionszeitschrift für Literaturübersetzungen (wusste gar nicht, dass es so etwas gibt) – gibt es ein hochinteressantes Interview mit der Lektorin Bärbel Flad, die seit vielen Jahrzehnten in der Branche tätig ist und schon Heinrich Böll seine (durchaus umstrittene) Übersetzung von J. D. Salingers Der Fänger im Roggen abgetippt hat. Neben dem Salinger habe ich unter anderem das von Fald lektorierte Unterwelt von Don DeLillo und Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel Garcia Márquez gelesen.

Flad betont, dass das Copyright der Übersetzung beim Übersetzer liegt, und er das letzte Wort hat. Sollte er zumindest haben. Oft wird das leider anders praktiziert. Wobei Flad auch ein Beispiel dafür bringt, was passieren kann, wenn der Übersetzer die Vorschläge der Lektorin komplett ignoriert.

Das Interview bietet einen sehr interessanten und unterhaltsamen Einblick in die Literaturbranche aus Lektorinnensicht. Darunter eine herrliche Anekdote, wie Flad kurz vor Weihnachten die einzige Fassung! der Druckfahnen von Die Liebe in den Zeiten der Cholera von einem Taxifahrer in die Druckerei bringen ließ, weil immer alles schnell und auf den letzten Drücker gehen muss.

Ebenfalls interessant ihre Meinung zu Neuübersetzungen von Klassikern und wie es ist, Übersetzungen aus Sprachen zu lektorieren, die man nicht kennt.

Nachtrag: Es lohnt sich auch, auf der Seite etwas zu stöbern. Da gibt es zum Beispiel auch ein Interview mit dem Neuübersetzer von Nick Hornbys Fever Pitch, darüber, warum eine Neuübersetzung sinnvoll erschien (ich liebe dieses Buch übrigens).

„In einer anderen Welt“ – Bericht vom Übersetzungsworkshop in Straelen

Disclaimer: Das Copyright sämtlicher in diesem Beitrag verwendeten Fotos liegt bei Mo Zuber

Anschlüsse sind in der Literaturübersetzung von großer Bedeutung. Wird der Anschluss zwischen zwei Sätzen verpasst, gerät der Leser ins Stolpern, der Lesefluss wird gebremst und Zeit geht verloren. Kommt dies öfters vor, könnte der Leser den Roman entnervt abbrechen.

Anschlüsse bei der Deutschen Bahn besitzen ebenfalls eine große Bedeutung, und meistens funktionieren sie nicht. Auf meinem Weg zum Übersetzungsworkshop in Straelen (wird ohne das e ausgesprochen) musste ich in Köln am Hauptbahnhof umsteigen – Zeit dafür: 8 Minuten. Verspätung meines ICE aus Montabaur: 15 Minuten.

Fuck!

Aber kein Problem, denn von Köln fahren fast alle 10 Minuten Züge, so dass ich immer noch eine Stunde zu früh in Duisburg ankam. Um 14.00 Uhr wurde unser kleines Übersetzergrüppchen (12 ÜbersetzerInnen und zwei SeminarleiterInnen) mit dem Bus abgeholt. Dann ging es über das flache Land mit seinen zahllosen Feldern vorbei an der Bofrostfabrik hinein in die winzigen, verwinkelten Straßen der kleinen Stadt am Niederrhein, mit den putzigen Backsteinhäusern und der großen Kirche, die alles überragt.

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Straelens Kirche

Nach einer herzlichen Begrüßung bekamen wir unsere Zimmer. Das Europäische Übersetzerkollegium besitzt eine Bibliothek mit 125.000 Titeln, und obwohl es aus sechs miteinander verbundenen Häusern besteht, mangelt es an Platz, so dass die Bücher auch auf den Gästezimmern gelagert werden, was für zusätzliche Atmosphäre sorgt. Mich hat es zur deutschen Literatur mit dem Buchstaben B wie Benn, Brecht und Bernhard verschlagen. Zum Glück kam keiner der im Haus residierenden Übersetzer auf die Idee, mitten in der Nacht etwas in einem dieser Bücher nachschlagen zu müssen.

Nach der allgemeinen Begrüßung um 15.30 ging es um 16.00 Uhr bereits mit dem ersten Text los. Jeder der zwölf Teilnehmerinnen hatte eine Übersetzungsprobe von ca. 6 Seiten plus Originaltext eingereicht. Für jeden Text gab es dann 90 Minuten Zeit, um ihn in der großen Runde zu besprechen.

Das Europäische Übersetzerkollegium in Straelen

Das Europäische Übersetzerkollegium in Straelen

Den Anfang macht direkt ein echter Brocken. »Toll the Hounds« von Steven Erickson in der Übersetzung von Tim Straetman alias Gerd Rottenecker. Über dessen Teilnahme habe ich mich besonders gefreut, nicht nur, weil mir miteinander befreundet sind, und ich Erikson total gerne lese, sondern auch, weil mit ihm ein alter Hase am Seminar teilnahm, der einen wahren Schatz an Erfahrung mitbrachte.

»Toll the Hounds« ist der achte Band der zehnbändigen Fantasyreihe »Das Spiel der Götter«, von der jeder Band um die 1.000 Seiten hat. Gerd übersetzt schon seit Jahren daran und hat sich damit wohl die schwierigste Übersetzungsaufgabe in der Fantasy überhaupt ausgesucht. Die Bücher sind nicht nur sehr dick, sondern extrem komplex, mit einem längeren Personenregister als »Game of Thrones«, unzähligen Handlungssträngen und einer anspruchsvollen Sprache, deren sprechenden Namen teilweise unübersetzbar sind (siehe Whiskeyjack). Es kann passieren, dass man in Band 2 einen Begriff übersetzt, mit dem man zunächst nicht viel anfangen kann, der in Band 7 aber plötzlich auf eine Weise wichtig wird, der die Übersetzung aus Band 2 aber nicht gerecht wird.

Für Gerd ist die Übersetzung von Erikson sozusagen ein Lebenswerk und man kann die Arbeit und das Können, die er in sie investiert nicht hoch genug schätzen. Würde er damit aufhören, es gäbe niemanden, der diese Übersetzungsarbeit adäquat fortsetzen könnte. Und das Traurige ist, für eine solch aufwendige und hochkomplexe Übersetzung wird man nicht besser bezahlt, als für eine 08/15-Fast-Food-Literaturübersetzung.

Bei dem Seminartext dieses erfahrenen Übersetzers ging es vor allem um kleinere sprachliche Probleme. Zum Beispiel der Frage, ob eine Kutsche Federn hat, die mit einem dröhnenden Aufprall aufeinander knallen können. Oder ob es »wirre Wogen« geben kann, ob man nicht lieber »wilde Wogen« daraus macht (es ging übrigens nicht um Wasser, sondern ein Meer aus Untoten). Ob man aus »hauptsächliche Aufgabe« besser »vordringlichste Aufgabe« macht. Das Wort »Szene« (»Plötzlich verschwamm die Szene«) warf die Frage auf, ob man »Scene« so wörtlich übersetzen könne (nicht nur in diesem Text, sondern allgemein).

Aufgrund der teils strapaziösen Anreise und der Komplexität des Textes haben wir gerade mal die Hälfte der Textprobe geschafft, was aber auch nicht schlimm war. Denn es ging nicht darum, den konkret vorliegenden Text zu verbessern, sondern ganz allgemein auf Übersetzungsprobleme hinzuweisen und für Lösungsalternativen zu sorgen.

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Der mit Glas überdachte Innenhof wird als Biblothek genutzt

Um 18.30 Uhr ging es dann zum Abendessen. An dieser Stelle muss ich dem Europäischen Übersetzerkollegium ein großes Lob für die Verpflegung aussprechen. Es gab jeden Tag Frühstück, kaltes Büffet zum Mittagessen und eine warme Mahlzeit zum Abendessen. Dazu eine Getränkeversorgung rund um die Uhr. Wobei die Übersetzer der hohen Literatur ausschließlich von Wasser und Wein zu leben scheinen. Für uns gab es abends immer reichlich Wein, was dazu führte, dass wir jeden Abend noch ein Stückchen länger zusammensaßen. Am letzten Abend bin ich erst um 3.30 Uhr ins Bett gegangen.

Am zweiten Seminartag gab es dann das volle Programm. Direkt um 9.00 Uhr ging es mit dem ersten Text los, insgesamt waren es drei an diesem Tag und um 16.00 gab es dann einen Vortrag einer Lektorin/Redakteurin des Lyx Verlags. Der war hochinteressant und besaß überraschend viel Selbstironie und Offenheit bezüglich des Verlagsprogramms und der Abläufe bei der Buchproduktion. Mitunter war er aber auch sehr ernüchternd.

Freitag und Samstag gab es ebenfalls das volle Programm mit teilweise bis zu vier Texten pro Tag. Ich werde hier jetzt nicht jede Übersetzung einzeln durchgehen und auch nicht die Namen der ÜbersetzerInnen und der Bücher nennen, sondern nur allgemein über die Arbeit des Übersetzungsworkshops berichten. Zu meinem eigenen Text wird es noch einen gesonderten Eintrag geben.

Die Bandbreite an phantastischen Texten war groß. Die die Seminarleitung hat sie grob (der besseren Übersicht halber) in folgende (Sub-) Genre eingeteilt: Urban Fantasy, klassischer Horror, moderne Science Fiction, literarisches Märchen, magischer Realismus, epische Fantasy, klassische Science-Fiction (das ist mein Text), Fantasy-Jugendbuch, moderne Phantastik und Jugendbuch-Dystopie.

Nicht alle der eingereichten Texte haben schon einen Verlag, aber die meisten. Es ist durchaus üblich, dass man sich als Teilnehmer auch mit einem Text bewerben kann, für den man (noch) keinen Auftrag hat.

Where the magic happens ...

Where the magic happens …

Die Bandbreite an Genres führte auch zu einer Fülle an unterschiedlichen Übersetzungsproblemen bzw. Fragestellungen. Gemein war aber allen Texten die Arbeit an der Sprache.

Hier mal ein paar Beispiele:

In einer der Fantasyübersetzungen geht es nicht nur um Drachen, sondern auch um Phönixe. Also den Feuervogel, der sich aus seiner eigenen Asche erhebt. In diesem Fall geht es um ein ganzes Volk von Gestaltwandlern, die sich eben in Phönixe verwandeln können. Phönix hört sich im Plural schon blöd an. Aber was macht man bei der Unterscheidung zwischen männlich und weiblich? Eine elegante Lösung konnte während des Seminars nicht gefunden werden. (Pip darf nicht sterben!!!)

Ein Jugendbuch, das von einer Computerspielautorin im Stil eines Computerspiels geschrieben wurde, sorgte für besondere Schwierigkeiten. Die Hauptfiguren werden wie Computerspielcharaktere beschrieben und haben sogar jeweilige Eigenschaftsklassen, nach denen sie auch benannt werden. Da gibt es z. B. Weeper oder Rager. Wie macht man daraus vernünftige deutsche Namen, die sich für die jugendliche Zielgruppe nicht völlig uncool anhören?

Ein echter Brocken für die Übersetzerin ist ein amerikanischer Hard-SF-Roman, der sowohl sprachlich anspruchsvoll geschrieben ist, als auch unzählige Fachausdrücke und Abwandlungen von selbigen enthält. Da gibt es z. b. Menschen, die sich mit wissenschaftlichen (teils operativen) Methoden optimieren lassen, um bessere (intellektuelle) Leistungen erzielen zu können. Die Menschen, die das nicht machen lassen, werden als »baselines« bezeichnet. Eine direkte Übersetzung gibt es dafür nicht. In der Medizin ist die Baseline der Stand vor Behandlungsbeginn bzw. der Ausgangspunkt vor Beginn des Experiments. Was macht man daraus? Normalo passt nicht, weil die Optimierten inzwischen der Normalfall sind.

Ansonsten ging es vor allem um stilistische Fragen. Gibt es nicht ein passenderes Wort? Sollte man die Satzstellung umbauen? Geht das nicht flüssiger? Stimmen hier die Bezüge? Usw.
Dazu natürlich auch die Frage, ob das Wort hier auch richtig übersetzt wurde. Ich hatte z.B. vision als Vision übersetzt, obwohl es um die Anfangsszene eines Films ging. Da bin ich zu schnell durch den Text durch und habe mich von einem falschen Freund täuschen lassen, ohne darüber nachzudenken, dass der Satz mit der deutschen Vision überhaupt keinen Sinn ergibt.

Das Seminar hat bei mir vor allem den Blick für Details geschärft. Dafür, dass sich der Text in der deutschen Fassung flüssig lesen muss, so als hätte ihn ein deutscher Autor auf Deutsch verfasst.

Insgesamt waren es tolle fünf Tage. Nachdem ich fast den ganzen Sommer in meinem Sozialpädagogenberuf durchgearbeitet und daneben noch TV-Dokus übersetzt habe, war dieses Seminar wie ein Urlaub in einer anderen Welt. Neben der konkreten Arbeit an den Texten ging es vor allem um die Kontakte und zahlreichen tollen Gespräche mit den anderen ÜbersetzerInnen. Das war eine tolle Truppe, die für eine tolle Arbeitsatmosphäre gesorgt hat und stets konstruktiv bei der Sache war. Es waren ohne Ausnahme nur nette Menschen dabei, dazu die dichte Atmosphäre des ehrwürdigen Kollegiums – besser kann ein Übersetzungsworkshop gar nicht ablaufen.

Im nächsten Teil geht es dann um die konkrete Arbeit an meiner Übersetzung.

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P.S. auch auf der Rückfahrt passte es nicht mit den Anschlüssen. In Köln kam ich aus Duisburg wenige Minuten zu spät an; der ICE nach Montabaur war weg, der nächste würde erst in 2 Stunden fahren. Als blieb ich in der regionalen Bimmelbahn sitzen und fuhr bis Koblenz weiter, wo ich dann abgeholt werden konnte. Also, auch wenn es nicht so läuft wie geplant, findet sich meistens doch eine Lösung.

P.P.S. Gesponsert wurde der Workshop übrigens vom Deutschen Übersetzerfonds, der sämtliche Kosten übernommen hat.